April 5th, 2019

LITHURGY (#151, 2011 )

Posted in interview by Jan

Liturgy – Transcendental Black Metal – A Vision Of Apocalyptic Humanism

Seit bald fünf Jahren geht ein ein Gespenst um in der HC/Punk-Szene – das Gespenst des Black Metal. Vor allem die Band Wolves in the Throne Room aus dem pazifischen Nordwesten der USA hat hier mit ihrer Mischung aus epischen Songkaskaden und primitivistischem Waldschratimage Pionierarbeit geleistet. Von dem wachsenden Hype profitieren nicht nur Heerscharen eher traditionalistischer Black Metal-Bands wie Skagos, Panopticon oder Striborg.

Auch Bands, die eher am Rande des schwarzmetallischen Paradigmas stehen wie Krallice, das Black Metal-Projekt von Orthrelm-Mastermind Mick Barr oder eben Liturgy, das Band gewordene Hirngespinst von Hunter Hunt-Hendrix aus Brooklyn, dürfen sich über tonnenweise mediale Aufmerksamkeit freuen. Liturgys Spielart von Black Metal setzt dabei vor allem auf kathartische Ekstase und neuerdings auch auf Math Metal- und Wüstenrockelemente. Hunt-Hendrix hat seine Vision von Black Metal sogar in eine Art Thesenpapier gegossen, dass den programmatischen Titel „Transcendental Black Metal – A vision of apocalyptic humanism“ trägt und sich wie ein Gegenentwurf zur Misanthropie und der Negativität des Black Metal liest.

