Februar 13th, 2016

Kolumnen (#54, 10-1995)

Posted in kolumne by Jan

Das Thema ‚change‘ hatte ich ja schon über mehrere Ausgaben hingezogen. Das Theater des Lebens geht inzwischen auch tatsächlich munter weiter. Kaum glaubt man sich sicher hinter dem Vorhang versteckt und versucht, nach einem mehr oder weniger erfolgreich absolvierten Auftritt ein wenig durchatmen zu können, kommt schon jemand Wichtiger vorbei und drückt einem ein neues Script in die Hand mit sehr sparsamen Regieanweisungen und der lakonischen Bemerkung: ‚Text improvisieren‘. Aber das kennen wir ja. Und schon steht man wieder auf den Brettern des alltäglichen Jammerdaseins und gibt sein Bestes, immer wieder in einer neuen, bis dahin unbekannten Rolle.


Es soll ja auch Leute geben, die darauf beharren, nur immer dieselbe Rolle mimen zu wollen/können. Die müssen dann in der Regel die Toten darstellen, oder die Unsichtbaren. Aber das hatten wir schon, nicht wahr? Tja, Leute, im Moment bin ich wieder mal derartig mit neuen Rollen überfrachtet, daß mir grade mal mit Hängen und Würgen ’ne halbe Stunde geblieben ist, um meine Küche in einen wieder passierbaren Zustand zu bringen. Zwischen der Tür meiner Wohnung und den Hauptfunktionen einer solchen, nämlich Bett, Stereo, Telefon und Computer, liegt die Küche, und die Gefahr, auf dem bis heute maximal versifften Küchenboden unentrinnbar klebenzubleiben, war schlichtweg untragbar.

Und auf die Story, von vom Verwesungsgeruch verstörten Nachbarn nach Wochen aufgefunden zu werden, hab ich nun wirklich überhaupt keine Lust. Danke, mir gehts besser, hat’s jemand gemerkt? Ich muß jetzt fast gar keine tragischen Rollen mehr übernehmen, mehr sowas in Richtung jugendlicher Held, mit einem kleinen Stich ‚film noir‘ allerdings. Unser kleiner Liebling Hasso hat jetzt auch ein neues Hobby entdeckt: Weltpolitik und das Herumschwadronieren zum Thema. Jetzt sieht er mir beim Tippen zu und blättert dabei in einer labbrigen, speckigen Zeitung, Herrgott!, muß er die denn immer aus der Mülltonne ziehen?! Is‘ ja ekelhaft! „Bosnien“, meint er auf einmal und deutet dabei mit einer Kralle auf etwas verschmiertes, unleserliches, irgendwas mit so einem Werbefoto der deutschen Rüstungsindustrie. Genialer Plan übrigens, die angeblich veralteten, auf jeden Fall bereits steuerlich abgeschriebenen Tornadobomber auf dem Balkan zu verschleißen.

Was die Serben nicht schaffen, kann ja mit ein paar gezielten Hammerschlägen erreicht werden. Schluß mit dem Exkurs, Hasso wird schon wieder unruhig. „Bosnien“, meint er, jetzt schon eindringlicher, und ob ich wüßte, wie diese fantastische Kurzgeschichte hieße? Hä? Welche Kurzgeschichte? Na, von Theodore Sturgeon oder Norman Spinrad oder wem, jedenfalls wo die beiden Supermächte am Rande eines Krieges zu stehen drohen, irgendwas in der Art von Korea oder Vietnam, da erinnert sich irgendeine Randperson an eine Maschine, die gerade zeitgleich zum Krisengipfel auf einer Ausstellung gezeigt wird. Diese Maschine besteht aus einem Computer, zwei Terminals für die Spieler und einer Art Bildschirm-Tisch auf/in dem – imteraktiv, virtuell und multimedial – eine Landschaft erzeugt wird, möglicherweise holografisch, in der winzige Fabrikschlote rauchen, winzige Güterzüge fahren und winzige Explosionen aufleuchten.

