März 10th, 2016

LEE HOLLIS (#55, 12-1995)

Posted in interview by Jan

Oh Gott, was soll ich jetzt hier als Einleitung schreiben?? Es war einmal ein G.I. …. Nein, daß wäre jetzt wirklich zu doof. Also, jeder der dieses Heft liest, wird so gut wie sicher wissen, wer Lee Hollis ist! Für die zwei, die mit dem Namen nichs anfangen können, hier ein Kurzdurchlauf: erster Sänger von Spermbirds/Walter 11, immer noch Sänger und Kopf von 2-Bad, Sänger bei Ankry Simons und den daraus entstandenen Steakknife. Seit dem 01.10.95 ist ein weiterer Punkt zu dieser Liste hinzugekommen: Spoken-Word-Artist. Dies war der Tag als im Frankfurter Hof in Mainz, im Rahmen der dort stattfindenden Literaturtage, Hollis als Vorprogramm für die an diesem Abend sehr enttäuschende Lydia Lunch knapp eine Stunde Prosa-Texte vorstellte.

Vom Stil her könnte man die Texte ein wenig mit denen von Henry Rollins vergleichen mit dem wichtigen Unterschied, daß bei Hollis die besonderen Charaktere, die Verrückten, die Monster, die Hauptrolle spielen und der Erzähler, Lee Hollis meist, in die Rolle des Betrachters zurücktritt. Bei Rollins ist alles eine Person, der Erzähler, der Protagonist, der Täter und das Opfer, alle sind eben Rollins. Ein weiterer Unterschied ist das, zugegebenerweise von mir jetzt völlig subjektiv beurteilt, Verhältnis zwischen Autor und Text. Während Rollins immer beteuert, daß er sich nicht als Schriftsteller sieht, sich aber insgeheim bestimmt viel darauf einbildet, machte Hollis auf mich den Eindruck, daß er die Sache zwar erst nimmt, aber nicht gleich diverse Literaturpreise erwartet. Die Ähnlichkeiten liegen zum einen in der Präsentation, beide „lesen“ nicht einfach einen Text, sondern beweisen, daß sie gute Entertainer sind und zum andern in der extrem zynischen Grundhaltung zum Leben allgemein. Vor seinem Auftritt hatte ich die Gelegenheit, kurz mit Lee Hollis über die Anfänge, die Spermbirds und noch ein paar andere Dinge zu sprechen.

 

Ich war ziemlich erstaunt, als ich das Programm für diese Veranstaltung gesehen habe und deinen Namen sah. Das letzte, was ich von dir in schriftlicher Form gesehen habe war die „Growing Up With Lee“-Kolumne im Zap und das war vor 5 oder 6 Jahren..

Lee: Ja, das ist eine Ewigkeit her…

Wie kam es jetzt dazu?

Lee: Naja, es war so, daß Jens Neumann (der Veranstalter des Literaturfestivals), der ja auch schon für Zap geschrieben hatte, an mich gedacht hat. Das hat mich auch überrascht, denn ich habe so etwas noch nie vorher gemacht, noch nie! Er hat mich dann vor etwa vier Monaten angerufen und mich gefragt, ob ich Lust hätte, eine Lesung vor Lydia Lunch zu machen und ich sagte: „Ja sicher, habe ich!!! Ganz sicher!“ Das ist jetzt ein großes Experiment für mich. Ein SEHR großes Experiment!

Warum hast du damals aufgehört mit „Growing Up With Lee“ ?

Lee : Äh…, das ist schwierig, zum Teil weil ich das Gefühl hatte, nicht immer etwas zu sagen zu haben, und ich wollte nicht einfach da sitzen und jeden Monat irgendetwas schreiben, nur weil es jeden Monat veröffentlicht werden muß. Zum anderen wollte ich damals überhaupt nicht mehr für Zap schreiben, arbeiten….

Du hast dann aber noch sehr lange das Layout für Zap gemacht und bist dann zum Plot gegangen. Jetzt machst du dort das Layout….

Lee: Das hat sich jetzt gerade geändert, ich habe das Layout für das Plot gemacht, mache es jetzt aber nicht mehr…. Das kommt daher…äh.., um ehrlich zu sein, ich wollte es nicht umsonst machen,…weil… naja, das ist einfach mein Beruf, so verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Sie waren nicht in der Lage, mich zu bezahlen. Das klingt jetzt gemein, aber es war auch die Sache, daß das Plot…. Ich weiß nicht, ich lese es, aber ich stimme nicht mit allem überein, was ich sehe.

Als Ex-Mitarbeiter von beiden Seiten Zap und Plot, möchtest du irgendein Statement abgeben zu dieser ganzen Sektierung, die in den letzten 1 1/2 Jahren so abging.

