Juni 29th, 2016

Kolumnen (#56, 02-1996)

Posted in kolumne by Jan

Fritz

Na, Kinder! Wart ihr in letzter Zeit auch auf Konzerten in chronisch leeren Venues? Rolling Stones mal ausgeklammert, aber das sind ja auch keine Konzerte, sondern mehr sowas wie Eurodisney als Wanderzirkus, eben der Abklatsch vom Echten mit dem zusätzlichen Kaufanreiz, daß man erstens nicht soweit fahren muß und zweitens nur alle zwei Jahren „dabeigewesen“ sein kann. Eben drum geht’s mir mehr um die Musikproblematik, ganz genau gesagt um das Phänomen Techno. Seuche oder Segen? Es gibt ja inzwischen schon Vereinigungen im Stil von „Rockmusiker gegen Techno“ mit ansehnlichem Zulauf. Ist Techno im Grunde gar keine Musik, sondern Ausdruck einer Kapitulation der Jugendkultur vor dem totalitären End-Neunziger Medien-Kapitalismus?

Ist es aber doch ein Musikstil, der aus einem eigenen Underground entstammt und im wiederum eigenen Kommerzmatsch steckenbleibt. Ist Maruscha jetzt besser oder schlechter als Offspring? Kann man das überhaupt vergleichen? Oder müßte man beides glattweg verbieten? Sind DJ’s auch Musiker, so wie Gitarrenhelden oder Klassikcellisten oder Hochzeitskapellenorganisten? Ich finde, wann immer solche Diskussionen aufkeimen oder persönliche Standpunkte formuliert werden, rutscht das Thema sehr leicht ins Einseitige. Deswegen habe ich vor, eine breitere Basis dafür zu schaffen, in der Hoffnung, daß etwas Vernünftiges dabei rauskommt oder zumindest die bestehenden Standpunkte klar formuliert werden. Dazu fordere ich sowohl alle TRUST-MITARBEITER als auch alle TRUST-LESER auf, ihre Ansichten kurz auf Papier zu bringen und mir zu schicken. Adresse steht im Impressunm. Ich werde jedem eine Zusammenfassung der eingegangenen Texte zurückschicken. Damit entsteht ein virtuelles Informationsnetz. Toll, was? Wenn jetzt natürlich zweitausendfünfhundert Einsendungen kommen, steh‘ ich schön im Regen.

Glaub‘ ich aber nicht, haha. Aus den gesammelten Beiträgen werden wir dann einen lose strukturierten Artikel zusammenstellen. Soll ich jetzt auch noch fünf CD’s verlosen, damit ein gewisser Anreiz besteht? OK, meinetwegen. Abgemacht. Als ich diese Diskussionsidee bei der letzten Redaktionsbesprechung erwähnt habe, kam die Anregung, statt der Techno – eine Öko-diskussion zu führen (hallo Kai). Das kann machen, wer will, gerne, nur hab ich persönlich und subjektiv ein klein wenig die Nase voll von Themen wie „Darf ich guten Gewissens Auto fahren (Waldmeuchler!) oder mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen (Ozonlocher!) oder auf meinem Monitor einen Bildschirmschoner laufen lassen statt ihn sofort auszuschalten (Atomstromsau!)…“. Ich denke, abgesehen davon, daß wir alle versuchen, möglichst wenig Dreck zu verursachen, sind daß Themen, die vom eigentlichen Problem ablenken sollen.

Ich meine, das sind -zum Teil wenigstens- Versuche der „Chefs“, dem Einzelnen ein schlechtes Gewissen in die Schuhe zu schieben, um dann um so ungestörter wirtschaften zu können. Wir sollten lieber darauf achten, daß jeder, den wir kennen und der technisch dazu in der Lage ist, wählen geht und zwar so grün wie irgend möglich. Wobei es mir kotzegal ist, welche(r) Abgeordnete sich wie zum Bosnieneinsatz, zur Frauenquote oder zu Abschalt-zeitraum äußert oder ob es links davon auch noch Meinungen gibt. Mir geht es darum, daß sich bittesehr bald mal ganz real was tut. Es ist völlig richtig, daß das Benzin pro Liter irgenwann fünf Mark kosten muß (ich bin Autofahrer) und die Kilowattstunde ein oder zwei Mark und dafür die Lohnsteuer abgeschafft und der Sozialsatz angehoben werden.

Keine Frage, es muß in Zukunft Energieverbrauch statt Arbeitszeit besteuert werden, damit die Schweinerei ein eine andere wird, um es mal ganz vorsichtig zu formulieren. Aber ich denke, das wird noch ’ne ganze Weile dauern bis dahin, auch wenn kein Weg dran vorbeiführt. Ernsthafte, das heißt ergebnisorientierte politische Arbeit ist immer mit Anstrengung verbunden. Zu dumm. Da muß ich mich doch spontan abwenden. Und was erblicke ich da? 1995! Piß ab, altes Jahr, hallo, neue Chancen! Ja, halt, ein paar Highlights gab’s dann doch. Auf der Gitarrenseite Tar, Fugazi und Shihad, aus der Krachfraktion Foetus, Cable Regime, Old und Second Skin. Subjektiv! Subjektiv! Grüße von Hasso, er liest grade die Bücher des Blutes von Clive Barker und sagt, er hätte sich eigentlich mehr erwartet. Subjektiv.