In dieser Geschichte wird dann der internationale Konflikt dadurch entschärft und vom finalen Nukleardesaster entfernt gehalten, daß sich beide Parteien an eben diese Maschine begeben und dort in aller Ruhe, virtuell, interaktiv und ohne Blutvergießen den Krieg austragen. Liebe herrschende Elite, dieses „ach wäre die Welt doch nicht so böse und der Krieg nicht so überall“-Gejammer könnt ihr euch in den Enddarm schmieren. Ihr müßt nicht denken, daß wir Intelligentsia-Nasen euch diesen Schmant 1995 noch genauso abkaufen wie vor, sagen wir, 30 Jahren, als der kalte Krieg noch ’ne ganz dolle neue Erfindung war, auf die alle reingefallen sind und die unglaublich dufte viel Knete eingebracht hat, nicht wahr? Es ist oft genug öffentlich gesagt worden, daß ihr alles, ob Krieg, Frieden oder sonstwas, nur deswegen macht um dran zu verdienen. Aber das TRUST ist klein und unbedeutend und interessiert niemanden und Anzeigenkunden haben wir auch keine zu verlieren, deswegen munter weiter im Text.

Dann möchten wir, Hasso und ich, nämlich ein CD-Rom-Computerspiel „Bosnien“ mit den Optionen ’sauberer Krieg‘ (NATO-cruise missiles auf serbische Dörfer), ‚ethnische Unruhen‘ (Massenvergewaltigungen und -ermor-dungen), und ‚humanitäre Hilfe‘ (fernsehgerechte Verteilung von Lunchpaketen). Das wird ein Spaß. Natürlich werden da Punkte vergeben, und wer über, sagen wir, eine Million kommt, wird ‚master of the universe‘. Prima. Das Spiel wird dann außerdem in einer Mainframe-version produziert, ins Internet eingespeist (mit Netservern in Washington und Moskau) und der Bosnien-sandkasten im Cyberspace weiterbepißt. NATO-piloten an den Joystick! Bill und Boris an die Maus! Hier werden die Punkte dann gleich in Goldkurs umgerechnet, in Tonnen, versteht sich. Fernsehbilder werden problemlos im Rechner gemorpht, der Steuerzahler ist zufrieden. Alle sind zufrieden. Jeder kauft einen Pentium, Sextium, Septium, Bill Gates stirbt an Geldvergiftung (wurde auch Zeit), alle spielen mit, Bosnien wird inzwischen recycelt und als Tourismusziel mit Bürgerkrieg-Erlebnispark weiterverwendet.

Nachdem das Spiel ein weltweiter Erfolg geworden ist und ein paar ebenfalls sehr beliebte Nachfolger wie ‚Ruanda‘, ‚Venezuela‘, ‚Muroroa‘ und ‚Hafenstraße‘ gleichermaßen eingeschlagen haben, wird das Angebot erweitert, neuer Renner ist das Net-game ‚Weltwirtschaft‘, hier werden Hunger- und Seuchengebiete vom Zufallsgenerator ausgewählt, und als neuestes Highlight der Cyber-addicts das Game ‚Nation‘ mit den Optionen ‚Helmut‘, ‚Hannelore‘, ‚Joschka‘ etc. Und wieder gilt: alle spielen mit, also wundere dich nicht, wenn du dich plötzlich den ebengenannten gegenübersiehst. Den Joystick immer gut festhalten und auf Dauerfeuer stellen, dann kann nichts schiefgehen. Wir hier installieren inzwischen den Virus ‚Trust‘ mit den Optionen ‚Kolumnen‘, ‚News‘, ‚Dates‘, ‚Interviews‘, ‚Artikel‘, ‚Reviews‘. Wie sagte Dennis Hopper neulich? „Fuck die Scheiße, du Fucker !!“ Als Cyber-fucker grüßen: Fritz & Hasso.

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Unglaublich wie die Zeit verfliegt, jetzt ist der Sommer schon wieder vorbei, mir grault jetzt schon vor der Kälte, ich bin da echt ziemlich „Pro-Heat“ – alter. Schön wenn man seine Kolumne hat, da kann man dann schreiben was man will und es fällt nicht gleich aufs Heft zurück (siehe auch Daniel in seiner Kolumne wo er einen klassischen „McKaye-Fehler“ begeht) – um das mal so auszudrücken. Man tut was man will und so surf ich dann diesmal einfach so in meinem Kopf rum und wirf die Brocken per Finger auf die Tasten. (nice try…) Die letzten Tage hat mich immer mehr diese ganze „Netz-Scheiße“ beschäftigt, ihr wißt schon, Internet, e-mail und so weiter, obwohl mich das ganze nicht wirklich interessiert (Netz surfen nein danke – richtig surfen ist geiler) hat es mich die ganze Zeit aufgehalten und ich hab mich immer wieder dabei erwischt wie ich völlig Unbeteiligte mit meinen „Problemchen“ zugelabert hab. Komisch ist das; ist es nur ein neues Spielzeug oder tatsächlich wichtig? Wir werden sehen, das gröbste ist erstmal geschafft (danke an alle bekannten und freunde die geholfen haben!!). Das heißt die anfägnliche compuserve adresse ist nicht mehr, die neue e-mail Adresse lautet ganz einfach:

dolf@augusta.de

Geht nicht zu den kommerziellen Anbietern, es gibt immer Alternativen, auch im Computerbereich, ihr müßt nur suchen – also search. Ach ja, die Cracks von Planetsound in Bremen haben auch kaum Tageslicht gesehen und deshalb könnt ihr das Trust jetzt auch im Internet finden und zwar unter:

http://planetsound.is-Bremen.de/media/trust

Ist einer von euch da draußen in dem Bereich fit? Ich hab da nämlich keinen Bock drauf und die Planetsoundler brauchen Ideen – meldet euch bei Kai, der hat das übernommen (oder?). Ansonsten gehts in Sachen Trust gradeaus nach vorne, das Fesival in Köln hat Besuchermäßig nicht ganz unseren Erwartungen entsprochen (bei den Chaostagen waren ja aber auch nicht über 5000 Leute – was solls…), dafür aber musikalisch umso mehr überzeugt. Disaster wars keins, wir hatten guten Spaß, jeder der in Köln war wird seinen etwaigen Enkeln davon erzählen. Es geht auch gleich weiter am 21.10. hier in Augsburg, mehr dazu bei den News.

Der erste Trust-Sampler beschert Howie auch genügend Arbeit, wir bekommen/bekamen immer wieder Schreibernachwuchs, es lebt und kocht. Die Leute verlieben sich – ach, schön. Und alles so real. Ein paar hundert Kilometer enfernt bombadiert ist Krieg (wie war das: Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin – Hippiescheiße) Ach so, Punk Rock, wird ja mittler-weile auch von unserem lokalen Schwachmaten Sender gespielt – und ich sags euch, wenn es erst mal in Augsburg im Radio kommt, dann… ja was, nichts! Ein paar wenige Punk-Bands sind in den Medien und ganz groß. Na und, wenn du sie kennst, geh hin und sauf ein paar Bier mit ihnen – wenn nicht, dann geh nicht. Ob es auch bald den ersten Skandal gibt weil eine Punk Band Playback spielt – siehe Rolling Stones? Ist doch alles das gleich. Ich weiche ab, wo waren wir? Ach ja, Punk Rock. Genau, der ist weder im Tv noch bei dem Ergebnis der Midlifecrisis von (2) alternden Schizophrenis zu suchen. Scheiß Begriffe. Und musikalisch?

Team Dresch bleiben immer noch ungeschlagen, die neue Jawbreaker (bei der Industrie) ist dermaßen lahm das ihr es nicht glauben werdet. Dafür durfte ich schon mal die neue No Means No hören (nicht bei der Industrie) wow, die habens drauf – freut euch, glaubt’s mir. Ansonsten, weil wir ja grad bei der Musik sind, seit gestern bin ich das erste Mal seit ca 6 Wochen auf „0“ mit dem anhören der Sachen die hier so eintrudeln, denn ich hör mir die Sachen immer noch an – und nicht nur rein – und das dauert seine Zeit. Noch länger dauert es dann auch noch was darüber zu schreiben. Aus den Cd’s die auf ihre Besprechung warten könnte man ’nen 5-Meter Sprungtum bauen. Aber egal, wir sind am Ball – äh, ich in letzter Zeit weniger, was Besprechungen angeht, aber ich denke, jetzt, in der kalten Jahreszeit – schau mer mal. Nicht zum ersten Mal schreib ich das hier auf den letzen Drücker und die vergangenen Wochen waren auch so geprägt von machen, organisieren und leben das ich völlig vergessen haben den Inhalt meiner Kolumne zu organisieren – vielleicht das nächste Mal. So, sonst noch Fragen, äh, hä, die neue Anzeigenpreisliste ist auch raus, habt viel Sex und paßt auch. Over & Out.

