Mai 4th, 2018

JIMMY CARL BLACK (#69, 04-1998)

Posted in interview by Jan

JIMMY CARL BLACK. Eine Großmutter plaudert aus dem Nähkästchen

Jimmy Carl Black hat Musikgeschichte erlebt und mitgeschrieben. Er war in den 60er Jahren Schlag­zeuger bei Frank Zappa’s MOTHERS OF INVENTION und gab 1975 ein Gastspiel in Captain Beefhearts Magic Band. Seine letzte Zusammenarbeit mit Herrn Zappa geht ins Jahr 1980 zurück, als Jimmy für dessen Album „You are what you is“ den Song „Harder than your husband“ einsang.

Wie viele ehemalige Zappa-Mitstreiter zieht auch Jimmy heute noch durch die Lande und hält die glorreiche Vergangenheit hoch. Zur Ruhe hat er sich noch lange nicht gesetzt: Er tourt mit seinen alten Mothers-Kollegen unter dem Namen GRANDMOTHERS, spielt in einer Bluesband, nahm mit Eugene Chadbourne zwei CDs auf und stellte bei einer ausgedehnten Europa­tournee im Dezember mit der Liverpooler Zappa-Coverband MUFFIN MEN sein Gesangs­talent unter Beweis. Nach einer strapaziösen acht stündigen Bahnfahrt plauderte Jimmy bereitwillig über alte Zeiten und sein Leben in Deutschland; denn seit über vier Jahren hat der mittlerweile 60jährige Cheyenne-Indianer seine Zelte im Schwabenland aufgeschlagen.

Die wilden 60er

Wie entscheidend die MOTHERS OF INVENTION die Rockmusik beeinflußt haben, resümierte 1969 Frank Zappa bei der Presse­konferenz zu deren Auflösung: „Die MOTHERS OF INVENTION, berüchtigte und widerwärtige ‚Rocking Teen Combo‘ geben keine Konzerte mehr. 1964 wurde eine Gruppe mit dem Namen THE MOTHERS gegründet. 1966 machte sie eine Platte, die eine musikali­sche Revolution startete. Die Mütter erfanden die Untergrund-Musik. Sie erfanden auch das aufklappbare Rockalbum und das Konzept aus einem Rock-Album ein totales Musikstück zu machen.

Mit ihren Forschungen und Expe­rimenten auf vielen Ebenen musikalischer Stile und Medien zeigten sie Dutzenden von ande­ren Gruppen den Weg (inklusive den BEATLES und den STONES).“ Herr Zappa stand immer im Vordergrund. „Frank hatte damals die komplette Band aufgelöst und sich neue Musiker gesucht – er hatte immer das Kommando. Er war ein Meister im Manipulieren der Presse. Wenn wir auf Tour waren, wohnte er in einem anderen Hotel als die Band und die Journalisten wollten natürlich lieber mit ihm sprechen – er hatte somit das Sagen. An die wilden 60er erinnert sich Jimmy dennoch gerne. Wenn man be­denkt, daß er als „Mutter“ mit Größen wieden Doors, Jimmy Hendrix, Janis Joplin und Grateful Dead gespielt hat, erstarrt man als Interviewer fast in Ehrfurcht.

Jimmy sieht das lockerer: „Es war eine schöne Zeit damals und Jimmy Hendrix und Konsorten waren lediglich Musiker und Bands wie wir, die Konzerte spielten, Platten aufnahmen und ihren Spaß haben wollten. Bei den Mothers habe ich insbesondere die Musik gemocht. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht die ganzen Alben einzuspielen – meine Lieblingsscheibe aus der Zeit ist übrigens ‚Cruising with Ruben & The Jets‘. Es war aber sehr schwer mit Zappa zu spielen; er war ein Perfektionist, der von seinen Musikern sehr viel gefordert hat“.

Frank Zappa hat sich immer gegen Drogen ausgesprochen. Hört man sich aber alte Schei­ben der Mothers wie „We’re only in it for the money“ an, könnte man doch leicht den Ein­druck gewinnen, daß da Drogen im Spiel gewesen sein mußten.

Frank war gegen Drogen – der Rest der Band war es nicht. Ich hatte zwar nie das Verlangen harte Drogen zu nehmen, rauche aber bis auf den heuti­gen Tag gerne Marijuhana. Zappa hat in seinem Leben vielleicht zehn Joints geraucht – zwei davon zusammen mit mir. Ihm hat es aber nicht sonder­lich zugesagt. Er hat dafür lieber massenweise Zigaretten und Kaffee konsumiert.

