Dezember 23rd, 2014

KILL ROCK STAR RECORDS (#131, 08-2008)

Posted in interview by Jan

Was zunächst polemisch klingt wird spätestens von Mitarbeiterin und damals Schlagzeugerin von Bikini Kill und den Frumpies (mittlerweile Old Haunts/Spider & the Webs) Tobi Vail auf Rock Stars Kill 1994 inhaltlich untermauert. Mit der Ausgangsfrage ob Freizeitgestaltung Privatsache ist kommt sie zu dem Schluss, dass die von der Musikindustrie forcierte Verbreitung von CDs als Haupttonträger politische Auswirkungen auf die gesamte Marktstruktur hat und kleine Labels noch mehr an den Rand dieser Industrie treibt und letztendlich der Konsumorientierung in kapitalistischen Gesellschaften entspricht, die sich eben gerne auf die Ebene der Band als Ware, dem Rock Star als fiktiven Identifikationspol konzentriert und dabei „die Musik vergessen hat.“

Andererseits kann sich das Label maßgeblich wegen des Erfolgs ihrer Band schnell etablieren und wird in der Welle des Riot-Grrrl zum Aushängeschild mit Veröffentlichungen von Bratmobile, Heavens to Betsy und Tattle Tale. Um die Zeit die Tobi nun vermehrt mit touren verbringt zu überbrücken beginnt ihre kleine Schwester Maggie bei dem von Slim Moon in Olympia initiierten Projekt mitzuarbeiten. Auch ihre Band die Bangs werden unter Vertrag genommen und sie überdauert sie. 14 Jahre später kann sie ihre Rechnungen als Vizepräsidentin und Pressesprecherin des gestandenen Indie-Giganten aus ihrem eigenen Büro in Portland bezahlen.

***

Nervt es dich ständig mit deiner alten Band Bangs assoziiert zu werden und was ist der Grund dafür, dass Leti Angel und Romancing so in den Hintergrund treten. Lässt dein Job bei Kill Rock Stars einfach nicht zu, dass du in einer tourenden Band spielst?

Maggie: „Ich weiß nicht ob wirklich so viele Leute noch die Bangs Verbindung ziehen, mittlerweile bin ich für meine Arbeit bei Kill Rock Stars wahrscheinlich bekannter, wenn überhaupt. Bangs haben vor fast vier Jahren unser letztes Konzert gegeben. Mein Beruf ist sehr viel hektischer geworden als er mal war. Ich bin mir nicht sicher wie ich überhaupt in einer tourenden band spielen könnte. Manchmal denke ich aber ich würde es gerne nochmal versuchen.“

Aber nicht nur ihr Arbeitsumfeld ändert sich. Der eigensinnige Labelgründer Slim steuert einen neuen Kurs an, der ihn einiges an Glaubwürdigkeit kosten wird. Spätestens nachdem er die Popperlen von Laura Veirs entdeckt, die sofort bei allen Majors für Aufmerksamkeit sorgen ist sein Status als hochklassiger Talentscout zementiert. Hier geht es nicht mehr um Spartenmusik, die die Erfolge von Unwound oder sogar the Paper Chase erklärt, der Mann hat seinen Finger am Puls der Zeit und weiß was sich auch kommerziell verwerten lässt.

Auf dem allerersten Kill Rock Stars Sampler findet sich ein Stück von Nirvana, die damals noch als eine kleine Band irgendwo auf den undankbaren Bühnen Washington States gastiereten. Auf dem zweiten gibt es dann einen Beitrag von Rancid die wenig später in die Ränge der Punkmillionäre eingehen sollten, jetzt ist er selbst an der Reihe. Als A&R bei Nonesuch, die unter anderem Wilco unter Vertrag haben, stellt sich die Frage nach der Integrität. Slim ignoriert die kritischen Stimmen und zieht nach New York um nun bei einem Major Bands zu entdecken, die dann doch relativ weit von dem was musikalisch auf Kill Rock Stars vertretbar scheint entfernt sind. Kill Rock Stars hat aber so oder so eine Ausnahmestellung was die Verschiedenartigkeit ihrer Künstler angeht, was einer der vielen Gründe ist warum Maggie so gerne hier arbeitet.

