März 2nd, 2020

KRANK aus #184, 2017

Posted in interview by Jan

Krank.


Könnt ihr euch bitte kurz vorstellen? Name, Alter, Job in Krank, andere Bands/Projekte, Lieblingsgetränk, Lieblingspunksong oder so?
Stulle: 36. Schreien. Schrottmusik. Mate. „Wir müssen hier raus“.

Hoeter: 32. Trottelgitarre a.k.a. Bass. Kaffeejunkie und Pfeffi-Liebhaber. Punksong? „Pogo im Bus“ von Zeckenpest. Wer den nicht kennt, sollte das schnellstens nachholen. Haha. Nee, im Ernst, mir fällt gerade nicht DER eine Song ein. Wohl eher MLIW mit „By The Sea“ oder Trial „War By Other Means“ oder so.

Mausi: Gefühlte 26 mit Knieproblemen (Morbus Osgood-Schlatter). Schießbude, auch bei Farting Hearts und Piff&Paff. Lieblingsgetränk: Pfeffi mit Schulterblick. Lieblingssong: Randy „Where our heart is“.

Stütze: 30. Gitarre. Piff&Paff. Dosenbier und Kaffee. Destiny‘s Child „Say my Name“.

Gibt es Momente, in denen ihr euch als Ü30-Band schon zu alt für Punkrock fühlt? Oder ist das Thema Alter kein Thema für euch? Stichwort “Jugendsubkultur”, “In Würde altern” und so Zeug.
Stulle: In Würde altern ist heutzutage doch eh völlig unmöglich. Ich habe vorher noch nie in ’ner Band gespielt, der Einstieg ist also noch jenseits der 30 möglich. Sicher ist das Ganze nicht so einfach, weil Konzerte immer mit Lohnarbeit und Familie koordiniert werden müssen. Zum Glück ist die „Szene“ sehr altersheterogen, es kommt also selten vor, dass ich mich zu alt fühle.

Hoeter: Ich fühl mich jeden Montag nach ’nem Konzertwochenende zu alt für den Scheiß. Ansonsten ist tatsächlich das Hauptproblem, dass wir unsere Konzerte ewig im Voraus planen müssen, weil wir das sonst nicht koordiniert bekommen. Interessanterweise sind auch viele von den Veranstalter_innen, die uns so anfragen und bei sich beherbergen, schon Ü30. Punk/HC als „Jugendsubkultur“ ist denke ich nur ein kleiner Teil der aktiven Szene. Viele, die wirklich aktiv in Bands oder Konzertgruppen involviert waren, bleiben dem Ganzen auch Ü30 noch erhalten. Das Ganze findet dann eben oft in geringerem Umfang statt. Ich geh zum Beispiel auch kaum noch auf Konzerte, weil ich es einfach nicht schaffe und mich auch nicht mehr jede Band interessiert die irgendwo auftaucht.

Mausi: Im Gegensatz zu Stulle bin ich bereits seit dem 13. Lebensjahr in Bands und schon etwas rumgekommen. Dadurch habe ich ab und zu Sätze im Kopf wie „Du bist zu kapot für diese Scheiße“ oder „Hör endlich auf mit dem Scheiß, du bist zu alt“ – aber das unbeschreibliche Gefühl, wenn man mit einer Band unterwegs ist, lässt mich nicht aufhören, ich brauche das einfach. Wahrscheinlich geistern diese Sätze noch in meinen Kopf rum, wenn ich 70 bin.

