August 28th, 2019

LEFTOVER CRÄCK aus #120, 2006

Posted in interview by Jan

Leftöver Crack

„you can do the interview now, but Stza is in a weird mood, so I don’t know whether it’s gonna work out alright“

Die Band kommt etwa eine oder zwei Stunden zu spät am Konzertort an, parkt im Halteverbot auf der gegenüberliegenden Strassenseite und beginnt frenetisch, ein paar Instrumente und viel, viel Merchandise über die Strasse zu schleppen. Ein mit reichlich debilen Tattoos geschmückter, ausgemergelter Crusty dreht in der Straßenmitte um, geht zurück und beginnt frenetisch, nach einer anderen Baseballmütze zu suchen. „I need the LICE cap, I need the LICE cap“. Eben eine mit ‚police‘ Aufnäher und übermaltem ‚po‘, ihr versteht schon.

Im Umfeld von Leftover Crack gibt es einige Bands, die sich alle aus den gleichen Leuten rekrutieren (Crack Rock Steday Seven – unter dem Namen auch ne Split 10″ mit F-Minus) und von denen vielleicht Choking Victim die bekannteren waren, aus denen dann INDK, Morning Glory oder Leftover Crack hervorgingen.

Die Brillanz der Leftöver Crack LP „Fuck world trade“, die vor drei Jahren auf Alternative Tentacles erschienen ist und im darauffolgenden Jahr zu einer der meistgehörten Platten von illustren Szenegrößen wie Klaus Frick oder *jihad!!* mir („Ronald Reagan, Maggie Thatcher und Helmut Kohl betreten eine Bar…“) avancierte, liegt in ihrer derben Rohheit und schieren Brillanz, in der zwischen Crust und Ska, Mitgröhlpunk und Albini-hat-produziert Geigen gewechselt wird.

Dazu herzerwärmende Texte (ein so schönen ‚Fuck the police‘ Chorus gab es wirklich schon lange nicht mehr) und ein stümpernd unterhaltsames Cover, das Euch allen bekannt sein dürfte – das mit den Twin Towers als Zapfsäule und so. Die Monate danach fing ich sogar an, weitere A.T. Releases näher unter die Lupe zu nehmen, was ich das letzte Mal in seligen Alice Donut Zeiten tat, allerdings war dieses Unterfangen von keinem Glück gekennzeichnet. Warum seitdem keine neue Platte erschienen ist? Na, das dreht sich, wie auch das nachfolgende Interview darlegen sollte, um den Bandchef Stza, man darf das Stissr aussprechen, aber nicht Stiesah, wie gestern gelernt.

Der Typ ist nämlich ein Klinkheimer, will sagen ein Ex-Crackhead und was-weiss-denn-ich-noch. Eigentlich der Typ, der auch bei Dir in Deinem Juze immer rumhängt, völlig durch ist und mehr nervt als Glückseligkeit verbreitet. Und damit die Topform auch ohne echte Drogen funktioniert, hat er gestern während der Show nonchalant aus einer vollen Glaskanne aus der Kaffeemaschine ein Gebräu aus Bier und Captain Morgan Spiced Rum getrunken, fünfzig-fünzig würde ich sagen. Das ist eine beachtliche Leistung, die meinen vollsten Respekt abverlangt: Stza, heute abend trinke ich einen oder vier Jameson auf dich (Anm.: Es wurden drei Doppelte).

Das Konzert im Kölner MTC wurde von der Konzertgruppe Beer&Music ins Rennen geworfen. Machen einen netten Eindruck, aber warum ein Konzertort gewählt wurde, bei dem die Hälfte der dreihundertundzwanzig Zahlenden (!) einfach gar nichts sehen kann (bei 12 Euro der Pop, wobei es ja nun einmal egal ist, ob 2, 12, oder 120: nix sehen ist nix sehen), bleibt mir ein Rätsel. Ich vermute, dass die Veranstalter vom großen Zuspruch selbst überrascht waren.

Der Saal war auch ansonsten denkbar ungeeignet, da man am Rande des Pits gegen die Wandgedrückt ständig mit den Rippen in die Abstellflächen für Bier gestoßen wurde und das Wasser bei 60 Grad Innentemperatur in 0,2l Gläschen verkauft wurde. Was wiederum dazu führte, dass Chef-Cracker Stza drei diesbezüglich unzufriedenen Typen 20 Euro in die Hand drückte. Ich stellte mich dann nach einiger Zeit, auch wegen meines Gehörschadens, in den Abgang zum Klo, dort gab es wenigstens kaltes Wasser umsonst. Nur so als Tip am Rande.

