Dezember 4th, 2018

KAFKAS (#167, 2014)

Posted in interview by Jan

Es hat wieder sehr lange gedauert, bis ihr einen neuen Tonträger veröffentlicht habt. Woran lag das?

Markus: Das lag in erster Linie an mir. Wir hatten nicht damit gerecht, dass mit der letzten Platte so viel passieren würde. Das hatte uns etwas überrollt. Da wir alles selber machen, war es echt eine ganze weile so, dass ich von morgens bis abends nur Kafkas-Dinge abgearbeitet hatte. Als es dann wieder etwas ruhiger wurde, hatte ich eine Phase, in der ich nicht an neuen Songs arbeiten wollte. Das ging dann aber auch von einem auf den anderen Tag wieder vorbei. Nur kostet es natürlich auch Zeit und Energie, wenn man als Band keine Produzenten, Label, Management, etc. integriert hat, aber dennoch ein gewisses Level haben und halten möchte. Deshalb sind die Abstände bei uns manchmal etwas länger, bis wir genügend Reserven für einen Release haben.

Ihr hattet mit den Singles des letzten Albums auch in Medien, die nichts mit Punk zu tun haben, durchaus Erfolg. Hat sich euer Publikum spürbar verändert seit dem letzten Album?

Markus: Ja, schon. Es gibt zwar einen sehr treuen und harten Kern, der uns bisher immer begleitet hat, aber es sind viele neue Leute mit dem letzten Album dazugekommen. Insgesamt ist das Publikum vielschichtiger geworden. Das finden wir auch sehr angenehm. Es kommen aber deutlich weniger Deutschpunker auf unsere Konzerte – das liegt aber auch daran, dass diese Szene sich seit der letzten Veröffentlichung insgesamt sehr verändert hat.

Eure neue EP ist extrem eingängig. Ich finde, es sind richtige Hymnen herausgekommen. Habt ihr euch bewusst für einen massenkompatibleren Weg entschieden oder sind es eher eure privaten musikalischen Vorlieben, die euch geleitet haben?

Markus: Ich weiß, dass es für viele eine einfache Rechnung ist: poppiger gleich kommerzieller. Aber das ist doch nicht die Realität. Gerade mit harter Kost kann man doch mittlerweile die höchsten Umsatzzahlen erzielen. Harte Musik ist doch eine solide Geschichte, die wirtschaftlich relativ kalkulierbar ist. Wir möchten nicht immer wieder das selbe „handgemachte“, „ehrliche Musik“ Konzeptalbum machen. Wir mögen neues ausprobieren und das tun, worauf wir selber Lust haben und nicht nur irgendwelche Erwartungen erfüllen. Dass die letzte Platte so einbreites Interesse erfahren würde, war nicht zu erwarten. Da gab es im Vorfeld eigentlich fast nur negative Prognosen.

Ihr setzt euch als Band schon seit der Gründung auch für Tierrechte ein. Was hat sich seitdem aus eurer Sicht verändert. Ist das Thema größer geworden und hat sich etwas in dem Bereich verbessert?

Markus: Ja und nein. Es gibt nicht nur durch das Internet bessere Informationswege und immer mehr Menschen erfahren, was Tiere hinter verschlossenen Türen ganz legal in unserer Gesellschaft erleiden müssen. Dennoch ist ein klares Umdenken gesellschaftlich noch nicht eingetreten. Erfreulicherweise gibt es immer mehr Menschen, die auf Fleisch verzichten, anderseits konsumieren andere dafür konstant immer mehr Fleisch. Bei einigen Leuten ist eine Bewusstseinsveränderung eingetreten – bei anderen scheint es dagegen leider eher konträr abzulaufen. Also Anti-Vegetarier-Shirts gaben es vor 20 jahren noch nicht und bei einem Mailorder-Riesen wie EMP scheinen sie ein Verkaufsschlager zu sein. Man wird aber halt auch echt  überall mit Werbung für Fleisch- und Wurstprodukte zugeballert. Das hat natürlich Gründe und auch Auswirkungen.

Wie sind die Reaktionen der Punkszene – ist man dort offener für das Thema Tierrechte?

Markus: Na ja, klar gibt es in der Punkszene generell sehr engagierte Leute. Und es gibt auch einen sehr offenen und interessierten Teil in der Punkszene. Wir bekamen auch echt schon viele Mails und Briefe von Leuten, die sich bedankt hatten, von uns hierzu einen Impuls bekommen zu haben. Dennoch gab es die schlimmsten Diskussionen und Anfeindungen zu diesem Thema von Leuten, die sich als Teil der Punkszene bezeichnen. Ich musste insgesamt langsam lernen, dass der Grund, warum ich mich mal in diese Szene begeben habe, ein anderer ist, als für viele andere. Ich will damit nicht sagen, dass nur wir die wahren, echten Punker sind und man nur mit meiner Weltanschauung ein Punker ist – absolut nicht – nur ist es halt wirklich so, dass wir zum Thema „Fleisch“ mit Leuten aus der Punkszene, leider die schlimmsten Auseinandersetzungen hatten.

Du sagst, es gab immer wieder Anfeindungen und Vorfälle auch auf Konzerten, wenn ihr das Thema angesprochen habt. Gibt es dafür umgekehrt eine Szene, die einen dann als Band unterstützt, wenn man sich für Tierrechte positioniert?

