November 17th, 2016

Kolumnen (#61/12-1996)

Posted in kolumne by Jan

Na, endlich ist es wieder Winter, endlich ist es kalt und klebriger Schneeregen weht durch die Straßen. Endlich wird es schon Nachmittags dunkel, ekelhaft und lebensfeindlich auf dieser benachteiligten Seite des Planeten, mir grade recht, alles andere kotzt mich ja auch an. Warum glaubt mir eigentlich keiner, daß ich ein zutiefst positiver Mensch bin? Genauer gesagt, es gibt schon ein ganze Reihe Menschen, die ebendas von mir denken, aber die kennen mich nicht näher. Ist Unzufriedenheit sowas wie Krebs und eine Zivilisationserscheinung? Ist es ein Geschwür in der Seele, das jeden befällt, der nicht genügend blinde Widerstandskraft besitzt und trotzdem der hier herrschenden Unmöglichkeit echter, nicht virtueller Ergebnisse ausgesetzt ist?

Ich denke, es ist ein Nebeneffekt von Zivilisation, daß alle Handlungen und Unternehmungen hauptsächlich relativ zu irgend etwas anderem und nur im Zusammenhang gültig sind. Nein, natürlich glaube ich nicht, daß irgendwer, schon gar nicht irgendeine böse, feindliche, übermächtige „Gesellschaft“ uns armen Seelen all dies Schlimme antut. Nein, der Alltag kommt von innen und wird von jedem von uns, mich selbverständlich eingeschlossen, immer aufs neue produziert. Mich beschleicht inzwischen der Verdacht, daß ein ganz beträchtlicher Teil menschlicher Energie dazu verwendet wird, graue Farbe zu produzieren, mit der dann, ohne groß hinzusehen alles angepinselt wird. Das allein ist ja einfach nur lästig und stellt weiter kein folgenschweres Problem dar, aber nur bis zu dem Punkt, an dem Leute anfangen, diesen naturgesetzähnlichen Zustand von Unvollkommenheit zur Religion zu erheben. – Wörter wie Pflicht und, in einem gebräuchlichen Mißverständnis, auch Verantwortung, sind einfach nur die Verkrustung und Verkalkung von ganz verständlicher Unzufriedenheit mit dem persönlichen Dasein. Im Gegenteil, niemand muß irgendetwas. Und mehr noch, jeder macht alles freiwillig.

Ich muß nicht essen, bittesehr, dann verhungere ich eben, das ist meine eigene freie Entscheidung. Ich gebe aber zu, daß es einiges an Überwindung kosten mag, zuzugeben, daß man im Grunde und eben bei genauestem Hinsehen keinerlei äußeren Zwängen folgen, sondern immer eigenen Entscheidungen. Also hilft es garnichts, die Verantwortung abzugeben, an die Pflicht, oder an das „System“. Eine Ausrede im Stil von: „Ich mußte das tun, ich hatte keine andere Wahl“, geht vielleicht vor Gericht durch, tatsächlich aber ist es die eigene Entscheidung, verschiedene unangenehme Konsequenzen gegeneinander abzuwägen. Nur: es mag ja alles richtig und wahr sein, deswegen macht es auch nicht mehr Spaß bzw deswegen produzieren die virtuellen Drüsen gewohnheitsmäßig weiter dieselbe Menge grauer Drecksubstanz, und bloße Absichtserklärungen, jetzt alles besser machen zu wollen, führen mit regelmäßiger Konsequenz – zu garnichts. Wenigstens versteht mich mein treuer Hasso, der jetzt im Moment neben mir sitzt und bewundernd zu mir aufblickt. So soll es sein! Und was tut ihr, Leserpack? Aber ich will jetzt nicht von vorne anfangen. Tschüs.

