Februar 8th, 2018

LONELY KINGS TOURTAGEBUCH (#107, 08-2004)

Posted in artikel by Jan

Lonely Kings Tourtagebuch

Wie spät ist es? Schwül-warm ist es hier, aber gleichzeitig kommt von irgendwo her auch ein kalter Luftzug. Offensichtlich eine Klimaanlage. Kommt daher das leichte Dröhnen in meinem Kopf? Oder liegt das an den Jägermeistern vom Vorabend? Es dauert einen Moment, bis ich mich orientieren kann, bis mir klar wird, dass ich in Tampa, Florida, in einem Wohnwagen liege – in einem echten Trailer. Willkommen zu einem amerikanischen Klischee. Nur schade, dass der Wohnwagen nicht in einem Trailerpark steht, sondern in jemands Garten. Dann erinnere ich mich auch: Johnnys Cousine hat uns gestern Abend eingeladen, bei ihr und ihrem Ehemann zu übernachten. „Uns“: Das sind die Lonely Kings und ich auf Tour an der Ostküste und durch den Süden der USA.

Nun fahre ich also überhaupt erst zum zweiten Mal bei einer Tour mit – und das dann auch gleich noch in den Staaten, wo touren doch so schlimm sein soll, wie mir im Laufe der Jahre viele Bands bestätigt haben. Dabei hatte ich eigentlich einen ganz normalen Urlaub in den USA verbringen wollen, erst Freunde von der Band 27 in Boston besuchen und anschließend zu den Lonely Kings nach Sacramento beziehungsweise in San Francisco fahren. Mit denen hatte ich außerdem noch „Geschäftliches“ zu besprechen: Schließlich waren Sänger Jake und ich uns im Prinzip schon einig, dass ich das nächste Album der Lonely Kings in Europa veröffentlichen würde; die „Details“ wollten wir noch in einem persönlichen Rahmen besprechen. Aber dann bekam die Band das Angebot, A Static Lullaby aus Los Angeles bei einer Tour zu supporten. Und Jake machte mich kurzerhand zum ehrenamtlichen Merchandiser und schließlich sogar zum Tour-Manager. „Du hast doch ständig mit denen zu tun. Da weißt du doch, was zu tun ist“, war Jakes so einfache wie einleuchtende Begründung. Und so landete ich also im Van der Lonely Kings, um mit eigenen Augen zu sehen, wie schlimm so eine US-Tour nun wirklich ist.

„Wir müssen mittags schon am Club sein“, hatte mir Jake am Tag vorher schon am Telefon berichtet. „Frag mich nicht warum, aber komm am besten doch auch irgendwann am Nachmittag rüber.“ In Boston sollte es losgehen – für die Lonely Kings nicht gerade der ideale Ort, um eine Tour zu starten. Denn das heißt, dass die Band die komplette Strecke von San Francisco bis zur Ostküste ohne eine einzige Show zurücklegen muss. Das Angebot, doch nach San Francisco zu fliegen, um die Fahrt mitzumachen, hatte ich daher auch dankend abgelehnt. Während sich Sänger Jake, Bassist Emile und Schlagzeuger Jason (Gitarrist Johnny har grad keinen Führerschein) abwechseln, um in 54 Stunden vom Pazifik zum Atlantik zu kommen und dabei möglichst auf Pausen verzichten zu können, besuche ich Maria und Ayal von 27 in Cambridge, schaue mir in Ruhe Boston an, erfahre (am praktischen Beispiel der neuen 27-EP) endlich mal, was beim Mastering eigentlich genau passiert, und lerne noch dazu den Menschen kennen, der für viele der tollen Hydrahead-Cover verantwortlich ist. Klingt irgendwie entspannter, als die Staaten im Schnelldurchlauf zu durchqueren.

Warum die Band schon mittags im „Axis“ sein soll, zeigt sich am nächsten Tag: Der Club liegt direkt gegenüber dem Stadion der „Red Sox“, und die Baseball-Mannschaft hat an diesem Tag ein Heimspiel. Als ich nachmittags zum Club fahre, sind die Straßen voller Menschen, die sich das Spiel anschauen wollen. Es gibt an diesem Tag noch ein weiteres Hindernis, was die Show etwas komplizierter macht: Nebenan sind Bostoner Obdachlose zu einem Wohltätigkeitsbuffet eingeladen – und diese Veranstaltung steht offenbar unter der Schirmherrschaft des Bürgermeisters der Stadt. Der jedenfalls will von exakt 20.15 bis 20.45 Uhr eine Rede an die weniger privilegierten Mitglieder der Gesellschaft halten, und da wäre die nur durch eine Wand getrennte Show etwas zu laut. Also müssen die Lonely Kings als zweite Support-Band um Viertel nach acht mit ihrem Set vorbei sein, und erst eine halbe Stunde später geht es weiter. So richtig erfolgreich ist die Veranstaltung nebenan allerdings nicht: Es kommt nicht ein Obdachloser, und so leeren die reichen Bostoner, die mal was richtig Gutes tun wollen, das Buffet eben selbst. Aber auch unsere Show läuft nicht wirklich: Cave-In spielen am selben Abend zum ersten Mal seit langer Zeit in der Stadt, und das scheint offenbar doch etliche Leute mehr zu interessieren.

