Juni 6th, 2017

MARGINAL MAN / KEN INOUYE (#76, 06-1999)

Posted in interview by Jan

Vielleicht sind sie nicht die einflußreichste und bestimmt nicht die bekannteste Band aus Washington DC. Mit Sicherheit aber haben MARGINAL MAN zwei grandiose Lps herausgebracht, die nicht nur für mich Meilensteine des DC-Hardcore sind und deren Emotionalität und Intensität selbst nach über 10 Jahren noch umwerfend sind. Mehr zufällig stieß ich im Internetz auf eine Homepage der Band, die zudem noch von Ken Inouye, einem der Gitarristen, selbst gestaltet wurde.

Ebenjener ist auch verantwortlich für eine homepage von einem DIY-Musiker für DIY-MusikerInnen namens WWW.INYOUREYE.COM, die neben Informationen für MusikerInnen eben auch die MARGINAL MAN-homepage enthält. Und da es ja immer wieder spannend ist zu erfahren, was ehemals junge Männer und Frauen aus tollen Bands jetzt so machen, war es unumgänglich Herrn Inouye zu interviewen. Herr Inouye ist inzwischen 34 Jahre alt, wohnt immer noch in Washington, macht eben WWW.INYOUREYE.COM, schreibt an einem Buch über booking & promotion für DIY-Musiker-Innen und macht diverse kleine Jobs, um über die Runden zu kommen.

here we go:

Vielleicht fangen wir mit etwas Geschichte an. Was sind für Dich persönlich zurückblickend die aufregendsten Dinge von MARGINAL MAN im speziellen und der “DC-Szene” im allgemeinen?

Das Schwierigste an dieser Frage ist, alles auf etwas bestimmtes Aufregendes zu fokusieren. Wie auch immer, ich denke, daß das Auf-regendste sowohl an MARGINAL MAN, als auch an der DC-Szene, war, daß es etwas völlig Neues war und du nie wissen konntest was dich erwartet. Punk und Hardcore bedeutete für mich immer “no rules but your own”. Es war die Glorifizierung des Individuums und des Rechts des Individuums seine oder ihre eigene Identität zu formen, sowohl musikalisch als auch sonst wie. Konsequenterweise hatte Punk/HC keine Definitionen oder Standards, die die Individualität beschränkten. Das Fehlen dieser Regeln führte zu aufregenden “Experimenten”. Wenn du nicht wirklich weißt was von dir erwartet wird, dann tust du einfach das, was du denkst das Beste ist. Folglich gab es eine Menge Musik, die allein aus dem Grund ans Tageslicht kam, weil die Leute, die sie machten, dachten, daß es etwas Besonderes war und es die Welt hören lassen wollte.

Gab es einen bestimmten Grund, warum ihr 1988 mit MARGINAL MAN aufgehört habt?

Ich werde versuchen, das irgendwie zu verdeutlichen. Ich denke du wirst das verstehen, Jobst, weil du in einer Band spielst. JedeR, der/die jemals in einer Band gespielt hat, wird das vielleicht verstehen. Wenn Du nie in einer Band warst, wird es schwer sein zu verstehen. Also, ich probier es mal: Wir haben uns 1988 aufgelöst. Wir waren zu dem Zeitpunkt 5½ Jahre zusammen. Als wir uns auflösten, hatten wir einen Punkt erreicht an dem wir wieder und wieder in den gleichen Läden spielten.

Wir fühlten, daß wir soweit gekommen sind, wie wir es konnten. Versuchen unsere Jobs zu kündigen und von der Band zu leben, war in der Zeit keine Option. Zu der Zeit war Punk nicht einmal annähernd etwas von dem man leben konnte. Sogar die größten Bands von damals wie die DEAD KENNEDYS oder BLACK FLAG schafften es finanziell gerade so eben und mußten brutal hart arbeiten, um halbwegs über die Runden zu kommen. Zusätzlich wollten wir nicht wie so viele andere Bands sein, die irgendwie ewig zusammen bleiben und von denen sich die Leute sagen “Wow, they are still around”, während sie vergessen wie gut diese Band war und nun nur noch sehen wie lahm sie geworden sind.

