März 13th, 2007

LE SCRAWL (#107, 08-2004)

Posted in interview by sebastian

Interview mit Mario Anders über USA, Le Scrawl und Potsdam

Mit der Band Scrawl, heute jetzt Le Scrawl, verbindet mich eine witzige Geschichte, in Anspielung an das Lied „New York, Rio, Tokio“ könnte man sagen „Leverkusen, Ludwigsfelde, San Francisco“.

Anfang der 90 iger bekam ein Freund von mir den „Virus“ – zu seinem 16. Geburstag schenkte man ihm ein Tape von Anal Cunt und seitdem überspielte er mir allerei obskures Zeug, so auch 1994 die 7″ von Scrawl, ein wahnsinnges Gemisch aus Grindcore und Ska-Teilen mit Assück-Stimme. Passenderweise war auf der B-Seite Brutal Glöckel Terror und Anal Cunt.

Bei meinem Umzug nach Potsdam ging ich Ende 2002 zu einem Konzert in Ludwigsfelde, ca. 30 Minuten ausserhalb von Potsdam, wo auch eine Band namens Le Scrawl spielte – es war fast 10 Jahre her, wo ich die zum letzten Mal gehört hatte und ich wusste auch gar nicht, dass die hier aus der Gegend kommen.

Und dann stehe ich im März 2004 im Maximum Rock`n`Roll-Haus in San Francisco, frage die Homies, was die heute so machen, und erfahre, dass Le Scrawl in San Francisco spielen, direkt über dem alten legendären Punkclub „Mabuhay Gardens“ in Chinatown. Verständlicherweise war die Band etwas busy bei deren erstem Konzert ihrer zweiwöchigen USA Tour. Im Mai 2004 kam es dann zu einem email-Interview mit Mario von der Band.

***

Lieber Mario, ich hatte euch ja in San Francisco im Broadway Theatre live gesehen – war cool, aber wegen den zwei wirren Leuten im Publikum irgend wie auch seltsam – wie ist eure Tour in USA bzw. Kalifornien denn so gelaufen? Wie wars in der Gilman Street und LA?

Mario: Die Tour war insgesamt zu unserer grossen überraschung und Freude sehr erfolgreich – es gab überall Leute die unsere Sachen kannten und auch viele, die während und nach den Gigs unser Zeug kauften und offensichtlich vorher noch nichts von uns gehört hatten. Das Ganze fand seinen eindeutigen Höhepunkt in L.A. wo sich einige Leute das Mikrophon nahmen, um bei den wenigen Songs für die wir die Texte veröffentlicht haben, bzw. bei den Coversongs selbst zu singen – ausserdem gab`s da herrliches Pogo, was bei uns auch nicht alle Tage vorkommt.

Dies war besonders erfreulich, da wir vorher gehört hatten, dass Downtown L.A. eher für schlecht besuchte Shows bekannt ist. Am gleichen Tag hatten wir am Nachmittag bereits beim College Radio KXLU gespielt, was dann wohl noch einige Leute mehr ins Konzert geführt hat. Gilman street war der letzte Abend – wir waren leider schon etwas fertig, erkältet und heiser, aber die Resonanz war auch hier sehr gut. Insgesamt war es eine Erfahrung die all die Kohle und Anstrengung die es kostet, absolut wert war und insofern wohl auch nicht die letzte Tour in Kalifornien.

Im Maximum Rock`n`Roll-Interview hattet ihr erzählt, dass ihr über den „I kill what I eat“ – Sampler mit Seth von Anal Cunt in Kontakt kamt, er hatte dann bei euch mal als Gastsänger mitgemacht – Hat der nicht mal in Berlin ne Zeit gewohnt, bei dem Slapshot Konzert 2003 im SO 36 hat er auf jeden Fall eine feine Version von „Back on the map“ zum besten gegeben. Wolltet ihr nicht mit Anal Cunt in USA touren und wie läuft der Kontakt mit denen so?

Mario: Der Umgang mit Seth/ A.C. ist, wie wohl einige derer die ihn kennen bestätigen werden, nicht so einfach. Zwar hatten wir noch nie ernste Probleme mit ihm und die Gigs die wir 1994 mit A.C. gespielt haben, sowie die Aufnahmen für unsere damalige „Q“ -mCD liefen sehr gut – aber es ist nicht so leicht, mit Seth längerfristig zu planen; so wollten wir ursprünglich die Tour mit A.C. gemeinsam durchziehen, aber es gab Terminprobleme und nur vage Zusagen für die nächsten Monate, so dass wir letztlich doch alles ohne A.C. organisiert haben und das war wohl auch gut so, es sei denn wir hätten noch ein paar Jahre warten wollen. Seth ist, so weit ich weiss, immer mal wieder in Europa, habe ihn auch so auch mal vor ca. 2 Jahren auf einem Konzert im „Black Fleck“ in Potsdam getroffen, mehr kann ich dazu auch nicht sagen.