Du hast mal gesagt, es gäbe nichts langweiligeres als bei Fat Wreck Chords zu arbeiten, da alle Bands dort gleich klingen. Selbst dieses Label muss nun aber zurückschrauben, gerade haben sie die europäische Niederlassung abgesägt, während ihr kürzlich Triton mit der europäischen Pressearbeit beauftragt habt. Ist es wirtschaftlich gesehen nicht vielleicht sogar sinnvoller mehr auf Diversität zu setzen? Darüber hinaus ist es doch so, dass die Künstler bei euch durchaus eine rote Linie verbindet.

Maggie:  „Ich würde dir zustimmen, dass es etwas gibt, das alle unsere Bands verbindet aber das hat nichts mit der musikalischen Ästhetik zu tun sondern mit deren Einstellung. Elliot Smith, Deerhoof und Bikini Kill haben musikalisch nicht viel gemeinsam. Es ist wirtschaftlich sicher sinnvoller sich einen bestimmten Stil herauszusuchen, der schon eine Fangemeinde hat und dann dabei zu bleiben. Fat haben sich die Marktnische beim männlich dominierten Pop Punk ergattert. Triton betreuen nur ab und an ein Paar unserer Veröffentlichungen, normalerweise für die größeren Bands oder die, die gerade auf Tour sind. Wir haben keine Kapazitäten das von unsrem Büro aus zu machen“. 

Was aber war mit Slims Einstellung passiert und wie sollte er ersetzt werden? Scheinbar nicht viel, nur dass er eben nicht mehr selbst der Boss war und jemand von außen kam somit auch nicht in Frage. Seine Lebensgefährtin Portia Sabin sollte die neue Präsidentin sein und kam gerade rechtzeitig um eine Umstrukturierung im Sinne der neuen Marktordnung die Tobi so kritisiert hatte vorzunehmen, weniger Releases auf Vinyl in etwa. Wichtiger aber war, dass Portia schon mit einigen Künstlern des Labels eng zusammenarbeitete und mit ihrem eigenen Unternehmen Shotclock das Management von Two Ton Boa als auch Gossip darstellte. Eine Geschäftsfrau also, aber dennoch eine aus den eigenen Reihen.

Als selbständige Geschäftsfrau gäbe es ja die Möglichkeit deine Steckenpferde Shotclock Management und Kill Rock Stars zusammenzufügen, warum hast du dich dagegen entschieden? Wie gehst du damit um wenn die Prioritäten der Firmen auseinander gehen, als du zum Beispiel als Managerin Gossip rietst dein eigenes Label zu verlassen?

Maggie: „Das ist eine interessante Frage gerade weil die Situation in der Musikindustrie heutzutage nach einem Modell schreit, in dem ich beides vereinen könnte. Ich denke aber, dass beide zur Zeit weiterhin eigenständig funktionieren können. Im weitesten Sinne hängt es von den Wünschen der Band und der Verbindung die wir mit ihnen eingehen ab. Unter Umständen wird es irgendwann so sein, dass wir den Management Deal und den Plattendeal verknüpfen wollen aber im Moment sehe ich die Zweige als getrennt voneinander an gerade wenn man sich die Art von Bands mit denen wir arbeiten ansieht. Gossip waren an einem Punkt in ihrer Karriere angekommen, an dem es für sie Sinn ergab zu einem Major zu gehen und da es für sie die richtige Entscheidung war, war das auch für Kill Rock Stars OK so. Manche Künstler brauchen am Anfang ihrer Karriere ein Label aber nicht notwendigerweise ein Management. Zum Glück sind beide Betriebe klein genug um mit jedem Künstler individuelle Entscheidungen zu treffen und etwas herauszuarbeiten mit dem alle zufrieden sind und nicht ein Modell versuchen jedem gleichermaßen über zu stülpen“.

Eine der Umstrukturierungen des Labels bezog sich auf das kleine Unterlabel 5 Rue Christine, die Adresse an der Gertrude Stein die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte, das verschrobene experimentelle Musik von Bands wie Mae Shi oder Advantage herausbrachte. Ähnlich wie bei Steins Literatur kam es hier oft mehr auf die Form als den Inhalt an und was dabei herauskam war nicht leicht verdaulich, wobei auch Kill Rock Stars eher selten Easy Listening Musiker verpflichtete hatte 5RC nochmal einen ganz eigenen Charakter, der eben nicht dem Portias entsprach.