Alles in Zappas Hand

Obwohl Frank Zappa mittlerweile das Zeitli­che gesegnet hat, steht er bei Konzerten der MUFFIN MEN immer noch im Mittelpunkt des Interesses. Es erscheint beinahe grotesk, wenn Jimmy vor seinem Auftritt mit den fünf Liverpoolern in einem öffentlichen Interview immer wieder nach Frank Zappa gefragt wird und dessen neueste Biographie „Zappa – in eigenen Worten“ signiert.

Alle wollen von ihm wissen, wie „er“ – nämlich Frank – war. Ein Fan erkundigte sich beispielsweise bei Jimmy, der zuletzt 1980 mit Zappa zusammenarbei­tete, ob Frank 1992 bei seiner letzten Orchester­arbeit „Yellow Shark“ die Musik für alle Instrumente geschrieben habe oder dies ein weiterer Komponist besorgt habe. Woher zum Teufel sollte Jimmy das wissen? Die Großmutter indes blieb ganz cool und zuckte zunächst mit den Schultern, dann konterte er: „Ich kann nur soviel sagen. Mir hat ‚Yellow Shark‘ sehr gut gefallen. Wer außer Frank noch die Musik für die einzelnen Instrumente geschrieben hat, weiß ich nicht. Nur eins ist sicher: ich war es nicht.“

Franks übermächtiger Schatten scheint immer präsent zu sein, zumal es kaum einem ehe­maligen Zappa Bandmitglied – trotz unab­sprechbarer musikalischer Fähigkeit – gelun­gen ist, seine Popularität zu erreichen. Jimmy fühlt sich dennoch nicht so, als stünde er in Herrn Zappas Schatten und hat es auch nicht nötig seine Tonträger mit „Ex-Zappa-Band“ Aufklebern zu versilbern. Ich bin nicht ‚Ex-Zappa-Band‘, ich bin der Original Drummer der MOTHERS OF INVENTION. Ich bin einer der Gründungsmitglieder der Mothers.

Über die Tatsache, daß Zappas Familie die ganzen Rechte der Mothers-Alben besitzt, ärgert sich Jimmy schon. Wie sein Verhältnis zu Frau Zappa ist, drückt er sehr diplomatisch aus: Wenn ich die Wahl hätte entweder gegen eine Cobra oder Zappas Frau zu kämpfen, dann würde ich mich für die Cobra entscheiden. Frank hat alle Songs komponiert und getextet, das ist völlig unstrittig und darum geht es mir auch gar nicht. Mir geht es lediglich um die Künstlerhono­rare, die man bekommt, wenn man als Musiker eine Platte eingespielt hat. Das ist ein sehr geringer Prozentbetrag – fast gar nichts. In den letzten 33 Jahren wurden aber doch so viele Scheiben der Mothers verkauft, daß dies nun ein beträchtlicher Geldbetrag ist. Zumindest so viel, daß ich beruhigt in Rente gehen könnte. Momentan kann ich es mir nicht leisten mich zur Ruhe zu setzen. Ich habe kein Geld und werde so wohl bis an mein Ende weiter Musik machen.“

Ein Cheyenne schlägt seine Zelte in Deutschland auf

Daß die wilden 60er Jahre nicht spurlos an „dem wilden 60er“ vorübergegangen sind, sieht man ihm an.

Ich werde langsam des Tourens müde, es ist schon ziemlich anstrengend für mich. Ich bin gerade acht Stunden lang aus Belgien mit dem Zug angereist, habe am Donnerstag mit Muffin Men in Köln gespielt, bin Freitag früh für zwei Gigs mit meiner Bluesband nach Belgien gefahren und komme nun am Sonntag zurück, um hier in Heidelberg mit Muffin Men aufzutreten und die Tour weiterzu­spielen. Morgen ist unser erster Day Off nach zwei Wochen – wenn man eine Fahrt von Heidelberg nach Jena überhaupt als Day Off bezeichnen kann.