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Hast du schon einmal Slug „Symbol for snack‘‘ gehört? Wie herrlich aggressiv da die Riffs ‘laufen’? Wie herrlich aggressiv, huh? Genauso herrlich, wie neulich 2 Typen, wohl oder übel aus dem mediterranen Bereich stammend, mir per Messer mein nicht vorhandenes Geld abnehmen wollten. Na, kleiner Zwischensprint die Treppe aus der S – Bahn Haltestelle heraus und alles paletti? Da hat mich dann eine tiefe Ohmacht erfaßt. Nicht vor den herrschenden Umständen, sondern eher vor mir selbst. Meiner ewigen Angst, meiner fehlenden Konsequenz. Oder was? In John Wayne Manier die Jungs kaltstellen? Wilder Westen oder wie? Kann schon sein.

Als ich neulich zum soundsovielten Male Fugazi sah, fragte ich mich dann auch 2 Dinge: Warum gibt es IMMER bei Fugazi-Konzerten Ärger, und warum müssen die beiden auf der Bühne ständig erklären, was ich zu tun oder zu lassen habe? Tut mir leid, so höre ich mich jetzt schon argumentieren, aggressive Musik als Reflektion einer aggressiven Umgebung, so etwas sollte doch (zu Recht) dazu führen, daß sich die Konzertbesucher auch aufgeheizt fühlen? Na gut, höre ich mich dann sagen, aber das ganze Kriegsspielzeug hat aus dir Daniel auch noch keinen Killer gemacht (s.o.). Und das einige (mich hält’s ja eher am Bierstand) da nicht so tanzen dürfen, wie sie wollen, das muß doch sein, damit eben ‘keiner Frau was passiert’ (O – Ton MacKaye). Und all das, was ich gerne dazu bemerken würde, oder sehr vieles davon, hat Martin Büsser in seinem Buch ‘If the kids are united…’, welches pünktlich zum Popkommgelage erschien, dargelegt.

Nehmt’s diktatorisch, ich will keinen sehen, der das Ding nicht hat/ nicht gelesen hat. Wir sprechen uns. Obwohl eine etwas differenzierte Kritik hierein sollte, naja, mal schaun. Zurück zu Fugazi. Wenn Du Dir das weltanschauliche Bild dieser Band bzw. dieser beiden Sänger anschaust, so kannst du herausfinden, warum es keinerlei Erneuerung im HC/Punk Bereich geben kann/wird, zumindest inhaltlich. Die Angst davor, den evtl. 20 – 30% (freie Schätzung) anwesenden Frauen (wie gesagt, ich beziehe mich hier im Originalton auf MacKaye) ein Haar auszureißen wird zum Dogma des ganzen Konzertes. Wären Fugazi aus Deutschland, so müßten sie dann allerdings auch noch alle 2 Minuten was gegen Nazis sagen. Die Reduktion auf diese 2 bitteren Thematiken, die durchaus der Reflektion bedingen, ob diese aber bei 110 Dezibel stattfinden sollte, ist eine andere Frage, diese Reduktion lähmt und führt zu einer völligen Negation des bißchen Spaßes, was uns wohl noch am ehesten geblieben ist.

Die ständige Rechtfertigungsnot hat bei I. M. dazu geführt, daß der nur einmal im Jahr lacht, oder so ähnlich. Das hat ja jetzt tendenziell eher wenig mit meinen Problemen in S – Bahnhöfen zu tun, aber kam halt so. Eine Sache, die die sog. Medienlandschaft, demzufolge jedes noch so kleine Heim im Oberammergau oder auf Borkum, durchzieht, ist die ständige Panikmache. Jeden Tag höre ich von anderen Leuten, das darf ich, das darfst du nicht, denn die in der Zeitung (TV, Internet, Crypt-Mailorder) haben gesagt, daß du binnen der nächsten 3 Sekunden tot umfällst, wenn Du einen Früchtequark von Aldi, eine Marlboro Medium oder einen Apfel konsumierst, wenn Du eine Lego-Eisenbahn hast (Elektrosmog!) usw. pp.. Macht euch los von diesen Dingen, selbst Goethe, der alte sexistische Schweinebock, hat schon festgestellt, daß sich Jugend und Alter durch die Sorgen um seine Existenz unterscheiden.