Was an den Bands so aufregend ist, mit denen wir unterwegs sind, will mir an diesem Abend allerdings auch noch nicht so recht erschließen – auch wenn sich dieser Eindruck im Laufe der zwei Wochen noch ändern soll. Aber stellen wir die Bands der Reihe nach vor: Headliner sind die bereits erwähnten A Static Lullaby aus Los Angeles – das bislang letzte Album ist zwar auf Ferret erschienen, mittlerweile hat die Band aber einen Vertrag mit Columbia unterschrieben. Was in diesem Falle auch unser Glück beziehungsweise das der Lonely Kings ist: Static-Lullaby-Bassist Phil ist nämlich seit ein paar Jahren Fan der Lonely Kings, seitdem er einmal eine Show von ihnen gesehen hatte, seine Mutter damals noch ein Shirt kaufte und sich dann nett mit Jake unterhielt. Scheint, als ob der junge Phil damals was gelernt hat: Jedenfalls ist es für ihn wichtig, dass auf dieser Tour jede Band Essen, Bier und zumindest ein bisschen Gage bekommt. Und er war es auch, der die Lonely Kings eingeladen hatte, als Support auf dieser Tour mitzukommen.

Die Musik von Static Lullaby lässt sich grob vereinfacht als missing link zwischen Krach und Bombastrock bezeichnen: Gitarrist Dan und Bassist Phil singen nämlich richtig, während Sänger Joe eher schreit. Der wirkt manchmal auch wie ein Fremdkörper in der Band, die ansonsten richtigen Rock macht. Für das neue Album nimmt Joe offenbar Gesangsunterricht, mal sehen. The Bled, bis Texas Co-Headliner, sind dagegen beinahe „klassischer“ Krachcore – und damit die beste Band auf der Tour (neben, ganz subjektiv vermerkt, den Lonely Kings natürlich). Sänger James wird im Laufe der Tour immer souveräner, er ist sicherlich nicht der übliche, langweilige Schreihals. Aber an diesem ersten Abend klingen The Bled denn doch nur noch wie eine der vielen anderen Bands aus diesem Genre.

Während es bei A Static Lullaby und The Bled (die übrigens auf Fiddler Records erscheinen, was wiederum offenbar ein Geffen/Universal-Sublabel ist) also nur seine Zeit braucht, um sich an die Musik zu gewöhnen, bleiben die beiden anderen Bands, die uns bis Texas begleiten, eher uninteressant. Paris, Texas sind ebenfalls mehr oder weniger Major-Label – ihr Album wird gut zwei Monate nach der Tour (also in diesem Juli) auf New Line Records erscheinen. Das Label dürfte bislang eher unbekannt sein, New Line sind ansonsten eine Filmproduktionsfirma, die offenbar glaubt, dass man mit Musik noch Geld verdienen kann (oder die noch ein Abschreibungsobjekt suchte). Auch wenn das komplette Album der Band schon seit Monaten fertig ist – verkaufen darf die Band es auf der Tour nicht. „Für New Line sind die Verkäufe in der ersten Woche wichtig“, begründet der Bassist das, als ich ihn irgendwann mal danach frage (als ob mit ein paar auf Tour verkauften CDs der Charts-Eintritt vermasselt würde). Stattdessen gibt es von Paris, Texas nur eine Umsonst-CD mit zwei Songs, was dazu führt, dass die Kids alle das Teil mitnehmen, aber ansonsten so rein gar nichts von der Band kaufen. So richtig passt die Band auch nicht auf diese Tour: Paris, Texas sind eher eine dieser jüngeren Gruppen, bei denen deutlich wird, welchen Einfluss At The Drive-In und in diesem Falle wohl eher The Mars Volta auf die Emoszene hat.

So richtig bizarr wird es aber mit Classic Case, den Openern der Tour. Ein Label hat die Band noch nicht, ich wüsste auch nicht, warum jemand diesen doch sehr gewöhnlichen Emorock veröffentlichen wollte. Also verkauft die Band selbst hergestellte Mini-CDs auf Tour (davon aber nicht zu wenige, muss ich zugeben). Aber auch wenn die Band noch keinen Plattenvertrag hat, verzeichnet die CD fein säuberlich einen Manager, einen Anwalt und einen Agenten. Auf der Webseite gibt es dann auch noch einen Publizisten. Dass das offenbar heutzutage „normal“ ist, wird erst klar, wenn man sich drüben mal MTV anschaut. Da laufen Emobands rauf und runter. „Emo ist der neue Rockpop“, meint irgendein amerikanischer Bekannter zu mir – ich könnte es nicht besser zusammenfassen. Mit Punkrock hat das alles nicht viel zu tun, mit DIY sowieso nicht.

Manchmal fühle ich mich auf dieser Tour wie im falschen Film, und ich glaube, den Lonely Kings geht es in diesen zwei Wochen oft nicht anders. So richtig passt die Band auch nicht auf diese Tour. Die örtlichen Promoter und die anderen Bands sind zwar jeden Abend begeistert, aber es vergeht ein Abend nach dem anderen, wo ich gelangweilt am Merchandise-Tisch sitze und nichts verkaufe. Hier in Boston ist es nicht anders.

Auch wenn es auf dieser Tour eine feste Gage für jeden Gig gibt und auch für Essen (seltener im Club, meist in Form eines Buy-Outs) sowie Getränke gesorgt ist – um die Übernachtung muss sich jede Band selbst kümmern. A Static Lullaby sind mit einem „RV“, einem „Recreational Vehicle“ (also einem Camper), unterwegs, The Bled bekommen offenbar genügend Geld, dass sie sich Hotelzimmer leisten können. Die anderen Bands müssen sehen, wo sie bleiben. Da ist es ein Glück, dass die Lonely Kings etwas älter sind und viele weit verstreute Freunde haben. Die Alternative ist nur ein Motel, und das kostet uns die Hälfte der täglichen Gage, selbst wenn wir zu fünft in einem Doppelzimmer übernachten. In Boston wohnt irgendein Verwandter von Bassist Emile, zu dem wir bald nach der Show (die in der Regel um 22 Uhr vorbei sind, im Extremfalle mal um Mitternacht – und das bei fünf Bands!) fahren. Ein paar amerikanische Bier und ein Viertel der NBA-Playoffs später, und ich schlafe  ein. Der Jet-lag macht sich noch deutlich bemerkbar.

