Juni 4th, 2020

LITBARSKI (#180, 2016)

Posted in interview by Thorsten

Wenn bei Pferde-Leuten Punk gewinnt!

Wir befinden uns in einem Hinterzimmer einer Punkkneipe in Berlin. Ein nass-kalter Samstagabend im Januar 2015. Zwei Bands sind für diesen Abend angekündigt. Zum einen OnOnOn, die ihre Musik selbst „Punch Pop“ nennen und minimalistische, manchmal fast dadaistische Musik spielen. Zum anderen spielen die befreundeten Litbarski. Litbarski, mit einem „T“. Kein PunchPop, kein Dada, stattdessen: Punkrock. Es ist das erste Konzert der Band und eine gewisse Nervosität kann man den Dreien nicht absprechen, obwohl sie alle schon seit vielen Jahren Musik machen. Es folgt ein wahnsinnig guter, dichter Auftritt. Punkrock der sowohl von britischen Bands der späten 1990er als auch von US-Bands der frühen 1990er geprägt ist. Zehn, zwölf Songs, von denen am Abend schon ein, zwei direkt im Ohr bleiben. Dazu eine unerwartete Coverversion. Ein paar Mal erklingt die Background-Stimme von Bassist Dirk, der zusammen mit Schlagzeuger Tim die Rhythmus-Sektion bildet. Das Trio komplettiert Gitarrist und Sänger Chrischan, mit dem ich dieses Interview geführt habe. Zwischen den meisten Songs keine Ansagen, am Ende ein gehauchtes, aber ehrliches: „Danke“. Das war alles! Simpel, aber gut!
Chrischan kenne ich noch aus der gemeinsamen Zeit in Münster vor mehr als anderthalb Jahrzehnten. Dort hat er dereinst schon Konzerte organisiert und in Punkbands gespielt. Dann ist er 2004 nach Berlin gezogen. Mein erster Besuch endete in einem legendären Abend im SO36. So langweilige Bands wie ZSK, Punkles oder Peter Pan Speedrock spielten auf. Einziges Highlight, der Orgelgott Mambo Kurt als Alleinunterhalter in den Umbaupausen. Ob der gut ist, spielt keine Rolle. Aber an diesem Abend schlug Mambo Kurt nur Unfreundlichkeit entgegen von geleckten Rock’N’Rollern und Streetpunkkids. Meinen Humor traf das allerdings, alleine gegen alle und irgendwie total „weird“. Zu zweit standen wir in dem riesen Laden und feuerten den Orgelmann zu Höchstleistungen an. Bevor er das Feld der breitgrinsenden, japanischen Metalband Electric Eel Shock überließ, warf er noch „Ersatzsonnenbrillen“ für alle ins Publikum. Also zwei! Den Abend beendeten wir in einer Kneipe Freigetränke organisieren. Solche Abende prägen, auch Freundschaften! Die nächsten Jahre war ich regelmäßiger Gast auf seiner Couch und verfolgte sein musikalisches Ankommen in Berlin aus der (nordrhein-) westfälischen Ferne. Es begann mit Love, Death & Minigolf (Melodic Core) und später mit Weltraumschrott (Punk), einer Band, die nie die Wertschätzung bekam, die ihr eigentlich hätte zu stehen müssen. Vielleicht liegt es daran, dass nach zwei Singles schon wieder Schluss war. Leider!