Also: Du hast noch mindestens 10 Jahre Zeit, Dir über all die kleinen Wehwehchen Gedanken zu machen. Halte Deine Augen lieber für die tatsächlichen Probleme offen. Denn mit den anderen wird man vollgeschissen, und der realistische Blick wird verklärt. Wenn ich mir die Problematiken des Braunkohletagebaus (und die derzeitige Diskussion darüber, insbes., welche 10 Dörfer entvölkert, wie groß die Löcher werden usw.) anschaue, und versuche, realistisch die Folgen für Land und Leute anzuschauen, dann wird mir schlecht. Dagegen sind irgendwelche Ölbohrinseln Peanuts. Auch wenn sich der Nor-malsterbliche von mir aus einen runterholen darf, weil ein Multi (Greenpeace) einem anderen Multi (Shell) eins ausgewischt hat. Was Greenpeace betreibt, ist nichts anderes als ein moderner Ablaßhandel, mit dem Du Dein Auto, Deine Stromrechnung oder sonst was übertünchst. Kurzum, auch wenn ich gerade etwas vollends anderes mache: Es ist an der Zeit, bei einigen Thematiken mal wieder realistisch und ruhig zu reden, auch wenn das sicherlich nicht unsere Stärke sein sollte/dürfte.

Kehren wir doch lieber zu dem, was jeden interessiert, was aber keiner zugeben mag: „Chaostage 1996: 15000 gröhlende Terrorpunker in Hannover! Einzelhandelsverband: Wir haben keine Haarfarbe mehr! Live on stage: Rage against the machine, Cranberries und Offspring! Bild berichtet: Ich war bei den Chaoten – ich war einer von ihnen (Folge 1). Platz 1 des Grand Prix der Volksmusik: die Ärzte mit ‘Ich war ein Punk, bevor du einer warst’ (in memoriam Tubes) ‘‘Es wird schon weitergehen. Dogmas können vielleicht endlich zerstört werden. Inhaltliches wird bleiben, aber neu überdacht. Vielleicht also ein Neuanfang. Sei’s drum, Party Diktator o.ä. werden die uns auch nicht entreißen können. Oder, wie Magic Büsser feststellt: Hüsker Dü’s Land Speed Record würde auch heute von keinem Major veröffentlich usw. usf. Also: Ein wenig Retro ‘Data Control’ hören, 4 Bier aufmachen und bis denn, sprich Trust Festival im Oktober.

***

EIN FISCH BEIM ANGELN

Konzerte, gesehen und gehört von kai pir@nha

Popkomm., 2.9.Holzstock,

7.9. Swans

Gut, da war sie also wieder, die Monsterveranstaltung, die alle Beteiligten jährlich zum Vorwand nehmen, mal so richtig schick gestreßt zu sein: Die POPKOMM. Größer, besser, klüger und internationaler denn je; ein genaues Abziehbild also dessen, was auf dem Musikmarkt tatsächlich abläuft – oder? Man kann über den Aussagewert dieser weltweit größten „Messe für Popmusik und Entertainment“ denken, was man will. Eindeutig ist jedenfalls, daß der Abstand ihrer Inhalte und Präsentationsformen zu dem, was uns hier interes-siert genaus groß ist, wie der zwischen den durch-schnittlichen Musikkonsumenten, die für die Sache (das Produkt) erstmal interessiert werden müssen, bevor sie ihr Geld dafür ausgeben, und der handvoll Fans – ob Punks oder was auch immer -, die ihre Sache selber in die Hand nehmen: ob als Kleinstlabel, unkommerzielle VeranstalterInnengruppe oder Fanzine. Das TRUST war sich dieses Abstandes schon immer bewußt, hat aber in den vergangenen Jahren jenseits ideologischer Mauern trotzdem versucht, sich so, wie es ist auch in dem Rahmen der POPKOMM. darzustellen und gleichzeitig den Informationsabstand zu den wirklich Mächtigen in diesem Geschäft nicht zu groß werden zu lassen.

