Mai 11th, 2020

KRITISCHER KONSUM – SPECIAL TEIL 1 aus #177, 2016 und Teil 2 aus # 178, 2016

Posted in artikel by Jan

Hilft Konsum die Welt zu retten?
Eine kritische Auseinandersetzung mit „ethischem Konsum“

Schreckensmeldungen oder Dokumentationen und Reportagen über die Missstände dieser Welt sind inzwischen hinreichend bekannt. So hören wir beispielsweise von Bränden in einer der über 5000 Textilfabriken in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, bei denen 120, zumeist weibliche Textilarbeiter_innen, sterben, oder von zusammenstürzenden Textilfabriken z.B. in Rana Plaza, deren marode Böden den schweren Maschinen nicht standhielten. Auch Bilder von Kindern die auf Kakaoplantagen unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten, die Sklavenarbeit in Gold- oder Coltan-Minen, Arbeits- und Lebensbedingungen von Menschen, die für den Konsum der Länder des globalen Nordens 18 Stunden am Stück schuften, ohne dass die Entlohnung zum Überleben ausreicht, sind uns kaum noch eine Schlagzeile wert. Erderwärmung, Klimawandel, Treibhausgasemissionen, Atommüll und Elektroschrott, Plastikinseln im Meer oder verseuchte Gewässer…die Liste der gravierenden Problematiken unseres Zeitalters ist lang.

Terror und Kriege, hungernde und verdurstende Menschen, Armut, soziale Ungleichheitslagen, eine immer größer werdende Schere zwischen Armen und Reichen – auch diese Themen hängen mit den benannten Mitweltproblematiken zusammen. Denn während wir hier in den Ländern des globalen Nordens noch diskutieren, ob und wenn ja wie wir die Erderwärmung um nicht mehr als 2°C ansteigen lassen können, baden viele Menschen die durch den enormen Ressourcenverbrauch mitverursachten Folgen aus, welche vorrangig von den Ländern des globalen Nordens ausgehen – die meisten Personen in den Ländern des globalen Südens kommen aufgrund ihrer Lebenslagen gar nicht in die Situation, so viele Energieressourcen zu verbrauchen. Die Verseuchung der Gewässer und sinkende Grundwasserspiegel betreffen uns zwar indirekt auch (sitzen wir bezogen auf unsere Gesamtlebensgrundlage – der Erde – im gleichen Boot), jedoch kann es uns erstmal egal sein, wenn irgendwo die Fischbestände und damit die Lebensgrundlage vieler vom Fischfang lebender Regionen aufgrund der Verseuchung von Gewässern, aussterben. Oder ganze Landstriche zu Wüsten werden, weil der Grundwasserspiegel gesunken ist.

Wir haben das Privileg weiterhin so leben zu können, wie wir es gewohnt sind – und sind die Ersten, denen Alternativen zu schwindenden Ressourcen zugutekommen. Wir sind die, welche Schutzmaßnahmen ergreifen und bezahlen können, um negative Folgen des hohen Ressourcen- und Energieverbrauchs, wie klimatische Veränderungen, auszugleichen bzw. von uns abwenden zu können. Wir sind in der Lage, unsere Menschenrechte (z.B. bzgl. unserer Arbeitsbedingungen) durchzusetzen und haben Zugang zu Medien, die uns dazu verhelfen, widerfahrenes Unrecht zu verbreiten. Wir können alles kaufen, was wir brauchen- und vieles darüber hinaus, was uns das Leben scheinbar angenehmer, erträglicher macht.

Und dabei haben wir weiterhin die Wahl, ob wir Kleidung und andere Güter konsumieren, die entweder soziale und ökonomische Nachhaltigkeitsaspekte beachten oder nicht. Und können uns auch noch darüber beschweren, dass die fair gehandelten Klamotten, der Öko-Strom, die Bio-Lebensmittel so teuer und der Verzicht auf den extrem klimaschädlichen Konsum von tierlichen Produkten so anstrengend ist und nicht ganz genauso schmeckt, wie das, was wir sonst immer konsumiert haben. Aber was würde ein von „oben“ auferlegter Zwang, z.B. durch Gesetze, um etwas zu verändern auch bringen?

Zum einen würden wir uns wohl lautstark darüber beschweren, dass wir als emanzipierte Bürger_innen ja wohl in der Lage sind selbst zu entscheiden, was gut und richtig ist. Zum Anderen wäre die Frage, mit welcher Intention dieses „oben“ (gemeint sind Macht- und Herrschaftsstrukturen) Sachen bestimmt – ob also globale Verbesserungen durchgesetzt werden (die z.B. etwas am hohen Ressourcenverbrauch verändern oder weniger energieverbrauchende Alternativen anbietet) oder ob Entscheidungen von Interessen bestimmter Lobbygruppen (z.B. aus der Wirtschaft) geleitet werden. Wer kontrolliert dann also die Kontrolleur_innen? Und: Welche Strategie könnte stattdessen in Frage kommen?

Allerdings scheint doch an einigen Stellen ein Umdenken stattzufinden: Sich kritisch mit Konsum auseinanderzusetzen, ist über die Thematisierung in bestimmten Szenen oder politischen Gruppierungen hinaus aktuell. Fair gehandelte Kleidung oder Bio-Lebensmittel zu kaufen, werden für eine größer werdende Anzahl von Personen bedeutsam und es gibt auch immer mehr Möglichkeiten hierzu. Soziale und ökologische Auswirkungen unseres (Über-) Konsums sind regelmäßig Thema in den Medien und in der Politik.

Das aktuelle Interesse an den Themen Fair Trade, Bio und anderen Formen von nachhaltigem Konsum, kann möglicherweise mit einem gestiegenen Bewusstsein für Produktionsprozesse und Auswirkungen von (Über-)Konsum zusammenhängen. Hierauf haben sicher die medialen Möglichkeiten, die viele Sauereien, mögliche Folgen bestimmter Produktionsprozesse bzw. die Art und Weise der Produktion erst in die Öffentlichkeit gelangen lassen, sicher auch einen Einfluss.

Alles Grün ist gut?!?
Allerdings ist nicht alles wirklich grün und gut, was sich so anbiedert und nicht zu unterschätzen ist, dass diese Ideen auch grade hip und Ausdruck eines Lifestyle-Trends sind und somit auch Teil von Identitätsbildungsprozessen bestimmter Personengruppen, wie bei den sogenannten LOHAS (das ist die Abkürzung für „Lifestyles of Health and Sustainability“). Gemeint sind Personen, die bzgl. ihres Lebensstils und Konsums auf Nachhaltigkeitsaspekte achten. Jedoch impliziert der Begriff der Gesundheit schon, dass es hier stark um die eigene Person und Identität, den eigenen Lebensstil geht.

Und so wäre die Mutter des Gedankens bei den Konsument_innen dann nicht vorrangig, etwas an den Lebensbedingungen der Textilarbeiter_innen in Bangladesch zu verbessern und deswegen das fair gehandelte, vegane, Bio-Shirt zu kaufen, sondern, sich selbst auf eine gewisse Art und Weise darzustellen. Das mag dann vielleicht einen guten Kern haben – schließlich ist das Shirt dann wenigstens fair gehandelt etc., jedoch reduziere ich meinen Konsum dann nicht, sondern konsumiere fröhlich weiter-nur mit gutem Gewissen. Und der notwendige Wertewandel wird verdrängt von Selbstdarstellungsgebarden.

Trends lassen auch Unternehmen hellhörig werden – und wenn es Möglichkeiten gibt, Profit aus etwas zu schlagen, diese dann auch gerne mal auf einen Trendzug mitaufspringen: Ob nun ernsthaft durch die Verbesserung von Produktionsbedingungen oder nur durch die Behauptung es zu tun.

Und das führt dann auch schon zur zugrundeliegenden Frage: Genügt besserer bzw. ethischer Konsum oder muss es Verzicht bzw. Dinge teilen und tauschen sein, um die Welt zu retten oder, etwas weniger pathetisch ausgedrückt: Etwas am aktuellen Verlauf der Ressourcenverschwendung, Schädigung der Erde und unwürdigen Lebensbedingungen vieler Menschen zu verändern?

Fragen über Fragen
Die erste Zwischenfrage, der hierbei nachgegangen werden soll ist, was ethischer Konsum überhaupt ist. Der Begriff des ethischen impliziert zunächst, dass es um Konsum geht, welcher aus einer moralischen Perspektive heraus als richtig oder gut bewertet werden kann. Bezogen auf Konsum geht es also darum, welche Art von Konsum oder konkreter, welche Produkte bzw. Handlungen in moralischer Hinsicht als „gut“ oder „korrekt(er)“ bewertet werden können. Dies hängt eng zusammen mit Definitionen von gut oder schlecht. Folgt mensch den gängigen Definitionen von Nachhaltigkeit sind „gute“ Produkte/Handlungen, die, welche z.B. möglichst wenig ökologische Fußabdrücke (also CO2-Emissionen/Müll etc.) hinterlassen, möglichst wenig Ressourcen in Anspruch nehmen und/oder Zerstörung der Mitwelt vermeiden und auf einer sozialen Ebene fair bzw. gerecht (z.B. durch angemessene Entlohnung, Arbeitsbedingungen) vertretbar sind.

Dann stellt sich die Frage, inwieweit diese Idee des „besseren“ Konsums überhaupt verwirklichbar ist: In einer Welt in der die Produktions- und Handelsketten stark differenziert, aufgeteilt und damit schlicht intransparent sind oder gehalten werden, ist es gar nicht möglich, völlig ethisch korrekt zu konsumieren. Dies würde ein extrem großes Maß an Zeit und Kompetenzen benötigen, die mensch gar nicht besitzen kann, ohne sich durch und durch mit der Thematik zu befassen und die restlichen Anforderungen des Lebens zu vernachlässigen (selbst dann würde dies nie für alle Produkte gelten können), um genaue Einblicke in die Produktionsbedingungen und Lieferprozesse zu bekommen.

Da bleibt also oftmals nur das zu tun, was eben am wenigsten schlecht erscheint bzw. die bestmögliche Alternative zu wählen und dann eben fair gehandelte T-Shirts zu kaufen, die zumindest halbwegs glaubhafte Siegel haben, welche das Versprechen der fairen Bedingungen garantieren sollen. Skepsis ist hier natürlich angebracht. Wer hat die Sigel definiert, was steckt dahinter, was garantieren sie, was nicht? Dass Siegel für Fleisch aus artgerechter Haltung in der Massentierhaltung für die Tonne sind, ist ziemlich naheliegend.

Eine weitere Frage ist, ob ethischer Konsum ein Trend ist, bei dem es nur um das eigene gute Gefühl geht, darum das Gewissen zu beruhigen und gar nicht um einen ernsthaften Veränderungswillen und dies somit Konsumismus vielleicht noch verstärkt – wenn ich nun ohne Gewissensbisse nicht nur konsumieren kann, sondern sogar noch das Gefühl haben darf, die Welt hiermit zu retten. Was verändert bzw. verbessert ethischer Konsum dann eigentlich noch? Nur das Konsumverhalten? Geht es überhaupt darum, aus dem Kapitalismus auszusteigen?

Wie ist es z.B. zu beurteilen, wenn Menschen ihre ausgedienten Sachen auf Tauschportalen anbieten aber dafür Verpackung und Transport der Waren zum Gesamt-Ressourcenverbrauch hinzugerechnete werden müssen? Bringen Couchsurfing und weiter günstige Unterbringungsmöglichkeiten etwas, wenn mensch bedenkt, dass durch die billige Möglichkeit der Unterkunft Flugreisen in entfernte Regionen erst erschwinglich werden? Ist Konsumverzicht wirklich der einzige gangbare Weg?

Und: Welcher Logik folgt es, wenn Firmen, die ethischen Konsum proklamieren auf Wachstum ausgerichtet sind? Wie ist es zu bewerten, dass ethischer Konsum auch zu einem nicht unerheblichen wirtschaftlichen Zweig geworden ist, auf den auch große Unternehmen, um der eigenen Imagepflege Willen oder auch um Kund_innen weiterhin an sich zu binden, aufgesprungen sind? Ist es gut, dass Bio-Lebensmittel, Öko-Klamotten und weitere Alternativen nun auch in Supermärkten und bei großen Unternehmen zu finden sind? Oder verwässert das auch etwas von dem, was die grundlegende Idee von Nachhaltigkeit ausmacht?

„Ich bin geduscht und angezogen, lass uns einkaufen gehen um die Welt zu retten, Baby“
Was wollen wir in diesem Special tun? Neben einer theoretischen Bestandsaufnahme zu den Fragen, was Konsum und Nachhaltigkeit überhaupt ist, welche Inhalte mit diesen Begriffen verbunden sind, der Darstellung hiermit zusammenhängender Themenbereiche (wie Veganismus, Bio, Fair-Trade-Konzept ), ist es uns von Bedeutung, die hiermit im hohen Maße zusammenhängenden Macht-und Herrschaftsverhältnisse zu betrachten und sich mit dem Totschlagargument des angeblich notwendigen steten Wirtschaftswachstums durch Konsum zu befassen.

Darüber hinaus erschien es uns interessant, mit Unternehmen über die Thematik des ethischen Konsums zu sprechen, die in diesem Bereich schon lange etabliert sind, oder aber sich auf der Grundlage aktueller gesellschaftlicher Prozesse mit den Themen befassen. Für beide Zwecke haben wir jeweils zwei Unternehmen befragt. Über die Kehrseite des Konsums – das Müllproblem – sprachen wir mit einem Upcycling-Unternehmen, wobei es uns hier vorrangig darum ging, über mögliche nachhaltigere Alternativen zum Umgang mit Müll zu sprechen, fernab von Recycling, endloser Lagerung und ins Weltall schießen.

Dass wir hierbei als weiße Menschen aus einem Land kommend, das sich vor lauter Wohlstand und Sicherheit selbst bescheisst, aus einer privilegierten Position heraus berichten, ist uns bewusst und sollte kritisch betrachtet werden. Damit kann unsere Perspektive auch nur ein kleiner, subjektiver Blick auf die gesamte Thematik sein, welcher hoffentlich dazu führt, dass Menschen Impulse mitnehmen können, um sich mit dem Thema selbstständig auseinanderzusetzen. Und eben nicht nur den Bericht zu konsumieren.

Nachhaltigkeit – ein komplexes Konzept kurz erklärt
Wirtschaftliche Prozesse haben den Begriff der Nachhaltigkeit schon längst für sich entdeckt und klar gemacht, was mit ihm passieren soll. Der Begriff wurde durch eine Integration in kapitalistische Prozesse so verwaschen, dass jetzt tendenziell alles nachhaltig sein kann, ohne die eigentlichen Inhalte noch zu reflektieren. In einem System, geprägt durch ungleiche Macht- und Herrschaftsverhältnisse, Überkonsum und Kurzlebigkeit von Produkten, werden einzelne kleine, angebliche Verbesserungen als nachhaltig hochstilisiert. Nachhaltige Entwicklung ist kein neues oder komplex zu begreifendes Konzept. Wichtig ist jedoch hierbei eine Definition nachhaltigen Verhaltens anzubieten, die über eine produktzentrierte Sicht hinausgeht. Denn es reicht z.B. nicht, dass dein Produkt zu 100% nachhaltig ist, aber die Herstellerfirma ihren Betriebsmüll in die Weltmeere wirft.

Als Grundlage für eine knapp vorgetragene Definition von nachhaltiger Entwicklung soll der Bericht „Our Common Future“ herangezogen werden. Dieser wird auch als Brundtland-Bericht bezeichnet, da die ehemalige Norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland den Vorsitz für die verantwortliche Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen inne hatte. Der Brundtland-Bericht, übrigens schon fast 30 Jahre alt, spricht in Bezug auf nachhaltige Entwicklung von einem Konzept, dass zwei Dinge in den Fokus nimmt:

Erstens soll die Beseitigung von Ungerechtigkeiten, die momentan existieren und maßgeblich durch kapitalistischen Überkonsum entstanden sind, im Fokus stehen. Es geht im ersten Schritt also um die Erweiterung der Bezugsgröße zu einer globalen Gerechtigkeit. In diesem Sinne sollten wir die Auslagerung von elenden Produktionsbedingungen, die Erzeugung massiver Mitweltbelastungen zum Zwecke des eigenen Wohlstandes, kritisch reflektieren und im Idealfall möglichst schnell abschaffen. Zweitens geht es darum, dass auch die Bedürfnisse späterer Generationen in die heutigen Entscheidungen einbezogen werden und dass diese nicht die Verfehlungen der Vorgängergenerationen ausbaden müssen.

Nachhaltigkeit teilt sich in ökonomische, ökologische und soziale Dimensionen auf, welche im Idealfall nicht in Konkurrenz zueinander existieren, sondern bei einer gemeinsamen Berücksichtigung zu einem umfassenden nachhaltigen Konzept führen.

Die ökologische Nachhaltigkeit ist besonders bedeutsam, da die Erde ohne einen ausgeglichenen Zustand zwischen Ressourcenverbrauch und -regeneration nicht überlebensfähig ist: Holze ich eine bestimmte Fläche Regenwald ab, muss ich bedenken, dass es einen Ausgleich für die Menge an CO2 geben muss, die diese Fläche gebunden hätte. Leider ist es aber so, dass manche Sachen, wie eben die Regewälder mit ihrer Artenvielfalt und Bedeutung für unsere Klima, nicht zu ersetzen sind. Auch das Schmelzen der Polkappen oder die Überfischung der Meere können nicht ohne weiteres ausgeglichen werden. Ökologisch nachhaltig wäre es im Gegensatz dazu, wenn wir unsere Mitwelt so begreifen und behandeln würden, dass diese in ihren Eigenschaften dauerhaft weiterbestehen kann.

Wir müssen uns entscheiden
Konzepte des ethischen Konsums weisen Parallelen zu einer umfangreichen Mitweltpolitik auf, da mensch vor der Frage steht, ob wir aus „bösen“ Konsum „guten“ machen können oder ob es eine Abkehr vom konsumorientierten Leitbild braucht. Der Bezug bei den individuellen und politischen Entscheidungen liegt dabei in der Überlebensfähigkeit der Menschen und der Erde. Die Frage ist, auf welche Art und Weise wir überleben wollen und ob wir bereit sind, unser Leben an die dafür erforderliche ökologische Nachhaltigkeit anzupassen. In Anbetracht der vielfältigen Mitweltprobleme erhöht sich die Dringlichkeit zur Veränderung so massiv, dass mensch am liebsten direkt vor der eigenen Haustür anfangen möchte. Und dies auch wirklich dringend tun sollte.

Die soziale Nachhaltigkeit zeichnet sich durch eine Nutzung von Ressourcen und Umsetzung von Maßnahmen aus, welche individuelle und kollektive Überlebensfähigkeit von Personen(gruppen) garantiert. Darüber hinaus soll mehr Gerechtigkeit für eine größere Anzahl von Personen erreicht werden. Dies beinhaltet z.B. faire Arbeitsbedingungen für alle Menschen. Auch hier sollte die Langfristigkeit des sozialen Zusammenlebens sichergestellt werden. Dafür müssen die Förderung von Solidarität, Gleichberechtigung der Geschlechter und die Umsetzung von inklusiven Gesellschaftsformen garantiert sein.

Wir merken die Auswirkungen der fehlenden sozialen Nachhaltigkeit an gesellschaftlichen Problemen wie Diskriminierung, Terrorismus oder einer immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich. Wir sehen, dass das Leben in den Ländern des globalen Nordens auf Ausbeutung von unterschiedlichsten Menschen über den Erdball verteilt beruht. Weniger global betrachtet sind wir sogar noch immer weit davon entfernt Chancengerechtigkeit in unserem eigenen Bildungssektor und Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir stellen nicht dauerhaft sicher, dass Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten für alle Menschen gleichermaßen möglich sind. Es gibt eine Vielzahl von Beispielen, die das Konzept von sozialer Nachhaltigkeit konterkarieren. So z.B. das Chicago Board of Trade, die Lebensmittelbörse, an der Nahrungsmittelpreise mittlerweile bewusst in die Höhe getrieben werden, um eigene Profite auf Kosten hungernder Menschen zu erzielen. Klar ist es keine Neuigkeit, dass wir keine sozial gerechten, geschweige denn nachhaltigen Verhältnisse haben. Nur die Konstrukte die wir gesponnen haben, welche dies verhindern, sollten offen gelegt werden.

Ökonomische Nachhaltigkeit ist der dritte Nachhaltigkeitsaspekt und bedeutet eine Abkehr vom momentanen Effenzienzparadigma des wirtschaftlichen Wachstums. Ökonomisch nachhaltig wäre es, wenn wir unseren Wohlstand nicht anhand von Pro-Kopf-Einkommen oder Bruttoinlandsprodukt definieren würden, sondern stattdessen eine Auseinandersetzung mit der Frage forcieren würde, was genau denn Lebensqualität ausmachen könnte. Hierbei steht im Mittelpunkt, dass unser ökonomisches wirtschaften zentral an seiner Sozial- und Mitweltverträglichkeit gemessen werden sollte.