Wir entschieden uns aufzuhören als wir in Topform waren. Wir wollten den Leu-ten, die uns unterstützten, als gute Band in Erinnerung bleiben, die immer Musik heraus-brachte an die sie glaubte und high energy shows spielte, die unsere Fans verdient haben. Wir wollten einfach nicht eine Band sein von der Leute sagen “they USED to be really good”. Wir machten eine farewell show im März 1988 und es war großartig. Die Tatsache, daß ich immer noch e-mails bezüglich dieses Konzerts bekomme, sagt mir, daß wir die richtige Entscheidung getroffen haben.

Hast du oder irgendjemand anders von euch in einer anderen Band gespielt, nachdem ihr mit MARGINAL MAN aufgehört habt?

Pete und ich haben beide in Bands gespielt, keine von denen irgendwer wohl je was gehört hat. Zur Zeit spiele ich in keiner Band. Pete lebt in Texas und spielt in einer Band namens BELMONT HALL.

Ich weiß, daß du nach wie vor schwer von dem do it yourself -Gedanken überzeugt bist. Du betreibst WWW.INYOUREYE.COM, eine webpage von einem DIY-Musiker für andere MusikerInnen und Bands, wo es Informationen darüber gibt, wie man eben Dinge selbst in die Hand nehmen kann. Was ist, daß dich die Sachen weiterhin machen läßt, die du machst?

Für mich war der DIY-Aspekt von Punk/HC ein Ruf zu den Waffen (a call to arms). Es war etwas das gleichzeitig so offensichtlich, aber auch eine Herausforderung war. Für mich galt es immer für mehr als Musik. Es war eher das Einzige zu der Zeit womit ich die Werte verbinden konnte, die ich als junger Mensch bereits hatte. Das was mich die Sachen weiterhin machen läßt, ist das Gleiche, das mich überhaupt dazu gebracht hat. Für mich geht es bei DIY um Individuen, die sich selbst definieren, sich selbst die Kraft geben, Kontrolle über sich selbst und die Welt um sie herum zu haben. Kontrolle dadurch, daß sie das Leben selbst gestalten und nicht nur ZuschauerInnen sind.

Du hast ja auch die “andere” Seite des Music Business kennengelernt und für ein Major-Label gearbeitet. Was genau hast du da gemacht, was konntest du für dich da rausziehen und warum hast du damit aufgehört?

Ich war ein “regional scout” für MCA Records. Mein Job war es den A&R Manager wissen zu lassen, was in meiner Region musikalisch passierte. Obowhl ich die Erfahrung genossen habe, ist mir einiges deutlich geworden. Erstens und am wichtigsten: Major-Label sind riesige Unternehmen. Die Folge davon ist, daß es Ewigkeiten dauert bis irgendetwas passiert. Dazu kommt das es schwer ist zu denken, daß man wirklich einen Unterschied macht. Ich habe ihnen Bands gezeigt von denen ich wirklich dachte, daß sie großartig sind, und hab keinerlei Antwort erhalten. Ein paar Monate später sah ich dann zufällig einige von den Bands, die sie tatsächlich gesigned haben, und habe mich gewundert was da los ist. Ich hab letztlich aufgehört, weil ich gemerkt habe, daß Leben in einem großen Unternehmen nichts für mich ist. Ich bevorzuge kleine bis mittlere Organisationen, wo ich das Gefühl habe, daß ich irgendwie einen Einfluß auf die Firma habe.

Ist Geld verdienen und DIY ein Widerspruch für dich?

ÜBERHAUPT NICHT. Für mich geht es bei DIY, wie gesagt, darum Kontrolle über dich und deine Lebensumstände zu haben. Die offensichtliche Manifestation davon ist natürlich wenn Bands ihre eigenen Platten herausbringen und Menschen ihre eigenen Konzerte organisieren. Aber es bedeutet noch viel mehr. Ich sehe keinen großen Unterschied darin, deine eigene CD herauszubringen, um Kontrolle über die Musik und das Cover-Artwork zu haben und darin, zusätzlich noch zu wissen, wie man mit dieser CD Geld verdienen kann.

In dem einen Fall hast du die kreative Kontrolle, in dem anderen die finanzielle. Außerdem: wenn du in einer Band spielst und Musik rausbringst, dann kostet dich das soviel Zeit, daß du keinen echten Job mehr haben kannst. Die Musik ist dann wirklich dein Job. Macht es da nicht Sinn, daß du Anrecht auf einen anständigen Teil der Kohle hast, die deine Musik “erwirtschaftet”? Ich wurde genug im Music Business abgezockt um zu wissen, daß ich viel lieber sehe, daß die MusikerInnen mit ihrer Musik Geld verdienen, als das irgendwelche Label, Manager,… mit der Kohle weggehen und den MusikerInnen nichts übrigbleibt.

