Dezember 11th, 2017

MELISSA AUF DER MAUR (#144, 10-2010)

Posted in interview by Jan

Ich will es eigentlich nicht schreiben, denn sie verdient mehr Respekt, mehr Aufmerksamkeit, die nur ihr gilt, aber ich komme nicht daran vorbei. Mit 22 hat die Kanadierin gerade mal sieben Auftritte mit ihrer Band gespielt, als sie für die Smashing Pumpkins Vorband machen können. Kurz darauf setzt sich Holes Bassistin Kristen Pfaff eine Überdosis und Billy Corgan schlägt Courtney Love jemand Neues vor. Jemand, der zunächst die Ruhe in sich selbst darstellt, damals schon und jetzt umso mehr. Im Sinne der aufgeweckten Kunstlehrerin, der man auch ab und an ein privates Detail verrät, weil sie so geankert scheint, dass wenn einem überhaupt jemand sein Ohr leihen würde, dann wohl sie.

Der Kumpeltyp, der dich dann doch elfenhaft im Sturm erobert. Eine Grazie, die ganz schön ‚rumprollt, mit ihrem Bass, der nach oben schnellt. Eigentlich wollte sich Melissa schon nach Holes Auflösung auf ihre eigenen Pfade besinnen, als sie noch so einen verheerenden Anruf bekam und als Resultat die damalige Abschiedstour der Smashing Pumpkins, als Ersatz für D’Arcy Wretzky, spielen darf. Jetzt will sie den Rockolymp erneut besteigen, denn man kennt dort nur einen winzigen Auszug aus ihrem Potenzial. Wie es dem typischen Overachiever dann passiert, will sie es diesmal wirklich wissen.

Nach dem Solodebüt Auf der Maur, ist Out Of Our Minds mehr als nur ein Album, es kommt mit einem Film und einem Comicbuch und baut sich als Gesamtkunstwerk Stück für Stück vor einem auf. Die Musik tut es dem gleich, beeinflusst von Kyuss kommt, entgegen eigener Aussage, auch der Pop auf der zweiten Platte nicht zu kurz. Insgesamt ist die Härte gemischt mit einer hoffnungevollen, fast ätherischen, träumerischen Sanftheit. Ich saß also plötzlich ganz nah am Feuer einer Person die mich seit Jahren inspiriert und bislang nicht enttäscht hat, was man vom Rest ihres ehemaligen Umfelds nicht immer behaupten kann.

Wow, solche Magazine sieht ja man ja nirgendwo mehr (im Trust blätternd)

Ja, ich glaube seit den 80ern hat sich soviel bei uns auch nicht geändert. was manchmal komisch wirken kann, irgendwie aber auch toll ist

Ja total super finde ich das. Es geht eben um die Informationen.

Du bist schon einige Male in meinen Kolumnen aufgetaucht, da ging es aber mehr um deine Fotografien, und jetzt kommt endlich das langersehnte Feature.

Echt? Da fühle ich mich aber geehrt.

Ich freue mich deshalb natürlich besonders, dass du bei diesem Album sehr viel visuelle Kunst eingebaut hast.

Ich mich auch, es hat mein Leben verbessert.

Im Trailer von Out of Our Minds sieht man abgehackte Baumstämme, die bluten. Da habe ich mich natürlich sofort daran erinnert, dass du auch versucht hast, das Kyoto-Protokoll in die Köpfe der Leute zu bringen, ist dass eine subtile grüne Botschaft, die du da unter anderem vermitteln möchtest?

Ja, auf eine einfache Art und Weise. Es gibt zwei große Themen in dem Film und eben auch in den letzten fünf Jahren meines Schaffens, und eines davon ist die globale universelle Realität mit der Frage: Warum gibt es die Menschen und was zur Hölle tun sie da? Dieses Mysterium habe ich in mein Puzzlewerk eingewebt und da geht es natürlich um globale Umweltthemen als auch um das spirituelle Überleben und dann gibt es das visuelle Konzept, das sich mehr mit den praktischen Seiten des Künstlerdaseiens befasst.

