August 2nd, 2019

Jimmy Alvarado (#194, 2019)

Posted in interview by Jan

„Ill Repute spielten zuletzt. Das war, als sie eine „Rock“-Phase durchliefen, also begannen sie mit einem Cover von Led Zeppelins „Rock and Roll“, spielten dann ihren Original-Song „Party Animal“ von Mystic Records zweiter „We Got Power“-Compilation und dann einen weiteren Rock-Song. Mit dem vierten Song oder so erkannte das Publikum, dass die Band nicht mit dem „Rock“-Zeug herumscherzte und begann, die Band mit der Kleidung zu bewerfen, die Isocracy vorher in den Raum geworfen hatte. Es war dann entweder eine Getränkedose oder ein Schuh, der den Bassisten traf, er watschelte in die Menge, schlug den Kerl, der das warf und ging zurück auf die Bühne, um weiter zu spielen. Die Menge stürmte die Bühne, um die Band anzugreifen, und von da an wurde der Scheiss verrückt. Meine damalige Freundin und ich gingen nach draußen, um die Freunde zu finden, mit denen wir kamen, ein Aufstand war in vollem Gange, mit einer der örtlichen Straßengangs, die gegen die Polizisten kämpften, die aufgetaucht waren. Als wir den Park verließen, um zum Auto zu gelangen, feuerte eines der Gangmitglieder mit einer Schrotflinte auf einen Polizeihubschrauber. Gute Zeiten.“

Viva East L.A. Olé!

JIMMY Alvarado
vom RAZORCAKE FANZINE und LA TUYA

Bald habe ich sie alle vom Razorcake Fanzine aus Los Angeles interviewt: mit Herausgeber und Chef Todd Taylor sprach ich für Trust #117 (2007), er publizierte auch einen Gastbeitrag über seine Tätigkeit beim Zine für unsere Schwerpunktausgabe zum Thema Arbeit (# 126, 2007). Dann sprach ich für die # 140 (2010) mit dem Razorcake-Kolumnisten-und-Reviewer bzw. Boris the Sprinkler-Sänger Rev. Nørb, ferner unterhielt ich mich mit einem weiteren Kolumnisten des Heftes, mit dem wahnsinnigen ein-Mann-Parade-Trommler Rhythm Chicken aus Wisconsin (das Gespräch erschien in Trust #125 (2007)) und nun kommt mein Dialog mit einem weiterem Razorcake-Shitworker, Jimmy Alvarado aus (Ost-) Los Angeles. Vorher aber nun ein kleiner Überblick zum Razorcake.

Flipside und Razorcake
Es war einmal das legendäre Flipside Fanzine aus der südkalifornischen Metropole, das Heft existierte von 1977 bis 2000 und fungierte noch als Video-Zine, Label und Festival-Veranstalter. Todd Taylor war dort die letzten vier Jahre der Koordinator.

Aus der Asche des Flipside entstand dann durch die Initiative früherer Schreiber 2001 das zunächst als Webzine existierende Razorcake Fanzine. Gegründet wurde es durch Todd und Sean Carswell, letzterer hat mittlerweile eine Professur in Politikwissenschaften im Großraum von Los Angeles inne. Bald kam die erste gedruckte Ausgabe, 2016 feierte man das fünfzehnjährige Jubiläum und die Ausgabe #100 des zweimonatlich erscheinenden Heftes kam Ende 2017 heraus. Seit 2005 hat das Razorcake (das wie das frühere Mutterschiff auch noch als Label, Webzine und auch als Podcast existiert) den offiziellen Staus einer Non-Profit-Organisation, es wird zudem partiell durch das Kulturamt der Stadt gefördert.

Neben Beiträgen zur Geschichte und Gegenwart der Los Angeles Punk-Szene gibt es natürlich all die Rubriken, die man so kennt von Fanzines: Kolumnen, Reviews, Foto-Seiten, Comics, Illustrationen und Interviews, auf die die Redaktion Bock hat. Im Unterschied zum Maximum RocknRoll (MRR) Fanzine gibt es durchaus einige Gespräche mit Pop-Punk-Bands und man pflegt eine eher lockere südkalifornische Mentalität, die man schon aus dem Flipside kannte (mit der damaligen Herausgeberin Hudley redete ich übrigens für Trust # 156 (2012)). Das heißt aber NICHT, dass das Heft oberflächlich ist (einer ihrer Slogans lautet „We do our part. Non-Profit Punkrock“). Ganz im Gegenteil, die Interviews sind oft sehr ausführlich, tief und sehr genau vorbereitet und es gab auch schon Specials zu Obdachlosigkeit oder zu „African Politics“, aber eben auch zu Flipper-Maschinen oder urbanem Gärtnern in L.A. Man merkt es dem Heft an, das es zwei Akademiker machen, finde ich.