Wir müssen uns also mit einem umfassenden Konzept auseinandersetzen, das sich in seiner Komplexität und seinen Intersektionen nicht befriedigen lässt, indem wir uns an minimalen Standards orientieren. Eine nachhaltige Veränderung ist nur durch ein radikales Umgestalten der aktuellen wirtschaftlichen Wachstumsökonomie vorstellbar. Wirklich nachhaltig ist also nicht, wenn ein Produkt unter vielen fair, öko und nachhaltig ist, sondern erst dann, wenn das gesamte Firmenkonzept, alle Produktionsteile und -prozesse bis hin zur Entsorgung, Nachhaltigkeitsaspekten entspricht.

Ansonsten ist es am Ende möglicherweise nur eine Bestärkung des eigentlichen Systems durch Einführung einer möglichen Konsumalternative, die uns fröhlich weiter konsumieren lassen (vielleicht ohne schlechtes Gewissen sogar noch mehr konsumieren lässt) und am Ende doch nur punktuell etwas ändert. „Komm! Konsumier doch weiter bei uns! Wir bezahlen unsere Mitarbeiter genauso schlecht wie vorher, Wachstum ist immer noch unsere höchste Priorität und mit ökologischer Verantwortung beschäftigen wir uns höchstens zu Marketingzwecken – aber genau deswegen steht jetzt auf einem unser Produkte Nachhaltigkeit!“

Es ist nicht einfach so alles Scheisse – die Probleme haben ein System
Hier nur ein paar zusammenhängende Beispiele die verdeutlichen, was gemeint ist mit dem angesprochenen Gesamtzusammenhängen aller drei Nachhaltigkeitsaspekte: Das ökonomische System sieht sich seit ein paar Jahren enormen Krisen ausgesetzt und die grundlegende Ausrichtung dessen wird nicht erst seit der finanziellen (oder doch humanitären?) Katastrophe in Griechenland auf Sinn und Verstand diskutiert. Bis zum jetzigen Zeitpunkt sehen wir uns einem System gegenüber, dass eine konträr-nachhaltige Ausrichtung im Sinn hat. Wir sehen, dass dieses System nicht allen Menschen Platz und Chancen zurechnet, sondern ein ungerechtes und begrenztes Leistungsdenken fördert, bei dem Menschen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene gewollt auf der Strecke bleiben.

Dazu kommt, dass der Finanzsektor auf kurzfristige Profite ausgerichtet ist, an denen in der Regel (immer) bestimmte Interessengruppen verdienen. Das ökonomische System scheint also einer generellen Systemkrise ausgesetzt, da es wie bisher – elitefördernd und exkludierend – auch in einem sozial nachhaltigen Sinne in dem Ausmaß nicht mehr funktioniert. Beispielsweise sehen wir eine ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland, die ökonomische Formel „Die Reichen werden immer reicher und die „Armen“ immer ärmer“ ist zwar nicht neu, trotzdem gewinnt sie in den letzten Jahren an Bedeutung, da die prekären Lebenssituationen ansteigen. Hier haben wir es mit einer Gefährdung und Minimierung von gesellschaftlicher Solidarität zu tun. Die Gruppe, die an überproportionalen Reichtum gelangt, wird immer kleiner und wir erleben weltpolitisch den stärker werdenden Willen von Menschen, daran teilzuhaben oder zumindest auch die Chance zu bekommen, aus dem schlimmsten Elend heraus zu kommen und gleichzeitig eine Wiederkehr von unsolidarischen Nationalstaatskonzepten. Der aktuelle Anstieg von Menschen, die sich aufgrund katastrophaler Lebensbedingungen entscheiden, in ein schutz- und wohlstandsbietendes Land zu flüchten, hängt also auch mit kapitalistischen Verteilungskämpfen zusammen. Ein Teil der nach Deutschland geflüchteten Menschen (bspw. aus Eritrea) flieht aufgrund von Armut.

Diese Menschen lassen wir am langen Arm unseres Kapitalismus, also der Herstellung unseres eigenen Luxus, verhungern – und das sind nicht die Einzigen die darunter zu leiden haben, sondern nur die Gruppe, die diese lange und lebensgefährdende Flucht auf sich nehmen. Und wenn mensch sich mit der Flucht aus Gründen von Armut beschäftigt, sei also der Hinweis erlaubt, dass Flucht oftmals wegen Diskriminierung und Macht- und Herrschaftsverhältnissen erfolgt. Und wäre dies alles nicht schon schlimm genug, werden wir in Zukunft ebenfalls erleben, dass Menschen aufgrund der ökologischen Konsequenzen ihre Heimat verlassen müssen, da ihre Lebensgrundlagen, wie beispielsweise sauberes Grundwasser, Anbaumöglichkeiten oder überhaupt der Fleck Erde auf dem sie bisher gelebt haben nicht mehr existent sind.

Sich dann symbolisch an die Grenze zu stellen und eben jenen zuzurufen, dass Sie ihre Verhältnisse in den Griff bekommen sollen ist ein besonders ausgeprägtes Merkmal menschlicher Ignoranz. Das sind nicht ihre Verhältnisse, das sind unsere gemeinsamen Verhältnisse.

Marktmechanismen könnten repariert werden und die Bereitschaft der Menschen die kapitalen Ungerechtigkeiten zu erzeugen und auch auszuhalten ist irgendwann in naher Zukunft hoffentlich vorbei. Aber es bleibt auch hier festzustellen, dass wir nicht aus Versehen nicht nachhaltig leben, sondern unser kapitalistisches System darauf basiert effizient und auch eurozentristisch zu handeln – es sollen nicht alle teilhaben. Mensch könnte meinen, dadurch, dass die Ökonomie in Europa an ihre Grenzen stößt, Raum für Veränderung entsteht. Für eine Prognose, die hier ausdrücklich nicht vorgenommen werden kann, bleibt aber zu berücksichtigen, dass in diesen Lebens- und Arbeitsbereichen Erkenntnisse in Bezug auf Nachhaltigkeit schon jahrzehntelang vorliegen und dass die derzeitige Modeerscheinung Nachhaltigkeit in den meisten Fällen ein systemstabilisierendes Instrument ist, um am neoliberalen Kapitalismus festzuhalten.

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Quellen:

Brundtland-Bericht, 1987: http://www.un-documents.net/ocf-02.html
Rosen für die reiche Welt, Die ZEIT Online: http://www.zeit.de/2005/30/Rosenkrieg
DIW Wochenbericht, Vermögensverteilung, 9/2014: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.438708.de/14-9.pdf
Reiche werden reicher, Arme werden mehr, Die ZEIT Online: http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-02/diw-studie-verm
Die Wahrheit über Arm und Reich, Die ZEIT Online: http://www.zeit.de/2014/23/thomas-piketty-umverteilung-kapitalismusoegensverteilung-deutschland
Warum muss Joey hungern? Die ZEIT Online: http://www.zeit.de/2013/42/hunger-unterernaehrung-dossier
Auf Asylsuche: Diese Menschen fliehen nach Deutschland, Süddeutsche: http://www.sueddeutsche.de/politik/auf-asylsuche-diese-menschen-fliehen-nach-deutschland-1.2176397-3
Pufe, Iris (2014): Nachhaltigkeit. 2. Überarbeitete und Erweiterte Auflage: Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH

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Hauptsache ihr habt Spaß? Sinn und Unsinn unseres Konsums
Wie bereits erwähnt bezieht sich eine Vorstellung von ethischem Konsum stark auf die bereits erläuterten Nachhaltigkeitsvorstellungen. Konsum kann grundsätzlich alles sein, was Menschen als solchen auffassen und sich gleichzeitig einbilden zu besitzen: Beispielsweise konsumieren wir Erlebnisse oder Momente, denen wir aufgrund ihres Konsumcharakters überraschende oder selbstreflexive Elemente kaum ermöglichen. Wir saugen diese Momente auf und bestimmen ihren Kosten-Nutzen Effekt auf Bestellung. Ein Urlaub in Indien soll uns partout kosmopolitischer machen, wohingegen mensch in die Alpen fährt, um die eigene Work-Life Balance zu hinterfragen. Mal wieder richtig runterkommen, eben. An der frischen Luft. Die Frage ist hierbei, wem welche Definition nützt und wer davon profitiert, wenn wir Konsum allumfassend definieren. Naheliegend ist, dass der Begriff dadurch unscharf und weniger greifbar wird. Deswegen soll in diesem Kontext zwar eine simplifizierte, aber für die praktische Handlungsanweisung nützliche Definition von Konsum verwendet werden.

Ein Mindestmaß an Konsum oder der maximal ethische Aufwand?
Wir begreifen Konsum als (Kauf-)Entscheidungen, bei denen ich die zur Verfügung stehenden Ressourcen einsetze um ein von mir gewähltes Produkt zu erwerben. Brechen wir Konsum auf die Kaufentscheidung herunter, werden die Handlungsmöglichen deutlich: Kaufen kann jeder. Wobei die Auseinandersetzung mit den bereits angesprochenen konsumistischen Verhaltensweisen in unterschiedlichen Lebensbereichen auf jeden Fall notwendig ist:

Die Frage danach, warum wir konsumieren, führt uns zur grundsätzlichen Feststellung, dass wir erstmal aufgrund von physiologischen Bedürfnissen zum Sinn und Zweck des Überlebens konsumieren. Wir bewegen uns darüber hinaus zwischen einem selbst- und fremdbezogenen Konsum, aus dem mensch gemeinsam und beeinflusst von unternehmerischen Marketingstrategien heutzutage seinen, in keiner Verhältnismäßigkeit stehenden, Überkonsum ableitet und rechtfertigt. Der selbstbezogene Konsum wird weit über die Befriedigung elementarer Bedürfnisse hinaus zur Verarbeitung von eigenen Problemen benutzt, oder um sich selbst besondere Erlebnisse zu schenken. In diesem Kontext könnte mensch Konsum auch als Kompensationsmittel beschreiben. Gleichermaßen kann mensch auch Dinge konsumieren, um sich selbst Darzustellen, sich mit anderen zu identifizieren oder sich abzugrenzen. Und das sollte uns Szenegirls- und boys doch wohl allen bekannt vorkommen.

Wir reden, schreiben und debattieren über das Thema Konsum in einer Zeit, in denen große Elektronikfachhandelsketten mit dem Slogan „Hauptsache ihr habt Spaß!“ werben und die Empörung in der Gesellschaft darüber gegen Null tendiert. Im Zweifelsfall fühlen wir uns als Gesellschaft moralisch entlastet, da die Firmen, deren Produkte wir kaufen sollen, uns gesagt haben, dass wir weiterhin ihre Produkte kaufen dürfen. Andererseits ist uns durchaus bewusst, dass wir einem exorbitanten Konsumverhalten frönen und dieses in Zusammenhang mit der Verschlechterung von Lebensläufen auf der ganzen Welt geschieht. Aber unser persönliches Wohlbefinden wollen wir ja zwischen diesen Fronten auch noch verteidigen-schließlich haben wir es uns verdient. Und dabei soll uns bloß nicht irgendwer den Spaß verderben.

Beim Schreiben über das Thema Konsum stellen sich vielschichtige Fragen, die sich darum drehen, wen mensch eigentlich für die Gesamtscheiße und seiner Systematik beschuldigen darf und wer eigentlich die Verantwortung trägt. Die Konsument_innen? Die Politik? Die Werbung? Oder Unternehmen? Etwa das Wirtschaftssystem? Der Kapitalismus? Wir begeben uns auch ganz gerne mal in die sogenannte Opferrolle, indem wir den Firmen, Marken und Märkten einen höheren Anteil am Entscheidungsprozess einräumen als uns selbst. Es scheint eine Menge von Erklärungshürden zu geben, die wir aufstellen, um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsumverhalten und dem Umstand einer möglichen Verhaltensänderung zu verhindern.

Erstens wäre da: Werbung & Marketing lassen dir ja kaum eine Wahl! Dicht gefolgt von: Es ist ja eh nur eine Auswahl zwischen Pest & Cholera, eine wirkliche Alternative gibt es ja gar nicht. Oder auch: Aber du bildest dir doch nicht ehrlich ein ALLES richtig zu machen? Damit möchtest du jetzt anfangen? Was ist denn mit all dem Anderen? Und dann – wenn mensch sich gerechtfertigt hat, erläutert hat, warum es gerade wegen unseres Überflusses Handlungsmöglichkeiten gibt – kommt es: Findest du das nicht ein bisschen radikal? Also für mich wäre das ja nichts.  Diskussion beendet? Darum soll es hier ja gehen. Was bleibt einem? Resignation oder Selbstermächtigung?

Dass in manchen der genannten Argumente Wahrheiten versteckt sind, soll hier nicht zur Debatte stehen. Denn nicht nur die Kosnument_innen schieben so gerne ihre Verantwortung weg: Die Politik schiebt es gern auf die Wirtschaft, welche sich hier stärker engagieren muss, die Wirtschaft schiebt sie wieder zurück – denn sie müssen ja wachsen, und die Unternehmen dann auf die Wirtschaft, die sie zwingt aufgrund von Konkurrenz mitzuwachsen und auch auf die Konsument_innen, die ja möglichst billig alles haben möchten. Und da wären wir wieder bei dem angelangt, was wir tun könnten.

Konsum ist auch Ausdruck von Veränderungen innerhalb der Gesellschaft. Dies lässt sich sowohl historisch als auch an aktuellen Entwicklungen feststellen. Der momentane Königsweg aus der beschriebenen Misere der Privilegierten, scheint ein ethischer und nachhaltiger Konsum zu sein. Dieser wird gelabelt mit unterschiedlichsten Siegeln und diese werden in den meisten Fällen auch von Konsument_innen finanziell entlohnt. Wir verstehen diesen finanziellen Mehraufwand als Lösung von konsumistischen Ausdrucksweisen in der Gesellschaft. Kaufe ich mir anstatt einem Viererpack H&M T-Shirts 4 T-Shirts bei fairen Anbieter_innen, scheint der Fall geklärt. Alles richtig gemacht und die Privilegierten applaudieren sich gegenseitig. Ist das die richtige Alternative? Gibt es zu Konsum noch andere sinnvolle Alternativen?

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehen wir in Deutschland die Verknüpfung zwischen volkswirtschaftlichem Wachstum und der daraus abgeleiteten Entstehung von Arbeitsplätzen und seinem Mittel zum Zweck: Dem Konsum. Diese Zusammenhänge kommen vor allem in der Nachkriegszeit verstärkt zur Geltung. Durch Werbung einerseits und dem entstehenden industriell geprägten Wiederaufbau Deutschlands andererseits, wurde der Konsum als Antriebsfeder gesellschaftlich legitimiert. Konsum wurde also gleichermaßen zur Existenzsicherung in Form von Arbeitsplätzen und zur gesellschaftlich prägenden Anerkennungsstruktur durch den Kauf von Statussymbolen. Der in der Folge dauerhafte und nötige Anspruch an Wachstum hat ebenfalls zur Verstärkung des Konsums geführt. Es entstand in den 1960er Jahren in Deutschland eine Debatte über gesellschaftliche und ökologische Folgen des Konsums. So kritisierte beispielsweise die Student_innenbewegung bereits die von ihnen erkannte Flucht in den Konsum und hiervon geprägtem Wiederaufbau des Landes, statt einer Bereitschaft zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.

Trotz vielschichtiger Konsumkritik hat sich unser Alltag an vielen Stellen kommerzialisiert und wir leben weiter in wachstumsorientierten Strukturen. Eine Entwicklung von nachhaltigen Konsumalternativen sollte also auch eine Kritik an den scheinbar so zementierten Wachstums- und Konsumansprüchen von Unternehmen und Individuen beinhalten. Ansonsten laufen wir Gefahr mit den ach so schönen Alternativen das System zu bestätigen und immer gleiche Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu reproduzieren. Solltet ihr diesem noch keinen Glauben schenken, seht halt selbst.

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Quellen:
Hellmann Uwe (2011): Der Konsum der Gesellschaft. Wiesbaden: Springer Verlag,
Ökologisches Bewusstsein und Handeln, Bundeszentrale für Politische Bildung: http://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/klimawandel/38593/oekologisches-bewusstsein
Fleisch: Wir müssen alle sterben, Die ZEIT Online: http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2015-10/fleisch-krebs-ernahrung-wurst-vegetarismus-vegan-essay
Tully, Claus J. (2012):Nachhaltiger Konsum. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Wohlstand ohne Wachstum? Aus Politik und Zeitgeschichte,62. Jahrgang 27-28/2012.

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Mehr Kaffee und Mitmenschlichkeit –
Das Fair Trade Konzept

Länder des globalen Südens, also die Mehrzahl der afrikanischen, einige asiatische und südamerikanische Länder, sind vom internationalen Handel oft ausgeschlossen oder starken Benachteiligungen ausgesetzt. Durch die Vorgabe ökologischer und sozialer Produktionsstandards und Unterstützung beim Auf- und Ausbau ihrer Kapazitäten im Fair Trade Konzept, sollen die Arbeits- und Lebenssituationen von Kleinfarmer_innen in Ländern des globalen Südens verbessert werden. Ein besonderer Fokus wird hierbei auf die Landwirtschaft gelegt: Kleinfarmer_innen haben kaum Chancen ihre Erzeugnisse auf internationalen Märkten zu verkaufen.

2009 waren es die sogenannten Developed Countries, die 64% Anteil am internationalen Handel hatten, Developing Countries konnten im Gegensatz dazu 35% Anteil und die Least Developed Countries (das sind immerhin 49 Länder) 1% Anteil am internationalen Handel verzeichnen. Als Ursachen für die geringe Beteiligung werden niedrige Produktionskapazitäten, schlechte geografische Lagen (z.B. schlechte Böden, Naturkatastrophen), unzureichende Zugänge zu Informations- und Kommunikationstechnologien, ungenügende Transportwege und instabile politische Systeme aufgeführt.

Aber auch das Zollniveau der Länder des globalen Nordens, sowie langwierige Kontrollen für Importware aus Ländern des globalen Südens, sind als Gründe für den geringen Anteil am Weltmarktgeschehen zu nennen. Außerdem können die Länder des globalen Südens nur eine kleine Zahl Delegierter zu Verhandlungen und Ausschüssen der World Trade Organisationen aussenden, bei welchen wichtige Entscheidungen zum weltweiten Handel fallen. Nicht außer Acht gelassen werden sollten hierbei auch Formen von Rassismus und Neo-Kolonialismus, was sich schon in der Abstufung der Länder im sprachlichen Diskurs von den „entwickelten“ zu den „nicht-entwickelten“ zeigt: Der Begriff baut Hierarchien zwischen den Ländern des globalen Südens und den Ländern des globalen Nordens auf.

Denn mit der Definitionsmacht des globalen Nordens über den Entwicklungsbegriff, zwingen wir dem globalen Süden eine Orientierung an die Verhältnisse im Norden, sowie ein bestimmtes Verständnis von Wachstum und Entwicklung auf und eröffnen damit geradezu Neo-kolonialistische Gefälle. Der so verwendete Entwicklungsbegriff setzt darüber hinaus nur wirtschaftliche Wachstumstendenzen mit dem Ziel der Profitmaximierung voraus und lässt völlig außer Acht, dass mit einem solchen Entwicklungsbegriff eine massive Schädigung der Mitwelt und soziale Ungleichheitslagen einhergehen. Und das sollte unsere Definition von Entwicklung doch eigentlich in Frage stellen, denn wenn sich nur das Wirtschaftssystem entwickelt, soziale oder ökologische Aspekte aber hierbei vernachlässigt werden, ist Entwicklung in diesem Zusammenhang vielleicht etwas zu kurz gedacht.

Das Fair Trade Konzept: Wer hat`s erfunden? Was steckt drin?
Die Idee hinter dem Konzept Fair Trade ist es zunächst, mit dem Konsum der Produkte von Kleinfarmer_innen mit über dem Weltmarktniveau liegenden Preisen, für eine angemessene Entlohnung bei den Produzent_innen zu sorgen und so durch Konsum aktiv für eine gerechtere Verteilung von Handelsgewinnen beizutragen.

Die sogenannte Fair Trade Bewegung gibt es seit den 1970er Jahren in Deutschland und sie ist aus der Kritik am dominierenden Niedrigpreis-Paradigma im internationalen Handel entstanden, welcher ökologische oder soziale Standards für Produkte stark vernachlässigt. Vorher gab es bereits weniger strukturierte faire Handelsbeziehungen, welche vor allem durch religiös motivierte Gruppen als Wohlfahrtsunternehmung verstanden wurde. Erst ab den 1970er Jahren verschob sich die Wahrnehmung der Produzent_innen aus den Ländern des globalen Südens von Wohltätigkeitsempfänger_innen zu Handelspartner_innen.

2002 einigten sich die Mitglieder der Organisation „International Federation of Alternative Trade“ (IFAT, heute World Fair Trade Organisatin, WFTO), dazu gehören Produzenten und Importorganisationen für fair gehandelte Produkte, auf folgende Definition von Fair Trade:

„Fair Trade is a trading Partnership, based on dialogue, transparency and respect, that seeks greater equity in international trade. It contributes to sustainable development by offering better trading conditions to, and securing the rights of, marginalized producers and workers – especially in the south”.

