März 15th, 2007

MIKE WATT (#71, 08-1998)

Posted in interview by sebastian

A PUNKROCK OPERA – In der Hauptrolle: MIKE WATT als FIDEL CASTRO

Am 10. April des Jahres 1998 fuhr Watt von seiner Heimatstadt Pedro hinauf nach Hamburg, wo er seine Punkrock-Oper ‚Contemplating The Engine-Room‘ aufführte. Eine Oper über drei Männer in einem Boot, wie der Komponist und Solo-Bariton, unter anderem bekannt geworden durch seine Mitarbeit bei Ensembles wie den MINUTEMEN oder fIREHOSE, unserem Korrespondenten auf einer seitens Watts spontan anberaumten – wenn-gleich unsererseits monatelang geplanten – Presse-konferenz erläuterte.

Darüberhinaus äusserte er sich anerkennend über Grössen des Jazz und einige Kollegen, abschätzig über Grössen der Politik, nachdenklich über untergegangene politische Projekte und gerührt über seinen alten Kumpel D. Boon, was unser Korrespondent irgendwie erwartet hatte, jedoch nicht verhindern konnte.

Nicht verhindert werden konnte auch der Besuch unseres Korrepondenten (samt Fotograf) ebenjener Oper, der eine Zeitlang nichtsdestotrotz in Frage gestellt schien, da dem zwielichtig wirkenden, vom Konzern offensichtlich mitgeschickten Reisebegleiter der Musikerschar offenbar keine Anweisungen bezüglich etwaiger Pressekarten vorlagen, worauf er sich genötigt sah, diesbezüglich in Passivität zu verharren. So war es eine glückliche Fügung, dass der Maestro höchstselbst unsere Mitarbeiter in den Konzertraum schleuste.

Im Folgenden geben wir Auszüge aus erwähntem Gespräch wieder, welches aus Demonstrations-zwecken im Reisegefährt des Ensembles stattfand. Wie Herr Watt erläuterte, führe er nämliches Gefährt, einen sogenannten Van, nämlich höchstpersönlich. Liesse man schliesslich immer andere Leute für die eigenen Belange sorgen, „was würde denn dann aus einem werden?!“

***

HERE, IN MY VAN

Im Van zeigt er seine Hände, mit der Hornhaut an den Fingerkuppen von den Bass-Saiten, und der Hornhaut an den Ballen – vom Lenkrad. Im Programm der ‚Fabrik‘ blätternd, wo derzeit ein Jazz-Festival unter anderem mit Pharaoh Sanders stattfindet, der wiederum mal bei John Coltrane mitspielte, eröffnet er wortreich die Unterredung, die, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ersteinmal eine Aneinanderreihung von Monologen ist, die erst später vorsichtig in andere Bahnen und damit in so etwas wie ein klassisches Gespräch gelenkt werden können. (Meine Güte, kann der Mensch reden……)

Also: Wie ist es denn nun bei Columbia/Sony?

Mike: Okay, eine gute Frage mit dem grossen Label, denn viele Leute denken, ich sei jetzt sehr kommerziell (lacht)… Im Grunde tue ich das gleiche, was ich bei ssT gemacht habe. Ich gebe ihnen fertige Mastertapes, ich mache keine Demos, ich mache keine Toursupports. Ich lebe von meinen Touren. Ich mache Platten um die Touren zu promoten, ich toure nicht, um Platten zu promoten. Das ist die Realität. Das ist, wo ich herkomme. Sie haben mich gerade für zwei weitere Platten gesignt.

Das bedeutet aber natürlich nicht, dass der Mann es sich leicht macht, oder dass es ihm leicht gemacht würde. Beim langen Marsch durch die Institutionen, die in diesem Fall die langen und teppichbewehrten Korridore der grossen Unterhaltungsindustrie sind, brauchst du …

Mike: …Leidenschaft. Wenn du die Leidenschaft verlierst, solltest du aufgeben, sonst macht es dich zu einem, wie (Ed) Crawford es nannte, ‚Showroom-Dummy‘ (so in etwa eine Schaufensterpuppe, d.ü.). Das passiert in jeder Art von Job, als Stahlarbeiter, Postbote, Typ in einer Band, eine verdammte Menge Showroom-Dummies.

Vielleicht ist es aber eher einer der netteren Jobs, der mit der Musik.