Enter Jimmy Alvarado
Ich schätze Jimmy alvarado´s Interviews und Reviews im Razorcake und es gibt einfach diese alten „Recken“, die die Finger von Punk(-Fanzines) nicht lassen können. Ich denke da an Martin Sorrondeguy vom MRR (ich lernte ihn im Headquarter des MRR in San Francisco 2008 mal kennen, mit seiner Band Limp Wrist sprachen wir vor einigen Trusts) und ich denke auch an Al Quint, Kolumnist für das MRR (mein Interview mit ihm war in Trust # 182 von 2017) und eben auch natürlich an Jimmy. Er ist seit den 80er am Start, war in verschiedenen Bands, aktuell bei den grossartigen La Tuya, er schrieb für das Flipside und dann für das Razorcake seit Anfang an. Dort führt er Interviews, schreibt Reviews und fabriziert auch mal einen Podcast. Da ich das Razorcake sehr gerne lese und mich immer schon für (Punk in) Los Angeles interessiere, war es mir eine große Freude, mit Jimmy über Punk, Razorcake und Los Angeles zu reden.

Die Bands von Jimmy Alvarado
Anyway, Jimmy Alvarado ist also ein Original East-Los Angelianer und Gitarrist/Sänger bei der Punk-Band La Tuya. Diese sagen über sich online folgendes: „Punkrock von nicht-elitären Veteranen der (Ost-) LA Punk-HC-Szenen“, ihr Schlagzeuger ist übrigens Designated Dale, der ebenfalls (als Kolumnist) beim Rasiermesserkuchen tätig ist. Die Band hat im Sommer 2017 eine Platte aufgenommen, die Ende 2017 rausgekommen ist und Laune macht. Andere Bands von Alvarado waren Butt Acne (existierten von 1983 bis 1987, dann gab’s nochmal Aufnahmen von 1998, auf den 80er Aufnahmen gibt es welche auf einem Kinderschlagzeug-Set). Dann war da noch 1986 die Looters, die sich an Flipper anlehnten und 1992 kam eine EP von Our Bands sucks auf Nemesis Records. Jimmy erwähnte übrigens neulich 2018 in einem Mad Parade-Review im Razorcake, dass er jene vor 34 Jahren in Hollywood live sah, im legendären Cathay de Grande (dort unternahmen dann ab 1984ff. auch NOFX ihre ersten Schritte). Auf meine Rückfrage teilte er mir mit, dass sich heute in dem Gebäude in der 1600 Argyle Avenue der Cocktailladen The Argyle befindet…

Hey Jimmy, lang lebe Circle One, hast du die kürzlich mal wieder live gesehen?
Das habe ich in der Tat. Ihr Gitarrist Mike Vallejo ist ein alter Freund von mir. Sie spielen immer noch ziemlich häufig hier in Los Angeles. Sie haben natürlich einen anderen Sänger, da John Anfang der 90er Jahre von der Polizei getötet wurde. Mike ist technisch gesehen das einzige Originalmitglied, aber der Rest der Band besteht heutzutage meist aus der Besetzung, die die „Patterns of Force“-LP aufgenommen hat. Das kommt der „klassischen“ Band-Besetzung halt so nahe, wie man es eben ohne John hinbekommen kann, denke ich.
Geil!
Die wichtigere Frage ist, wann Inferno sich reformieren und wann werden sie in East L.A. spielen? Du musst dich an Dolf wenden, um das zu erreichen, Kumpel! Übrigens, die schwedischen Mob 47 haben vor einigen Jahren auf einer Hinterhofparty in East L.A. gespielt. Sie waren eine weitere unserer Lieblingsbands, als meine Freunde und ich noch Teenies waren in den 80er. Wir scherzten damals darüber, wie cool es sein würde, sie in einem Hinterhof zu sehen, wo damals die meisten der lokalen East L.A.-Shows stattfanden und immer noch sind. Ich dachte bei dem Konzert echt, ich wäre gestorben und in den Himmel gekommen.
Echt, Mob 47 haben es live noch drauf, das ist schön, zu hören!
Ja, ein paar der finnischen und schwedischen Bands schaffen es endlich an die Westküste. Terveet Kadet war vor nicht allzu langer Zeit hier und Appendix war ungefähr zur gleichen Zeit auch vor Ort. Mob 47 in einem Hinterhof zu sehen, das war allerdings surreal. Sie spielten am Nachmittag nach einer eher traditionellen „Club“-Show woanders in L.A. Ein paar lokale Bands spielten dann vor ihnen und dann rissen Mob 47 ein Set runter, das höchstens 20 Minuten dauerte. Sie waren verdammt gut.
Gratulation übrigens zu hundert Ausgaben vom Razorcake, dazu später noch mehr. Ich lese euch seit der Nummer vier, die mit dem grün eingefärbten Cover mit Ian MacKaye drauf, das kaufte ich 2001 im Underdog-Plattenladen in Köln, seitdem verfolge ich euch.
Schön, dass du das Magazin magst, Kumpel! Wir sind alle langjährige Fans von Trust, auch wenn keiner von uns Deutsch lesen kann.
Sauber! Ich sah, dass du meinen Operation Ivy-Facebook-Post mochtest, hast du die eigentlich damals live gesehen?
Ich sah Operation Ivy im Erholungszentrum eines Parks namens Toberman Hall hier in L.A., mit Ill Repute, Isocracy und Reason to Believe. Sie waren ziemlich gut live, vor allem wegen des enthusiastischen Publikums. Slammen war kaum richtig möglich, weil die ganzen Leute am skanken waren, aber skanken war auch wiederum nicht so richtig möglich, weil zu viele am slammen waren, also war die ganze „Pit“-Situation nur ein wirbelndes, chaotisches Durcheinander von jungen Menschen, die viel Spaß hatten. Reason to believe waren auch gut, Isocracy musikalisch langweilig, aber visuell witzig – anstatt T-Shirts und Bandmaterial wegzuwerfen, schmissen sie alte Kleider aus einem Kleiderkorb auf der Bühne rum. Ill Repute spielten zuletzt.