Stütze: Mein Körper ist definitiv zu alt für den Kram. Nach Konzertwochenenden oder einer Tour hänge ich massiv durch. Der reguläre Arbeitstrott zwingt mich jedoch einfach weiterzumachen. Von mir aus würde ich dennoch gerne noch mehr Konzerte spielen. Ü30 hin oder her, unabhängig vom Alter geht es um die Motivation und die Leidenschaft

Okay, verstehe ich gut. Bei mir is so, dass ich jetzt 40 geworden bin und mich dann schon oft frage, ob ich nicht irgendwie hängen geblieben bin. Gerade, wenn ich mir dann ehemalige Weggefährten/-innen anschaue, die dann so eher gesettlet haben und sich dem “richtigen Leben” zuwenden. Ist das für euch auch ein Thema? Diese Frage „Was mache ich hier eigentlich noch?“ Oder steckt ihr dazu viel zu sehr in der Band und den anderen Sachen drin?
Mausi: Was beinhaltet denn das „richtige Leben“? Meines Erachtens muss das jede*r für sich selbst entscheiden. Wer Bock auf’n Golf Variant, drei Kids und ’ne Doppelhaushälfte mit Garten in Buxtehude hat und damit glücklich ist, soll dieses Leben eben leben. Ich habe seit Oktober eine kleine Tochter, die mich total glücklich macht, ich mag auch meinen Job sehr. Krank läuft dezentral, aber eben etwas mehr als nur hobbyesque und solange es mir Spaß macht, Platten zu schreiben, möchte ich das tun. Für mich ist das eben das „richtige“ Leben.

Stütze: Meiner Meinung nach kann und sollte man da nichts trennen. Ich bin glücklicher Vater, lege sicher mal ein bisschen Knete zu Seite und fahre ein Auto ohne TÜV-relevante Roststellen. Trotzdem kann ich eine Meinung zu Themen haben und mich aktiv meinem Gegenüber stellen. Ich trinke gerne Pfeffi und kann trotzdem meiner Tochter einen Zopf flechten und sie in die Kita bringen.

Hoeter: Ohne TÜV-relevante Roststellen vielleicht, Stütze, aber letztes Jahr ewig ohne TÜV rumgefahren. Aber viele halten uns sicherlich auch für Spießerpunks. Bis auf Stulle haben wir alle Nachwuchs und führen alle Vier ein geregeltes Leben. Trotzdem hat sich an unserer Leidenschaft und Einstellung über die Jahre nicht viel geändert, wir sind nur eben zeitlich nicht mehr so flexibel wie mit Anfang zwanzig.

Stulle: Da ich als Einziger noch immer so flexibel bin, wie mit Anfang zwanzig, hab ich lernen müssen, auf die linken Spießer Rücksicht zu nehmen. Aber mal im Ernst, ich finde das total super, zusammen mit den Typen und deren Kindern zu Hause, im Park oder auf’m Spielplatz abzuhängen. Ich tüdel gerne mit denen rum und pass auch mal auf die auf oder fahr mit Hoeter und seiner Familie in den Urlaub. So wie wir das gestalten ist das auch irgendwie Punk.

Wer ist auf diesen unglaublichen Bandnamen gekommen? War der konkurrenzlos oder gab es noch ähnlich knallermäßige Vorschläge?
Stulle: Den Namen hat Joao uns gegeben und zwar tatsächlich, weil ich ständig krank bin und mein Spitzname/Pseudonym daher auch gefühlt schon immer „Sick“ war. Daher war der Name in der Tat konkurrenzlos.

Hoeter: Spätestens seit der Tour letztes Jahr haben wir uns den allerdings auch im Kollektiv verdient.
Stütze: Ist doch eh alles und jeder krank. Wer bislang noch gesund ist wird früher oder später krank.

Stulle: Definitiv. Da haben wir dem Name alle Ehre gemacht. Besonders Mausi, der ist erstmal im Bett geblieben.

Was genau war da los auf der letzten Tour? Kollektiv Magen-Darm oder wie?
Stulle: Mausi und ich haben uns drei Tage vor der Tour zufällig im Wartezimmer beim Arzt getroffen. Ich hatte Fieber mit Todeshusten und Mausi ’ne Mittelohrentzündung. Mausi musste also wie schon gesagt erstmal zu Hause bleiben und ich hab mich in den Tour-Van geschleppt und über die Tour so vor mich hinvegetiert. Und nach und nach wurden dann alle krank, auch Teenage Hate, R.I.P.