Später begann er kleinere Konzerte in einem angenehmen Rahmen zu organisieren. Darauf achtend, statt Masse auf Klasse zu setzen. Und Klasse statt Masse trifft auch auf Litbarski zu. Der erste Tonträger mit sechs Songs ist jetzt veröffentlicht. Ihre Musik passt irgendwie in die aktuellen Erscheinungen im Punkrock: deutschsprachig, reflektierend, politisch und persönlich. Gleichzeitig steht er aber auch genau den meisten Bands entgegen: viel stärker und hörbarer beeinflusst von den Spät-80ern und 90ern, emotional, nicht berechnend. Keine Baukasten-Musik mit Punk-Schablone und fertig. Mehr Broccoli als Turbostaat-Klon. Leatherface als Haltung, nicht nur Gitarrenriff. Litbarski als Band ist vor allem nicht aufdringlich, muss es nicht wissen, ist vor allem nicht anbiedernd. Ein gutes Beispiel dafür ist das Musikvideo zu „der große Shannon“. Während andere Bands von Hochschul-Studierenden das hundertste „Band im Proberaum“-Video drehen lassen, ist dieses DIY-Video eine Momentaufnahme von einer Trabrennbahn. Nein, kein „Wir sind Charles Bukowski-Fans, aber lachen eigentlich über die arbeitende Unterschicht“-Video. Nur drei Typen auf der Pferderennbahn, im Video nur einmal versteckt vorkommend. Es wird eingeleitet mit den Worten: „Das wird so ein mega-langweiliges Video. Das sind einfach nur Bilder von Pferde … [lange Pause] … Leuten!“ Nicht gekünstelt, sondern wirklich aufgenommen. Dann als passend befunden und drin gelassen. Was immer auch Pferdeleute sind, es passt zu dem Sound. Ein scharfer Blick auf die Gesellschaft, dennoch aber mit Herz für die Kaputten und Kranken. Nicht ironisch und nicht überheblich. Eine Rundumsicht.
Selbige Trabrennbahn hatten Chrischan und ich übrigens ein paar Wochen vorher besucht, um an einem schönen Frühlingssamstags ein wenig verkatert an der frischen Luft zu stehen und Minimalbeträge auf Ross und Reiter zu setzen. Pferdesport hat einfach vor vielen Jahren schon seine Hochzeiten hinter sich gebracht. Überdimensionierte Tribünen, ein Publikum, das sich aus ein paar alten Renter*innen und wenigen jungen Pferde-Freund*innen zusammensetzt. Unsere Pferde, auf die wir setzten, liefen in der Regel hinterher, weit hinterher. Doch als gegen Ende des Renntages ein Pferd namens „Punk“ von einem finnischen Reiter auf die Bahn geführt wurde, stürmten wir dennoch wieder an die Wettschalter. Mit etwas mehr Geld im Portemonnaie wäre das wahrscheinlich unser „Liebesspieler“ geworden. Stattdessen rettete der überhöhte Einsatz immerhin die Ausgaben der restlichen Fehlwetten. Welch ein Jubel, als der Stadionsprecher lauthals verkündete … „und Punk gewinnt!“ … und die Idee für dieses Interview entstand!

Bands drucksen ja immer so schön und lang drum herum, wenn sie sich selbst beschreiben sollen. Daher mach ich das jetzt mal: Litbarski, deutschsprachiger Punkrock, beeinflusst von Spät 80er und 90er Punk/Hardcore. Was würdest Du noch unbedingt hinzufügen wollen?

Um wem die Band zu beschreiben? Selbstdarstellung ist halt immer schwierig.

Nun ja, um die Band jemanden zu beschreiben, der jetzt nur den Namen im Trust liest und denkt: hat der nicht mal Fußball gespielt? Als Einstieg dachte ich, eine Bandbeschreibung einer neuen Band könnte Leuten, die das hier lesen, helfen …

Hm.. da fällt mir ehrlich gesagt nicht viel mehr zu ein. Schon okay, so.

Wer ist Litbarski? Wo kommt ihr her und wo geht ihr hin?

Das ist eine sehr seltsame Frage. Wir kommen aus Berlin. Wo wir hingehen kann man nicht wissen. Wird sich zeigen. Was denkst Du?

Keine Ahnung, daher frage ich ja. Vielleicht wandert ihr durch die Zeiten? Eure Musik könnte ja irgendwo zwischen Spät-80er Emo-Core (und Hamburg-Einfluss der bekannten Rachut-Bands) und Mitte der 90er passen, als ein „Punkgenre“ noch „intelligenter deutschsprachiger Punk“ hieß. Rollen sich dir da die Fußnägel hoch oder würdest du das als Kompliment hinnehmen?

Kommt drauf an, ob es als Kompliment gemeint ist oder nicht, haha. Ich übe mich im milden Lächeln. Grundsätzlich ist es mir eher egal, wie irgendwer unsere Musik bezeichnet. Also auch kein Fußnägelgerolle.

Mit wem müsste ich Euch vergleichen, damit sich Dir die Fußnägel hoch rollen? Schlimmster Vergleich, den ihr bisher gehört habt? Dritte Wahl???

Tatsächlich hat mir mal jemand gesagt, dass wir ihn an Dritte Wahl erinnern. Ich kann da keine Ähnlichkeit sehen, aber es war wohlwollend gemeint, also was soll‘s. Für meine Mutter würden wir vermutlich wie die Toten Hosen klingen. Auch okay. Wenn jemand nur Heino und die Toten Hosen kennt, klingen wir eher wie die Hosen. Wobei ja beide mittlerweile ihre Gemeinsamkeiten haben … Mich stören Vergleiche nicht.