Das frühe Einschlafen ist gut: Am nächsten Morgen soll es schließlich von Boston nach Towson in Maryland – einer Kleinstadt in der Nähe von Baltimore gehen, und das mit dem Umweg über Brooklyn, weil Jake mal wieder seine Brille zerstört hat und die Ersatzgläser dummerweise einen halben Tag zu spät bei einem Freund in New York eintreffen. Die Brille ist zwar da, als wir am frühen Nachmittag in Brooklyn eintreffen, aber Jake wird sie während der Tour fast nie aufsetzen: Sein Optiker hat zu starke Gläser benutzt. Ein überflüssiger Umweg also, aber immerhin entschädigt das Panorama von Manhattan und – wegen der Fahrt über Staten Island nach New Jersey – der Blick auf die Freiheitsstatue für die längere Strecke. In Towson kommen wir trotzdem noch pünktlich zur Show an.

Auch dort ist das Publikum nicht gerade das richtige für die Lonely Kings. Wie fast jeden Abend kommen nur Emokids, die sich für Punkrock nicht wirklich zu interessieren scheinen. Emiles Freundin Maude zieht zwar extra das pinkfarbene Girlie-Shirt, das Jake hat machen lassen, an, um die Mädchen so zum Kauf zu animieren, aber es nützt nichts: Zwei verkaufte CDs sind an diesem Abend die Bilanz. Allerdings kassiert auch das Recher Theatre Prozente vom Merch-Verkauf, insofern ist es ganz gut, dass keiner ein Shirt haben will. Und das pinkfarbene Shirt wird hinterher trotzdem noch zum Renner der Tour. Es wird also ein unaufregender Abend hier in Towson, aber zumindest lerne ich noch eine weitere interessante Eigenart amerikanischer Clubs kennen: Das Bier darf ich hier nämlich nur Backstage trinken, ist ja schließlich eine All-Ages-Show. Die Security lässt mich dann aber doch mit meinem Miller Lite durch (ich persönliche finde ja eh, dass das kein Bier ist, aber auf diese semantische Diskussion wollte ich es denn doch nicht ankommen lassen). Danach müssen mir die Lonely Kings immer das Bier zum Merch-Stand schmuggeln, schließlich soll ich irgendwie versuchen, hier noch was zu verkaufen. Wir brechen aber schon weit vor Ende der Show auf – statt uns hier ein Motel zu suchen, fahren wir lieber gleich weiter nach Richmond, Virginia, zum nächsten Auftrittsort. Dort wohnt Maudes Schwester, bei der wir übernachten können. Immerhin treffen wir auch noch so rechtzeitig ein, dass uns eine Stunde bis zur Sperrstunde in einer guten Punkrock-Kneipe bleibt. Richmond – da scheint es das richtige Publikum für die Lonely Kings zu geben.

Der Ort ist irgendwie seltsam – Richmond war die nördlichste Stadt der Südstaaten-Verbündeten, und überall stehen hier noch Denkmale, die an den Bürgerkrieg erinnern, rum. Ich muss feststellen, dass ich vom Bürgerkrieg so gut wie gar nichts weiß – aber zum Museumsbesuch kann ich mich am nächsten Tag nicht so recht motivieren. Zumal wir heute extrem früh zum Club müssen: Das „Alley Katz“ hat an diesem Freitag zwei Shows, und wir spielen die frühe. Abends gibt es dann wohl Musik für Erwachsene, wo die Bar Umsatz machen kann. Aber obwohl das Konzert schon um halb sechs losgeht, warten tatsächlich schon Kids darauf reinzukommen. Das System scheint wohl ganz normal zu sein. Übermäßig besucht ist das Konzert trotzdem nicht, und auch heute will keiner was vom Merch der Lonely Kings wissen. Das frühe Konzert hat auch seine Vorteile: Um 21 Uhr ist alles vorbei, und theoretisch könnten wir nun mit Maude und ihren Freundinnen um die Häuser ziehen. Theoretisch. Praktisch sind es bis Jacksonville in Florida 600 Meilen, und wir entscheiden uns, die Nacht durchzufahren. Schon eine Stunde nach Ende der Show sitze ich erstmals am Steuer des Vans und darf ausprobieren, ob es tatsächlich viel lockerer ist, in den USA zu fahren (ist es, wenn man mal von den wahnsinnigen Truckern absieht, die mit 80 Meilen pro Stunde an einem vorbei ziehen).

Morgens um 8 Uhr in Jacksonville. Schon jetzt ist es fast unerträglich schwül-warm, bis zum Nachmittag zieht ein richtiger Sturm auf. Der Mann an der Rezeption des Motels war ein bisschen eingeschnappt, weil wir uns zu fünft ein Zimmer teilen wollen, aber dann akzeptiert er unsere Sparmaßnahme. Solange wir kein Geld mit dem Verkauf von T-Shirts und CDs machen, können wir uns auch nicht viel leisten. Der Sprit ist zwar viel billiger als in Deutschland, aber die Distanzen umso größer. Und mit 100 Dollar am Tag kommt man da nicht sehr weit, wenn davon noch Hotels bezahlt werden müssen und auch die Nikotin-Abhängigkeit einiger Bandmitglieder befriedigt werden will.