Wie weit geht DIY für dich, berührt es für dich auch Sachen außerhalb der Musik? Wenn ja, welche?

DIY berührt so ziemlich alles was ich mache. Mir wurde immer beigebracht, daß Selbstver-antwortung und Selbstbewußtsein von universeller Wichtigkeit sind. Zusätzlich habe ich immer daran geglaubt, daß es wichtig für Menschen ist, sich selbst etwas beizubringen, insbesondere was die Sachen betrifft, die sie selbst und die Fähigkeit, ihr Potential zu realisieren betreffen. Ein ziemlich offensichtliches Beispiel dafür ist wie ich MusikerInnen dazu auffordere und ihnen dabei helfe, sich selbst in Bereichen des Music Business etwas beizubringen, so daß sie sich effektiver um ihre eigenen Belange kümmern können. Auf jeden Fall betrifft das bei weitem nicht nur den musikalischen Bereich.

Ein anderes Beispiel: ich bringe mir gerade bei, wie man am besten sein Geld anlegt. Ich habe nie groß darüber nachgedacht, weil ich nie genug Geld hatte um zu investieren. Es war ja immer so, daß die Kosten dafür so hoch waren, daß sich das nur Leute leisten konnten, die wirklich höllisch viel Geld hatten. Ich hab immer noch nicht so besonders viel Geld, aber durch das Internet braucht man nun nicht mehr soviel Geld um zu investieren. Jetzt kann man Aktien für ein paar Hundert Dollar kaufen oder anlegen und versuchen, dieses Geld für sich arbeiten zu lassen. Ich habe mir überlegt, daß ich hart für das Geld arbeite, daß ich habe, daß ich mich jetzt darum kümmern kann, daß das Geld nun auch für mich arbeitet. Ich habe weder Lust den Rest meines Lebens von der Hand in den Mund zu leben, noch gerade so über die Runden zu kommen. Ich schätze, daß das für einige Leute nicht “punk” ist, aber ich denke, daß es viel mehr “punk” ist, selbstgenügsam mit seinen eigenen Dingen zu sein als faul und nicht dazu in der Lage zu sein, mit Geld umzugehen.

War aber die Nichtkommerzilität nicht schon immer ein wichtiger Aspekt von Punk? Ein Aspekt, der Punk so sehr von anderen unabhängigen Musikkulturen unterschieden hat? Was sagst du dazu? Klar, daß man irgendwie Geld verdienen muß, aber ist Punk/HC deines Erachtens ein cooler Weg das zu tun, insbesondere weil ja irgendwer für dein Vergnügen bezahlen muß? Versteh mich nicht falsch, ich bin mir nicht sicher, daß es nicht o.k. ist, aber ich denke, daß es gerade bei Punk/HC und Geld gewisse Probleme gibt….

Ich hatte, sofort nachdem ich den Kram mit dem Geld anlegen und finanzielle Kontrolle über die Musik haben geschrieben habe, das Gefühl, daß diese Frage kommen wird. Du hast Recht, Punk /HC hatte und hat einen großen nicht-kommerziellen Aspekt, der bewirkt, daß Punk/HC eben so anders und nicht zuletzt viel cooler ist als andere Musikkulturen. Dieser nicht-kommerzielle Apekt ist etwas, daß Punk/HC sehr, sehr real und sehr bodenständig gehalten hat.

Wenn deine Lebensumstände und der begleitende Lebensstil, den du wählst, dich und andere, die eine ähnliche Wahl getroffen haben, dazu ermutigt, die “mainstream” Gesellschaft so ziemlich völlib zu ignorieren, so ist das Ergebnis etwas sehr Reales und Ehrliches. Egal wieviel große Firmen an mich und Rest-Amerika vermarkten, ich werde immer mehr darausziehen MINOR THREAT oder BAD BRAINS zu hören, als MARIAH CAREY oder SHANIA TWAIN. Nicht daß ich gegen diese beiden etwas hätte, aber sie haben mir wirklich nichts zu sagen.