Die Band bretterte was das Zeug hielt und das Publikum hielt ordentlich dagegen. Am Anfang des Konzerts waren die Stück auch so gewählt, dass die unterschiedlichen Gesangsarten der drei möglichen Mikros öfter variierten, während gen Ende der sichtlich angeschlagene Stza die von mir eigentlich erwartete Ein-Mann-Show abließ. Die Zahl derjenigen im Publikum, die bibelfest die Faust schwingen und dabei die Texte singen konnten, war erstaunlich und sorgte für eine beachtliche Stimmung. Nach dem Konzert stand auch postwendend die gesamte Bühne mit Fans gefüllt, um sich das ein oder andere Objekt signieren zu lassen oder auch einfach nur verbal Stza zu huldigen.

Der nahm das freundlich, aufgeregt und ein wenig überdreht alles mit, woraus sich – in Verbindung mit dem geführten Interview – seine Persönlichkeit in Teilen für mich erschloss: Da steht also der Crackjunkie, Hausbesetzer, immer der Arsch und Idiot gewesen und auf einmal finden ihn alle ganz toll, er mutiert zu einem wertvollen Teil einer Szene, die ihn sonst ablehnt. Das trägt er mit kindlicher Freude und Captain Morgan ganz gut, auch wenn er dabei natürlich ins übertrieben Selbstdarstellerische abrutscht: Schwamm drüber. Wahrscheinlich ist er auch ganz froh, daß er überhaupt noch lebt.

Stza: Ich bin sehr aufgeregt, ein Interview für ein Heft zu machen, welches über Sleater Kinney schreibt. Es ist eine der Bands, die ich im Moment am meisten mag.
Heute abend, wenn ich das richtig verstanden habe, fehlen einige Bandmitglieder…
Stza: Es fehlen zwei Leute. Von fünf.
Das sind 40 Prozent.
Stza: Die Sache ist die, daß Leftöver Crack von mir, Alec am Bass und Ara an den Drums gegründet wurde, wobei ich die ganzen Lieder geschrieben habe. Wenn du dir unsere erste Platte Mediocre Generica anhörst, sind wir nur zu dritt am spielen, ich habe zwei Gitarren eingespielt, Alec und Ara eben mit Bass und Drums. Alec spielt Bass. Ara spielt Drums.  Brad Logan von F-Minus, einer unserer Gitarristen auf unserer ersten 7″, die vor Mediocre Generica herauskam, die haben wir in Kalifornien aufgenommen, da haben wir die Rock the 40oz 7″ aufgenommen.

Ich, Brad Logan, der Drummer der Beastie Boys und Suicidal Tendencies, und Alec. Die vier Lieder, die wir damals in Los Angeles aufgenommen haben, die Rock the 40 oz -7″, danach haben Alec, ich und Ara uns in New York getroffen und Hellcat Records sagten, daß sie uns Geld geben würden, um Mediocre Generica aufzunehmen – nur wir drei – dann waren wir zu dritt eine Band. Das dauerte mehr als ein Jahr, bis dann die Platte rauskam, da es Kontroversen um das Artwork gab.

Ezra kam dann von der Band INDK zu uns, war auch schon seit zwei Monaten bei Choking Victim, auch wenn er auf ‚No gods, no managers‘ nicht mitgespielt hat, wie dem auch sei, er kam dazu. Die Platte war immer noch nicht draußen, wir haben ihn dann aber mit Photo und Namen auf selbige gebracht, auch wenn er nicht mitgespielt hat. Er hat meine Parts gelernt, wenn auch nicht immer originalgetreu. Brad Logan, der hat dann auf einem Song auch mitgespielt, ob er gesungen hat, weiss ich jetzt auch gar nicht mehr so genau. Er hat zumindest nicht viel gemacht. Aber er war da, weil Hellcat uns Geld gegeben hat, da er auch eine Art Repräsentant vom Label zu diesem Zeitpunkt war. Ich weiß, daß das gerade alles nicht viel Sinn macht und sicher nicht einfach zu übersetzen ist —
Ich kann mich ja auch an der Bandbiographie auf der Website orientieren (hüstelnd)
(Zwar gehört Hellcat wohl Tim Armstrong, dem Sänger von Rancid, was aber wenig daran ändert, daß die Band nicht mit ihm zu tun hatte, sondern nur mit den üblichen austauschbaren corporate Medienschmocks, die alle früher mal neben dir am Tresen gestanden haben. Von daher beschrieb Stza in einem anderen Interview die Situation als ambivalent, da sie als Band durch die Cheapo Comps des Labels eine Menge Aufmerksamkeit erhalten haben, das Ärger mit dem Artwork aber die Band um Jahre ausgebremst hat)

