Juli 8th, 2019

MEUDIAMORTE RECORDS (#118, 2006)

Posted in interview by Jan

MEUDIADEMORTE RECORDS

Durch viel Liebe zum Detail zeichnen sich die Platten des saarländischen Labels MEUDIADEMORTE aus, welches seit nun vier Jahren vorallem experimentelle, teils recht obskure, Musik veröffentlicht.
Labelmacher Pascal beschränkt sich nicht nur auf oftmals vorhandene ein / zwei typische Stilrichtungen bei auch kleinen Plattenfirmen, sondern released was gefällt:  Sei es nun Noise, Post Punk, Elektronik oder auch mal poppige Sachen.

Mit aufwendigen, Hand gemachten Artworks, besondere Verpackungen und seiner Vorliebe für Tapes / CD-R’s unterstreicht er den, oftmals in Vergessenheit geratenen, „more than music“- Gedanken.

Du hast Meudiademorte 2002 gegründet. Der erste Release war eine Split-Disc von Datashock / Alicia Ledon. Bei ersterer Band spielst du selber, also der klassische Labelgründungsgrund, einfach erst mal nur die Musik seiner eigenen Band rausbringen zu können, so eher aus der Not geboren oder hast du schon vorher darauf hingearbeitet mal ein Label zu betreiben ?
Eigentlich war das erste Release eher so ein Spaßding, also ohne wirkliche Idee das daraus ein Label entstehen könnte. Jene Split kam halt als 3,5“ Floppy – Diskette raus und wir benutzten als „Label“-Namen einfach den Namen unserer Konzertgruppe, was wohl nicht der beste Start für ein Label ist haha.
Aber anscheinend war es das doch, da mich bzw. uns – damals habe ich das Label noch mit Christian der heute Bloom:Explode macht betrieben – Roland von fuckuismyname gefragt hat, ob wir nicht ihre 7“ zusammen mit X-Mist rausbringen wollen, weil sie wohl dachten wir hätten ein „richtiges“ Label …
Anschließend hatten wir dann wohl auch eins, was natürlich nicht das schrecklichste war, da wir (bzw. ich) ohnehin immer vorhatten mal ein Label zu gründen.
Veröffentlicht wird vorallem auf CD-R und der guten alten Kassette, während die meisten anderen Labels heutzutage ausschließlich ihre Musik auf Vinyl / CD herausbringen und dabei oft nur zwischen 7“ / Single unterscheiden.  Das Alles teilweise in sehr geringen Stückzahlen und mit aufwendig gestalteten, oft so gar noch mehreren verschiedenen Coverartworks pro Release. Wie sieht bei dir die Arbeitsweise aus, wann und wonach entscheidest du, welches Medium gewählt, auf wie viel Stück der Release limitiert und welche Besonderheiten das Artwork haben wird ?
Das Meudiademorte zum größten Teil cdr’s bzw. Tapes herausbringt ist eher aus einer Geldnot entstanden, da Vinylpressungen ja nicht das billigste sind und es einfach die beste Art die Musik in kleinen Stückzahlen herauszubringen.  Natürlich auch, weil die Sachen zu dem schon alle musikalisch eher speziell bzw. experimentell sind aka man mit Drone, Noise oder Free Jazz, eben nicht unbedingt einen riesen Verkaufsschlager landet.  Mitlerweile ist es auch eher so eine Nerdsache Tapes herauszubringen.  So obskure Sachen wie Doppelkassetten oder Vinyl das auf 100 Stück limitiert und schick aufgemacht ist, mag ich halt selbst gern.  Ich weiß, das es schon irgendwie ein bisschen bescheuert ist, aber na ja Jeder der dieses Interview hier liest wird wohl selbst ein „Sammler“ sein und Platten sammeln sonst würde er sich kein Fanzine kaufen… aber ich komme vom Thema ab um mein Gewissen reinzuwaschen.