(Information ist Macht, Selbstbestimmung nur ein anderes Wort für Machtausübung.) Zu diesen beiden Zwecken hatten wir also auf der diesjährigen POPKOMM.-Ausgabe einen eigenen Stand – be-scheidene 2 mal 3 Meter maß er, wurde verziert durch eine TRUST-Fahne, die einer unserer Leser in der väterlichen Fahnenfabrik (!) besorgt hatte, und natürlich durch die (mehr oder weniger) anwesenden RedakteurInnen (Al, Andrea, Daniel, Fritz, Dolf und Ich), sowie durch unsere Gäste. Wie hätte es anders sein können: Der Aspekt „Selbstdarstellung“ belief sich im Wesentlichen auf das Auslegen von ein paar Heften und vor allem auf das Etikettieren der ab dem frühen Nachmittag vertilgten Bierflaschen mit TRUST-Aufklebern (wobei man bei vier Kästen in drei Tagen für vier „Stammtrinker“ wahrlich nicht von Exzessen sprechen kann…). Der Informationsaspekt wurde durch etlich eifrige Promoter im Grunde schon übererfüllt, die es sich nicht nehmen ließen, uns stapelweise Tonträger in die zittrigen Hände zu drücken (schließlich war man ja im Messestreß, der Exzeß fand andernorts natürlich doch statt, keine Sorge).

Nähere Beziehungen meinerseits entwickelten sich tatsächlich nur in Richtung des GET AUT-Standes (auch gutes Bier), einer Versammlung verschiedener österreichischer Musikbeschäftigter, wie z.B. Brefkas Ready (siehe Re-views), Skug, Trost, und dem digitalen Johnny, der uns sein Internet-Magazin über die alpenländische Musikszene und -geschichte vorführte. Interessant für mich/uns, da wir mit dem TRUST nun auch in diesem Format erscheinen (siehe News), aber leider noch viel zu wenig Ahnung von den Möglichkeiten haben. Ohne mich hier in Anekdoten verlieren zu wollen, sei zur Messe noch gesagt, daß wir am Stand und sonstwo ’ne Menge Spaß hatten und daß es wohl alle als wohltuend empfanden, sich wenigstens einmal im Jahr zu sehen und sich dann auch noch köstlich amüsieren zu können – schön.

Am Samstagabend stand dann der vorprogrammierte Höhepunkt der Viertagesparty an, das 3. TRUST-Festival auf der POPKOMM. Der Veranstaltungsort war wieder die Kantine, ein Laden mit überzeugenden Räumlichkeiten, fairen Booking-Bedingungen und den vielleicht einzigen zwei Nachteilen (abgesehen von der Randlage zu Innenstadt), daß an der Theke nur Kölsch ausgeschenkt wird und das die Securitycrew sich durch Penetranz und an Stupidität grenzende Unwissenheit auszeichnet – sicher nicht persönlich, aber in Bezug auf eine korrekte und trotzdem relaxte Berufsauffassung. Zur Musik: Die Swoons legten relativ pünktlich los, hatten aber noch ein etwas mickriges Publikum. Ihr Powerpop im britischen Stil wäre eigentlich tolle Tanzmusik gewesen, aber wo wenig Leute sind, traut sich bekannt-lich erst recht keiner, den ersten (Tanz-)Schritt zu machen. Etwas schade für die gute Band, die sich aber auch die Kritik gefallen lassen muß, durch ihre schwache Bühnenpräsenz die Kölschtrinker nicht gerade vom Hocker und vor die Bühne zu reißen. Wie die Einlösung eines im Raum schwebenden Versprechens wirkten da Dr. Bison, die in naher musikalischer Verwandschaft ein Höchstmaß an Perfektion und Spaß brachten:

Für mich Klassenbeste in der Generation der Leatherface-Erben! eine Mittänzerin neben mir meinte völlig zu Recht: „Da kann man endlich mal wieder twisten!“. Next on the Bill: Kurort, die eigenständigste Mutation, die HC in den Alpen hervorgerufen und gedeihen hat lassen. Nur: Über diesen Auftritt kann ich nichts sagen (kommen eh gleich noch zum Zug), da ich mir eine kleine Pause zu trocknen gönnte, bevor ich bei Girls vs. Boys das zweite T-Shirt an diesem Abend durchschwitzte (Danke noch mal, Tibi, für die Kleiderspende!). Es war das vierte Konzert, was ich von der Band gesehen habe (über das letzte stand an dieser Stelle auch schon ausführlicher ‚was), und was soll ich sagen: Es war mit Abstand das Beste! Okay, es klingt vielleicht blöd, so etwas über den eigenen Abend zu sagen – euer Pro-blem. Mit der vollsten Überzeugungskraft meiner absoluten Objektivität behaupte ich, daß diese Band von Jahr zu Jahr besser wird: Die Spannung war vom ersten bis zum letzten Moment am Anschlag, alle Songs waren ein Tick schneller und härter gespielt als gewohnt und Scott hat für mich an diesem Abend die perfekte Bühnenausstrahlung zwischen Agitation, Leidenschaft und augenzwinkernder Symphatie gehabt.