Hoeter: Danny von Teenage Hate / Vitamin X hat uns da echt die Tour gerettet. Der hat einen Tag vor der Tour unser Set, allein mit Platte auf den Ohren, trommeln gelernt. Die erste Probe gab es dann beim Soundcheck vor der ersten Show. Das war echt abgefahren. Wir waren echt alle hart angeschlagen. In Graz eilte uns unser Ruf schon voraus, und die dritte Band hat uns und den Backstage Bereich gemieden, um sich nicht anzustecken. Mausi kam dann aber Mitte der Tour dazu und wir haben es alle überstanden und trotzdem ’ne hammergute Tour gehabt.

Mausi: Danny ist sozusagen der Travis Barker Doitschlands. Das war schon krass, ich im Bett, habe kaum etwas gehört, Gleichgewichtsprobleme, und die Jungs auf Tour. Schlechtes Gewissen pur, aber später war es knallermäßig.

Stulle: Auf jeden Fall. Vor allem der Tourabschluss in Berlin war der Wahnsinn. Womöglich das beste Konzert bislang.

Stütze: Am Abend vor der Tour habe ich krampfhaft versucht, Gitarre zu spielen und die Texte darauf zu singen. Normalerweise brülle ich eh fast alles mit. Das ist dann aber doch etwas ganz anderes. Nach diversen Panikattacken war ich nur froh als Jan dann doch alles gesungen hat. Das wäre ansonsten auch absolut grausam geworden und nur mit reichlich Pfeffi zu verarbeiten.

Wann und wie habt ihr Krank gegründet? Was war die ursprüngliche Motivation für bzw. Intention der Band?
Stulle: Das war im Frühjahr 2012. Joao hatte Bock und ich war sauer. Zur Band wurde das Ding dann erst später, mit diversen Wechseln. Ab und zu hilft Joao auch immer noch aus, wenn Mausi mal nicht kann. Wir sind sowas wie ’ne Flickenteppichfamilie.

Hoeter: Hass auf alle möglichen Dinge ist weiterhin unser aller Antrieb, würde ich mal behaupten. Trotzdem haben wir zum Glück eine Menge Spaß zusammen. Es kann aber auch mal passieren, dass unsere Instrumente unter einem der Gefühlsausbrüche etwas leiden müssen.

Stütze: In mir ist etwas. Das muss halt raus. Krank ist quasi mein Therapeut. Da geht dann halt auch mal was kaputt.

Hoeter: Hoffentlich nicht wieder dein Knie.

Mausi: Stütze, du meinst kapot.

Ich find den Ansatz mit der Band als Therapie und Was-loswerden-können sehr interessant. Klappt das denn? Seid ihr weniger aggro auf Zu- und Umstände durch dieses Ventil?
Stulle: Also bei mir klappt das kein Stück. Hass ist mein Motor, und sicher kann ich Vieles damit besser kanalisieren, indem ich es kreativ umwandele, aber die Zustände machen mich trotzdem unfassbar wütend…und traurig.

Hoeter: Ja das funktioniert tatsächlich oft ganz gut. Sonst hätten wir bestimmt schon die ein oder andere Dummheit mehr angestellt. Aber wie Stulle schon sagt, weniger wütend werden wir alle dadurch nicht wirklich. Es ist eben ein gutes Ventil um dem Ganzen Ausdruck zu verleihen.

Mausi: Stimmt, kognitiv bleibt der Hass auf die Zustände, die mich ebenfalls eher bedrücken. Physisch allerdings sind die Gigs für mich definitiv mehr Therapie, während aber vor allem nach den Auftritten, denn meistens muss mir Hoeter dann den Schweinerücken wieder einrenken.

Stütze: Die Wut und der Hass kommen geballt in 30min raus. In der Regel ist er nach einem Konzert für ca. fünf Minuten etwas weniger…dann geht der Hass weiter und das nächste Konzert kann und muss kommen.