Deine Frage betrifft nun natürlich ein Thema, das sowohl innerhalb als auch außerhalb von Punk für viel Aufsehen sorgt. Es ist die Frage nach Geld und seinem Platz in der Gesellschaft. Bevor ich weitermache, denke ich, daß es wichtig ist, einige meiner Grundannahmen zu äußern und zu erläutern, warum ich an sie glaube. Erst dann denke ich, daß es möglich ist zu klären wie diese Grundannahmen als Antwort auf deine Frage, nämlich Geld durch Punkrock zu machen, dienen können.

Einige diese Grundannahmen werden einige Leute anpissen, aber ich habe durch Punkrock gelernt, daß man nicht genug Risiken eingeht, wenn man niemanden anpisst. Und wie wir alle wissen, geht es bei Punkrock darum, Risiken einzugehen.

Dies ist meine erste Annahme: Geld ist nur ein Mittel, um den Wert von Dingen, die Menschen austauschen, zu messen. Mehr ist Geld eigentlich nicht. Menschen sind bereit mehr für etwas zu zahlen, von dem sie denken, daß es für sie einen größeren Wert hat oder es sie mehr unterstützen kann. Zum Beispiel: ich würde kein Geld für eine CD einer Band ausgeben, die ich nicht mag. Andererseits bin ich bereit für die CD einer Band, die mir wirklich wichtig ist, relativ viel zu bezahlen. Der Grund dafür ist, daß die CD einer Band, die mir gefällt, mir eine gewisses Maß an Freude bringt und dafür bin ich bereit zu zahlen. Für eine CD einer Band, die ich nicht mag, werde ich weder Zeit geschweige denn Geld ausgeben, weil ich daraus nichts für mich ziehen kann. Wenn man keinen fairen Gegen-wert für sein Geld erhält, wird man auch kein Geld ausgeben.

Meine zweite Annahme ist: Es ist absolut nichts schlecht an Geld. Es wurde gesagt, daß Geld der Ursprung allen Übels ist. Das ist völliger Schwachsinn. Wenn Geld tatsächlich der Ursprung allen Übels wäre, dann wäre es schon vor Jahrhunderten illegal gemacht worden.

(Anm. des Interviewers: So, jetzt muß ich aber doch mal einschreiten, aber dieser Satz verkennt doch so ziemlich alle Realitäten kapitalistischer, ausbeuterischer Systeme. Weil etwas schlecht wird es ja leider nicht verboten. Ich frage mich auch, wie Herr Inouye auf diese Idee kommt. Meines Erachtens ist die Geschichte voll von Gegenbeweisen… wie dem auch sei….)

Wenn Geld tatsächlich der Ursprung allen Übels ist, dann hätte es keinerlei positiven Nutzen. Es hätte keinen konstruktiven Nutzen, wenn es so schlecht wäre. Letztendlich ist das wirklich Böse an Geld nicht das Geld an sich, sondern warum Menschen es haben wollen. Das wirkliche Problem ist was Menschen motiviert, Geld haben zu wollen. Es ist der Mensch, der das Geld definiert, und nicht das Geld, das den Menschen definiert. Warum du Geld willst und wie du es nutzt definiert deinen Charakter. Wenn du Geld willst und es dazu benutzt um dein Leben und das Leben derer, die du magst, zu verbessern, kann es ja wohl schlecht als böse bezeichnet werden.

Meine dritte Annahme ist: Es ist nichts falsch daran, Geld zu verdienen. Für mich ist Geld-verdienen etwas was ich als legal, ethisch und sozial akzeptabel betrachte, um Geld im Tausch für eine Sache oder einen Service zu bekommen. Mit anderen Worten, nach meiner Definition ist Geldverdienen definiert als dafür Geld zu bekommen, daß man eine Sache oder einen Service zu einem fairen Kurs anbietet. Unfair wäre es, wenn man Menschen ausbeutet, um Geld zu verdienen. Niemanden zu schaden oder auszubeuten ist dabei eine zentrale Sache, gerade weil es viele Arten gibt, Geld zu verdienen, die darauf basieren, daß andere eben verletzt oder ausgebeutet werden.

Diese falsche Art, Geld zu verdienen, begegnet uns jeden Tag. Wenn alten Menschen zum Beispiel ihre Ersparnisse abgeschwindelt werden. Hier in Washington DC sehe ich Menschen Drogen verkaufen, die anderen Menschen das Leben zerstören und diese dazu bringen alles zu tun, nur um mehr Drogen zu kaufen. Diese Wege, Geld zu verdienen, sind für mich Wege, die ich nicht akzeptieren kann. Dieser ganze Scheiß, den du dir anhören mußt, daß die Leute ja keine andere Wahl haben, als zu Drogen zu verkaufen, ist Bullshit. Du hast immer eine Wahl, und Menschen auszubeuten, ist niemals der richtige Weg.