Ich wurde ein Jahrzent lang willentlich vom Rock’n’Roll entführt, und es war eine eins zu eine Million Chance, das als Vollzeitbeschäftigung auszuleben, so dass ich akzeptiert habe, dass ich Opfer bringen musste bezüglich der visuellen konzeptionellen Umsetzung und der Experimentierfreudigkeit meiner Musik, weil es eben so ein Glücksfall war, der das verlangte. Jetzt muss ich das nicht mehr, darum geht es bei diesem Projekt. Ich vertraue Plattenfirmen nicht, warum sollten sie das Zentrum meiner Arbeit seien? Das Ende meiner Beziehungen zu Majorlabels und der kurze Rückzug von der Musik war das Beste was mir je passiert ist, obwohl sie immer gut zu mir waren.

Diese Struktur habe ich hinter mir gelassen und mich zunächst voll in das Filmprojekt gestürzt. Durch den Film, als ich dann die Produktion und die Kooperation mit anderen Künstlern anging, und mich fragte wie man eine Geschichte mit bewegten Bildern am Besten erzählt, kam ich zurück zur Musik und konnte sie ganz neu angehen. Es war eine neue Perspektive, eine neue Form der Liebe, die da wieder hervorquoll.

In deinem Fall bietet sich ein derartiges Multimedia-Projekt natürlich auch an, du hast ja verschiedenartige künstlerische Hintergründe und du hast auch immer schon mit Bildern gearbeitet, sei es, dass du geträumt hast – ein primär visuelles Erlebnis – und daraus ein Stück wurde, oder dass du ein synästhetisches Erlebnis bei der Musik hattest.

Das ging mir immer so, deshalb liebe ich Musik, sie eröffnet eine ungeahnte visuelle seltsame Landschaft durch Höreindrücke. Meine Welt, als Person als auch als Musikerin und Kunstschaffende, ist zu gleichen Teilen inspiriert durch Musik und – scheiße – ganzen altertümlichen Zivilisationen, oder einer Kunstbewegung, oder eines Filmes, oder eines Fotos, das ich mal sah. Das sind alles ebenbürtige Inspirationsquellen, und das möchte ich nicht alles auf der Strecke lassen, und deshalb soll das Album darauf hinweisen, dass ich Geschichten einer alten ägyptischen Göttin, meiner Katze, meiner Träume und eines Liedes verbinde. Deswegen versuche ich immer klarzustellen, wenn mich Leute nach meinen Einflüssen fragen, dass es unfair wäre nur über die Musik zu sprechen, die anderen Einflüsse müssen auch festgehalten werden.

Wenn man darüber nachdenkt, ist es für dich ja auch ein wichtiger Schritt dein Image von „nur der Bassistin“, die du ja zum Glück immer noch bist, zu einer Allroundkünstlerin zu manifestiieren.

Absolut, die Kombination ist sowieso selten, meist rangiert der Bass irgendwo am Bühnenrand, nicht im Zentrum und so musste ich mich sicherlich neu erfinden. Jetzt wo ich nicht mehr in dem ruhmreichen Schatten von jemand anderem stehe, muss ich mehr von mir selbst preisgeben. Interessanterweise wird meine Entwicklung begeleitet von enormen Veränderungen innerhalb der Musikindustrie. Während ich also meine Identität auslote, suche ich auch nach neuen Möglichkeiten und Formaten in denen ich diese mit anderen teilen kann, insofern hat es auch etwas harmonisches, dass ich innerhalb dieser Aufbruchsstimmung diese Metamorphose antrete.