Nachhaltige Entwicklung und fairer Handel sind jedoch keine völkerrechtlich einklagbaren Vereinbarungen und haben dementsprechend bislang keine ausreichende Beachtung in internationalen Wirtschaftsbeziehungen und Handelspolitik gefunden: Der Marktanteil für fair gehandelte Waren beträgt lediglich 1-2%.

Große Organisationen im Bereich des fairen Handels sind die bereits 1975 gegründete GEPA, El Puente und Dritte-Welt-Partner (Import, Vertrieb, Weiterverarbeitung). Der TransFair e.V. wurde 1992 von kirchlichen Organisationen wie MISEREOR und Brot für die Welt, politischen Stiftungen (Friedrich-Ebert, Heinrich-Böll etc.), sowie Verbraucher_innen-, Produzent_innen- und Mitweltorganisationen gegründet. Dieser Verein vergibt das Fair Trade Siegel an Produkte, die nach FLO (Fair Trade Labeling Organization) Kriterien produzieren. Hiermit soll eine Vereinheitlichung vieler unterschiedlicher Siegel erreicht werden. Seit 2003 gibt es das Fair Trade Logo.

Die meisten Waren des fairen Handels werden noch immer über Weltläden vertrieben, 60% der Waren sind Lebensmittel, 50% davon Kaffee, die übrigen Lebensmittel sind Kakao, Tee, Schokolade, Bananen und Trockenfrüchte. Der Kaffeemarkt ist jedoch von erheblichen Weltmarktpreisschwankungen bezüglich Angebot und Nachfrage, sowie von Börsenspekulationen betroffen, was sich auch auf die Kaffeeproduzent_innen auswirkt.

Andere fair gehandelte Produkte sind Kunsthandwerk, Spielzeug und Textilien. Label für Kunsthandwerksprodukte zu vergeben sind, aufgrund der fehlenden Standardisierungsmöglichkeiten, weitaus schwieriger und beruhen eher auf individuellen Absprachen.

Die Auswirkungen fairen Handels in den Ländern des globalen Südens lassen sich in ihren ökonomischen, sozialen und ökologischen Wirkungen beschreiben: Ökonomisch bedeutet es einen erleichterten Marktzugang und (durch den höheren Preis) ein höheres Einkommen für die Produzent_innen. Durch Vorfinanzierung von Investor_innen sind Produktions- und Gewinnsteigerung, sowie neue Produktentwicklung möglich. Die starken Kontrollen verbessern die Qualität und darüber hinaus finden Kompetenz- und Wissenserweiterung über Wirtschaft, Markt und Handel statt, denn das langfristige Ziel soll eine Unabhängigkeit der Farmer_innen von den Fair Trade Warenhäusern sein.

Sozial kann ebenfalls die bessere Entlohnung der Arbeiter_innen festgehalten werden. Bestenfalls profitiert die gesamte Gemeinde hiervon, wenn auch in die Infrastrukturerweiterung, den Bau von Schulen oder Gesundheitsversorgungszentren investiert wird. Da in vielen Fällen keine Zwischenhändler_innen agieren müssen, entstehen keine Abhängigkeiten von diesen. Die ILO (international labour standards) Kernarbeitsnormen müssen beachtet werden, es gilt also z.B. ein Verbot von Kinder-, Zwangsarbeit und Diskriminierung, es müssen sozial vertretbare, gesunde/sichere Arbeitsbedingungen, angemessene Bezahlung (mindestens Sicherung der Grundbedürfnisse), Arbeitszeiten von weniger als 48 Std/Wo., bzw. 12 Std./Tag und mindestens ein freier Tag/Wo., eine regelmäßige Beschäftigung und „menschliche“ Behandlung gewährleistet sein.

Außerdem sollen bestimmte Sozialleistungen wie Gesundheitsversorgung und Pensionszahlungen eingeführt werden. Diese Normen gelten für alle an dem Produktionsprozess beteiligten Arbeiter_innen. Des Weiteren soll insbesondere die Aus- und Fortbildung von Frauen unterstützt werden. Als ökologische Nachhaltigkeitsaspekte können die Verbesserung der Anbaumethoden zugunsten der Mitwelt durch Vermeidung von Pestiziden und Verwendung von Bio-Dünger benannt werden.

Hand in Hand für eine bessere Welt?
Das Konzept hat allerdings auch Schwächen: Nur eine kleine und schon privilegierte Zahl an Produzent_innen bzw. Personen können an fairen Handelsbeziehungen beteiligt werden. Die ärmsten der Armen ohne Grundbesitz und Zugang zu Farmen oder Boden in ausreichender Qualität, sind von vorneherein ausgeschlossen. Die Ungleichheit bezieht sich auch auf die Gruppen der Farmer_innen, wenn die eine Gruppe in die privilegierte Situation gerät, eine Handelsbeziehung mit einem Fair Handelshaus einzugehen und die andere nicht. Außerdem können nur Farmer_innen profitieren, die bestimmte Waren anbauen – das führt dazu, dass z.B. viel Kaffee angebaut wird, aber weniger Nahrungsmittel für die Bevölkerung vor Ort – hiermit lassen sich nämlich nicht die gleichen Gewinne erzielen. Der Anbau dieser sogenannten Cash Corps verhindert Biodiversifikation der Felder und Böden und führt darüber hinaus zur Abhängigkeit der Bäuer_innen vom Import der Länder des globalen Nordens.

Viele Produzent_innen bleiben von den Kooperation mit den Fair Trade Warenhäusern abhängig und gehen keine eigenständigen Handelsbeziehungen ohne die Unterstützung der Fair Trade Organisationen ein: Aufgrund der höheren erzielten Preise und der auf Langfristigkeit angelegten, stabilen Handelsbeziehungen, fehlt die Motivation sich einer Wettbewerbssituation auszusetzen. Viele Handelsbeziehungen können darüber hinaus auch weiterhin nicht ohne Zwischenhändler_innen stattfinden: Kommunikative und infrastrukturelle Barrieren verhindern dies. Die Gleichstellung der Geschlechter gestaltet sich hier genauso schwierig, wie in den Ländern des globalen Nordens: Wichtige Entscheidungspositionen sind in den seltensten Fällen von Frauen bekleidet, Tätigkeiten sind nach Männer- und Frauenarbeit aufgeteilt, welche dann unterschiedlich zugunsten der Männer bezahlt werden, Frauen haben aufgrund bestimmter Geschlechterrollenvorstellungen zusätzlich die familiäre Reproduktionsarbeit zu leisten und somit bringt die Arbeit außerhalb der Familie eine Mehrbelastung und Vereinbarkeitsschwierigkeiten mit sich.

Der von Ökonom_innen häufig aufgeführte Kritikpunkt der angeblichen Marktverzerrungen und Veränderung der Weltmarktpreise kann nicht bestätigt werden – jedoch gibt es das Problem der Überproduktion bestimmter Produkte, wie Kaffee, was den Absatz für das Produkt ins Wanken bringt und zu Instabilität der Preise führt. Hier ist jedoch nicht der faire Handel Verursacher_in, sondern weltmarktinhärente Faktoren und Börsenspekulationen.

Vielleicht zeigen Konzepte wie der faire Handel, die Kleinfarmer_innen in den Welthandel einbeziehen wollen, dass die Bereitstellung von Finanzmitteln an die Länder des globalen Südens nicht genügt, um nachhaltig etwas zu verbessern, sondern der Weg eher Hilfe zur Selbsthilfe sein sollte. Auch muss die Mitverantwortung der Länder des globalen Nordens an den Auswirkungen von Mitweltkatastrophen und auch an Migration gesehen werden. Jedoch kann paradoxerweise festgestellt werden, dass die USA und die EU-Länder ihre eigenen landwirtschaftlichen Erzeugnisse subventionieren, um den Import dieser Güter zum Schutz der landeigenen Produzent_innen, die hier gar nicht wettbewerbsfähig wären, aus Ländern des globalen Südens zu beschränken.

Dann Entwicklungspolitik zu betreiben und die Bäuer_innen aus den Ländern des globalen Südens so unterstützen zu wollen, statt Konkurrenz und damit Eigenständigkeit der Produzent_innen aus den Ländern des globalen Südens ermöglichen zu wollen, ist fast schon perfide. Eine noch eher außer Acht gelassene Unterstützungsmöglichkeit, von der die Länder des globalen Südens profitieren könnten wäre, wenn die Länder des globalen Nordens z.B. Forschungsgelder für die Entwicklung nachhaltiger Produktionsverfahren oder neuer Designs zur Verfügung stellen würden, so könnten sich auch neue Fach- und Führungskräfte qualifizieren. Aber das würde ja die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in Frage stellen und deren ungleiche Verteilung zeigt sich am auch an Ideen zur Verbesserung bestehender sozialer Ungleichheitslagen, wie dem Fair Trade Konzept:

Neben dem bereits angesprochen, von den Ländern des globalen Nordens eingeführten Begriff von „Entwicklung“ und der damit einhergehenden Höherstellung des globalen Nordens, werden so auch Vorstellungen der Höherwertigkeit von weißen Menschen mittransportiert: Die vielen Weißen, die das mit ihrer Entwicklung im Griff haben und die Schwarzen bzw. People of Colour (PoC), die immer noch nur in der Landwirtschaft tätig sind. Oder exotische Kunstgegenstände herstellen, die wir kaufen, um uns selbst ein bisschen exotisch, zumindest aber äußerst stilvoll, weltoffen und moralisch integer zu fühlen. Welchen Anteil wir an vielen Schwierigkeiten im globalen Süden durch historische und aktuelle rassistische und kolonialistische Verhaltensweisen und unseren Überkonsum haben, schieben wir gern weg.

Durch die anfängliche Verankerung des fairen Handels in religiösen Sektierungen und deren Wohlfahrtsgedanken, wurde ausgeblendet, dass wir den Personen im globalen Süden nichts Gutes tun müssen – sondern dass wir eigentlich dazu verpflichtet sind, etwas dafür zu tun, Missstände auszugleichen. Nicht weil wir gute Christ_innen sind, sondern weil wir es mitverbockt haben. Und auch ohne das wäre es eine Frage der Solidarität mit Anderen und nicht des Mitleids.

Das benannte Fair Trade Siegel gibt es im Übrigen nur für Produkte, die in den Ländern des globalen Südens hergestellt werden – auch das verdeutlicht die Hierarchisierungen: Preisverhandlungen und Siegelvergabe erfolgen größtenteils durch Menschen aus dem globalen Norden, die zahlenmäßig überlegenen Produzent_innenorganisationen haben nur 50% Stimmenanteil. Die großen Fair Trade Warenhäuser, Verbraucher_innenorganisationen etc. entscheiden also zu einem großen Teil mit, was die Produzent_innen bekommen und welche Voraussetzungen sie erfüllen müssen – mit welchem Recht eigentlich? Außerdem impliziert ein solches Siegel, dass wir uns großzügiger Weise dazu entschlossen haben, Fairness zu bedenken – statt zu sehen, dass es einfach gerecht wäre, wenn es nur faire Handelsbeziehungen geben würde.

Außerdem verbleiben die Menschen im globalen Süden auch im Fair Trade Konzept in ihrem Status als Produzent_innen. Es geht darum, sie langfristig am Welthandel teilhaben zu lassen, aber immer unter unserer definitorischen Prämisse und den von uns festgelegten Siegeln. Und nur für bestimmte Produkte, die wir hierzulande nicht herstellen können oder wollen: Es gibt keine aktuellen ernsthaften Bestrebungen andere Produkte, als die bereits angeführten, fair herstellen zu lassen. Hauptsächlich handelt es sich also um Kaffee und landwirtschaftliche Produkte, was auch die Produzent_innen auf bestimmte gesellschaftliche Bereiche reduziert. Nämlich eher traditionellen, nicht unbedingt ertragreichen, sehr von Mitweltbedingungen abhängigen Sphären.

Fair bedeutet auch noch lange nicht, hinreichend sozial nachhaltig: Auch wenn bestimmte ILO Standards eingehalten werden (die im Übrigen auf den Menschenrechten beruhen und somit eh jedem Menschen zustehen und dadurch nicht besonders fair, sondern einfach nur üblich sein sollten), so sind die Arbeitsbedingungen längst nicht überall so, wie die in den Ländern des globalen Nordens.
Auch die Qualitätskontrollen vor Ort sind eine einseitige Sache: Während regelmäßig Delegationen aus dem Norden in den Süden reisen um sich die Produktionsbedingungen vor Ort anzusehen, geschieht dies umgekehrt selten. Fortbildungen und Wissensvermittlungen gehen nur in eine Richtung – wir wollen nur unser Wissen über Marktlogik vermitteln, weil wir glauben, dass unser Wissen das Richtige ist – von den Erfahrungen und Strategien der anderen wollen wir nichts hören. Schließlich sollen die sich ja entwickeln.

Wir sollten mal aufhören, das immer gleiche Bild der entwickelten Weißen und der vorindustriell lebenden Schwarzen nachzuzeichnen – das entspricht nicht der Realität. Schließlich haben wir in unseren ach so entwickelten Ländern mehr als genug Probleme, die wir nicht lösen können. Und dass in den Ländern des globalen Südens nicht alle Menschen in Lehmhüten oder Slums leben, Hungerbäuche und Fliegen im Auge haben, geht uns dabei völlig ab. Auch die exotisierenden und rassistisch-stereotypen Darstellungen von PoC´s auf den fair gehandelten Produkten selbst, tragen ihren Teil hierzu bei (FOTO?). Viele PoC-Kund_innen werden Weltläden wohl nicht haben – sehr ansprechend kann es auch nicht sein, wenn mensch hier auf die angebliche Herkunft oder Hautfarbe reduziert wird und alle Faktoren personifiziert, welche die dort vertrieben Produkte so darstellen.

Mensch muss skeptisch bleiben, bei einem Konzept, welches Verbesserungen im globalen Süden anstrebt, ohne dass hierfür großartige Veränderungen im globalen Norden geschehen müssen – außer die ein oder andere veränderte Konsumentscheidung. Das Konzept Fairer Handel als ethische Konsumalternative, kann nur als kleine Stellschraube bewertet werden. Dies verdeutlichen der Marktanteil von 1-2 %, sowie vielfache Handlungsnotwendigkeiten um die Länder des globalen Südens wirklich gleichberechtigt am Weltmarktgeschehen teilhaben zu lassen. Eine Alternative oder gar ein Ausweg aus dem kapitalistischen System, welches eine bestimmte Art Wachstum präferiert und Überkonsum möglich macht, ist das Konzept nicht.

Auch hier geht es (neben der Prämisse besonders erlesene Produkte zu konsumieren) vielfach um die Entlastung des eigenen Gewissens bei den Konsument_innen – strukturelle Veränderungen der internationalen Marktwirtschaft, gleichberechtigte Handelsbeziehungen, Nachhaltigkeitsaspekte-oder auch nur mehr Solidarität und Gerechtigkeit – können mit dem Konzept, insbesondere durch die Fokussierung auf bestimmte Produkte, so nicht erreicht werden. Außerdem finden Rassismus und koloniale Strukturen hier mitunter Niederschläge.

Dennoch – gute Ansätze sind vorhanden und somit haben wir es bei dem Fair Trade Konzept mit einer (wenn auch noch verbesserungsfähigen) Alternative zum konventionellen Konsum zu tun.

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Quellen:
von Hauff, Michael, Claus, Katja (2012): Fair Trade-Ein Konzept nachhaltigen Handels. Konstanz und München: UVK Verlagsgesellschaft mbH
Kiesel, Timo (2013): Armutsbekämpfung als Geschäftszweck. Fairer Handel, Entwicklungszusammenarbeit und Rassismuskritik. In: BER e.V.: Develop-mental Turn. Neue Beiträge zu einer rassismuskritischen entwicklungspolitischen Bildungs- und Projektarbeit. Berlin: BER

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„Was hinterlassen wir unseren Kindern? Hier habt ihr einen Wüstenplaneten und einen lustigen Veganerwitz. Guckt was ihr draus macht ihr Arschgeigen…“ (Hagen Rether)
Veganismus als Nachhaltigkeitsaspekt

Ernährung ist ein sogenannter Hot Spot bzgl. drängender Nachhaltigkeitsprobleme unserer Welt. Insbesondere der Konsum von Fleisch und Milchprodukten ist aus allen Nachhaltigkeitsaspekten heraus als problematisch anzusehen.

Ökologische Nachhaltigkeit: Klimaveränderungen vollziehen sich aufgrund einer Vermehrung der Konzentration von Klimagasen wie Kohlenstoffdioxid (CO2) und Methan (CH4) in der Erdatmosphäre. In internationalen Klimaabkommen, wie zuletzt in Paris, haben die unterzeichnenden Länder sich auf die Begrenzung eines weltweiten Temperaturanstiegs um weniger als 2°C (im Vergleich zur vorindustriellen Zeit) geeinigt, um die Erderwärmung zu begrenzen. Für dieses Ziel müssten die globalen Treibhausgasemissionen um 80% reduziert werden.

Ein hoher Energieverbrauch in Kombination mit Waldrodung setzt CO2 frei. Und hier ist Fleischkonsum ein gewichtiger Einflussfaktor: 70% des zerstörten Amazonas Regenwaldes sind Rinderweiden gewichen, ca. 25% der südamerikanischen Regenwälder wurden bereits für den Fleischkonsum (auch für den Anbau von Tierfutter) gerodet. Die Herstellung tierlicher Produkte für die menschliche Ernährung nimmt 80% der im Rahmen von der Landwirtschaft verbrauchten Energie in Anspruch. Im Gegensatz zur Pflanzenproduktion für die menschliche Ernährung ist der Energieverbrauch für die Fleischproduktion insgesamt um ein vielfaches höher (250g Getreide: 63g CO2-Äquivalent, 250g Fleisch: 796g CO2-Äquivalent). (Grafik aus dem Fleischatlas 2013 S. 31 unten?)

Methan, entsteht z.B. im Verdauungstrakt von Rindern und anderen sogenannten Nutztieren und deren Gülle, hat einen 56-mal höheren Treibhauseffekt als C02 und trägt zum Ozonschichtabbau bei. Eine Milchkuh aus der Intensivtierhaltung sorgt jährlich für ca. 150 kg CH4 (Weiderinder nur 25 bis 35 kg). Brandrodungen für Weideplätze/Futter lassen ebenfalls CH4 entstehen.

Weiterhin zu benennen ist ein hoher Wasserverbrauch für die Produktion tierlicher Produkte. Weltweit haben 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu (sauberem) Trinkwasser und der Grundwasserspiegel sinkt weltweit. Bis 2025 wird wohl die Hälfte der Menschheit von Wasserknappheit betroffen sein. 70% des weltweit verfügbaren Süßwassers geht heute in die Landwirtschaft, ein Drittel in die Nutztierhaltung. Um nur ein Beispiel zu nennen: 3.300 Liter Wasser werden für die Produktion eines Kilogramms Eier bzw. 15.500 Liter Wasser für die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch von der Aufzucht des Tieres über die Versorgung und Schlachtung benötigt. Dagegen werden zur Produktion von einem Kilogramm Sojabohnen im Vergleich nur 1800 Liter Wasser benötigt.

Ein Schwein aus der Intensivtierhaltung produziert ca. 20 Tonnen Mist pro Jahr. Da also in der Massentierhaltung sehr viel Gülle anfällt, muss diese irgendwo entsorgt werden – häufig als Dung auf Feldern. So gelangen Kalium, krebserregendes Nitrit, Medikamentenrückstände, Hormone und Schwermetalle in Gewässer und ins Grundwasser. Bereits jetzt stößt die Hälfte der deutschen Gewässer an die erlaubten Grenzwerte hierfür. Tierdung regt durch die freigesetzten Phosphate und Stickstoffe Algen-, Pflanzen- und Bakterienwachstum in Gewässern an, welche diesen dann Sauerstoff entziehen und andere Lebewesen verdrängen bzw. die Gewässer umkippen lassen.

Um genügend Futtermittel umzusetzen, werden Pflanzen mit Pestiziden und anderem Ungeziefer- und Unkrautvernichtern behandelt, was wiederum das Grundwasser verseucht und die Artenvielfalt der Flächen bedroht. Auch ist es nicht besonders nachhaltig, wenn Energiekonzerne den Dung für die Stromproduktion nutzen: Zunächst erscheint dies als gute Alternative, von der alle Seiten profitieren, dies sorgt jedoch dafür, dass die Bäuer_innen ihren Dung gut loswerden und die ressourcenverschwendende Fleischwirtschaft eine Sorge weniger hat – dies dürfte das produzieren von tierlichen Produkten noch ein Stück weit rentabler machen und die beschriebenen verheerenden Auswirkungen auf Mitwelt und Klima weiter voranschreiten lassen. Und die benannten Unternehmen dürfen das dann auch noch grünen Strom nennen…Ein typisches Beispiel dafür, warum solche alternativen Ideen dann doch wieder eine Kehrseite haben.