Was sind vor und Nachteile von Unterlabels wie 5RC und warum habt ihr es letztendlich abgesägt? Wird die Bandbreite von Kill Rock Stars dadurch nun noch größer oder werden Bands die sonst bei 5RC untergekommen wären nun nicht mehr von euch gefördert?

Maggie: „5RC ist ein Sonderfall da es Slims ganz persönliche Handschrift trägt. Bei KRS gibt es Prozesse bei denen die Gruppe entscheidet wenn es um die Aufnahme neuer Bands geht. Jeder kann hier seine Meinung einbringen. Bei 5RC hat Slim das alles allein entschieden also ergab es keinen Sinn das Label weiterzuführen nachdem er gegangen war. Als ich KRS übernommen habe habe ich sofort dafür plädiert weniger Veröffentlichungen zu betreuen damit wir uns besser um die einzelnen Alben kümmern können. Einige der größeren Bands von 5RC wurden KRS einverleibt, Deerhoof und Xiu Xiu zum Beispiel aber andere hatten auch schon vorher intensive Beziehungen zu anderen Labels entwickelt und sind dann gänzlich dorthin abgewandert. Ich denke nicht, dass das unsere Bandbreite verringert hat, bis auf den Fakt, dass sie nun nicht mehr Slims Geschmack repräsentiert, da er nun mal gegangen ist“.

Apropos Xiu Xiu ging letztes Jahr ein wütender Brief unterschrieben von Maggie Vail beim Rolling Stone ein. In der freien Marktwirtschaft ist vieles erlaubt und wie ihre große Schwester Tobi schon lange befürchtet hatte, werden Bands zu deren Zwecken instrumentalisiert, nur dachte man, diese würden zumindest vorher gefragt. Eingebettet in eine Anzeige für Camel Zigaretten tauchten Empfehlungen für die Band Xiu Xiu auf, die den Anschein gaben die Band sei involviert gewesen, ein typischer Fall von unzureichender Trennung von redaktionellem Beitrag und Werbung. Kill Rock Stars, Rock Stars Kill und jetzt eben auch Stars Kill Rock am eigenen Leibe zu erfahren konnte gerade dieses Label nicht auf sich sitzen lassen.

Du hast einen Rechtsstreit mit Rolling Stone und Camel ausgetragen, wie ist das ausgegangen? Die Dreistigkeit mit der heutzutage Copyright Verletzungen vorgenommen werden ist erschreckend, glaubst du das hat auch mit der Entwicklung der untergeordneten Rolle von Tonträgern und Plattenlabeln zu tun?

Maggie:Irgendwas läuft verdammt schief in unserer hyperkapitalistischen Gesellschaft. Unternehmen machen was sie wollen und scheren sich nicht um Regeln und es scheint so als würden sie damit auch davon kommen, zumindest in den Staaten. Ich bin stolz auf Xiu Xiu, dass sie Anklage erhoben haben. Wenn Kill Rock Star namentlich erwähnt worden wäre hätte ich dasselbe getan. Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie das wirklich gebracht haben. Im Moment wird der Fall in Kalifornien verhandelt und ich habe keine Ahnung wie es ausgehen wird“.

Die Frage, die sich im Zuge der Anklage stellt wäre jedoch, ist es Künstlern wie Xiu Xiu überhaupt zuzutrauen, sich für derartige Werbung herzugeben? Es scheint, dass nach all den Jahren und notwendigerweise, einige der früheren Künstler ziemlichen Kurs auf das von Tobi als feindlich definierte Lager nehmen. Natürlich ist auch Tobi irgendwie in dessen Fokus, betreut sie doch den Mailorder, der von der Identifikation der Fans mit dem Label lebt und einige Artikel von Trinkflaschen über Strampelanzüge bis hin zu Unterhosen mit dem kindlich gehaltenen Stern übersäht, aber entgegen der Entwicklung ihrer früheren Bandkollegin Kathleen Hanna hat sie bis jetzt noch keinen Werbevertrag mit Nivea unterschrieben, und wird das wohl auch nie tun.