Stza: Ja, das habe ich geschrieben, aber das ist zehn Jahre alt und stimmt sowieso nicht.
Na dann machen wir mal weiter…
Stza: Was du wissen willst, ist warum Brad Logan und Ezra nicht hier sind. Brad Logan ist krank. In Kansas City. Er hat ein Leberproblem, er konnte daher nicht mit uns auf Tour kommen und Ezra ist krank in New York, ich weiß nicht warum er krank ist, er kam mit uns nach England, spielte eine Show und flog zurück, weil er so krank ist.
Es sieht dennoch so aus – zumindest aus meiner Sicht – daß sich die ganze Band um dich dreht. Was bedeutet dies für einen ’normalen‘ Songschreibeprozess? Sitzt Du irgendwo und spielst ein wenig auf der Gitarre rum, trinkst ein Bier… wie entsteht der normale Leftöver Crack Song?
Stza: Normalerweise bin ich nüchtern. Aber gerade dann, wenn ich ziemlich fucked up war, am nächsten Tag… in Katerstimmung, da erinnere ich mich an die Sachen, über die ich nachgedacht habe, als ich besoffen und total fertig war. Seit einiger Zeit, also neuerdings, passiert es mir häufiger, daß ich einen Filmriß habe, ich werde auch älter und habe seitdem öfters so etwas. Am nächsten Tag fallen mir dann nach und nach noch einige Details ein, ich denke kurz an etwas, wenn ich dann wieder nüchtern bin, und greife sofort zum Stift und schreibe etwas auf. Manchmal dauert es einen Monat, bis ich wieder Notizen mache. Das letzte Mal, daß wir ein Full-Length-Album aufgenommen haben, war 2003… kam 2004 heraus. Ich habe ein paar neue Lieder.
Ein Freund von mir, der in New York City lebt, sah euch neulich vor etwa 2000 Leuten im Tomkins Square Park spielen. Ihm fiel dabei eine recht professionell ausgestattete Kamera Crew auf, die euch gefilmt haben. Ein Bekannter von ihm vermutetet, dass die einen Film für eine neue Platte drehen?
Stza: Das ist ein Gerücht. Aber die Leute, die uns dort gedreht haben gehören zur Band Team Spider. Die sind auch aus NYC und ihr Bandchef Chris lebt einen Block von mir entfernt. Er hat Choking Victim und Leftöver Crack gefilmt…seit es Choking Victim gibt – seit 10 Jahren. Er zeigt diese Filme dann auf Public Access Television, weißt du was das ist?
Ja, so in etwa.
Stza: Freies Fernsehen für das Volk. Er hat uns damit ganz schön geholfen, ohne daß wir es mitbekommen haben, da keiner von Kabelfernsehen oder überhaupt einen Fernseher hat. Später erzählen uns dann Leute, daß sie uns im Fernsehen gesehen haben und wir fragen sie und uns ‚warum‘ – weil es eben auf Public Access TV ist – Chris Ryan von Team Spider (www.myspace.com/teamspider) hat das alles gemacht.

