August 1st, 2007

KURHAUS (#120, 10-2006)

Posted in interview by benni

Hierzulande passiert wieder einiges! Machte Norddeutschland in den Neunzigern durch eine mittlerweile abgeklungene Welle von Bands unter dem Label “Northcore” auf sich aufmerksam, gibt es heute wieder einige neue und interessante Bands.

Von Just Went Black, Turbostaat oder Escapado gab es in den letzten Jahren viel zu hören – ebenso wie von Kurhaus aus Schleswig-Holstein und Hamburg, die bereits seit 1996 unterwegs sind.

Spätestens seit ihrer 2004er Veröffentlichung “Refuse To Be Dead” haben Kurhaus durch ihrem brachialen Mix aus Loxiran und Refused und ausgedehntes Touren Aufsehen erregt. In diesen Tagen erscheint der Nachfolger “A Future Pornography” auf dem sich die Band zielsicher vom klassischen Hardcore entfernt und sich einen vielfältigeren Stil erschafft. Ausgehend vom Sound des Vorgängers wurden die Songstrukturen komplexer.

Das Ergebnis ist sauber produzierter, mitreissender Post-Hardcore bei dem ruhige Melodien, Brachialparts und Emotionen aufeinandertreffen. Ohne musikalische Scheuklappen und mit viel Spielfreude sind direkte Punkrocksongs mit mehrstimmigen Mitsingparts oder Instrumentalstücke genauso präsent wie Synthesizer, Elektronik- und Screamoeinflüsse. Das alles unterlegt mit ausgereiften Texten, deren Wille etwas zu Verändern auf dem Hörer übergreift.

Mit dem Resultat schaffen es Kurhaus zu dem kleinen Zirkel deutscher Bands anzugehören, die einen eigenen Sound erschaffen haben. Mancher Fan von “Refuse To Be Dead” mag vielleicht beim ersten Hören der neuen Aufnahmen Probleme haben Kurhaus wiederzuerkennen – aber ist es nicht genau das, was eine Band langfristig spannend macht?! Mit Jan, Sänger und Textschreiber der Band, sprach ich über die aktuellen Entwicklungen bei Kurhaus.

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Inwieweit waren die Umstände beim Schreiben der neuen Songs anders als beim letzen Mal? Immerhin klingen die neuen Aufnahmen deutlich anders!

Jan: Die Umstände waren insofern anders, als dass wir zum einen anderes Equipment benutzt haben, also andere Gitarren, ein anderer Bass, teilweise andere Amps und das Schlagzeug haben wir zum Beispiel von Peter von Turbostaat geliehen. Und weil es das Studio in Norstedt nicht mehr gibt, haben wir auch in anderen Studios aufgenommen, wenn auch wieder mit Hauke Albrecht an den Reglern. Wir haben bewusst die Zerre bei den Gitarren sehr drastisch reduziert und versucht ein bisschen abwechslungsreicher zu werden.

Die letzte Platte war ja schon ein ziemlich kompakter Klotz. Ganz wichtig ist aber auch, denke ich, dass wir heute vor ganz anderen Problemen stehen als bei der letzten Platte. Im Winter sind wir bis auf einen alle von uns mit Ausbildung oder Uni durch und da stellen sich dann schon Fragen nach der Zukunft und danach, wie weit wir jeder für sich das ganze Spiel mitspielen wollen. Dass das Thema “Tod` eine so grosse Rolle spielt, war natürlich weniger geplant, aber leider ist das eines der wichtigsten Themen für uns gewesen in den letzten Monaten. Ich persönlich bin dankbar, hier mit der Musik einiges rausschreien zu können.

Ja, durch die Vielseitigkeit wirken Eure neuen Aufnahmen viel ausgereifter als die älteren Sachen. Du hast mir mal erzählt, dass sich deiner Meinung nach Punkrock stetig verändern muss um relevant zu bleiben? Ist das was persönliches für dich? Immerhin läuft im Punk / HC ja sehr viel sehr klassisch und unverändert ab und wiederholt sich immer wieder!

