Mai 20th, 2020

LA VASE (#191, 2018)

Posted in interview by Thorsten

La Vase kommen aus Leipzig und machen Punk. Na ja, eigentlich kommen sie aus Südwestdeutschland und Frankreich und spielen so einen knackig-catchigen 77er Sound mit Garage-Kante, Post-Punk-Vibes und französischen Texten. Das diesjährige Debüt kam passenderweise auf einem Label namens Phantom Records raus. Verwirrend? Dann trägt folgendes Interview vielleicht zur Entwirrung bei.

Könnt ihr euch und die Band kurz vorstellen?

Marian: Jo, Marian, ich spiele Bass. Das habe ich auch früher schon bei anderen Bands gemacht, die letzte war Riot Brigade. Wir proben im kleinsten Proberaum der Welt, unter der Treppe im Zoro …
Raphi: Raphi. Ich spiele derzeit Schlagzeug bei La Vase und bei Honeymoon. Ich habe aber schon früher in anderen Konstellationen Musik gemacht, z.B. mit The High Society oder Desastro.
Kevin: Ich bin Kevin und spiele Gitarre. Aber für das Interview hab ich keine Zeit, weil ich in Lazy Dog arbeiten muss und mit Visions of War auf Crustfestivals nach Tschechien. Übelster Kunde …

Wie und wann habt ihr als Band zusammengefunden und inwiefern war der Musikstil eine Bauch- bzw. Kopfentscheidung?

Raphi: Marian hatte damals die Idee, gemeinsam Musik zu machen. Soweit ich mich erinnern kann, war das irgendwann 2014. Er kannte Kevin als auch mich, und dann haben wir einfach im Proberaum ausprobiert. Der Sound ist dann im Laufe der ersten Monate entstanden und zwar eher zufällig, als dass wir alle direkte Vorstellungen davon hatten, was dabei rauskommen soll. Es hat sich dann aber relativ früh herausgestellt, in welche Richtung das gehen wird.
Marian: Ja, und ich glaube sogar, die ersten sechs Monate oder so waren nur instrumental, weil wir noch gar nicht wussten, wer singen wird. Da war anfangs auch mal ’ne Freundin ab und zu mit dabei, die ist dann aber weggezogen und so kam eins zum anderen und Kevin musste ran, haha.

Wie sehen eure weiteren Pläne mit der Band aus? Gibt es irgendwelche Über-Ziele, die ihr gern mit La Vase erreichen würdet?

Raphi: Hmm, so wirkliche Pläne hatten und haben wir eigentlich nicht. Ich glaube Konzerte spielen, ab und an auf Tour gehen und neue Songs schreiben, ist gerade das, worauf wir Lust haben.
Marian: Ja, sehe ich genauso. Also, ich würde gerne überall mal touren: USA, Indonesien/Malaysia, Israel, Japan … haha, aber das erscheint mir sehr unrealistisch. Wenn eins davon klappen würde, wäre für mich schon ein „Über-Ziel“ erreicht (ohne dass ich mir das bisher gesteckt hätte).

Könntet ihr euch vorstellen, euch La Vase als Vollzeitprojekt zu widmen und den Versuch zu wagen, von der Band zu leben?

Raphi: Ich denke nicht, dass das eine realistische Vorstellung ist. So lange man aber nicht draufzahlen muss, ist das für mich ein super angenehmer Rahmen, in dem weniger der Projektcharakter als vielmehr Spaß im Vordergrund steht.
Marian: Nie drüber nachgedacht. Irgendwie außerhalb meiner Vorstellungskraft …

Ach, das haben schon Bands mit sehr viel weniger massenkompatiblem Sound als dem euren versucht und geschafft. Persönliche Frage: Wie alt seid ihr bei La Vase so ungefähr? Spielt Alter eine Rolle für euch, wenn ihr über die Band nachdenkt? Wie lange könnt ihr euch das aktive Band-machen vorstellen? Stichwort „Jugendkultur“ und so.