Jetzt ist die erste Platte draußen. Euer Sound klingt weniger glatt, als jetzt die letzten Veröffentlichungen von Bands wie Pascow, Disco///Oslo, Freiburg, duesenjaeger mit denen euch wahrscheinlich, was musikalische Vorlieben anbelangt, doch einiges verbindet. Warum ist Euer Sound dreckiger?

Ist der so dreckig? Ist doch ein solider Punkrock-Sound. Wie sollte das sonst klingen? Mir fehlt der Vergleich zu den letzten Veröffentlichungen genannter Bands.

Schon. Wenn man sich anschaut, wo Musik aufgenommen und Remastered wird, kommen häufig die gleichen Läden und Personen. Ihr habt den Kram zum Großteil selbst aufgenommen und abgemischt. Warum habt ihr Euch für diesen Weg entschieden?

Weil wir kein Geld haben, haha. Es gab da keine Alternative. Wir hatten aber viel Unterstützung von Freunden und Bekannten. Wir haben uns in das billigste Studio, was für Geld zu haben war, eingemietet und mit Laura Stephanie ein paar Tage aufgenommen. Ein paar Overdubs haben wir dann später noch in einer kleinen Bar und zu Hause aufgenommen. Mix und Master hat Van Dante gemacht.

Der DIY war also nur die Hilfe zur Selbsthilfe bedingt durch Armut?

Grundsätzlich heißt DIY für mich nicht, dass man vom selbstbedruckten Shirt bis hin zum selbstgemalten Aufkleber alles selbst herstellen muss. Ich finde es schon schön selbst zu machen, was man selbst machen kann. Eine Band ist für mich mehr als sich im Proberaum Songs auszudenken. Aber warum nicht etwas an jemanden abgeben, der es besser kann? Solange man die Kontrolle über sein Projekt behält, ist das für mich kein Problem. Aber wie gesagt, bei einer kleinen Band wie uns stellt sich so eine Frage erst gar nicht. Da gibt‘s kein fettes Label oder ‘ne große Agentur, die auf uns Bock hätten. Glaube ich jedenfalls. Habe nie gefragt.

In „Der große Shannon“ singt ihr von der „Rückkehr in die Bernsteinstadt konservierter Epigonen“. Das trifft ja ziemlich gut, was momentan im Punk passiert. Im SO36 spielen Youth of Today, die eine Millionste Tour von den UK Subs findet statt, im Tommyhaus dürfen OHL auch mal wieder ran („Die sind keine Nazis!“) und mit Slime gibt es ja auch noch die deutschen Vorzeige-Rentnerpunks. Siehst Du überhaupt die Notwendigkeit für eine neue Band wie Litbarski?

Nein.

Was war dann Euer Antrieb, eine neue Band zu machen? Langeweile vertreiben?

Solche Fragen stellen sich Dir nicht wenn Du Musik machst. Musik machen macht halt Spaß. Probier‘s mal aus. Man hängt mit Freunden rum, macht schlechte Witze, kommt ein bisschen raus … andere fahren zum Fußball.

Was würdest Du als Deine größten musikalischen Einflüsse für die Band sehen?

Da gibt es viele Einflüsse. Kann ich nicht sagen welche Band auf mich den größten Einfluss hat. Das wechselt ja auch gerne mal. Aber Du willst dass ich Bands aufzähle, oder?

Eigentlich schon, aber ich nehme noch einmal Anlauf, in dem ich die Frage umformuliere. Es gibt ja Menschen (Du selbst), die sagen, Du könntest ein wahnsinnig gutes Omelette herbeizaubern. Wenn dem so sei, welche Musik würdest dazu kredenzen?

Ich habe erzählt, dass ich gute Omelettes mache?

Mehrfach in meiner Gegenwart mit dieser Kleinkunst geprahlt.

Da habe ich aber eiskalt gelogen. Ich kann ein ganz ordentliches Rührei. Omelettes gelingen mir eher mittelprächtig. Wir bringen da alle recht unterschiedliche Einflüsse mit in die Band. Ich kann da also auch wirklich nur für mich sprechen. Die Bands werden wenig überraschen: Einige Dischord-Sachen, Rites Of Spring, Grey Matter, Three, die ersten beiden Dag Nasty Platten. Brian Baker ist super! Hüsker Dü und Leatherface hatten natürlich auch Einfluss. Jawbreaker, einige UK Bands der 90er wie Broccoli oder China Drum. Musikalisch gibt es da sehr viele Einflüsse. Welcher für mich da der Größte ist, kann ich nicht sagen. Zu einem Omelette würde ich keine dieser Bands spielen. Eierspeisen stehen für sich selbst und brauchen keine musikalische Untermalung.