Jan: Ich weiss nicht, ob das nur was persönliches ist. Ich hoffe ja immer, dass ich damit nicht alleine bin. Ich bin da halt Idealist und definiere mir Punk und Hardcore, so dass ich mich mit den Begriffen identifizieren kann. Wenn ich jetzt unter Hardcore nur Bridge Nine und Co. verstehen würde, dann würde ich mich garantiert nicht mit diesem Begriff identifizieren können. Ich denke halt, dass Punk damals eine musikalische Rebellion gegen den festgefahrenen Rock war und Hardcore, genau wie auch New Wave, dann gegen Punk rebellierte, als dieser zum Standbild verkommen war. Aber das ist jetzt auch schon zwanzig Jahre her und wenn heute eine Band versucht so zu klingen wie Youth Of Today, dann kann das zwar auch mal ganz nett sein, aber es wird niemals so eine Sprengkraft haben wie Black Flag oder Bad Brains bzw. Wire oder The Clash.

Wenn ich heute “Out Of Step” von Minor Threat höre, dann spüre ich immer noch, wie der Song damals alles weggeblasen haben muss. Dieses Gefühl habe ich heute bei fast gar keiner Band mehr und das ist schade. Natürlich hat jede Band das Recht, einfach nur Musik zu machen oder nette Songs schreiben zu wollen, aber das ist halt nicht das, was mich an Hardcore und Punk so fasziniert. Inwiefern wir diesem Anspruch jetzt selbst gerecht werden, weiss ich nicht. Ich denke, sowas kannst du auch nicht mit Absicht machen.

Entweder es passiert einfach oder es passiert nicht. Aber ich denke, dass wir uns Mühe geben, uns dabei nicht selbst im Weg zu stehen, sondern einfach das rauslassen, was wir zu geben haben. Wenn das dann in manchen Ohren vielleicht nicht mehr nach Hardcore klingt, dann ist das nicht unser Problem. Unsere Liebe gilt auch eher Hardcore/Punk als Geisteshaltung und nicht Hardcore/Punk als Musikstil. Manchmal ist elektronische Musik oder Singer/Songwriter Kram tausend mal punker als irgendeine Streetpunk oder Youth Crew Kapelle.

An manchen Stellen habe ich das Gefühl, dass Eure Weiterentwicklung nicht nur darauf hinausläuft, dass ihr klassische Punkinhalte differenzierter betrachtet, sondern sie zum Teil auch (bewusst) ablehnt. Würdest du mir da zustimmen? Textzeilen wie “we may look like you” oder “life love no regret” wirken schon an Punk- / Hardcoreklassiker angelehnt, sind aber sonst genau andersherum gesungen worden. Oder ziehe ich da jetzt einfach nur einzelne Zeilen aus ihrem Kontext heraus?

Jan: Das kommt natürlich immer ganz darauf an, wie du Punk inhaltlich definierst, aber wenn Punk heisst, sich in sein kleines, mauscheliges Subkulturghetto zurückzuziehen und alle darin geltenden Normen unhinterfragt zu adaptieren, dann nö, dafür ist uns unser Leben zu schade. Was jetzt aber diese zwei Textzeilen angeht, so sind die eigentlich etwas anders gemeint. Bei “life love no regret” habe ich klar an Unbroken gedacht, aber das war jetzt nicht als Antistatement gemeint. Eigentlich habe ich nur das Objekt, das ja gar nicht genannt wird, verändert.

Unbroken meinten, du sollest anderen gegenüber mitfühlend sein, zumindest glaube ich, dass sie das sagen wollten. Und ich meine halt, dass du dich selbst nicht bemitleiden sollst. Was geschehen ist, ist geschehen. Scheiss drauf, weiterkämpfen! Die andere Zeile bezog sich eigentlich af die Mehrheitsgesellschaft, denn alles in allem sehen wir alle in der Band ja sehr zivil aus, aber das soll halt nicht heissen, dass wir komplett assimiliert sind.