(Fritz)

Ein schlechter Anfang für eine Kolumne ist sicherlich, wenn der Autor schreibt, daß er es nicht leicht hatte, dies hier zu Papier zu bringen. Also, ich war im Urlaub, und wollte eigentlich eine poetisch-abgefahrene Sache übers Surfen schreiben. Die Wellen, den Ozean, die Stille, die bis ans Meer reichende Wüste und so weiter. Irgendwo in meinem Gepäck liegen auch Fragmente. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt. Jetzt war ich knapp über einen Monat in den Staaten, und war auf keinem einzigen Konzert. Und das war gut so. Sicher, an den Plattenläden konnte ich nicht so einfach vorbeilaufen (Sucht!), aber ich wollte einfach keine schlammigen Bands in schlammigen Clubs vor schlammigem Publikum sehen. Den Grund dafür hatte ich beim Rückflug bereits ausformuliert, und dann fand ich eine Story im Cometbus Fanzine, die ich im folgenden einfach übersetzt wiedergebe, da sie so phantastisch den Punkt gebracht ist. Zum Cometbus: Nicht nur ich halte es für das in seiner Art beste Fanzine auf diesem Planeten. Der Autor, Aaron, war früher Drummer bei Crimpshrine, einer phantastischen Band, die es leider viel zu kurz gab. Aber das ist gar nicht so wichtig. Das Cometbus ist ein A5-Zine, in dem Aaron seine Kurzgeschichten, Reflektionen, etc. pp. veröffentlicht. Wenn Du es nicht kennst, dann solltest Du Dir eins besorgen: 2$50 plus Porto (ca. 2 $) von BBT / POB 4279 / Berkeley / CA 94704. Die Übersetzung und Veröffentlichung der Geschichte ist ohne Rückpsrache entstanden, also, verklagt mich.

Veränderungen (von Aaron Cometbus)

Bailey meint, daß er nicht mehr über die Vergangeheit sprechen möchte. Er möchte neue Dinge tun, zu neuen Ufern aufbrechen, über die Zukunft reden. Er möchte sich neue Bands anhören und vorgeben, daß sie genauso aufregend sind wie es die alten Bands waren, obwohl sie meistens totale scheiße sind. Er sagt, er möchte etwas finden, daß ihn mitreißt und inspiriert – so, wie es seine Entdeckung des Punkrock einmal war. Ich habe ihm beim herumfahren Vorschläge gemacht.

Illegales Glücksspiel? Bergsteigen? Asiatische Kampftechniken? Antike griechische Literatur? Meditation? Andere Freunde von mir haben sich in diese Dinge vertieft in einem Versuch, die Kerze in ihrem Herzen wiederanzuzünden, die der Punkrock einmal entfacht hat.

Ich mag solche Ideen, daß man große Veränderungen durchführen will, aber es liegt nicht in meiner Natur. Ich mag auch die Idee, nicht über die Vergangenheit zu sprechen, mit der Ausnahme, daß die Unterhaltung über die Vergangenheit noch mehr zu unserer Freundschaft beiträgt, als es sie selber je hat. Die Gespräche mit Bailey über die Jahre hinweg haben mich sogar nostalgisch auf Zeiten, die ich haßte, zurückblicken lassen und desweiteren sogar auf Ereignisse, an denen ich gar nicht teilgenommen habe. Jetzt bin ich nostalgisch und er redet von der Zukunft.

Ed sagt, daß er sich nicht mehr so viele Gedanken machen möchte und das Leben mehr genießen will. Das freut mich für ihn, aber ich bin darüber hauptsächlich erstaunt. So sehr ich auch der Meinung bin, sie zu durchschauen – meine Freunde überraschen mich immer wieder. Ed stand immer unter Druck, der über die Jahre immer gößer wurde. Da sich meine Stimmung leicht verändert war es kein Problem, sich ihm anzupassen. Wir haben zusammengesessen und haben uns bettroffen Gedanken gemacht. Wir haben sein Kanu genommen und sind im Hafen herumgepaddelt und haben dabei alles diskutiert, was schiefgelaufen ist wie auch die Möglichkeit neuer Dinge, schiefzugehen. Das war ein Spaß. Aber jetzt mache ich mit Sorgen, weil ich nicht mehr weiß, worüber wir reden könnten und was Ed Freude bereiten könnte. Ich hasse es, eine gute Sache zu verändern obwohl es grundsätzlich etwas sehr ungesundes dargestellt hat.