Das beruhigt mich. Ich erinnere mich an Abende, an dem bei Dir nur Mike Krüger, Jürgen von der Lippe und Lokalmatadore gelaufen sind.

Das läuft hier tatsächlich nur, wenn Du zu Gast bist.

Da bin ich jetzt irgendwie schon erleichtert … ein wenig zumindest.

Ich finde die alle drei recht furchtbar. Was sie gemein haben, ist ein reaktionärer und konservativer Spießer-Humor, den man aber durchaus als Anti-Witz kultivieren kann. Ich saß mal in einem Hotel in Karlsruhe zum Frühstück am selben Tisch wie die Lokalmatadore. Die würden sich ausgezeichnet mit Mike Krüger verstehen. Omelettes gabs da auch keine.

Den Anti-Witz kultivieren ist ja auch so eine Sache. Ist es noch ironisch, wenn die Mimmies Mike Krüger Lieder covern („Ich mach jetzt Punk“ auf dem Album „Fun Punk Not Dead“ von 2014)? Ist wahrscheinlich auch nur witzig, weil es so unbegreiflich ist, auf mehreren Ebenen. Alles ins lächerliche ziehen zeugt manchmal auch von einer Haltungslosigkeit. In Eurem Song „der große Shannon“ heißt es weiter: „Diese Spacken haben keine Haltung, keine Scham.“ Das trifft aber nicht nur auf das 08/15-Feindbild Hipster zu, sondern auch auf einige Punks. Punkrock ist heute sowas von brav geworden. Keiner eckt mehr an, alle versuchen mit allen befreundet zu sein. Auf der einen Seite Netzwerk, auf der anderen Seite oberflächliche Facebook-Freund/innen, immer mit dem Gedanken, der/die könnte mir noch mal nützlich sein. Profitiert ihr als Band mehr von Euren Netzwerken oder sagst Du: „Ich scheiße da mittlerweile drauf“?

Mittlerweile??? Mich nerven die hauptberuflichen Netzwerker. Ich war auch sehr lange als Veranstalter aktiv und bin es auch heute noch manchmal. Da hat man es oft mit Arschleckern zu tun. Das strengt mich an. Mit Menschen die zielstrebig ihre Szene-Karriere antreiben verbindet mich persönlich nichts.

Dabei bist Du selbst ein Netzwerker par Excellance! Konzerte organisieren, Bands mischen, in Bands spielen, Fanzines machen … wo siehst du den Unterschied zwischen Dir und den „hauptberuflichen Netzwerkern“?

Bin ich nicht. Ich bewege mich tatsächlich in recht kleinen Kreisen. Mit den meisten Leuten, mit denen ich was mache, bin ich befreundet. Da meldet man sich auch untereinander, wenn man mal nichts will. Ich sammle nicht gezielt Kontakte, ich muss nicht von jedem gemocht werden und habe auch wenig Interesse daran private Geschäftsbeziehungen zu pflegen.

Generell merkt man neben einer stark verwurzelten Melancholie ja auch immer wieder die Beschäftigung mit Wurzeln, Herkunft, um mal das dumme Wort Heimat zu umschiffen. Auf Eurer ersten Platte sind da ja auch viel Anspieler, wie zum Beispiel im Song „Hedwig“: „Sie will auch nicht viel, nur dass man an sie denkt“. Das ist ja ganz klar eine Anspielung auf die Beziehung zu den Eltern, zur Mutter, zur Heimat. Würdest Du sagen, dass Westfalen dich geprägt hat? Wenn ja, wie?

Ich bin im Münsterland aufgewachsen. Da ist es ziemlich scheiße. Die Menschen haben überwiegend schlechte Laune, sind misstrauisch und es regnet ständig – das ist noch das Beste daran. Ich habe auch oft schlechte Laune, bin misstrauisch und mag es wenn es regnet. Möglicherweise Prägung.

In Münster kann man mal eine Zeit leben, man darf aber nicht hängen bleiben. Trifft das auch auf andere Städte zu? Gibt es überhaupt Orte, die helfen, glücklich zu leben?

Sag Bescheid, wenn Du einen gefunden hast.

Was hat Dich nach Berlin getrieben?

