Juli 1st, 2019

L7 (#185, 2017)

Posted in interview by Jan

L7 (und die Grenzen des Musikjournalismus)

Die Welt befand sich in einem merkwürdigen Wartezustand. Zumindest der Teil der Welt, den es interessierte ob Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden würde oder nicht. L7 sind vielleicht nicht gerade eine Punk-Band, aber sie waren immer eine politisierte Band, die auf Dauer ihren Vorschlag Pretend we’re dead vielleicht etwas zu ernst genommen hat. Nicht als ironische Kritik an den Wünschen des Establishments, sondern als tatsächliche Handlungsmaxime. Wobei, andererseits waren sie gerade inmitten ihrer Reunion-Tour im September 2016 und wollten noch ein letztes Lebenszeichen von sich geben.

Eine Band die immer mehr Hard Rock war, immer mehr Musikindustrie als jede andere feministische Rockband der alten Schule und die in ihren 50ern ein Zeichen setzten, dass Riot-Grrl niemals aussterben wird. Umso erstaunter war ich dann, als mir eine durchaus sympathische und zugewandte Donita Sparks gegenüber saß und viele meiner Fragen mit „No Comment“ beantwortete. Nachher gab es dann ein Gespräch off the record (ich durfte es tatsächlich nicht aufnehmen und auch dessen Inhalt nicht abdrucken), in dem sie alles sagte, was sie über die Welt und eine Verschwörung um Trumps damals noch bevorstehenden Wahlsieg dachte. Auf der Bühne ging sie dann, weniger als Jennifer Finch, die alle großen Posen der 90er noch einmal hervorkramte, aber mehr als Suzi Gardner, die bescheiden und glücklich vor sich hinspielte, voll nach vorne. Für mich war es eine denkwürdige Erfahrung, dass eine Band nicht mehr unbedingt dazu steht wofür sie nunmal steht: Ungemütliche Kritik an einem verlotterten System.

Vor einigen Jahren wart ihr schonmal, zu eurer „Hochphase“ im Trust interviewt worden. Damals habt ihr erzählt, dass eure Musik bei einer Fernsehserie lief und kommentiert wurde mit: Ist das eine Transperson am Gesang…
Ach ja (lacht) das war Emergency Room. Ich habe die Folge aber selber nie gesehen. Na ja, heute wurde das Konzert verschoben, weil nicht genug Tickets verkauft wurden und in Mailand hätten wir eigentlich auf einem Festival spielen sollen. In den USA haben wir ein größeres Publikum als in Europa, dort sind alle Läden ausverkauft in die 1200-1400 Leute reinpassen, aber es ist trotzdem eine tolle Tour. In Deutschland waren wir nie sonderlich beliebt. Im Vereinigten Königreich, Spanien und Frankreich haben wir mehr Fans. In der Mitte Europas ist es immer etwas schwierig für uns.
Bei einem Auftritt hat aber doch sogar Juliette Lewis mit euch auf der Bühne gestanden…
Das war bei einem Festival, wo sie ebenfalls aufgetreten ist. Sie tritt jetzt nicht mehr als The Licks auf sondern nur als Juliette Lewis. Wir waren die Headliner und sie ist dann nochmal dazugestoßen und hat Shitlist mit uns gesungen. Das war mehr so eine spontane Geste. Ich hatte sie zwar bei den Dreharbeiten von Natural Born Killers kennengelernt, aber damals haben wir unsere Telefonnummern gar nicht ausgetauscht. Das war erst im Jahre 2008, als meine Soloband mit den Licks gespielt hat. Wir haben uns dann jetzt auf dem Festival wiedergetroffen und ich habe sie einfach gefragt, ob sie Mallory Knox nochmal aufleben lassen will. Sie hatte da total Bock drauf.
Ihr habt einen Dokumentarfilm über euch selbst produzieret um die Botschaft von L7 nicht verblassen zu lassen. Kannst du selber formulieren, was die Botschaft ist?
Ich finde nicht, dass das meine Aufgabe ist. Ich habe dazu natürlich eine Meinung, aber die möchte ich nicht preisgeben. Wenn man sich in der Rockgeschichte auskennt, weiß man, welchen Platz wir dort eingenommen haben und was wir alles angestoßen haben. Wir waren die ersten einer bestimmten Welle. Der Film wird zunächst auf zwei Festivals in den USA zu sehen sein und der Schnitt wird wahrscheinlich noch bis kurz davor dauern. Das ist wirklich Wahnsinn, wie lang der Prozess des Schneiden dauert. Wir haben der Regisseurin unser gesamtes Material gegeben und manche Entscheidungen die sie für den Film getroffen hat würde ich persönlich anders machen. Das habe ich ihr auch gesagt, aber sie wehrt sich dagegen. Sie kann dann gut argumentieren, warum sie manche Szenen drin haben will, die ich lieber nicht drin hätte.