Meine vierte Annahme: Geld ist nicht das Problem, Ausbeutung und Gier sind es. Aus meinen vorausgehenden Annahmen wurde deutlich, daß ich nicht denke, daß Geld das Problem ist. Ausbeutung ist das Problem. Das Problem besteht in der Art wie du dein Geld verdienst und warum du es haben willst. Wenn du Geld auf fairem Weg machst, dann hast du dir jeden Dollar redlich verdient. Wenn du Geld machst in dem du Menschen abziehst und ausbeutest, dann bist du ein Schleimsack (slimebag). Es ist mir egal, wie schlecht es dir selbst gehen mag. Dafür gibt es keine Entschuldigung.

Meine Urgroßeltern konnten kein Wort Englisch als sie nach Amerika kamen. Ihre Kinder durften nicht in die gleichen Schulen gehen wie weiße Kinder, durften nicht die gleiche Erziehung genießen. Es war ihnen verboten, Land zu besitzen, weil sie aus Japan und nicht Europa kamen. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als ihn Slums zu leben, weil die Gesetze der USA zu der Zeit so waren. Sie waren Sklaven und schlugen Zuckerrohr für 10 cent am Tag, damit ihre Kinder und Kindeskinder es einmal besser haben und nicht so leben mussten wie sie. Obwohl sie ausgebeutet und von der Gesellschaft wie Hunde behandelt worden sind, haben sie niemals andere Menschen abgezogen.

So, nun also wieder zu der Frage, ob es O.K. ist, durch Punk/HC sein Geld zu verdienen. Erstens: Die Möglichkeit mit Punk/HC, Geld zu verdienen, ist nomalerweise so weit entfernt, daß es sich nicht lohnt, sich darüber groß Sorgen zu machen. Menschen denen es wirklich einzig und allein um das Geld geht, sollten nicht gerade Musik machen, insbesondere keine Punkrock. Im Zweifelsfall geht es dir finanziell besser als Hausmeister, als wenn du Musik machst. Als Hausmeister bekommst du wenigstens Krankenversicherung, ein sicheres Einkommen und Rente.

Wie auch immer, auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist: wie sieht es mit den ethischen Problemen aus, via Punkrock Geld zu machen?

1. Wenn du niemanden abziehst oder ausbeutest, dann ist da grundsätzlich überhaupt kein Problem. Niemand wird Geld für deine Musik ausgeben, wenn sie es nicht wollen oder zu-mindest davon ausgehen, daß sie einen ange-messenen Gegenwert für ihr ausgegebenes Geld bekommen.

2. Du meintest in deiner Frage, daß es irgendwie problematisch ist, wenn man dadurch Geld verdient, indem andere Menschen für das eigene Vergnügen zahlen müssen. Indem du ausdrückst, daß es irgendwie falsch ist, Geld zu verdienen, während man sich vergnügt, liegt die Vermutung nahe, daß der Akt des Geldverdienen normalerweise oder sogar wünschenswerterweise etwas Unschönes ist. Nun, ich kann nicht stark genug betonen, wie sehr ich das für falsch halte. Innerhalb dieser Logik ist Geld verdienen, während man etwas tut was man haßt, etwas Edles.

Andererseits ist Geldverdienen während man sich vergnügt und eventuell anderen Vergnügen bereitet irgendwie falsch. Ich weiß nicht. Damit kann ich nicht übereinstimmen. Etwas tun, das ich hasse, nur um bezahlt zu werden, klingt nicht gut für mich. Ehrlich gesagt hört es sich nach Prostitution an. Du verkaufst dich selbst, um Geld zu verdienen. Ich schüttel immer meinen Kopf, wenn sich Kids darüber aufregen, wie ihre frühere Lieblingsband nun “sellouts” sind, weil sie versuchen, von der Musik zu leben. Was ist mehr sellout? Etwas zu tun was du hasst, nur um Geld zu verdienen, oder etwas tun, das du liebst und das dir und anderen Freude bringt und möglicherweise sogar etwas Geld einbringt?