Marian: Raphi und ich sind Anfang 30, Kevin ist schon etwas „erfahrener“ … für mich spielt Alter im Bandkontext keine Rolle. Mal sehen, solange es Bock macht und die positiven Erlebnisse überwiegen, haha. Ich habe halt erst mit 21 angefangen, in ’ner Band zu spielen. Eigentlich sehr spät für HC/Punk. Allgemein finde ich das Thema Alter sehr ambivalent. Einerseits ist es eigentlich unmöglich bis lächerlich, Punk als Jugendkultur ewig auszureizen. Andererseits ist es für mich aber mehr als ’ne Jugendkultur, mehr als Klamotten, Szene, Platten. Das ist ja schon auch was Persönliches. So ’ne Grundhaltung, die sich, klar, auch verändert hat, die sich aber trotzdem noch in allen möglichen Situationen ausdrückt und wiederfindet…

Was hat es mit eurem Namen auf sich, was mit den französischen Lyrics?

Raphi: Also der Name kam von Kevin. Als Muttersprachler ist er auch der einzige von uns, der französisch sprechen kann. Ich war von Anfang an gegen englische Texte und meinte daher zu Kevin, dass er doch unbedingt auf Französisch singen soll, was er dann auch zum Glück gemacht hat.

Dann versteht ihr die Texte von Kevin eigentlich nur dank seiner Erklärungen? Worum geht es denn darin eigentlich? „Vive Le Travail“ und „Génocide Sociale“ hören sich vom Titel her ziemlich interessant an.

Marian: Ja, erklär doch mal, Kevin! Ich erinnere mich, dass es bei einem Lied um einen Affen geht, der gegen seinen Willen zum Mond geschossen wird. Eher was Metaphorisches also …

Hat deine Vorliebe für nicht-englischen Gesang nur mit dem Klang zu tun? Oder ist das so eine allgemeine Ablehnung von englischen Texten, weil die irgendwie alle machen?

Raphi: Nein ich habe da überhaupt keine Ablehnung, wenn Bands das so machen. Ich finde das hängt immer vom jeweiligen Sound ab, den man machen möchte. Dennoch denke ich, dass der Sound von La Vase bestimmt ganz anders, also konventioneller, klingen würde, außerdem würden wir dann „The Vases“ heißen, haha. Nein, im Ernst, es hört sich meiner Meinung nach einfach oft viel besser an.
Marian: English sounds top, aber nicht für La Vase!

Erlebt ihr eure französischen Texte auch mal als Einschränkung, als Barriere in der Kommunikation mit dem Publikum oder was eure Tourmöglichkeiten in nicht französischsprachigen Ländern angeht?

Raphi: Hmm, eigentlich gar nicht. Bisher waren wir auch nur in Frankreich und in der Schweiz unterwegs, die restlichen Konzerte haben wir alle in Deutschland gespielt. Auf die Texte wurden wir, soweit ich mich erinnern kann, dabei nie wirklich angesprochen.
Marian: Nö. Das hat bisher nie Probleme gemacht. Und Kevin spricht ja auch saugut deutsch, was Ansagen machen etc. angeht. Ich denke, es eröffnet eher Möglichkeiten.

Hmm … „nie auf die Texte angesprochen“? Ist das gut, schlecht, egal? Ich meine, Punk schiebt doch immer diesen Inhaltsanspruch vor sich her, und dann spricht euch keiner auf die Texte an?

Marian: Ja, der Anspruch … und die Wirklichkeit. Also ich denke, dass eigentlich eh alles gesagt ist, was so Punk-Messages angeht. Und zwar schon seit langer, langer Zeit. Ich mein, sooo viele Platten, so viele Bands … Das macht viele Aussagen aber keineswegs altbacken oder weniger aktuell–im Gegenteil! Ich denke nur, die prägende Zeit, wo einem Punktexte so richtig die Augen öffnen oder aus der Seele sprechen, ist halt die Jugendzeit oder das junge Erwachsenenalter. Das ist ja auch geil gewesen, als Vierzehnjähriger Slime-Lyrics zu hören (oder als Achtzehnjähriger Aus-Rotten …) – wahrscheinlich war ich nie so überzeugt und aufrichtig wie damals! Aber A) spricht La Vase wahrscheinlich tendenziell andere, etwas ältere Leute an und B) zählt für mich heute eher das „Gesamtpaket“, also die Musik, das Artwork, die Haltung etc. Wenn die Texte mich dann auch noch ansprechen – top! Aber ich erwarte jetzt in dem Sinn nichts mehr von Punk-Lyrics. Für wirklich anspruchsvolle Inhalte ist ein Buch halt tausendmal besser geeignet als ein Punk-Song. Weniger emotional natürlich … Aber ich habe tatsächlich auch den Eindruck, dass weniger Textblätter in Platten beiliegen. Und dass ’ne Band ihre Texte auf Zetteln bei Live-Shows verteilt, habe ich das letzte Mal bei The Now-Denial erlebt, 2003 oder so.
Raphi: Also der Inhalt ist doch auch Teil der Form. Und da Marian bereits Bands wie Slime und Ausrotten angesprochen hat, können wir uns doch auch irgendwie glücklich schätzen, dass „Inhalte“ nicht mehr so bedeutsam sind. 😉
Marian: Hahaha!