Stellt sich natürlich die Frage, wohin mit dem Hass, wenn’s die Band mal nich mehr gibt. Oder wird das mit dem Alter eh weniger, das mit dem Hass?
Stulle: Solange die Welt so bleibt wie sie ist, bleibt auch der Hass. Bleibt nur ’ne einsame Hütte am Fjord oder in den Untergrund.

Mausi: Je älter man wird, desto mehr begreift man, was eigentlich alles scheiße loift. Das ist nur fjörderlich für den Hass.

Stütze: Der Hass bleibt. Vielleicht fange ich an zu töpfern, wenn ich wirklich zu alt für die Bühne bin.
Stulle: Frag mal Keith Richards, wann der mit Töpfern anfängt.

Witzigerweise habe ich das Gefühl, gar nicht fragen zu müssen, was genau ihr denn so sehr hasst … aber ich mach’s trotzdem mal. Wogegen richtet sich dieser Hass denn konkret bei euch?
Stulle: Staat, Nation, Grenzen, Kapitalismus, kapitalorientierte Stadtentwicklung, Gentrifizierung, G2o (in Hamburg), AFD – besorgte Bürger*innen – Nazischeiße, Politiker*innen, Wendt, Bullen und Bullenstaat, Sexismus, hedonistische Hipster*innen …

Stütze: Die Liste ist scheinbar endlos. Ich schließe mich da Stulle an.

Hoeter: Homophobie, den rassistischen Normalzustand, Sachzwänge…

Stulle: Ja, die Liste IST endlos…

Dumme Frage, sorry. Lässt sich in Songform vielleicht doch etwas eleganter erörtern… Glückwunsch zu Die Verdammten übrigens. Wie zufrieden seid ihr selbst mit dem Album? Hattet ihr irgendwelche Prämissen (inhaltlich oder musikalisch) beim Schreiben der Songs oder nachher im Studio?
Stulle: Danke. Wir sind mehr als zufrieden mit dem Album. Das klingt genauso, wie wir es uns vorgestellt haben. Eine unserer Prämissen war, das Ganze ein wenig trocken und oldschool klingen zu lassen. Angefangen beim Schlagzeug- und Gitarrensound, hat Hauke Albrecht das im rekorder Studio perfekt umgesetzt. Stütze hat zusätzlich zum kleinen Rengelverstärker aus den 60ern noch ’ne olle Gitarre benutzt. Hoeter und ich haben mit David Kressin im Schrottmusikkabuff aufgenommen und Hauke hat dann alles gemischt und gemastert. Ach ja, bei drei Liedern aus Joaos Feder hat Klaus Hoffmann Bass und Gitarre gespielt. Was die Texte angeht, hab ich bzw. haben wir natürlich immer einen politischen und sozialkritischen Anspruch, auch wenn dazwischen mal ’ne persönliche Geschichte erzählt wird.

Hoeter: Ich hab das schon mal woanders gesagt, ich bin immer noch total verblüfft, dass ich mir die Platte selbst anhören kann, ohne dass mir lauter Details auffallen mit denen ich unzufrieden bin. Das ist für mich ein völlig neues Erlebnis. Ich bin also mehr als zufrieden, und das obwohl mir das Einspielen echt wenig Spaß gemacht hat, weil ich mit Arbeit und meinem sonstigen Leben mehr als ausgelastet war, als wir ins Studio gegangen sind. Das Ergebnis ist also umso befriedigender. Thematisch liegt das ja hauptsächlich in Stulles Hand, er schreibt ja aber andauernd Texte über sozio-politische Themen die uns alle beschäftigen und über die wir natürlich auch reden und diskutieren. Irgendwie gibt es dann auch immer einen passenden Text zu den neu aufkommenden Songideen.

Stütze: Im Proberaum und beim Schreiben neuer Lieder verarbeiten wir alle gemeinsam den alltäglichen Wahnsinn. Wichtig dabei ist, dass wir jeden dieser Schritte gemeinsam umsetzen, ohne irgendwelche Anflüge von Selbstdarstellung. Jeder steuert etwas dazu. Wie es der Zufall so will, passt das ganz wunderbar. Stulle schreibt die Texte und füttert uns mit dem Hass, der uns zu dem macht, was wir sind. Krank und kaputt.