Wie findest du so USA, also, für mich z.B. war und ist Los Angeles ja immer noch ein Traum – auf der einen Seite sieht man am Sunset Blvd in Beverly Hills diese riesigen Villen, und dann in Hollywood an der Bushaltestelle dann diese unglaubliche Armut und Obdachlosigkeit. Aber irgendwie ist USA doch faszinierend, trotz aller Kritik – wie geht`s dir da so und wie hat es deinen Bandkollegen, die noch nie in Amiland waren, gefallen?

Mario: Ich denke, dass du dort sicher bestens leben kannst, insofern du die Kohle hast und dich an die, aus unserer Sicht absolut lächerlichen, prüden, religiösen, etc. Normen an passt, – tust du dies nicht, gibt es nicht viel was das Leben dort Erstrebens wert macht.

So man in der Lage ist, dies für sich zu entscheiden ist es wohl o.k. – da aber diese Möglichkeit nur wenigen gegeben ist, sind die Staaten sicher nicht der Platz an dem man längere Zeit sein möchte. Diese Einschätzung basiert ohnehin nur auf meinen Erfahrungen in San Francisco, erlebt man andere Regionen sähe das Bild wohl noch viel negativer aus und letztlich funktioniert das Ganze wie in vielen andern Ländern auch, nur extremer.

Hattet ihr Probleme mit dem Visum?

Mario: Hatten wir nicht, da wir aus eigenen Erfahrungen und den Berichten anderer Bands wussten, dass die Einreise als Band nicht möglich ist, da man nie ein entsprechendes Visum mit Arbeitserlaubnis erhalten würde, zumindest nicht als D.I.Y. Combo. So sind wir ganz normal wie jeder andere „Tourist“ eingereist; im Prinzip war`s ja auch Urlaub mit ein paar Gigs – was die Kohle angeht kann man ohnehin nur das grosse Minus etwas verkleinern.

Mir fällt da noch eine witzige Geschichte mit USA ein, in Huntington Beach, wo ich mein Praktikum bei Revelation gemacht hatte, war so ein weisses Holzhaus, mit Fahnen geschmückt und so: in dem Vorgarten waren 10 Blumen und vor jeder Blume war so ein kleines Ettiket, wo wichtige amerikanische Errungenschaften verzeichnet waren…Chrylser, Ford, Veteranen…echt wirklich wahr – was soll man dazu sagen? Erzähl doch bitte noch eine nette Tourstory.

Mario: Da gibt es nicht so schrecklich viel zu erzählen jedenfalls nichts was ich ernsthaft für unterhaltsam halten würde. Alles war dank der guten Organisation durch Matt von „Life is abuse“ ziemlich entspannt, sprich es gab keine grossen Pannen die im nach hinein als „nette Tourgeschichten“ berichtenswert wären. S

kurril waren allerdings die Aktionen hinsichtlich der Trinkversorgung in den „all ages“ Läden, wo es ja bekanntermassen nicht erlaubt ist, Alkohol zu trinken. Auf der Strasse vor den Clubs ist es erst recht verboten und die braune Papiertüte um die Flasche kann im Ernstfall auch nicht vor Stress schützen.

Glückwunsch zu eurer neuen Platte auf dem Life is Abuse – Label – irgendwie fettere Produktion als eure Scheibe davor und das Lied „Drop Dead“ ist sehr nett, eine Anspielung auf die Band Drop Dead? Wie läuft die Platte so und wie kamt ihr auf Life is Abuse?

Mario: Besten Dank für die Blumen. Den fetteren Sound haben wir sicher vor allem Harris Johns zu verdanken, mit dem wir erstmals zusammengearbeitet haben. Zudem haben wir ja die Band etwas umgestellt und das Equipment war diesmal auch besser … wie auch immer der Song „Drop dead“ hat nichts mit der gleichnamigen Band zu tun, ebenso wenig wie „Working stiffs“.