Nach Berlin bin ich wegen einer Beziehung gezogen. Aus Münster weggezogen bin ich, weil es mir dort zu konservativ war.

Obwohl unsere Eltern in Westfalen ja die 68er-Bewegung theoretisch mitbekommen haben müssten, haben unsere Eltern ja wenig mit Progressivität zu tun, sondern eher mit kleinstädtischen Mief. Ich habe das Gefühl, dass diese Prägung viele Leute haben. In Piz Palü thematisierst Du das ja auch, diesen Mief, dieses Landleben. Gäbe es Litbarski, gäbe es die Texte, wenn Du in Berlin aufgewachsen wärest?

Warum nicht? In dem Text geht um das wegsehen, totschweigen und das ignorieren von Schuld von Menschen die sich uneingeschränkt als die Guten empfinden. Das findet man überall in allen Orten und allen Generationen. Opa hat immer nur in die Luft geschossen und gewusst hat keiner was. Ekelhaft! Wäre ich in Berlin aufgewachsen, wäre ich wahrscheinlich auch von hier abgehauen. Kann man nicht wissen.

Okay, aber kleinstädtischen Mief kann man der Großeltern-Generation während der 2. Weltkrieges ja leider nur in den seltensten Fällen vorwerfen. Genau im Gegenteil, schlimmer Weise sind die „rumgekommen“ …

In dem Text geht es ja auch nicht um Kleinstadt-Mief. Es geht um kleine Gemeinschaften, für die der Erhalt ihrer Ordnung und ihrem Weltbild über alles geht. Sowas fällt in Kleinstädten stärker auf, findest Du aber überall anders auch. Bei meinen Großeltern gab es diesen Kleinstadt-Mief aber durchaus. Nach dem Krieg waren die schwer zufrieden mit sich. Endlich konnte man wieder sackweise Butter fressen und alle paar Jubeljahre mal Urlaub an der heimischen Nordsee machen. Hatte man sich ja auch sauer verdient, nachdem man zu Fuß durchs verschneite Russland gelatscht ist. Eine ekelhafte Mentalität.

Schon bei Weltraumschrott war ja diese Wagenburgmentalität ein Thema in Deinen Texten. Würdest du sagen, dass das eigentlich auch übertragbar ist auf Kreuzberg, Friedrichshain oder neuerdings auf Neukölln?

Die Menschen sind überall scheiße.

Dafür muss man ja nur mal kurz in die Zeitung sehen. In „Für Else“ positioniert ihr euch ja im Grunde politisch zu der Pogromstimmung seit Herbst 2015. Der „Refrain“ „Rostock, Dresden, Hoyerswerda“ ist schon ein klares Statement, wo ihr Pegida etc. einordnet (zu Recht meiner Meinung nach). Auf der anderen Seite gibt es momentan auch ansonsten sich wenig explizit politisch äußernden Bands wie Turbostaat Songs gegen Frei.Wild etc.. Siehst du eine Re-Politisierung von Punkrock oder ist gegen Frei.Wild sein das neue „Nazis raus“?

Kenne den Song von Turbostaat nicht, aber ist doch gut wenn die gegen Frei.Wild schießen. Ob es eine Re-Politisierung von Punkrock gibt weiß ich nicht. Da fehlt mir der Überblick. Sich gegen Nazis stellen halte ich jedenfalls immer für gut und richtig, egal wer das wie tut.

Für mich waren die Pogrome in Rostock und Hoyerswerda, Mölln und Solingen mit ausschlaggebend für meine Politisierung. Haben diese Ereignisse für dich eine Bedeutung?

Die Anschläge damals waren auch für meine Politisierung ausschlaggebend. Meiner Meinung nach hat sich seit damals nichts geändert. Es wird ja gerne von den „neuen Rechten“ gesprochen. Neu sind die nicht. Die waren immer da.

Von der Musik her würden zu Euch ja auch die vor Einsamkeit triefenden, sich um sich selbst-drehenden Texte vieler andere deutscher Punkbands seit der Generation Turbostaat passen. Wie steht ihr dazu?

Gar nicht. Kenne kaum welche dieser ganzen neuen Bands. Zu welcher passen wir denn?

Wahrscheinlich am ehesten zwischen Duesenjaeger und Karmacopter …

So neu sind die ja nun nicht mehr. Kann ich aber gut mit leben.

Rumsitzen 2000 – Warum verbinde ich den Namen mit einem Terrorgruppen-Song?

Haben die auch einen Song der so heißt? Der Titel ist woanders geklaut.