Ich hatte in meinem Review zu eurer LP fälschlicherweise behauptet, ihr wärt echte Ossis. Neue Informationen zufolge seid ihr zugezogen. Wie kam das? Wie gefällt es euch? Ist das (die Zone) ein Thema für euch?

Marian: Kevin hat dein Review gar nicht verstanden, obwohl er extrem gut deutsch spricht und versteht, haha … Ja, da steht bezüglich unserer Herkunft nur Quatsch drin. Raphi und ich sind aus Nürnberg bzw. Tübingen, klassische Wendegewinnler also. Und Kevin studiert überhaupt nicht! Und Connewitz ist mehr so unsere Hood als Plagwitz. Naja, ich bin 2013 hergezogen, weil ich Bock auf die Stadt hatte und mich in Süddeutschland zunehmend gelangweilt habe. Außerdem war es biographisch ein guter Zeitpunkt für mich, da ich mit der Uni fertig und mit meinem Job unzufrieden war. Und ich habe es nie bereut, gefällt mir gut hier. Es geht halt sehr viel (Konzerte, Vorträge, Partys, allgemein viel Kultur und Subkultur) und die Stadt bietet für meine Bedürfnisse ’ne hohe Lebensqualität. Außerdem ist man schnell in der Natur und es ist noch relativ günstig, hier zu leben. „Die Zone“ ist schon immer mal Thema irgendwie, aber unspezifisch …oft auch scherzhaft und als Klischee, so unter Freunden. Aber es gibt definitiv diesen Unterschied zwischen Ost und West. Zum Beispiel ist Leipzig sehr „weiß“, und auch der Kiez ist sehr „deutsch“. Das ist in Süddeutschland schon anders. Und da rede ich ja jetzt nur von Leipzig, einer eher linken Stadt. Wie es in Rest-Sachsen aussieht, puuuh … Man kennt ja die Berichte und die Bilder. Und hier gibt es schon einfach mehr Ressentiments in der Normalbevölkerung, würde ich behaupten. Obwohl Rassismus etc. ein gesamtdeutsches Problem sind, klar. Andererseits bin ich auch jedes Mal überrascht, wie es hier auf den Dörfern aussieht, dieser Verfall, Leerstand, kaputte Straßen … so etwas gibt es im Süden einfach nicht!
Raphi: Haha, ich war ehrlich gesagt auch ein wenig verwirrt von dem Review. Wir sind alle erst in den letzten fünf bis sechs Jahren nach Leipzig gekommen, ich denke wir hatten dabei ähnliche Intentionen. Zuvor habe ich lange Zeit in Nürnberg gewohnt. Wer schon einmal dort gewesen ist, weiß weshalb man aus Söder-City wegzieht. Leipzig kannte ich aber schon ein wenig, da ich immer wieder mal Konzerte mit anderen Bands hier gespielt hatte. Von daher wusste ich, was mich ungefähr erwartet. Ich glaube im Gegensatz zu Rest-Sachsen stellt Leipzig heute eine „positive“ Ausnahme dar, das war aber eben nicht schon immer so.

Ich war jetzt schon länger nicht mehr in Leipzig. Wie weit ist der Gentrifizierungsprozess mittlerweile fortgeschritten? Inwieweit seht ihr euch davon betroffen bzw. seid ihr dafür auch verantwortlich?