Wir haben ihm dann auch gesagt, daß er uns immer filmen soll, wenn er will, denn wir werden natürlich nicht ewig existieren und wenn Leute uns mal sehen wollen, weil sie vielleicht auch an einem anderen Ort leben… die Leute sind cool, sie machen das alles umsonst, Chris zahlt alles aus eigener Tasche, einige Leute helfen ihm – ohne Profit, weil sie die Musik oder die Politik mögen. Ich bin immer dafür, daß Leute uns filmen oder aufnehmen und das ins Internet stellen, mir ist das egal,ob du unsere Platte kaufst oder umsonst kopierst.
Und wie fühlt sich das so an, wenn man im Tompkins Square Park spielen kann, wo Nausea, Missing Foundation..
Stza: oder Regan Youth gespielt haben? Ich bekommen gerade eine Gänsehaut! Es ist vielleicht das besonderste, stärkste Gefühlt überhaupt. Alles, was ich tun kann. Wenn ich 2000 Dollar jemandem geben kann, damit wir eine Bühne und Musikequipment kaufen (leihen?) können, um eine Show im Park zu veranstalten. Das bedeutet mir am allermeisten. Eine Show umsonst spielen… für die Leute, Ihnen vom Polizeistaat zu erzählen, den Lügen der Regierung, unter denen wir leben. Und es ist umsonst – es kostet sie nichts. Mehr Leute kommen, jüngere Leute, die sich vielleicht noch nicht so auskennen. Vielleicht können wir sie mit guten Ideen beeindrucken. Das ist die ganze Welt für mich.
In einem Wikipedia Text steht, daß ihr unter anderem im ABC No Rio, North 6th, Knitting Factory nicht mehr spielen dürft.
Stza: und CBGB’s!
Ich dachte, das gäbe es nicht mehr.
Stza: also als wir weggeflogen sind…
Also vor allem im ABC No Rio, einem so legendären Auftrittsort für Anarchobands: Wie schaftt man es, dot nicht mehr spielen zu dürfen?
Stza: Es handelt sich um kein offizielles Auftrittsverbot. Wenn wir da auf einer Benefiz-Veranstaltung auftreten wollen kommt jemand eine Woche vorher zu uns und sagt ‚Ist abgesagt‘.
Wie geht das?
Stza: Es ist eine lange Geschichte, sie ist erzählt worden, es ist scheiße. Ein weiterer Grund, warum wir die Tomkins Square Park Shows machen. Wir sind auch New York, wir mögen unsere Stadt.

***

Ok, ein kleiner Einschub hier.

Nach einigem Suchen hier die einzelnen Gründe, warum die Band hier und da nicht mehr auftreten darf:

CBGB: 3 Tage nach 9/11 entsprechende Kommentare abgelassen

Knitting Factory – Beschwerden aus der Nachbarschaft, Drogenmißbrauch auf der Straße, Ein Twin tower Modell aus Pappe, welches dann angezündet wurde

North Six – Laut einer offiziellen Stellungnahme des Clubs hatte die Feuerwehr einen Tip erhalten, daß während der L.O.C. Show Pyrotechnika abgefeuert werden sollten. Die Band hatte das wohl verneint, aber im Vorfeld spaßeshalber selbiges (auf einem Flyer) angekündigt. Die Feuerwehr kam, fand keine Pyrotechnika, schloße den Laden aber wegen einer abgelaufenen Lizenz.

Southpaw – Folgte dem Beispiel von North Six

ABC No Rio: Natürlich keine klaren Aussagen recherchierbar – Tendenz: Kommentare zum 9/11
Irving Plaza & The Warsaw – Gehören Clear Channel. Jetzt wird’s kompliziert. Die Firma Clear Channel kauft sukzessive einen immer größeren Teil der US Radiolandschaft auf, da im Zuge der Abschaffung unnötiger (?) Bürokratie während der Clinton-Administration auch einige Gesetze und Vorschriften bezüglich der Medienlandschaft gekappt wurden.

Die Firma Clear Channel sieht sich ständig dem Vorwurf der Monopolbildung wie auch der Zensur ausgesetzt, so daß sie auch ohne großes Zögern auf ihrer Website auf diverse Vorwürfe antworten (www.clearchannel.com – about us – know the facts). Zahlreiche Hallen und Clubs gehören inzwischen der gleichen Firma, so eben auch in NYC – es sind viele hundert in den ganzen USA. Leftöver Crack wunderten sich bei einem Konzert in Chicago mit 500 zahlenden Gästen (bei 12 Dollar Eintritt, obwohl 7 ausgemacht waren), dass sie am Ende 400$ bekamen, ein Großteil ging direkt an CC. Dies führte dann zum Lied „Clear Channel (Fuck off!)“, was logischerweise auch Konsequenzen in sich barg. LIVENATION.COM ist die Unterfirma von Clearchannel, die diesen Bereich abdeckt.

Eben mal kurz geschaut, alle genannten Läden – mit der rühmlichen Ausnahme des ABC No Rio – sind entweder über CC buchbar (Online-Tix etc.) oder gehören gleich Clear Channel, wobei die Auftrittsverbote zum Teil noch in eine Zeit zurückreichen, als dem nicht so war – die Pauschalaussage Leftöver Crack darf dort nicht spielen, weil… kann also nicht angewandt werden.