Einige Sachen finde ich dann auch selber nicht so gut, zum Beispiel den ganzen Isis und Hydra Head Kram, bei dem es den es Labels eigentlich nur dadrum geht mehr Kohle mit ihren limited pre-order Sachen zu machen.  Das schlimme ist dann auch noch, dass jene auch nur noch gekauft werden um sie später wieder bei Ebay zu verscherbeln und gerade dann muss es doch bei der Band oder Label klick machen, aber darauf gehe ich gleich noch ein. Auf welchem Medium der Release herauskommt ist eigentlich teilweise sehr willkürlich, entweder frage ich einfach ob eine Band Lust auf eine Kassette hat oder Sie schlagen halt selbst wie zum Beispiel Shivers vor eine Doppel-c10-Kassette zu machen …

Worauf ich mich freu ist die Aosuke – Live Tripple 3“cdr, wegen der musste ich sie ein bisschen länger nerven.  Bei den Limitierungen gibt es eigentlich zwei Möglichkeiten wie ich es handhabe: Entweder ich limitiere die Platte nur, weil ich weiss das ich eh nicht mehr verkaufe – wenn jene weg sind mache ich meistens auch eine 2. Edition – oder es geht halt darum das es ein Sammlerstück sein soll. Aber wenn genau dann der Fall Eintritt, den ich oben schon in punkto Ebay erwähnt habe, dann mache ich auch bei den Releases, die als Sammlerstück gedacht waren, eine zweite Edition, wie zum Beispiel jetzt bei der Dead Machines-Kassette.  Jene war in zwei Tagen ausverkauft und es muss ja nicht unbedingt sein, das, das Tape drei Wochen später für 25 $ bei Ebay weggeht. Das das Artwork aufwendig gestaltet ist, ist eigentlich nicht mal absichtlich. Da ich ja leider nicht immer jenes selber mache, sondern halt die Bands selbst für das Cover verantwortlich sind.

Bei den Sachen die ich selbst gestalte überlege ich mir immer den für mich stylischsten Weg. Das, das Ganze auch irgendwie etwas besonders ist, bzw. aus der Masse an Veröffentlichungen die heutzutage herauskommen heraussticht. Natürlich soll es trotzdem nicht so viel kosten, aber am Ende bezahl ich für den Kram um es selber zu machen meistens mehr als ich dachte haha. 300 Cover zu besprühen ist arbeitsmäßig auch nicht immer witzig. Ich habe jetz schon wieder Farbbrocken im Hals, weil ich 50 CDs für die Thomas Van Norden Tour fertig machen musste, außerdem kommen in der nächste Woche zwei neue Releases heraus bei denen die Cover auch handbesprüht und bedruckt sind …

Bei Kassetten schneide ich die blöden Tapeboxen auch noch von Hand aus, ist also ’ne heiden Arbeit, aber am Ende jede Mühe wert. Das liegt auch daran, das ich immer mehrere Releases auf einmal innerhalb von zwei Monatsabständen gleichzeitig herausbringe. Die Idee dazu muss ich wohl auch im Wahn getroffen haben … Deswegen von hier aus mal ein danke an all die helfenden Hände, ohne die ich wahrscheinlich nicht so schnell die meisten Release rausbringen könnte.

Wenn ich damit fertig bin pusht das Ergebnis mich aber immer wieder direkt was neues zu machen und eine neue Idee zu entwickeln wie ich ein Release umsetzen könnte. Und manchmal gibt es ja auch stinknormale Platten, in stinknormalen Covern, als stinknormale Pressungen .. ist dann so was wie mein Urlaub haha. Ach so, an den verschiedenen limitierten Cover ist auch nur mein Sammlerfetisch schuld…
Verstehst du diese „arty“-Sache auch teilweise als Protest? Schließlich gibt es immer weniger Leute die sich noch Gedanken um die äußere Erscheinung eines Releases machen, oder diese gar noch in aufwendiger Handarbeit herstellen.
Nein und ja. Nein, weil es mich auch teilweise gar nicht mehr wirklich interessiert wie es Andere handhaben, solange ich in meiner kleinen Welt machen kann was ich will. Aber, gerade in dieser Zeit in der die Kunstform Musik immer mehr ein Wegwerfprodukt geworden ist, die Sachen auf Tape, cdr oder Lathe Cut und in besonderen Verpackungen in kleinen Sammlereditionens herauszubringen, natürlich auch eine Art von Protest. Die Teile muss man pflegen, vorsichtig handhaben und natürlich Sicherheitskopien machen.

Denn eine Kassette, cdr oder ein Lathe Cut halten eben nicht ewig und die meisten Verpackungen meiner Releases eben auch nicht, weil sie eben von Hand gemacht sind. Bei denen kann man nicht so ohne weiteres wie bei einer normalen CD das Jewelcase einfach auswecheln und alles ist wieder gut. Also, entweder du passt auf unsere kleinen Kunstwerke auf und hast sie lieb oder du kannst sie bald wegschmeissen.