Die hohen Produktionszahlen von tierlichen Produkten wirken sich auch negativ auf die Artenvielfalt bzw. Biodiversität aus: Tier- und Pflanzenarten werden z.B. durch die Rodung von Wäldern verdrängt oder sterben durch die Überdüngung der Weiden und die Zuführung von Pestiziden auf Felder. Außerdem werden durch den schon erwähnten Monokultur-Anbau (meist effektive Futterpflanzen) viele Arten ihrer Lebensgrundlage beraubt oder nicht mehr angebaut. ¼ der Festlandoberfläche der Erde ist inzwischen übrigens Weideland.

Soziale Nachhaltigkeit: Auch hier finden wir die im Konzept des Fair Trade und bei Kleidung beschrieben Formen von Kolonialismus wieder: Wir Nutzen die Flächen und Arbeitskraft des globalen Südens für unseren Fleischkonsum. 870 Millionen Menschen hungern weltweit. Tiere, die für den menschlichen Verzehr gezüchtet werden, erhalten Nahrungsmittel, die auch dem Menschen zugutekämen, also z.B. Getreide oder Soja (70% der weltweiten Sojaernte landen in den Futtertrögen). Durch den hohen Fleischkonsum der Länder des globalen Nordens verbrauchen diese ¾ der Gesamtagrarmittel. Allein die Vermeidung der ca. 50 Mio. Tonnen Tierfuttererzeugnisse, die nach Europa importiert werden, könnten also theoretisch etwas am Hunger in der Welt verändern. Allerdings ist es halt profitabler Futterpflanzen für sogenannte Nutztiere anzubauen. Und wir wollen ja auch billiges Fleisch essen.

Darüber hinaus geraten die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie immer wieder negativ in die Schlagzeilen – in Deutschland werden z.B. gerne mal Menschen aus Bulgarien beschäftigt, die hier Akkordschlachtungen verrichten und unter unwürdigen Bedingungen leben müssen. So leben bspw. in Niedersachsen Mitarbeiter_innen der Fleischproduktion im Wald, die aufgrund von unmenschlicher Unterbringung Beschwerde bei ihren Vorabeiter_innen eingelegt haben und deswegen keinen Anspruch mehr auf Unterkünfte im Warmen haben.

Ökonomische Nachhaltigkeit: Bei der Fleischindustrie handelt es sich um einen wahnsinnig großen, sehr reichen Wirtschaftszweig. Die eigentlichen Mehrkosten, welche die Fleischindustrie durch ihre erheblichen negativen Einflüsse auf die Mitwelt hat, sind im Verkaufspreis für tierliche Produkte nicht enthalten. Es gibt sogar nur 7% MwSt. auf Fleisch und tierliche Milch, sowie staatliche Subventionen, aber z.B. 19% MwSt. auf Soja-Milch.

Die Fleischproduktion lohnt sich für Unternehmer_innen und die Kosten welcher Fleischkonsum für die Gesundheitsversorgungssysteme (z.B. erhöhtes Krebsrisiko oder Antibiotikaresistenz aufgrund der Gewöhnung an den Wirkstoff, da wir diesen regelmäßig mit tierlichen Produkten konsumieren) bereitet, muss ebenso nicht von der Fleischindustrie getragen werden – aber das muss die Tabakindustrie ja auch nicht.

Ja – das gilt auch für Leder und Wolle
Aber nicht nur Fleisch und andere tierliche Produkte für die Ernährung sollen hier Thema sein: Bezogen auf Kleidung ist auch die Verwendung von Wolle oder Leder nicht nachhaltig. In Leder-Gerbereinen z.B. in Bangladesch müssen häufig Kinder das Leder mit extrem giftigen Materialen (die in Deutschland aufgrund ihrer toxischen Eigenschaften gar nicht zugelassen sind) bearbeiten – die giftigen Abwässer werden einfach ungefiltert in die Flüsse geleitet, in denen die Menschen vor Ort baden und ihre Wäsche waschen. Hier handelt es sich um einen ganz eigenen Industriezweig der weder sozial, noch ökologisch und somit auch nicht ökonomisch nachhaltig sein kann, auch wenn gern argumentiert wird, dass ja so wenigstens das ganze Tier verwertet wird – es ist nur eine zusätzliche negative Komponente bezogen auf Nachhaltigkeit, die zum Fleischkonsum dazugerechnet werden muss.

Ähnlich ist es auch bei Wolle. Schafwolle ist nicht sehr nachhaltig, auch wenn es uns gerne als natürliches Produkt angepriesen wird: Nein, Schafe müssen nicht geschoren werden – es gibt kein Tier, dass nicht vom Menschen gezüchtet oder Überzüchtet worden ist, das ursprünglich auf den Menschen angewiesen ist, um zu überleben. Wir haben erst dafür gesorgt dass es Schafarten gibt, die geschoren werden müssen. Und Nein – das Scheren ist insbesondere in der Massenproduktion wie z.B. in Neuseeland oder Australien nicht schmerzfrei für die Tiere.

Glaubt wirklich noch jemand an den Schafhirten, der seine Schafe vorsichtig schert oder gar auskämmt? Bei dem hohen Konsum von Kleidung aus Wolle, ist das wohl eher Wunschdenken. Die Tiere werden oftmals schwer verletzt bei der Prozedur. Aber das ist ja egal, landen sie kurze Zeit später eh auf Schiffen zum Abtransport nach Afrika zum Schlachten. Auch bei der Weiterverarbeitung von Wolle werden chemische und toxische Materialen verwendet, hohe Mengen an Wasser verbraucht etc. Das ist auch bei Baumwolle so, jedoch kommt bei den tierlichen Produkten immer noch der Ressourcenverbrauch durch Weideland, Futtermittel etc. dazu.

Darüber hinaus sollte das vorhandene Macht-und Herrschaftsverhältnis zwischen Mensch und Tier thematisiert werden. Menschen glauben noch immer, dass sie ein Verfügungsrecht über Tiere besitzen – die Asymmetrie im Herrschaftsgefüge ist bisher gesamtgesellschaftlich bzgl. des Konsums von tierlichen Produkten nicht problematisiert. Eines sollte jedoch festgehalten werden: Das Verfügungsrecht der Menschen über die Tiere ist konstruiert und nur durch die Aufwertung der einen Gruppe möglich. Mit einer natürlichen Ordnung hat das genauso wenig zu tun, wie die Geschlechterverhältnisse oder kolonialistische Strukturen.

Muss ich hier noch resümieren? Die Fakten zeigen deutlich, dass eine pflanzliche Ernährung unter Einbeziehung aller Nachhaltigkeitsaspekte vorzuziehen ist. Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass Veganismus per se nachhaltig ist, es gibt genug veganen in Plastik abgepackten, industriell gefertigten Scheiss, den kein Mensch braucht. Beim Konsum tierlicher Produkte geht es aber um eine gesellschaftlich anerkannte Esskultur.

Es handelt sich also um verzichtbare Luxusgüter. Leider ist die Fleischlobby stark – und die zu erwartenden Gewinne, die mit tierlichen Produkten erzielt werden können, hoch. So fließen die Erkenntnisse über gesundheitliche und klimaschädliche Aspekte durch den Konsum tierlicher Produkte auch weiterhin nicht in die Ausbildung von Ärzt_innen, Ökotropholog_innen, Lehrer_innen etc. ein. Sicher auch weil dies ein Thema ist, bei dem sich die meisten Menschen offenbar einig sind: Vegane Ernährung – das geht definitiv zu weit. Dann doch lieber hoffen, dass es bald eine bequemere Möglichkeit gibt, etwas zu verändern. Die kommt dann vielleicht auch auf einem weißen Pferd angeritten und rettet uns alle.

Aber Halt! Es gibt doch schon einen leichteren Ausweg…Bio Fleisch? Wie sieht es denn damit aus?

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Quellen:
Kooperationsprojekt der Heinrich-Boll-Stiftung, Bund für Umwelt- und Naturschutz und Le Monde diplomatique.
(2014): Fleischatlas 2013. 8. Auflage. Abrufbar unter: https://www.bund.net/fileadmin/bundnet/publikationen/landwirtschaft/140328_bund_landwirtschaft_fleischatlas_2013.pdf
Kooperationsprojekt der Heinrich-Boll-Stiftung, Bund für Umwelt- und Naturschutz und Le Monde diplomatique.
(2014): Fleischatlas 2014: https://www.bund.net/fileadmin/bundnet/publikationen/landwirtschaft/140108_bund_landwirtschaft_fleischatlas_2014.pdf
Stragies, Stephanie: Studie bestätigt: Weniger Tierisches auf dem Teller schützt Gesundheit und Klima. https://vebu.de/themen/umwelt/probleme-der-viehwirtschaft/2380-weniger-tierisches-schuetzt-gesundheit-und-klima
Schlatzer, Martin: Klimawandel als tierisches Produkt: https://vebu.de/themen/umwelt/klimawandel/608-klimawandel-als-tierisches-produkt
Foß, Jürgen: Welthungerkrise durch Fleischkonsum: https://vebu.de/themen/umwelt/ressourcenverschwendung-und-welthunger/201-welthungerkrise-durch-fleischkonsum
Deutschlandfunk: „Die Welt ist mit Fleisch nicht zu ernähren“:http://www.deutschlandfunk.de/landwirtschaft-die-welt-ist-mit-fleisch-nicht-zu-ernaehren.694.de.html?dram:article_id=333599
PeTA: Tiere die für die Kleidung ausgebeutet werden. Problematik und Lösungen. https://www.peta.de/mediadb/peta_tiere_in_der_bekleidungsindustrie_nov2010.pdf
Die Zeit Online: Die Schlachtordnung: http://www.zeit.de/2014/51/schlachthof-niedersachsen-fleischwirtschaft-ausbeutung-arbeiter

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Schein und Sein: Biologisch erzeugt Produkte und Nachhaltigkeitsaspekte
Das Label „Bio“ ist beliebt geworden: Produkte mit Bio-Siegel kann mensch inzwischen bei fast jedem Discounter erhalten. Wie bei kaum einem anderen Label wird mit „Bio“ wohl auch aufgrund des seit einigen Jahren gestiegenen Interesses der Konsument_innen hieran, dieses auch für Zwecke missbraucht, die nichts mit der üblichen Definition zu tun haben: So nennen Firmen die Gentechnologien erforschen und einsetzten ihre Forschung plötzlich „Biotechnologie“ und Franchise Unternehmen wie McDonalds investieren Millionen darin, ihr Logo grün anzumalen – um von den positiven Konnotationen die der Ausdruck „Bio“ in den Köpfen der Kund_innen auslöst, zu profitieren und so auch eine Kund_innenkreis zu adressieren, den sie längst verloren glaubten.

Vom Hippie- zum Hipster-Image
Biologische Produkte sind aus ihrem Nischendasein heraus getreten und werden nicht mehr mit langhaarigen Zottelköpfen mit Öko-Latschen assoziiert – der Konsum von Bio-Nahrungsmitteln liegt voll im Trend. Circa 40% der deutschen Bevölkerung sind für Bio-Produkte grundsätzlich aufgeschlossen – die meisten Konsument_innen sind weiblich. Insgesamt sind regelmäßige Konsument_innen Personen mit recht hohem Einkommen und Bildungsstand. Hierüber lässt sich der Konsum von Bio-Produkten dann auch wieder als Frage eines bestimmten Lebensstils, aber auch gesellschaftlichen Milieus ausmachen. Vielen geht es um die eigene Ernährung und Gesundheit, anderen um den Nachhaltigkeits- und Mitweltaspekt. „Bio“ ist also auch Identifikationsobjekt und Label einer bestimmten Szene oder Angehörigen eines bestimmten (Bildungs-)Milieus.

Bio als Identifizierungsmerkmal und Eliteprodukt kann aber ebenso wenig das Ziel sein, wie Bio als verwaschenes Massenphänomen, bei dem viele schwarze Schafe dabei sind und Inhalte bzw. Bio-Produktionsstandards verwässert werden.

Biologisch erzeugte Lebensmittel sind nach EG-Öko-Verordnung produzierte Güter. Diese dürfen nicht gentechnisch verändert sein und sind ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmitteln, Kunstdünger oder Klärschlamm hergestellt. Bio-Bäuer_innen schützen ihre Erzeugnisse z.B. durch Grüngürtel, in welchen sich Fressfeinde von Schädlingen ansiedeln. Nur 5% der Inhaltsstoffe in Bio-Lebensmitteln (z.B. Salz, Wasser und Hefe) dürfen aus nicht ökologisch erzeugten Inhaltsstoffen bestehen. Um den Boden zu schonen, sind Bio-Bäuer_innen dazu verpflichtet, jedes Jahr neue Pflanzenarten auf ihren Feldern anpflanzen. In der Biolandwirtschaft muss das Verhältnis zwischen dem, was den Böden entzogen wird und zur Wiederherstellung gegeben werden muss, ausgeglichen sein.

Tiere in der Biolandwirtschaft dürfen nicht mit einer so hohen Gesamtzahl auf kleiner Fläche gehalten werden wie Tiere aus der Massentierhaltung. So kommt auch durchschnittlich nicht eine so große Menge Gülle, Ammoniak und Nitrat pro Tier zustande. Auch das Tierfutter darf keinen so hohen Anteil an Getreide und Kraftfutter enthalten. Somit ist der Gesamtenergiebedarf für die Produktion tierlicher Produkte geringer. Darüber hinaus erhalten die Tiere keine Antibiotika und Wachstumshormone. Für tierliche Produkte muss darüber hinaus eine „artgerechte“ Tierhaltung gegeben sein, was bedeuten soll, dass die natürlichen Lebensbedingungen der Tiere eingehalten werden.

Das Märchen von der artgerechten Tierhaltung
Die Forderungen für diese artgerechte Haltung sind jedoch so schwammig formuliert, dass dies eher als Marketingstrategie, nicht aber als Tierschutzauflagen bezeichnet werden müssen: So hat ein 100kg schweres Bio-Mastschwein 1,9 qm Platz, im Vergleich zu den 0,65 qm eines konventionell aufgezogenen Schweines, was seine Lebensqualität nicht unbedingt verbessert – da ändern auch über einen Balken geworfene Ketten als Erfüllung der vorgeschriebenen Beschäftigungsmöglichkeiten nichts.
Auch die männlichen Küken von Bio Bäuer_innen werden sofort nach dem Schlüpfen geschreddert oder vergast, es gibt eben einfach keine Verwendung für sie und sie einfach leben zu lassen entbehrt jedwede ökonomische Logik. Legehennen müssen täglich ihr Ei legen (natürlich wären ein bis zwei Gelege pro Jahr). Die vorgeschriebene größere Stallfläche, sowie das Zusammenleben von 3000 Legehennen gegenüber Hundertausenden in der konventionellen Haltung ist dennoch weit entfernt von Artgerechtigkeit.

Der erforderliche Zugang zur frischen Luft bei Rindern ist Auslegungssache und muss bei weitem keinen Weidengang beinhalten. Etwa ein Drittel aller ökologisch gehaltenen Milchkühe lebt in der sogenannten Anbindehaltung. Der Auslauf und Kontakt mit der natürlichen Umgebung können in dieser Form der Tierhaltung auch durch einen abgegrenzten Betonbereich neben dem Stall erfolgen. Auch Bio-Kühe werden regelmäßig nach Bedarf der Industrie geschwängert, die Muttermilch zum Verkauf an den Menschen benutzt, die überzähligen Bio-Kälber geschlachtet, bevor sie überhaupt in den Genuss der artgerechten Bio Haltung kommen.

Geschlachtet werden nämlich auch die Bio-Tiere unter den gleichen abscheulichen Bedingungen wie die konventionell gezüchteten Tiere – lediglich die Fleisch-Weiterverarbeitung muss wieder bestimmten Bio-Standards entsprechen. Schmerzhafte Eingriffe wie Enthornungen, das Kupieren von Schwänzen, Abschleifen von Zähnen oder Stutzen von Schnäbeln sollen die gegenseitigen Verletzungen, die sich die Tiere in der beengten Haltung und aufgrund vielfältiger Sozialverhaltensstörungen gegenseitig zufügen, vermeiden. In der Bio-Tierhaltung ist das grundsätzlich nicht gestattet-es sei denn die Tiere verhalten sich wie eben beschrieben. Eine besonders perfide Regelung, zu proklamieren, dass mensch diese Eingriffe nicht durchführt, außer wenn das, durch die beschriebenen Haltungsbedingungen provoziert wird und somit selbstverständlich passiert.

Bio-Bauernhöfe sind darüber hinaus längst keine kleinen Betriebe mehr, die sich mit ein paar Tieren (die mensch vielleicht noch einigermaßen artgerecht halten könnte) betreiben lassen, sondern wirtschaftlich ausgerichtete Betriebe mit hohen Tierbestandszahlen. Die Utopie vom kleinen, idyllischen Familienbetrieb existiert demnach zwar noch in den Köpfen der Verbraucher_innen und wird gerne noch in Schulen, Kinderbüchern oder Werbung propagiert, geht aber an der Realität vorbei. Massentierhaltung ist auch hier die Regel. Dies nimmt auch Höfe mit Gütesiegeln des Deutschen Tierschutzbundes nicht aus.

Die fehlenden festen rechtlichen Vorschriften und deren explizite Regelung, sowie mangelnde Kontrollen, führen zu den gleichen katastrophalen Zuständen in der Bio-Tierhaltung wie es auch bei der konventionellen Haltung der Fall ist. Das zeigt deutlich, um was es hier im Grunde geht: Um das Gewissen der Konsument_innen von Bio-Fleisch und natürlich wirtschaftliche Interessen. Also guten Appetit-die Bio-Kuh hat ja wenigstens mal allein auf einem Betonboden neben dem Stall gestanden.

Ähnlich problematisch gestaltet sich die Situation auch mit den pflanzlichen Bio-Produkten, die spätestens durch den Einzug beim Discounter, die gleichen Auswirkungen wie andere Massenphänomen haben. Viele Supermärkte und Discounter haben inzwischen eigene Bio-Siegel und die Einhaltung der Prämisse eines erhöhten Anspruches an Platz und Pflege in der Bio-Landwirtschaft sind bei den hohen für Discounter üblichen Produktionszahlen fraglich. Auch Ansprüche an Regionalität und soziale Nachhaltigkeit können sich hier nicht mehr realisieren lassen. Nehmen wir mal Bio-Tomaten aus Spanien als Beispiel: Während die Bewohner_innen in einigen Anbaugebieten schon die Auswirkungen des Wassermangels verspüren, werden die Bio-Tomaten auf Kosten eben jener Personen ohne Rücksicht auf Verluste bewässert. Und dazu noch von Arbeiter_innen (oftmals Menschen ohne Aufenthaltsstatus), unter unwürdigen Bedingungen (Arbeitszeiten von mehr als zehn Stunden pro Tag ohne ausreichende Bezahlung und Arbeitsverträge etc.) gepflegt und geerntet.

Ein Ausweg?
Bio-Tierprodukte und Bio als Massenware sind, bezogen auf Nachhaltigkeitsaspekte, also schon mal nicht realisierbar. Dass etwas weniger Tierdung anfällt, weniger Getreideanteil im Tierfutter enthalten ist und die Tiere keine Wachstumshormone und Antibiotika erhalten, könnte nun natürlich positiv bewertet werden, und mag denen die sich ihr Fleisch einfach nicht vergrätzen lassen möchten auch gern als Ausrede dienen, in Bezug auf die weiterhin grundlegend nicht –nachhaltigen Auswirkungen und Produktionsverhältnissen von Bio-Fleisch erscheinen diese Dinge jedoch trivial.

Allerdings ist die Idee von Regionalität, Saisonalität und Mitwelt-schonendem Anbau sinnvoll und nachhaltig, solange wir hier nicht unsere konsumeristischen Ansprüche daran stellen, wie wir es bislang tun (alles, immer zu einem günstigen Preis haben können). (Richtige) Bio-Lebensmittel sind aber dafür auch teurer als konventionelle Produkte. Und am Preis ist was Wahres dran: Es kostet halt mehr, wenn die Pflanzen nicht mit Pestiziden, aber mit Grüngürteln geschützt werden, mehr Fläche in Anspruch nehmen dürfen, die Böden nachhaltig erhalten werden müssen etc.. Menschen, die Bio als Lebensstil für sich erkannt haben, kommen oft aus einem finanziell gut gestellten Milieu und können sich den höheren Preis locker leisten. Allerdings soll Bio ja nun nicht zu einem Eliteprodukt werden, das eine zwei-Klassen-Gesellschaft erzeugt, in der sich nur die Privilegierten mit weniger Pestiziden vergiftete Lebensmittel leisten können. Dies würde die Nachhaltigkeitsaspekte von Bio ad absurdum führen und auch nicht viel am Konsumverhalten insgesamt oder an den durch konventionellen Landbau verursachten Schäden ändern.

Wenn uns das alles zu teuer ist, könnten wir aber auch mal z.B. so einkaufen, dass wir nichts weg schmeißen müssen (11 Mio. Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich auf dem Müll). Wir könnten aber auch insgesamt weniger konsumieren – mal ehrlich, vieles von dem Krempel den wir uns so reinschieben ist echt nicht nötig. Aber das erfordert so grundlegende Umstellungen in unserem Konsumverhalten – da könnten wir uns vielleicht sogar doch noch eher darauf einlassen mal eine fair gehandelte Socke aus Bio-Baumwolle zu kaufen.

