Oktober 15th, 2018

MANTAR (#169, 2014)

Posted in interview by Jan

Working Hard Heros

Mantar (türkisch für Pilz) kommen aus Hamburg, werden aber nie müde zu betonen, dass sie eigentlich aus Bremen kommen und nur der Jobs wegen nach Hamburg gezogen sind. Das Besondere an Mantar ist, sie spielen als Duo. Erinc (E) an den Drums und Hanno (H) an der Gitarre und Gesang. Dabei wird ein Sound kreiert, der sowohl hart als auch melodiös ist. Obwohl die beiden Musiker sich bereits seit Jahren kennen und schon lange Zeit etwas zusammen machen wollten, schafften die beiden es erst sich Ende 2012 in einem Proberaum zu treffen und fortan an ihrer ureigenen Form von Härte zu arbeiten. Dieses Jahr erschien das Debüt Album „Death by Burning“.

Proberaum, DIY 7“ Veröffentlichung, nun auf einem kleinen Label, fast nur positive Kritiken zu Eurem Debüt Album und Konzerte in ganz Europa und bald sogar auf der ganzen Welt. Das alles in nur einem Jahr. Überrascht Euch das und geht Euch das vielleicht sogar zu schnell?

H: Zu schnell nicht, weil es genau der Grund ist warum wir das machen. Wir wollen vor so vielen Leuten wie möglich spielen und dabei so viel reisen wie es geht. Das ist der Lohn der ganzen Sache. Das wir uns und unser Schaffen vor so vielen Leuten wie möglich präsentieren können. Das ist super. Überraschend ist das auf jeden Fall, weil wir wie viele andere Bands auch, schon lange Musik machen. Diesmal aber etwas aus der Hüfte geschossen haben. Der Plan war eigentlich 50 Kassetten zu produzieren und an Freunde zu verteilen, weil wir Gigs in Hamburg spielen wollten. Das mit den Labels ging dann schnell und ist von alleine passiert.

Wir hatten beispielsweise Angebote aus den USA von großen Metallabels, bevor wir überhaupt auf der Bühne standen. Uns war aber von vornerein klar, dass wir so etwas nicht wollen. Dann kam die Idee mit „Svart“, das zwar ein relativ kleines, aber feines Label ist. Die sind komplett Do it yourself, und bezahlen unsere Platten und CDs, haben extrem faire Deals, lassen uns aber zu 100% machen was wir wollen. Wir sind ja keine zwanzig Jahre alt mehr und merkten, dass wir uns mit einem Plattenvertrag mit Gerichtsstand Los Angeles viel kaputt machen können. Der Deal mit „Svart“ ist im Gegensatz dazu einfach, das ist ein One-Off Deal. Wenn wir Bock haben wird der für jede neue Platte verlängert und wir teilen alles durch die Hälfte.

Von den Platteneinnahmen oder auch von den Konzerten und Merchandise Verkäufen?

H: Nur von den Platten. Das Label hat ja nur damit zu tun. Tapes und Shirts und so weiter sind in unserer Hand. Konzerte sowieso und einen Verlag haben wir nicht. Das ist ein richtig klassisches Do it yourself Label. Mit einem extrem guten Geschmack.

Ihr spielt als Duo. Ist das arbeiten dadurch einfacher, weil direkter und die Kommunikation einfacher?

E: Auf jeden Fall, ja. Wir haben als Duo angefangen, weil wir das mal ausprobieren wollten und dann schnell gemerkt, dass das funktioniert und uns Spaß macht. Es ist unkompliziert und vor allem bekommen wir das was wir machen wollen auch so hin. Deswegen stellten wir uns auch nie die Frage ob wir noch einen dritten oder vierten Musiker brauchen.

Wie schreibt Ihr Songs? Kommt einer von Euch mit einem fertigen Lied in den Proberaum und Ihr bastelt dann nur noch daran rum?

H: Wir haben jetzt ja gerade erst eine Platte mit zehn Songs draußen. Diese Lieder sind alle komplett aus dem typischen jammen entstanden. Wirklich zu 100%. Wir haben einfach gespielt und wenn wir einen guten Moment hatten, haben wir das eine Stunde gespielt und gemerkt, dass hat Wert. Und dann nahmen wir das „rough“ auf.

E: Oder filmten es.