Bezeichnend auch sein Kommentar danach: „Schön, daß es dir so gut gefallen hat! Ich wollte für den Abend mein Bestes geben, für alle Freunde die wir hier haben und für mich selber“. Trotz der geilen Bands hatte der Abend einen kleinen Haken: Er war relativ schlecht besucht, viel schlechter jedenfalls, als von uns erwartet. Wir sind schon genug im Wald der Ursachenforschung herumgeirrt und haben uns im Nachhinein auf ein Zusammspiel verschiedener Gründe geeinigt, wozu wohl auch gehört, daß von den vier Bands drei leider noch zu unbekannt sind, um wirklich gegen ein Programm wie an einem POPKOMM.-Samstagabend konkurrieren zu können. Das kann sich schnell ändern, zumal die Bands es alle verdient hätten zu wachsen: Mal sehen, was passiert. Nach der im Anschluß absolvierten Loudspeaker/Splitter-Tour (siehe Bericht hier oder im näxten Heft, das weiß ich jetzt noch nicht) gab’s nur ’ne kurze Pause und dann gleich weiter in die Berge: Vor heidimäßiger Kulisse, inmitten eines idyllischen Alpentals und in der der Nähe des Wolfgangsees (schluck) war das Bierzelt für die inter- und nationale Rockdeluxe errichtet zum Holzstock-Festival ’95.

Die Leute vom Kino Ebensee u.a. veranstalten seit mehreren Jahren in lockerer Folge ein zumindest österreichweit bekanntes und renommiertes Ein-Tages-Festival mit namhaften Bands, die diesmal (was das internationale angeht) vor allem das Grunge- und alternative-Rockpublikum ansprachen: neben den Alpenrappern Texta und Das dampfende Ei, waren die steirischen Orange Baboons und eben Kurort aus dem Nachbardorf Bad Ischl geladen, um den Nachmittag zu bestreiten. Danach folgten: Babes in Toyland, Melvins, Foo Fighters und Beck. Richtig angekommen waren Mitch und Ich eigentlich erst zu Beginn des Kurort-Auftritts, die, glaube ich, noch nie vor so vielen (fast 4.000!) Leuten gespielt hatten. Und sie haben es verdammt gut gemacht, ohne in unpersönlichen Größenwahn zu verfallen (obwohl es sich Flo nicht verkneifen konnte, einen Sprung vom Schlagzeugpodest zu wagen – verzeilich), aber wer hätte das auch erwartet. Wenn auch die wichtigen Texte bei Konzerten immer schwer zu verstehen sind (mag an meiner mangelnden Kenntnis des örtlichen Dialekts liegen), haben Kurort mit dem Gig mindesten bewiesen, daß sie mit jeder Größenordnung von Publikum umgehen können – und daß es auch ein so großes Publikum (in Österreich) für sie gibt.

Der Weg in die großen Arenen der Welt steht also offen, und ich finde es – Spaß beiseite – spannend zu beobachten, wie eine derart (selbst-)kritische und anspruchsvolle Band damit in Zukunft umgehen wird. Zu Babes in Toyland nur soviel, daß sie mir nach wie vor nicht gefallen weil ihre Musik nichtssagend ist und die Band vollkommen überschätzt wird. Ähnliches gilt, denke ich, für die Melvins, die zwar nicht überschätzt, aber wohl viel zu ernst genommen werden. Man kann sich köstlich über ihren Slow-Motion-Metal amüsieren – ihn ernst zu nehmen fällt mir schwer. Als ironischen und vielleicht sarkastischen Kommentar auf die ganze Schwermetalszene finde ich die Band gut und wertvoll, eine andere Frage wäre, warum so viele Leute diese Band lieben und alles andere als humorvoll auf sie (bzw. ihre Kritiker) reagieren.