Aber wo du das jetzt sagst, kann das natürlich auch umgekehrt auf Menschen bezogen sein, für die Punk primär Optik ist, also Iro und nix drunter. Das Ganze ist glaube ich inspiriert gewesen von einer Stelle in Martin Büsser`s “If the kids are united”, wo er aus einem alten Zap zitiert, wie die ganzen Irokesen und Nietenkaiser ganz geschockt waren als Mitte der 80er bei den Dead Kennedys plötzlich ein Rudel Italiener mit kurzen Haaren, kurzen Hosen und Sportschuhen ankam.

Der Gedanke, dass mir meine Mitmenschen meine Radikalität nicht auf den ersten Blick ansehen können, gefällt mir, aber wenn jemand crustig rumlaufen will, meinetwegen. Was zählt ist gedankliche Radikalität und die schliesst optische ja nicht unbedingt aus. Aber halt auch nicht ein. Ich dreh mich im Kreis

Was genau hat es mit dem Titel “A Future Pornography” auf sich? Warum schreit ihr nach einer neuen Nacktkultur?

Jan: Der Titel stammt ja aus dem Song “(there`s a) party at the crack house” und in dem sind Pornographie und Nudismus halt eher Metaphern. Max Goldt hat mal gesagt, früher als Jungspund hätte er bei einer Domina an eine düstere, geheimnisvolle Person gedacht und heute würde er an seine dicke Nachbarin denken. Bei den 68ern gab es so die Idee von sexueller Befreiung und sexueller Revolution. Heute ist Sex nur noch eine Ware und was früher als pervers galt, gibt es heute im gut sortierten Fachhandel an der Ecke.

Die sexuelle Revolution hat ihre Kinder gefressen. Trotzdem glaube ich nicht, dass wir hier schon das Ende der Geschichte erreicht haben. Es muss doch möglich sein, eine Sexualität jenseits von Rollenverhalten und Marktmechanismen so entdecken, aber wahrscheinlich müssen wir dafür mal wieder erstmal den Kapitalismus überwinden. Was heute wirklich noch so schocken kann, wie damals vielleicht Porno, nackte Haut und Freie Liebe, ist Offenheit und Ehrlichkeit. Der Titel ist halt ein dreifach codierter Ruf nach einer Gesellschaft, in der wir keine Masken mehr tragen müssen und uns nicht mehr verkleiden müssen, sondern einfach sein können, wer wir sind und wer wir sein wollen.

So ähnlich macht es auch das TV, welches weniger nur auf nackte Haut setzt und sondern immer weiter versucht in das Innerste des Menschen Einzug zu erhalten.

Jan: Ja klar, vom Kapitalismus lernen heisst Siegen lernen Ich denke aber nicht oder besser ich habe nicht das Gefühl, dass das Fernsehen auf dem Weg zu mehr Ehrlichkeit ist. Ich habe eher das Gefühl, Seelenstriptease in der Nachmittagstalkshow verhält sich zu wirklich emanzipiertem, offenen, ehrlichen Umgang miteinander wie “Schulmädchenreport” zu Sexueller Revolution. Da werden doch nur Vorurteile gesellschaftlicher Gruppen gegeneinander in Marktanteile umgewandelt und damit reproduziert.

Die Zuschauer freuen sich dann, dass andere Menschen noch dümmer und mehr am Arsch zu sein scheinen als sie selbst und räkeln sich zufrieden im Status Quo. Wer will denn auch die Wahrheit sehen, wenn er oder sie den Fernseher anschaltet? Fernsehen ist doch für die meisten Menschen nur eine Möglichkeit abzuschalten und den scheiss Alltag zu vergessen. Das Problem ist halt nur, dass sich dadurch nichts an der Beschissenheit des Alltags ändert und es immer so weiter gehen wird, aber das weisst du ja sicher selber Ich würde mich echt freuen, wenn wir einigen Menschen – zumindest uns selber – einen Ausweg aus dem Alltag zeigen könnten.