Seit einer sehr sehr langen Zeit, ist dieses die beste Zeit für die Künste, die Freiheit und Bestärkung nach der wir alle gelechzt haben. In den 90ern habe ich immer gedacht, ich hätte gerne zu einer anderen Zeit gelebt, dem viktorianischen Zeitalter, der Renaissance oder der Wikingerzeit, ich fühle mich im Jetzt nicht wohl, ich bin traditionell eingestellt. Dann kam das Jahr 2000, 2005, 2010: Die ganz Zeit, in der ich dachte ich sehne mich nach der Vergangenheit, habe ich mich nach der Zukunft gesehnt. So habe ich mir die Welt immer vorgestellt, die chaotische Freiheit, ohne Schubladen und Systeme aus denen man nicht rauskommt. Klar, wir haben das da draußen, Korruption inklusive, mehr denn je, aber in uns drin nicht. Wenn man sich diesen extremen Kontrast ansieht, wird die Welt noch aufregender, unsere Träume im Chaos den unterdrückenden, abscheulichen Systemen, die uns begegnen, entgegenzustellen. Das ist die perfekte Kombination für Experimente.

So gesehen ist auch klar, warum du zum ersten Mal unter deinem eigenen Namen agierst, wo deine Zeit jetzt erst gekommen ist. Wenn man sich die ersten Tinker 7″s anguckt, ist da auch schon viel von deiner Kunst verarbeitet.

Wow, sehr beeindruckend, da bist Du wahrscheinlich die einzige Person in Deutschland, die die überhaupt besitzt.

Ich hatte mal ganz viele davon, weil ich mit Bernard von Bear Records ein Interview gemacht habe und er mir eine ganze Kiste davon überlassen hat. Ich habe die dann an deine Fans verteilt, zum Beispiel an Denise, die jetzt deine Seite gestaltet.

(Schreit) WAS? Wie lange ist das her?

Vielleicht so sieben Jahre?

Echt? Wie kamst du an die Platten?

Er hat mir eine ganze Kiste davon geschenkt, weil er sich gefreut hat, dass sich jemand für sein Label interessiert.

Krass, Bernard, wow! Das ist echt witzig. Dann verstehst du ja, dass ich aus der Independent-Welt komme. Das waren die ersten beiden 7″s meiner Karriere und ich hatte keine Ahnung, dass das noch nicht der Höhepunkt gewesen seien sollte (lacht), für mich war das bereits ein wichtiger Meilenstein. Dann geriet ich auf all diese Umwege, die mich wieder hierhin gebracht haben, nach Hause (lacht).

Nervt dich das dann, wenn die Leute dich auf die beiden Bands reduzieren

Es ist komisch. Die letzten zwei Wochen waren der Anfang meiner neuen Gespräche mit Fremden und Journalisten über diese neue Veröffentlichung und ich glaube, dass ich mich sehr stark weiterentwickelt habe. Ich habe zwei große Projekte alleine bestritten und an zwei Projekten von anderen Leuten mit gearbeitet, das müsste sich doch irgendwie aufwiegen, denke ich. Bei der ersten Veröffentlichung hat es sich angeboten, es waren nur einige Jahre vergangen also wusste ich das es viele Fragen in die Richtung geben würde. Es war meine erste Unabhängigkeitserklärung, sozusagen.

Jetzt, dachte ich, ich hätte das alles hinter mich gebracht, und prompt gibt es Reunions beider Bands und da sind sie wieder, die ganzen Fragen. Ich werde diese Personen wohl nie los und ich würdige diese Schatten auch, sie foltern mich nicht und es nervt mich nicht so sehr, aber es ist einfach kompliziert. Es gab viele emotionale persönliche und spirituelle Diskussionen bezüglich dieser Themen und ich kann das nicht auf mundgerechte Häppchen herunterbrechen, deshalb bin ich immer so gefühlsmäßig überwältigt, wenn jemand eine Frage diesbezüglich stellt. Ich kann nicht erklären wie kompliziert, verückt und anstrengend es manchmal war, deswegen muss ich es schmälern. Ich sage nie, dass ich nicht darüber sprechen will, aber vielleicht sollte ich damit anfangen, es ist einfach zu weitreichend.

Ich finde du solltest dich auch nicht darauf reduzieren lassen, aber ich musste auch lachen, als ich hörte, dass deine erste Soloplatte quasi zeitgleich mit Courtneys kam, und jetzt die neue Hole-Reunion wieder mit deiner Veröffentlichung zusammenfällt. Ich habe mir die Band angesehen.