Das war, als sie eine „Rock“-Phase durchliefen, also begannen sie mit einem Cover von Led Zeppelins „Rock and Roll“, spielten dann ihren Original-Song „Party Animal“ von Mystic Records zweiter „We Got Power“-Compilation und dann einen weiteren Rock-Song. Mit dem vierten Song oder so erkannte das Publikum, dass die Band nicht mit dem „Rock“-Zeug herumscherzte und begann, die Band mit der Kleidung zu bewerfen, die Isocracy vorher in den Raum geworfen hatte. Es war dann entweder eine Getränkedose oder ein Schuh, der den Bassisten traf, er watschelte in die Menge, schlug den Kerl, der das warf und ging zurück auf die Bühne, um weiter zu spielen. Die Menge stürmte die Bühne, um die Band anzugreifen, und von da an wurde der Scheiss verrückt.

Meine damalige Freundin und ich gingen nach draußen, um die Freunde zu finden, mit denen wir kamen, ein Aufstand war in vollem Gange, mit einer der örtlichen Straßengangs, die gegen die Polizisten kämpften, die aufgetaucht waren. Als wir den Park verließen, um zum Auto zu gelangen, feuerte eines der Gangmitglieder mit einer Schrotflinte auf einen Polizeihubschrauber. Gute Zeiten.
Großartig, L.A.-Style, baby!
Ich sprach mit den Ill Repute-Jungs Jahre später, als sie auf einer Geburtstagsparty für einen gemeinsamen Freund im Club U-Gene’s spielten, und sie sagten, dass ein oder zwei von ihnen nach dieser Show im Krankenhaus landeten. Die Show war total verrückt, absolutes Chaos.
Ich bewundere Los Angeles sehr, die Stadt ist einzigartig in der westlichen Welt und ich mag natürlich auch die (sub-) kulturelle Geschichte, also Doors, NWA, Cypress Hill, Guns n´Roses und logischerweise viel von dem dortigem Punk und HC.
Das Leben in L.A. hat seine Vorteile, damals wie heute. Für mich bedeutete es damals, Bands wie SNFU, The Dicks und The Exploited bei großen Shows zu sehen, die ziemlich billig waren (obwohl wir dachten, dass $ 8,50 für einen Punk-Gig damals unverschämt teuer waren, haha!) und auch in der Lage zu sein, die „Kleinstadt“-Szene mit der E.L.A.-Hinterhofszene zu erleben. Einige Dinge waren ziemlich beschissen, wie all die Gewalt und der Gangscheiß, aber im Großen und Ganzen hat es Spaß gemacht. Auch hier gibt es viele interessante musikalische Überschneidungen. Die Jungs von Cypress Hill, Slayer und der lokalen Metal-Punk-Band Bloodcum kannten sich alle. Sie kamen alle aus einem Gebiet im Südosten L.A., dass die Städte Huntington Park und South Gate umfasste. Einige der Cypress Hill- und Slayer-Jungs gingen zusammen zur High School und Bloodcum waren Roadies von Slayer. Bloodcums „Death by Coat Hanger“-LP wurde mit dem gleichen Equipment aufgenommen, mit dem Slayer „Reign in Blood“ eingespielt haben.
Wow! Hey, meine Lieblingsserie, „Colt für eine Fälle“, und mein Lieblingsfilm, „Nackte Kanone”, die spielen ja auch in Los Angeles, haha.
Hier werden ständig Filme und Fernsehsendungen gedreht, obwohl fast alle von ihnen völlig falsch sind, in Bezug auf das, was L.A. wirklich ist – die Stadt wird halt als nur „Plastik“ mit nichts als reichen, weißen, blonden Menschen in Bikinis überall gezeigt. Es ist eigentlich ein sehr GROSSES, ausgedehntes und ethnisch vielfältiges Gebiet mit Menschen aus der ganzen Welt, die die Bevölkerung ausmachen. Ich liebe es. Wenn du es findest, check mal „Southland“ aus, eine ziemlich gute L.A. Serie. Ich mag keine Cops, aber es ist eine tolle Show.