Mich wundert es, dass die CD-Version bei Poisonfree erscheint? Was verbindet Euch mit Ruhrpotthardcore? Eure neuen Songs gehen ja schon eher in die Post-HC-Richtung.

Jan: Das Ganze fing an, als wir vor ein paar Monaten in Schwäbisch Hall mit Sirens gespielt haben, denn da singt ja Daniel, der auch bei Poisonfree und PxF Records mit dabei ist.

Der hat dann mitbekommen, dass wir noch ein Label für die CD suchen und der Rest ist dann einfach so passiert. Im übrigen sind ausser Deadsoil bei PxF auch nur gute Platten rausgekommen und We Are Invisible sind musikalisch fast schon so was wie die Negation des Ruhrpotthardcores. Das passt schon.

Offensichtlich sind Euch Inhalte sehr wichtig und oft werde ihr dafür gelobt überdurchschnittlich als Band zu vermitteln. Ihr habt seit einiger Zeit Bandshirts mit dem Aufdruck “Kurhaus – University Of Hardcore”. Das klingt so als müsste immer alles durchdacht sein und einen gewissen Anspruch auf inhaltliches Niveau haben? Wahrscheinlich gehen viele Leute heute auch am Wochenende auf HC-Shows und wollen einfach nur ihren Spass haben und sich nicht mit (politischen) Idealen auseinandersetzen?

Jan: Das stimmt. Die Texte sind bei uns sehr wichtig, wahrscheinlich wichtiger als bei vielen anderen Bands, aber ehrlich gesagt wüsste ich nicht, wie es anders sein sollte, es sei denn du machst ein reines Spassprojekt. Dafür brennt mir aber dann doch viel zu viel auf der Seele, als dass das ausreichen könnte. Das mit dem “University Of Hardcore” ist aber mehr so als Scherz entstanden, so nach alter Schule kommt neue Schule kommt Universität. Das ist also mehr auf die Musik als die Texte bezogen gewesen. Der lateinische Spruch auf dem Shirt heisst auch einfach “Screaming for change”, was ja ein Zitat auf Uniform Choice ist, die ja weit entfernt davon waren verkopfte Intellektuelle zu sein.

Das mit dem nur-Spass-haben-wollen und nicht-mit-politischen-Idealen-auseinandersetzen-wollen ist dann wieder so eine Sache. In unseren Augen haben wir nicht wirklich die krasse Agenda. Das meiste worüber wir singen und was wir sagen, sind für uns Minimalanforderungen. Es ist eher traurig, dass du 2006 in der Hardcore- und Punkszene noch darauf hinweisen musst, dass “schwul” kein Schimpfwort ist oder dass Leute Rumschubsen und in sie Reinhüpfen nichts mit Tanzen zu tun hat.

Wir wollen auch gerne, dass die Leute Spass haben, aber ein bisschen Input zum hinterher drüber Nachdenken hat auch keinem geschadet. Und so lange immer wieder Leute kommen und sagen, dass ihnen dass, was wir gesagt und gesungen haben, etwas bedeutet hat, so lange scheiss ich auch gerne auf die paar Leute, die meinen, wir sollten das Maul halten und abrocken.

Gerade ist der Emo Apocalyse Sampler erschienen, auf dem ihr mit dem Song “Punk needs capitalism like Holmes needed Moriarty” vertreten seid. In dem Song kritisiert ihr, dass die Rebellion oftmals nur noch als modisch ist und es dabei gar nicht mehr darum geht, etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern. Aber wie genau soll ich das mit dem Titel verstehen?