Nachmittags fahren Jake und ich schon mal zum Club, während die anderen lieber den „History Channel“ gucken wollen. Im „Jack Rabbits“ treffen wir auf vollkommen betrunkene A Static Lullaby plus des Barmanns des Ladens – dass die Gastfreundschaft in Florida groß ist, hatten die Lonely Kings mir schon erzählt. Aber so groß… Auch wir kommen nicht ohne ein paar Gläser Apfelschnaps weg; dann verdrück ich mich aber lieber: Schließlich muss ich den Rest der Band noch abholen. Die Jungs sitzen immer noch vor dem Fernseher, schauen aber mittlerweile die Nachrichten – auf allen Kanälen läuft eine Unwetterwarnung für Florida mit dem Zentrum Jacksonville. Scheint ja ein richtig spannender Tag zu werden: Da bin ich schon mal im angeblich so sonnigen Florida und erlebe gleich einen richtigen Sturm. Allerdings treibt uns eher die Frage um, wie an solch einem Tag auch nur irgendwer zu der Show kommen soll.

Abends ist der Sturm aber vorbei gezogen, und der Club (ein richtiger Punkrock-Schuppen mit einer einfachen, kleinen Bühne, einer großen Bar und ohne nur ein Fenster) ist ausverkauft. Der Mann hinter der Theke gibt sich weiter generös: „Kümmert ihr euch um mich, kümmere ich mich um euch“, gibt er Jason zu verstehen. Der drückt ihm daraufhin eine Zehn-Dollar-Note als Trinkgeld in die Hand – und wir können den restlichen Abend frei trinken. „Können“ ist das falsche Wort: Wir müssen. Meine Frage nach einer Flasche Wasser wird jedenfalls so lange ignoriert, bis ich auch noch ein Budweiser nehme. Und so geht das den ganzen Abend. Die Promoterin des Ladens ist am Ende nicht so richtig glücklich, was den Alkohol-Konsum der Bands angeht, aber so richtig schwer nimmt sie es auch nicht. Auch unseren Buy-Out bekommen wir noch – und einen Tipp, wo wir um diese Zeit noch Essen bekommen (die normalen Läden machen auch samstags um acht Uhr zu): bei „Famous Amos“, von den Locals wegen der deftigen Küche auch „Flaming Anus“ genannt. „Don’t go for anything fancy“, rät uns die Bookerin noch – ansonsten würden wir schon rausfinden, warum der Laden den Namen trägt. Die Bedienung in dem Restaurant hat an uns ihren Spaß: Da stehen ein paar betrunkene Gestalten mit Football-Bemalung im Gesicht (dafür hat auch der Barmann gesorgt), die darüber diskutieren, ob es okay ist, wenn ich zu meinen Pommes Mayonnaise bestelle. Ist es, entscheiden wir – und so schlecht ist am Ende das Essen auch nicht.

Am nächsten Tag geht es nach St. Petersburg, einer Strecke von gerade einmal 250 Meilen. Weil das Wetter heute richtig schön ist, machen wir einen Zwischenstopp am Strand und gehen in einem kleinen Örtchen essen. Die jungen Mädels, die hier bedienen, scheinen ganz begeistert zu sein, dass eine richtige Rockband auf Tour bei ihnen anhält und isst. In dem Kaff ist nämlich gar nichts los, erzählen sie. Hier würden nur alte Leute Urlaub machen. Als wir ihnen noch ein paar CDs schenken, sind sie richtig begeistert. Mag ja sein, dass amerikanische Freundlichkeit oft nur geheuchelt ist. Aber hier in Florida scheint das tatsächlich anders zu sein. Wenig später redet mich dann noch ein älterer Mann an, der meinen Akzent gehört hat und mich fragt, wie mir Florida gefällt. Noch jemand richtig Nettes –trotz des „Bush/Cheney 04“-Bumper-Stickers an seinem Auto.

Dafür haben im State Theatre in St. Petersburg am Tag vor unserem Konzert die amerikanischen Grünen halt gemacht, um für Ralph Nader zu werben. Überhaupt scheint dieser Club inklusive des Managers eher richtig alternativ zu sein. Der Türsteher ist unglaublich: ein riesiger Schwarzer mit breiten Schultern, der ein breites Lachen und dabei sein halbes Dutzend Goldzähne zeigt. Die Frage, was mit seinen richtigen Zähnen passiert ist, verkneife ich mir aber. Das State Theatre war mal ein Kino, das erste in St. Petersburg. Aber weil solch ein riesiger Saal keine Chance mehr hat gegen die großen Kinocenter, wurde es Anfang der Neunziger in eine Konzerthalle umgewandelt. In eine richtig schöne zumal. Und endlich kaufen die Leute auch mal was – auch wenn wir dafür den Trick anwenden müssen, dass es die CD-R mit zwei neuen Liedern vom kommenden Album und einen Sampler ihres amerikanischen Labels nur für diejenigen gibt, die auch ein paar Dollar für eine CD oder ein Shirt da lassen. Diese ganze Verschenkerei nervt sowieso finde ich. Warum sollen die Kids überhaupt noch Geld für Musik ausgeben, wenn sie sie ohnehin überall umsonst bekommen? Ist doch klar, dass die sich dann aus dem Netz ziehen, was sie nicht kostenlos kriegen. Aber immerhin hat sich der anfängliche Frust über die schlechten Verkäufe gelegt: Das ist eben nicht das Publikum für die Lonely Kings, das zu diesen Shows geht.