Dolf

Ich will gleich zum Punkt kommen: Im letzten Monat des vergangenen Jahres wurde mir nochmal ganz klar wie scheiße und langweilig eigentlich Fußball ist (jaaa, schon wieder). Das ich Fußball subjektiv nicht mag ist ja bekannt – und auch nicht weiter schlimm. Das dieser Blödelsport aber auch objetiv total überholt und stinklangweilig ist muß hier nochmal gesagt werden. Ich hab zufällig einen Teil eines Spieles der Damen-Handball ?-Meisterschaft gesehen. Mensch, ich sag euch – da passiert wenigstens was, die Frauen fliegen durch die Luft, permanent fallen Tore, das Spiel ist actiongeladen und super kurzweilig und lauter Frauen sind auch noch auf dem Spielfeld. (das ist natürlich bei Männer-Handball auch nicht anders, da sind dann eben lauter Männer auf dem Feld). Kurzum ein Sport dem man auch zuschauen kann ohne dabei vor langeweile einzugehen. Abgesehen davon gibt es noch ungefähr 100 andere Sportarten die interessanter als Fußball sind – aber das ist ein anderes Thema. Ich sag nur – schaut euch Frauenhandball an, seid alternativ und schwimmt nicht konfom mit der tumben Fußball-Masse! Deutschland – ein verblödetes Volk und Fußball hat eine nicht unwesentliche Schuld dran! Hier wie auch in anderen Ländern. Tätä, Tätä – alles klar?!

Hey, ich lese ja immer ziemlich viele Fanzines, weil ich ja bei diesem Heft hier die Besprechungen schreibe – wißt ihr was mir da aufgefallen ist? Immer mehr Leute schreiben darüber wie sie aufs Konzert fahren und auf dem Weg dorthin saufen und wie sie dann weitersaufen und wo sie dann nach dem Konzert saufen und wie sie wieder nach Hause kommen und auf welchen Partys sie gesoffen haben und in welchen Länderen und was weiß ich nicht was. Wenn das in irgendwelchen Debut-zines steht oder in dem „typischen“ Punk zine dann hat das da ja auch durchaus seine Existenzberechtigung – aber irgendwie viel mir diese Thematik jetzt bei Heften auf wo das eigentlich nicht nötig wäre. Ist ja schon gut, hört auf damit, alle feieren Partys und alle saufen – naja zumindest fast alle. Aber schreibt doch nicht davon – oder wollt ihr euch profiilieren um allen zu zeigen wieviel ihr saufen könnt?

Vergessts, jeder durchschnittliche Working-Class-Factory-Assis säuft jeden Tag (und nicht nur auf dem Konzert am Wochenende) viel mehr als ihr euch alle nur vorstellen könnt – der hört eben nicht um morgens um sieben auf, sondern der fängt da langsam an. Lassen wir auch das, ich hoffe ihr wißt was ich meine. Oder soll ich jetzt auch noch Anfangen drüber zu schreiben mit wem ich wann, was und wieviel gesoffen hab – wäre das langweilig! Im schlimmsten Fall nicht für euch – aber für mich. Apropo langeweile, ich guck ja auch ab und zu mal ins „Netz“ – vor allem wenn mir jemand sagt: „Guck dir das mal an“ oder wenn irgendwelche Bands oder Bekannte eben Homepages haben. Trotzdem, ich finde das immer noch langweilig – nun gut, nicht wirklich langweilig, aber eben auch nicht so spannend als das ich die ganze Zeit am Netz hänge. Aber ich kann euch sagen, diese ganze Internet Geschichte wird noch einiges hier verändern, die Menschen in den Usa sind da mal wieder einige Zeit voraus. Aber beides als solches sind wieder ganz andere Themen die es wert wären ausgeführt zu werden, aber nicht hier und jetzt und überhaupt warum denn ich. Sagt mal, ist euch aufgefallen das sich immer mehr Bands reformieren??