Ok, der nächste kleine Einschub hier.

Mit dieser Antwort kann sich das Trust ja wohl kaum zufrieden geben. Daher wurde ein wenig Extraschicht gearbeitet, wobei ein Mitglied der Band Huasipungo, die Konzerte im ABC No Rio mitorganisiert, zur Thematik befragt wurde.

Seine Antwort beginnt bei einem gemeinsamen Gig beider Bands im Gilman Street in Berkeley, bei dem LOC fragen, ob sie H.‘s Equipment benutzen dürfen, weil sie selber keines dabei haben. H. lehnen ab, weil bei vergangenen Shows mehrfach verliehenes Equipment durch LOC (unabsichtlich) beschädigt wurde, aber nie eine Reparatur/Entschädigung statt fand. Daraufhin sind LOC ungehalten und beschädigen den Tourvan von H., indem Löcher in den Tank gestoßen werden.

Die Reparatur kostet 500$, wobei LOC nichts zahlen. H. verfolgen die Sache nicht weiter, da einige Bandmitglieder zu diesem Zeitpunkt keine Aufenthalerlaubnis besitzen und in keinerlei Rechtsstreit verwickelt werden können. Als dann LOC bei Hellcat unterschreiben und angebliche zwanzig Tausend Dollar vorab kassieren, werden sie von H. auf die Sache angesprochen, weigern sich aber, den Schaden zu tragen. Die Reaktion von LOC fällt stattdessen eher unsympatisch unter Benutzung von Leuchtspurmunition aus, die auf zwei H Mitglieder abgeschossen wird. Interessanterweise wohnen zu diesem Zeitpunkt auch zwei H-Mitglieder im C-Squat…. noch Fragen?

***

Also erzählst du mir noch, warum ihr nicht im ABC spielen dürft?
Stza: Nein, das habe ich schon mal erzählt und wir sind eben auch gar nicht richtig ‚verboten‘, sondern gehen daja auch ständig als Gäste hin, spielen auch akustische Sets dort und ich unterstütze ABC No Rio auf jeden Fall zu einhundert Prozent. Meistens sind nur ein oder zwei Personen in meinem Alter da – alte Leute – die uns nicht mögen und den Kids sagen, daß sie uns auch nicht mögen sollen.

Die meisten Kids merken aber dann, daß wir gar nicht so schlimm sind und vielleicht auch richtige politische Ansichten haben. Außerdem passen in den Laden nur 150 Personen und wir könnten – wenn uns in New York ein Club buchen würde – vielleicht 700 Leute erwarten, die für uns auch zahlen. Das geht also auch nicht. Wir können auch nicht mehr in meinem Haus spielen, dem C-Squat. Die Kombination aus Leftöver Crack und C-Squat würde vielleicht tausend Leute zum kommen bewegen. Und wir könnten vielleicht 500 unterbringen. Und die Polizei auf der anderen Straßenseite.
Ist C-Squat immer noch ein besetztes Haus? Als ich vor zwei Jahren in der Gegend herumgelaufen bin, war ich verwirrt. Es gab noch die alten Sozialwohnungen und ihre meist puertoricanischen Einwohner, aber auch Modeläden mit 800 Dollar Jacken dazwischen – als zweitteuerster Stadt der Welt… mit all dem Geld, was man als Grundstückinhaber dort verdienen könnte, wie kann man da noch eine Hausbesetzung tolerieren?
Stza: Es gibt immer noch 11 besetzte Häuser im Radius von C-Squat – in der Lower East Side, in Alphabet City, wie wir es nennen. Es gibt eine kleine Ecke, von der A bis zur F Avenue, von Houston Street bis zur 14th Street, 14 Blocks, 4 Avenues: 11 Squats! Das hängt daran, daß 1995 oder 1996 – oder war 1997? – ich kann mich nicht genau erinnern – 4 besetzte Häuser in der dreizehnten Straße geräumt wurden, zwischen Avenue A und Avenue B – also etwa sechs Blocks von meinem weg . Dazu wurde ein Panzer benutzt – ein echter Panzer, auf dessen Seite NYPD stand. Einige Familien wurden dabei auch rausgeworfen, vor allem Afroamerikanische und Lateinamerikanische Familien.