Kürzlich verließ dann auch eine weitere Riot-Grrl Ikone ihre Wurzeln. Beth Ditto von Gossip ist wohl dabei der alternativste Rock Star aller Zeiten zu werden und ist damit ziemlich glücklich obwohl es nach ihrer Aussage „sehr hart für Portia aber vor allem für Tobi und Maggie“ gewesen sei, sie gehen zu lassen. Die Damen bei KRS scheinen das anders zu sehen, oder lassen sich die Trauer zumindest nicht anmerken, schließlich ist es nicht die erste Band die sie nachdem sie von Anfang an und sehr lange unterstützt wurden, verließen. Sleater-Kinney gingen für ihr letztes Album zu Sub Pop, Decemberists sind bei Capitol untergekommen und Gossip eben bei Columbia.

Es schient als wäre Kill Rock Stars immer größer geworden durch den Erfolg einiger Bands, die dann schwächere Veröffentlichungen mittragen konnten. Die meisten dieser Bands sind jetzt zu Major Labels gewechselt (Decemberists, Gossip) oder haben sich aufgelöst (Sleater-Kinney, Bikini Kill), wie beeinflusst das eure Vorgehensweise. Wer wird das neue Zugpferd sein?

Maggie: „Das neue Thao Album entwickelt sich zu einen totalen Durchbruch. Es ist das bestverkaufte nationale Debut, das wir je herausgebracht haben, größer als die ersten Platten von Elliott Smith oder den Decemberists und wir haben einige neue Künstler unter Vertrag die extrem viel Potenzial aufweisen. Bands sind immer gekommen und gegangen und wir hatten stets das Glück geniale neue Bands zu entdecken. Das nächste Jahr wird großartig was das Talent unserer Künstler angeht. Allein in diesem Herbst wird es neue Alben von Marnie Stern, Deerhoof, Mika Miko und Horse Feathers geben sowie ein bis zwei über die ich dir jetzt noch nichts verraten kann. Portia: Dies ist das Gleichgewicht, dessen Erhaltung Inhalt meines Jobs ist. Wir müssen Bands verpflichten, die genug einbringen um zu ermöglichen dass wir auch Bands unterstützen können die vielleicht nie mehr als 2000 Einheiten verkaufen werden aber deren Kunst wir lieben.

Deswegen macht es mich auch wütend wenn Leute sagen, dass Labels mittlerweile überflüssig sind. Die Leute haben nicht sofort gemerkt, dass Elliott Smith ein genialer Musiker war, aber Slim hat an ihn geglaubt und hat viele Platten für ihn herausgebracht, die mittlerweile sehr geschätzt werden. Wenn wir einen Markt erschaffen, der nur interessant ist für Künstler die ohnehin eine solide Fanbasis haben, wer wird dann in den nächsten Elliott Smith oder Sleater-Kinney oder Decemberists investieren? Um gar nicht erst von den Marnie Sterns, Hellas und anderen kleineren Bands zu sprechen, deren Musik auch Leute lieben. Es ist ein schwieriges Unterfangen aber generell suchen wir uns Bands deren Musik wir lieben, die hart arbeiten wollen und eine Karriere anstreben und helfen ihnen eben so gut wir können dabei“.

Und tatsächlich, nachdem einige Schwarzmaler, unter anderem Dave von den Numbers schon befürchteten es könnte ganz zu Ende sein mit dem kleinen Label aus Olympia ist rein geografisch eher der Verdacht auf Expansion berechtigt.

Kill Rock Stars hat sich geografisch zerstreut als Maggie nach Portland gezogen ist. Mittlerweile gibt es auch ein New Yorker Büro. Hilft es dabei, den Riot-Grrl Fokus der durch die Verbindung mit Olympia zustande kam zu minimieren und wie kommuniziert ihr?