Jan: Der Titel und der Song als Ganzes sollen ausdrücken, dass wir alle allzu gerne vergessen, dass Punk und Hardcore und Antifa und Dagegensein purer Luxus sind, den sich die meisten Menschen auf diesem Planeten nicht leisten können. Vornehmlich weisse und männliche Mittelstandskids spielen Rebellion. Punk ist ein Produkt des Kapitalismus und hätte sich nicht entwickelt, wenn die Welt perfekt und gerecht und alles wäre, denn dann hätte es ja nichts zum gegen rebellieren gegeben.

Ich denke, eine perfekte Welt wäre pure Tyrannei. Stell dir vor, wir würden in einer Disneywelt leben! Da nehme ich doch lieber diese unperfekte, dem Untergang geweihte Welt mit ihrem Scheisskapitalismus und habe genug zum Gegenanschreien und wütend drauf sein. Vielleicht ist der Text so eine Art Kriegserklärung an den Hippie in mir. Mehr Dreck, mehr Blut, mehr Nihilismus!

Okay, wenn du sagst, dass der Kapitalismus notwenig für Punkrock ist, kann Punk dann aus dem Kapitalismus heraus überhaupt etwas verändern (bzw. die Leute, die sich in Punkkreisen bewegen)? Frei vom Kapitalismus ist die Punkszene ja auch nicht, schliesslich dreht sich viel um Geld in Form von Plattenveröffentlichungen, tourenden Bands, Merchartikel etc. Ohne Geld würde da ja nichts funktionieren.

Jan: Da der Kapitalismus allumfassend und allgegenwärtig ist heutzutage gibt es eh kein “ausserhalb”. Das ist bestenfalls Illusion oder Selbsttäuschung. Punk an sich wird sicher nichts verändern auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Auf kultureller Ebene und auf der individuellen Ebene kann Punk aber sicher etwas anstossen. Punk kann Ideen und Energie geben für Individuen, die dann vielleicht etwas bewegen können.

Ich glaube nicht, dass es eine gesellschaftlich relevante Veränderung bewirkt, ob wir jetzt T-Shirts und Platten möglichst günstig verkauf und wenig Eintritt kassieren bei Konzerten, aber wenn wir es richtig anstellen, können Konzerte Orte sein, an denen Menschen sich freier fühlen können und Inspiration finden für eigenes Leben oder vielleicht auch ein bisschen Hoffnung, dass nicht alle Menschen Idioten sind.

Punk könnte eine Art subkulturelles Ghetto sein, in dem Menschen die Chance haben, freier ihre Gedanken zu äussern, in dem Typen, die meinen Grabschen sei okay, nicht geduldet werden und in dem mehr und ehrlichere Kommunikation herrscht. Punk könnte versuchen musikalische Grenzen zu sprengen und offen für alle zu sein, die wollen und sich nicht durch Intoleranz selbst disqualifizieren, oder wie BANE sangen “a place where the strange were accepted, judged by what`s inside, a scene of truely open minds”.

Natürlich ist Punk nichts davon. Punk und Hardcore sind die konservativsten musikalischen Genres unter der Sonne. Es herrschen strenge Dresscodes und noch krassere Verhaltensregeln als in der Aussenwelt. Sexuelle übergriffe und sogar Vergewaltigungen kommen immer wieder vor, und sexistische oder homophobe Sprüche sind nicht so selten, wie wir immer glauben würden. Menschen, die wirklich ehrlich sind und versuchen zu sein, wie sind oder sein wollen, haben nichts zu lachen, sobald sie die in ihrer Clique oder Subszene gültigen Regeln brechen.