Festzustellen bleibt hierbei aber auch, dass Deutschland, im europäischen Vergleich, eines der Länder ist, in dem Lebensmittel besonders günstig zu erstehen sind. Würden sich die Lebensmittelpreise durch die Einführung von ökologisch nachhaltigen Produktionsstandards insgesamt erhöhen, wäre es auch hier so, dass die finanziell besser gestellten Menschen sich weiterhin mit Scheiß vollstopfen und fröhlich weiter konsumieren könnten und nur Personengruppen, denen die finanziellen Ressourcen nicht zur Verfügung stehen, eben nicht. Und dies würde soziale Ungleichheitslagen verschärfen.

Abgesehen davon dass wir dennoch insgesamt alle mehr Geld in die eigene Ernährung stecken könnten (in den meisten Ländern der Welt müssen die Leute das so oder so tun, wir sind da offenbar sehr privilegiert), könnten auch Lösungen durch staatliche Subventionierungen, Steuererleichterungen etc. auf nachhaltig produzierte Lebensmittel und Konsumgüter eingeführt werden. Vielleicht ist es auch einfach noch zu undeutlich, wie schädigend konventionell hergestellte Lebensmittel sein können für die menschliche Gesundheit (das ist euch doch immer so wichtig) und für die Mitwelt. Aufklärung würde vielleicht helfen – schön wäre es, wenn die Informationen auch in Bildungsinstitutionen, Lehrplänen an Schulen etc. verankert würden.

Bioprodukte sind also erstmal eine gute Alternative zu konventionellen Produkten – (bestimmte) Lebensmittel (aber auch Kleidung) müssen wir schließlich konsumieren und Selbstversorgung ist in einem System, in welchem Aufgaben unter den Gesellschaftsmitgliedern so stark unterteilt werden und alle ihren spezifischen Aufgaben nachgehen, eine schwierige und in den meisten Fällen nur durch Privilegien ermöglichte Alternative.

Einfach weiter konsumieren, nur eben Bio ist aber auch nicht die Lösung. Damit diese Idee von Nachhaltigkeit etwas bringt, müssen wir schon auch hier den Konsum einschränken, denn sobald etwas zum Massenphänomen wird, werden gute Ansätze verwässert bzw. nicht mehr einhaltbar.
Solange jedoch von allem immer genug da ist und wir keine Ahnung haben, welchen Energie- und Ressourcenaufwand unsere Lebensmittel ausmachen erscheint uns das wohl nicht notwendig.

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Quellen:
ARIWA: Bio-Anbauverbände: Da gibt es doch auch „Gute“? http://www.bio-wahrheit.de/inhalt/verbaende.htm
BOLW: Ökologische Haltungssysteme sind artgerecht. http://www.boelw.de/biofrage_11.html
PeTA: Eier von freilaufenden Hühnern, Bio-Fleisch, -Eier und -Milchprodukte: Alles nur Schwindel? http://www.peta.de/bio#.Vh5zOytlxz8
ARIWA: Die Bio-Lüge. https://www.ariwa.org/wissen-a-z/archiv/wissen-archiv/35-hintergrund/61-die-bio-luege.html
Arte: Bio – Ein Massenproblem. http://www.arte.tv/sites/de/das-arte-magazin/2014/06/05/bio-ein-massenproblem/
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Die Kehrseite des Konsums: Das Problem mit dem Müll
Sekundärrohstoff ist die neue Bezeichnung des Bundeswirtschaftsministeriums für „Abfall“ oder „Müll“ – dies soll implizieren, dass gar nichts im Konsumkreislauf übrig bleibt, sondern nur aufbereitet werden muss, um wieder nutzbar gemacht zu werden.

Diese Idee mag vielleicht im Fall von Recyclingpapier zutreffen, geht es jedoch um Plastiktüten, Weltraumschrott, Gift- oder Atommüll, Asphalt und Beton kaputter Straßen und Häuser, so sieht die Sache ganz anders aus. Müll (im Sinne von etwas übriggebliebenem, ausgeschiedenen, was sichtbar bleibt und stört1) ist eigentlich alles, was nicht mehr gebraucht wird. Da sich bestimmte Sorten von Müll zunehmend als nicht mehr handhabbares Problem entpuppen, bleibt logischerweise eigentlich nur, die Produktion solcher Stoffe möglichst zu vermeiden. Das ist jedoch nicht so einfach: Schließlich wollen wir nicht auf Plastiktüten, das aktuellste Handy und stetig wechselnde Modetrends verzichten.

Die ökologischen Auswirkungen unserer Abfälle auf Mitwelt und Menschen, sind fatal: Plastikinseln im Meer, riesige Berge ausgedienter Kleidung, etliche Müllverbrennungsanlagen welche die Atmosphäre mit CO2 und anderen Ausdünstungen belasten – von Atommüll ganz zu schweigen. So erscheint ein Kompromiss zunächst die Produktion von Gütern, die weniger Energie und Ressourcen verbrauchen, zu sein. Kühlschränke, die weniger Energie fressen zum Beispiel. Jedoch gibt es hier dann oft den sogenannten Rebound Effekt: Benötigen Fernseher oder Kühlschränke weniger Energieressourcen, so steigt der Ressourcenverbrauch an anderer Stelle, z.B. in der Herstellung solcher Geräte. Ein anderes Beispiel für den Rebound Effekt ist, dass Transportenergien oder Verpackungsmaterialen anfallen, wenn mensch Dinge die er/sie nicht mehr braucht, in Kleidertauschbörsen im Internet verkauft und diese dann unter Aufwand von Transport und Verpackungsmaterialien verschickt.

Nicht nur industrielle Abfälle sind ein Thema: So landen 11 Mio. Tonnen der unter großem Ressourcenverbrauch hergestellten Lebensmittel in Deutschland jährlich im Müll. Dies liegt zum Einen an der Überproduktion und dem Überangebot an Lebensmitteln, da z.B. Supermärkte ihren Kund_innen tagtäglich bis kurz vor Ladenschluss noch immer frisches Obst und Gemüse anbieten möchten und zum Anderen am Kaufverhalten der Kund_innen, die nur das frisch und gut aussehende Gemüse und Obst kaufen. Auch scheint die Planung der eigenen Einkäufe, sowie das Wissen über Lagerung von Lebensmitteln nicht hinreichend vorhanden zu sein, was zum Überkonsum und Wegwerfen von Lebensmitteln in Privathaushalten führt. Restaurants und Kantinen planen auch nicht sorgsam genug, um das Wegwerfen von Lebensmitteln zu vermeiden und die Möglichkeit Lebensmittel so günstig erstehen zu können, wie hierzulande, trägt sicher ebenso zu diesem Umgang mit Lebensmitteln bei. Milchprodukte und Eier sind im Übrigen im Ländervergleich in Deutschland nochmal besonders günstig – erstaunlich, da insbesondere tierliche Lebensmittel unter Nachhaltigkeitsaspekten kritisch betrachtet werden müssen.

Ein weiteres schwerwiegendes Müllproblem stellt Elektroschrott dar: In Deutschland fallen hiervon pro Kopf ca. 23 Kg jährlich an. Problematisch ist, dass nur ca. 40% des anfallenden Schrottes wieder eingesammelt und ein Großteil einfach im Haushaltsmüll entsorgt wird. Recycelt werden aus den eingesammelten Geräten häufig nur Materialien wie Kupfer oder Stahl. Ausgediente Elektrogeräte enthalten aber giftige Stoffe wie Blei oder Quecksilber, welche, wenn sie unsachgemäß entsorgt werden, das Grundwasser und die Mitwelt in erheblichem Maße schädigen können. Besonders schwerwiegend ist die Situation bzgl. alter Handys und Smartphones, die in den seltensten Fällen recycelt werden und einfach in irgendwelchen Schubladen deutscher Haushalte lagern- und das obwohl die enthaltenden Stoffe wie Coltan in Abbaugebieten, wie dem Kongo zu Raubbau, Mitweltverschmutzungen, schlechten Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit führt.

Des Weiteren werden ausgediente Elektrogeräte, oftmals illegal, in Länder des globalen Südens (z.B. Guinea, Nigeria und Ghana) transportiert, wo nach der Ausschlachtung der Geräte oftmals eine Entsorgung bzw. Lagerung der Reste auf ungesicherten Deponien erfolgt, von denen die austretenden Substanzen ungefiltert die Mitwelt und damit auch die in der Umgebung lebenden Menschen vergiften. Wertvolle, seltene Metalle gehen darüber hinaus ebenso einfach verloren.

Reparieren, Retten, Teilen, Tauschen, Recycling, Upcycling – Alternativen zum Umgang mit Müll
Kritische Reaktionen auf die massive Verschwendung von Lebensmitteln sind z.B. Fairtailer-, Foodsharing bzw. Lebensmittelretter_inneninitiativen, bei denen, ähnlich wie beim Prinzip der „Tafeln“ nur in diesem Fall ohne Nachweispflicht von Bedürftigkeit, Lebensmittel die sonst in der Mülltonne landen würden, entweder direkt von den Initiativen an den Supermärkten abgeholt und an zentralen Orten gelagert werden, damit andere Bürger_innen sich diese hier abholen können. Oder aber Lebensmittel, die mensch nicht mehr braucht, gegen andere tauschen kann. Auch für Obst und Gemüse, welches gar nicht erst in den Laden kommt und direkt von Feld in die Tonne kommt, da es zu „hässlich“ bzw. nicht der EU-Norm (in der Vermarktungsnorm der Bundesanstalt für Vermarktung und Ernährung, kurz BLE- Vermarktungsnorm, dort steht genau festgeschrieben, wie Obst und Gemüse jedweder Art auszusehen hat) oder dem ästhetischen empfinden der Kund_innen entspricht, gibt es Ideen wie den „Ugly Fruits“ Laden, welcher genau diese Lebensmittel verkauft und zeigt, wie absurd die Ansprüche an unsere Lebensmittel inzwischen sind.

Nicht alle Menschen sind mit dem Verhalten von Elektroherstellerfirmen einverstanden, die ein defektes Gerät einfach gegen ein Neues austauschen, was oftmals einfach günstiger ist, als Ersatzteile einzubauen. Denn dies führt jedoch in der Konsequenz zu großen Mengen Elektroschrott. Inzwischen gibt es als Reaktion auf diese Entwicklung Initiativen wie z.B. „Repair Cafés“, in denen mensch lernen kann, kaputte Geräte selbst zu reparieren. Dass Unternehmen sich durch Eigeninitiativen bedroht fühlen und konstatieren, wie gefährlich unsachgemäß reparierte Geräte sein können, ist eine logische Folge. Auch wenn solche Ideen eigentlich schon recht alt sind, genauso wie Secondhand- oder Trödelmärkte, erfreuen sie sich als Gegenstrom zur „Wegwerfgesellschaft“ aktuell hoher Beliebtheit.

Auch auf anderen Ebenen sind tatsächlich kleine Nachhaltigkeitsideen möglich: Noch immer werden 50% der Getränke in Einwegverpackungen verkauft und Mehrwegsysteme langsam verdrängt. Dabei ist es insbesondere bei Glas so, dass ein Großteil des Materials – wenn auch verbunden mit Säuberungsprozessen – wieder verwendet werden kann. Ähnlich sind auch bei der Wiederverwertung von Papier nachhaltige Erfolge erzielt worden: Von circa 20 Mio. Tonnen verbrauchten Papiers 2012 in Deutschland, konnten ca. 80% recycelt werden. Auch wenn Recycling nicht unbegrenzt möglich ist (ca. 7-mal kann eine Papierfaser bei abnehmender Qualität neu verarbeitet werden) und immer frische Fasern untermengt werden müssen, so ist dies eine nachhaltigere Alternative zu Frischfaserpapier.

Dennoch wird nur aus dem wenigsten Anteil des produzierten Mülls noch etwas gewonnen: Oftmals ist die erneute Herstellung oder sogar der Abbau von Primärrohstoffen in Minen billiger als Recycling – und da es ja um wirtschaftlichen Wachstum und ökonomische Vorteile gehen muss und nicht um Nachhaltigkeit, macht Recycling in einem so orientierten Wirtschaftssystem keinen Sinn. Oft fehlt darüber hinaus aber auch einfach noch das Knowhow oder Wissen über Recyclingmöglichkeiten von Dingen – und das Allheilmittel für die Kehrseite unseres Konsums wird auch das nicht sein: Atommüll oder die Plastikinseln im Meer werden beispielsweise nicht verschwinden und auch nicht nochmal benutzbar sein.

Eine weitere Idee bzgl. des Umgangs mit Müll, das sogenannte „Upcycling“, kann Impulse für einen anderen Umgang mit ausgedienten Materialien geben: Beim „Upcycling“ wird aus Müll, möglichst ohne Zusatz von neuen Ressourcen, etwas Neues gemacht. So kann mensch aus alten Fahrradmänteln, die im Müll landen und verbrannt werden würden, Gürtel herstellen. Beim Recycling muss externe Energie aufgewendet werden, um ein Objekt auseinander zu nehmen und wieder verwertbar zu machen und es geht ein hoher Prozentsatz vom Material verloren. „Der Sinn beim Upcycling ist, bereits hergestelltes Material so lange wie möglich im Wertstoffkreislauf zu halten, um nichts Neues herstellen zu müssen und somit Ressourcen zu sparen“, so Thomas Zigahn, Inhaber des Upcycling Labels „Tanz auf Ruinen“ aus Dortmund. Thomas erstellt seine Waren aus sogenannten Abfällen, wie z.B. Schmuck aus benutzten Briefmarken oder Kabelresten.

Nicht alle Dinge, die Thomas herstellt, sind für eine tagtägliche Nutzung geeignet, wie z.B. alte Bücher, in die Worte hinein gefaltet werden, welche er dann als Kunstgegenstände verkauft: „Wordbooks mit eingefalteten Worten wie „Love“ oder Figuren wie die Veganblume, kaufen die Leute als Deko Gegenstände für ihr Bücherregal. Das ist nicht besonders nachhaltig aber auch nicht so schlimm, wie sich Dekogegenstände aus extra hierfür hergestellten Ressourcen neu zu kaufen“. Die verwendeten Bücher sind dicke alte Schmöcker, welche Buchhändler_innen nicht mehr verkaufen können, die also im Müll gelandet wären. Auch seine anderen Arbeitsmaterialen, wie die Fahrradmäntel, erhält Thomas von lokalen Firmen. Oft lässt er sich vom Müll inspirieren:

„Nach und nach brachten mir Leute Müll vorbei und fragten, ob ich hieraus nicht was machen könnte. So entstand dann z.B. die Idee zu den Schlüsselanhängern aus Kronkorken und alten Kabelresten – braucht kein Mensch, aber besser ein Anhänger, der aus Müll besteht als einer, für den neues Material bereitgestellt werden muss.“ Thomas verwendet hauptsächlich haushaltsüblichen Abfall, damit auch in den Workshops, die er z.B. an Schulen gibt, klar wird, dass jede_r so etwas zu Hause hat und es nach einmaligem benutzen, wie im Falle eines Getränkekartons, aus denen mensch Geldbörsen falten kann, nicht sofort weggeworfen werden muss. Was ihn seit seiner Befassung mit Sekundärrohstoffen am meisten ärgert, ist der alltägliche Umgang der Menschen mit diesen:

„Am meisten ärgern mich Menschen, die an Kassen immer noch Plastiktüten mitnehmen. Wobei, den Großteil des Mülls produziert nicht Max Mustermann an der Supermarktkasse, sondern die Industrie.“ So ist es eines seiner Ziele, Menschen zum Nachdenken zu bringen: „ In meinem kleinen Rahmen ändert das an der globalen Müllproblematik erstmal nichts. Upcycling bringt im kleinen Rahmen nichts, aber es gibt schon die ersten industriellen Ansätze, wie z.B. gibt es erste Unternehmen die Kleidung aus gebrauchtem Plastik herstellen.“

Sozial nachhaltig seien seine Produkte auf jeden Fall, da niemand dafür ausgebeutet werde. Ökologisch auch, da bis auf wenige Verbundteile, keine neuen Dinge verwendet werden müssen. Thomas lebt vegan und achtet bei den Verbundstoffen darauf, dass diese vegan sind.

Wir fragen Thomas, ob Upcycling ein Trend ist, an dem sich viele nur durch den Konsum der Sachen beteiligen und so auch das Gefühl haben können, mit ihrem Kauf etwas vermeintlich Gutes getan zu haben und so Teil einer Bewegung sind, die versucht, etwas anders zu machen ohne viel dafür tun zu müssen. Thomas sagt dazu: „Ich glaube nicht, dass ich den Konsumismus verstärke oder verändere. Ich glaube auch, dass Upcycling zu einer Trendbewegung wird und da gibt es ja auch schon die ersten unangenehmen Nebenerscheinungen. Firmen, die extra LKW-Plane herstellen, um daraus dann Taschen zu machen. Da ist der Sinn verfehlt. Upcycling kann bei Leuten höchstens bewirken, dass sie sich ein paar mehr Gedanken machen. Ob etwa eine Million Menschen in Deutschland keine tierischen Produkte mehr konsumieren oder nicht, ändert im ersten Moment ja auch nichts – aber das Thema gerät in den Fokus und wird zum öffentlichen Interesse.”

Erst im wirklich großen Stil, wenn also die problematischen Abfälle oder ein größerer Teil des Mülls zum Upcycling genutzt werden, bringt diese Idee also Nachhaltigkeitsaspekte voran. So wie alles Abfall sein kann, so kann auch vieles, was wir als Müll bezeichnen, in anderen Zusammenhängen etwas Brauchbares sein. Vieles ist also eine Frage der Definition – und die Kehrseite eines Wirtschaftssystems mit seiner Wachstumslogik. In diesem wird Neuproduktion nötig, Hersteller_innenfirmen stellen nicht reparierbare Geräte aus einem Guss ohne lange Halbwertszeit her und Kund_innen, sind nicht darauf angewiesen Dinge zu reparieren und können es sich leisten, sofort alles neu zu kaufen. Jeder Konsum verbraucht also nicht nur Ressourcen, sondern hinterlässt auch noch Probleme in Form von Müll, der in manchen Fällen, aber auch nur mit hohem Ressourcenverbrauch, wieder nutzbar gemacht werden kann. Auch unter dem Label „ethischen Konsum“ hergestelltes hat dementsprechend eine Kehrseite, insbesondere wenn es nur um die Herstellung von Luxusgütern geht.

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Quellen:
Reller, Armin; Holdinghausen, Heike (2014): Der Geschenkte Planet. Nach dem Öl beginnt die Zukunft. Frankfurt/Main: Westend Verlag. S. 215-233
Die Welt: Discountrepublik – so günstig leben die Deutschen. http://www.welt.de/wirtschaft/article117400745/Discountrepublik-So-guenstig-leben-die-Deutschen.html
Ugly Fruits. Der Laden für besondere Früchte. http://www.uglyfruits.eu/

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Der blinde Fleck im Nachhaltigkeitsdiskurs: Geschlechterverhältnisse als Macht- und Herrschaftsstrukturen
Geschlechterverhältnisse sind prägenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse unserer Gesellschaft, die jegliche Themen und Handlungsfelder beeinflussen bzw. strukturieren. So auch (ethischen) Konsum.  Gesellschaften prägende Systeme wie das Wirtschafts-oder Bildungssystem, sind patriarchalisch geprägt. Dies zeigt sich in der noch immer konsequenten Verdrängung weiblicher Perspektiven und Lebenswirklichkeiten. So sind Frauen mitgemeint wenn von Lesern, Konsumenten etc. gesprochen wird. Auch ist eine Abwertung weiblicher Perspektiven bzw. Konnotation weiblicher Eigenschaften und Perspektiven als etwas negativ zu Bewertendes, gesellschaftlich üblich (aggressive Männer sind Durchsetzungsstark, bei Frauen nennt mensch es dann emotional oder zickig).

Die Besonderheit bei der Kategorie Geschlecht ist, dass hiervon identitäre Themen betroffen sind, die so eng mit unserem Selbst verknüpft sind, dass uns die kulturellen Prozesse dahinter gar nicht mehr auffallen und wir die Folgen hiervon – bestimmte Geschlechterspezifische Rollenmuster und Lebensverläufe – als natürlich wahrnehmen. Frauen sind dann per se fürsorglicher (sie kriegen ja auch schließlich die Kinder), können deswegen auch eher Berufe ausüben, welche solche Kompetenzen erfordern – Männer haben schon in den Höhlen der Steinzeit gejagt und die Familie versorgt (so drücken wir unsere modernen Geschlechterarrangements auch gerne mal den armen Steinzeitmenschen auf) und sind auf jeden Fall begabter in Rechnen und Technik.