Maggie: „Im Moment ziehen wir ja wieder näher zusammen. Slim und Portia sind in den Nordwesten zurückgezogen und wohnen am Stadtrand von Portland. Es klappt ganz gut aber ich vermisse es alle um mich herum zu haben und unsere langen Besprechungen wo wir erzählt haben welche coolen Bands wir gesehen haben oder was wir am Wochenende gekocht haben. Jetzt kommunizieren wir über IChat und das ist nicht dasselbe. Man kommt leicht raus und weiß nicht wer sich gerade auf wen bezieht. Ich bin aus persönlichen Gründen hierhin gezogen weil ich meinen Ehemann kennen gelernt habe und er hier unten wohnt – ich wollte auch mal aus Olympia raus, wo ich aufgewachsen bin. Für Kill Rock Stars ist es nicht weit hergeholt sich auch hier niederzulassen wenn man bedenkt, dass viele unserer erfolgreichsten Künstler hier lokalisiert sind oder waren. The Decemberists, Sleater-Kinney, Elliott Smith, Gossip, 3/4 von Bikini Kill sind alle um Portland herum angesiedelt“.

Portia: „Im November 2007 bin ich zurück an die Westküste gezogen. Ich lebe jetzt 40 Minuten von Portland entfernt was super ist weil ich sowohl das Büro in Portland als auch das in Olympia leicht erreichen kann. Lauren Ross, die sich fleißig um die Lizenzen kümmert, ist immer noch in New York City angesiedelt. Einmal die Woche haben wir ein Kadertreffen per Instant Messenger, dass uns allen das Gefühlt gibt immer noch in Verbindung zu sein und jetzt wo ich wieder hier bin versuchen wir uns mindestens einmal im Moment auch in Persona zu treffen. Die äußeren Umstände haben diese Situation zu verantworten, aber wir haben schon seit langem begonnen Bands außerhalb der Szene in Olympia zu verpflichten. In verschiedenen Städten zu leben gibt uns aber sicher auch die Möglichkeit andere Bands kennen zu lernen und uns ein genaueres Bild darüber zu verschaffen was alles so passiert als früher“.

Der Zusammenhalt scheint also auch durch die Zerstreuung nicht gefährdet, was aber nicht weiter wundert, da die Verhältnisse beim Label ja schon fast als inzestuös gelten können. Die Vail Schwestern und das Paar Slim und Portia sind buchstäblich nur die Spitze des Eisbergs. Eben erwähnter Ehemann Maggies, Charlie aka Panther hat gerade sein Debüt auf KRS veröffentlicht aber auch unter den Bands gibt es viele Überschneidungen die teils noch auf die Anfänge des Labels zurückgehen.

Scott Seckington ist bei den Old Haunts und Two Ton Boa, deren Album der Paper Chase Frontmann produzierte, Hannah Blilie wurde von Shoplifting graduell zu Gossip überführt, Mary Timony hatte ein Seitenprojekt namens The Spells mit Carrie Brownstein von Sleater-Kinney und man könnte noch viele weitere Querverbindungen ziehen um aufzuzeigen wie sehr sich eine Szene um das Label gesponnen hat, die aus Freunden und Helfern besteht. Umso schwerer ist es da natürlich die geschäftliche Seite nicht aus den Augen zu verlieren, die das Label über Wasser hält.

Indie Labels haben oft eine familiäre Struktur. Bei euch ist das besonders hervorgehoben da Portia und Slim ein Paar sind und Maggie und Tobi Schwestern. Wie gehst du damit um, wenn diese persönlichen Beziehungen durch wirtschaftliche Entscheidungen belastet werden, wenn zum Beispiel Entlassungen nötig sind?

Maggie: „Da ich zum Glück nicht der Boss hier bin habe ich damit wenig am Hut. Ich glaube nicht dass ich jemals jemanden feuern könnte. Es stimmt, dass Tobi und ich der einzig konsistente Kern des Labels sind. In den 14 Jahren hier haben wir ungefähr 20 Mitarbeiter kommen und gehen sehen. Wenn es je dazu kommt, dass eine von uns gehen muss, was sein könnte, wenn man sich mal die Verkaufszahlen anguckt, wird es sehr schwer für die jeweils andere zu verkraften sein und auch für Portia. Ich hoffe, dass es nicht dazu kommen wird“.