Wie eine Platte läuft, lässt sich in einer Szene die glücklicherweise keine Verkaufszahlen misst, nicht so leicht sagen – zudem ist die Platte auch erst vor kurzem raus gekommen. Die bisherigen Kritiken waren jedenfalls sehr positiv und dank der engagierten Promotion von „LIA“ gab es auch schon einiges davon in den College Radios zu hören. Life is abuse sind ebenso wie RSR unsere aktuellen Label nachdem Matte Weigand mit Ecocentric den Schongang eingelegt hat und wir uns also nach Alternativen umsahen.

Matt von LIA haben wir über unseren gemeinsamen Freund Greg aus Santa Cruz kennen gelernt, der schon seit einigen Jahren unsere Sachen verteilt und so auch an Life is abuse unsere Veröffentlichungen weitergegeben hat. Matt war von diesen sehr angetan, rief mich an und wir wurden sehr schnell einig darüber, dass wir gemeinsam ein Paar Sachen durchziehen sollten und bislang hat sich diese Entscheidung aus unserer Sicht auch als sehr gut erwiesen.

Kommt ihr eigentlich alle aus Potsdam bzw. wo wohnt ihr jetzt? Wie siehts mit Proben bei euch aus und wieviele Konzerte macht ihr im Durchschnitt?

Mario: Wir sind alle aus Potsdam bzw. aus Ferch – wo wir auch proben, was wir je nach anstehenden Aktivitäten wochenlang gar nicht machen oder 1 – 2 Mal pro Woche. Auftritte gibt es eher selten, ca. 2-3 im Jahr – aktuell sind es durch die Tour und Sachen wie das Obscene Extreme in Trutnov/ Cz etwas mehr – aber wirklich viele sind es nicht.

Kann man irgendwie die Berliner Szene mit der Potsdamer Szene vergleichen, so eine Stadt-Land-Rivalität? Potsdam hatte ja mal den Ruf, die Stadt mit den meisten besetzten Häusern in Deutschland zu sein, wie sieht`s heute aus?

Mario: Kann ich ehrlicherweise überhaupt nicht einschätzen, da wir sowohl die Berliner als auch die Potsdamer „Szene“ nur sehr oberflächlich kennen und ich mir insofern kein Urteil anmassen kann, von einer Rivalität habe ich aber noch nie etwas gehört. Die Zahl der besetzten Häuser in Potsdam scheint deutlich geringer zu sein als vor 10 Jahren – ob wir die meisten besetzen Häuser hatten, ist wohl eh schwer zu sagen, auf jeden Fall ging das Ganze schon vor 1989 los und da gehörte Potsdam neben Leipzig und (Ost-) Berlin sicher zu den Städten in denen in dieser Hinsicht am meisten los war.

Seid ihr eigentlich irgendwie richtige Musiker – das meine ich jetzt gar nicht vorurteilsvoll, aber bei den rasanten Breaks muss man ja irgendwie doch „mehr“ können als den Barregriff hoch und runter zu schieben. Würdest du sagen, dass euer Haupteinfluss schon Naked City ist? Macht ihr noch Musik in anderen Bands?

Mario: Ne, „richtige“ Musiker sind wir nicht, was auch immer du darunter verstehen magst. Ist wohl ohnehin nicht zu definieren, da es viele gibt, die ohne Musik studiert oder Unterricht erhalten zu haben, sehr gute Musiker sind. Aber auch zu denen gehören wir nicht ernsthaft, wir versuchen lediglich aus dem was wir können, so viel wie möglich für die Band heraus zu holen. Den „Naked City“ Vergleich gibt es natürlich immer wieder und er liegt ja auch auf der Hand. Obgleich wir sie mögen, waren sie aber nie ein Haupteinfluss für uns.

Vielmehr haben wir sie zum ersten Mal gehört, als unsere ersten Songs schon raus waren und uns daraufhin jemand auf die Parallelen aufmerksam machte. Klingt wie eine Entschuldigung oder Ausrede, entspricht aber den Tatsachen und wer sich beide Bands näher anhört, wird sicher auch die Unterschiede feststellen können. Von dem technischen Können (Naked City sind halt „richtige Musiker“) abgesehen ist bzw. war ihr Heran gehen doch wahrscheinlich ein ganz anderes als unsriges, sprich vermutlich vor allem vom Jazz insbesondere Freejazz geprägt.

Wir sehen uns ganz klar als Grindcoreband, unsere Einflüsse kommen insofern auch in dieser Richtung gemischt mit verschiedenen, anderen Stilrichtungen die zum grossen Teil unsere weiteren musikalischen Interessen widerspiegeln. Was andere Bands bzw. Nebenprojekte angeht gibt es derzeit keine aktiven Projekte.