Individualismus ist bei weitem nicht so angesagt, wie die Fachliteratur immer erzählt und Idioten gibt es auch mehr als genug. Bei manchen Konzerten von Bands, die als Punk oder Hardcore gelten, sind sie sogar die überwiegende Mehrheit. Aber aufgeben möchte ich deswegen noch lange nicht. Kann gut sein, dass das mal passieren wird, aber noch sind mir meine Subkultur und viele, viele sehr liebe Menschen in ihr zu wichtig, als dass ich sie kampflos aufgeben würde. Ich bin wahrscheinlich naiv, aber ich glaube halt noch immer an Veränderung zum Besseren auch wenn es dafür nicht einen einzigen wirklichen Anhaltspunkt gibt

Das sind harte Worte. Was genau war denn genau deine Motivation den Song “Microphysics Of Power” zu schreiben? Insbesondere für die “Punkszene”, die ihr ja hauptsächlich mit Eurer Musik erreicht.

Jan: Ich weiss es nicht mehr genau, aber ich war wohl mächtig angepisst. Ich glaube, der direkte Anlass war eine Diskussion, in der mir jemand erklären wollte, dass Veganismus Unsinn wäre und in gewisser Weise konterrevolutionär, zumindest habe ich es so aufgefasst. Was mich wirklich gestört hat, war, dass die selbe Person mir vor ein paar Jahren noch selbst den Veganismus gepriesen hat. Klar dürfen Menschen sich ändern, meinetwegen soll er doch Tiere essen. Kann ich eh nix gegen machen.

Die Scheisse ist, dass er damals wie heute, seine eigene Meinung für die einzig richtige zu halten schien und das ist einfach nur kreuzdumm. Es gibt keine absolute Wahrheit, genauso wenig wie es richtig und falsch, gut oder böse gibt. Jede Erkenntnis ist vorläufig. Das weiss jedeR, die oder der irgendwas wissenschaftliches studiert hat und eigentlich sollten wir das schon in der Schule lernen. Sogar Sokrates sagte schon, dass einzige was er wisse, sei dass er nichts wisse, aber nach ein paar tausend Jahren ist die Message immer noch nicht angekommen anscheinend. Es wird auch immer viel von Dialektik geredet und dabei vergessen, dass der Kern der Dialektik ist, dass stets sowohl These als auch Antithese falsch sind und genau genommen auch die Synthese, die ja auch nur wieder These gegenüber einen neuen Antithese ist und so weiter.

Der Titel kam dann später, ist ein Zitat von Michel Foucault und bedeutet in etwa, dass kleinere gesellschaftliche Gruppen – wie die HC/Punk Szene etwa – in der Lage sind noch stärkere Normen und Regeln durchzusetzen als die Gesamtgesellschaft. Im Grunde sind wir als Teil dieser Szene einer stärkeren Kontrolle ausgesetzt als der Durchschnittsbürger und das ist kein schöner Gedanke. Besagter Ex-Veganer sagte mir auch, er sei nur vegan geworden, weil er das halt musste um dazuzugehören. Wenn das wirklich so war, dann ist das ein gutes Beispiel dafür, wie beschissen totalitär diese Szene sein kann. Rassisten, Sexisten, Antisemiten und homophobe Idioten müssen wir deshalb aber natürlich noch lange nicht okay finden, aber das sind ja auch wieder Ideologien, die andere in ihrer Freiheit einzuschränken suchen, also kann so etwas im Namen der Freiheit auch gar nicht toleriert werden.

Puh, das ist vielleicht alles wissenschaftliche Kacke und mein Soziologiestudium hat mich da sicher verdorben, aber das, genau das, ist für mich der Kern von Punk: Immer alles in Frage stellen! Insofern sehe ich Punk in einer Tradition über Dada bis hin zur Aufklärung. Wann auch immer dir jemand sagt, er oder sie kenne die Wahrheit, ist Waffengewalt angebrachter als Gutgläubigkeit. Und weil genau das für mich Punk ist, kann ich Dogmatismus im Punk nicht akzeptieren, weder musikalischen, noch politischen, noch sonst irgendwelchen oder um uns selbst zu zitieren: “maximum dissent forever!”