Portia: „Leuten zu kündigen macht keinen Spaß, egal in welcher Verbindung man zu ihnen steht. Aber als ich das Label übernahm, war mir klar dass ich eine große Verantwortung auf mich lastete. Wir müssen jedes Quartal Abgaben an die fast 400 Künstler deren Veröffentlichungen seit 17 Jahren die Firma bereichert haben zahlen und meine Hauptmission ist es sicher zu stellen, dass ich das Label so führe, dass wir diese Abgaben viermal jährlich aufbringen können. Dass muss ich im Hinterkopf haben, wenn ich entscheide wie viel wir für neue Veröffentlichungen und Personal aufwenden können. Wenn das dazu führt, dass ich schwere Entscheidungen treffen muss die es nötig machen Bands oder Mitarbeiter gehen zu lassen ist das Teil meines Jobs. Die familiäre Atmosphäre hier führt natürlich ein tolles Arbeitsklima hervor und mittlerweile haben wir Leute hier die nicht nur effizient sondern auch total angenehm im Umgang sind. Maggie und Tobi sind seit 14, 15 Jahren dabei und bringen damit auch vertieftes Wissen darüber was unsere Aufgaben sind mit, und das ist natürlich von riesigem Wert“.

Verantwortungsvollen Umgang mit Menschen schreibt sich Portia schon länger auf die Fahne, hat sie doch vor ihrem Quereinstieg ins Musikgeschäft eine akademische Karriere verfolgt und als Anthropologin ist sie ja in doppelter Hinsicht qualifiziert und Verfechterin der Ethnomethodologie.

Hast du Interesse daran wieder an die Uni zu gehen und zu lehren und gibt es da eine Verbindung zu deiner Arbeit bei Kill Rock Stars, wendest du dein anthropologisches Wissen dort an?

Portia:Manchmal denke ich ich bin verflucht dieses Wissen auf jeden Bereich meines Lebens anwenden zu wollen, was besonders nervig ist da US-Amerikanische Kultur mein Spezialgebiet ist und ich auch noch in ihr lebe. Ich liebe es zu lehren und würde auch gerne irgendwann zurückgehen aber ich denke dass sowohl Wissen zu verbreiten wie auch das Verbreiten von Ideen über die Musik härtere Jobs sind als man denken würde. Ich denke, dass Menschen lernfähig sind, aber es reicht nicht sie einfach mit Fakten zu bombardieren und für die Musik gilt das Selbe. Menschen lieben Musik aus ganz verschiedenen Gründen und Musik berührt sie auf unterschiedliche Arten deswegen ist Bildung und Musik sehr machtvoll aber es gibt keinen einfachen Effekt den sie erzeugen. Davon abgesehen können sie beide transformieren und zu Wandel führen. Mich interessiert es sehr zu untersuchen wie sich Kulturen über die Zeit ändern können. Es gibt mir Hoffnung für die Zukunft“.

Was ist Ethnomethodologie?

Portia: „Ethnomethodologie ist eine Theorie über menschliches Verhalten die von Harold Garfinkel entwickelt wurde, einem Soziologen der mittlerweile erimitierter Professor der UCLA ist. Um es mal grob herunterzubrechen geht es darum, dass Leute sich so verhalten als ob es Regeln gäbe die sie ständig aufeinander anwenden. Die beste Möglichkeit das nachzuvollziehen ist die Aufgaben zu machen die Garfinkel seinen Schülern gab. Da Menschen die Regeln ständig ihrer Umwelt aufdrängen ist es am einfachsten sie aufzuzeigen indem man sie bricht.

Das nächste Mal wenn du in der Warteschlange an der Supermarktkasse bist, gehe einfach einen halben Schritt näher an die Person vor dir heran. Beobachte wie sie reagieren. Dann komm noch einen halben Schritt näher. Teste aus wie nah du herankommen kannst und was passiert wenn du es erreicht hast. Meistens wirst du eine relativ wütende Reaktion bekommen und in manchen Fällen, das ist personenabhängig, eine amouröse Antwort. Der Gedanke bei dieser Übung ist nicht amüsant zu sein sondern sichtbar zu machen, dass wir jeden Tag in einem Netzwerk von sozialen Zwängen unser Verhalten abstimmen Dies ist aber so eingebrannt bis wir erwachsen werden, dass es uns kaum mehr auffällt und in einer sozialen Situation Chaos auszulösen wird so zu einer Leichtigkeit, wie eben zu nahe an jemanden heran zu treten

Die Übung ist auch deshalb so geeignet weil sie kulturelle Unterschiede aufzeigt Die Abstände die in den USA okay sind, sind in Japan wieder andere als in Chile, in Ghana, etc. Das klingt jetzt vielleicht nicht revolutionär aber meiner Meinung nach ist es essentiell, dass wir ein Bewusstsein für kulturelle und soziale Normen zurück ins öffentliche Blickfeld bringen, gerade für die großen Diskussionen über Rasse, Klasse und Geschlecht. Wenn wir weiterhin im Individuum nach den Gründen für Verhalten suchen und es als Ausdruck des freien Willen interpretieren werden wir nie aus unseren Gepflogenheiten ausbrechen können. Die Spaltungen zwischen Leuten in diesen Kategorien werden sonst weiterhin ansteigen“.