Seit über vier Jahren lebt Jimmy im Schwaben­land und ist dort sehr glücklich. Nachdem seine mittlerweile verstorbene Frau 1992 einen Lehrerjob bei der US Army angeboten be­kommen hatte, zogen sie nach Bad Boll. „Ich liebe Deutschland. Alle fragen mich, weshalb es mir ausgerechnet hier gefällt? Ich weiß es selbst nicht so genau, aber mir gefällt es. Als ich 1968 das erste mal mit den Mothers nach Deutschland kam, dachte ich mir, es wäre wundervoll hier eines Tages zu leben. Da ich vom Kirchheimer Label Muffin Records zu der Zeit auch noch einen Plattenvertrag bekam, beschloß ich hier zu bleiben. Ich liebe die Stuttgarter Gegend und die Schwäbische Alb sehr.

Ein weiterer Grund weshalb es Jimmy in Deutschland so gut gefällt, ist sicherlich das Bier. Schon in der Zappa Biographie „I am the American Dream“ beschreibt Zappa Jimmys „fast unnatürliche Vorliebe für Bier“.

Ihr macht hier wirklich das beste Bier der Welt; am liebsten trinke ich Hefeweizen. Im Februar heirate ich eine Frau aus Bayern und werde dann dorthin ziehen. Ich habe kein Verlangen in die Staaten zurückzugehen. Im Sommer besuche ich meine Mutter, Kinder und Enkelkinder „drüben“, aber leben wollte ich dort im Moment nicht.

Die andere Seite

Was die Musik anbelangt ist Jimmy äußerst aktiv. Ende 94 startete er eine Bluesband mit der er das ganze Jahr über arbeitet; darüber­hinaus tourt er immer noch mit den alten Motherskollegen unter dem Namen GRANDMOTHERS durch die Lande und wird im Frühjahr auch in seiner neuen Heimat auftreten. Geprobt wird zehn Tage vor Tourstart in einem Studio in Rom. Mittlerweile macht Jimmy das Singen mehr Spaß als das Schlagzeugspielen.

Ich werde es langsam müde Drums zu spielen, immer diese Schlagzeug-Schlepperei – ich habe es nicht satt, verstehe mich da bitte nicht falsch – ich liebe es, aber man braucht eine Menge Energie dazu.

Mit dem in Hardcorekreisen nicht unbekann­ten Eugene Chadbourne hat Jimmy zwei Cds aufgenommen, die in Deutschland aber leider nur sehr schwer zu bekommen sind. Eugene ist ein großartiger Musiker, sehr avantgardistisch. 1991 habe ich mit ihm beim Jazzfestival in Moers gespielt. Die letzte CD, die ich mit ihm gemacht habe heißt ‚Pochuca Kadabra‘, ein Tributalbum an Captain Beefheart. Ich versuche es gerade in Deutschland veröffentlicht zu bekommen – es ist eine gute CD, ziemlich bizarr.

Mit den Liverpooler Muffin Men ist Jimmy bereits zum vierten mal unterwegs; man kennt und schätzt sich gegenseitig sehr. Bandleader Roddy Gilliard ist ein großer Mothers Fan und nahm über die Jahre hinweg Jimmys Geschich­ten mit einem kleinen Kassettenrekorder auf. „Ich erzählte Roddy all die Strories über die Mothers, meine Kindheit und das Erwachsen werden. Und so werden wir noch 1998 ein Buch mit CD-Beilage herausbringen. Der Schwerpunkt wird eindeutig auf der Zeit mit den Mothers liegen. Diesmal wird aber nicht Franks Perspektive dargestellt, sondern die der Band. Wir haben einige verrückte Dinge erlebt, bei denen Frank überhaupt nicht dabei war. Ich hatte ja eingangs schon erwähnt, daß er immer in einem anderen Hotel als die Band übernachtet hat. Roddy transkribiert es von Tape und wir gehen es gemeinsam durch und lockern es mit alten Bildern der Mothers auf. Es wird ein richtiges Kunstwerk und ich hoffe, daß ich einmal in meinem Leben etwas machen werde, das sich auch verkauft.

Zu Gönnen wäre der sympathischen Groß­mutter der Erfolg allemal – und insbesondere den Zappa Fans dürfte die Lektüre seines Buches die ein oder andere Überraschung bescheren. Ich freue mich jedenfalls schon darauf, „die andere Seite“ der Mothers-Me­daille kennenzulernen.

Text, Interview & Fotos: Stefan Kleiber

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