H: Oder filmten es, weil wir extrem schlecht im raushören sind. Danach setzten wir die Teile die passten zusammen. Wie in einem Puzzle. Wir hatten bestimmt für die erste Platte 50-60 Songansätze. Davon haben wir die besten Zehn genommen. Die Arbeitsweise ist so natürlich viel einfacher, weil die Demokratie viel direkter ist. Wenn einer von uns ein Riff nicht mag, verwenden wir es nicht. Da wird dann auch nicht mehr diskutiert.

Im Moment werdet Ihr noch überwiegend in der Metalszene wahrgenommen. Dabei ist das was Ihr macht eigentlich nicht nur Metal, da steckt viel mehr drin.

H: Das ist allerdings so. Die Metalszene hat die Band aber schon sehr für sich eingenommen. Ich glaube das liegt daran, dass wir sehr hart spielen und eine gewisse Ästhetik verfolgen die in der Metalszene ankommt. Ich persönlich höre auch gerne Metal. Deswegen ist das vielleicht nicht verwunderlich. Aber der „drive“ kommt aus einer anderen Ecke. Das stimmt schon. Wir sind einfach zwei Typen die gerne so hart spielen wie sie können. Und das hat nun mal gar nichts mit Metal zu tun.

Das erinnert mich an DAF. Die haben in dem Buch „Verschwende Deine Jugend“ so etwas Ähnliches gesagt.

H: Das ist die gleiche Agenda. Wir spielen natürlich keine Blast Beats oder elf minütige Black Metal Epnen. Der Grundgedanke war eigentlich, lass uns mal richtig auf die Kacke hauen. Es geht uns ja nicht unbedingt nur um Geschwindigkeit oder Lautstärke, sondern es geht um Energie und eine gewisse Attitüde.

E: Das Album und die Band spiegeln unsere Interpretation von Härte wider. Mantar ist die härteste Band in der ich bisher war.

H: Der ganze Metal Kram ist definitiv die Basis. Aber wir kommen aus keiner Szene, wir haben keinen Szene Background und müssen dementsprechend auch keine Szene bedienen. Deswegen freue ich mich über jeden, der mit der Musik etwas anfangen kann. Egal welches Bandshirt er oder sie auf den Konzerten trägt.

Das kann ja auch sehr befreiend sein.

H: Absolut. Wir sind niemanden Rechenschaft schuldig. Das ist gerade in unserem Alter, wir sind beide über dreißig Jahre alt, sehr angenehm. Ich möchte nicht Mitte dreißig und ein alter Punkheld sein, der nach der Pfeife einer vermeintlichen Szene zu tanzen hat, die diktiert wie meine Songs zu klingen haben.

Ich habe mal gelesen, dass Grunge zu 2/3 aus Punkrock und 1/3 Metal besteht. Ich glaube das war in Bezug auf Nirvanas Bleach. Woran mich Euer Album auch irgendwie erinnert. Nur dass es bei Euch umgekehrt ist und „Death by Burning“ zu 2/3 aus Metal und 1/3 aus Punk Rock besteht.

H: Das trifft es enorm gut. Finde ich gut beobachtet.

Ich würde gerne wissen, inwieweit Ihr eine 90iger Jahre Sozialisation habt. Altersmäßig passt das bei Euch ja. Und in wie fern das bei den Aufnahmen mit eingeflossen ist?

E: Auf jeden Fall sehr viel. Die neunziger Jahre war das Jahrzehnt in dem wir angefangen haben „coole“ Musik zu hören und auch selber Musik zu machen und vor allem die Musik zu hören, die fürs eigene Musik machen am prägendsten war. Das geht über Crossover, Punk natürlich und Hardcore. Handgemachte gute Musik könnte man sagen. Was es heute in dieser Form gar nicht mehr gibt.

H: Ich finde die Beobachtung enorm richtig. Das trifft es. Natürlich ist es Metal, auf Grund der Härte. Aber es hat so eine Punk Attitüde und eine gewisse Rotzigkeit. Für mich sind die neunziger Jahre vor allem wichtig von der Herangehensweise an Musik. Also nicht nur Musik konsumieren, sondern machen und erleben. Ich bin in Bremen, gegenüber dem Wehrschloss (Das Wehrschloss war ein Jugend-/Kulturhaus mit Kinder und Jugendprogramm, sowie einem Konzertsaal. Lange Zeit war der das Haus Mittelpunkt der Bremer Punkszene. Heute beherbergt das Gebäude ein Paulaner Restaurant.) aufgewachsen und habe mir da jedes Wochenende fantastische Bands angesehen und gleichzeitig im Keller Musik gemacht. Damals gab es in Bremen Bands wie Chung, Party Diktator und Saprize. Für mich war da klar, Musik machen ist möglich. Auch ohne ein Rockstar zu sein. Neunziger Jahre also extrem prägend.