Auch hier ist die Show zeitig zu Ende, und wir fahren zurück über den Damm, der St. Petersburg und Tampa verbindet, um bei Johnnys Cousine zu übernachten. Wäre man etwas bösartig, könnte man die beiden als „white trash“ bezeichnen – schließlich leben sie in einem Trailer am Rande der Sümpfe und sind mehr oder weniger mittellos. Doch das wäre unfair: Sie arbeitet in einem Health Food Store, er studiert Englisch, um vielleicht irgendwann mal ins Ausland gehen zu können und dort seine Muttersprache zu unterrichten. Denn dass sie in den USA mal genügend Geld verdienen könnten, daran glauben sie nicht. Das ist auch das eigentlich Deprimierende an der Situation in den Staaten: Immer wieder treffe ich Menschen, die hart arbeiten, aber kaum Geld besitzen.

Und dann heißt es immer wieder, Bush sei zumindest mit seiner Wirtschaftspolitik erfolgreich. Von den Menschen, die ich kennen lerne, sieht das niemand so. Johnnys Schwager ist jedenfalls froh, mal mit Leuten unterwegs sein zu können, die seine Ansichten teilen. Und so verbringen wir etwas länger als geplant in Tampa, gehen in einer dieser Vororte, die überall in den Staaten so gleich aussehen, bei einem dieser schrecklichen Fast-Food-Ketten essen, um irgendwann am frühen Nachmittag nach Orlando aufzubrechen.

Orlando wirkt anders, was auch daran liegt, dass nicht nur Disneyland dort zu finden ist, sondern etliche weitere Vergnügungsparks. Zwar sind in der Innenstadt, wo sich der Club „The Social“ befindet, kaum Touristen zu sehen, trotzdem sieht hier alles etwas reicher aus. Aber auch in Orlando gibt es das Bild der immer gleichen Suburbs, was mir auffällt, als Emile und ich zu einem Plattenladen nahe der Universität fahren. Dort soll ich ein paar CDs abliefern, hatte ich einer Freundin versprochen. Der Club selbst ist nett, eine eher längliche Bühne, die sich in etwa auf gleicher Höhe mit der Bar befindet – dazwischen geht es einen Meter runter. Sehen kann man hier also auch dann, wenn man nicht in der ersten Reihe steht. Die Lonely Kings kommen gut an an diesem Abend: Die Kids (over age ist hier niemand) amüsieren sich über Emiles seltsame Grimassen, während er spielt, Jake beeindruckt sie mit einer kurzen Rede über seinen verstorbenen Vater, mit dem er bis kurz vor dessen Tod nicht geredet hatte, um dann zu verstehen, wie wichtig der Kontakt gewesen wäre – aber auch die Musik kommt gut an. Nicht dass wir deswegen viel Merchandise verkaufen würden. Auch weiterhin stehen die Kids Schlange, um sich T-Shirts von A Static Lullaby und The Bled zu kaufen, die restlichen Sachen ignorieren sie. Übernachten können wir diesmal bei irgendeinem Mädel, das Emile kennen gelernt hatte. Wir sind froh, dass wir zumindest auf einem harten Boden schlafen können, sie und ihre Freunde freuen sich, dass wir ein paar Sechser-Pack Bier kaufen. Schließlich sind auch sie noch keine 21. Aber immerhin studieren sie alle Musik, so dass die Unterhaltung noch ganz interessant wird. Jason kann die sechs Jungs und Mädels sogar richtig beeindrucken, und er merkt es nicht mal. Er erzählt nur ganz beiläufig, wie er mal mit den Deftones gespielt hat und dass er auch noch diverse andere dieser Teenie-Idole ganz gut kennt. Die Sechs kriegen große Augen, ich amüsiere mich prächtig.

Am nächsten Tag geht es weiter nach Ft. Lauderdale, ganz in den Süden Floridas. Ich fahr die kompletten fünf Stunden durch, was sich später noch als Fehler erweisen soll – eigentlich wechseln wir uns alle drei Stunden hinterm Steuer ab. Aber in den USA ist es nun wirklich nicht anstrengend zu fahren. Mit 75 Meilen gehört man schließlich schon zu den schnellsten Fahrern und muss nicht aufpassen, ob von hinten jemand angerast kommt, wenn man selbst zum Überholen ansetzt. Der Besitzer des „Culture Rooms“ in Ft. Lauderdale ist auch wieder recht seltsam. Er könnte in den Siebzigern in Bands wie Journey oder Styx gespielt haben, hat langes, gepflegtes Haar und trägt immer eine Sonnenbrille. Aber auch er ist extrem nett. Wir unterhalten uns ein bisschen über Musik, er freut sich, dass ich – vermutlich als einer der wenigen an diesem Abend – Buzzcocks-Fan bin (die hatten ein paar Wochen vorher hier gespielt), und weist deswegen seine Kellnerin an, dass sie sich doch ganz besonders um meine Getränke-Wünsche kümmern soll. Also probiere ich alle möglichen Biersorten durch und muss sagen: Die einzigen, die schmecken, sind importiert.

Der Merch-Tisch ist heute draußen aufgebaut, so dass wir nicht den ganzen Abend dem Krach ausgesetzt sind. Beim letzten Konzert mit A Classic Case und Paris, Texas, sind auch alle redseliger, und ich lerne noch dazu einen jungen Skinhead kennen, der vermutlich kubanischer Abstammung ist und mit seiner Band Oi-Punk und HipHop verbindet. Irgendwer muss ihm erzählt haben, dass ich ein kleines Label mache, weshalb ich ihn nicht mehr so recht loswerde. Aber es wird insgesamt ein entspannter Abend.