Sehr mutig und es wurde tatsächlich in Los Angeles gedreht, was ein Pluspunkt ist, es hört sich blöde an, aber ich schätze immer ein Fernsehprogramm, das dort gefilmt wird, wo es auch spielt und ebenso ein Gefühl der geographischen Genauigkeit beibehält. Schon mal den Film „Falling Down“ mit Michael Douglas gesehen? Die Geographie ist eine verfickte Verwirrung, ganz zu schweigen davon, dass es keine Möglichkeit gibt, dass der Kerl von der Innenstadt nach Ost-LA. und dann nach Hollywood und am Ende nach Venice Beach an einem Nachmittag gehen kann.
Was ist eigentlich aus Al Flipside geworden, er hat sich ins Private zurückgezogen?
Ja, Al ist jetzt „Zivilist“. Ich habe ihn seit mindestens 17 Jahren nicht mehr gesehen, aber ich habe gehört, dass er jetzt Computerkram für ein Krankenhaus macht. Er war immer ein toller Kerl für mich, und ich liebte es, mit ihm zu abzuhängen und zu plaudern, wann immer ich konnte. Hudley Flipside ist auf Facebook, ebenso wie einige andere aus verschiedenen Epochen des Magazins. Joe Henderson und „ShitEd“ Dawson haben tatsächlich eine „Flipside Fanzine Memorial“-Seite auf Facebook, auf der einige der alten Mitarbeiter ab und zu Kommentare veröffentlichen.
Du spielst ja bei der Band La Tuya mit, erzähl uns dazu mal was, Sir!
„La Tuya“ bedeutet wörtlich übersetzt „yours“ (also „eures”, JR), kann aber auch beleidigend für „deine Mutter“ verwendet werden. Wir wollten einen Namen, der so harmlos schien, dass er überall gedruckt oder gesagt werden konnte, aber einen zusätzlichen Schuss „Punkrock“ für diejenigen hat, die seinen anderen Kontext kennen. Musikalisch vermischen wir verschiedene Stile, die wir alle schon mit anderen Bands gespielt haben: ein bisschen Hardcore, ein bisschen Pop, ein bisschen „seltsamer“ Punk und Punkrock-Versionen von mexikanischen bzw. latino- Coversongs.

Wir schreiben auch Texte, die etwas substanzieller sind als einige von den Bands, in denen ich vorher war, auch wenn sich hier und da noch etwas an Humor einschleicht. Wir sind drei Musiker, neben mir am Gesang und Gitarre noch „Designated“ Dale Drazan (auch vom Razorcake), er ist der Schlagzeuger und unser Bassist ist Scott Rodarte. Und Becky Minjarez kümmert sich um die fotografische Dokumentation und trägt zur visuellen „Kunst“ der Band bei. Scott und ich sind seit unserer Kindheit befreundet und waren zuvor in einer Reihe von Bands zusammen, beginnend mit unserer Hardcore-Band namens Butt Acne in den 80er.

Wir existieren jetzt seit zwei Jahren, haben eine Facebook-Seite wie eine Milliarde anderer Bands auch und Anfang des Jahres veröffentlichten wir ein selbstbetiteltes erstes Album auf CD und nun sind wir dabei, Songs für das zweite Album zu schreiben, das wir hoffentlich Anfang nächsten Jahres veröffentlichen werden, wenn alles nach Plan läuft.
Wo gerade von einer kleinen Welt reden… „Wir” stellen uns das immer so vor, dass Los Angeles so riesig ist, dass die einzelnen musikalischen Szenen nichts miteinander zu tun haben.
Die Sache mit dem Untergrund ist die: obwohl es stimmt, dass die Stadt riesig ist, gibt es doch viele seltsame Bezüge und Überkreuzungen untereinander im Underground. Die Punk- und Hip-Hop-Szenen waren in L.A. und in den USA von Anfang an oft miteinander verbunden. Dennoch gibt es hier in den Ecken des Undergrounds „neue“ Dinge zu finden, für Menschen mit offenem Verstand und offenen Ohren.
Oh echt, Punk und Hip-Hop hatten diese engen Verbindungen?
Auf einigen Ebenen, ja. Punk und Hip-Hop begannen beide im Underground von New York, so dass es da von Anfang an eine gewisse Interaktion gab (am bekanntesten durch Blondie’s „Rapture“). In L.A. gehörten einige der ersten Wave-Punk-Rock-Kids auch zur ersten Wellen des Hip-Hops in den 80er Jahren. Wenn man etwas darüber herausfinden möchte: schau dir die Geschichte des Clubs Radiotron an, in dem Ice-T seinen Anfang nahm. KK Barrett von den Screamers und Szenografin Trudie Arguelles (sie war auch das Thema des Gears-Songs „Trudie Trudie“) hatten etwas mit diesem Ort zu tun, denke ich, ebenso wie Carmelo Alvarez. Carmelo war später in einen Laden in den 90er Jahre involviert, das Peace and Justice Center, in dem alle möglichen Punkte im Untergrund von L.A. zusammenkamen. P&J war ein verdammter magischer Raum.