In Amsterdam?

Ja genau, und natürlich stellen sich die Leute die Frage: Ist das überhaupt diesselbe Band?

Melissa & Alva (gleichzeitig): Und natürlich lautet die Antwort: Nein! (beide lachen)

Von daher stellt sich die Frage gar nicht, warum du dieses Mal nicht dabei bist, aber gleichzeitig denkt man: Es wäre aber besser, wenn du’s wärst. Was auffällt ist allerdings, dass ihr beide nun nur von Männern auf der Bühne umgeben seid.

Das ist ein guter Punkt. Aber dieses Mal soll es eben auch um mich gehen.

Klar, aber das letzte Mal hattest du Kim Pryor an der Gitarre dabei, und sie war toll. Deswegen habe ich mich auch so über The Chelsea, dein Projekt mit Samantha Maloney (Hole, Shift, Peaches), Radio Sloan (The Need, Peaches) und Paz Lechantin (A Perfect Circle) gefreut, weil du immer sagtest du willst Teil einer feministischebn Erfahrung seien.

Ja, das Problem ist nur, dass mehr Männer als Frauen Musik machen. Das IST ein Problem. Wenn man meine Wurzeln anguckt, spielte ich da auch in einer Jungsband. Die Musik kommt immer zuerst. Ich finde es unbeschreiblich toll, dass ich als Frau die Chance bekam fünf Jahre bei Hole zu spielen, ich hatte eine Nebenrolle in einem so wichtigen Moment für Frauen in der Musikszene ergattert, und das zusätzlich zu meiner persönlichen Bereicherung durch diese Chance. Das ist eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens gewesen und beeinflusst immer noch alles was ich tue.

Ich habe eine Verantwortung was die Repräsentierung von Frauen angeht, weil wir überall unterrepräsentiert sind. In der Musik gar nicht mal so sehr, wenn man es mal mit der Politik vergleicht, das Bankensystem, der Wissenschaft, da bin ich mir gar nicht so sicher, aber ich gehe mal davon aus, dass Frauen dort eine untergeordnete Rolle spielen – scheiße – und dann bloß die Weltgeschichte, sie wurde geschrieben, gemalt und gemacht von Männern. Bei The Chelsea habe ich nette Erfahrungen mit Frauen, die ich liebe, gesammelt, aber ich habe mich letztendlich entschieden, mein eigenes Ding durchzuziehen, aus vielen musikalischen und kreativen Gründen.

Dieses Projekt wurde vor allem durch Kooperationen mit Männern bereichert, weil mehr Männer in meinem Umfeld Musik machen, und selbst beim Film und beim Comic, fand ich mehr Männer, die sich für Autounfälle und Feuerbälle begeistern konnten. Deshalb finde ich es wichtiger Geschichten über Frauen zu erzählen, als mich mit ihnen auf der Bühne zu umgeben. Ich halte aber zum Beispiel immer Ausschau nach anderen Frauen mit denen ich auf Tour gehen könnte. Aber um auf Hole zurückzukommen: Nachdem wir zehn Jahre keinen Kontakt hatten, rief sie mich letztes Jahr an, um mich zu fragen, ob ich auf ihrer Soloplatte singen würde, die jetzt unter dem Namen Hole erscheinen wird.

Wobei es da noch keinen Termin gibt, oder?

Doch, dieses Mal schon, Ende April erscheint es, die Pressemitteilung ist draußen. Ich kann es nicht glauben, fünf Jahre später und wir veröffentlich schon wieder zur selben Zeit. Na ja, als ich sie also letztes Jahr traf, nachdem wir uns so lange nicht gesehen hatten, obwohl wir uns immer gegenseitig unterstützt haben – wir sind das genaue Gegenteil voneinander, aber dadurch ergänzen wir uns auch extrem gut, und unterstützen uns aus dem einfachen Grund, dass wir das als Frauen müssen, egal was wir für Streitigkeiten haben, scheiße, wir müssen füreinander da seien.