Lee: Ha, ha, glaubst du, ich möchte mich aufhängen? Ha, ha ….eigentlich nein, kein großes Statement. Das einzige was ich schon immer bescheuert fand, was ich am Zap bescheuert fand schon vor langer Zeit, war dieser Kleinkrieg zwischen den Fanzines. Die schrieben dann, daß das eine Fanzine nur Scheiße im Heft hat und die schrieben dann das gleiche zurück. Ich empfand das nur als schrecklich langweilig!

Das war doch jetzt ein klares Statement.

Lee: Ich will damit auch nichts zu tun haben.

Ich weiß ja jetzt noch nicht, was du später vortragen wirst, wird es so ähnlich wie früher im Zap, leicht surreal wie deine Texte bei 2-Bad oder ein bißchen wie die Texte von Steakknife, die ja eigentlich oft von Blödsinn handeln. Wie gehst du vor beim Schreiben? Sagst du dir, ich schreibe jetzt das und das oder schaust du nach 3 Seiten einfach, was daraus geworden ist?

Lee: Also für diese Sache heute Abend war es so, daß ich, als ich gemerkt habe, daß ich es wirklich mache, einfach angefangen habe zu schreiben. Nun ist es so, daß ich normalerweise wirklich nicht viel schreibe, für die Sache heute Abend aber schon. Vieles davon sind einfach nur Ereignisse, die mir passiert sind oder Begebenheiten, die ich gesehen habe. Wenn ich für 2-Bad texte, ist das eine ganz andere Seite, ich schreibe sie mit einem anderen Kopf und auch aus dem kleinen Element hier! (zeigt auf sein Herz) Ich muß jetzt erst einmal sehen, ob dies alles hier überhaupt klappt.

Das ganze Ambiente heute Abend hier ist ja doch ziemlich elitär, Schlips und Kragen, Sektgläser, der Kulturdezernent kommt vorbei etc. Es wundert mich ein wenig, daß du als „gestandener Punkrocker“ das erste Mal in diesem Rahmen liest.

Lee: Ich weiß, ich weiß… Als wir vorhin anka-men, sagte ich nach ca. 15 Minuten zu Thomas, unserem Bassisten, daß das hier „Fantasy-Land“ ist und wir hier nicht hingehören. Und eigentlich gehören wir hier auch nicht hin. Das Wichtigste für mich war Lydia Lunch zu sehen. Ich hatte zwar immer darüber nachgedacht so etwas zu machen, ich hatte nur nie die Chance. Niemand hat mich vorher gefragt und jetzt denke ich, es wäre blöd, es nicht wenigstens zu versuchen.

Und wann kommen die Filmrollen?

Lee: Oh… da habe ich schon mit ein paar Leuten gesprochen…….Ha,ha,.. Nein, es wird keine Filmrollen geben, ABER mit einem Freund habe ich gerade ein Drehbuch für einen Spielfilm geschrieben und wir werden dafür sogar Geld bekommen. Wir werden vom Saarländischen Filmbüro gefördert. Das ist ein ganz anderes Ding, weit weg von Punk-Rock, Musik, Blut und Kotze. Dinge passieren auf einmal und ich bin sehr offen dafür.

Henry Rollins hat letztlich in einem MTV-Interview gesagt, daß, als er anfing mit der Schreiberei, dem Verlagswesen und der Schauspielerei, all das nur neben der Musik stand, er heute aber die anderen Dinge weit interessanter findet als die Musik und sich vorstellen könnte mit der Musik in drei Jahren aufzuhören. Wie sieht es bei dir aus, willst du in 10 Jahren noch auf der Bühne stehen oder denkst du, vielleicht auch unbewußt, daß du dann peinlich wirken wirst.

Lee: Das ist mir bewußt!! Ich weiß nicht, ob das hier heute Abend oder das Drehbuch erfolgreich sein wird, ob ich weiter die Möglichkeiten haben werde, diese Dinge weiterzuführen, nur ist es eine Tatsache, daß ich heute 32 Jahre alt bin und…ich erfreue mich noch an Musik. Ich erfreue mich am Musikmachen, jetzt mehr als in den letzten Jahren, aber ich möchte nicht im Oldie-Circus landen. Ich will mich irgendwie weiterentwickeln. Ich will solange Musik machen, solange sie nicht peinlich ist, solange sie mir Spaß macht und ich 100% dahinter stehen kann und mich gut dabei fühle, so wie im Moment, nur man wird nicht jünger!