Nun aber müssen wir uns entscheiden: Vor uns liegen 1330 Meilen, gut zweitausend Kilometern, bis nach Austin, Texas. Zwar haben wir morgen unseren ersten day-off, aber eine harte Strecke ist das trotzdem. Und eine Nacht werden wir auf alle Fälle im Van verbringen. Weil alle müde sind, nehmen wir uns heute das billigste Motel, das wir bekommen können. Wieder bekommen nur zwei ein Bett, der Rest schläft auf dem Boden. Mein Nacken sagt mir anderntags, dass ich alt werde. Am nächsten Morgen verstehe ich auch, was noch so negativ am Tourmanager-Dasein ist. Wie verabredet wecke ich alle weit vor 8 Uhr, wovon nicht alle begeistert sind. Aber wenn wir wirklich die komplette Strecke am Stück runterreißen wollen, um am nächsten Morgen noch ein bisschen Schlaf bei einem Freund der Band zu bekommen, sollten wir jetzt los.

Jake ist der erste, der fährt – und er bleibt sechs Stunden hinterm Steuer. Ich hätte gestern auf die Drei-Stunden-Schichten bestehen sollen. Dann wären wir vermutlich auch dabei geblieben. So kann ich mir schon jetzt ausrechnen, dass ich von 2 bis 8 Uhr früh die „Graveyard shift“ habe, wenn alle anderen schlafen. Der Tag geht tatsächlich sogar recht schnell vorbei. Irgendwann stoppen wir mal wieder an einem Fast-Food-Restaurant, abends kaufen wir in einem riesigen 24-Stunden-Wal-Mart ein bisschen Brot, Käse und Wurst ein, weil uns so langsam das Geld ausgeht. Wir schaffen aber eine ziemliche Punktlandung: Mit 15 Dollar werden wir am nächsten Morgen in Austin ankommen. Den Mississippi überqueren wir in der Dämmerung, New Orleans müssen wir leider links liegen lassen – keine Zeit. Um 2 Uhr bin ich tatsächlich an der Reihe zu fahren. Da haben wir es gerade nach Texas geschafft, aber Austin ist noch weit. Als vor uns die nächtliche Silhouette von Houston auftaucht, fällt mir ein, dass es in Deutschland nun Mittag ist. Kurz hinter Houston verlassen wir die Interstate 10, die wir ansonsten fast durchs komplette Land nehmen. Von hier scheint es nicht mehr weit bis nach Austin, aber um halb Sieben bin ich so müde, dass ich nicht mehr riskieren will zu fahren. Um 7.45 Uhr halten wir endlich vor dem Haus des Freundes in Austin – fast genau 24 Stunden nach der Abfahrt.

Viel Schlaf gibt es auch hier nicht. Es ist zwar schon wieder Freitag, aber die Show beginnt trotzdem nachmittags um halb fünf. Heute ist der erste Tag mit Vendetta Red, die den Platz des Co-Headliners übernehmen (langweiliger Rock, verkauft sich in den Staaten aber wohl ganz gut und zieht eine Menge hübscher, weiblicher Fans) und Retisonic. Darüber freu ich mich ganz besonders, da ich die Band schon kenne und die Musik sehr mag (sind ja auch Ex-Bluetip und Garden Variety). Aber wie die sich fühlen müssen auf dieser Tour? Ihre Musik fällt nun so richtig aus dem Rahmen…

Waren die Clubs in Florida ausgesprochen angenehm, kümmern sich die Promoter in Texas offensichtlich wenig um die Bands. Das Emo’s in Austin ist vermutlich auch einfach zu bekannt, hier wollen zu viele spielen, als dass sie ihre Bands noch gut behandeln müssen. Essen? Fehlanzeige. Getränke? Vier Drinktickets pro Bandmitglied, die bis zum Ende der Show aufgebraucht sein müssen. Gage? Wird kurzerhand gekürzt, weil der Club 300 Dollar Minus bei der Show macht. 300 Dollar – als ob das viel Geld für den Club wäre, der später am Abend noch eine gut besuchte Show mit TV On The Radio hat. Aber wenigstens verkaufen wir an diesem Tag mal richtig viel Merchandise, und das obwohl die Lonely Kings als erste spielen müssen, weil sich Retisonic verspäten. Knapp 150 Dollar zähle ich am Ende, mehr Geld als wir bisher insgesamt eingenommen haben. Dabei hat die übermüdete Band mit Sicherheit nicht ihr bestes Konzert gespielt. Aber man merkt, dass sie hier schon häufiger war, während keiner an der Ostküste was mit dem Namen Lonely Kings anfangen kann. Das Konzert ist um 21 Uhr vorbei, wir machen uns auf zum Haus des Freundes, wo es ein richtiges texanisches Barbecue gibt. Die anderen sind total begeistert, ich darf mich zumindest über den Kartoffelsalat freuen (aber auch nur so lange, bis irgendwer einen Hähnchenschenkel in den Salat taucht). Ein paar Bier, dann will ich schlafen, während die meisten anderen noch mal in die Innenstadt fahren.