Es gab keinen Krach, keine Beschimpfungen, gut, sie hat mich einmal Billy Corgans Handtasche genannt, aber das war ein Mal, und schlimmer wurde es nie – sie also die Anfrage stellte, habe ich versucht ihr zu folgen. Hole? Wovon redest du? Ich sagte ihr, dass wenn sie bereit ist das historische Erbe von Hole wieder anzutreten, von dem ich die Hälfte dieser Zeit ein Teil war, als Musikliebhaberin, als Frau – Dieses zehnjährige Kapitel, die drei Alben, die Kunst, das ist fantastisch, vor allem inhaltlich. Eric Erlandson sitzt auf einem gewaltigen Archiv von Livemitschnitten, Outtakes, Interviews, Fotos – ich sagte also zu ihr, wenn du diesen gewaltigen Schatz ausgraben willst, werde ich dabei seien, dich zu unterstützen, zu kuratieren, anzuführen um ein Deluxepaket für Fans und die Welt zusammenzustellen, um eine kohärente Erinnerung heraufzubeschwören, mit allem anderen möchte ich nichts zu tun haben. Es hätte Jahre gedauert, das vernünftig anzugehen, aber sie wollte alles ganz schnell.

Ihr habt euch stilistisch ja auch komplett voneinander weg entwickelt. Es war intelligenter von Dir, damals einen Schnitt zu machen, und das Ganze von Neuem aufzurollen – in gewisser Weise war es auch deine einzige Chance, aber sie… Beim Konzert verkaufte sie eine Tasche auf der stand: „Hole, wenn Gott je etwas Besseres erschaffen hat, hat er es für sich behalten.“ (Mellisa lacht sich kaputt) Ich dachte nur, ja das stimmt, wenn man sich nur die Neunziger anguckt, aber die Hälfte der Stücke, die du jetzt spielst… mir wäre es mittlerweile peinlich zu behaupten Hole sei meine Lieblingsband, obwohl ich das lange Zeit getan habe, weil ich das nicht damit in Verbindung gebracht haben will.

Genau das ist ja so traurig an der Sache. Ich habe ihr gesagt, dass es ein Fehler ist, und das sie vorsichtig sein muss. Die Vergangenheit ist wichtig und sollte so bewahrt werden. Deswegen rede ich auch immer noch drüber. Sie wollte aber der Vergangeheit keinen Tribut zollen.

Aber sie spielt ja doch die alten Songs.

Ja, das sollte sie lassen (seufzt und lacht).

Du als weibliche Künstlerin hast hier ja dennoch eine großen Schritt gewagt, da dein Genre, des Heavy Rock noch männerdominierter ist, und dann bist du auch noch bei Roadrunner gelandet. Klar, irgendwie passt es musikalisch schon, aber du bist denen doch gar nicht hart genug oder (Melissa lacht)?

Ich find’s auch super. Jetzt wollen plötzlich alle Metalmagazine mit mir sprechen. Es gibt dafür drei Gründe. Erstens: Metal und Heavy Rock sind alternativer als Pop Rock in den 90ern, es hat diesen links-am-Mainstream-vorbei, experimentellen Beigeschmack und es geht den Hörern um Musik, technische Details und ein Verständnis dafür sind hier viel ausgeprägter als bei Popmusikliebhabern. Und es geht um Fantasie, guck Dir mal das Dream Theater Poster hier an, das sind meine Labelkollegen, das ist genial, mit den Leuten habe ich vielmehr gemeinsam als mit Vampire Weekend. Ihr Label, welches auch immer es ist, ist sicher toll, aber da sollte ich nicht veröffentlichen.