Ich persönlich habe mein ganzes Leben lang versucht etwas zu tun das mir Spaß macht, um Geld zu verdienen. Sicher, es hat nie was mit der Band zu tun gehabt. Aber ich habe bei all meinen Jobs Spaß gehabt und werde immer weiter versuchen jeden Moment meines Lebens, Spaß zu haben, auch wenn es Momente sind in denen ich Geld verdiene. Das bedeutet zwar, daß ich nicht die Sicherheiten und die Finanzen habe, die ich in einem anderen Job hätte, aber es bedeutet immerhin, daß ich mich jeden Morgen darauf freuen kann aufzuwachen.

3. Wie sieht es denn ganz realistisch aus mit der Möglichkeit mit Musik Geld zu verdienen? Mit Punk/HC Geld verdienen passiert nicht oft, aber es gibt immer wieder Bands, die glücklich genug sind, das Talent und Können zu haben, Platten zu verkaufen. Bands beweisen immer wieder aufs Neue, daß es möglich ist, gute Musik herauszubringen, niemanden abzuziehen und immer noch Geld damit zu verdienen. Das erste Beispiel an das ich denken muß sind FUGAZI und Dischord Records. Sicher diese Menschen werden auf keiner Liste der reichsten Menschen der Erde auftauchen. Aber immerhin schaffen sie es, relativ gut von ihrer Musik zu leben, ohne jemanden damit auszubeuten. Ich freue mich für sie. Wenn man wie sie die Möglichkeit hat, das zu tun, dann gibt es keinen Grund es nicht zu tun, nur weil irgendwelche “Regeln” von Punkrock bestimmen, daß man einen Scheißjob haben muß.

Ich glaube kaum, daß irgendjemand, der halbwegs denken kann, zu Punkrock kommt, nur um Geld zu machen.

Andererseits weiß ich ganz sicher, daß niemand dazu kommt, um abgezogen zu werden. Ich erinnere mich daran, wie mich dieser Kid angemacht hat, weil ich mich darüber aufgeregt habe, daß ein Label unseren Kram gebootlegt hat und uns NULL Geld dafür gegeben hat. Er sagte, daß ich ein Idiot sei, daß ich nicht Punk sei und sowieso nur in it for the money. Ich erklärte ihm, daß ich niemals zu Punkrock gekommen sei, um Geld zu machen, und ich auch niemals Geld damit gemacht habe. Wie auch immer, ich bin halt auch mit Sicherheit nicht dazu gekommen, um abgezogen zu werden. Wir haben 5½ Jahre daran gearbeitet, daß MARGINAL MAN uns und unseren Fans etwas bedeutet. Wir haben unser Geld gespart, um unsere Platten aufzunehmen.

Wir haben uns den Arsch aufgerissen, um unsere eigenen Touren zu buchen und die Band überhaupt zu machen. Nach Jahren harter Arbeit wurden wir also von einem Typen abgezogen, der uns niemals mit irgendetwas geholfen hat und jetzt ohne unsere Genehmigung Platten rausbrachte, für deren Aufnahme wir bezahlt haben. Wir haben nichts dafür bekommen. Er hat für nichts bezahlt, hatte uns niemals geholfen, als wir noch zusammen waren. Alles was er tat, war eine Platte zu nehmen für deren Aufnahme wir bezahlt haben. Ohne uns zu fragen. ICH MUSSTE MIR EINE EIGENE CD KAUFEN, AUF DER ICH MITSPIELE! Ich weiß nicht wie es mit dir steht, aber meiner Meinung nach ist das nicht Punkrock. Das ist Diebstahl.

Da du ja nun schon seit über einem Jahrzehnt in der Punk/HC-Szene involviert, welches sind deiner Meinung nach die größten Veränderungen? Was hat sich verbessert, was hat sich verschlechtert?

Zuallererst: es ist VIEL grösser geworden! Heutzutage ist es für Bands möglich, von ihrer Musik zu leben. Das ist zwar immer noch schwierig, aber es ist nicht unmöglich, wohin-gegen man damals überhaupt nicht daran denken konnte. Die Tatsache, daß es zumindest potentiell möglich ist, ist sehr wichtig.