Ich finde es ist beim Hören des Albums unüberhörbar, dass es musikalisch eine sehr hohe Qualität hat, egal ob einem die Musik erst mal zusagt oder nicht. Die Qualität ist da.

H: Ich glaube das ist genau der Schlüssel, warum es funktioniert. Wir haben viele Leute auf den Konzerten, die überhaupt kein Metal hören und auch keinerlei Wissen über die Musik haben, das aber trotzdem gut finden. Denn die Songs sind in sich immer noch griffig. Die meisten Lieder sind bloß drei bis vier Minuten lang. Das ist ein Popsongformat. Wir verzichten auf viele Spielereien und kommen sofort auf den Punkt. Wir sind zu zweit und können keine Solos spielen. Wir bieten auf der Platte also nichts an, was wir live nicht umsetzen können. Die Platte wurde mit demselben Equipment aufgenommen wie wir live spielen. Dementsprechend können wir keine Solos spielen, sonst müsste ich mittendrin aufhören. Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren. Das Riff muss geil sein, der Beat muss stimmen und jegliche Art von Melodie muss passen. Wir können uns nicht hinter irgendwas verstecken, darum muss jede Sekunde geil sein. Gitarre, Schlagzeug und Gesang. Kein Netz, kein doppelter Boden. Wenn da eins der Komponenten nicht geil ist, funktioniert das nicht.

Mir gefällt eine Sache an Eurem Album besonders gut. Trotz der Härte, hat es unglaublich viele Melodien. Beides eher untypisch für eine harte Platte.

H: Je öfter ich die Platte höre, stelle ich fest, dass die wirklich sehr melodiös ist. Für viele Hörer ist das schon fast wieder zu viel, weil manchmal überzogen. Mit dem Gesang muss man sich anfreunden. Ich kann verstehen wenn Leute sagen, das ist mir zu heftig. Eigentlich habe ich aber versucht die Melodien zu minimieren soweit es ging. Weniger geht wohl nicht bei mir.

E: Das ist wieder der musikalische Anspruch. Wir kommen aus einem Songkontext. Darum werden daraus Lieder, die man hören kann. Auch wenn sie ein Popformat haben.

H: Jeder Song soll auch einen Wiedererkennungswert haben. Dafür ist ein Melodiebogen ein großer Vorteil. Das zeigt dass die Platte nicht nur für Metal Leute was ist, sondern für Leute die gerne Musik hören. Ich glaube das jeder der auf extreme oder harte Musik steht irgendwas an der Platte findet, was er mag.

Ist die Stimme bzw. der Gesang ein drittes Instrument?

H: Absolut. Darum geht’s. Wir haben in dem Sinne keine „Message“. Hätte ich wirklich was zu erzählen würde ich auf Deutsch singen. Obgleich ich diesen konstanten Apell an den Hörer schon immer ätzend fand. Ich finde das geht auch anders. Oder so wie bei MANTAR eben auch der bewusste Verzicht darauf. Wir machen in erster Linie Musik und wollen nicht unbedingt irgendwelche Inhalte transportieren. Wir sind sicherlich politische Menschen, aber wir nutzen das Medium Musik nicht dafür und das finde ich auch nicht verwerflich. Da gibt es zig Bands die das besser machen als wir. Wir singen natürlich kein Quatsch, sondern haben schon richtige Texte. Aber eben meist ohne politischen Kontext. Und ich will auch nicht, dass die Hörer in die Texte etwas reininterpretieren und ich will niemanden belehren. Wir haben keine Message außer der Härte der Musik. Es geht um den Rausch der Musik. Die Lust an der Gewalt. Im positiven Sinne.

Könnt Ihr Euch eine Weiterentwicklung oder Veränderung des aktuellen Sounds vorstellen und wenn ja in welche Richtung.

E: Wir sind da gar nicht so festgefahren. Unsere Auswahlkriterien sind da nicht: Das ist uns nicht Metallastig genug oder so. Wenn es uns nicht gefällt, dann machen wir was anderes. Wir sagen nicht, wir müssen etwas ändern. Die Magie muss einfach da sein. Egal wie es klingt oder ob es Instrumental ist oder mit Gesang. Und nach zwei Tagen muss uns das auch noch gefallen.

H: Wir haben keine Agenda. Die erste Platte ist gut gelungen, weil wir wenig nachgedacht haben. Und diesen Moment müssen wir fürs zweite Album wieder finden.

Claas Reiners

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