Auf der anderen Seite der Medaille steht aber neben kulturrelevanten Unterscheiden auch das immer näher kommen der Welten in einem so genannten globalen Dorf, das auch Kill Rock Stars exzessiv nutzt. Meine MySpace Freundin Maggie entpuppt sich aber als skeptischer als gedacht.

Wie bewertest du Web 2.0. und soziale Plattformen im Internet, sowohl persönlich wie geschäftlicherseits? Du bist bei MySpace und LinkedIn vertreten, hat das deine Arbeit erleichtert oder führt es lediglich zur Überschwemmung mit noch mehr Informationen?

Maggie: „Ich wünschte mir würde jedes mal ein Dollar gezahlt wenn ich eine E-Mail von jemanden erhalte, der beschreibt, dass seine neue Plattform eine Mischung aus Myspace und Youtube sei und ganz groß herauskommen wird. Ohne Witz, das passiert mehrmals täglich und ich kann da einfach nicht mithalten. Davon abgesehen ist es durch MySpace sicher einfacher geworden sich neue Bands anzuhören und ich finde es gut, dass die Materialkosten des Demoverschickens entfallen. Mir reicht es völlig aus ein paar Lieder online hören zu können, ich habe also gemischte Gefühle diesbezüglich. Zur Zeit ist Kill Rock Stars bei Imeem, MySpace, FaceBook, Mog, etc. etc. vertreten. Mein Assistent Ben kümmert sich um diese Sachen und es scheint viel Arbeit dahinter zu stecken, ist aber auch eine super Möglichkeit mit den Fans unserer Bands zu interagieren, das finde ich super“.

Ich hoffe der Job den Maggie macht ist nicht so schlecht bezahlt, dass es auf die Paar Dollar mehr am Tag ankommt, denn was sie Portia, Tobi und alle Beteiligten leisten zieht mich seit Jahren in den Bann. Die Hüter des guten Geschmacks die nebenbei auch noch inhaltlich einiges zu bieten haben werden wohl auch in Zukunft 50 % meines Plattenschranks einnehmen, so liste ich hier nur mal die Releases des Labels auf, die ich tatsächlich besitze, und das ist schon Zeugnis eines Kollektiven Geniestreiches.

***

Diskografie:

Advantage s/t Ger028
Amps for Christ The People at Large Ger032
Anna Oxygen This is an exercise Krs432
Bangs Call and Response Krs379
Bangs Mailorder Freak Single Krs324
Bangs Sweet Revenge Krs336
Bangs Tiger Beat Krs294
Bikini Kill Anti-Pleasure Dissertation Krs250
Bikini Kill I like fucking Krs253
Bikini Kill New Radio Krs212
Bikini Kill Pussy Whipped Krs218
bikini Kill Reject all american Krs260
Bikini Kill s/t Krs204
Bikini Kill/Huggy Bear Yeah Yeah Yeah Krs206
Bonfire Madigan …from the burnpile Krs299
Bonfire Madigan Saddle the Bridge Krs357
Born Against Nine Patrotic Hymns for Children Krs394
Cadallaca Out West Krs362
Carousel Waltz s/t Ger043
Casual Dots s/t Krs404
Childish, Billy Hangman Communiction Krs110
Comet Gain Tigertown Pictures Krs346
Danielson Lazyship Krs463
Decemberists Castaways and Cutouts Krs397
Decemberists Her Majesty Krs375
Decemberists Picaresque Krs425
Decemberists The Tain Krs372
Deerhoof Apple O‘ Krs398
Deerhoof Milk Man Krs406
Deerhoof The return of the wood m’lady Krs243
Delta 5 Singles & Sessions 1979-81 Krs415
Erase Errata Nightlife Krs464
Essential Logic Fanfare in the garden Krs399
Excuse 17 Such friends are dangerous Krs237
Free Kitten Nice Ass Krs240
Free Kitten Sentimental Education Krs287
Frumpies Babies and Bunnies Krs213
Frumpies Forever Krs366
Frumpies One Piece Krs335
gossip Arkansas Heat Krs384
Gossip Movement Krs391
Gossip Standing in the way of cotrol Krs422
Gossip/Le Tigre Standing in the way of cotrol remix Krs438
Gossip That’s not what I heard Krs368
Gold Chains& Sue Cie When the world was our friend Krs420
Gravy Train Are you Wigglin? Krs414
Gravy Train Ghost Boobs Krs413
Gravy Train Hello Doctor Krs389
Hanson, Jeff Son Krs388
Harvey Danger Cream and Bastards Rise Krs448
Heavens to Betsy Calculated Krs222
Huggy Bear Weaponry Listens to Love Krs236
Inca Ore with theLemon BearsOrchestra The Birds in the Bushes Ger072
John Doe Thing For the Rest of Us Krs290
John Wilkes Booze Five Pillars of Soul Krs 408
Julie Ruin s/t Krs297
July, Miranda 10 Million Hours a Mile Krs281
July, Miranda The Binet-Simon Test Krs296
Kathleen Hanna/Slim Moon Rockstar Krs101
Lies Mailorder Freak Single Krs329
Luecking, Juliana Big Broad Krs228
Luecking, Juliana Dream Cum Go Down Krs234
Makers Stripped Krs423
Marnie Stern In Advance of the Broken Arm Krs446
Mika Miko Cyslabf Krs467
Nedelle From the Lion’s Mouth Krs424
New Bloods The Secret Life Krs488
Numbers/Adult This Seven Inch Krs440
Numbers Now You are This Krs461
Numbers Solid Pleasure Krs433
Numbers We’re Animals Krs426
OOIOO s/t Krs317
Old Haunts Fallow Field Krs431
Old Haunts Fuel On Fire Krs457
Paper Chase God bless your black heart Krs410
Paper Chase Now you are one of us Krs445
Peechees Games People Play Krs285
Peechees Do the Math Krs255
Phranc Goofyfoot Krs233
Red Monkey Mailorder Freak Single Krs305
Refect Refect The Future Krs273
RockATeens Mailorder Freak Single Krs303
Seconds Kratitude Ger058
Semi-Automatic Wolfcentric Ger030
Shoplifting s/t Krs417
Shoplifting Body Stories Krs407
Sleater-Kinney All Hands on the Bad One Krs360
Sleater-Kinney Dig Me Out Krs279
Sleater-Kinney Get Up Krs337
Sleater-Kinney Hot Rock Krs321
Sleater-Kinney One Beat Krs387
Sleater-Kinney You’re no rock’n’roll fun Krs364
Slumber Party Musik Krs458
Smith, Elliott Either/or Krs269
Smith, Elliott New Moon Krs455
Smith, Elliott Speed Trials Krs266
Smith, Elliott s/t Krs246
Stereo Total Do the Bambi Krs409
Team Dresch Jody knew the score Krs227
Third Sex s/t Krs248
Timony, Mary The Shapes We Make Krs469
Two Ton Boa s/t Krs351
Two Ton Boa Parasticide Krs450
Two Ton Boa Serenade for thecrow that fell Krs396
Various Artists Drinking From Puddles Krs318
Various Artists Kill Rock Stars Krs201
Various Artists Krs Video Fanzine 3 Krs400
Various Artists Krs Video Fanzine 2 Krs300
Various Artists Krs Video Fanzine 1 Krs200
Various Artists Rock Stars Kill Krs221
Various Artists Stars Kill Rock Krs207
Various Artists Turbo’s Tunes Krs319
Veirs, Laura Year of Meteors Krs447
Witchypoo Mixed Metaphor Krs220
Wooden Wandand the Sky HighBand Second Attention Krs456
Wrangler Brutes Zulu Krs418
Xiu Xiu Fabulous Muscles Ger031
Xiu Xiu Women as lovers Krs484

 

Text/Interview: Alva Dittrich

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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