Auch optisch passt Hunt-Hendrix so überhaupt nicht zu den Klischees des mit Nieten bewehrten heidnischen Satanskriegers, das noch immer viele mit dem Thema Black Metal in Verbindung bringen. Als wir uns mit ihm in dem Park gegenüber der Berliner Museumsinsel zum Interview treffen, wirkt er mit seinen wuscheligen, hellbraunen Haaren, die so überhaupt nicht nach Metalmatte aussehen wollen, seinem schüchternen Lächeln und seinen in die Ärmel seines braunen Pullovers verkrochenen Händen vor allem grundsympathisch, aber auch irgendwie erschreckend jung. Um uns herum kreischen spielende Kinder und Menschen liegen in der Sonne. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ihr habt letzten September eine Show in Oslo gespielt, der Stadt, in der es den legendären „Helvete“-Plattenladen gab und die so etwas wie der Geburtsort des Black Metal ist. Wie war das und wie wurdet ihr dort aufgenommen?
Wir waren alle sehr aufgeregt. Niemand von uns war vorher schon mal da gewesen und der Ort hat ja fast schon eine mythologische Aura im Bezug auf Black Metal. Die Show selbst war dann aber nicht wirklich etwas Besonderes. Es war keine Kvlt Black Metal-Show oder so oder irgendwas, was du dir vielleicht in deinem Träumen ausmalen würdest. Es war ja auch nicht mehr 1992… Wir haben da in einem Laden namens „Garage“ gespielt mit so einer Alternative Metal-Band, die ein wenig wie Neurosis klang. Es war eigentlich eher unspektakulär.
Es waren also keine Black Metal Celebreties vor Ort?
(lacht) Nein. Varg Vikernes war nicht da… Und Gaahl auch nicht…
Der frühe Black Metal in Norwegen war ja schon ziemlich „obskur“, was die politische Ausrichtung angeht und auch heute ist die Szene noch voll von seltsamen Ideen und politischen Ansichten. Hast du ein Problem damit?
Das ist eine interessante Frage. Auf der einen Seite hatte Black Metal von Anfang an etwas an sich, was sehr Punk war, aber dann waren da diese politischen Ansichten, die so überhaupt nicht Punk waren. Natürlich habe ich da grundsätzlich ein Problem mit. Was viele Black Metal Bands so denken und von sich geben ist ziemlich verachtenswert… Ich finde es aber auch interessant, wie Black Metal auf philosophische Ideen zurückgreift, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Wagner und Nietzsche etwa. Der ganze Kram, der dann später auch irgendwo zum Nationalsozialismus geführt hat…
Die ganze Ära der Romantik war ja auch eine sehr zwiespältige Sache. Auf der einen Seite ist sie eine der Wurzeln all dessen, was später der Nationalsozialismus wurde, auf der anderen Seite gab es aber auch sehr progressive Ideen und es war so etwas wie die erste moderne Jugendbewegung. Napoleon hat auf seinem Ägyptenfeldzug angeblich seinen Soldaten verboten Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ zu lesen, weil sie alle so depressiv wurden davon und nicht mehr kämpfen wollten…
Ich sehe es als eine Art Chance sich auch oder wieder mit der anderen Seite der Medaille zu beschäftigen, wo es eher in Richtung Transzendentalismus geht. Deshalb würde ich unsere Band auch als Black Metal-Band bezeichnen und zwar nicht nur, was den Musikstil angeht. Es gibt da ja auch einiges, was überhaupt nicht Black Metal ist.
Zumindest in Deutschland hat es in letzter Zeit einiges an Diskussionen darüber gegeben, dass Altar of Plagues, die ja eigentlich einen D.I.Y./Punk-Background haben, jetzt mit Winterfylleth auf Tour gehen, die ihre Musik als „British Heritage Black Metal“ bezeichnen, was eigentlich nichts anderes heißt, als dass sie Nationalisten sind. Habt ihr als Band da eine politische Linie, mit wem ihr spielen würdet und mit wem nicht?
Darüber haben wir als Band ehrlich gesagt noch nicht wirklich gesprochen, weil es dazu noch nicht wirklich den Anlass gegeben hat. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Wenn es mal dazu kommt, werden wir da ganz sicher drüber sprechen und eine Entscheidung fällen.
Liegt das vielleicht auch daran, dass ihr eher so am Rande der Black Metal-Szene steht? Seht ihr euch überhaupt selbst als Black Metal?
(lacht) Nicht wirklich…
Und wärt ihr es gerne?
Ich finde es sehr interessant zu sehen, wie sich das alles entwickelt und wie die Band aufgenommen wird. Als wir mit der Band angefangen haben und noch gar keine Platte draußen hatten, haben wir schon eine Menge Shows vor Publikum gespielt, das überhaupt nicht Black Metal war. Dann haben wir eine Platte auf einem Underground Metal-Label herausgebracht, und plötzlich kamen ganz andere Leute zu unseren Shows, die mit unserer eigenen Szene gar nichts zu tun hatten und die uns auch nicht persönlich kannten. Einige fanden uns dann total geil und andere waren richtig angepisst von dem, was wir machten. Es bringt mir Spaß da ein bisschen mit zu spielen und zu sehen, was passiert.
Du siehst es also nicht als dein Schicksal oder als deine Aufgabe, die „Zukunft des Black Metal“ zu sein, wie manche Leute geschrieben haben?
Die „Zukunft des Black Metal“? Ich weiß nicht… Ich habe schon eine andere, sehr eigene Vorstellung von Black Metal…
Könntest du das näher ausführen?