Manchmal habe ich das letzte Wort, aber manchmal lasse ich es dann auch gut sein. Die Produzierenden haben den Film über Kickstarter finanziert. Wir fanden das etwas problematisch, denn wenn es nicht erfolgreich gewesen wäre, wäre es unsere Verantwortung geworden, aber wir haben es unterstützt indem wir ihnen signierte Sachen zur Verfügung gestellt haben. Jetzt sagen uns die Leute, dass unser Kickstarter super lief, aber es war ja gar nicht unsere Initiative. Ich freue mich, dass es geklappt hat, weil ohne dieses Geld der Film niemals fertig geworden wäre. Es dauert sehr lange einen Dokumentarfilm zu machen und es ist auch sehr teuer. Wir könnten ein neues Album wahrscheinlich genauso finanzieren, aber ich wäre lieber auf einem kleinen Label. Ich möchte lieber auf einem Roster sein, mit anderen Künstler_innen, die eine ähnliche Einstellung wie wir zu Dingen haben.
Viele Frauenbands beziehen sich auf euch, wenn sie anfangen zusammen Musik zu machen und in einer Band ein neues Instrument lernen, war das bei euch überhaupt so?
Nein, bei Jennifer schon, aber ich spiele Gitarre seitdem ich 16 bin, Suzi seitdem sie 17 ist und Dee hat mit 19 angefangen Schlagzeug zu spielen. Wir konnten also bis auf Jennifer schon etwas an unserem Instrumenten vorweisen. Im Moment konzentrieren wir uns ja auf die Konzerte, also schauen wir uns die alten Lieder an. Was wir nicht mehr machen ist soviel an ihnen rumprobieren. Früher war uns auf Tour manchmal langweilig und dann haben wir kleine Insider in die Lieder eingebaut. Dann mussten unsere Roadies bei Pretend We’re Dead die Bühne staubsaugen. Wir fanden das unglaublich witzig, aber das Publikum war sehr verwirrt. So einen Quatsch machen wir heute nicht mehr sondern versuchen uns wirklich darauf zu konzentrieren tight zu spielen. Wir klingen jetzt wieder so gut wie zu unseren besten Zeiten.
Dass ihr die Reunion überhaupt macht, liegt ja auch daran dass eure Fans das immer wieder und immer intensiver gefordert haben. Dürfen sie auch mitbestimmen, welche Songs gespielt werden?
Außer vom ersten Album spielen wir von allem etwas. Einen Song von Slap Happy, drei Songs von The Beauty Process und dann noch etliche Songs von Smell the Magic, Bricks are Heavy und Hungry for Stink. Das waren unsere erfolgreichsten Alben, also sollen die auch gewürdigt werden. Bei der Auswahl war uns wichtig, dass alle Sängerinnen zum Zuge kommen. Ansonsten haben wir einfach die eingängigsten Lieder ausgewählt: Was wir glauben, was die Leute hören wollen, und worauf wir Lust hatten, was dasselbe war.
Ihr habt damals Rock for Choice gegründet. Gibt es solche Projekte noch, und wie schätzt du die Entwicklung der Pro-Choice-Bewegung in den USA ein?
Mir ist aufgefallen, dass nicht nur zu diesem Thema sondern im Allgemeinen kaum mehr Soli-Konzerte gespielt werden, was ich sehr schade finde. Ich bin der Meinung, dass jüngere Frauen sich in der Pro-Choice-Bewegung engagieren sollten, weil deren Rechte bedroht sind. Frauen im Reproduktionsalter haben am meisten zu verlieren und sollten deswegen mehr dafür kämpfen, dass Abtreibungen nicht erschwert werden. In den USA werden Frauenrechte immer mehr durch das Gerichtssystem beschnitten und nicht mehr durch das parlamentarische System. Leute präsentieren ihre Argumente nicht mehr im Congress, sondern nehmen sich Anwälte in Kleinstädten und fechten da ihre Kämpfe aus. Das ist gefährlich und dagegen müssen sich Frauen auflehnen. Als ältere Frau habe ich da schon sehr viel hineingesteckt und interessiere mich jetzt mehr für Umweltprobleme. Ich unterstütze Sea Shepherd, Oceana und NRDC (National Resource Defense Council), mir geht es also vor allem um die Meere und um Tierrechte.
Es gibt ja so eine Erfindung mit der wohl das Plastik aus dem pazifischen Ozean gefiltert werden könnte…
Davon habe ich auch gehört. Ich hoffe, dass die Wissenschaftler_innen das Problem lösen können. Die Albatrosse auf den Midwayinseln in Hawaii sind voller Plastik. Das sind Meeresvögel! Daran sieht man, wie schwerwiegend das Problem ist. Damit sollten sich unsere besten Wissenschaftler_innen auseinandersetzen.
Eine Zeit lang habt ihr Shitlisten auf eurer Webseite veröffentlicht. Hast du aktuell noch so eine Liste im Kopf?
Ja, aber ich möchte nicht verraten, wer da drauf steht. Wir leben in einer komischen Zeit und ich möchte im Moment keine Aufmerksamkeit auf mich lenken. Deswegen behalte ich solche Sachen gerade für mich, auch um die Sicherheit unserer Konzerte zu gewährleisten. Ich finde gruselig, was gerade passiert, das ist alles was ich dazu sagen werde.
Als ihr in der Mitte der 80er angefangen habt, funktionierte vieles noch über Zines und Mundpropaganda, in den 90ern wart ihr dann in großen Magazinen und die Musikindustrie hat überall Geld reingepumpt. Durch soziale Medien ist der Prozess wieder näher an die Fans herangerückt. Wie empfindest du das?
Wir haben uns eine Fangemeinde aufgebaut, mit denen wir jetzt wieder interagieren können. Dass wir auf einem Major-Label waren, empfand ich als subversiven Akt. So sind wir in den Mainstream geraten, in die Teenager-Zimmer der Vororte. Ich liebe Fugazi, aber sie wollten immer im Untergrund bleiben und nicht kommerziell sein, was ich toll finde. Viele unserer Fans oder Leute die wegen uns Bands gegründet haben, haben uns auf MTV entdeckt. Im Untergrund bleibt man im städtischen Setting, ist attraktiv für Hipster oder an Universitäten. Aber im Mainstream kannst du Kleinstädte und Vororte erreichen und das finde ich wichtig. Im Untergrund wurden wir auch unterstützt. Dort ist der Geschlechteraspekt nicht so wichtig.