Naja, nach dem geselligen Teil des Abends wurde es jedenfalls ernst, denn nun betrat einer die Bühne, der Schweres durchgemacht hatte, nämlich das von der Weltöffentlichkeit mit Todesgeilheit verfolgte (und inszenierte?!) Drama um Kurt, den Kulttoten des Jahrzehnts. Nach einer verständlichen Bitte an die Leute im Pit, sich vernünftig zu verhalten und niemanden zu verletzen, legte Dave Grohl los: Wie ein verjüngter, zappeliger Neil Young beherrscht der Mann den rockigen Ausfallschritt mit der Gitarre vor den Knien, geht mit weitschweifendem Blick ans Mikro um sich in Anfällen von Leidenschaft wieder davon loszureißen und inszeniert insgesamt eine so überzeugende Show, daß man denken muß, er hätte nie einen anderen Platz auf der Bühne gehabt. Das kommt echt und überzeugend und drückt Spaß und Energie aus, die genauso auch in der Musik stecken. Mit vielleicht dem einzigen Nachteil, daß das, was seine Foo Fighters da abdreschen fast immer wie der gleiche Song klingt, immer die gleiche härtere Nummer von Nirvana, auf Konzertlänge gestreckt und nach etwa einer halben Stunde einfach langweilig.

Gute Band, gute Songs, aber noch zu wenig Abwechslung, um an das Original heranzukommen, daß Grohl hier unumgänglich kopiert. Ein schöner Abschluß des Abends war dann noch Beck, der in puncto Abwechslung wiederum keine Grenzen kannte: Von der Acoustic-HipHop-Nummer über den Grungekracher bis zum Mundharmonikabluessolo dominierte Mister-Generation-X auf angenehme Art das Bühnengeschehen, wobei er seinen Musikern auch noch genug Platz ließ, Persönlichkeit auszubreiten. Beck ist witzig, sein Erfolg okay, denn er bestätigt in seiner Unberechenbarkeit genau das, was der Typ in seinen Songs ausdrückt. Allgemein will ich zu dem Festival nur anmerken, daß es für meine Begriffe mal wieder gezeigt hat, wie ein so großer Rahmen es einer guten Band fast unmöglich macht, sich persönlich darzustellen, Kontakt zu den Leuten aufzubauen und mit mehr als Lautstärke und musikalischem Können zu überzeugen. Richtig blöd fand ich, daß es fast nur Fleisch zum Essen gab, das ganze Essen überteuert war und man eine gute halbe Stunde drauf warten mußte. Wann traut sich endlich mal ein Veranstalter mit rein vegetarischer Küche anzutreten und das Zeug auf eßbaren Teller auszugeben?

Die Korrektheit eines Konzerts bezieht sich doch nicht nur auf die Musik, auch wenn’s ein großes Festival ist! So, zum Schluß noch ein Sprung in gewohnt kleinere Umgebung, in’s Strom nach München, zu den Swans. Die mitangekündigten Cornershop waren leider nicht erschienen, und die erwarteten Scharen von Fans blieben auch aus, so waren’s nur etwa 200. Aber das war dann auch der harte Fan-Kern der Pre-Industrial-Rocker aus New York, die auch einen viel zu lauten und schlecht gemischten Sound noch hinnahmen. Schade besonders für diese Band, denn sie spielen mit der Wirkung von Frequenzen im Bereich unter der Gürtellinie, die sich überlagern und Interferenzen ergeben und auf einer guten Anlage schon ziemlich reinhauen. So wurde es einigermaßen schwierig, dem schiren Schalldruck noch ein je kritisches und ein genießendes Ohr entgegenzuhalten.

Zumal der Lärmfaktor im Kontrast zur ziemlich minimalistischen, mal psychodelischen, mal folkigen, mal akademischen Konstruktion der Songs fast wie eine Parodie wirkte. Trotzdem hatten die Swans etwas, das unpunkiger nicht sein könnte: Mystik. Das Geheimnis, das entsteht, wenn die Band für endlos scheinende Minuten auf einem Songfragment beharrt, der man schon längst verstanden und überwunden glaubte, wie wenn ein Haschischesser ein und denselben Gedankengang wie die Linien eines Ornaments ‚rauf- und ‚runterverfolgt um sich am Ende von etwas vollkommen anderen ablenken zu lassen. Das Konzert ließ mich irgendwo zwischen Bewunderung und Unruhe hängen, und wenn ich an SLINT denke, glaube ich, daß sich die Swans in eine Richtung des Industrial verrannt haben, die außer ihrer Monumentalität wenig Anspruch hat. Soweit dies, ich freue mich schon auf Love 666, Kepone und ein paar andere Schätzchen, die mich in den nächsten Wochen wieder vor irgendwelche Bühnen ziehen werden. Bis dahin: Habt Spaß, seid klüger und haut euch nicht, Kai.

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