Außerdem ist es nun für Indie-Bands möglich auf einem Major-Label zu sein. Ich hab vor ein paar Monaten ein paar alte Fanzines aus den 80ern durchgeblättert und in allen Interviews haben die Bands gesagt, daß sie niemals auf ein Major-Label gehen würden, das wäre sellout. Das Lustige daran ist, daß zu der Zeit überhaupt kein Major-Label die Existenz von Punk/HC-Bands bemerkt hat, geschweige denn je daran gedacht, solche Bands zu signen.

Damals verkauften Bands wie BLACK FLAG oder DEAD KENNEDYS locker 50.000 Einheiten jeder Platte, die sie rausgebracht haben und die Majors ignorierten sie. Heutzutage braucht eine Band nur ein paar Tausend Einheiten auf einem Indie-Label verkaufen und schon bieten alle Major-Labels ihnen Deals an.

Ob das eine gute oder schlechte Sache ist, ist eine Frage der Einstellung. Die Beteiligung von Major-Labels ist etwas, das ich nicht so besonders schätze, weil es halt bei Majors viel mehr um Geld als um die Musik geht. Offen-sichtlich ist Geld notwendig, damit Platten produziert und verbreitet werden können. Auf jeden Fall ist bei Major-Labels Musik viel mehr nur ein Geschäft. Es geht weniger darum eineN KünstlerIn zu fördern, als das investierte Geld möglichst schnell zurückzubekommen.

Folglich werden Bands, wenn sie nicht sofort genug Platten verkaufen, gedropped oder vergessen. Außerdem sind Majors so dermaßen groß, daß es schnell passiert, daß Bands einfach verloren gehen, auch wenn das Label die besten Intentionen hatte. Diese Probleme existieren bei Indie-Labels weitaus weniger. Aus diesem Grund empfehle ich Bands immer eher auf ein Indie zu gehen, außer in Fällen wo ihre Musik tatsächlich und offensichtlich mainstream und kommerziell orientiert ist.

Was ich heutzutage an der Punk/HC-Szene mag, ist die Tatsache, daß es einen Haufen großartiger Bands gibt. Ich würde ja welche auflisten, aber ich würde mit Sicherheit einige vergessen und mich deshalb schlecht fühlen. Deswegen sage ich einfach, daß es viele gute Bands gibt und wahrscheinlich kennt ihr einen Haufen davon auch schon. Ohne gute Bands würde die ganze Sache wohl schnell sterben.

Es gibt allerdings auch etwas, daß mich wirklich stört. Ich habe das Gefühl, daß vieles sehr standardisiert wurde. Es scheint bestimmte Sounds und Ideologien zu geben von denen die Bands selten abweichen. Ein gutes Beispiel scheint straight edge zu sein. Obwohl ich den “Wert” von straight edge durchaus sehe, verwirrt mich die Verbohrtheit von straight edge doch sehr. Als ich zu Punk/HC kam, hieß es “no rules, play what you want, do what you want, fuck mainstream society, be yourself”. Jetzt scheinen diese Werte irgendwie verloren gegangen zu sein.

Heute wirst du nicht mehr danach beurteilt was du bist, sondern was du zu dir nimmst oder nicht. Statt “no rules, fuck mainstream society, be yourself” existieren nun massenhaft Regeln, die noch strikter und festgelegter sind als die, die uns von der mainstream society auferlegt sind. Versteh mich nicht falsch. Ganz offensichtlich ist es so, daß du mehr auf die Reihe kriegst und eine höhere Lebensqualität hast, wenn du straight bist, gesund lebst und dich nicht ständig abfuckst. Das bedeutet jedoch ganz und gar nicht, daß du dich denen, die diesen Lebensstil nicht teilen, überlegen fühlen darfst.

Als ich anfing, war es cool, wenn du straight warst. Es war auch cool, wenn du ein drunk punk warst. Wenn du ein Rude Boy warst, war es auch cool. Alle sind miteinander klargekommen und haben die Anderen für das respektiert was sie sind. Als es MINOR THREAT noch gab und straight edge hier in DC groß wurde, haben einige ihrer besten Freunde getrunken oder Drogen konsumiert. Eine frühe DC Hardcore Show war ein Benefiz für einen Kumpel, der wegen Drogen zu einer Geld-strafe verurteilt wurde.

Wie hat sich das Leben in den USA außerhalb der Musik-Szene in den letzten Jahren verändert?