Ich habe vor ca. 2 Monaten Steakknife in Wiesbaden live gesehen und Beppo (Spermbirds-Schlagzeuger, für die oben genannten zwei) meinte,daß der Gig vom Feeling her wie Spermbirds 1985 gewesen wäre. Also kann…

Lee: Ja, manchmal ist es so… und der Vergleich kommt auch oft.

Er kann es auch gut beurteilen, da er beides miterlebt hat.

Lee: Ich höre dauerd, daß Leute mir sagen, daß Steakknife wie die Spermbirds sind. Und es stimmt, aber eigentlich nur von der Geschwindigkeit, es gibt einige Songs, die auch Spermbirds-Songs hätten werden können, aber ich glaube der Vergleich kommt daher, da wir wieder schnell spielen. Die Stimmen sind dieselben, da kommt es automatisch……

Aber du glaubst nicht, daß dich das noch einmal 10 Jahre tragen kann?

Lee: Eine Aussage, die ich aufgeschrieben habe und auch heute lesen werde, ist, daß ich Musik noch ungefähr 3 Jahre machen will. Ich werde wahrscheinlich aufhören, wenn ich 35 bin. Ich möchte das jetzt nicht garantieren, aber ich glaube 35 ist ein guter Zeitpunkt, um mit dem Herumspringen aufzuhören. Es tut oft weh!

Es gibt doch trotzdem viele Beispiele für Menschen, die in einem gewissen Alter noch Musik machen, ohne je peinlich zu sein, NoMeansNo z.B..

Lee: Oh ja, die sind wirklich alt. Da hast du recht….. Ich will halt nur nicht an den Punkt kommen, wo ich mir denke, warum hast du nicht vor zwei Jahren aufgehört. Die Dreh-buchschreiberei ist auch sehr interessant.

Spielt der Film in unserer Scene, ich meine vom Plot her?

Lee: Nein, also, wenn man es sehr abstrakt betrachtet, ist der Film ein wenig wie ein 2-Bad Song, aber er hat nichts mit Musik zu tun.

Steakknife sind aus den Ankry Simons entstanden, aber Ankry Simons hatte nicht die gleiche Besetzung wie 2-Bad, so wie Steakknife jetzt.

Lee: Stimmt, 2-Bad und Steakknife sind gleich, bis auf einen Gitarristen, Poller, er spielt nicht in 2-Bad. Die Ankry Simons-Geschichten sind schon Jahre alt. Damals wohnten wir noch alle in Homburg. Wir waren nur so eine Gruppe Freunde. Manche sind dann weggezogen und erst jetzt vor kurzem beschlossen wir, es als richtige Band wiederzubeleben.

Auf einem 2-Bad Konzert vor gut einem Jahr hast du nach einer Stunde gesagt, daß du erkältest wärst und nicht mehr singen könntest. Ihr habt dann aber doch noch als Zugabe eine halbe Stunde als Ankry Simons weitergespielt. Hast du bei 2-Bad einen höheren Anspruch an dich selbst als bei Steakknife?

Lee: Es gibt zwei Ebenen. Zum einen ist es rein physisch einfacher, einen Steakknife-Song zu singen. 2-Bad ist einfach weit physischer, ich muß mich da wirklich pushen. Die andere Sache….äh…ich will nicht zu abstrakt werden, auch nicht irgendwie eigenartig ….es ist einfach emotional etwas ganz anderes. Genauer kann ich das nicht erklären.

Bei der neuen Steakknife 7″ ist ein kleiner Zettel dabei, auf dem Armin euch wegen der Texte einen kleinen Seitenhieb austeilt. War das nur so zum Spaß oder habt ihr Probleme mit X-Mist ?

Lee: Nun….äh…ich werde in einigen Tagen Armin in Stuttgart sehen und ich glaube er ahnt es schon…..weder 2-Bad noch Steakknife werden ihre nächsten Platten bei X-Mist rausbringen. Wir haben kein anderes Label, niemand hat uns ein Angebot gemacht. Eine Firma, es war auch ein Major, hat so halbherzig Interresse gezeigt, aber damit wollten wir nichts zu tun haben. Aber wir werden nicht mehr auf X-Mist sein und das hat nichts damit zu tun, daß Armin ein schlechter Mensch ist. Er ist immer noch einer der wenigen Menschen, die irgendwie mit dieser Musik zu tun haben, die ich wirklich respektiere. Nur wir waren jetzt 10, 11, 20, 35 Jahre bei X-Mist, wir müssen weiterziehen. Vielleicht bringen wir die nächste Platte selber raus.

Auf Dead Eye, deinem eigenen Label?