Die Konsequenz ist, dass solche, dem jeweiligen Geschlecht zugedachten Eigenschaften, unsere Leben vom Beruf bis ins Privateste strukturieren. Und hier sind Frauen gegenüber Männern an vielen Stellen benachteiligt, denn die jeweiligen angeblich natürlichen Kompetenzen werden hierarchisiert und die männlich konnotierten Eigenschaften (z.B. Durchsetzungsvermögen, Rationalität, Stärke) im kapitalistisch geprägten System höher bewertet und honoriert. Die hier zugeordneten Berufe werden so auch besser bezahlt und mit mehr Prestige versehen als Berufe, in denen sich mehrheitlich Frauen befinden.

Dafür müssen wir nicht erst über die Ländergrenzen hinausgehen und kulturalistisch propagieren, dass anderswo die Verhältnisse viel schlimmer sind als hierzulande. Frauen erhalten hierzulande im Schnitt 20% weniger Einkommen bei gleicher Arbeitszeit als Männer, sind häufiger von Armut betroffen, haben noch immer weniger Professuren an Universitäten, sind seltener in Vorständen und in Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft vertreten (ja, auch wenn eine Frau Bundeskanzlerin ist, ändert das nichts an den Durchschnittszahlen und damit an der Anzahl von Frauen, die Einfluss nehmen können). Je höher die Hierarchieebene, desto niedriger der Frauenanteil. Gründe hierfür können schon mal nicht die fehlenden Bildungsabschlüsse von Frauen sein, denn diese sind seit Jahrzehnten im Schnitt besser und höher als die von Männern.

Die schlechteren Aufstiegschancen beruhen auf dem weiblichen Geschlecht zugedachten Persönlichkeitsmerkmalen und den Männer bevorteilenden Strukturen der Berufswelt. Schon die Studien- und Berufswahl ist geschlechterspezifisch geprägt, Frauen wählen z.B. oft Vollzeitschulausbildungen (Krankenpflege, Erzieherin…), bei denen mensch, da die Ausbildungen nicht direkt in Betrieben stattfinden, schwieriger nach der Ausbildung einfach übernommen werden kann. Frauen haben öfter Teilzeitstellen – auch um Beruf und Familie vereinbaren zu können. Ihnen stehen generell weniger Besitz und Zeitressourcen zur Verfügung.

Auch die mit den oben genannten Faktoren zusammenhängende Art der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist für Frauen benachteiligend. Das kapitalistische System erzeugt zwei notwendige Arbeitssphären: Die unbezahlte Reproduktionsarbeit, die eher von Frauen ausgeführt wird und weder als Arbeit sichtbar, geschweige denn entlohnt wird auf der einen Seite. Auf der anderen Seite steht die Erwerbsarbeit, der Männer meistens nachgehen. Frauen müssen oftmals ihren Beruf noch zusätzlich zur Reproduktionsarbeit bewältigen. Diese Teilung (die eine unterschiedliche Bewertung der beiden Arbeitsbereiche impliziert und die Verantwortung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Schultern der Frauen bürdet) ist eine der Grundlagen zur Aufrechthaltung des kapitalistischen patriarchalisch geprägten Systems.

Diskriminierung und Benachteiligungen von Frauen durch die Geschlechterhierarchisierung gibt es weltweit. Auch wenn es bei sozialen Nachhaltigkeit, wie es z.B. im Fair Trade Konzept oder der Präambel der World Trade Organisation zur Förderung nachhaltiger Entwicklung, auch darum geht, insbesondere Frauen zu unterstützen, so gibt es hierfür keine festgeschriebene Verpflichtung.

Und bezogen auf den globalen Süden propagieren wir mit unserem eigenen Unrechtskapitalismus gern: Also wenn die Geschlechterverhältnisse „da unten“ so sind und Frauen einfach nicht der Boss sein dürfen, möchte mensch aus dem globalen Norden da ja auch nicht übergriffig werden – Stichwort Eurozentrismus und so. Ja, da ist etwas Wahres dran. Schade nur, dass diese (kultursensible) Vorsicht plötzlich bei der Geschlechterfrage auf den Plan tritt und sonst so gerne einfach auch mal nicht. Der Begriff von sozialer Nachhaltigkeit muss also explizit Geschlechterfragen thematisieren, um diese überhaupt erst auf den Plan zu bekommen – denn sonst wird die Menschenförderung schnell zur Männerförderung, wenn frauenspezifische Probleme nicht sichtbar gemacht oder angesprochen werden.

Geht es z.B. um soziale Nachhaltigkeitsfragen und Länder des globalen Südens, werden Frauen eher als Betroffene von z.B. Mitweltkatastrophen dargestellt. Ihr spezifisches Wissen (z.B. über lokale Pflanzen und Anbauarten), wird selten hervorgehoben und genutzt. Bei wichtigen Klimaschutzabkommen wie dem UN Framework Convention on Climate Change oder dem Kyoto Protokoll werden Frauen gar nicht explizit erwähnt. Da Frauen aufgrund geschlechterspezifischer Diskriminierung selten Grundstücke besitzen (zwar sind weltweit 70% aller Landwirt_innen Frauen, ihnen gehört aber nur 2% der weltweiten Anbaufläche) und wenig Einfluss auf Entscheidungsprozesse haben, werden sie oft gar nicht gehört.

Frauen essen lieber Salat – echte Männer mögen Fleisch
Geschlechterhierarchien bilden sich bezogen auf das Thema Nachhaltigkeit aufgrund der durch die Konstruktion von Geschlechtern zugeschriebenen Rollen in vielen Bereichen ab: Frauen sind eher von Armut betroffen, haben insgesamt weniger Besitz und eingeschränktere Mobilitätschancen. Nachhaltigkeitsdiskurse werden aber auch von geschlechtsspezifischen Wahrnehmungen anderer Art geprägt: Frauen wird, aufgrund ihrer Möglichkeit zur Mutterschaft auch die Versorgung von Kindern/Familie und damit auch eine besondere Verbindung zur Mitwelt zugeschrieben. Damit einher geht dann die Zuschreibung einer quasi natürlichen Verantwortung für den Schutz der Mitwelt. In welchem Verhältnis hingegen Männer zur Natur stehen ist nicht weiter geklärt – sie werden eher als die Schadenverursacher und Ressourcenverschwender dargestellt.

Dabei unterscheidet sich der Ressourcenverbrauch von Männern und Frauen der gleichen Gehaltsklasse kaum. Wer mehr Einkommen hat, konsumiert mehr. Alleinlebende Gutverdiener_innen konsumieren z.B. mehr, als alleinstehende Mütter. Hier stehen also eher Klassen-, als Geschlechterunterschiede im Fokus. Da Männern, wie dargestellt, jedoch oftmals mehr finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen ist es insgesamt jedoch so zu betrachten, dass Männer öfter in der Lage sind, mehr zu konsumieren also mehr Ressourcen zu verbrauchen.

Geht es um den Inhalt des Ressourcenverbrauchs, kann festgestellt werden, dass Männer z.B. mehr Auto fahren als Frauen, was 1/3 mehr Treibhausgasemissionsverbrauch ausmacht. Außerdem achten Frauen beim Kauf eines Autos eher auf mitweltschonende Aspekte. Frauen ernähren sich z.B. öfter fleischlos und konsumieren häufiger Bioprodukte. Auch dies sind geschlechterspezifisch zu betrachtende Problematiken, in denen die, den jeweiligen Geschlechtern zugedachten Rollen, zu bestimmten Konsummustern führen. Lösungen zu den drängenden Problemen, die durch Konsum verursacht wurden, bedürfen also auch einer Reflexion von Geschlechterrollenausprägungen – spätestens wenn Männlichkeitsaspekte mit Fleischkonsum und schnelle Autos fahren in Beziehung gesetzt werden, oder Verzicht (z.B. aufgrund gesellschaftlicher Schönheitsideale) mit Frauenbildern gleich gesetzt werden.

Ein interessantes Beispiel, bei denen Konsumauswirkungen der Länder des globalen Nordens Frauen in besonderer Weise treffen, ist z.B. die Hühnerwirtschaft in Kamerun: Die meisten Frauen besitzen dort kein eigenes Land und arbeiten auf den Feldern ihrer Männer. Jedoch halten sich viele von ihnen in ihrem Wohnumfeld Hühner. Diese brauchen nicht viel Pflege und suchen ihr Futter größtenteils selbst. Damit sind sie eine wichtige Ressource: Der Verkauf von Eiern oder Hühnern um Kleinigkeiten (wie Schulhefte für die Kinder) zu kaufen, oder Hühner in Notzeiten schlachten zu können, sowie der Kontakt zu anderen Frauen beim Verkauf der Eier, ist ein nicht zu unterschätzender Emanzipationsfaktor.

Dieser wird durch den billigen Import von Fleischwaren, die in der EU nicht verwendet werden können zerstört: Da wir aufgrund kultureller Bedingtheiten nur bestimmte Teile des Huhnes essen und auch nur diese gut verkauft werden können, gelangen einige Teile gar nicht erst im hier im Handel, sondern wird gefroren in Länder des globalen Südens transportiert und extrem billig verkauft. Bessere in bisschen Kapital draus schlagen, als es weg zu werfen, scheint das Motto zu sein. Dieser Import macht das Geschäft der Frauen kaputt, die bei den extrem niedrigen Preisen nicht mithalten können. Darüber hinaus ist dies, bezogen auf Transport und Kühlung des Fleisches, sehr Ressourcenverschwendet. Wenn dies dann noch zusätzlich die Geschäfte der Menschen in den Importländern zerstört, ist dies eine bedeutende negative Auswirkungen moderner kapitalistischer Handlungsstrategien – Pläne wie das Freihandelsabkommen begünstigen solche irrsinnigen Entwicklungen im Übrigen, da die Importländer so kaum noch solche Strategien verhindern und die lokale Wirtschaft schützen können.

Nachhaltigkeitsstrategien sollten also Intersektionen von Geschlecht und Klasse, sowie Kolonialverhältnisse einbeziehen. Eine Geschlechterperspektive, aber auch feministische Forschung wird, wenn es um Nachhaltigkeit geht, noch immer nicht hinreichend in aktuelle Diskurse hierüber einbezogen. Strategien für mehr Nachhaltigkeit und ethischen Konsum sind nur dann sozial nachhaltig, wenn sie ungerechte Strukturen abbauen (zwischen Generationen, Ländern des globalen Südens und Nordens, Mensch und Mitwelt, Männern und Frauen etc.). Dafür müssen aber hierbei betroffene Macht-und Herrschaftsverhältnisse und deren Durchdringung z.B. in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen Erwähnung finden, der Transport biologistischer Geschlechterbilder sichtbar werden und Frauen und Männer gleichermaßen an den Diskursen beteiligt sein.

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Quellen:
Gottschlich, Daniela (2003): Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit: Zum Verhältnis von Feminismus und nachhaltiger Entwicklung in Theorie und Praxis, in Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik JG 4/Heft 1. Abrufbar unter: http://www.zfwu.de/index.php?id=421
Gülay Caglar, Maria do Mar Castro Varela, Helen Schwenken (Hrsg.) (2012): Einleitung: Feministische Perspektiven auf Klima. Geschlecht – Macht – Klima. Feminstische Perspektiven auf Klima, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Gerechtigkeit: Opladen, Berlin Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 7-22
Bauriedl, Sybille (2012): Geschlechterverhältnisse und Klimawandel: Ein Systematisierungsvorschlag vielfältiger Wechselwirkungen. In: Gülay Caglar, Maria do Mar Castro Varela, Helen Schwenken (Hrsg.) (2012): Einleitung: Feministische Perspektiven auf Klima. Geschlecht – Macht – Klima. Feminstische Perspektiven auf Klima, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Gerechtigkeit: Opladen, Berlin Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 41-60
Vinz, Dagmar: Klimapolitik und Geschlechtergerechtigkeit. In: Gülay Caglar, Maria do Mar Castro Varela, Helen Schwenken (Hrsg.) (2012): Geschlecht – Macht – Klima. Feminstische Perspektiven auf Klima, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Gerechtigkeit: Opladen, Berlin Toronto: Verlag Barbara Budrich, S.61-76
Weller, Ines: Klimawandel, Konsum und Gender. In: In: Gülay Caglar, Maria do Mar Castro Varela, Helen Schwenken (Hrsg.) (2012): Geschlecht – Macht – Klima. Feminstische Perspektiven auf Klima, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Gerechtigkeit: Opladen, Berlin Toronto: Verlag Barbara Budrich, S.177-190
Kaur Sapra, Sonalini: „Keine Klimagerechtigkeit ohne Geschlechtergerechtigkeit“: Gender Mainstreaming in der globalen Klimapolitik. In: Gülay Caglar, Maria do Mar Castro Varela, Helen Schwenken (Hrsg.) (2012): Geschlecht – Macht – Klima. Feminstische Perspektiven auf Klima, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Gerechtigkeit: Opladen, Berlin Toronto: Verlag Barbara Budrich. S. 203.218
Kooperationsprojekt der Heinrich-Boll-Stiftung, Bund für Umwelt- und Naturschutz und Le Monde diplomatique.
(2014): Fleischatlas 2013. 8. Auflage. Abrufbar unter: https://www.bund.net/fileadmin/bundnet/publikationen/landwirtschaft/140328_bund_landwirtschaft_fleischatlas_2013.pdf

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Wachstum – muss sein?
Nur 1/7 der Weltbevölkerung (ca. 1 Milliarde Menschen) beansprucht einen Lebensstandard, wie wir ihn gewohnt sind (bzgl. Lebenserwartung, Bildung, Zugang zu Gütern). Diese kleine Anzahl an Personen, im Vergleich zur Zahl aller auf der Erde lebenden Menschen, verbraucht auch mehr Ressourcen und lässt mehr Schäden entstehen (Luft-Boden-Wasserverschmutzung), als diese regenerierbar sind. Jedes Land, welches sich hin zum Lebensstandard der Länder des globalen Nordens hin entwickelt (z.B. China) geht in Richtung eines Lebensstils, welcher viel zu viele Ressourcen verbraucht. Wirtschaftliches Wachstum ist also zum einen offenbar die Grundlage dafür, dass mehr Menschen einen Lebensstil leben können, der dem unseren entspricht, führt auf der anderen Seite aber auch dazu, dass noch mehr Ressourcen verbraucht werden, als es die Erde verkraften könnte.

Allerdings wird Wohlstand am Wirtschaftswachstum also im Endeffekt am Bruttoinlandsprodukt gemessen. Dies sagt a) nichts darüber aus, wie es den einzelnen Personen in einem Land wirklich geht (das subjektive Empfinden, das Lebensgefühl) und b) hat nur eine kleine Anzahl an Personen durch die Erhöhung des Bruttoinlandsproduktes eines Landes auch etwas davon hat. Zu (finanziellem) Wohlstand führt es jedenfalls nur bei einer kleinen Anzahl von Personen.

Fassen wir zusammen: Unser aktueller Wachstum ist nicht nachhaltig, führt zu Ressourcenverknappung, Müll und sozialen Ungleichheitslagen. Darüber hinaus steigt nicht einmal die Lebensqualität der Menschen, die gemeinhin von diesem profitieren: Wir arbeiten z.B. mehr, haben wenig Freizeit.

Was tun?
Welche Alternativen könnte es geben? Die Länder des globalen Südens daran hindern Wirtschaftswachstum zu forcieren und mehr Ressourcen zu verbrauchen? Unsere Doppelmoral wird an einem Beispiel in Indien anschaulich. Dort hat der Automobilhersteller Tata Motors den Tato Nano, ein sehr günstig zu erstehendes Auto auf den Markt gebracht, was zu einem Aufschrei in unseren Gefilden führte. Was passiert nur mit unserer Mitwelt, wenn die vielen Menschen jetzt auch noch alle Auto fahren?!? Äh ja – ich sag nur SUV´s in deutschen Innenstädten…Sollte der extreme Ressourcenverbrauch also ein Privileg von denen bleiben, die es momentan schon genießen dürfen?

Das wäre eine Möglichkeit, so müssten wir uns nicht noch mit dem Problem rumärgern, dass jetzt noch mehr Leute mehr Ressourcen verbrauchen – besonders gerecht klingt das allerdings nicht.

Eine andere Möglichkeit wäre Verzicht, dass alle sich Einschränken und Wachstum vermieden wird, alle sich auf das Wesentliche konsumieren beschränken und nur noch 40%2 von dem verbrauchen, was wir heute so konsumieren. Guter Witz…

Wie wäre es aber mit einer Alternative zum aktuellen Wachstum? Der Hoffnung nach einem anderen Wachstum: Fair, sozial und ökologisch nachhaltig. Alternativen zu schaffen, die unseren Lebensstandard erhalten jedoch Mitweltverträglicher und Ressourcenschonender sind. Technik und Wissenschaft sollen Abhilfe schaffen. Hier kann die Spannbreite von erneuerbaren Energien bis hin zu fairer Kleidung und einer veganen Lebensweise weit sein. Dieses qualitative Wachstum (green-growth-Position) würde eine Umsteuerung von Wachstum unter Einhaltung von Nachhaltigkeitsaspekten bedeuten. Aber Genügt das? Unsere bisherige Bestandsanalyse lässt dies eher nicht vermuten und zu vielen Problemen sind noch keine bahnbrechenden Ideen in Sicht. Dazu kommt, dass jede Alternative zu Verzicht neue Probleme mit sich bringt: Wenn wir z.B. unsere Energie nicht mehr aus Erdöl, sondern aus Palmöl beziehen, wirkt sich das negativ auf die Regenwälder und Menschen in Indonesien aus.

Vielleicht könnten wir uns auf das mit der Wachstumsdevise einhergehendem Motto, dass dort, wo Gewinnchancen zu erkennen sind, auch investiert wird verlassen – und da ethischer Konsum oder sogenannte „grüne“ Alternativen grad gefragt sind, könnte dies sogar aufgehen. Allerdings bleibt die Prämisse der Profitmaximierung so als höchster Wert bestehen und die Nachhaltigkeitsaspekte sind ein netter Nebeneffekt – einen langfristigen Wertewandel hin zu mehr global nachhaltigem Handeln würde dies wohl nicht unbedingt auslösen. Einen Wachstumsstop wohl auch eher nicht.

Was genau würde aber eine wachstumskritische Perspektive beinhalten?
Eine wachstumskritische Perspektive existiert spätestens seit der Studie „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome aus dem Jahre 1972 im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs. In den 1990er Jahren waren dann verstärkt die nicht regenerierbaren Schäden im Fokus (Wälder/Meere/CO2/Müll), ab den 2000er Jahren dann das Verschwinden von Biodiversität und Ökosystemen. Tim Jackson postuliert in seinem Werk „Wohlstand ohne Wachstum“, dass es möglich ist, mit den richtigen politischen Rahmenbedingungen und Begrenzungen auch kulturelle Veränderungen bzgl. des Konsumverhaltes zu erzielen. Dies könne auch zu mehr Lebensqualität und Wohlbefinden der Menschen führen, unter anderem dadurch, dass diese nicht mehr so viel arbeiten müssten und mehr Zeit für Engagment, Hobbies und zwischenmenschliche Beziehungen hätten. Produkte müssten länger funktionieren, weniger Müll produziert werden.

Wichtig seien nebenher natürlich starke nachbarschaftliche Communities und Netzwerke, die sich gegenseitig helfen, was den positiven Nebeneffekt gegen die Vereinzelung beinhalten würde. Außerdem solle darauf geachtet werden, eher lokal hergestellte Produkte zu organisieren, was lange und unübersichtliche Produktionsketten und Transportwege einspare. Selbstverständlich gehöre auch die Unterstützung der Länder des globalen Südens dazu, welche auf ein ähnliches Level gehoben werden müssen, wie das in den Ländern des globalen Nordens übliche. Einige Ansätze zu den Ideen von Jackson finden wir auch in den vorgestellten Konzepten zum ethischen Konsum wieder. Alle Ebenen müssten jedoch einen solchen Wandel wollen und Verantwortung übernehmen:

Die Politik kann durch gesetzliche Regelungen starke Anreizsysteme für Unternehmen schaffen, die nachhaltig produzieren und nicht Profitmaximierung, sondern andere Ziele als das eigene Wachstum anstreben. Wenn große Unternehmen hiermit anfangen, ziehen vielleicht andere nach.
Konsument_innen können mit ihrer Nachfrage Einfluss auf das Angebot nehmen. Medien könnten über Positiv-Beispiele berichten und Skandale aufdecken. Konsument_innen wieder dafür sorgen, dass z.B. über soziale Netzwerke „Shit Storms“ über Unternehmen hereinbrechen, die unsozial agieren.
Ohne weitreichende Veränderungen unseres aktuellen Lebensstils jedoch, zu der z.B. Arbeitszeitreduktion gehört, ist ein langsameres Wachstum wohl aber schwer möglich.

Dafür müssten wir unsere Lebensinhalte allerdings auch neu forcieren. Zu diesem Wertewandel müsste natürlich auch der Abbau von Ungleichheiten gehören, er müsste also auch gegebene Macht- und Herrschaftsverhältnisse de-konstruieren und verändern können. Anzugehen sind die jeweiligen Ideen innerhalb lokaler Strukturen und für jedes Thema (Ernährung, Mobilität, Bauen/Wohnen etc.) individuell.