Mausi: Stütze, du meinst kapot.

Freut mich zu hören. Gibt ja genügend Bands, die ewig mit so Details ihrer Platten hadern … Gab es nach fünf Jahren und einer Handvoll Releases im Vorfeld von Die Verdammten eigentlich mal Diskussionen, musikalisch Neues auszuprobieren oder anders zu machen? Stichwort “Punk als kreative Sackgasse” …
Stulle: Die Veränderungen haben sich schon allein durch die Besetzungswechsel ergeben. Während bei allen anderen Releases Joao in Bezug auf die Musik federführend war, sind die neuen Lieder gemeinsam im Proberaum entstanden. Aber da können sicher die anderen Typen besser Auskunft drüber geben.
Hoeter: Ja das war tatsächlich durch den Besetzungswechsel ein ganz selbständiger Prozess, dass sich die neue LP von den vorherigen doch unterscheidet.

Bisher kam ja wirklich alles bis auf die Texte aus Joaos Händen und nun hat Stütze den Hauptanteil an Ideen geliefert und wir haben die dann gemeinsam im Proberaum entwickelt. Das gab es so vorher bei Krank überhaupt nicht. Dadurch mussten wir uns gar nicht die Frage stellen, ob wir etwas anders machen wollen. Das Schöne ist ja aber, dass Joao immer noch einen Teil der Songs geschrieben hat und es im Ganzen eine super Platte mit verschiedenen Facetten geworden ist, ohne dass wir das Gefühl haben, es wäre irgendwie auf Zwang zusammengeschustert.

Mausi: Dafür ist auch der einheitliche Sound verantwortlich, bei dem wir uns viele Gedanken gemacht haben. Das spannende an Krank für mich sind die verschiedenen Facetten, die in uns wohnen. Ich persönlich höre so viel unterschiedliche Musik – häufig auch aus technischem Interesse – die dann automatisch mit in Krank einfließt. Daraus entsteht eine Art „Ausloten der Grenzen“, was im Punk möglich sein kann. Sollte die Gefahr bestehen, diese Grenzen zu überschreiten, grätschen die anderen, positiv gemeint, rein und schlagen eine Alternative vor. Das Ergebnis kann sich wirklich hören lassen und ist alles andere als eine kreative Sackgasse.

Stütze: Die Dinge passieren einfach. Wir sitzen zusammen und fangen an. Durch unsere wirklich gute Zusammenarbeit sind wir in der Lage, unsere individuellen Stärken und Interessen einfließen zu lassen. Sollte etwas wirklich unpassend klingen, darf und muss man das auch anmerken, ohne knallende Proberaumtüren. Unsere Musik/Sound/Songs ist wie ein Punkername. Man macht sich darüber keinen Gedanken oder denkt sich möglichst abenteuerliche Sachen aus. Man hört in sich rein und macht. Alles andere ist kacke und falsch.

Sollte nur ein bisschen provozieren, die Frage. 😉 Ich finde nämlich sehr wohl, dass Die Verdammten ziemlich vielseitig geworden ist. Vielleicht sogar abwechslungsreicher im Vergleich zu euren früheren Releases. Ich denke, meine Frage hatte den Hintergrund, dass „man in dem Alter“ normalerweise schon einen ziemlich breiten Musikhorizont hat, was Mausi ja auch bejaht … und trotzdem spielt man das Zeug, das man schon mit sechzehn geil fand … Wie sind denn die Reaktionen auf das neue Album? Mir kommt es so vor, als gäbe es seit einiger Zeit einen Hype um diese „(Post)-Punkband mit deutschen Texten“-Kombination. Das Feuilleton ist voll davon, Bands wie Turbostaat sind in den Charts. Merkt ihr mit Krank davon etwas?
Stulle: Wir haben bislang viel positives Feedback bekommen und uns über ein paar sehr schöne Kritiken freuen dürfen. Was den Hype angeht, werden seit geraumer Zeit pauschal alle Bands die „Rockmusik“ mit deutschen Texten machen in einen Topf geworfen. Das fing mit diesen ironischen Deutschpunkbands an und geht jetzt über in Richtung Schlager. Und nebenher gibt es noch unfassbar viele Turbostaat-Klone. Wie sich das Ganze auf uns auswirkt, kann ich allerdings nicht einschätzen. Ich glaube, dass wir uns da doch eher in einer Nische befinden, die nicht so massenkompatibel ist, in der wir uns aber auch sehr wohl fühlen.