Und das gab richtig böse Berichte in den New Yorker Medien. Im Zuge dieser Berichte hat Rudolph Giuliani, Bürgermeister und bekannter Faschist – warum auch immer, ich habe keinen blassen Schimmer – verfügt, daß keine besetzten Häuser mehr geräumt werden, da er keine schlechte Presse mehr haben möchte. Die Leute können dort bleiben und einen Vertrag mit der Organisation U-Hab abschließen, wo U-hab das Gebädue für einen Dollar kauft, uns Tausende von Dollar leiht, damit die Feuerschutzbestimmungen eingehalten werden können, und dann solle uns steuerfrei für 40 Jahre gehören. Ich habe aber keine Ahnung, ob das wirklich so ist oder nur ein Gerücht (Laut Wikipiedia wie auch www.uhab.org kommt das aber so in etwa hin)

***

Ein Abgesandter des Ladens betritt die Rumpelkammer, in der wir sitzen und bittet uns, den Rest des Interviews im inzwischen geleerten Laden zu machen, da er im Keller abschließen will. Eigentlich keiner Erwähnung wert, doch dann verreckte endgültig und abschließend mein Rekorder. Lieber Sony TCM-74V, ich werde dich nicht vergessen. Über 15 Jahre – wie lange eigentlich? – haben wir zusammen treu Bands interviewt, ich habe dich gefüttert und du mich fast berühmt gemacht. Den kleinen orangenen Pauseknopf an deiner Seite habe ich immer gehasst, aber unter Freunden alles kein Thema. Ich werde dich vorläufig nicht wegwerfen. Morgen liefert Amazon aber meinen neuen Digitalrekorder, sorry.

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Also fragte ich Stza noch nach einigen Kleinigkeiten, die ich hier als Gedächtnisprotokoll wiedergeben möchte.

Die nächste Platte wird – Überraschung – übrigens bei Fat Wreck erscheinen, eine Split LP mit Citizen Fish, bei der LOC Citizen Fish und Subhumans covern, während Dick Lucas und seine Mannen Leftöver Crack sowie Choking Victim Songs intonieren wollen: Februar 2007.

Anschließend wollte ich ein wenig mehr in die Texte eindringen, wobei von großen Erfolgen hierbei zu diesem Zeitpunkt – Captain Morgan! – wohl nicht zu träumen war. In einem der Hits auf Fuck world trade, ‚Life is pain‘ , geht es um’s Kinderkriegen: ‚Fuckin‘ like bunnies – breedin like rats – we’re shittin‘ out the babies and I’m telling you that’s mad aganist the better judgement in our human history (…) you’re too ugly and I’m to fat, what kind of seed are we to spawn with genetic cards like that?…‘
Stza konnte dann auch erläutern – entgegen einigen äußerst vagen Interpretationen, die andere Rezensenten über diesen Text abgelassen hatten – daß es ihm darum ginge, keine 17jährigen Punker in ’seiner‘ Szene schwanger werden zu sehen, weil sie aus der Sicht des Dreissigjährigen dafür noch nicht geeignet wären, es also keinen Bezug zum Thema Überbevölkerung oder ähnlichem gäbe, auch wenn die letzte Zeile dies suggeriert (‚too many people on the way / world’s growing smaller every day / as quantity grwos quality goes / pur lives are sick and in decay‘).

Eigentlich auch ein wegweisender Hinweis auf seine Selbsteinschätzung folgt im gleichen Lied: „plus addiction and depression is just swimmin‘ in my cum“… da folgte selbstredend die Frage nach seinen Crack-Geschichten, die recht bodenständig und gerade von der Leber heraus beantwortet wurde: ‚I was a crackhead‘. Wollte wissen, ob das in der Hausbesetzerszene in NYC eine verbreitete Droge gewesen sei (und heute alle auf Meth, oder was auch immer?).

Er meinte, nur in einem Teil der Besetzer – den Drogenabhängigen, während die eher politisch motivierten Besetzer damit nun nicht umgehen wollten. In diesem Kontext wies Stza darauf hin, daß er sich an der Schnittstelle zwischen beiden Gruppen sehe und ein großer Wunsch sei, die beiden Enden in irgendeiner Form zu einen, da der Gegner doch der gleich sei. Das gälte es zu prüfen, aber damit wollte ich ihn nicht belasten.

Nachschlag: Habe seitdem jeden Tag die LP gehört oder bei Mytube Videos angeschaut.

Interview: Daniel

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