Juni 1st, 2016

MAGIC SPLATTERS (#56, 02-1996)

Posted in interview by Jan

Es ist immer schwierig, eine Band zu interviewen, deren Mitglieder man auch außerhalb des „Musiker/Interviewer“-Dings als Kumpels kennt. Das Interview wird dann oft zu einem eher allgemeinen Gespräch über Musik. Das nun folgende Gespräch mit der Frankfurter Punkband Magic Splatters ist so ein Interview. Mit erschwerend kam hinzu, daß das Interview am Montag, dem 23.10.95, auf der Begräbnisfete für den Get Happy!! Plattenladen gemacht wurde. Band und Interviewer erwiesen sich im Laufe des Gesprächs als immer mehr alkoholge-schwächt und die Geräuschkulisse auf der Cassette war am Ende so hoch, daß einige Antworten nicht mehr nachvollziebar waren. Die Magic Splatters machen eine etwas aktuellere Version des ewigen 77er Punkrocks. Im Rhein-Main-Gebiet haben sie sich als Party-Band schon eine richtige Fangemeinde zusammengespielt. Veröffentlicht wurden bis jetzt: 2 Tapes, eine Single auf Get Happy!! Records und eine weitere auf dem Label des französischen No Government Fanzines. Wir sprachen mit Ralf – Gitarre und Backgroundvocals, Sven – Vocals, Daniel – Bass und Oskar – Schlagzeug.

Gibt es irgendjemanden unter euch, der irgendeine Band hört, die nicht einen Stil kopiert, den es schon vor 15 Jahren gab?

Sven : Also ich mag die Stooges und MC 5, das war damals etwas Neues…

Ja, aber da warst du 2 Jahre alt….

Daniel: Du meinst also aktuellere Bands, oder…

Ralf: Das gibts doch heute gar nicht mehr! Es gibt keine aktuelle Band, die nicht kopiert!

Das, was ihr jetzt macht, ist aber doch eigentlich sehr oldfashioned..

Oskar: Ja, das soll es auch sein.

Aber warum orientieren sich so viele Bands heute an so deutlich alten Sachen, ihr ja auch?

Ralf: Die meisten orientieren sich doch am Crossover, dachte ich jetzt mal so….

Aber die, die sich noch im Bereich Punk/Hardcore bewegen…

Oskar: Was ist Hardcore heute?

Nicht Biohazard!

Oskar: Sondern? Und da wird es schon schwierig.

Sven: Discharge?

Ich meine so Sachen wie die, die auf Gravity und Kill Rock Stars sind.

Ralf: Ich glaube nicht, daß wir überlegt haben, die Musik neu zu erfinden.

Oskar: Das ist auch nicht unsere Absicht!

Dafür seht ihr das mit der Band aber doch alles sehr ernst, oder?

Ralf: Ja, es macht doch auch Spaß, wieso also nicht. Das Problem ist, daß die ganzen Kids uns und die ganze Musikrichtung heute gar nicht kennen.

Aha! Also aus Geschichtsbewußtsein, zur Aufklärung…

Ralf : Geschichtsbewußtsein habe ich nicht!

Daniel: Doch, könnte auch ein Grund sein…

Ralf: Geschichtsbewußtsein 1977 bis was weiß ich, vielleicht schon… Nur wer hat schon das Erlebnis, daß irgendjemand auf einen zukommt und sagt: „Oh, was macht ihr denn da? Hab ich ja noch nie gehört. Klasse!!“

Sven : Das kann nicht passieren.

Ralf: Doch, wenn jemand keinen Punkrock kennt, ist es etwas völlig Neues.

Sven: Es ging doch auch keiner zu den Grunge-Bands hin und hat denen erzählt: „Wau, so etwas habe ich noch nie gehört.“

Daniel: Also ich kann dazu eine wahre Geschichte erzählen. Ich habe mal in einer Band gespielt, die bestand aus lauter musikalischen Anfängern. Es entwickelte sich im Proberaum eine Musik, die, da wir alle sonst nur Radio hörten, uns als noch nie dagewesen erschien. Nach unserem ersten Konzert, sagte mir jemand, daß das doch Punkrock sei, was wir da machen würden, und wir waren total enttäuscht, daß es „unsere“ Musik schon gab. Punk kann auch noch heute authentisch sein!