Hoeter: Der Turbostaat-Vergleich taucht natürlich immer mal wieder auf, und es gibt tatsächlich in den letzten Jahren einige Bands die in deren Fahrwasser etwas größer geworden sind. Leider sind viele eben doch nur „Klone“ und haben musikalisch und textlich nicht so viel Neues zu bieten. Wir versuchen, da immer ein bisschen Distanz zu halten und in unserer Nische zu bleiben. Ein paar Mal haben wir ja auch mit Turbostaat gespielt, und das war auch total nett mit den Jungs, aber wir mussten immer wieder feststellen, dass das nicht unsere Welt ist. Wir stehen lieber in ’nem kleinen Kellerloch auf dem Fußboden vor fünfzig Leuten als auf ’ner größeren Bühne.

Stütze: Ich befürchte schon, dass wir etwas davon spüren. Ich werde oft darauf angesprochen, ob es nötig ist vor der Bühne rumzuhampeln oder gar Leute anzurempeln. Das Gefühl vom ZDF-Fernsehgarten ist da auf jeden Fall präsent. Auswirkungen hat das Ganze aber definitiv auf uns …

Ich wollte gar keinen Turbostaat-Vergleich aufmachen. Musikalisch hätte das vielleicht vor zehn Jahren gepasst, textlich wahrscheinlich nie. Ich finde sie nur sehr interessant in dieser ganzen Entwicklung … Da scheint sich viel anzunähern. Punk, auch wie wir ihn kennen, ist sehr viel gesellschaftsfähiger und feuilletonkompatibler geworden. Seht ihr das auch so?
Stulle: Das hatte ich auch gar nicht so aufgefasst. Ich finde allerdings, dass Marten so ziemlich der beste Texteschreiber überhaupt ist. Oft wird versucht, das zu kopieren. aber alle scheitern kläglich daran. Dass Musikrichtungen sich von subkulturellen Protestbewegungen zu massenkompatiblen Waren wandeln, ist auch kein neues Phänomen. Dieses Spiel müssen wir ja zum Glück nicht mitspielen.

Es gibt natürlich in diesem Fahrwasser genügend Bands, die offenbar Bock darauf haben „größer“ zu werden. Wir haben eben schon gesagt, dass wir sehr gern in unserer Nische hocken, es allerdings schön ist, wenn das was wir machen auch außerhalb der „Szene“ Gehör findet. Gerade bei „Brot & Spiele“ hatten wir schon das Anliegen, dass möglichst viele Menschen das Lied mitbekommen und am besten auch das Video angucken…hat aber leider nicht so richtig geklappt.

Hoeter: Ja klar sehen wir das auch, dass Punk immer gesellschaftsfähiger wird. Allerdings werden ja heute viele Bands als Punk bezeichnet, die noch in den Neunzigern Pop/Rock-Bands gewesen wären. Oft liegt es einfach an deren Wurzeln in der HC/Punk-Szene. Das gab es ja auch schon vor zwanzig Jahren mit den Cali-Pop-Punk-Bands. Wir haben da ja wie schon gesagt eigentlich keinen Bock drauf, und doch lassen wir uns immer wieder dazu hinreißen, Sachen wegen des Inhalts – wie zum Beispiel bei „Brot & Spiele“–durch die Visions oder andere größere Kanäle bewerben zu lassen, obwohl das einfach nicht unsere Welt und auch nicht unser Publikum ist.