In Austin wären wir gerne noch länger geblieben, zumal (ausgerechnet) der Freitag ursprünglich ein Day-off hätte sein sollen. Der Tourbooker hat aber kurzfristig noch eine Show in Houston einbauen können. Nun müssen wir zwar wieder ein Stück der Strecke zurückfahren, die wir schon mal genommen hatten, aber weit ist es immerhin nicht. Hier spielen wir mal im größeren Saal, während unten später am Abend die Nekromantix dran sind (die ziehen allerdings trotzdem weit mehr Leute, auch wenn beide Konzerte ziemlich voll sind). Auch in Houston treffen wir einen alten Freund der Band – was das Problem der Übernachtung ziemlich schnell löst. Allerdings muss ich heute auch die Band mal zusammenscheißen: Außer Emile kommt niemand zum Merchandise-Tisch, außer wenn sie irgendwelchen Leuten T-Shirts schenken (und dann auch noch vor allem von der Sorte, die wir verkaufen, während die „Ladenhüter“ auch geschenkt keiner haben will). Als Jake sich ein paar CDs greifen will, um sie weiterzugeben, bitte ich ihn, erstmal Nachschub aus dem Van zu holen – sonst könnte es passieren, dass ich bald keine mehr am Merch-Tisch habe. „Hast du in fünf Minuten“, verspricht er. Für die nächsten zwei Stunden seh ich ihn nicht wieder. Und als ich Johnny bitte, mal für eine Weile meine Arbeit zu übernehmen, damit ich mir die Necromantix angucken kann, mault er rum. Daran hat keiner von ihnen Lust. Aber immerhin wirkt mein Ausbruch, am nächsten Abend sind alle fleißig.

Als die Show – die einzige, die mal so richtig spät endet – vorbei ist, verschwinden Emile und Johnny mit ein paar Leuten. Jake müssen wir erst lange suchen; Jason und ich sind die einzigen, die noch nüchtern sind. Und merken deswegen offensichtlich als einzige, dass es auch heute weder einen Buy-Out noch Catering gegeben hat. Nachdem wir Jake und unseren Gastgeber zu dessen Haus gebracht haben (wo Emile und Johnny kurze Zeit später auch auftauchen), fahren wir beiden deswegen zu einem Mexikaner, der um diese Zeit noch geöffnet hat. So teuer haben wir zwar während der ganzen Tour nicht gegessen, aber auch nicht so gut. Erst als wir zurückkehren, wird den anderen klar, dass sie was verpasst haben. Selbst Schuld…

Dallas, Texas. Eine amerikanische Bekannte hatte mir schon vorgeschwärmt, wie toll das Vergnügungsviertel der Stadt sei. Was ja auch sein mag, aber wir spielen in einem christlichen Club. The Bled, die dort schon vorher mal aufgetreten waren, erzählen von den rigiden Regeln, die dort gelten. Keine Mädchen Backstage, es sei denn, sie tragen einen Ehering. Fluchen darf man auch nicht, ergänzt Jason von Retisonic. Und Bier gebe es sowieso nicht. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht, der Club ist tatsächlich sehr christlich, gibt sich aber auch tolerant. Was dann eher amüsant ist. Am Eingang weist ein Schild die Christen darauf hin, dass sie hier auch auf Ungläubige treffen könnten und sie diese nicht herablassend behandeln dürften. Habe Jesus schließlich auch nicht getan. Und die Ungläubigen werden darauf hingewiesen, dass sie seltsame Verhaltensweisen (wie Beten) akzeptieren müssen. Darauf warte ich dann den ganzen Abend, aber leider passiert nichts. Stattdessen hole ich mir einen Tadel des Clubbesitzers ein, weil ich ein Bier am Merch-Tisch trinke. Tatsächlich, es gibt Bier, und zwar richtig Gutes. Weil A Static Lullaby auf ihr, im Tourrider vorgeschriebenes, Bud und Miller Lite bestehen, bekommen wir Heineken und Amstel. Besten Dank auch!

Auch hier ist die Show schon um 22 Uhr vorbei. Nach der vorigen Nacht sind alle todmüde, deswegen entscheiden wir uns, nur ein bisschen aus Dallas rauszufahren und dort ein Motel zu nehmen. Vor uns liegt zwar eine 15-Stunden-Fahrt nach Tuscon, Arizona, aber auch unser zweiter freier Tag. Bis nach El Paso wollen wir es schaffen, was ungefähr zehn Stunden Fahrt bedeutet. Den Rest der Strecke verschieben wir auf den nächsten Tag. Texas zieht sich endlos hin, El Paso liegt ja tatsächlich an der Grenze zu New Mexiko. Und zu Mexiko selbst, wo wir den Abend verbringen wollen. In Juarez ist allerdings nicht viel los; ist ja schließlich Sonntag, und die Mexikaner sind gläubige Katholiken. Aber auch so lässt sich erahnen, wie schrecklich diese Grenzstadt sein muss, wenn die ganzen Gringos rüberkommen (was dort sonst noch passiert, erzählen At The Drive-In in „Invalid Litter Dept.“) . Wir bleiben ein paar Stunden, trinken ein paar billige Biere. Vor dem Essen wird ich gewarnt (obwohl ich überzeugt bin, dass das nur amerikanische Hysterie ist, ich hab schon in ganz anderen Ländern gegessen), weshalb wir erst in El Paso nach einem Restaurant suchen. Da ist dann aber schon alles dicht, von einem Taco Bell am Interstate 10 einmal abgesehen. Klasse – da bin ich schon mal in Mexiko und muss anschließend pseudo-mexikanisches Fastfood essen.