Da gab es Musiker, Künstler, Schriftsteller, Sprayer, DJs und diverse Revolutionäre aus unterschiedlichen Teilen der Stadt und den umliegenden Bezirken, die sich vermischten und gegenseitig beeinflussten. Du hattest Hardcore-Punker und Noise-Rocker mit MCs von Project Blowed und Black-Eyed Peas. Die Leute gingen auf Demonstrationen gegen Polizeigewalt und für die Freilassung von Mumia Abu-Jamal und die jeweiligen Bands spielten für solche Zwecke. Wie zu erwarten war, wurde P&J schließlich geschlossen, aber nicht bevor es zu einer der Brutstätten für das wurde, was dann als „Chicano Groove“ bekannt wurde, was wiederum unter anderem die Band Ozomatli hervorbrachte. Wie auch immer, unsere kleine Szene von Punk-Bands in den 80ern liebte Hip Hop und ja, NWAs „Fuck the Police“, KRS-One’s „Sound of da Police“ (KRS-One spricht ja auch das Intro einer Sick of it all-Platte Ende der 80er, JR) und alles von Public Enemy sind Punk as fuck! Hast du Immortal Technique gehört? Er ist ein MC aus New York, der auf eine tolle Art und Weise mit einer Macht spricht, die die meisten Punkbands seit Jahrzehnten nicht mehr haben.
Du erwähntest es ja schon mit den Gentrifizierung, das betrifft wahrscheinlich auch die früheren üblen Viertel wie die Skid Row, schätze ich?
Downtown Los Angeles und ein Großteil der Gebiete westlich von dort bis zum Strand sind weitgehend gentrifiziert. Zuletzt überprüfte ich, dass in Al’s Bar (LA’s Antwort auf das CBGB) irgendein Pilates Studio drin war oder etwas anderes dummes. Es gibt immer noch eine „Skid Row“ in der Innenstadt, aber die Wohnungen werden aufgekauft, umgebaut oder renoviert und die neuen Bewohner versuchen, die Obdachlosen „verschwinden“ zu lassen. Die Gentrifizierung der Innenstadt ist es, die die Gentrifizierung in ELA und anderen historisch „armen“ Gebieten vorantreibt – die Mieten sind so hoch geworden, dass sich selbst die Wohlhabenden es nicht mehr leisten können, in der Innenstadt zu leben, also suchen sie nach billigeren Unterkünften auf der anderen Seite des Flusses.

Es gibt eine riesige Schlacht in einem östlichen Gebiet, das als Boyle Heights bekannt ist, wo die Bewohner gegen die Gentrifizierung kämpfen, so gut sie können. Es ist alles so merkwürdig – die ursprüngliche Bevölkerung, die Leute, die in den Gegenden seit fast einem Jahrhundert gelebt haben, die sind vollständig rausgedrängt wurden, in nur wenigen Jahren – und das durch Leute, die es früher schlimm fanden, in solche Gegenden zu gehen, weil sie da tagsüber Angst um ihr Leben hatten. Ich kann mir echt nicht einmal überhaupt vorstellen, wie der Ort in zehn Jahren aussehen wird.
Übrigens, ich fragte Dolf, ob er sich an deinen Namen aus dem Flipside erinnert, tut er nicht, vielleicht hattest du damals einen anderen?
Das überrascht mich nicht. Vieles, was ich schon früh mit Bands und Zines gemacht habe, war sehr auf die lokale Gegend bezogen. Ich benutzte Punk-Namen für verschiedene Dinge (zu bestimmten Zeiten war ich Tom A. Toe, Lester Lipschitz („Lippenscheiße“) und Bruno Hockaloogie, habe aber meistens unter meinem eigenen Namen geschrieben. Anfang der 80er schrieb ich für sehr kleine, lokale Zines wie Thrasher’s Digest, Multiplication of the Typical Joe und Unlawful Sexual Intercourse. Die wurden von Freunden in der Schule gemacht. Das erste, was ich fürs Flipside geschrieben habe, war ein „ELA Scene Report“ von 1988 in der Ausgabe mit Sylvia Juncosa auf dem Cover.