Okay, Dolf hat auch noch eine Frage an Dich: Du sagst: “Rassisten, Sexisten, Antisemiten und homophobe Idioten müssen wir deshalb aber natürlich noch lange nicht okay finden”. Bedeutet dies für einen Atheisten, dass er zwar bescheuerte Katholen, Evangelen, Mulsims, etc. ablehnen darf, nicht aber genauso bescheuerte Juden?

Jan: Da laufe ich jetzt natürlich Gefahr überstudentisch zu klingen, aber über Religion habe ich in dem Satz eigentlich kein einziges Wort gesagt. Als Ex-Christ und überzeugter Atheist, würde ich dir aber sofort zustimmen, dass alle Religionen, zuallermindest aber organisierte, ganz grosser Bullshit sind und für einen enormen Haufen schlechter Sachen verantwortlich sind und waren. Ich denke aber, du spielst auf die “Antisemiten” an. Antisemitismus, so wie er meines Wissens nach definiert ist, ist aber keine Ablehnung der jüdischen Religion oder der bekennenden oder praktizierenden Anhänger dieser, sondern Hass auf Menschen, die einer herbeiimaginierten jüdischen “Rasse” angehören, der meistens dann noch eine geheime Verschwörung, die Weltherrschaft oder das Strippenzieherdasein in der kapitalistischen Welt angedichtet wird.

Antisemitismus hat mit real existierenden Juden in etwa soviel zu tun wie der Hass auf “Neger” von Jugendlichen in einem thüringischen Dorf mit 1% “Ausländeranteil”. Die meisten Antisemiten, zumindest in Deutschland, haben noch nie einen echten Juden oder eine echte Jüdin gesehen. Ich persönlich habe zum ersten Mal mit einem Juden gesprochen, da war ich etwa 18 und er war aus England. Es ist wirklich krass, wie weitgehend die Vernichtung der sogenannten jüdischen “Rasse” durch die Deutschen war. In der Stadt, aus der wir in der Band alle kommen, gab es auch Juden. Einer davon hat die Rheumaklinik gegründet und ist im Konzentrationslager umgekommen. Heute gibt es dort keine Juden mehr.

Aber ich wette mit dir, wenn du dort auf der Strasse rumfragen würdest, würden dir mehr als nur ein paar Verwirrte sagen, dass es zu viele Juden gäbe. Das macht mich krank. Darum habe ich Antisemiten aufgeführt und verdrehte Gottesanbeter nicht. Und natürlich halte ich auch die jüdische Religion für Unsinn, aber Freiheit des Bekenntnisses ist ein Menschenrecht und deshalb müssen wir wohl damit leben, dass manche Menschen an Fabelwesen glauben wollen. Da können wir wohl nur hoffen und beten “Herr, wirf Hirn vom Himmel!”. Aber den gibt`s ja gar nicht, also egal

Universität verbindet man auch oft mit beruflicher Karriere, Du dagegen singst aber auch “Punk is no career”!?

Jan: Universität sollte auch keine Karriere sein, sondern eine Chance etwas zu lernen, aber da findet ja auch gerade ein grosses Umdenken statt. Und Punk sollte halt immer noch eine Antithese zu Rock sein, eine Möglichkeit für Menschen, die Musik, die Kunst oder das Leben zu gestalten, das sie wollen und nicht das, was ihnen vorgesetzt wird. Mir ist klar, dass ich da hoffnungslos antiquiert bin, aber es könnte alles so viel mehr bedeuten. Leider geben sich viele mit viel zu wenig zufrieden.

Ich glaube, wenn du einmal erlebt hast, dass eine Band wirklich spürt, was sie da singt und spielt, dann kannst du mit den ganzen Plastiktränen und Thirdhand-Emotionen nicht mehr zufrieden sein. Wenn du das einmal erlebt hast, dann lässt dich das nie wieder los. Das Ziel sollten nicht 500 Festgagen, Hotelzimmer und galaktische Plattenverkäufe sein, sondern unvergessliche Abende, neue Freunde und das Gefühl einen Traum zu leben. Falls du es noch nicht gemerkt hast: Ich habe einen Hang zum Pathos.