Einfach ist das nicht, insbesondere die Verkürzung von Arbeitszeit würde sich wahrscheinlich äußerst schwierig gestalten, auch bzgl. der ungleichmäßigen Einkommensverteilung. Arbeit und Konsum sind darüber hinaus zwei der Hauptbezugspunkte unseres Lebens geworden. Wieder andere Inhalte für das eigene Leben zu finden fällt schwer – insbesondere durch die lange und frühe Prägung der Idee, sich mit konsumieren glücklich machen zu können.

Allerdings macht uns dieser Konsum aber auch nicht wirklich langfristig glücklich: Wir haben Stress, kaum Zeit für Hobbies, Freund_innen und Familie etc..

Außerdem steht einer solchen Idee im Wege, dass Ressourcen wie Meere oder Klima, aber auch die Märkte, allen und niemandem gehören. Ohne eine globale Regelung ist es problematisch, schwerwiegende Eingriffe überall zu verhindern. Hier sollte ebenso geklärt werden, wer für was verantwortlich ist und was global zulässig ist und was nicht (dann könnte z.B. ein Überblick darüber behalten werden, wo was vom Regenwald abgeholzt wird etc.). Aktuelle Entwicklungen und Pläne wie das Freihandelsabkommen lassen eine solche Idee aufgrund einer Liberalisierung ohne ethische oder nachhaltige Verpflichtungen jedoch in weite Ferne rücken.

Das ist jetzt eine sehr allgemeine Sammlung und konkrete Handlungsanweisungen kommen hier auch nicht vor-jedoch zeigen diese Ideen, dass es durchaus Ansätze geben könnte, wirklich nachhaltig etwas zu verbessern – und dass Personen und Akteur_innen auf allen Ebenen einen kleinen Teil der Verantwortung tragen können. Wenn an diesem Thema nicht vereinzelt sondern kooperativ und ineinandergreifend gearbeitet wird.

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Quellen:
Paqué, Karl-Heinz; Jochimsen, Beate; Bettzüge, Mark Oliver, Schneidewind, Uwe (2012) Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität: aktuelle Debatten. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Wohlstand ohne Wachstum? Aus Politik und Zeitgeschichte,62. Jahrgang 27-28/2012.
van Treeck, Till (2012): „Wohlstand ohne Wachstum“ braucht gleichmäßige Einkommensverteilung. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Wohlstand ohne Wachstum? Aus Politik und Zeitgeschichte,62. Jahrgang 27-28/2012.
Neuhäuser, Christian (2012): Faires Wachstum und die Rolle der Unternehmen. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Wohlstand ohne Wachstum? Aus Politik und Zeitgeschichte, 62. Jahrgang 27-28/2012.

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„Guter Konsum ist vielleicht, wenn man damit eine positive gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben kann“ –  Unternehmensperspektiven auf ethischen Konsum

Bisher hat es sich hier um mögliche Konzepte von Nachhaltigkeit gedreht, welche in ihrem Potenzial als Alternativen zum konventionellen Konsum diskutiert wurden: Was passiert z.B. mit der Idee des fairen Handels wenn koloniale Verhältnisse hier reproduziert werden? Ist Bio der Königsweg, auch wenn wir unser Konsumverhalten nicht radikal anpassen? Hierbei zeigte sich, dass die Proklamation steten Wachstums zum einen kritisch zu betrachten ist und dass zum anderen alternative Ideen, wie ethischer Konsum, zwar Veränderungspotenziale besitzen, jedoch auch die Gefahr bergen, verwaschen zu werden, Überkonsum und Ungleichheiten zu verstärken, sowie weiterhin, insbesondere wenn es um die zur Verfügung Stellung von Luxusgütern geht, keine Lösung für drängende Klima-, Mitwelt- und humanitäre Problematiken sind.

Hierbei zeigt sich aber auch, dass sich die Verantwortung zwischen Politik, Wirtschaftssystem und Unternehmen aufteilt, in der nicht einzelne Personen oder Firmen die Verantwortung tragen, sondern alle zum System zugehörigen Ebenen und Akteur_innen an einem Strang ziehen müssten, um einen nachhaltigen Wertewandel und neue Ideen zu Wachstum und Konsum umzusetzen und, dass es ganz ohne Verzicht eben nicht geht.

Unsere eingangs gestellte Frage, ob Konsum hilft die Welt zu retten, können wir bereits jetzt beantworten. Nein – es gibt keinen „guten“ Konsum – jeder Konsum hinterlässt Spuren, ob nun durch den Energie-und Ressourcenverbrauch oder die Zurücklassenschaften in Form von Müll. Jedoch müssen wir auch konsumieren, um zu überleben. Außerdem erscheint es utopisch, dass wir alle von heute auf morgen nur noch das Nötigste konsumieren und auf alles darüber hinaus verzichten. Für alle Luxusgüter ist jedoch Verzicht die einzige ethische Alternative. Wir müssen abwägen, wie wichtig uns etwas ist. Es gibt Dinge, die wir konsumieren, die aber mit noch so vielen Siegeln und Verbesserungen nicht viel besser werden – Auto fahren ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn ich mir bei diesen Dingen auch noch einreden kann, dass das jetzt aber okay ist, weil es ein Bio oder Fair Siegel hat, ist das einfach Murks.

Ethischer Konsum ist jedoch hilfreich, wenn es um Dinge geht, die wir halt benötigen (ja, auch diese Grenze ist diskutabel und sehr subjektiv).

Nun soll es darum gehen, Firmen, die laut unserer Definition nachhaltige Konsumgüter anbieten, zu fragen, welche Verbesserungspotenziale sie dennoch in ethischem Konsum sehen, wie sie diesen als Alternative zu Verzicht bewerten, welche Verantwortung sie als Unternehmen bei sich sehen, um Dinge mit dem Verkauf ihrer Produkte zu verbessern. Und auch wer in ihren Augen Verantwortung für Verbesserungen trägt, wie sie als Unternehmen mit dem Wachstumsparadigma umgehen, und abschließend ob sie ethischen Konsum als Trend oder eher als gesellschaftlichen Wertewandel wahrnehmen.

Wir haben deswegen mit der Triaz GmbH/Waschbär Umweltversand (Online Warenhaus, welches seit über 30 Jahren ökologische Alltagsgegenstände anbietet), und der memo AG (Versandhandel der seit 1990 ebenfalls Alltagsgegenstände, sowie Bürobedarf anbietet) gesprochen, die als Unternehmen im Bereich nachhaltig produzierter Konsumgüter schon lange etabliert sind und nicht auf die aktuelle Trendbewegung aufgesprungen sind.

Auf der anderen Seite erschien es uns aber auch von Bedeutung, mit im Vergleich dazu noch recht neuen Unternehmen zu sprechen, die sich auf der Grundlage aktueller gesellschaftlicher Prozesse mit den Themen befassen: Hierfür wählten wir avesu (veganer Schuhladen mit Versandoption) und FairBleiben (als Beispiel für kleinere Geschäfte vor Ort, die biologische, fair gehandelte, vegane Alternativen zu konventionellen Klamotten anbieten) aus.

Was ist eigentlich Nachhaltigkeit bzw. ethischer Konsum?
Als erstes wollten wir wissen, was die Unternehmen unter Nachhaltigkeit und ethischem Konsum eigentlich verstehen. Nadine Räuber vom veganen Schuhvertreiber avesu beschreibt den firmeninternen Anspruch an Nachhaltigkeit damit, dass die angebotenen Produkte aus veganen Bestandteilen angefertigt werden müssen. Darüber hinaus ist für sie ein wichtiger Bestandteil nachhaltigen Konsums, dass „man sich nicht alle Nase lang neue Schuhe kauft“. Für avesu geht es beim Thema Nachhaltigkeit um faire Arbeitsbedingungen, dass die Produktion von Schuhen nicht oder möglichst wenig in die Umwelt eingreift und sie sagt zusammenfassend: „Guter Konsum ist vielleicht, wenn man damit eine positive gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben kann“.

Auch Lothar Hartmann, Nachhaltigkeitsmanager der memo AG, ist es ein Anliegen durch nachhaltiges Handeln des Unternehmens gesellschaftliche Veränderungen zu erwirken: „Nachhaltigkeit bedeutet für uns, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Mit unserem Handeln wollen wir weder Mensch noch Umwelt und Klima schädigen. Wir haben Nachhaltigkeit zum Kerngeschäft des Unternehmens bestimmt. Seit Beginn an fokussieren wir uns nicht auf einzelne Aspekte der Nachhaltigkeit, sondern setzen dieses ganzheitlich im Unternehmen um – vom Sortiment, über die Logistik, die Personalpolitik bis hin zu unseren Partnerschaften.“

Barbara Engel von der Triaz GmbH verbindet mit Nachhaltigkeit vielfältige soziale, ökonomische und ökologische Themen. Sie betont aber, dass mensch „für sein Unternehmen auch die Verantwortung trägt“. Somit ist für sie „Nachhaltig bewirtschaften immer ein Dreiklang von sozialen Arbeitspraxen, ökologischen Methoden und wie die Produkte hergestellt werden aber auch immer ganz wichtig die Wirtschaftlichkeit dabei“.

Andrea von der Heydt, die den Laden FairBleiben in Dortmund führt, ist der Meinung, dass Nachhaltigkeit und ethischer Konsum sehr umfangreiche und stetig zu hinterfragende Konzepte sind. So findet sie beispielsweise, dass „Nachhaltigkeit ja auch ist, dass man die Sachen länger trägt.“

Nachhaltigkeit als Alternative zu Verzicht?
Wie bereits erwähnt soll dieses Special nachhaltigen Konsum nicht als Ausweg aus der Krise darstellen. Deswegen haben wir die Firmenvertreter_innen auch gefragt, inwiefern für sie nachhaltiger Konsum als Alternative zu Verzicht zu sehen ist.

So bezieht sich Andrea von der Heydt auf die Verbindung von nachhaltigem Konsum und Verzicht: „Es gibt auch so Kleiderverzichtaktionen, wie kann man Sachen verschieden kombinieren, da hat man dann nur ein paar Teile, und trägt die 50 Tage irgendwie anders Kombiniert und sieht halt trotzdem jeden Tag anders aus. Da braucht man gar nicht immer so viel Neues.“

Auch Barbara Engel sieht einen ähnlichen Zusammenhang: „Wenn man konsequent nachhaltig einkauft, allein weil es nachhaltige Produkte sind, sind es auch langlebigere Produkte. Das reduziert automatisch den Konsum.“

Nadine Räuber und Lothar Hartmann sehen beide einen bestimmten Grundbedarf von Konsum zur Lebenserhaltung, bei dem mensch unbedingt auf nachhaltige Produkte zurückgreifen muss. Nadine Räuber sagt dazu: „Aber wir konsumieren nun mal und wenn man dann schon konsumiert, dann sollte man vielleicht schon das Richtige konsumieren. Es kommt vielleicht ein bisschen auf das tatsächliche Produkt an, aber eigentlich würde ich sagen, dass man die Alternativen konsumieren sollte, weil nur dann die Nachfrage danach steigt.“

„Gerade auf Alltagsprodukte, kann nicht verzichtet werden (…). Bei der Anschaffung dieser Produkte sollte auf nachhaltige Qualität geachtet werden. Wenn es um die Anschaffung größerer oder teurerer Produkte geht wie beispielsweise einem neuen Auto oder einem aktuellen Handy, kann man sich durchaus die Frage stellen, ob es notwendig ist und Verzicht in diesem Falle nicht besser wäre.“

Lothar Hartmann sieht einen ähnlichen Unterschied: „Nachhaltiger Konsum und Verzicht haben an den richtigen Stellen und im richtigen Maß gleichermaßen ihre Daseinsberechtigung. Gerade auf Alltagsprodukte, wie wir sie bei memo anbieten, kann nicht verzichtet werden – ich denke hier beispielsweise an Toilettenpapier oder Seife. Bei der Anschaffung dieser Produkte sollte auf nachhaltige Qualität geachtet werden. Wenn es um die Anschaffung größerer oder teurerer Produkte geht wie beispielsweise einem neuen Auto oder einem aktuellen Handy, kann man sich durchaus die Frage stellen, ob es notwendig ist und Verzicht in diesem Falle nicht besser wäre.“

Unternehmenswachstum – Das notwendige Übel?
Eine etwas andere Frage, die unser Interesse geweckt hat, ist die nach den Vor- und Nachteilen von Wachstum für die Unternehmen. Dass das Wachstum der Länder des globalen Nordens nicht zielführend ist, sondern im Regelfall zur Verstärkung von diskriminierenden Verhältnissen und übermäßigem Ressourcenverbrauch führt, ist klar geworden. Aber wie denken die Unternehmen darüber? Stellen sie dies ebenfalls in Frage oder meinen sie, dass sie diese Strukturen zu ihrem und unserem Vorteil ausnutzen können?

Nadine Räuber sieht ihr eigenes Unternehmenswachstum als wichtig an, beschreibt aber auch mögliche Risiken die im Wachstum entstehen können: „Die Nachfrage bestimmt das Angebot und das Angebot bestimmt halt die Herstellung. Es ist schon das Ziel von avesu, dass sich die Verhältnisse ändern und dass sich die Industrie ändert, das Intensivtierhaltung abgeschafft wird, deshalb ist es natürlich so, dass, je mehr wir wachsen, es halt auch die positive Entwicklung einfach zeigt. Wir möchten aber eigentlich nicht, dass wir auf so eine Weise wachsen, dass wir uns im Unternehmen nicht mehr alle kennen.“
Lothar Hartmann beschreibt den Umgang mit Wachstum in Unternehmen folgendermaßen: „Als Wirtschaftsunternehmen ist Wachstum wichtig für uns – allerdings nicht um jeden Preis. Langfristiger Erfolg ist wichtiger als kurzfristige Gewinnmaximierung. Mit unserer Strategie des nachhaltigen Wirtschaftens sehen wir keinen Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Wachstum.“

Bei memo „halten die Mitarbeiter über eine Beteiligungsgesellschaft Anteile am Unternehmen und damit an dessen Erfolg“ und deswegen „muss Wachstum bei memo immer sein“. Darüber hinaus „will memo einen sicheren und zuverlässigen Arbeitsplatz bieten“ Eine Gefahr im Wachstum sieht er in der Veränderung der Produktpalette – so sagt er: „Ein Beispiel sind Produkte, die sich aus bestimmten Gründen gerade gut verkaufen, die aber unter schlechten sozialen Bedingungen hergestellt werden. Obwohl wir vielleicht mit diesen Produkten guten Umsatz erzielen könnten, nehmen wir diese nicht in unser Sortiment auf, weil ökologische und soziale Verträglichkeit sowie Ökonomie nicht in gleichem Maße gegeben sind.“

Barbara Engel hält Unternehmenswachstum ebenso für relevant: „Klar wollen wir wachsen, das wäre blöd würden wir das nicht sagen. Wir sind aber kein Unternehmen, das maximal profitorientiert ist, uns geht es darum, gesund zu wachsen. Und dass es nie zu Lasten von partnerschaftlichen Beziehungen geht, die wir mit unseren Lieferanten pflegen.“

„Ich möchte nicht jetzt irgendwo an der Kasse stehen, die Sachen übers Band ziehen, 2,50€ und dann schmeißt du das Geld irgendwo rein und das war es. Klar verdient man an der Kasse mehr als ich, auf jeden Fall sogar, aber ob der glücklicher ist, weiß ich auch nicht.“

Andrea von der Heydt sagt folgendes zu ihrer Unternehmenszukunft: „Ich versuche irgendwann mal davon zu leben. Ich weiß nicht ob es mir so viel Spaß machen würde woanders. Es macht Spaß mit den Menschen hier zu arbeiten, das ganze Netzwerk was da dran hängt.“ Sie ist aus unserer Sicht ein gutes Beispiel für eine Umdeutung von wirtschaftlichen Strukturen, die auf Konsum ausgerichtet sind. Die Zentrierung von sinnstiftenden Aktivitäten, durch Lebensfreude und das Leben in alternativen Strukturen, sind ein nicht zu unterschätzender Effekt von nachhaltigen Lebensweisen.

Und irgendwie auch vom nachhaltigen Konsum. Sie beschreibt dies folgendermaßen: „Es ist so das ganze Drumherum. Es ist die Kommunikation dabei, es ist jetzt nicht nur Klamotten kaufen. Es ist das Entschleunigte. Und das ist das Schöne. Ich möchte nicht jetzt irgendwo an der Kasse stehen, die Sachen übers Band ziehen, 2,50€ und dann schmeißt du das Geld irgendwo rein und das war es. Klar verdient man an der Kasse mehr als ich, auf jeden Fall sogar, aber ob der glücklicher ist weiß ich auch nicht.“ Besser hätten wir es auch nicht beschreiben können.

Verteilte Verantwortlichkeit, wenn es um mögliche Verbesserungen hin zu mehr Nachhaltigkeit bzw. ethischem Konsum geht? Barbara Engel sieht in lang etablierten Unternehmen eine Vorreiter_inenrollen-Funktion: „Wir sind eines der Pionier-Unternehmen, die damit angefangen haben und wenn es die Pionier-Unternehmen nicht gegeben hätte, hätte es die ganze Entwicklung nicht gegeben.“ Als politisch relevante Akteur_innnen sieht sie Unternehmen aber nicht: „Wir sind Händler, wir sehen uns nicht politisch. Wir bieten Produkte an, um unseren Kunden zu ermöglichen, nachhaltig im Alltag zu leben, aber wir haben keinen Bildungsanspruch. Das ist die Aufgabe von Journalismus oder auch von Industrie und Verbänden, wobei man sich wünschen würde, dass da einfach auch ein bisschen mehr noch an Öffentlichkeitsarbeit passiert.“

Lothar Hartmann spricht in diesem Zusammenhang klar die Verantwortung der Konsument_innen an: „Nachhaltiger und bewusster Konsum kann die Welt nicht retten, aber er kann sie ein Stück besser machen. Wenn immer mehr Menschen Produkte kaufen, die der Umwelt möglichst wenig Schaden zufügen und nicht auf Kosten anderer Menschen produziert werden, wird es zwangsläufig zu einem Wandel und Umdenken bei den Herstellern kommen, was wiederum zu weniger Ressourcenverbrauch, klimaschädlichen Emissionen, etc. führen würde. Wir Verbraucher haben also durchaus großen Einfluss auf globale Veränderungen zum Besseren.“

Auch Andrea von der Heydt sieht die Konsument_innen in der Verantwortung globaler zu denken: „ Man sollte überlegen: „Ich kaufe da jetzt ein veganes Teil, aber wie wurde das produziert? Da kaufen viele dann trotzdem billig ihre Sachen und leben halt toll vegan und denken gar nicht darüber nach, wo deren Klamotten her kommen und was dabei mit den Tieren ist. Da muss man echt über seinen Tellerrand gucken, woher kommen die Sachen, was hängt da dran? Gut ist, dass viele die Ausrede nicht mehr haben, dass sie es nicht mitbekommen haben, mittlerweile muss man nur den Fernseher anmachen. Es gibt die Möglichkeit, sich einfach zu informieren. Es gibt dann trotzdem noch viele die sagen ja okay, ich habe das im Fernsehen oder so gesehen, das ist ja schön, dass da hinten Leute sterben und dass das ganz giftig ist, aber das ist mir ganz egal, Hauptsache ich krieg hier jetzt mein T-shirt für 3€. Und die sehen auch nicht, dass es ihre Gesundheit ist, die es angreift und dass wir natürlich auch irgendwo mal die Zeche zahlen. Wir zahlen ziemlich viele Zechen für das was wir verursacht haben.“ Die Aussage, dass Bio/Fair Klamotten teurer sind, will sie nicht so stehen lassen: „Wenn ich es mir leisten kann in die Stadt zu gehen und bei den ganz normalen Kaufhäusern zu kaufen, dann kann ich mir auch Bio und Fair leisten.“

„Es ist wichtig für Unternehmen wie uns, wirkliche Alternativen anzubieten und nicht irgendwas anzubieten, damit die Konsument_innen ein gutes Gewissen haben.“

Nadine Räuber sieht Verantwortung bei Unternehmen, Entwicklungen hin zu ethischem Konsum voranzutreiben: „Für uns ist es wichtig, den Leuten die Möglichkeit zu geben, sich anders entscheiden zu können. Die Verantwortung für Unternehmen wie uns, die sich das auf die Fahne schreiben, ist natürlich das auf jeden Fall zu erfüllen. Viele Unternehmen springen jetzt auch auf und machen gerade viel zur Social Responsibility, alle Atomstromlieferanten bieten z.B. nun auch grünen Strom an. Es wird versucht, dieses Bedürfnis der Menschen, bewusster zu konsumieren, zu erfüllen. Es ist wichtig für Unternehmen wie uns, wirkliche Alternativen anzubieten und nicht irgendwas anzubieten, damit die Konsument_innen ein gutes Gewissen haben. Natürlich sind wir dann auch in der Verantwortung das auch durchzuziehen und sich nicht aufweichen zu lassen.“

Allerdings sieht sie auch eine Verantwortlichkeit, die sich zwischen Unternehmen und Konsument_innen aufteilt: „Je mehr Aufmerksamkeit wir kriegen, desto mehr Alternativen werden entwickelt. Wir haben inzwischen viele Anfragen von großen Unternehmen. Esprit z.B., das ist ja eine riesige Marke und die fangen an vegane Schuhe zu machen. Und auch bei anderen großen Schuhanbietern z.B. im Internet, gibt es inzwischen eine Abteilung mit veganen Schuhen. Ich denke, dass man als Konsument Macht hat oder eine gewisse Entscheidungsgewalt. Du kannst als Konsument_in durch deine Nachfrage die Alternativen vorantreiben, sodass Politik und Industrie sehen: Aha, da gibt es Nachfragen und wir müssen uns dahingehend entwickeln. Es ist ein Zusammenspiel, ich glaube sowas wie die Intensivtierhaltung, wird sich nur verändern, wenn ein Gesetz erlassen wird. Aber so ein Gesetz wird natürlich nur erlassen, wenn ein Wertewandel entsteht, wenn Konsument_innen gemeinsam mit den Unternehmen, die Alternativen bieten und der Politik, an einem Strang ziehen. Dann glaube ich, dass sich da tatsächlich was verändert in Zukunft. Normalerweise sagt man ja bestimmt das Angebot die Nachfrage, aber in dem Fall ist es andersrum.“

Ethischer Konsum als Trend oder längerfristiger gesellschaftlicher Wertewandel ?
Barbara Engel sieht zwar die Gefahr, dass manche Unternehmen die Ideen des ethischen Konsums nutzen, ohne wirklich einzuhalten, was hinter dem Konzept steht, jedoch glaubt sie auch an positive Auswirkungen, wenn große Unternehmen anfangen, nachhaltige Sachen zu produzieren: „Natürlich gibt es immer Leute, die bestimmte Dinge zu ihren Gunsten ausnutzen ohne dass sie wirklich was tun, das werden sie nie vermeiden können. Jedoch sind die wirklich konsequent ökologischen Unternehmen verhältnismäßig klein. Wir machen im Verhältnis eher geringen Umsatz und haben wenig Kunden. Wenn allerdings ein ganz großes Unternehmen, ein richtiger global Player, auch nur ein Produkt bei sich in der Produktsparte ändert, kann das für die Sache unter Umständen ein richtig großer Fortschritt sein.