Oskar: Gut, das ist aber auch schon ein paar Jahre her. Daniel wie alt warst du da?

Daniel: 17

Oskar: Wichtig ist, damals gab es keim MTV…

Ich verstehe, daß der Spaßfaktor der wichtigte, zentrale Punkt bei euch ist, ist auch völlig okay. Nur war Punk ja etwas, was schon irgendwo mit dem Anderssein zu tun hatte und auch die Maxime, nehme einen Akkord und gründe eine Band, war ein Bestandteil ei-ner Ideologie. Das ist heute meiner Meinung nach völlig antiquiert.

Ralf: Das war schon damals antiquiert. Die Band mit dem einen Akkord konnte doch sofort komplette Songs spielen, Sachen die wir heute noch nicht können. Vergiß es, das sind alles schöne Legenden…

Oskar, du bist bei den Magic Splatters der einzige, der schon seit den frühen 80er Musik machst, beim Durstigen Mann…

Oskar: Ich mache schon seit Herbst 78 Musik, damals haben ich mit ein paar Kumpels die legendären Leukoplast gegründet. Mit Wasch-brett, Dampfradio und selbsgebautem Schlagzeug.

Würdest du die Magic Splatters für dich jetzt als konsequenten Schluß aus 17 Jahren Musikmachens ansehen.

Oskar: Nein, so würde ich das nicht sehen. Es war einfach nur ein positiver Umstand, daß ich frei war, als die Splatters einen neuen Schlagzeuger gesucht haben, und ich war der Meinung, daß ich mich in der Band wohlfühlen würde und die auch meinem Musikgeschmack entspricht. Ich habe nicht 17 Jahre kontinuierlich Musik gemacht, sondern immer auch wieder die verschiedensten Projekte, von Der Durstige Man, also so eine Art Trinker-Schlager-Pop, bis Doin‘ Horse, die mehr in Richtung Hardcore, was auch immer das ist, gingen. Dann gabs noch Mau Tempo, die eine sehr spaßige Sache waren, weil jeder in der Band völlig andere Sachen mochte. Die Splatters sind für mich bis jetzt das Beste, was mir als Mitmusiker passiert ist. Wir ziehen alle am selben Strang und keiner wird auf die Idee kommen, auf einmal Reggae machen zu wollen, obwohl keiner von uns das kann. Das ist der Grund, warum es oft zu diesem Crossover-Mist kommt, die Leute versuchen krampfhaft sich von der Masse abzuheben, obwohl sie das vom spielerischen gar nicht können.

Ralf, inwieweit definierst du dich über die Band, im Sinne das mache ich, das bin ich.

Ralf: Die Band ist wahrscheinlich mein Haupt-definitionspunkt. Ich definiere mich nicht über meinen Job. Ich habe eben viel mit Musik rumprobiert, habe Sachen aus den Charts gespielt, so richtige Scheiße, und war fünf Jahre lang unzufrieden. Dann bin ich zum Punk zurückgekehrt und jetzt gehts mir wieder gut. Ich war Punk und bin es jetzt wieder.

Seht ihr denn überhaupt noch die Möglichkeit, an die wirkliche Jugend, die Green Day etc. hört, heranzukommen?

Ralf : Wenn die uns live sehen, klar! Wenn sie unsere Platte hören, eventuell.

Daniel: Die Frage wäre erstmal, ob das unser Interesse ist.

Ralf: Natürlich willst du immer Leute erreichen. Wir machen Musik für alte Säcke und junge Säcke. Wir machen Musik für Säcke.

Sven: Wir haben auch Fans, die sonst nur Metal hören.

Oskar: Wir überzeugen halt auch hauptsächlich live. Wenn wir zwei Stunden spielen, dann kommt auch viel zurück. Wenn du den Leuten viel gibst, bekommst du auch viel zurück. Es geht nicht darum, das Feuer neu zu erfinden. Wenn der Typ, der uns live sieht, seinen Spaß hatte, es ein schöner Abend war, und er am nächsten Morgen noch drei oder vier Songs von uns im Ohr hat, dann ist das genug. Und wegen der Kids… Wir haben ja im Vorprogramm von Wizo gespielt, da waren 200 Kids zwischen 12 und 14, aber nur 30 „alte“ Nasen über 25. Da kam ich mir auch grausig alt vor. Du sitzt oben auf dem Schlagzeug, die Hütte ist voll, und du siehst nur Kinder, die auf Wizo warten und gar nicht wissen, was auf sie zukommt. Und da gings dann doch ab.