Raphi: Na ja, man merkt schon, dass sich die Stadt in den letzten Jahren sehr verändert hat: Steigende Mieten, Luxussanierungen oder die Bebauung/Verkauf der ganzen Brachflächen, die es hier überall mal gab oder noch gibt. Ich fühle mich aber keineswegs dafür verantwortlich. Das Problem ist ja wohl eher ein grundsätzliches und zwar das eines kapitalistisch organisierten Wohnungsmarktes und der damit verbundenen Politik. Klar sind Stadtteile nur dann attraktiv, wenn sie zuvor auch schön zurecht gemacht wurden, aber wer hat auch schon Lust in einem hässlichen Viertel zu wohnen. Die Reflexe sind dann aber natürlich ganz ähnlich. Vor kurzem habe ich zum Beispiel ein Tag mit „Anti-Turista“ gesehen, da musste ich lachen, da Touristen in Leipzig wirklich das geringste Problem darstellen.
Marian: Ich werfe immer meinen Müll auf die Straße – das Viertel muss dreckig bleiben. Und im Verbund mit den ganzen Hundebesitzer*innen, die ihre Köter überall hinscheißen lassen, bin ich da sehr optimistisch, was die Spekulation und den Mietenwahnsinn angeht … „Das ungefähr ist die intellektuelle Ausgangsposition der Punker […]“. Nee, wie Raphi schon sagt, das Problem ist ja größer, als das, was oft und auch zu Recht kritisiert wird. Wir sind Teil davon und gleichzeitig auch nicht. Auch wenn Leipzig, und insbesondere Connewitz, in vielerlei Hinsicht eine Blase sind – in dem Punkt verhält es sich ganz normal: „marktkonform“. Die Leute wollen halt ’ne Wohnung im Kiez und wenn sie keine billige mehr finden, nehmen sie ’ne teurere. Was will man machen? Wegziehen hält die Gentrifizierung nicht auf. Brennende Autos auch nicht (leider, denn das würde ja ganz gut klappen in Leipzig). Es gibt zum Glück viele Hausprojekte und (Ex-)Squats und so weiter, die durch Besetzung und Legalisierung bzw. Kauf à la Mietshäusersyndikat vom Markt sind und dadurch Vierteln wie Plagwitz oder Connewitz hoffentlich noch lange ihren Charme sichern …

Natürlich hast du recht, was die grundsätzlichen Strukturen und Mechanismen angeht. Ich meinte auch nicht, dass du/ihr dafür direkt verantwortlich seid, sondern mit eurem Umzug nach Leipzig zu dieser Entwicklung beitragt. Beispiel: Ich ziehe jetzt von Schöneberg nach Wedding, hauptsächlich aus ökonomischen Zwängen, und sehe mich da als Kartoffel mit Uniabschluss natürlich als jemanden, der die Situation für dort seit Ewigkeiten ansässige Nicht-Kartoffeln erschwert …

Marian: Ja, so kann man das sehen. Aber es gibt ja schon immer Wanderungsbewegungen, und nichts anderes ist das ja. Menschen ziehen halt dorthin, wo sie sich ein besseres Leben erhoffen, aus welchen Gründen auch immer. Das ist voll okay. Und Städte verändern sich auch schon immer. Dass daraus dann für die einen Profite und für die anderen Vertreibung (und für uns Kartoffeln mit Uniabschluss ein okayes Wohnviertel) resultieren, ist natürlich total beschissen (bzw. okay). Man könnte die Stadt (als Symbol für die Gesellschaft, Welt …) natürlich viel, viel besser organisieren. Wie hieß diese alte Hoffnung, dieses Versprechen, das ab 1917 peu à peu total an die Wand gefahren wurde? Kommunismus oder so. Aber damit brauchste heutzutage ja niemandem mehr kommen. Man muss ja vermutlich schon bald das Grundgesetz gegen seine Unterzeichner verteidigen … da macht mir die Gentrifizierung wirklich vergleichsweise wenig Angst. Und Leipzig ist NICHT Berlin. Ich denke, solche Ausmaße wird das hier nie annehmen. Trotzdem wäre es natürlich cool, diese Dynamik irgendwie aufzuhalten…

Was kann und will Punk im Jahr 2018 noch? Könnt ihr etwas damit anfangen, wenn ältere Semester sagen, dass Punk größtenteils zur einer Abziehbild-Subkultur verkommen ist?