Was mir aber gerade dazu einfällt ist eine kleines Gespräch mit Ulf von Aosuke diese Woche, in dem ich die CD-Verpackung („normales“ Jewelcase usw.) bemängelt habe. Doch manchmal geht es leider nicht anders, als eben eine nicht so schöne, standard Verpackung zu wählen, da Veröffentlichungen mit zum Beispiel anderen Maßen nicht mehr in Elektrohandelsketten oder anderen Plattenläden normal eingeordnet werden können. Die Platte von eben Aosuke mache ich ja zusammen mit Audiolith und die werden über Broken Silence vertrieben und sind dadurch also auch in zum beispiel bei Saturn erhältlich. Gerade bei so einer Sache wäre ich dann gerne absichtlich von der Norm abgewichen. Aber na ja, es stand eben nicht in meiner Macht und die Anderen beiden Parteien wären wohl bzw. sind da auch anderer Meinung.
Apropo Releases: Für gewöhnlich erscheinen die Tonträger unter Meudiademorte (mddm). Daneben hast du noch spezielle Serien für Videos und Artreleases. Außerdem die „Survivior Series“, unter der Musik teilweise auch läuft. Was genau hat es da mit auf sich ?
Also, es war damals mal eine Videosserie von dem Summerslam-Festival (rip) geplant, welches ich bis zum letzten Jahr noch mit Chris zusammen gemacht habe. Chris hat damals viele Liveshows aufgenommen und wollte jedes Festival auf Videos herausbringen. Bei dem zweiten Festivalvideo sind wir daran schon gescheitert, die Aufnahmen liegen fertig geschnitten auf irgendeinem Rechner rum und es fehlt nur ein dvd menü.Chris hatte aus irgendeinem grund keine lust mehr es zu Veröffentlichen und die Aufnahmen haben es nie bis zu mir geschafft. Ich könnte mir aber vorstellen wieder etwas auf Video oder Dvd herauszubringen, allerdings dann eher experimentelle Videokunst. Ich höre jetz schon wieder wie Leute über mich lästern mit meinem „arty“ Scheiß…

In der Art-Releasereihe gibt es erst 2 Veröffentlichungen, das eine waren von „aua aua“ Hand besprüht, gestencilte und geetchte LPs mit einem Poster und einem Button. War auf 50 Stück limitiert und jedes ein Unikat. Dazu schrieb das österreiische Fanzine GLW/DRK in ’ner Review: „fuckin rad for a record label!“ ..

Ich würde halt echt gern mehr solche Sachen machen um Leuten auch klar zu machen das die Sache wirklich „more than music“ ist. Vielleicht mache ich deswegen so viele Release mit „Bastelcover.“ In der Survivor Series hatte ich halt die Idee experimentelle bzw. „andere“ Musik in kleinen Stückzahlen auf 3“ cdr herauszubringen, die eben nicht in die Hörgewohnheiten der meisten Leute hereinpassen. Die Serie kam inhaltlich ganz gut an, so das ich mich jetzt entschlossen habe auch experimentielle Releases außerhalb dieser Serie, auf anderen Formaten, ganz regulär zu machen. So sind seit der Survivior Series Nummer 3 vor einem Jahr schon einige Tapes und cdr’s mit der selben musikalischen Ausrichtung erschienen. Vielleicht gibt es noch ein paar Veröffentlichungen in der „Survivor Series“, eine ist auf jeden Fall noch in Planung.
Einige der Bands von Meudiamorte kommen aus dem Saarland oder Umgebung und in deren Umfeld finden sich noch mehr Leute aus der Ecke. Es gibt das alljährliche Summerslam-Festival, „Bloom:Explode“ deines alten Mitstreiters Chris und natürlich die Konzerte im Selbstverwalteten Juz Saarlouis. Mir als Außenstehender kommt es so vor, als seien die Strukturen bei euch ziemlich ausgebreitet und gefestigt. Vielleicht so gar mehr, als in der einen oder anderen Großstadt oder generell Gegenden mit mehr Einwohnern und mehr theoretischen Möglichkeiten für Bands, Labels, Shows etc.
Das Ding ist das wir uns diese Strukturen halt selbst geschaffen haben, zum Beispiel das schon von dir angesprochene Juz in Saarlouis. Vor uns gab es halt auch nichts in unserer Gegend, außer zwei Clubs in denen Konzerte veranstaltet wurden. Das selbstverwaltete Jugendzentrum in Saarlouis ist jetzt seit zwei Jahren geöffnet und im Moment arbeite ich so gar da. Aber das kam halt auch nur zu Stande, weil wir Demonstrationen veranstaltet und uns mit städtischen Beamten rumgeschlagen haben.