Außerdem gibt es hier diesen Frauenmangel und außerdem passt mein Bassspiel jetzt, und selbst bei Hole in die Idee einer mysteriösen weiblichen Welt, die die Leute besuchen können. Diese multidimensionale Welt voller altertümlicher Dinge, visueller Eindrücke, darum geht es bei vielen Metalbands. Deswegen passt es schon. Die Rituale sind die selben. Es sind nur alles Jungs, die viel früher als ich angefangen haben. Als ich Mastodons „Crack The Sky“ hörte, kam mir die Idee für ein Konzeptalbum. Es ist eine dieser Platten, die es nur alle zehn Jahre gibt, und die dich umhauen. Mich fragte jemand, welches die Platte sei, die mich zum Aufgeben bringen könnte. Es ist diese Platte, nur würde ich statt aufzugeben meinen Kopf abhacken, wiedergeboren werden, als Mann, schnell dreizehn werden um dann in meinem Zimmer Gitarre zu spielen. Das wird nie passieren, und das macht mich wirklich traurig, also sollte ich diese Platte machen, über genau diesen Dreizehnjährigen.

Du hast aber immerhin diese Glaubwürdigkeitsfaktoren, deine Band Hand of Doom hat nur Black Sabbath gecovert, mehr Metal geht eigentlich gar nicht mehr, und dann hast du auch noch Glenn Danzig für ein Duett verpflichtet. Das ist total altmodisch aber auch hochmodern, das klassische Element, weiblicher und männlicher Gesang der sich abwechselt und dann hat es aber auch dieses düstere Element, wie eben bei Nick Cave und PJ Harvey. Respekt, dass du das zu Stande gebracht hast, mit dieser Koryphäe.

Ich bin selber schockiert, das dieses 16-jährige Mädchen ihren Traum wahrmachen konnte. Ich habe hart dafür gearbeitet, das kann ich Dir sagen. Ich habe das Stück für ihn geschrieben, ich musste dafür den Gott des Aufheulens haben. Ich kann da nicht einfach bei seinem Management anrufen und fragen ob er das einfach so macht, ich muss eine Geschichte nur für ihn schreiben, Ich musste eine Welt erschaffen und ihn dahin einladen, und dann habe ich ihm einen ausführlichen Brief geschrieben, wie diese Welt des Totengräbers aussieht. Wie mein Leben aussieht und wie er mich in den letzten 15 Jahren beeinflusst hat. Ich habe einfach an meinen Traum geglaubt, dass ich diesen Song für und diesen Brief an einen völlig Fremden schreiben kann – und es hat geklappt. Das ist meine allgemeine Ausgangslage, ich habe den Mut zu träumen und auch noch zu glauben ich könne diese wahnsinnigen, lächerlichen Sachen wirklich erreichen.

Es ist ja nichtmal das erste Mal, du hast mit Indochine ein Duett gemacht und selbst auf dich alleine gestellt leuchtest du diese beiden Seiten aus, das Männliche und das Weibliche. Yin und Yang, aber irgendwie scheinst du immer von einem zum anderen zu wechseln, anstatt in einem Moment beides zu seien, wie es ein queerer Ansatz erlauben würde. Ich frage mich, ob das nicht veilleicht schon am Genre liegt, dass man erstmal aufzeigen muss was die Gegenteile und Steretypen sind, um sie dann aufzubrechen und näher zu bringen.

Auf jeden Fall, genau das versuche ich mit diesem Projekt anzustoßen. Nimm mal den Refrain von Out of Our Minds: „Travel out of our minds and into our hearts standing by“. Da geht es um die Schnittstelle zwischen Herz und Gehirn/Vernunft/Bewusstsein die in unserer Umgebung völlig aus dem Gleichgewicht geraten ist, das Innenleben aller Menschen muss ernster genommen werden, und ich versuche von meinem so viele Versionen wie möglioch zu finden. Da gibt es den Totengräber, und das Mädchen, das ihren Vater verloren hat, den Wikinger und die Hexe, den Frontalzusammenstoß zweier Autos, einer Axt und eines Baums, es ist fast wie ein Traum, bei dem irgendwas schief gelaufen ist. Wir spielen und spielen mit dem selben Puzzle aber irgendwie passt es nicht zusammen. Ich mag das Thema, weil es das älteste des Planeten ist, alle Religionen, begonnen bei Adam und Eva beschäftigen sich damit.

Auf die du dich ja auch beziehst.