Mike: Es kann dich depressiv machen. Wendy O. Williams hat sich erschossen. In der ersten Aprilwoche sind neun Leute aus der Musik gestorben. Rozz von Christian Death hat sich erhängt, einer der Milli Vanillis überdosierte, Tammy Wynettes Herz versagte, Tim Yohannan vom Maximum Rock’n’Roll, ein Freund von mir… der Krebs tötete ihn, der Trommler von James Taylor starb an einer Herzattacke…

Tja, die Besten erwischt es eben immer zuerst. Wendy O. Williams! Ikone meiner Kindheit… Kann denn das wahr sein? Ein hartes Geschäft eben, und keiner weiss, wie lange du dich oben halten kannst, wenn du es einmal geschafft hast…

Mike: Ich erinnere mich, dass mein Produktmanager auf eine Platinscheibe von Loverboy an der Wand zeigte und sagte: ‚Das hat zwei Jahre lang gehalten‘. Ich mache das jetzt seit 18 Jahren. Ich bin nicht erst seit zwei Jahren dabei, verstehst du?! Diese Opera hier ist meine 23. Platte. Erst die 6. für Mister Sony, aber… (…) Es ist Arbeit. Nur eine andere Art von Arbeit. Es gibt nicht viel Sicherheit in diesem Geschäft.

Loverboy- nur zwei Jahre, Jesus Christus. Man sollte denken, mit all diesen Plattenverkäufen, dass sie fett leben. Ich hörte, dass der Sänger ein Baby mit irgendeiner Rocknroll-Lady bekam, und das Kind ist sechs und kann nicht sprechen. Sie haben ihm nie zu sprechen beigebracht. (…) Es ist wie der Adel, Könige und Königinnen. Haben diese Leute keinen Kontakt mit der wirklichen Welt, frage ich mich.

***

VäTER UND SöHNE

In einem Gespräch mit Mike Watt nimmt die Vergangenheit anscheinend stets grossen Raum ein.

Mike: Wenn du verrückte Musik machen willst, wilde Musik, dann musst du ökonomisch denken, bodenständig leben (lacht). Das ist okay. Ich bin sowieso so aufgezogen worden. Ich komme aus einem Regierungshaushalt (I come from a governmenthouse). Mein Vater war Seemann (Sailor). Also lebte ich in Militärbasen. Ich dachte Zivilisten seien alles Millionäre. Ich war ‚way out of touch‘. Eine seltsame Art aufzuwachsen. Aber es half mir, nie ein Teil davon sein zu wollen. Ich hatte nie den Traum, ein Seemann zu sein, oder ein Soldat. (Er erhebt seine Stimme:) Obwohl ich auf eine Art ein Seemann bin.

(Tja, der wiegende Gang, der Bart, die fleckige, derbe Jacke…)

Mike: Mein Vater erzählte es mir am Ende – er arbeitete in ’nuclear-engine-rooms‘, und der Krebs tötete ihn – während er starb vor, sechs Jahren… Er wusste, dass die Musik mein Ding mit D. Boon war, aber er wusste nicht, dass ich davon lebte. Ich habe einen College-Abschluss, aber ich habe ihn nie benutzt. ‚I majored in Punkrock‘. Gigs, Touren. Und D. Boon stirbt, und ich tue es immer noch. Er verstand das nicht. Er zog sich nach Fresno zurück. Das ist in der Mitte von Cali, und ich lebe im Hafen von Los Angeles.

Ich fing also an, ihnen Postkarten zu schicken von meinen Touren. Und gegen Ende, als er wusste, dass er krank war und sterben würde, sagte er: ‚Weisst du, Junge, du bist wie ein Seemann‘. Vielleicht kein Kämpfer, aber er war auch kein Kämpfer. Er war unten im Maschinenraum. Er brachte das Boot nah genug heran, dass die Offiziere die Vietnamesen bombardieren konnten. Abstossend. Schrecklich. Aber die Leute daheim zahlen Steuern und helfen, das zu bezahlen…

Ich denke, jeder war irgendwie damit verbunden (connected). Abgesehen von den Typen, die tatsächlich die Bomben abgeworfen haben. Der moderne Krieg ist zu kompliziert. Es können nicht nur die Typen sein, die das Töten besorgen. Sie werden unterstützt von einem grossen System.

Natürlich, die Heimatfront und all das. Die Leute, die die Waffen bauen, und so weiter…

Mike: Genau, neue Waffen… Sie sorgen für die Nahrung…. (…) Jeder ist schuldhaft, jeder ist verantwortlich. Ich meine, die SchuldSache… Weisst du, meine Mutter ist Italienerin, also wurde ich katholisch erzogen und weiss deshalb alles über das Schuld-Ding. Ich denke, du wirst nach deinen eigenen Handlungen beurteilt.