Anderntags fahren wir wiederum früh los, schließlich soll die Show in einem Kulturzentrum in Tuscon ebenfalls relativ früh losgehen. Was wir dabei nicht wissen: In den USA kann jeder Staat unabhängig über die Einführung der Sommerzeit befinden. Die gilt fast überall, aber nicht in Arizona. Wir sind also eine Stunde zu früh dran, was uns aber auch erst auffällt, als im Club die Türen scheinbar viel zu spät aufgehen. Da hätten wir mal etwas mehr Schlaf bekommen, und dann so etwas…

Tuscon ist extrem heiß, aber das Klima wirkt trotzdem angenehmer als im feuchten Florida. Warum Rentner unbedingt dorthin ziehen müssen, wird mir nicht klar. Ich würde jedenfalls Tuscon vorziehen, zumal die Stadt auch eine nette Szene haben muss. The Bled kommen von hier, aber obwohl das heute ihr Heimspiel ist, verirren sich nicht viele Leute in den Club. Angeblich sollen es am Ende tatsächlich 250 Gäste gewesen sein, aber das kann ich mir nicht vorstellen. „Skrappy’s“ ist ein selbst verwalteter Laden, wie er im Buche steht. Vor dem Konzert lernen Kids Breakdance, die Chefin mischt den (leider extrem schlechten) Sound, während jugendliche Besucher hinter der Theke stehen. Sehr amüsant: Als ich zu meinen Pommes Mayonnaise bestelle, verstehen mich die beiden Bedienungen nicht. Bis ich auf das weiße Zeugs neben dem Senf zeige. „Das ist Miracle Whip“, klären sie mich auf. Ich bin etwas verdutzt über diese Antwort, dann sage ich ihnen, dass das auch okay ist.

In dem Hotel, in dem wir übernachten, ist heute Abend Achtzigerjahre-Disco – leider ziemlich laut und direkt unter unserem Zimmer. Eine Weile sind Nena, Petshop Boys und was es da sonst noch an Verbrechen in dieser Zeit gab lustig. Aber irgendwann nervt die Musik doch. Johnny und ich versuchen zu schlafen, was angesichts des heftigen Bass-Sounds ziemlich schwer ist. Aber um eins soll es vorbei sein. Nur: Fünf Minuten nach eins steht der Rest der Band inklusive Begleitung im Zimmer. Die denken noch gar nicht an Schlaf, sondern an lautstarke Unterhaltung. Eine Viertelstunde tu ich mir das an, dann beschließ ich, dass ich im Van besser aufgehoben bin. Keine zehn Minuten später klopft Emile an die Wagentür. Für ihn ist es oben auch zu laut. Und dann kommt auch noch Johnny, der ebenfalls lieber hier übernachten will. Da haben wir das beste Zimmer auf der ganzen Tour mit Betten für alle, und dann schlafen drei der fünf Leute doch im Van. Irgendwas läuft hier falsch. Aber so schlecht schläft es sich auf der Rücksitzbank gar nicht; ist ja auch angenehm warm heute.

Trotzdem sind wir alle übernächtigt, als wir uns zum letzten Konzert der Tour in L.A. aufmachen. Noch mal acht Stunden Fahrt und ein weiteres frühes Konzert. Aber mittlerweile bin ich die langen Strecken gewöhnt. Nach Los Angeles rein dauert es ewig, aber wir haben Glück – wir kommen vor den Nachmittagsstaus nach Hollywood. Das El Rey Theatre ist beeindruckend groß, mehr als 800 Leute passieren hier rein, wenn der Veranstalter die strikten Feuerschutz-Regeln beachtet. Ansonsten wohl noch mal 400 Leute mehr. Ganze Bereiche sind durch eine weiße Linie „abgesperrt“, stehen darf hier keiner. „Das war immer mein großer Traum, einmal hier spielen zu dürfen“, erzählt mit Phil von A Static Lullaby. Stimmt, die Band kommt aus Los Angeles. Aber die Band spielt hier heute nicht nur, sie verkauft den Laden auch aus – das ist das eindeutig größte Konzert während der gesamten Tour mit einem beeindruckenden Sound und großartigem Licht. Was aber Retisonic und uns zu schaffen macht: Warum sind hier mehr als 800 Leute, aber keiner kauft was von unserem Merchandise? Die Abschiedsparty an diesem Abend fällt aus – das wäre in Tuscon besser gewesen. Heute sind alle nur noch müde. Wir fahren wieder zu einem Freund, während sich Emile schon vor ein paar Stunden zu seiner hier lebenden Freundin abgesetzt hat.

Den müssen wir am nächsten Tag erstmal abholen, bevor es nach San Francisco geht. Eine gute Gelegenheit, um zumindest ein bisschen was von Hollywood zu sehen – das große „Hollywood“-Zeichen sowieso, das bedrohlich wirkende Hauptquartier der „Church of Scientology“, ein paar weitere Sehenswürdigkeiten. Dann geht es entlang der Küste hoch zu unserem Ziel. Gagen und Merch-Einnahmen haben sogar fast gereicht; die letzte Tankfüllung muss ich mit meiner Kreditkarte zahlen, Jake tauscht eine Lonely Kings CD bei dem Tankwart mit einem Mohawk gegen eine Packung Zigaretten ein. Immerhin kann man offenbar auch in den USA touren, ohne große Schulden zu machen, aber das geht wohl nur, wenn man einen eigenen Van besitzt. Trotzdem: So schlimm, wie alle erzählen, war es nicht. Jetzt muss ich vielleicht doch noch eine richtige Schweine-Tour mitmachen. Oder? Na ja, erstmal nicht, denke ich, während Emile und ich bei Burrito und Bier ein NBA-Play-off-Spiel anschauen. Die anderen müssen da noch knapp vier Stunden bis kurz hinter Sacramento weiterfahren. Wir können uns bereits mitten in San Franciscos Mission District ausruhen. Was mal so richtig gut tut.

Text und Fotos: Dietmar Stork

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