Markus: Na ja, wir sind musikalisch spätestens seit den letzten Veröffentlichungen keine typische Protest- oder Demonstrations-Band mehr, haha. Für Straßenschlachten eignen sich andere Bands mit direkteren Parolen besser als wir. Und auch im Esoterikbereich gibt es andere Zugpferde, haha. Es gibt natürlich Leute in der Tierrechtsszene, die uns unterstützt haben und dafür sind wir auch sehr dankbar. Und sicher haben wir auch den einen oder anderen Käufer eines Tonträgers, aufgrund unserer Positionierung zu diesem Thema. Allerdings sind es insgesamt wesentlich mehr Leute, die damit ein Problem haben.

Ich denke, nichts hat uns insgesamt so viele Schwierigkeiten bereitet und Verkaufszahlen reduziert, wie unsere klare Bekenntnis zu Tierrechten.  Es ist einfach nicht „cool“, sich für Tierrechte einzusetzen – ich glaube, Skandalrocker sind nicht ohne Grund so omipräsent und erfolgreich. Das ist uns aber alles egal – deshalb tun wir es nicht. Wir sind nur manchmal etwas genervt, wenn man uns falsch darstellt oder mit Leuten in einen Topf wirft, mit denen wir nicht viel gemeinsam haben. Und ich finde es erschreckend, wie einige auf Leid ignorant oder gar kaltherzig reagieren.

Als ich euch vor ein paar Monaten live sah, hattet ihr eine technische Pause. Als du das Publikum daraufhin fragtest, ob irgendjemand etwas vorführen wolle oder besonders gut könne, kam ein Herr spontan auf die Bühne geklettert und zog sofort blank. Ihr wirktet aber gar nicht verwundert. Habt ihr öfters ähnliche Szenen?

Markus: Ja – seltsamerweise sind wir die Könige aller Nudisten. Keine andere Band hat solch viele nackte Genitalien bereits auf der Bühne präsentiert bekommen, wie wir. Besonders in Österreich und Bayern…

Was ich super finde, ist, dass ihr euch gar nicht um Klischees schert. Das spielt nicht nur eure neue EP wieder, sondern auch live finde ich das sehr sympathisch. Ihr habt angenehm viel Selbstironie und erstaunlich viel Humor bei euren Auftritten. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass ihr das Publikum verwirrt und teilweise etwas überfordert.

Markus: Ja, das ist teilweise schon so, dass man uns falsch versteht. Ich glaube, manche Leute erwarten von uns eine sehr ernsthafte und teilweise schon schwermütige Bühnenpräsenz. Wir möchten aber keine standardisierten Konzerte mit Instant-Emotionen. Es ist uns wichtig, dass es ehrlich und spontan ist. Das macht es für uns auch weiter spannend Konzerte zu spielen. Klar wissen wir, dass die meisten Konzertbesucher am liebsten ein gewisses Gefühlsspektrum bedient haben möchten und sich teilweise etwas schwer tun, wenn es emotional und stilistisch schwankt. Für uns ist es aber genau das, was uns Spaß macht an Liveauftritten.

Ich habe gelesen, dass ihr möglichst keine Produkte mit Palmöl möchtet. Ich habe mich selber schon ein wenig über Palmöl und die Zusammenhänge informiert. Dennoch glaube ich, ist das ein Problem, das für viele noch nicht so bekannt ist. Wie ist da das Verständnis z.B. unter euren Konzertveranstaltern?

Markus: Ja, das ist richtig. Das Thema Palmöl ist leider noch nicht sehr verbreitet. Die Zusammenhänge zwischen Regenwaldrodungen und der Vertreibung, Bejagung und Ausrottung von u. a. Orang Utan Affen sind vielen noch nicht bewusst. Das sorgt dann auch manchmal bei unseren Konzertveranstaltern für irritierte Blicke, wenn wir schreiben, dass wir bitte palmölfreies Catering möchten. In Hamburg dachte ein Veranstalter, das wäre Rockstargehabe, haha. Wir haben ihm dann erklärt, worum es uns dabei geht – ich hoffe, wir konnten ihn davon überzeugen, dass es uns nicht um Veranstalter-Schikane hierbei geht, haha…

Deutschrock ist in den letzten Jahren groß geworden. Gibt es da Überschneidungen bei eurem Publikum?

Markus: Nein. Unsere Musik ist wahrscheinlich zu poppig und inhaltlich nicht kompatibel. Da gibt es keine Überschneidungen. Es gab bisher nur einen Herren, der ein Freiwild-Shirt in der ersten reihe trug. Diesem boten wir 50 Euro, wenn er es auf der Bühnen verbrennen würde und dazu ein neues Shirt von uns. Er zog es dann tatsächlich aus und ließ eines von unseren geben. Aber wir haben insgesamt eigentlich kein Deutschrock-Publikum. Auch wenn dies in der deutschen Musiklandschaft leider definitiv etabliert ist und auch in der Punkszene angekommen ist. Diese Entwicklung war einer der Gründe, warum wir uns musikalisch weiter weg vom Punk entwickelt haben.

Die neue EP ist auch deutschrockfrei – da können wir an dieser Stelle alle beruhigen. Wir wünschen euch ein tolles Release und bedanken uns herzlich für das nette Interview!

 

Steffi + Jana

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