Auf lange Sicht. Aber es ist wichtig, die Geschichte zu kennen, und was die grössere Gruppe, deine Nachbarschaft tut. Und du kannst natürlich nicht alle Schuld auf dich nehmen, aber wenn du den Scheiss nicht weisst, dann endest du vielleicht damit, ihn zu machen…. Weisst du, ich nahm meine Typen mit nach Dachau bei München, weil wir immer an Indianerreservaten vorbeifahren, die wie ich finde, auf eine Art härter als Dachau sind.

Denn in Dachau gibt es nichts als Geister. In den Reservaten leben immer noch Menschen, verstehst du? Da gibt es vielleicht auch Geister, aber es geht immer noch weiter, wo Dachau wenigstens einige Jahre her ist. Es ist dennoch wichtig, diese Sachen zu sehen, denn ich glaube, dass so etwas, was in Jugoslawien passiert, in L.A. so leicht passieren könnte.

So leicht. Jetzt gibt es das, was man ‚Gated communities‘ nennt. Wo Menschen innerhalb von Mauern leben, Sicherheitswachen. In der Stadt! Reiche Leute haben das immer getan, aber es bewegt sich nach unten in die Mittelklasse. Mittelklasse-Nachbarschaften mauern sich ab vom Rest der Stadt. Ist das nicht gut? Bosnien, Serbien, Kroatien…

Aber da geht es nicht um eine Abgrenzung zwischen reich und arm, sondern um einen Nationalismus.

Mike: Es ist eine rassistische Sache. Leute werden sich wegen allem möglichen hassen. Sprache, Religion, Hautfarbe, Geld, oder Musik.

Es reicht schon der Personalausweis oder der Pass.

Mike: Bei den amerikanischen Truppen in Deutschland wurden die Kämpfe der weissen und schwarzen Truppen wegen der Musik so schlimm, dass es ihnen nicht erlaubt war, zu den gleichen Parties zu gehen, zu Tanzveranstaltungen. Sie kämpften wegen der verdammten Musik. Ich meine, Menschen sind so. Je näher sie einander sind, desto grösser werden die kleinen Unterschiede.

Sie sind nur Entschuldigungen. (Aber wofür, fragt sich d.ü.) Und es gibt immer Bosse an der Spitze, und die wollen das Land. (…) Also manipulieren sie die Gefühle der Leute, machen ihnen Angst. (…) Wenn das Blut von Menschen kocht, dann denken sie nicht über diese Scheisse nach… Pässe, ja…

Du wirst irgendwo geboren und machst die Augen auf und sie sagen dir das Land. Niemand sucht es sich aus. Es sei denn du bist ein Flüchtling, oder ein Immigrant. Dann wählst du auf eine Art, und dann erfährst du die ganze Hölle des neuen Landes. Wenigstens ist das in meinem Land so.

Der letzte Typ der ankommt, wird die Hölle kriegen von dem Typen der gerade vorher rübergekommen ist, denn der kriegt Hölle von dem Typen, der vor ihm kam – und das hat eine lange Tradition – bis du endlich zu einem Amerikaner wirst. Und dann machst du dich über den nächsten Mutterficker lustig, der kommt. Es ist so pathetisch.

***

AND NOW FOR SOMETHING COMPLETELY DIFFERENT…

Neben dem ständigen Rekurrieren auf die Vergangenheit zeichnet sich die Rede eines Mr. Watt überdies durch recht unvermittelt wirkende Themenwechsel aus, weshalb auch, ihr habt das möglicherweise schon festgestellt, dieser Text nicht sonderlich kohärent geraten ist. So liess er sich im Anschluss an Einlassungen zu amerikanischer Kultur ersteinmal über Wittgenstein und dessen überlegungen über die Macht von Worten aus:

Mike: Thomas Moore sagte zu Wittgenstein: ‚Ich weiss, dass das ein Baum ist. Spiel keine Spiele‘. Und Wittgenstein sagte: ‚Nein, du kannst das nicht wissen. Du gabst einer Idee eine abstraktes Wort, ein abstraktes Etikett, das nur in der Abstraktion real ist. Du kannst nur glauben, dass das ein Baum ist.

Du kannst nicht wissen, dass das ein Baum ist‘. Du kannst fast gar nichts mehr wissen. ‚Eurasia ist unser Freund, Oceania ist unser Feind‘ – Das ‚1984-Spiel‘. Das war überspitzt und ein wenig übertrieben, so dass es albern wirkte. (d.ü.: Jemand, dessen Namen ich nicht verstand) …schickte mir ein Buch namens ‚The Commissar Vanishes‘ (das heisst in etwa: ‚Der Kommissar verschwindet‘, d.ü.) über Kunst in der Sowjetunion. über die Leute, die einfach aus Bildern verschwanden und dann unter Chruschtschow zurückkamen, je nach dem Regime. Es ist erstaunlich, denn das Zeug ist nicht so gut. Du kannst sehen, wo sie etwas herausgeschnitten haben.