Mausi: Das hat natürlich auch mit den neuen Medien zu tun. Früher ist man mit dem Fahrrad ins JUZ gefahren und hat sich eine Band angeschaut, die dann vielleicht mal ein Tape dabeihatte. Heute sind die Zugänge durch Bandcamp und Co. viel leichter, was dann Verbreitung massenkompatibler Ware erleichtert … Massenware zu Lasten der Idee des Punk sozusagen.

Stütze: Meiner Meinung nach wird viel zu schnell von Punk geredet. Ich schließe mich da Hoeter und Mausi an. Durch die vielen Einflüsse ist die Musik nun leider aber auch kurzweiliger geworden und ist schnell ersetzbar. Postet eine Band eine Woche lang nix gilt sie als ausgestorben. Dass in dieser Zeit Konzerte gespielt werden scheint immer weniger Leute zu interessieren.

Könnt ihr was zu dem Song „Katjuscha“ sagen? Soll jetzt keine Interpretationshilfe werden oder so … aber vielleicht gab’s in dem Zusammenhang ja konkrete Erlebnisse, Aha-Momente oder so?
Stulle: Nee, konkrete Erlebnisse gab es da nicht. Aber natürlich hatte ich beim Schreiben des Textes, eine bestimmte Gruppe vom Planeten Erde im Kopf. Das Lied greift also auf, was in der vorherigen Frage schon Thema war. Es gibt Bands, die sehen sich als Künstlerkollektive und machen für mich inhaltsleere Musik, nur um der Kunst willen. Andere wiederum dreschen nur hohle Phrasen.
Hoeter: Das ist dann wohl eher ein Fall von „Punk als kreative Sackgasse“. Da wird ein künstliches Produkt erzeugt und als DIY-Kunst verkauft.

Stütze: Es gibt so viel aufgesetzte Scheiße. Niemand braucht das, aber alle finden es toll oder gar innovativ. Maul auf und rein. Leicht verdaulich und Hauptsache, nicht sauer aufstoßen. Man will ja auch niemandem zu nahe treten…nachher kaufen die keine Platte oder lassen den limitierten Siebdruck aus Katzenkacke mit Goldrand stehen.

„Die Welt ist aus den Fugen geraten“ war eine Zeile, die mich auf der Resterampe 7” ziemlich geplättet hat, weil ich das in Bezug auf die aktuelle Weltlage 1:1 so in meinem Kopf formuliert hatte. Ist Punk eigentlich auch verpflichtet, in diesen Zeiten Handlungsoptionen aufzuzeigen? Oder wäre das zu viel verlangt?
Stulle: Anknüpfend an meine Antwort auf die vorherige Frage…Für mich ergeben erst Inhalt und Musik zusammen ein Ganzes. Ich hoffe, das sehen die andern auch so?! Ich habe auf jeden Fall das ständige Bedürfnis, in den Texten die Scheiße die uns umgibt anzuprangern. Dass ich keine Handlungsoptionen biete, wurde mir dabei auch schon mal vorgeworfen. Die Pflicht etwas zu ändern, liegt aber bei jedem einzelnen Menschen. Ich kann und will nur Denkanstöße geben.

Hoeter: Definitiv. Wir können und wollen niemandem erzählen, was zu tun ist. Es ist unglaublich wichtig, die ganze Scheiße immer wieder offenzulegen und anzuprangern, die jeden Tag um uns herum geschieht. Aber Handlungsalternativen muss Jede_r für sich finden. Es gibt da draußen genug Politgruppen, Konzertgruppen, Initiativen usw. Wer sich engagieren will, kann da auf jeden Fall was finden, oder einfach den eigenen Alltag umgestalten, bewusster leben, reden, einkaufen usw.

Stütze: Einfach mal nachdenken. Den Kopf benutzen und die eigenen Bedürfnisse hintanstellen. Ich will niemandem sagen, was er zu tun hat. Durch das, was wir tun, machen wir jedoch deutlich, was in unseren Augen das einzig Richtige ist.