Raphi: Also ich kann damit nur noch teilweise etwas anfangen, da ich mich auch einfach nicht mehr mit allen aktuellen Veröffentlichungen etc. auseinandersetze. Meiner Meinung nach gibt es aber schon viele Bands, die Punk zeitgemäß übersetzen und dabei doch sehr eigenständig rüberkommen. Spontan fallen mir da Sleaford Mods ein, das sind zwar auch ältere Semester, aber mit Abziehbild-Subkultur haben die wirklich nichts zu tun, ganz im Gegenteil. Ich glaube, es kommt eben darauf an, welche Erwartungen man an so eine Kultur wie Punk heranträgt. Wenn man natürlich alles und jeden an den guten alten Zeiten misst, dann ist Veränderung kaum möglich, dann wirkt jede „neue“ Entwicklung im Gegensatz zu den guten alten Helden unauthentisch. Auf der Suche nach der Vergangenheit, die nie mehr wiederkommt, muss das wirklich sehr frustrierend sein.
Marian: In meinem Umfeld ist der Spirit noch ziemlich alive, würde ich behaupten. Alle um mich rum haben Bands, touren, bringen Platten raus, machen Konzerte oder Festivals, Labels, Radiosendungen, fahren Bands rum, organisieren Locations, legen auf, machen Kunstkram … also KANN Punk noch einiges. Leipzig ist da bestimmt auch special, aber an sich finde ich die DIY-Szene auch 2018 noch recht lebendig. Komischerweise machen vergleichsweise wenig Leute Fanzines, oder? Du bist da ja vom Fach … Kommen da Leute nach? Ich weiß ja nicht, wie’s früher war, aber WOLLEN sollte Punk natürlich alles und zwar sofort!

Ich habe in den letzten zehn Jahren nur wenige Fanzines gelesen und fand die Sachen, die mir untergekommen sind, auch eher mittelmäßig. Meine Zines waren halt Punk Planet, Skyscraper, HeartattaCk, Cometbus. In Deutschland vielleicht noch Wasted Paper, Plot und Blur – doch das ist teilweise zwanzig Jahre her. Seitdem hat mich nichts mehr wirklich gekickt. In Sachen Blogs hingegen entdecke ich immer wieder unfassbar gute und aktuelle Sachen. Keine Ahnung, ob das eine persönliche Lesepräferenz ist oder eine allgemeine Entwicklung in Sachen Medium.
Wie sieht es in Leipzig mittlerweile mit dem Frauenanteil in der Punk/HC-Szene aus? Ich erinnere mich da an organisierte Frauenblöcke bei Shows im Conne Island und hatte auch sonst immer das Gefühl, dass Leipzig in dieser Hinsicht ganz gut aufgestellt war, zumindest im Vergleich zu anderen Städten.

Marian: Hmm, also organisierte Frauenblöcke gibt es definitiv nicht mehr. Wobei man, Stichwort Conne Island, auch gar nicht von der „einen Szene“ in Leipzig reden kann. Da gibt‘s ja kaum Überschneidungen zwischen Läden wie dem Zoro, der Liwi und dem Island … also ganz wertfrei und neutral gemeint. Ich kann allen genannten Orten etwas abgewinnen und finde andersrum auch Dinge ätzend dort. Ansonsten ist die Szene schon männlich dominiert, würde ich sagen. Aber es gibt trotzdem sehr viele aktive Frauen in der Leipziger Szene, die in Bands spielen, Zeug organizen und halt in den Locations dieselben Dinge tun wie Typen – also auch zum Beispiel den Sound machen, was ja häufig so ’ne typische Männerdomäne ist. Frauenbands wie Kenny Kenny Oh Oh oder auch Ex-Diel halten die Fahne hoch. Gibt noch einige mehr mit weiblicher Beteiligung … Static Means, Warnoar, A9, Tiger Magic, Lassie, The Staches usw.

Tolle Liste mit Bands! Irgendeine Theorie, warum Punk als selbsterklärt offenste und feministischste Subkultur von allen für immer und ewig eine Männerdomäne zu bleiben scheint?