Die Theorie des Autors ist, dass das Absicht ist. Nicht um zu sagen, dass dieser Mensch nie existiert hat, sondern, dass er Mist gebaut hat. Und auf eine sublime Weise sehe ich hier die gleiche Sache. Oh sicher, sie erschaffen Disneyland und all das. Aber auf eine Art gibt es da eine brutale Mahnung, dass wenn du Mist baust, das Spiel nicht spielst…

Aber das ist nicht zynisch, das ist keine negative Sache. Schau Dir die Natur an. Wenn du eine gute Ernte haben willst, benutzt du viel Dünger. Also sage ich nur: ‚Keep it comin‘, motherfuckers‘, denn sie säen ihre eigene Saat. Sie richten sich selbst zugrunde. (…) So wie der Körper Antibiotika herstellt, (…) passiert das hier auch. Auf eine Art ist das ganz gut. Wie im Osten. Sie kontrollierten das Fernsehen vierzig oder fünfzig Jahre lang, und es hat nicht funktioniert. Die Leute sagen: Es ist zu spät, alle sind hirngewaschen! Nicht wirklich, denn es ist der Dünger, um die neue Ernte zu züchten. Dafür sind Musik und die Künste da. Schreiben und Malen…

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PETER PAN

Aber all diese Theorien etwelcher Wittgensteins über die angebliche Unzulänglichkeit von Sprache, die wiederum ihrerseits nicht ohne dieses Mittel der Sprache auskommen können, sollen uns hier nicht weiter beschäftigen. Das ist eher etwas für Philosophen, und unter denen vor allem für die postmodernen, die uns wiederum nicht nur hier nicht weiter interessieren sollten. Folgen wir lieber ein bisschen weiteren Gedankensprüngen, die noch dadurch verstärkt werden, dass ich einige Passagen frecherdings auslasse. Hättet ihr gedacht, dass sich ein Mittvierziger mit Vollbart und Bass mit einer im herkömmlichen Verständnis eher ätherischen Figur vergleicht? Nämlich mit: PETER PAN…

Mike: „Auf eine Art bin ich ein Peter Pan… Ich bin nie erwachsen geworden. Ich fahr mit meinen Typen herum und spiele Musik. Das ist kein Weg, eine Familie aufzubauen, weshalb ich auch nie eine hatte. Ich bin ein Peter Pan… Wie auch immer, Meine Kids sind die Kids auf den Shows (lacht) so sehe ich das … Aber um von Jedermann zu sprechen… Jedermann fährt nicht mit dem Van. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die ganze Welt in einem Van fährt (lacht). Naja vielleicht wird eines Tages die eine Hälfte für die andere Hälfte spielen (lacht).

Und was macht die andere Hälfte den Rest des Tages?

Mike: „Vielleicht sind sie Off-Tour. Und wenn du Off-Tour bist, schaust du ihnen beim Spielen zu.“ (allgemeine Heiterkeit)

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BLUE OYSTER CULT (THE KIDS) AGAINST THE SEVENTIES

Mike: „Ich war ein Typ, der auf Arena-Rock stand in den Siebzigern. Ich ging zu Rock’n’Roll-Konzerten. Wir kopierten anderer Leute Platten…“

Blue Oyster Cult, beispielsweise…

Mike: „Das (‚The red & the black‘) werden wir heute Abend spielen… Ich spiele den Song jetzt seit 27 Jahren. ‚It is my link‘. Aber dann kamen die Punkrocker, und sie wussten nichtmal, wie man spielt, und sie schrieben ihre eigenen Songs. Und das war ein Fanal für mich. Ich dachte: ‚Was zur Hölle tue ich? – Ich kopiere!‘ Ich versuchte es, und ich habe nie zurückgeschaut. Es hat mich für immer verändert.

Ich habe meinen besten Freund verloren, mit dem ich angefangen habe, Musik zu machen. Alle mögliche Scheisse ist mir passiert, Mr. Sony… Ich mache einfach weiter. Und diese seltsam aussehenden Leute in Hollywood gaben mir genug Courage, ich selbst zu sein, was immer das ist. Das ist die verrückte Sache mit Bewegungen.