Zumindest wurden wir und andere Frauenbands von Anfang an immer von Männern unterstützt. Auf dem kommerziellen Level fängt es dann an, im Radio, oder bei Plattenlabeln, wo die älteren Männer es einfach nicht raffen. L7 hat deren Status Quo bedroht. Im Moment gibt es nur Glamour-Girls im Mainstream, so wie es vor den 90ern auch war. In den 90ern gab es diese besondere Zeit in der Frauen aus allen möglichen unterschiedlichen Bands in den Mainstream kommen konnten. Keine von denen war wirklich ein Glamour-Girl. Junge Frauen empfinden diese Ära als besondere Zeit. Für mich ist das das große Vermächtnis von Grunge, dass so viele Frauen in Bands gespielt haben und das wird oft übersehen. Grunge war keine große künstlerische Bewegung sondern eine musikalische Explosion. Nicht so wie Punk Rock, der eine Revolution war.

Grunge war eine coole Sache, die passiert ist, und deren größte Errungenschaft war, wie viele Frauen Musik gemacht haben. Wir waren aus dem Untergrund, wir waren Punkrockerinnen die Hard Rock gespielt haben, Suzi und ich kamen aus der Art Punk Szene in Los Angeles, und wurden plötzlich von der Metalszene akzeptiert und allem wovon wir kein Teil waren, wofür wir aber heute sehr dankbar sind. Die Metalfans sind uns treu geblieben und jetzt können wir sie über soziale Medien direkt erreichen und kontaktieren und das ist toll, aber ein Label würde uns dabei noch mehr helfen mit Leuten in Kontakt zu kommen. Wir fühlen uns mit unserem Publikum gerade sehr wohl und es gibt auch neue Fans, die uns über das Internet kennengelernt haben.
Sagt es etwas über unsere Zeit aus, dass gefühlt all die Frauen der 90er jetzt wieder Musik zusammen machen?
Ich glaube das ist eher Zufall. Ich denke viele Frauen haben in der Zeit Kinder bekommen, die jetzt erwachsen sind, so dass diese Mütter nun wieder auf Tour gehen können. Viele der Männerbands, die es damals in den Mainstream geschafft haben, sind Millionäre geworden und jetzt sehr wohlhabend. Wir sind keine Millionärinnen geworden. Wir haben jetzt die Gelegenheit nicht nur mit unseren Fans in Verbindung zu treten, sondern auch in unseren älteren Jahren etwas Geld zu verdienen, und das war uns vorher nicht möglich. Im Vergleich zu den Jungs ist das immer noch nichts. Die Misfits gibt es jetzt auch wieder, und sie machen damit so viel Geld… das ist für uns unvorstellbar. Dieses Gender-Problem besteht tatsächlich noch.
Siehst du dich immer noch als Teil der Art-Punk-Szene?
Ich werde immer ein Art-Punk sein. Meine Szene in LA besteht aus nonkonformistischen Kreativen. Sie hören alle unterschiedliche Musik. Ich selbst höre nicht viel Rockmusik oder Punkmusik. Ich höre meistens NPR (National Public Radio), also Nachrichten und informative Sendungen. Dann noch Kraftwerk, Air, Elvis Presley, James Brown, Aretha Franklin und Frank Sinatra Ich gehe nicht viel zu Konzerten. Ich mag ein paar der neuen Garage-Bands: The Growlers, Bleached, Tijuana Panthers – in der Surf und Garage Szene in LA passiert gerade viel. Ich hatte das Glück beim LA Weekly arbeiten zu können, als ich nach LA kam, und alle dort waren Künstler_innen. So bin ich schnell in diese Szene reingeraten und bewege mich immer noch dort.

Alva Dittrich

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