Marian: Weiß gar nicht, ob das so ist von wegen offenste und feministischste?! Die Antwort auf deine Frage lässt sich jetzt glaube nicht mal eben so auf ’ne Theorie eindampfen. Das Problem heißt Sexismus, denke ich. In der Gesellschaft, Sozialisation und dadurch auch in der Punkszene … Ich kann den Film „Queercore: How to punk a revolution“ empfehlen. Der wirft zumindest mal ein Auge auf die (historischen) Entwicklungen im Punk, die auf die Problematik reagiert haben (und reagieren).
Raphi: Hmm, so in der Art sehe ich das auch. Auch wenn im Punk viele Themen und Diskurse verhandelt werden, bedeutet das ja noch lange nicht, dass es sich hier gleich um ein proto-emanzipatorisches Projekt handelt. Ein derartiges Selbstverständnis hat, so glaube ich zumindest, nie existiert und vielleicht ist das ja auch gerade das Wesentliche.
Dennoch gab es – und das vielleicht im Gegensatz zu anderen Subkulturen – eben schon relativ früh Bands wie The Dicks oder Big Boys, die sich mit bestimmten Thematiken „kritisch“ auseinandergesetzt haben. Gleichzeitig findet man eben aber auch Bands wie The Ramones, die extrem konservativ waren. Ich denke, dass sich das heute nicht großartig anders verhält.

Wie seht ihr die Entwicklung des Tonträgermarkts angesichts der ständigen Zunahme von Streamingdiensten? Tangiert euch das als Band?

Raphi: Wir profitieren davon eigentlich nur: https://open.spotify.com/artist/5Bc12Mvi8Hdyl1mq23gyab
Marian: Ist mir irgendwie echt egal. Ich streame viel und kauf mir ’ne Platte, wenn ich die Band geil find. Ansonsten ist es natürlich cool, ’ne Platte rauszubringen als Band. Was zum Anfassen … letztlich natürlich nur ein Fetisch.

Is jetzt ein Witz, oder? Da steht was von „28 monatliche Hörer, 15 Follower.“ Mal im Ernst: Ich lese vermehrt von Popelauflagen wie 200er oder 300er Pressungen und höre andererseits überall nur „Comeback des Vinyls“ etc. Gibt es diesen Gegensatz eurer Erfahrung nach? Oder ist DIY-Punk da außen vor?

Marian: Punkbands bringen ja seit jeher Platten raus, was cool ist. Daher würde ich dir zustimmen, dass die DIY-Punkszene da außen vor ist. Andererseits hat die im weitesten Sinne „alternative Szene“ die Presswerke ziemlich sicher über die Hungerjahre gerettet, ist also doch auch recht involviert (gewesen). Ist natürlich Ironie des Schicksals, dass jetzt alle wieder Vinyl geil finden und du als Punklabel vier Monate auf deine Platte warten musst … Capitalism.
Raphi: Nein das ist kein Witz:
https://vivelavase.bandcamp.com/

Habt ihr Bock nochmal eure aktuellen Top-Five-Platten aufzulisten?

Marian: Mehr oder weniger aktuell, haha:
EXIT ORDER – Seed of Hysteria
SIEVEHEAD – Worthless Soul
URANIUM CLUB – Human Exploration
FLOWERS OF EVIL – City of Fear
IMPULSO – 7”
Raphi: Ich stelle einfach mal die Platten vor, die ich mir vor kurzem besorgt habe:
SOLID SPACE – Space Museum
The J.B.’s – Doing It To Death
CAN – Tago Mago
THE WITCH – Introduction
THE THELONIOUS MONK QUARTET– Monk’s Dream

Grüße und letzte Worte?

Marian: Grüße an Bronco Libre. Wir freuen uns auf die Tour mit denen (31.10. bis 10.11.18). Danke an Maik von Phantom Records fürs Platten-rausbringen und Um-alles-kümmern. Und so gern ich auch autoritäre Regime und Diktatoren fallen sehe (sähe) – könnten sie mit dem Dritten Weltkrieg nicht noch bis zum Herbst warten? Ist grad so angenehm draußen…
Raphi: Folgt uns bei spotify!

Interview: Daniel von der Ohe

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