Sven: Die sind abgegangen, konnten bei Wizo später aber auch jedes Lied mitsingen.

Oskar: Unser Hauptbestreben ist nun auch mal, ein wenig weiter als das Rhein-Main-Gebiet zu spielen. Einfach mal ein paar Kilometer weiterfahren, um ein paar neue Leute zu finden, die du mit deiner Musik begeistern kannst. Leute, die du nicht kennst.

Ich will nochmal ganz zu meiner Anfangsfrage zurück. Von euerem Sound her, seid ihr ja stark an Bands orientiert, die ihren Höhepunk vor langer Zeit hatten. Inwiefern hört ihr, interressiert ihr euch noch für andere Gimmicks, Stilrichtungen, Substilrichtungen im Bereich von Punk/Hardcore, die aktueller sind. Oder hört ihr hauptsächlich Dinge, die es schon recht lange gibt.

Ralf: Ich höre eigentlich mehr so Sachen wie Chelsea…..

Sven: Ich möchte den Menschen treffen, der genauso viele Gene Vincent Platten hat wie ich…..

Oskar: Es gibt Musikrichtungen, die gefallen einem, wenn man in der entsprechenden Laune ist. Dieselbe Musik zu einer Laune kann schon wieder Scheiße sein. Man muß aber die Musik, die einem manchmal gefällt nicht zwangsläufig in die eigene Musik adaptieren.

Ralf: Auch so Bands wie Blur machen doch nur dasselbe wie die alten Bands.

Sven: Ich mag Bauhaus, die waren doch ziemlich anders…

Ralf: Na gut, Bauhaus mag ich jetzt wirklich nicht…

Oskar: Cabaret Voltaire „Nag Nag Nag“, daß war noch was….

Daniel: Foyer des Artes…..Ich muß zu dieser ganzen Sache eins sagen. Ich habe nie, auch jetzt eigentlich nicht, schon gar nicht aus ganzem Herzen Punk Zuhause gehört. Ich habe Radio gehört und mir Pop-Platten gekauft, aber gespielt habe ich, unwissend und heute natürlich wissend, immer Punkrock. Ich frage, was ist jetzt für mich als musikbetroffene Persönlichkeit authentischer, eine bestimmte Musik zu hören oder eine bestimmte Musik zu machen.

Alle: Musik machen ist authentischer für dich!

Daniel: Wie auch immer, wenn ich Musik gespielt habe, habe ich mich am liebsten in dieser Richtung, Punkmusik ausgedrückt. Was ich Zuhause höre, war immer was anderes. Wenn ich mich wiedergegeben habe, kam trotzdem immer wieder Punk heraus.

Ralf: Das würde ich auch gerne von mir sagen können.

Jetzt kommt die Daniel Röhnert-Lay Screaming-Standardfrage. Könntet ihr euch individuell, nicht als Band, vorstellen, irgendeinen Musiker in einer Band, past and present, durch euch selbst zu ersetzen. Das könnte sein, Jimi Hendrix in Jimi Hendrix, aber auch der 15. Backgroundsänger bei den Rolling Stones.

Oska: Schlagzeuger bei den Misfits…

Sven: …Bass bei den Stray Cats…

Ralf: …Gitarre bei den Buzzcocks oder auch als was anderes, sogar als Mikroständerputzer…

Daniel: …Bassist bei Fear.

PS: Der Grund, warum hier keine Fotos zu sehen sind, ist der, daß die Band, obwohl es so ausgemacht war („Wir geben dir 20 Fotos, garantiert!“), vergaß, mir welche zu schicken.

Kontakt: Magic Splatters

c/o

Peter Dienelt

Steuernagelstr. 58

60326 Frankfurt/M.

Interview: Daniel Röhnert & Al Schulha

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