Ich weiss nicht, wie sie wirklich passieren. Wir nahmen keine Befehle von Greg Ginn entgegen, oder von Bob Mould, aber es war verrückt, wie wir alle in einem Boot waren und durch das Meer des kommerziellen was auch immer, Boston, Foreigner, Journey (erg.: segelten)… Und es ist wichtig, das Boot am Laufen zu halten. Deshalb habe ich für die Oper ein kleines Lied gemacht für diese Leute (und meint ‚Topsiders‘, den Songs auf ‚Contemplating The Engine-Room, in dem Watt das ganze ssT-Personal inklusive Raymond Pettibon namentlich Revue passieren lässt, d.ü.). Ich spiele das wirklich gern. Als könnte ich sagen: Yeah, endlich habe ich die Courage. Deshalb bin ich hier und tue was ich tue, wegen dieser Tage. Nicht das ich die guten alten Zeiten zurückholen will. Das geht nicht. Es waren auch nicht alles gute alte Zeiten. In mancher Hinsicht ist es jetzt besser. Die Indie-Szene ist jetzt stärker.“

(Das scheint so eine fixe Idee von ihm zu sein, die dann ganz am Ende unseres Plauschs noch einmal hochkommt, und zwar als eigentlich der Schlusspunkt eher ein wenig optimistischer ist, da kommt es noch einmal trotzig: Ein Hoch der Indie-Szene!).

Meinst du in wirtschaftlicher Hinsicht?

Mike: „Auch politisch. In jenen Zeiten kontrollierten viele Rock’n’Roll-Distributors die Labels. Ich denke, Labels wie ‚Kill Rock Stars‘, ‚Dischord‘, ‚Merge‘ sind sehr starke Independent-Labels. Sogar Steve Shelley, der Trommler von Sonic Youth, hat ein Label. Sehr stark… Die Independent-Presse… Sie hatten grossen Einfluss. Die grossen Typen kopierten die kleinen Typen in grossem Stil.“

Aber welchen Effekt hat das? Dass mehr Leute das, was sie wollen, so machen können, wie sie es wollen? Musik zu spielen, die kein Mainstream oder Radioscheiss ist? Oder ist es nur, dass ein Kreis von Leuten aus dem Untergrund jetzt mehr Geld mit der gleichen Sache verdient?

Mike: „Vielleicht ist es beides gleichzeitig. Ja, mehr Leute können verrückte Musik machen, während andere Leute sich immer im Kreis bewegen, wie es möglicherweise immer gewesen ist. Aber aufgrund von Technologie und ökonomie ist mehr möglich. Davor war es schwer für ‚little guys‘, sich damit zu messen.

Aber jetzt, wo die Maschinen billiger sind, haben wir andere Wege zu kommunizieren, der Kram wird übers Netz verkauft, und du musst dich nicht um Ladenketten kümmern und kannst es wirklich in die Hand nehmen. Was das bedeuten wird, ist mehr Verantwortung für den Künstler, für den Independent-Label-Typen. Jetzt kann er keine anderen Leute mehr verantwortlich machen. (…) … Da ist Moss…

Wer?

Mike: „Steve Moss. Er spielt in Joe Baizas Band. Wir werden alle zusammen den Blue Oyster Cult-Song spielen. ‚The red and the black‘, alle zusammen. ‚The link‘. Die Typen sind aufgewachsen, ohne das je zu hören. Wir kommen alle aus verschiedenen Szenen. Sie kommen von der Fusion-Musik oder so. Viele Noten,…

Naja, das ist schon in Ordnung. Ich habe die Highschool 1976 abgeschlossen, und Fusion war damals die grosse Musik, und Punk bedeutete für mich (exklamiert:) Freiheit und so (lacht). Du brauchtest nicht all diese Noten um einen guten Song zu schreiben. Er kann eine Note haben. Das zeigten mir die Punker. Du musstest nicht mal wirklich spielen können. Das war keine grosse Sache. Wichtiger war die Persönlichkeit, das Herz, Gefühl, wie beim Blues.“

Viele Leute auf ssT gingen später in Richtung Jazz, progressives Zeug aller Art. Nicht wenige endeten in standardisierten Crossover-Klischees…

Mike: „Soundgarden.“

Die Bad Brains…

Mike: „Aber sie waren einmal eine tolle Band! Jesus! H.R. war der grossartigste Performer, den ich in meinem Leben gesehen habe. Aber weisst du, Rimbaud hörte mit 19 Jahren auf zu schreiben und transportierte Gewehre für die Franzosen. Es ist verrückt bei Künstlern: Manche sind nicht fürs ganze Leben Künstler. Manchmal ist es nur eine kleine Periode. Es ist eine erstaunliche Sache, man denkt der Verstand eines Künstlers wird immer der eines Künstlers sein, und kein kommerzielles Ding oder Waffenhändler…