Soviel speziell zu Euren Texten. Werden wir noch mal allgemeiner: Oftmals bringen Bands in ihren politischen Texten weitgehend das zum Ausdruck, was unzählige andere Bands vorher auch schon gesagt haben. Warum macht es einen Unterschied, ob 1000 oder 1001 Bands ein Thema besingen? Wenn es 1000mal nichts bewirkt hat, warum sollte des der 1001. Song tun?

Jan: Ich glaube nicht, dass die letzten 1000mal nichts bewirkt haben. Für mich waren es Bands wie Slime oder But Alive, die mich zum Nachdenken gebracht. Für andere waren es andere Bands und mehr bewirken als Menschen zum Nachdenken zu bringen oder ihnen Hoffnung zu geben, kannst du als Band nicht erwarten. Punk wird niemals etwas verändern, aber vielleicht werden Menschen, die Punk hören und leben, hier und da mal etwas verändern oder bewirken. Vielleicht können wir ja für irgendwen sein, was Slime und But Alive für mich vor zehn Jahren waren.

Das wäre jedenfalls schon ein ziemliches Kompliment. Ich glaube aber auch nicht, dass unsere Texte wirklich so schon einmal da gewesen sind, zumindest kenne ich keinen Song, der textlich so radikal dagegen ist wie “microphysics of power”. Klar gab es schon 1000 Songs gegen Kapitalismus und Rassismus und hastenichgesehn, aber das ist ja auch alles immer noch da und scheisse. Dass kann doch nicht einfach unkommentiert bleiben

Ist es nicht viel effektiver Bücher zu lesen als 20-30 Zeilen lange Punkrocksongs zu hören?

Jan: Klar kannste in nem Song keine so fundierten Aussagen treffen, wie in einem Buch und klar wäre es schön, wenn mehr Menschen mehr schlaue Bücher lesen würden, aber das heisst ja nicht, dass sich das gegenseitig ausschliesst. Du kannst doch beides machen, jedes zu seiner Zeit.

So frontal wie “Schweineherbst” von Slime kann dir kein Buch der Welt klar machen, dass Deutschland ein Scheissland ist, zumindest nicht in zwei bis drei Minuten. Ausserdem schafft Musik es viel direkter die emotionale Seite anzusprechen. Wenn es mir scheisse geht, kann kein Buch mir helfen, aber es gibt Bands und Platten, die mich immer wieder aufrichten, wenn ich die Hoffnung verliere. Und ohne Punkrocksongs wäre das Leben sowieso so scheisse, dass ich gar keinen Bock mehr hätte Bücher zu lesen.

Okay, kommen wir zum Ende. Wie sehen Eure Zukunftspläne aus?

Jan: Wir wollen erstmal bis Ende des Jahres möglichst viele Konzerte spielen und gehen dafür auch noch zweimal richtig auf Tour. Was danach kommt ist ungewiss. Wir müssen wohl erstmal abwarten, was mit uns privat passiert so mit Ende des Studiums und so.

Natürlich wird das auch etwas davon abhängen, wie die neue Platte ankommt, denn wenn die alles kacke finden, dann würde das sicher etwas demotivierend wirken. Wir müssen uns also selbst überraschen lassen, was die Zukunft bringt. Alles andere wäre ja aber auch langweilig

Danke für das Interview!

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Interview & Einleitung: Benjamin Schlüter

Aktuelle Releases: Kurhaus / Escapado – Split 7″ (Zeitstrafe) Kurhaus – A Future Pornography LP / CD (Zeitstrafe / PXF Records)

Infos / Kontakt: www.kurhaus-online.com www.myspace.com/kurhaus

Links (2015):
Indiepedia
Discogs

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