Und neben Chris und mir gibt es eigentlich auch keine anderen Leute hier, die Labels machen, aber dafür einen schniecken Plattenladen namens „Rex Rotari“ der uns in jungen Jahren mit HC- und Punkplatten sozialisiert hat. Musiktechnisch findet man hier und in der Umgebung eine Menge guter Bands. Und da das Saarland bzw. Trier nicht groß ist kennt man halt Jeden und pusht sich gegenseitig. Auszuchecken sind: Van Norden, Danse Macabre, FuckUismyName, Thomas Van Norden, Mahatmahitler, Kleinlaut, Commander Keen, 80 km vor Bagdad, Seven Bowls of Wrath, Atlantique IV, Rieke Deekelsen und noch so ein schrott Kollektiv namens Datashock… letztere braucht aber wirklich niemand zu hören. Hier ist es wohl langweiliger als in einer Großstadt, deswegen bekommen wir wohl eher den Arsch hoch …
Dann wäre da ja noch die Nähe zu Luxemburg mit zum Beispiel dem „Schalltot Collective“ und dem „911“ in Belvaux, Frankreich ist auch nicht weit. Sind die Kontakte ins angrenzende Ausland da automatisch enger, was Zusammenarbeiten und gegenseitigess Helfen angeht ?
Da kann ich dir gar nichts zu sagen, ich kenne ein paar Leute, aber ich arbeite nicht wirklich mit denen zusammen. Da fragst du besser mal Chris von Bloom:Explode, der hat mit den Luxembourger jetz auch ein Festival auf die Beine gestellt bei dem Bands von “uns und ihnen“ in Luxemburg und im Saarland an zwei Tagen spielen, um unsere „Szenen“ näher aneinander zu rücken… Ergo, wird jetz wohl erst der Versuch gestartet etwas zu schaffen, was deine Frage ausführlicher beantworten würde.
Zusammen mit „Audiolith“ aus Hamburg wirst du dieses Jahr den ersten Longplayer von „Asouke“ herausbringen. Welche Releases oder Kooperationen stehen außerdem noch an?
Boah das füllt jetz aber das Heft aus: Also, es steht noch in der ersten Hälfte dieses Jahres die FuckUismyName „Stay gold, falconass“-LP an, die in Zusammenarbeit mit X-Mist herauskommt. Das wird dann ihr erster Longplayer, hat auch echt Lange gedauert mit den Aufnahmen, die sind halt bis auf Roland alles alte Männer und fallen so langsam auseinander. So um November / Dezember herum erscheint dann eine 12“ von Aids Wolf aus Kanada, die haben eine riesen LP auf „Skin Graft“ in diesem Jahr veröffentlicht. In dem Zeitraum der 12“ kommen sie dann auch hier bei uns auf Tour.

Anschließend, gegen Ende des Jahres, ist noch eine 12“ geplant, diesmal von Dead Machines und eine Datashivers (datashock und shivers aka ulf aosuke collaboration) LP in Zusammenarbeit mit „Tapetektoniks.“ Du siehst, da kommt einiges an Vinyl. In Sachen Kassetten welche von Davenport (usa, „Weird“ Folk), Graveyards (usa, Free Jazz mit John Olson von Wolf Eyes), The Skull Defekts (swe, ex-Kid Commando) und Burning Starcore (usa). Eine auf 300 limitiert 7“ von Satan Power (Internationale Kollaboration von den Avantgard Noise Künstlern Lasse Marhaug (nor) / John Olson (usa) / Joachim Nordwall (swe) und zuletzt wahrscheinlich einige Sachen von Datashock und Aosuke verwandten Nebenprojekten, stehen dann auch noch an.

www.meudiademorte.de

Interview: Kevin Goonewardena

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