Genau, und es ist gut wenn eine Person sich diesem Ritual unterzieht um rauszufinden wer man ist. Aber es stimmt, dass wir immer beides sind, aber kaum jemand kann akzeptieren, dass nicht eine Seite gewinnen muss, wir müssen lediglich verstehen, dass sich da drinnen dieser ständige Kampf abspielt.

Was mir am stärksten bei den Texten aufgefallen ist, ist, dass du wie viele Leute, bei Courtney wäre es „drown“, ein Lieblingswort zu haben scheinst, „follow“, dabei folgst du ja nicht, du führst.

Gute Frage, aber ich kenne die Antwort. Es liegt an der Doppeldeutigkeit. Es muss kein unterwürfiges Folgen seien, für mich ist es

Deinen Träumen zu folgen?

Und die sind mein Herz, mein Glaube, meine Gefühle. Ich folge keiner Religion sondern etwas in meinem tiefen Inneren, das nie weit weg ist, und ich folge dem, weil ich vertraue. Ich vertraue darauf, dass es mich dahin führt, wo nie etwas falsch sein kann, dem Leben, der Lebenskraft. Folgen bedeutet die Stärke zu haben sich unterzuordnen.

Anführer folgen ja auch etwas, und wenn sie es nur selber sind.

Genau.

Du bist bei Longfellow jetzt auch schauspielerisch tätig geworden.

Ja meine erste offizielle Rolle (lacht) in einem merkwürdigen Film. Ich habe da natürlich nicht vorgesprochen um in die Industrie zu geraten. Es ist keine Hauptrolle sondern eine Rolle, die das Leben schreibt. Es geht um einen Mann, der die Dämonen seiner inneren Welt zu bekämpfen versucht. Es gibt zwei Frauen. Es ist ein unabhängiger Film, es war eine kurze Produktion, aber die beiden Tage am Set haben mich inspiriert was andere kreative Auslebungsmöglichkeiten angeht.

Ich habe mich darauf eingelassen, weil der Regisseur/Star/Schreiber des Films mich angerufen hat und sagte, er wolle einen Laien, der den Raum betritt und sofort klar wird, dass in ihr sehr viel vorgeht, und dass, obwohl sie nichts sagt, sie viel zu sagen hat. Ich will meine Frau in diesem Film, für die es nicht genug Worte gibt, genau das vermitteln sehen. Ich fand das klasse und habe mir dafür die Zeit genommen mitzumachen, ich repräsentiere gerne Frauen, die viel zu sagen haben, für die es aber keine Sprache zu geben scheint.

Und du bist ja ohnehin gerade dabei Dir andere Plattformen zu erschließen.

Eben. Seitdem ich im Mittelpunkt stehe hat sich meine Bühnenperformance auch sehr gewandelt. Nach den Konzerten für das erste Album hatte ich zwei Sachen gelernt, die erste Lektion hatte nur mit meiner Stimme zu tun, an der ich hart gearbeitet habe um die Einschränkungen, der sie noch beim ersten Album aufsaß, zu verringern. Die andere war aber: Wenn du dich in den Mittelpunkt stellst, und deine Performance und deine Stimme nutzt, musst du eine Botschaft haben. Man interagiert ja, und hat die Verpflichtung etwas zu vermitteln. Ich muss also mehr preisgeben. Außerdem war ich gleichzeitig meine Managerin, Sekräterin und Finaziererin und das hat meine Botschaft bestärkt. Ich bin diejenige, die es ermöglicht hat, dass ich auf der Bühne stehe. Nicht eine andere Band, ein Manager, ein Label, nicht mal ein Bookingagent sondern ich selber, habe vielleicht sogar die scheiß Flugtickets selber gekauft. Ich habe dafür so viel getan, dass ich es jetzt auch vermitteln muss.

Ist auch die Frage, ob man so viel mehr braucht, eine Show oder so. Als ich dich das letzte Mal live sah, waren mir das fast schon zu viele Showelemente. Aber jetzt könnte es schon wieder funktionieren, mit den Visualisierungen.