Der Typ schrieb schöne Poesie, und er hatte ein Vokabular indem alle Vokale Farben hatten und so, unglaublich! Und dann fuck this: Er brachte Waffen nach Abessinien. Yeah! Und das ist mehr als 150 Jahre her. Wir schauen weiter und weiter zurück und finden die gleichen Geschichten immer wieder. Kunst gegen Kommerz. Zurück zu meinen Typen… Manche taten es, gingen zu eher normalen Crossoverbands. Manche taten es, und manche…

Dez Cadena spielt den selben alten Kram, den er bei D.C. 3 gemacht hat. Die Band heisst ‚Vida‘, aber es ist das gleiche Ding. Er spielt genau die gleiche Musik. Und manchmal denkt man: Warum entwickelt er sich nicht ein wenig. Es ist seltsam. Es gibt keine einfache Antwort. Die Meat Puppets waren die letzten, und die spielen nicht mehr. Das ist traurig, ein harter Break.“

(Echte Rührung schwingt wieder mal in der Stimme des alten Seemannes mit)

George Hurley spielt jetzt bei Red Crayola, hörte ich.

Mike: „Ja, er spielt bei drei Bands. Er ist in Vida und in einer Band namens The Farmers und einer namens Monster Maggott, nicht Magnet, Maggott. Aber hauptsächlich macht er ‚construction'(?). Er heiratet in ein paar Wochen. Ich werde nächsten Monat mit ihm aufnehmen, wenn ich heimkomme. Für ‚Hempilation #2‘.“

Hempilation???

Mike: „Ja, der Typ von ‚High Times‘ fragte mich (der ist wohl ein alter Kumpel, ein ‚D. Boonguy‘, oder so, habe ich nicht recht verstanden, d.ü.). Ich dachte, es wäre eine gute Gelegenheit, mit Georgie aufzunehmen. Ich habe seit vier Jahren nicht mit ihm gespielt. Und ich habe 14 Jahre mit ihm gespielt. Ich spiele mit ihm und einer Violinistin, Petra Haden, von That Dog. Ihr Vater ist Charlie Haden. Nur Drums, Bass und Violine.

Interessant, ich habe das nie versucht. Das versuche ich jetzt mit der Musik zu machen. Jedesmal wenn ich rausgehe, versuche ich eine andere Band. Opera, Wrestling Record – die letzte -, auf der nächsten Platte spiele ich mit einer Orgel, ich schrieb einen Haufen Songs für meine Katze.“

 

***

SHORE DUTY

Wirst du das wieder alles selbst singen?

Mike: „Ich werde vieles davon singen, aber ich will mit einem anderen Typen arbeiten, einem Orgelspieler. Es wird anders sein als diese Platte. So werden jetzt alle meine Projekte sein. (…) Ich bin an einem Punkt in meinem Leben, wo ich denke, jede Platte könnte meine letzte sein. ‚So i gotta really go for it‘.

Nicht, dass ich das vorher nicht gedacht hätte, aber es ist ein anderes Verständnis davon. Also werde ich mit Orgel, Drum and Bass auf der nächsten Platte spielen. Die letzten paar Platten waren eher konservativ, sogar die letzte Firehose, aber mit einer Orgel ‚i think i can play out again, try that again‘ (womit er wohl eine neue musikalische Herausforderung meint, meint d.ü.).

Die Orgel ist wie eine Katze, sie schnurrt. Ich habe diesen Kater seit 17 Jahren, ich weiss es hört sich bescheuert an, ich rede nicht mit ihm, aber ‚he’s got a good spirit‘. Und ich schrieb dieses Ding. Es ist keine Oper, nur eine Sammlung von Songs. Ich weiss nicht, ob ich noch eine Oper schreiben kann. Ich weiss nicht, wohin mich das Leben bringen wird, aber ich habe eine Idee für mein nächtes Projekt, weil ich die Songs dafür schreibe, und ich suche die Instrumente aus.

Auf eine Art, denke ich, bin ich sehr ‚predictable‘, und auf eine Art versuche ich nicht so ‚predictable‘ zu sein. Diese Platte musste ich singen. Das ist sehr persönlicher Kram. Schwer für mich. Ich bin wirklch froh, dass ich es gemacht habe. (…) Was Platten angeht, muss ich frei sein. Journey werden immer besser darin sein, Journey zu sein, als Watt. Ich muss Watt sein. Aber um Watt zu sein, muss ich pushen. Wie ein Stabhochspringer muss ich die Latte jedes Mal höher und höher legen. Ich muss.