Ich verbrachte dann fast ein Jahrzehnt damit, betrunken Al „anzudrohen“, wann immer ich ihm bei einer Show begegnete, dass ich mehr Zeug für sie schreiben würde. Er ermutigte mich immer, das dann auch mal zu machen, aber das realisierte ich dann letztendlich nicht vor 1997 oder so. Das einzige andere Magazin, für das ich geschrieben habe, war Pure Filth, das machte ein alter Bandkollege und Freund von mir, der später nach San Francisco zog und in einem Haufen von Garagen-Punk-Bands spielte wie die Rip Offs, The Infections, Spoiled Brats, Loose Lips und die Vaticans. Er ist jetzt wieder in Südkalifornien und hat eine neue Band, „Just Head“, die wirklich wirklich gut sind.
Kleine Anekdote: 2004 besuchte ich in Newport Beach in Orange County ein Konzert einer AC/DC-Coverband. Ich war zu früh da, der Laden hatte noch nicht auf, einige Metaler waren aber auch schon da und wir gingen dann in eine Bar nebenan. Es war sehr lustig, weil sie von mir alles bezüglich der Scorpions wissen wollten. Ich konnte es nicht glauben, dass Leute aus dem Großraum Los Angeles mit dieser krassen Tradition an Bands wie Slayer oder Guns N´Roses dann da mit den Scorps ankommen, weil die sind hierzulange echt irgendwie eine Witz-Band (außer für Herder). Ich dann so „Was ist mit GN´R?“ und die waren dann für die locals eine Witzkapelle, haha!
Ja, die Metal-Kids liebten die Scorpions und die hatten ja in den 80ern eine gute Serie von Hits in den USA. GNR hatten ihren Moment des Respekts, bis ihr Album GROSS und Axl seltsam wurde. Es gibt auch viele Punk-Verbindungen in dieser Band, Duff war bei den Vains, Ten Minute Warning und ein paar anderen Bands in Seattle und Izzy war bei den Atoms mit Drew von America’s Hardcore und Pat Muzingo von Decry. Die Bands, die wir für totale Witzkapellen hielten, das waren solche Gruppen wie Poison und dergleichen. Ich erinnere mich an ein Poison-Video im Fernsehen. Ich hatte den Sound aus irgendeinem Grund abgedreht, aber ich sah, dass der Schlagzeuger ein Sex Pistols-Shirt trug. Ich drehte die Lautstärke auf, hörte drei Sekunden lang z und drehte die Lautstärke wieder herunter und machte weiter mit dem, was ich gerade eben machte… Sie waren absoluter Mist und leider nur die Spitze eines beschissenen Eisbergs, der die Zeit damals beherrschte, bis Nirvana auftauchten und den ganzen Haufen von ihnen irrelevant machte.
Ich wollte es immer mal einen echten „Local“ fragen: der Song „Born in East L.A.” von den mächtigen Cheech & Chong, der ist ja so genial, wie wurde der damals aufgefasst, nur als Witz-Song? Zudem liebe ich auch Randy Newmann´s “I love L.A.” …
Ich bin sicher, dass der Cheech & Chong-Song immer als Witz gedacht war, aber eben auch als Anerkennung von ELA, einer von vielen Gebieten in Los Angeles, die lange Zeit ignoriert wurden. Und in dem Song „I Love L.A.“ werden auch nur Orte westlich des Stadtzentrums von Los Angeles erwähnt, eben so, wie Menschen aus dem Westen L.A. die Stadt halt sehen. Bis vor kurzem waren ELA und South Central (ein Gebiet, das lange Zeit überwiegend afroamerikanisch war) entweder Orte, die man ganz vermeiden sollte oder die einfach nicht existierten. Lustig ist, dass „I love LA“ auch eine Art Witz war – die Teile der Stadt, die er aufzählt in dem Song, gefolgt von „we love it“, die wurden damals von den Westside-zentrierten Bewohnern als die beschissenen Teile der Stadt angesehen.
Sag mal, John Doe von X hat wirklich vor einiger Zeit die Nationalhymne in einem Baseball-Stadion in Los Angeles gesungen?
Yeah. X wurde vom Baseballteam Los Angeles Dodgers für ihr 40-jähriges Bestehen als Band geehrt. John sang die Nationalhymne und ich glaube, Exene warf den ersten Pitch. Man kann tatsächlich ein Video davon auf YouTube finden. Gut für X, denke ich. Sie haben definitiv den Ruhm, den sie erhalten haben, verdient, egal wie merkwürdig einige dieser Auszeichnungen erscheinen mögen.
Und dann hier noch meine beste Interview-Anekdote: ich fragte mal bei Lee Ving an, ob er Lust auf ein Interview hatte. Er sagte, er würde liebend gerne mit seinen deutschen Fans sprechen. Bevor ich ihm die Fragen schickte, ließ ich einen langjährigen Trust-Schreiber, der besser Englisch kann und sich besser mit L.A.-Punk auskennt, drüber lesen, alles ok, weggeschickt und kurze Zeit späte sah ich in meiner Inbox schon seine Antwortmail. Lee Ving (leaving?) hatte unter die 15 Fragen nur „Fuck you“ geschrieben, haha, ich hab echt immer noch keine Ahnung, warum. Eine Bemerkung in einer Frage von mir war, dass FEAR leider irgendwie immer „zweite Reihe“ sind, wenn es um Punk aus Los Angeles geht. Damit meinte ich aber NICHT, dass das stimmt, es war mehr so mein Eindruck, dass die Leute in Deutschland Black Flag, Circle Jerks, Bad Religion, Social Distortion und vielleicht die Adolescents kennen und FEAR leider eher unbekannter sind. Ich weiß es nicht, vielleicht hat er das als große Beleidigung aufgefasst, aber ich meinte es ja gar nicht so… Na ja, was soll´s.
Fear sind natürlich sehr bekannt in der Punk-Szene von Los Angeles und wahrscheinlich auch anderswo durch den Film „Decline of Western Civilization“. Sie ziehen hier immer noch ziemlich viele Zuschauer an und einige der „alternativen“ Rockbands zitieren sie nun als Einfluss, da Punk „tot“, sicher und für den Mainstream akzeptabel ist. Fear haben schon lange keine neue Musik mehr herausgebracht, also vergessen vielleicht jüngere Leute, wer sie sind… Apropos First-Wave-LA-Punkrocker, Alice Bag hat viel gespielt. Sie hat gerade ihr zweites Soloalbum veröffentlicht, das wirklich gut ist. Alice is a total badass.
Oh yeah, sie ist super! Lass uns mal ein wenig das Thema Razorcake vertiefen. Weißt du noch deinen Weg zum Heft, bist du von Anfang an dabei?
Als ich meine Drohungen, fürs Flipside zu schreiben, dann endlich wahr machte, war Todd Taylor einer der Redakteure von dem Zine. Ich hatte Flipside gelesen, seit ich ein kleines Kind war, und hatte mich über den Ton geärgert, den das Magazin Ende der 90er Jahre sowohl in den Kolumnen als auch im Rezensionsteil eingenommen hatte – die Dinge hatten begonnen, so insular und cliquenhaft zu wirken, mit vielen Kolumnen, bei denen es mehr über „coole“ Leute als über die Musik ging; und es gab Rezensionen, die zurückhaltend erschien bezüglich „eine Platte zu kritisieren“, weil die Bands von Freunden der Rezensenten gemacht wurden oder so.