Stulle: Die Heizung abstellen.

Mausi: Ich bin immer wieder erstaunt, wie kryptisch Stulle Aspekte, die uns konkret umgeben, ansprechen kann. Wenn das keiner macht, passiert auch nichts.

Du sagst jetzt „denn für mich ergeben erst Inhalt und Musik zusammen ein Ganzes“ –ist das der klassische Satz eines hauptsächlich für die Lyrics zuständigen Sängers, oder bist du da bei den Bands, die du hörst, wirklich immer so hinterher?
Stulle: Ich glaube schon, dass sich mein Anspruch verändert hat, seit ich selbst Texte schreibe. Ich bin in vielerlei Hinsicht noch kritischer geworden. Ich höre ab und zu sicher auch schöngeistige, inhaltsleere Musik, Popmusik, aber wenn Texte oder das benutzte Vokabular scheiße sind, dann kann selbst die beste musikalische Untermalung das Lied nicht retten.

Gibt es etwas, das ihr mit Krank unbedingt noch erreichen möchtet?
Stulle: Nö.

Mausi: Ein Konzert mit Rio Reiser. Die Frage ist nur, wo?

Hoeter: Noch mindestens bis wir alle vierzig sind, so viel Spaß haben und Konzerte spielen.

Stütze: Rückwärts ins Schlagzeug springen.

Könnt ihr ein bisschen was über den momentanen Zustand der Hamburger „Szene“ sagen? Aus eurer Sicht empfehlenswerte Band, Locations, Label etc.?
Stulle: Bijou Igitt, Ulf, Loser Youth, Brutale Gruppe 5000, Notgemeinschaft Peter Pan…Rote Flora, Störte, Komet…

Hoeter: Goldener Salon fehlt noch. Es gibt wie seit eh und je viel zu viele verschiedene Subszenen, die kaum miteinander in Kontakt stehen. Ist zumindest mein Eindruck.

Stütze: Piff&Paff.

Zum Abschluss vielleicht noch Ein-Satz-Statements zu folgenden Stichwörtern bitte:
— Spotify
Stulle: Für mich nicht relevant.

Mausi: Manchmal, allerdings beruflich, sonst wie bei Stulle.

Hoeter: Ab und an genutzt, aber kein Geld wert.

Stütze: Anderer Anbieter, gleiche Scheiße.

— G20-Gipfel
Mausi: Wird gegen vorgegangen.

Stulle: Versenken.

Hoeter: Zum Desaster machen

— Berlin
Stulle: Aber hier leben, nein danke.

Mausi: Kurz ja, lange nein.

Hoeter: Wahnsinns Konzert inkl. Pfeffidusche hatten wir da.

Stütze: Ich finde Hamburg schon kacke, was soll ich denn in Berlin? Aber vielleicht bin ich auch einfach nur überfordert.

— Leipzig
Stulle: War ich noch nie.

Mausi: (K)eine Option?

Hoeter: Soll ja noch hipper sein als Berlin.

Stütze: Ich freue mich auf unser erstes Konzert.

— Vinyl-Comeback
Stulle: Die langen Presswerkzeiten nerven.

Mausi: MiniDisc kommt bald.

Hoeter: Die Plattenindustrie versucht sich mit allen Mitteln zu retten.

Stütze: Comeback?

— This Charming Man
Stulle: Is cool, weil die unsere Platte/n rausbringen, obwohl sich das nicht lohnt.

Mausi: Netter Typ von damals nebenan.

Hoeter: Danke fürs Platten rausbringen und supporten.

Stütze: Morrissey hat unsere Platte rausgebracht?

— Waldorfpädagogik
Hoeter: Hat mir schreckliche drei Schuljahre beschert.

Stulle: Anthroposophie, christliche Grundlage und Steiner sind indiskutabler Scheißdreck.

Mausi: Reformpädagogik.

Stütze: Sorgt beruflich für Nachschub.

Abschließende Kommentare?
Danke und tschüss.

Interview: Daniel von der Ohe

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