Das ist vielleicht nur das eine Produkt und das ist nur ein kleiner Klecks auf das gesamte Unternehmen gerechnet. Aber wenn man es global betrachtet und sich zum Beispiel die Bio-Baumwolle ansieht, die Menge Bio-Baumwolle die wir verbrauchen oder die, die ein multimillionen Modeanbieter kauft, da reden wir von ganz anderen Summen und natürlich bewirkt es was. Man kann den Unternehmen dann vorwerfen: Ihr macht nur ein Produkt ökologisch, man kann aber auch sagen, selbst dieses eine Produkt ist tatsächlich weltwirtschaftlich gesehen schon ein riesiger Gewinn für die Umwelt, weil da Tonnen Baumwollen biologisch geerntet werden und das tatsächlich ein Impact hat auf Umweltschutz.“

„Aus meiner Sicht ist das nichts, was irgendwann wieder zurückgehen wird, sondern das ist der Zug der Zeit. Selbst die großen Industrieunternehmen haben mittlerweile ganze Bereiche gegründet, wo sie sich ganz massiv damit beschäftigen, wie wir zukünftig nachhaltiger arbeiten können.“

Zur Frage ob ethischer Konsum ein Trend ist, antwortet sie: „Das hat nichts mit einer Mode zu tun oder mit einem kurzfristigen Trend. Das ist eine ganz lange Entwicklung, dass die Menschheit erkennt, dass man sein Verhalten ändern muss. Da haben sie keinen Einbruch in irgendeiner Form in der Öko-Branche, sondern das ist kontinuierlich so, dass immer mehr Menschen denken: Ich muss mein Konsumverhalten verändern oder ich muss andere Produkte kaufen. Aus meiner Sicht ist das nichts, was irgendwann wieder zurückgehen wird, sondern das ist der Zug der Zeit. Selbst die großen Industrieunternehmen haben mittlerweile ganze Bereiche gegründet, wo sie sich ganz massiv damit beschäftigen, wie wir zukünftig nachhaltiger arbeiten können. Da wünscht man sich natürlich als ökologischer denkender Mensch, dass das schneller geht, aber da ist ganz viel auf dem Weg, das darf man nicht unterschätzen.“

Andrea von der Heydt ist hier skeptischer: „Es ändert sich ein bisschen. Ob es jetzt die ganze Welt ändern wird, glaube ich nicht. Viele beschäftigen sich da gar nicht mit. Es sind zwar immer mehr Menschen, aber der größte Teil – glaube ich nicht dran. Es wäre schön, aber ich glaube es wird immer nur ein Hype werden. Genauso wie vegan. Das gibt es schon seit über 100 Jahren jetzt ist es grad der Hype, ob es in 20 Jahren noch so ist – vielleicht gibt es dann genauso viele Veganer wie vor 100 Jahren, wenn es dann nicht mehr so hip ist.“

Nadine Räuber sieht den aktuellen Trend, glaubt aber auch daran, dass ein gesamtgesellschaftliches Umdenken stattgefunden hat: „Es ist auf jeden Fall gerade ein Trend. Ich glaube aber auch, dass Themen wie Umweltschutz mehr in den Fokus gekommen sind, dass die Generation, die jetzt in den 20ern oder 30ern ist, mehr darüber gelernt hat. Ich hab zumindest in der Schule schon gelernt, dass man dringend was machen muss, damit der Regenwald nicht abgeholzt wird oder dass die Ozeane nicht überfischt werden. Wir sind vielleicht mehr mit diesen Problemen aufgewachsen als unsere Eltern, weil die Probleme ja auch viel akuter und dadurch gesellschaftlich auch mehr Thema sind. Ich hoffe, dass das ein Wertewandel ist. Niemand findet Massentierhaltung gut, es ist nur so, dass diese industrielle Entwicklung so schnell ging, dass viele Menschen das gar nicht mitgekriegt haben. Und jetzt, wo das halt immer mehr Thema ist, es sichtbarer ist, findet ein Umdenken statt. Man sieht es ja auch an Gesetzesentwürfen, die es schon gibt. Natürlich würde man sich da mehr wünschen, aber es ist im Gegensatz zu früher ein ernst zu nehmendes Thema geworden.“

Für Lothar Hartmann ist hingegen klar: „Ethischer Konsum und eine bewusste Lebensweise sind ein Megatrend. Der gesellschaftliche Wandel hin zu mehr Lebensqualität für uns und andere Generationen hat zwar erst begonnen, wird sich jedoch dauerhaft durchsetzen (müssen).“

Kein Fazit
Spätestens jetzt ist alles gesagt, was es zum Thema ethischer Konsum zu sagen gibt. Oder auch nicht. Wir kommen jedenfalls hier zum Schluss und könnten wohl ein 50 Seiten langes Fazit schreiben, in dem wir Tipps geben könnten, was mensch jetzt tun kann, Literaturverweise zur weiteren Info aufführen und uns nochmal so richtig über die Gesamtscheiße auslassen. Das tun wir aber jetzt mal nicht. Ihr seid schon groß und könnt selber denken, euch Bücher besorgen, Dokus gucken etc. – es gibt echt hunderte mit guten Ideen, was mensch so tun kann. Das wollen wir jetzt hier nicht auch noch aufbereiten. Außerdem wirkt das so, als sei dies der Weisheit letzter Schluss und das ist es nicht. Es sind nur einige, wenige Perspektiven auf das Thema.

Deswegen als kleinen Abschluss nun ein Ausschnitt aus einer der zahlreichen Diskussion die wir in den letzten Monaten miteinander geführt haben, in denen wir uns so oft gefragt haben, warum wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen und welche Standpunkte wir hier eigentlich ganz persönlich vertreten.

Jonas: Es gibt ja auch noch das Klimaabkommen aus Paris jetzt, ganz aktuell. Das ist ja auch irgendwie was. Scheint ja auch etwas radikal formuliert zu sein, so mit einer langfristigen Perspektive. Vielleicht taugt das ja was. Vielleicht hat sich das, was wir geschrieben haben schon alles überholt?

Sabrina: Ne, auf keinen Fall. Es wurde nur endlich mal das fest geschrieben, was längst überfällig war: Keine Erhöhung der Erderwärmung über 1,5°C, Ausstieg aus der Braunkohle, Treibgasemissionswerte senken und sowas. Ich will nicht meckern, Expert_innen bestätigen ja, dass das ein enormer Schritt ist. Solche Änderungen müssen ja auch erstmal in solchen Abkommen festgeschrieben und von vielen Ländern unterzeichnet sein, um mal ne Arbeitsgrundlage zu haben. Und das zeigt ja vielleicht sogar einen Wertewandel an, denn offenbar ist doch vielen Ländern klar, dass das Thema global und umfassend angegangen werden muss. Auch dass die Auswirkungen des Klimawandels die Länder des globalen Südens stark betrifft, diese aber schlechtere Möglichkeiten haben Schutzmaßnahmen ergreifen zu können, wurde anerkannt und finanzielle Unterstützung durch den globalen Norden zugesagt. Doch spätestens da sehe ich halt das Problem: Ich frage mich, ob es nicht nur Symptombekämpfung ist, denn die Ursache der ganzen Probleme liegt doch woanders, z.B. am auf Profitmaximierung orientierten Wachstumsparadigma und eben Überkonsum. Und um das zu ändern müssten grundlegendere Veränderungen der Lebensstile im globalen Norden her-aber da ist es halt einfacher Zahlungen zu leisten, statt was an den Lebensstilen und dem Wirtschaftswachstum im eigenen Land zu ändern. So bleiben die Länder des globalen Südens auch weiterhin abhängig von den Ländern des globalen Nordens und die Hierarchien werden nicht abgebaut.

J: Klar, aber das ist ja der erste Schritt irgendwie. Ob das jetzt alles zum Erfolg führen wird weiß kein Mensch. Aber an Veränderungen hängt so viel dran, viele Lobbys und wirtschaftliche Strukturen. Ist halt die Frage was mensch davon erwartet. Von so einem Klimaabkommen, was nur die Politik beschließt. Eigentlich sollten da ja auch Unternehmen beteiligt werden. Die haben sich ja an nichts gebunden jetzt. Und ist die Frage inwiefern Regierungen denen jetzt was vorschreiben können und wollen. Der Kapitalismus wird sich ja nicht von heute auf morgen abschaffen. Das sind ja zwei sehr gegensätzliche Perspektiven. Einerseits die Ausrichtung an einer ökologischen Nachhaltigkeit und Nationalstaaten, die vom Kapitalismus abhängig sind beziehungsweise auf ihnen aufgebaut sind. Ich mein klar, das sollte alles jetzt und sofort passieren. Es ist ja eigentlich schon zu spät. Nur muss ich aufgrund dieser Annahme jetzt denken, dass es schon zum Scheitern verurteilt ist?

S: Naja, ich mein eines der wichtigsten Ziele sollte ja ein Wertewandel sein und das schafft mensch erstmal nicht durch autoritäre Lösungen, nach dem Motto: Ihr müsst jetzt alle. Das kann vielleicht ein Stück weit funktionieren, aber Zwang ist meist nicht so nachhaltig wirksam, als wenn alle es wollen, Stichwort Anreizsysteme für Unternehmen schaffen oder dass jede_r erstmal versteht, warum es wichtig wäre. Und so ein Wertewandel impliziert ja auch Wissen. Und viele Menschen wissen einfach nicht genug über die Zusammenhänge zwischen (Über)Konsum und Klimawandel, dass muss dringend in die Lehrpläne an Schulen, in die Ausbildungen von Lehrer_innen, Ökonom_innen etc.. Wenn ich mit dem Thema schon früh in meinem Leben konfrontiert bin und ich vielleicht ein Gefühl dafür entwickle, dass auch ich etwas ändern kann, dann interessiert es mich vielleicht auch mehr. Deswegen ist Bildung die eine Seite.

Eine andere Seite, die den Wertewandel vorantreiben könnte und die implizierten Ungleichheiten bzgl. des Themas Konsum abbauen könnte, betrifft auch das Bildungssystem an sich: Inklusive Bildungssysteme ist das Stichwort. Wir leben in einem System, dass uns von klein auf aufgrund unserer Fähigkeiten, unseres Geschlechts, unserer sozialen Herkunft etc. bewertet und unterteilt. Wenn wir lernen würden, dass jede_r Mensch Stärken und Schwächen hat, wir aber dennoch trotzdem eine Gesellschaft sind und wir in einem System leben würden, in der alle Fähigkeiten als wertvoll anerkannt würden und nicht nur die dem kapitalistischen System zuträglichen, dann wäre es vielleicht mehr Leuten nicht egal, wie es den anderen, nicht so privilegierten Menschen geht.

Und wir würden vielleicht nicht mehr nur kapitalistischen Leistungsverwertungslogik geprägten Lebensentwürfen folgen, sondern mal schauen können, was uns wirklich wichtig ist – und dass auch Lebensentwürfe, die anders gehen als Geboren werden, Schule, Arbeit, Konsumieren, Sterben, okay und möglich sind. Vielleicht würde das Solidarität fördern, denn in alternativen Lebensentwürfen wird schnell klar, dass ich mich mit anderen zusammen tun muss, um etwas zu schaffen. Wenn ich nicht mehr nur mich im Fokus habe, sondern praktisch lerne, dass alles irgendwie zusammenhängt, auch mein Verhalten Auswirkungen auf andere hat, dann ändere ich vielleicht was. Aber wir begreifen ja nicht mal die Zusammenhänge zwischen Flucht und unserem Überkonsum. Das sollen wir vielleicht auch gar nicht wissen, denn dann kann die CSU schlechter ihre Ideen von Obergrenzen für Refugees ans Volk bringen.

J: Sicher, volle Zustimmung. Zu meinen, dass wir das Klima retten können, indem wir ein Klimaabkommen beschließen ist ja auch zu kurz gedacht. Besser kann mensch „nicht aus der eigenen Komfortzone rauskommen wollen“ kaum beschreiben. Du wirst ja in der Gesellschaft nicht ökologisch nachhaltig, wenn du sozial und ökonomisch keine Lust auf Veränderungen hast. Aber wohin geht es denn dann? Politik ist halt scheiße langsam, aber soll ich mich jetzt damit abfinden, dass es das war mit den Bemühungen? Es ist leicht sich jetzt in die Ecke zu stellen und zynisch zu sagen „Fuck it! Ist ja alles nur Gelaber. Der Laden ist ja eh schon vor die Hunde gegangen…“ Das hängt immer damit zusammen, dass wir meinen, dass sich das System dann irgendwann selbst überholt und es einen Knall gibt. Und dann war‘s das. Dann gibt’s das Leben nicht mehr, was wir uns so konstruiert haben. Vielleicht fahren wir alle auf unseren eigenen Booten über die Weltmeere und jeder versorgt sich selber, indem er ein paar Fische fängt, so Waterworld mäßig. Aber das sehe ich irgendwie nicht und das ist auch so verlogen. Realitätsnäher wäre es doch, wenn wir uns mal Gedanken machen, dass unsere Strukturen weiter Menschen verhungern lassen werden und Kontinente ruiniert werden. Und nicht von jetzt auf gleich, sondern langsam quälend. Will ich eine Zukunftsvision mit der ich nichts mehr zu tun habe, kann ich mir auch einen Blockbuster aus Hollywood angucken.

S: Ich will Dir da gar nicht widersprechen – ich möchte das auch gar nicht so schlecht bewerten, ich sehe nur den Ansatz verfehlt: Das grundlegende Problem ist doch, dass wir uns so verdammt wichtig nehmen, dass wir nichts dagegen tun, dass andere für uns unter schlimmen Bedingen arbeiten müssen, dass wir unser Fleisch haben wollen, weil wir unseren Genuss nicht umstellen wollen, dass wir sogar unsere toten Körper noch in teuren Holzsärgen unter die Erde bringen lassen. Wir sehen gar nicht mehr, dass wir so wichtig nicht sind, als dass uns irgendetwas von unseren Luxuskonsumgüter zusteht, während andere dafür leiden müssen. Und das ist doch auch die Grundlage für mangelnde Solidarität in einer Gesellschaft: Erst ich und dann die anderen.

Ich weiß das klingt jetzt echt nach Zeigefinger und so, aber ich finde da ist was Wahres dran: Ich muss mal ab und zu mein Ego nicht über allgemeine Bedürfnisse stellen. Das ist jetzt nicht die Lösung für alles, aber wenn wir mal aufhören unseren Spaß und unser Festhalten an so vielen Dingen, die uns eh nicht glücklich machen, in den Fokus zu rücken, dann wäre das ein guter Ansatz. Ja, ich weiß Bescheidenheit und so, veraltete Werte – aber die Idee, dass wir so wichtig sind, ist ja praktisch vom Konsumismus produziert, denn nur wer das glaubt, gibt ja auch viel Kohle für das eigene Image, Aussehen und Spaß aus. Solidarisierung mit anderen und ein Ausstieg aus einem Leben, wo wir vereinzelt und Ent-Solidarisiert leben, konsumieren und so dem System nützen, heißt auch immer dem System den Mittelfinger zeigen.

J: Ja, schwierig. Ich glaub, dass wir uns gar nicht nehmen – irgendwie. Wir sind halt nach unserer Auffassung kein Teil des Zusammenhangs. Und haben deswegen auch keine Zukunft Es ist ja keine neue Erkenntnis, dass wir das noch erkennen müssen. Das wir halt der beschissene Teil einer globalisierten Welt sind. Globalisierung ist halt nicht nur, dass unsere Produkte irgendwo her kommen, sondern dass sie ganz bestimmte Auswirkungen haben. Aber um das zu verstehen, glaube ich, wäre es extrem sinnvoll, sich einzugestehen, dass das nicht irgendwann aufhört. Wir sind so eine komische Generation, die kaum eine Vorstellung von Zukunft hat. Was kommt jetzt noch? Wird’s wie bei Star Wars? Oder kommt der große Krieg? Wofür die ganze Reflektion und die Bemühungen, wenn ich mir die Zukunft nicht vorstellen will?

S: Das stimmt natürlich. Ich habe aber keinen Bock darauf mir eine Zukunftsversion zu malen, in der Amazon zwar der größte Konzern der Welt ist und eigentlich gar keine anderen unabhängigen Unternehmen mehr existieren können, aber nur ethisch produzierte Sachen verkauft, Sprit so teuer ist, dass sich den nur noch die Reichen leisten können und alle fairen Kaffee trinken. Das ändert nix an den Ungerechtigkeiten, weil wir so nie alle das gleich haben können – denn das würde nicht funktionieren. Wir würden ja weiter überkonsumieren. Und wie wir gesehen haben liegt die Lösung darin, dass nicht mehr zu tun. Das kann natürlich nicht der/die einzelne Konsument_in verändern-da muss halt auf allen Eben was gemacht werden.

J: Genau. Aber da kommen wir auch irgendwie zusammen. Stelle ich mir erstmal vor, was aus unseren Perspektiven entstehen kann, dann kann ich kritisieren und verändern auch. Und dazu gehören halt erste Schritte. Kann ja sein, dass das Klimaabkommen zu nichts taugt. Für sich alleine. Aber vielleicht geht’s dann ja generell in Richtung einer gerechteren Gesellschaft. Erste Schritte musst du aber auch nur machen, wenn du irgendwo hinwillst. Momentan habe ich eher das Gefühl, dass die meisten Menschen so gemütlich auf dem Sofa warten, bis um sie herum eh alles zusammenbricht. Ich mein, viel menschenfeindlicher kann es dann ja auch nicht werden. Wir wissen genau, dass sich bei uns noch am wenigsten verändern wird aufgrund unseres Verhaltens.

Und fühlen uns dann bedrängt, wenn andere uns darauf hinweisen. Aber es geht halt ausnahmsweise mal nicht um uns. Das ist ja immer so selbstbezogen. Das Schlimme ist ja, die meisten hören jetzt: „Das darfst du nicht mehr kaufen…“. Ist ja nicht so als würde es ansonsten nicht genug um uns gehen. Sollte nicht irgendwas anderes bei uns ankommen? Was genau, weiß ich auch nicht so recht. Aber mich erinnert das so an das beleidigte Kind, dass auf dem Schulhof steht und angepisst ist, weil ihm oder ihr verboten wurde die anderen Kinder zu schlagen. Das beschäftigt sich ja auch nur mit sich selbst. Was die anderen wollen oder wie sie fühlen. Egal – wir sind jetzt erstmal beleidigt. Davon wird ja auch nichts besser.

Wir bedanken uns bei Lothar Hartmann von der memo AG, Barbara Engel von der Triaz Group, Andrea von der Heydt von FairBleiben, Nadine Räuber von avesu und Thomas Zigahn von Tanz auf Ruinen für die Interviews, sowie bei Sarah und Robert für`s beraten, Korrektur lesen, diskutieren und aushalten.

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Von Sabrina Schramme und Jonas Schmeinck

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