Bis jetzt hat es super geklappt einfach mit dem Video zu beginnen. Das Visuelle vermittelt bereits viel und wird durch die Musik unterstützt. Im Moment habe ich keinerlei Budget für Pferde und Feuerbälle und Wellen und diese ganzen Sachen also widme ich mich der Herausforderung immer weniger zu machen, ich bin die ganzen Keyboardsachen schon losgeworden (lacht), wir sind vier Leute in einer Rockband und müssen trotzdem einen Epos auf die Bühne bringen.

Wie ist das mit den Harmonien, die sind schon relativ zentral, oder?

Stimmt, die sind sehr wichtig. Ein paar haben die Jungs übernommen. Ich habe mir letztens nochmal alles angehört und mich an manchen Stellen gewundert, warum sie das nicht singen. Es ist schwierig, wenn ich nicht dreifach auf der Bühne bin.

Du könntest mit Loops arbeiten.

Ja das könnte eine Zukunftsperspektive sein. Im Moment bin ich eher im Überlebens-Modus, ich spiele die Show egal was für Equipment wir zur Verfügung haben oder auch nicht haben – die Botschaft muss ankommen. Das ist gerade meine Lo-Fi-Phase, weil es noch diese Einschränkungen gibt. Wir spielen superkleine Clubs auf dem Weg in’s Stadion.

Da muss man ja gar nicht hin

Muss man nicht. SXSW war großartig, total klein und doch das beste Konzert das ich je gegeben habe, wenn man von meinem Spaßfaktor ausgeht. Ich entdecke erneut wie es am Afang war, es ist gut zu dieser Essenz zurückzukehren.

Was wir jetzt gerade betreiben ist ja schon eher wieder eine Ahnlehnung an die Industrie. Du machst Pressetage – das bist zwar du, aber nicht unbedingt diese Essenz.

Aber ich will das machen, ich habe viel dazu gelernt und ich möchte dieses Projekt im großen Stil vernetzen und teilen. Ich bin sehr motiviert mich selber zu vertreten, das Projekt zu vertreten. Ich muss einiges erklären, weil es kompliziert ist, und deswegen bin ich hier, das macht genauso Spaß wie den Film zum Beispiel an die Unis zu bringen und zu erfahren, wie andere Leute die Verquickung von Technologie und Kunst empfinden. Ein wichtiger Grund warum ich das alles mache ist ja der Dialog, es ist keine Notwendigkeit hier mit Dir zu sitzen, es ist alles Teil eines Ganzen.

Es ist eben ein Vollzeitjob.

Auf jeden Fall, und das ist toll, weil ich keinen anderen will.

Eine Sache noch, keine Ahnung ob du da Bock drauf hast (ich hole eine Tüte M&Ms aus der Tasche, Melissa lacht), aber ich habe gelesen du könntest daraus meine Zukunft lesen.

Oh mein Gott, das habe ich ewig nicht gemacht. Okay, du musst an eine Frage denken während du die Tüte schüttelst. Was Allgemeines oder was Bestimmtes. Gib mir deine Hand. (Sie schüttet drei M&Ms aus der Tüte in meine Hand) Krass, okay (Es sind zwei orangene und ein gelbes), du siehst es gibt hier ziemlich viele andere Farben in der Tüte und du hast nur Farben der Freundschaft. Ich weiß ja nicht was du gefragt hast, aber es geht um Freundschaft und eine sehr harmonische Leichtigkeit Bindungen einzugehen. Vielleicht geht es um was Bestimmtes, einen Tag wie heute, aber es geht eben um Freundschaft und Bonding, von beiden Seiten ausgehend, wirklich etwas Schönes, nichts Extremes wie das Rote der Liebe, des Wahnsinns, ein Moment der freundschaftlichen Bindung (lacht).

Danke, das war sehr inspirierend.

Gerne, freut mich.

Wir haben sogar schonmal gesprochen, du warst im deutschen Fernsehen und ich wurde per Telefon zugeschaltet (Melissa lacht)

Gibt’s da Aufnahmen von, das will ich nochmal sehen (lacht).

Interview: Alva Dittrich

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