Ich sehe Black Metal als eine Art Endpunkt in der Geschichte des Metal. Die extremen Spielarten des Metal sind immer extremer geworden in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren. Als Black Metal anfing war das eine krasse Sache, die bei vielen Metalheads überhaupt nicht gut ankam. Sie fragten sich: „Wer sind diese Weicheier mit ihren Aufnahmen, die irgendwie nach Punk klingen, und die gar keine richtigen Metalsongs spielen?“ Black Metal ist eine gewisse Art und Weise noch radikaler als Death Metal, in der Art wie er versucht Atmosphäre mit Geprügel zu kombinieren.
Glaubst du, die Tatsache, dass du derart extreme Musik spielst, hat dich als Mensch verändert oder verändert dich noch immer?
Interessante Frage… ich weiß es nicht. Ich habe da noch nie drüber nachgedacht… Verändert es dich als Mensch, wenn du Black Metal hörst?
Ich weiß nicht, aber ich war in einer Hardcoreband für mehr als zehn Jahre und es hat mich definitiv verändert.
Und lag das eher an der Musik oder an der sozialen Praxis in einer Hardcoreband zu sein?
Ich denke, es war vor allem das Erlebnis unsere Songs live zu spielen. Wir hatten diese Textzeile „it’s not about being cool but death and resurrection“ und genau darum ging es uns bei Konzerten. Wenn mensch das dann ein paar hundertmal macht, verändert das einen, glaube ich… Kommt dir das bekannt vor?
Ich mag den Gedanken, dass unsere Konzerte Menschen so viel bedeuten könnten, dass es bei ihnen tatsächlich etwas verändert, aber manchmal, vor allem wenn ich schon lange auf Tour bin, habe ich das Gefühl, das passiert so absolut gar nicht. All das Gerede ist bedeutungslos und im Endeffekt sind es einfach nur Konzerte. Das ist natürlich schade irgendwie…
Vielleicht gehen viele Menschen einfach auf so viele Konzerte, dass euer Konzert für sie einfach nur irgendein weiteres Konzert unter vielen ähnlichen Konzerten ist und nichts, was irgendwie besonders oder außeralltäglich wäre…
Definitiv. Wahrscheinlich hatten vor allem solche Leute so eine Art Erlebnis, die überhaupt nicht wussten, was auf sie zukommt. Ich glaube, du kannst so etwas nur erleben, wenn du eben nicht damit rechnest.
In einem anderen Interview habe ich gelesen, dass du auf Liturgy-Konzerten gerne eine Art „primordial ritual joy“ beschwören möchtest. Als ehemaliger Student der Ethnologie gefiel mir diese Aussage sofort. Sie erinnerte mich an Rituale in animistischen Kulturen mit ekstatischem Getrommel und Tanzen um ein Feuer herum. Ist das die Art von Freude oder Ritual, die du meintest?
Absolut! Ich denke allerdings nicht, dass das nur bei Liturgy so sein sollte. Ich denke eher, es sollte bei Konzerten generell so sein. All dieses Ritualistische und Ekstatische geht in unserer modernen Welt ein wenig verloren, aber es ist etwas sehr Altes, das es eigentlich immer gab und ich denke, viele Menschen sich nicht darüber bewusst, dass es ihnen vielleicht fehlen könnte.
Das Wort Ekstase erinnert mich sehr an die Erzählungen meiner Freund_innen, die regelmäßig auf Technopartys gehen und auch gerne mal chemische Drogen konsumieren. Klingt so, als gäbe es da Überschneidungen oder Gemeinsamkeiten…
Sicher gibt es die, aber von Techno habe ich ehrlich gesagt sehr wenig Ahnung. (lacht)
Ich glaube, es gibt gerade eine gewisse Verschiebung, in der Art und Weise, wie Black Metal wahrgenommen wird. Als ich zum ersten Mal mit Black Metal in Berührung kam, war es etwas, was eigentlich nur ein paar Metalheads interessierte und sonst niemanden. Heute hören auch Hipster mit Fixed Gear Bikes Black Metal und Bands wie Krallice, Wolves in the Throne Room oder ihr selbst bekommen ziemlich viel mediale Aufmerksamkeit. Glaubst du, das wird Black Metal nachhaltig verändern? Oder ist das eher eine Parallelentwicklung?
Ich denke, die Tatsache, dass es unsere Band gibt, ist eher ein Symptom dieser Entwicklung und nichts, was sie in Gang gesetzt hätte. Ob es Black Metal verändern wird, hängt wohl vor allem davon ab, ob es innerhalb von Black Metal Akzeptanz finden wird oder nicht. Ich persönlich glaube eher, dass es von vielen nicht wirklich als echter Black Metal akzeptiert wird. Viele hassen es regelrecht oder sie sagen, es ist zwar gut aber halt kein Black Metal. Interessant finde ich allerdings, dass Black Metal offenbar sehr viel breitere Wahrnehmung findet als andere Metalgenres und das zeigt sich ja auch an dieser Diskussion.
Habt ihr denn schon wirklich extreme Reaktionen bekommen von wütenden Verteidiger_innen des wirklich truen Black Metals?
Auf jeden Fall. Wir haben jede Menge negative Reaktionen bekommen, von Menschen, die echt wütend waren. Aber wir wurden nicht körperlich angriffen oder so…
Also keine Schwerter und Äxte?
Nein, das lief alles mehr im Internet. Es ist schon interessant, wie manche Menschen so wütend werden, dass sie sich die Zeit dafür nehmen, darüber ausführlich in irgendwelchen Foren oder auf irgendwelchen Blogs herzuziehen.
Offenbar halten sie euch wenigstens für relevant. Sonst würden sie es wahrscheinlich nicht tun…
Ich denke, es lässt sich einfach nicht leugnen, dass wir etwas sehr, sehr Interessantes machen, und die Tatsache, dass Menschen, die eine gewisse Erwartungshaltung haben, richtig angepisst sind, ist ein Beweis dafür.

Interview: Jan Tölva & Benjamin Schlüter

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