Gute Frage. Ich denke die größte Veränderung ist, daß die Nachrichtenberichterstattung viel stärker an Sensationen als an der Art oder “ethics” ihrer Berichte interessiert sind. Es scheint, daß es noch viel stärker darum geht, die Zeitung zu verkaufen anstatt darüber nachzudenken, ob die Nachrichten es tatsäch-lich wert sind, verbreitet zu werden. Die Art wie die Medien die ganze Monica Lewinsky- Angelegenheit behandelt hat war einfach lächerlich.

Würdest du dich als einen politischen Menschen bezeichnen?

Schon wieder ein gute Frage. In Amerika würde ich wahrscheinlich politisch bezeichnet werden. Ich versuche mitzukriegen was passiert und versuche soviel zu wissen, daß ich die story hinter der story, die ich in der Zeitung lese, verstehen kann. Da aber Menschen in den meisten anderen Teilen der Welt viel aufmerksamer für Politik und die Welt um sie herum zu sein scheinen als ihre amerikanischen Gegenstücke, würde ich vielleicht in anderen Teilen der Welt nicht als politisch bezeichnet werden.

Was ist das Dümmste, das du jemals gemacht hast?

Ich werde jetzt gar nicht veruchen eine bestimmte Sachen zu erzählen, sondern viel lieber den Grund für viele dumme Dinge, die ich gemacht habe, nennen. Der Grund für die dümmsten Sachen, die ich je gemacht habe, war mich selbst und meine Fähigkeiten zu unterschätzen. Das ist der größte Fehler den ich je gemacht habe und machen werde. Wahrscheinlich ist es der größte Fehler den überhaupt irgendjemand machen kann.

Was ist das Lustigste, das du jemals erlebt hast?

Puh, ich glaube, mit MARGINAL MAN auf Tour zu sein. Die Touren waren einfach eine Aneinanderreihung lustiger Sachen. Ich hatte ein paar Auschnitte meines Tourtagebuchs vor ein paar Monaten in einer lokalen Zeitung veröffentlicht, ich hatte tatsächlich vergessen wie lustig/lächerlich touren war. Ich kann unmöglich irgendetwas Spezielles nennen, weil Touren wie ein ununterbrochener Witz war. Auf jeden Fall ist es etwas, das jedeR in seinem/ihren Leben gemacht haben sollte.

Welche Bands bewunderst du wirklich für das was sie getan haben oder tun?

Ich respektiere jede Band, die sich die Arbeit macht, etwas zusammen zu packen und den Mut, dies der Welt zu präsentieren. Soweit es meine persönlichen Erfahrungen betrifft gibt es zwei Bands, die wirklich einen großen Einfluß auf mich hatten: THE BAD BRAINS und MINOR THREAT. Beide haben mir gezeigt, daß lokale Bands genauso gut oder sogar besser sein konnten als bekanntere Bands aus anderen Städten. Das hat mich inspiriert, meine eigene Band zu starten.

Welche Menschen bewunderst du wirklich für das was sie getan haben oder tun?

Als Mitglied einer Minderheit (Ich bin Japanisch-Amerikaner), muß ich sagen, daß die Person, die ich bewundere, mein Vater ist. Er hat mir Werte wie harte Arbeit, Selbstgenügsamkeit, Fairness, Respekt für Individualität und persönliche Freiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung übermittelt. Er hat mir beigebracht an mich selbst zu glauben und nicht das zu glauben, was die Gesellschaft über einen erzählt. Sein Großvater kam nach Amerika, um für 10 cents pro Tag auf einem Zuckerrohrfeld auf Hawaii zu arbeiten und Schulden von $300 abzuarbeiten, um die Familienehre zu retten.

Er und seine Frau brauchten mehr als 30 Jahre, um diese Schulden abzubezahlen. Der Vater meines Vater hatte nur eine Grundschulbildung aber schaffte es, eine Frau und vier Kinder zu unter-stützen. Mein Vater wuchs in einer Umgebung von (Rassen-)Trennung und Diskriminierung auf und schaffte es, sich über seine Verhältnisse zu erheben. Als er aufwuchs waren die Schulen getrennt und wirklich so aufgebaut, um Nicht-Weiße davon abzuhalten sich wirklich zu entwickeln. Er war der Erste aus der Familie, der es schaffte, die High School abzuschließen und zum College zu gehen. Wenn ich es jemals schaffen sollte seine Arbeitsmoral (work ethic) und seinen Glauben an sich selbst zu haben, dann würde ich mich wirklich als einen glücklichen Menschen bezeichnen können.

Interview: jobst

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