Und was für welche, ich mein jetzt nicht die ganzen Re-union bands von denen man in den Metal/Crossover oder so Magazinen lesen kann. Aber so andere alte Bands: Was sah ich da, Cause for Alarm kommen auf Tour – ich kann mich nur daran erinnern das die vor Hundert Jahren mal eine 7″ gemacht haben – was war zwischenzeitlich? Ja und die göttlichen Battalion of Saints die gibts ja auch wieder, mit nur einem Originalmitglied wenn ich mich jetzt da nicht vertue – aber immerhin. In einer Anzeige stand auch zu lesen das Social Unrest wieder zusammen sind – kennt die noch jemand – und wenn die wieder zumsammen sind – für wie lange – für die eine Studio Session? Genau und der zu kurz geratene Glen Danzing hat jetzt einen Prozess verloren und keine Rechte mehr auf den Misfits-Namen und alles drum und dran. Deshalb gibt es ja jetzt auch diese Band wieder. Obwohl ich die eigentlich noch nie so toll fand. Ein paar Stücke ja, aber ihre kindische Verkleidung und dieses ganze Horrorimage – einfach blöde. Tja und ob sich die Sex Pistols nun tatsächlich wieder zusammentun oder ob es nur ein geschickt gestreutes Gerücht ist das spielt ja nun auch keine Rolle mehr – denn wenn die Deppen wieder zusammenkommen dann weiß man wenigsten zu 100% warum. Während man das ja bei all den anderen Bands nur zu 90% weiß. Ah, Bands, Fritz und Daniel haben ja ihre „Top“-Bands vom letzten Jahr aufgeschrieben, ich reduziere da mal auf eine – Team Dresch. Wenn die das Live halten können was sie mir auf Platte versprochen haben – Leute, Leute – dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Was solls, ein neues Jahr und die Sonne wird auch mal wieder scheinen – außerdem schmeckt das Bier dieses Jahr genauso gut wie letztes. Prost!

Daniel

So, langsam entschläft zwischen meinen Ohren das alte Jahr, der Dezember wie immer ein bitterer Monat, das tagtägliche Lernpensum zwecks ‘ich hab jetzt lang genug auf Unis rumgehangen’ natürlich mehr als zwei handbreit unter dem gesteckten Ziel, dafür aber eher 14 als 4 Bier. Was mich auf die alte Devise bringt: Bier statt Böller! Jetzt hatten wir seit der letzten Aus-gabe ja eine Neuerung, eben herrausragende musikalische Ergüsse fett zu drucken, (bzw. zu schattieren) um dich dahin zu bringen, zwischen deine Slime und Dead Kennedys Platten auch einmal eine andere zu stellen. Ist meiner Meinung nach besser als diese peinlichen Punktevergaben a la NME und Co., wenn man mal all die 9 bis 10 Punkte Platten aus einem Jahr eines Fanzines oder einer Musikzeitschrift zusammenzieht, stellt man unweigerlich fest, daß man 80 % davon eh’ in der Pfeife rauchen kann. Einen Poll wollten wir ja auch mal wieder veranstalten, aber ist irgendwie auf der Strecke geblieben. Von daher die wenigen Tonträger, die für mich aus diesem Jahr bleiben werden:- A slice of lemon / v.a. (Lookout! / Kill Rock Stars)- Raygun Suitcase / Pere Ubu (Cooking Vinyl)- Fist City / Tribe 8 (Alt. Tent.)- Carry the banner / Pinhead Gunpowder (Too many)- North by Northwest 7“ Box (Vagrant) Und natürlich dutzende von 7“, aber die sind ‘eh zwei Monate nach Erscheinen nicht mehr zu kriegen.

Tja, 250 Platten gekauft, und 5 bleiben übrig. Brr. Was mich betrifft, so habe ich dieses Jahr verstärkt auf dieses permanente Abschieben von Verantwortung geschaut, welches sich im kleinen, persönlichen, wie auch im internationalen Geschehen immer weiter durchsetzt. Natürlich sind die mit der guten Musik einen Kontinent weiter westlich auch hier die Spitzenreiter: Ich erinnere nur an Mc Donald’s und die Temperatur von Kaffee. Du kannst gegen alles klagen, weil du selber für deine Handlungen keine Verantwortung mehr übernehmen willst / kannst / darfst: Anstelle das die blöde Oma wartet, bis sie ihren Kaffee trinken kann, kippt sie sich den selbigen über den Bauch, und kriegt Millionen dafür. In 5 bis 10 Jahren erwarte ich analoge Umstände auch in diesem Land hier. Vielleicht schafft es mal jemand per Pflasterstein einen Getränkemarkt zu ‘öffnen’, und verklagt dann den Staat, weil das Ladenschlußgesetz ihn zu dieser Verzweiflungstat trieb (Herr Richter, es war Mitternacht und ich hab’ ‘n Bier gebraucht).

Der andere Eckpunkt neben dem Abschieben von Verantwortung ist das Negieren eben dieser: Da alle Taten, alle Aktionen, jeder Pfurz, den du läßt, ja evtl. angreifbar sind (Kadi und so) lassen wir das lieber gleich sein und stehen mit stoischer Ruhe in der dunklen Ecke und nippeln am Export. Also lassen wir das mit der Band, die wir gründen wollten, mit dem Flugblatt, was wir machen wollten, mit dem Umzughelfen und all diesen anderen Sachen und warten auf 2050. Dann sind wir mit guter Chance endlich klinisch tot, auch wenn wir seit Jahren wie Zombies mit Lederjacken bewaffnet die von anderen Leuten initiierten Dinge als prinzipiell vollkommen beschissen abtun. In diesem Sinne bis zum nächsten Mal, und ich bin jetzt schon gespannt, wie die Bands in Augsburg bei Howies CD Release Party klingen. Over & out.

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