Ich kann nie wieder ein Minutemen sein, ich kann nie wieder ein Firehose sein. Ich kann nicht ‚Ballhog or tugboat‘ sein. Das war das Schlimmste, über die verdammte Platte zu reden. Es war eine tolle Platte. Es hat Spass gemacht, und es war sehr seltsam, wie sie meine Musik interpretiert haben. Aber ich hätte nicht die echten Namen benutzen sollen. Niemand hat mit mir über die Musik geredet.

Es war immer ‚Starfucker-Shit‘ und Prominente und …. Aber ich bin immer noch froh, es gemacht zu haben, denn es war sehr beängstigend für mich, mit verschiedenen Leuten zu spielen, nachdem ich all die Jahre in Powertrios gewesen bin. (…) Ein gutes Experiment. Eine Menge Leute dachten, Sony hätte die Platte für mich zusammengestellt. Ich habe nicht einen einzigen Manager gebraucht. Es sind alles meine Freunde. (…) …Also machte ich diese Oper.

Dazwischen half ich Perry (Farrell) aus bei Porno (For Pyros), was sehr seltsam für mich war. Denn ich hatte nie in jemand anderes Band gespielt. Und er ist sehr originell (lacht). Er ist ‚quite a character‘, mann. Aber, was wirklich gut an ihm war, er spielt nicht, er bearbeitet nicht die Maschinen, er ist wie einer von den Kids, aber er nimmt die Musik deswegen ganz anders.

Alle Lieder sind Geschichten. Es sind nicht (…) gespielte Noten, eine ganz andere Sache für ihn. Und da bekam ich die Idee: Warum nicht meine Geschichte erzählen. Ohne das Ding in Porno hätte ich auf eine Art die Oper nicht machen können.“

***

Und eine weitere Lehre zog der graduierte Punkrocker aus seiner Zeit mit Perry Farrell.

Mike: „Weisst du, wenn du immer der Boss bist, kannst du nicht alles lernen. Du musst ein (…) Arbeiter sein. Okay, vielleicht nicht am Fliessband, aber bei so einem Projekt hier. Manchmal musst du jemandem aushelfen bei seiner Vision. Denn wenn du dann Leuten deine Vision erklärst, anstelle ihnen Befehle zu geben, inspirierst du sie, und dann geben sie ihr Bestes. Es ist eine echte Fähigkeit (skill), die Art wie Leute arbeiten. Wir diskutieren das nicht in unseren Leben. Wenn du das Geld hast, bist du der Boss und sagst, wo es langgeht. Das ist nicht, wie man Leute wirklich zur Zusammenarbeit bewegt.“

***

PEDRO VS. WILMIGTON

Hier war das Gespräch an einem Punkt angelangt, wo ich von Mike Watt wissen wollte, wie er sich denn eine Umsetzung seiner Vorstellungen von Arbeitsverhältnissen auf gesellschaftlicher Ebene vorstelle. Schliesslich ist bekanntlich seit längerem ersichtlich, dass es da eine wie auch immer beschaffene Affinität zu so etwas wie Sozialismus gibt: So bemühte Mister Watt in Interviews bezüglich Firehose einen Vergleich mit Jugoslawien nach Titos Tod herbei, sprach von Trotzkis permanenter Revolution und der ‚Song For Igor‘ auf Watts erster Solo-LP behandelt das Thema Jugoslawien. Als ich darauf abhob und eben Jugoslawien ins Spiel brachte, äusserte er erstmal seine Theorie vom jugoslawischen Krieg als dem Beispiel für modernen Krieg.

Wie die Konflikte innerhalb von Gesellschaften immer krasser würden:

Mike: „Es wird runtergehen bis zu den Wohnblocks in den Städten. Meine Stadt, San Pedro… das Beängstigendste, was dir da passieren kann ist, wenn du die Strasse langgehst und hörst : Woher kommst du? Wenn jemand das sagt, heisst das, er ist bereit, dich zu erschiessen. Sehr, sehr heftig. Wenn du politisch bist, sagst du: Von nirgendwo, Mann. Das ist die moderne Welt. Wilmington ist die nächste Stadt…

Es ist nicht die moderne Welt, es ist die Zeit der Höhlenmenschen, Wilmington, alle Latinos, alle katholisch. Aber die Ostseite hasst die Westseite. Warum? Es ist unglaublich. Es gibt mindestens 2 oder 3 Morde jedes Wochenende deswegen. Weswegen auch immer. Es ist verrückt. Es ist provinziell runter bis ins Kleinste. Ist es ein Boss-Arbeiter-Verhältnis, dass sowas fördert?“

Nein (und: ja). Es ist Armut. Leute die um Abgrenzung kämpfen, um eine Identität, weil sie sonst nichts haben.