Zwar gibt es immer wieder Ideen, von denen ich nicht sicher bin, ob wir sie noch in unser musikalisches Konzept einbauen können oder dafür eine andere Band aufbauen sollten, aber irgendwie haben wir bislang doch so gut wie alles das einem in den Sinn kam letztlich auch verwendet, wie z.B. die „easy listening“ Anleihen in Songs wie „Interlude“ oder „Dare“.

Spielt ihr eigentlich hauptsächlich mit Grindbands zusammen? Ich könnte mir vorstellen, dass „richtige“, d.h. die klischee-Grind-Peace-Crass-Anarcho-Vegan-Bands, bestimmt etwas verstört auf eure Musik reagieren?

Mario: Wie schon gesagt, verstehen wir uns als Grindband und spielen somit auch oft mit Bands aus der gleichen „Szene“, jedoch auch immer wieder mit Bands die mit Grind nichts zu tun haben. Ist beides sehr interessant und wir sehen die Kombination mit anderen Bands nicht sonderlich eng.

Die „richtigen“ Grindbands sind im übrigen die, mit denen wir oft am besten klar kommen, was man ja zum Teil auch an unseren bisherigen Projekten sehen kann, zumindest scheinen vielen von denen auch zu verstehen, das man das Ganze und sich selbst nicht so extrem ernst nehmen sollte. Davon abgesehen gibt es sicher einige die unser Zeug nicht mögen, aber das ist ja auch völlig o.k. und zu polarisieren sehen wir ohnehin eher als Kompliment.

Am Ende noch ein paar kurze Fragen mit der Bitte um kurze Antworten; wie schafft du es eigentlich, so tief zu singen?

Mario: Du stellst Fragen; keine Ahnung, so die andern auch und von den wirklichen „Meistern“ auf diesem Gebiet ist man ja auch immer noch ein gutes Stück entfernt.

Nettes Exploited Cover – war das eure Einsteigerband in Punk oder warum habt ihr das gecovert?

Mario: Exploited gehörten auf jeden Fall zu den ersten und wenigen Punkbands an deren Zeug wir überhaupt vor 1989 rankamen, insofern waren sie wohl eine „Einsteigerband“ für uns, wurden dann aber auch recht schnell von anderen „abgelöst“, obgleich ich immer wieder ganz gern die alten Sachen höre.

Für die Cover haben wir vor allem Songs gesucht, die eine sehr typische Melodie haben, sprich trotz unserer Instrumentierung und „Gesanges“ noch zu erkennen sind und da bot sich „Don`t forget the the chaos“ natürlich an.

Was heisst eigentlich Scrawl?

Mario: „Scrawl“ heisst Gekritzel, aber wie das mit Bandnamen so ist – die Auswahl wird immer kleiner und uns gefiel neben der Bedeutung, die wir ganz passend fanden, vor allem auch der Klang des Wortes – das „Le“ kam später dazu, um Verwechslungen mit der US-Indie Combo gleichen Namens zu vermeiden.

Hast du nen Lieblingsfilm? Meiner ist ja Nackte Kanone I und kommt netterweise morgen abend :).

Mario: Es gibt viele Filme die ich sehr mag – „Brazil“, „Drowning by numbers“, „Thomas Crown Affair“ (das Original mit Steve McQueen), oder „Der Clan der Sizilianer“ etc. – aber einen einzigen Lieblingsfilm gibt es für mich nicht.

Was kann man in Zukunft von Euch erwarten?

Mario: Zunächst werden wir uns mit dem Material der Tour beschäftigen und die KXLU Aufnahmen mastern und das Ganze wahrscheinlich als Picture 7″ raus bringen. Des Weiteren wird es eventuell eine DVD mit Aufnahmen vom Konzert im Gilman`s und Bildern von der Tour geben, allerdings haben wir noch nicht alle Tapes gesehen und wir werden diese Geschichte nur machen, wenn uns das Zeug auch entsprechend gut und interessant erscheint. An wirklich neuen Dingen haben wir begonnen zu arbeiten, da wir aber auch diesen Sachen wieder Zeit geben möchten, um sich so gut wie möglich zu entwickeln, wird es sicher noch dauern bis es diese zu hören gibt.

Vielen Dank für das Interview, Mario.

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Kontakt: http://www.myspace.com/lescrawlofficial,
scrawlhq@hotmail.com

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