Also dachte ich, ich reiche meine eigenen Reviews ein. Ich kam 1997 oder so zum Heft und entwickelte schnell eine gewisse Berühmtheit für das Schreiben von knappen, unhöflichen und schmerzhaft ehrlichen Rezensionen, wie wir sie in Pure Filth gemacht haben, das wiederum von alten Ausgaben des Flipside und Slash Magazins beeinflusst waren, aber in der Punk-Szene zu dieser Zeit offenbar in Ungnade gefallen waren. Später wurde ich Kolumnist und blieb beim Flipside, bis es schließlich um 2001 zusammenbrach. In der Zeit sind Todd und ich ziemlich gute Freunde geworden, ich erinnere mich an meine Frau Karla, die Todd eines Abends beim Essen sagte, dass er seine eigenen Zine gründen müsste.

Es stellte sich heraus, dass er das von vielen Leuten zu der Zeit hörte. Als Todd und Sean Carswell beschlossen, damit anzufangen, was dann zu Razorcake wurde, war ich einer der wenigen Flipside-Autoren, die ihnen folgten. Also ja, ich war von Anfang an dabei, und ich bin echt glücklich, einer von einer sehr kleinen Gruppe von Leuten zu sein, die es geschafft haben, zu bislang jeder Ausgabe etwas beigetragen zu haben.
Mir gefallen deine Specials und Interviews immer sehr gut, zum Beispiel hast du das krasse „A History of East LA Punk”-Feature für eine frühe Ausgabe publiziert und dann gab’s dein tolles Interview mit dem „Going underground”-Buchautor George Hurchalla für die # 32. Aber dein echtes Meisterstück war das total geile Stains-Special, das erschien in zwei Teilen in der # 67 und # 68. Warum hast du es so umfangreich gemacht, war die Band so wichtig für dich und die East-L.A.-Szene? Ich liebe ja ihre SST-Platte, so mega-Songs wie „Get revenge“ und „Hell´s getting hotter”! Hast du sie damals live gesehen?
The Stains waren die erste echte Punk-Band aus ELA, die sich 1976 aus einigen früheren Nicht-Punk-Bands formierte. Sie waren die lokale Band, die andere gefeierte lokale Bands wie The Brat und Los Illegals vor ihrer Gründung sehen wollten und sie waren definitiv die „Hardcore Punk“-ELA-Punk-Band der ersten Welle. Und sie waren definitiv ein großer Einfluss auf die kleine Gruppe von ELA-Punk-Bands, zu denen ich während der zweiten Welle in den 1980er Jahren gehörte, und derweil ich sie nicht live sah in ihren frühen Tagen, sah ich sie dann später während ihrer ersten „Reunion“-Periode in den späten 80ern und mehrmals später über die Jahre hinweg oft.