Lee: Nein, nicht auf Dead Eye, das gibt es nicht mehr. Ich bin nicht organisiert genug, ein Plattenlabel zu leiten. Nein! Aber Poller, unser Gitarrist, hat ein kleines Label und wenn wir nicht irgendjemanden finden und ich meine irgendjemanden kleinen, kein Major-Label, nur ein Label, das an uns interessiert ist, dann machen wir es eben selber. Ich weiß nicht… du soltest mit Armin sprechen, er fühlt vielleicht genauso. Er ist vieleicht sogar happy, daß wir weggehen und ihn in Ruhe lassen. Weißt du, für mich ist das echt schwierig, es ist wie, wenn du nach Jahren mit deiner Freundin Schluß machst. Es ist auch so, daß du manchmal mit deiner Freundin Schluß machst, obwohl du sie noch liebst und das ist hier der Fall.

Jetzt mal was ganz anderes. Das ist bestimmt schon vor Jahren mal in einem Interview gefragt worden, ich habe aber nie eine Antwort gelesen. Wie bist du damals eigentlich als G.I. in diese Scene bzw. zu der Musik bzw. zu den anderen Spermbirds gekommen. Die meisten G.I.s gehen doch aus ihren Ghettos selten raus.

Lee: Das stimmt auch. Ich mochte Punkrock schon bevor ich in die Armee gegangen bin, also habe ich die Leute gesucht und fand in Kaiserslautern dann die Jungs, die später die Spermbirds wurden. Als meine Zeit in der Armee vorbei war, bin ich zurück nach Deutschland und jetzt bin ich hier! Es war etwas sehr bewußtes, ich wollte hier bleiben.

Warum bist du überhaupt zur Armee gegangen?

Lee: Das ist eine lange Geschichte…..

War es eine dieser „Armee oder ins Gefängnis“-Geschichten?

Lee: (Lacht verlegen) Ja, so in der Art, du hast es….

Was mich schon immer interessiert hat, und das ist jetzt nicht nur auf die Spermbirds bezogen, sondern überhaupt eine generelle Frage, eine Band löst sich auf und die Songs, die die Band geschrieben und gespielt hat sind meistens verloren in dem Sinn, daß die Mitglieder in den Bands danach die Songs nicht mehr spielen. Jetzt rein vom Blickpunkt des Musikers betrachtet, könnte man, um es pathetisch auszudrücken, sagen, daß jeder Song ein kleines Baby für den Musiker darstellt, das jetzt durch den Split getötet wird? Ich bin mir sicher, daß du, kurz nach dem du die Spermbirds verlassen hattest, keine Lust hattest „Something To Prove“ zu singen, aber jetzt nach drei oder vier Jahren einfach wieder Lust hast, diesen Song zu singen, weil er gut ist.

Lee: Am 15. Oktober wird es nochmal ein Abschiedskonzert geben. Die jetzigen Sperm-birds haben sich aufgelöst. Wir wollen alle, ich, Ken, Joe und noch einige andere Leute, die kurz bei den Spermbirds gespielt haben, noch ein letztes Mal spielen. Wir machen das, weil es diesmal wirklich das LETZTE MAL sein wird!! Davon abgesehen, nein, ich fühle nicht den Drang, die alten Lieder wieder zu spielen.

Ann: Ich habe mal eine persönliche Frage. In Wiesbaden haben Steakknife und die Spermbirds hintereinander gespielt, und ich habe dich gesehen, wie du Ken beobachtet hast, als er einige deiner „Babys“ sang. Was ging dir da durch den Kopf?

Lee: Oh Gott, was habe ich gedacht…..Ich weiß nicht….also, ich benutze den folgenen Vergleich immer wieder, aber er stimmt. Spermbirds mit Ken zu sehen, war für mich wie meine Ex-Freundin mit jemand anderen im Bett zu beobachten. Tut mir leid, aber so war es. Ich habe noch guten Kontakt zu den Leuten, wenn ich das sagen darf, liebe ich sie in gewisser Weise, es sind einfach sehr alte Freunde. Das hat jetzt nichts mit der Band zu tun. Ich will, daß sie so erfolgreich sind, wie sie es wollen, nur als ich sie mit Ken sah, dachte ich an sie, sind sie glücklich mit dem was sie tun? Wenn das so gewesen wäre, toll, nur leider war das nicht der Fall. Das klingt alles so grausig geschwollen…

 

Inzwischen habe ich gehört, daß die Texte auch bald in Buchform zu haben sein werden und auch das Spermbirds-Abschiedskonzert soll als Platte bzw. CD erscheinen. Konkretere Informationen demnächst in den News-Seiten.

Text und Interview: Al Schulaa

Links (2016):

Lee Hollis auf Wikipedia
Lee Hollis auf Discogs

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