Mich hat es immer zu Extremen und zu extremen Menschen hingezogen; allerdings bin ich selber eine recht moderate Person. Ich habe mit den Besoffenen ein Bier getrunken, mit den Kettenraucher eine Kippe gepafft, mich ein klein wenig getötet mit den Menschen, die sich in weitaus größerer From töten. All meine Freunde hatten verschiedene Extrema, und ich versuchte, immer ein klein wenig mitzugehen. When in Rome, roam. Aber jetzt auf einmal, macht jeder große Veränderungen durch. Die selbstzerstörerischen Leute sind auf einmal Gesundheitsapostel. All die verrückten Leute haben heruntergeschaltet und leben ruhige, unbelastete Leben. Die Hausbesetzer sind in Apartments gezogen. Die Schlampen haben geheiratet. Die Raucher und Trinker haben aufeghört, zu rauchen und zu trinken.

Als gemäßigte Person habe ich nie verstanden, wie Leute zu den Extremen kommen konnten, zu denen sie kamen, aber jetzt verstehe ich es endlich. Wer bis an seine Grenzen geht, kann leicht von einem Extremum zum anderen schalten. Gemäßigte Leute wie ich sind so verdammt hartnäckig. Wenn wir uns in eine Sackgasse begeben kommen wir nicht mehr heraus.

Jetzt lebt jeder in einer neuen Ära, und ich hänge hinterher. Ich trinke und rauche noch immer, mache mir meine Sorgen, werde verrückt, und rede von den alten Tagen. Meine Freunde finden das bedenklich. Sie fragen mich, „Wie kannst Du so ein Leben leben“

Hey, ich habe nicht gesagt, daß ich hiervon alles unterschreibe, ich hab’s nur übersetzt. Übermogen ist Steak Knife Tag, also dort.

(Daniel)

Das war ein gutes Jahr, teilweise zwar etwas zu „busy“ dafür ist aber auch viel passiert – was könnt ihr ja in den letzen Heften nachlesen. Womit ich auch schon beim Thema wäre: Mir wird ja immer wieder vorgeworfen das ich nichts mehr zu sagen oder berichten hätte – was auch manchmal in meinem Geschreibsel hier so rüberkommt – das liegt aber einfach daran das ich immer dann schreibe wenn eben nichts los ist. Soll heißen ich hier vor dem PC sitze und – meist in letzer Minute – reinhacke. Ich weiß jetzt auch woran das liegt, wenn nämlich „Sachen“ passieren, dann sitze ich eben nicht hier und tippe – ganz einfach. Würde ich die Zeit immer – äh, wie heisst das – aufarbeiten, dann wäre ich wohl nie fertig.

Soll heißen, es geschieht so viel das ich das hier gar nicht „verarbeiten“ kann/will, deshalb also hin und wieder dieses vermeintlich „nichtssagende“. Aber ich hab einfach keinen Bock stolz Resümee zu ziehen über mein bewegtes Leben, deshalb fasse ich eben ab und an den eher „langweiligen“ Teil zusammen – oder auch nicht. Wenn du weißt was ich meine – den Rest überlass ich anderen. So ist eben das Leben – auf und ab. Ein AB sind auf jeden Fall irgendwelche „hidden tracks/songs“ auf Cd’s , du weißt schon, die „Platte“ ist aus und die Plastikscheibe läuft noch Minuten weiter – um dann nach einiger Zeit dern – ach so tollen – „verstecken Song“ preiszugeben. Das war lustig als es zum ersten Mal gemacht wurde, jetzt ist es nur reine Zeitverschwendung UND ES NERVT TIERISCH. Also bitte damit aufhören, es ist nicht originell!!!!! Natürlich nervt mich noch so einiges anderes tierisch, aber das erspare ich euch. Beim nächsten mal gibts dann wieder mehr – oder auch nicht – lasst euch überraschen.

(Dolf)

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