Von wo?

Aus nem HipHop-Song, der mal im Auto lief.

„Rochelle Rochelle“ thematisiert ja den Fluchtgedanken, die Langeweile und irgendwie, irgendwo, irgendwann etwas anders machen zu müssen. Von Dir weiß ich ja, dass du immer noch überlegst, auf ein Hausboot zu ziehen, um der Wohnungssituation in Kreuzberg zu entfliehen. Wenn Du die Wahl hättest, New Yorker Loft oder Hausboot, was würdest du nehmen?

Kann man sicher so interpretieren. Der Text liegt seit etwa 10 Jahren in der Schublade, beim Schreiben dachte ich damals an etwas anderes. Aber klar, so geht‘s auch. Hausboot stimmt nicht ganz. Ich überlege zukünftig auf einem Wohnschiff zu leben. Das ist etwas anderes. Mit einem Wohnschiff kannst Du durch die Gegend schippern, mit einem Hausboot liegste faul am Ufer und guckst den Enten zu. Enten gucken ist natürlich super. Vögel gehen bekanntlich immer. Aber durch die Gegend schippern ist besser. Es fehlt natürlich wie immer das nötige Kleingeld, da muss ich mir noch etwas Cleveres ausdenken, aber es wird sich schon was ergeben. Momentan fällt mir nichts Besseres als ein Wohnschiff ein. In absehbarer Zeit wird man mich aus meiner Bude raus sanieren und es gibt für mich schon jetzt keine bezahlbaren Wohnungen mehr. Die Mieten sind bekanntermaßen explodiert und auf jede freie Wohnung kommen keine Ahnung wie viele Bewerber die auf ihrer Gehaltsabrechnung alle eine höhere Summe vorweisen können als ich. Ich habe vor ein paar Wochen mal auf einer Immobilienseite geschaut, welche bezahlbaren Wohnungen es im Umkreis von 8 Kilometern für mich noch gibt. Es waren genau drei. Alle kleiner und teurer als meine jetzige. Bei einer der Wohnungen sollte man zusätzlich zur Miete noch Hausmeister-Tätigkeiten verrichten. Soweit kommt‘s noch… dann lieber ein Leben lang Seekrank.

Der Name „Rochelle Rochelle“ kommt aus der Serie Seinfeld. Ist das Inspiration für Dich? Würde ja auch wieder zu den 90ern passen.

Nee, eine Inspirationsquelle ist das nicht. Aber kurzweilige Unterhaltung.

Wer ist dann der Suppennazi in der Band?

Leider alle drei.

Gibt es Filme, Serien, Dokumentationen, die für dich Inspiration sind?

Ja, ich verbringe schon viel Zeit mit Filmen, gehe viel ins Kino und bedaure das Videotheken-Sterben. Filme können sehr inspirierend sein… Fritz Lang, Sergio Leone, Sergio Corbucci, überhaupt das Italo-Western-Genre, Truffaut, Novelle Vague, John Carpenter, Film Noir… ich ziehe mir echt alles rein. Filme können für mich sehr ähnlich wie Musik funktionieren.

Letzte Fragen: Pferderennbahn oder Portemonnaie-Trick im Park?

Der Unterhaltungswert ist gleich. Ich komme auf beide Ausflüge mit.

Hüsker Dü oder Leatherface?

Bourbon oder Scotch… beide toll

Trio oder Puhdys?

Das sind ja mal Fragen… Trio. Auch wenn die Puhdys komischer sind.

Truck Stop oder Kassierer?

Kommt auf den Fahrzeugtyp an.

Welcher Fahrzeugtyp zu welcher Band?

LKW oder Ufo. Ist doch klar.

Udo Lohmeyer oder der erste Mensch auf der Sonne?

Emerson Brady war der erste Mensch auf der Sonne. Wie soll man das toppen?
Bei aller berechtigter Kritik an der Band, der Humor der Kassierer ist meiner Meinung nach subversiver als allgemein angenommen wird.

Turbostaat oder Muff Potter?

Habe von beiden Bands eine Platte. Die Flamingo hat das bessere Cover. Vögel gehen bekanntlich immer.

AC/DC mit Axl Rose oder Slime ohne Stefan Mahler?

Slime ohne Axl Rose

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Interview: Mika Reckinnen

Bandcamp-Seite: https://litbarski.bandcamp.com
Facebook-Seite: https://www.facebook.com/litbarskiband/
Youtube-Video: https://youtu.be/oHP5Vbqc6Yw

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