Mike: „Ja ich muss sagen, dass Wilmington sehr ‚depressed‘ ist, ‚very down area‘. Ihr slogan ist ‚heart of the harbor‘, sie haben nicht einen Zoll öffentlichen Zugang zum Wasser. Und sie sind im Hafen. Aber es ist alles Zement, alles vergammelt. Ein Kraftwerk, das seit Jahren nicht mehr benutzt wird. Sie reissen es nicht ab und bauen einen Park. Sie haben einen Park, und da kämpfen sie alles aus. Es ist unglaublich. Also Armut….“

Schau dir reiche Leute an. Sie haben nicht diese Probleme mit Fremden, sie handeln miteinander, wo immer sie herkommen.

Mike:„Sie kämpfen es auf den Märkten aus.“

(Und manchesmal auch auf dem Schlachtfeld, versteht sich…)

Aber aus wirtschaftlichen Gründen, für ihren Profit. Sie tun das nicht, weil sie ihre Konkurrenten auf dem Markt hassen. Ob der Typ, mit dem sie handeln, ein Schwarzer oder sonstwas ist, ist ihnen ziemlich egal.

„Allen Geschäftsleuten?“

Sicher nicht.

„Geld ist ein Weg, von diesen Problemen wegzukommen…“ Von ihnen wegzukommen schon, für den der es hat.

***

KILLING IS MY BUSINEss (AND BUSINEss IS GOOD)

Mike: „Es ist seltsam. Wie, dass ich hier spielen kann, oder dich über’s Internet erreichen kann, und die nationalen Grenzen sind dabei, zu verschwinden. Und die Märkte werden grösser, und man könnte denken, dass man in einem aufgeklärten Zustand sagen würde: ‚Es ist nicht in meinem Geschäftsinteresse Unterschiede (erg.: zwischen Menschen) zu machen. Aber wenn du im Waffengeschäft bist, willst du Unterscheidungen.

Du willst, dass alle Leute Feinde sind. In der Tat ist Amerika der Waffenlieferant Nr. 1 auf der Welt, seit Russland nicht mehr so gut darin ist. Wir machen gutes Geld. Es ist unser Profit, dass Leute sich hassen. Man würde sonst nicht so viele Waffen brauchen. ägypten zog 1973 gegen Israel in den Krieg. Und der Krieg war nach zwei Wochen zu Ende, weil wir ihnen keine Munition gaben. Sie konnten nur solange kämpfen.

Es ist bizarr, wenn man über die Scheisse nachdenkt. Es ist ein gutes Geschäft. Krieg ist ein gutes Geschäft. (…) Und es ist ein Alptraum. Ein verdammter Alptraum. Krieg ist eine seltsame Realität. Leute verändern sich. Leute werden bösartig. Sie schmeissen die verdammte Atombombe. Aber sie haben kein Senfgas mehr benutzt. Sie warfen die Bombe, aber benutzten kein Senfgas…. Soundcheck?“

***

An dieser Stelle enden die Aufzeichnungen. Wahrscheinlich hätte das Gespräch sehr lang währen können, bei jemandem wie Mike Watt, dem du nicht einmal ein Stichwort geben musst, damit er beginnt zu sprechen. Der vormals bereits erwähnte schmierige Roadmanager kommt und holt den Mann ab, bevor wir noch ein wenig über Väterchen Stalin und andere historische Grössen sprechen, bevor wir eine kleine Fotosession improvisieren, bevor Mike Watt noch einmal die Stärke der Independent-Szene beschwört…

Und er dankt für das Interview, eines der Besten überhaupt sei es gewesen, aber schliesslich ist in jeder Stadt das Publikum das Beste auf der ganzen Welt, zumindest im Rock’n’Roll, da wo nicht zuletzt auch dieser Mann seine Wurzeln hat. Muss ich denn immer gleich das Schlechteste vermuten? -Ein misstrauischer Hippie sei ich, und das wiederum sei ein Widerspruch in sich, sagte sie zu mir…- Jedenfalls ging er dann, seinen Soundcheck zu machen, wiegenden Ganges, ein alter Seemann, aber sicherlich auch ein grosser, alter Mann.

Interview & Text: Stone

Links (2015):
Wikipedia
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