Ihr Album ist seit 1983 ein fester Bestandteil meiner persönlichen Hitliste und die Band hatte einen großen Einfluss, nicht nur auf unsere lokale Szene, sondern auch auf „Big Name“-Punk-Bands, insbesondere Black Flag. Wenn man jedoch von ELA-Punk spricht, werden sie, zusammen mit der wohl zweitältesten lokalen Punkband Thee Undertakers, gewöhnlich aus den Gesprächen ausgeschlossen. Akademische Essays und Presseberichte – einschließlich Zeitungen, Bücher und Zines – haben sie lange übersehen, also habe ich beschlossen, etwas zu tun, um das zu ändern. Ich arbeite seit mehr als einem Jahrzehnt an einer ELA-Punk-Dokumentation, also habe ich die Transkriptionen dieser Interviews in eine Geschichte der Band umgesetzt.

Die einzige Person in der Band, mit der ich gerne gesprochen hätte und was nicht klappte, das war ihr Gitarrist Robert, aber letztendlich wollte er nicht interviewt werden. Ich war mit dem ursprünglichen Bassisten der Stains, Jesse Fixx, den ich vom Community College kannte, befreundet und war auch in einer kurzlebigen Band mit ihm, The Ramrods, einer anderen Band, die technisch immer noch „zusammen“ ist, obwohl wir seit 1988 nicht mehr im selben Raum waren und Jesse 2008 an Kehlkopfkrebs starb. In einem der letzten Gespräche, die wir führten, erzählte er mir, dass die „offizielle“ Geschichte wäre, dass die Band immer noch zusammen ist, obwohl unser Gitarrist tot war und der Rest von uns sich so sehr hasste, dass wir nicht einmal zusammenkommen konnten, um uns richtig zu trennen.

In Wirklichkeit bin ich mit dem Rest der Band befreundet, aber diese Realität ist viel langweiliger, also, um den Film „The Man Who Shot Liberty Valence“ zu zitieren, „When the legend becomes fact, print the legend“.
Bist du mit der hundersten Ausgabe zufrieden, die ist ja jetzt erschienen mit dem mächtigen Mike Watt drin, yeah!
Das klingt jetzt sehr klischeehaft, ich weiß, aber ich bin mit jeder Ausgabe von Razorcake sehr zufrieden. Es steckt so viel Arbeit in jedem einzelnen Heft, nicht nur von Todd und Daryl, sondern von allen Beteiligten. Das Watt-Interview gefällt mir besonders gut, aber nicht, weil ich ein langjähriger Minutemen-Fan bin. Ich denke einfach, dass es so cool ist, das als langes Gespräch mit ins Heft zu nehmen – es beginnt an einem Ort und geht dann in eine Million Richtungen weiter, bevor er seine Gedanken den ganzen Weg zurück zu seinem ursprünglichen Punkt bringt. Ein Meisterwerk des Interviewens und Editierens, gefüllt mit viel Geschichte, tiefem Nachdenken und Einblicke in den Denkprozess eines echten Genies.
Ich erzählte dir ja schon meine beste Interview-Anekdote mit FEAR, was ist deine?
Lustigerweise geht es bei meiner eigenen „Interview schief gelaufen“-Story auch um Lee Ving. Ich hatte es irgendwie geschafft, ein Telefoninterview mit ihm für unser Zine Pure Filth Mitte der 90er zu vereinbaren. Er wollte mich zu einem bestimmten Zeitpunkt anrufen und ich arbeitete fieberhaft daran, einige gute Fragen vorzubereiten, so dass ich so klang, als ob ich wüsste, wovon ich sprach und ich wollte ihn nicht mit den immer gleichen „Wie läuft die Tour?“-Fragen langweilen. Natürlich hatte ich dann meine gottverdammte Liste mit den Fragen zu Hause vergessen und hatte keine Zeit, zurück zu gehen, um sie zu holen, also musste ich improvisieren.

IMMER eine schlechte Idee. Ich habe auch ein paar kurze Fragen von Pure Filth’s Ralph Balcarcel bekommen. Jeder, der etwas über dieses Magazin weiß, musste das für eine äußerst schlechte Idee halten, ABER mit Ralph war es so: also diese lächerlichsten Fragen, die ihm so einfielen, das funktionierte dann immer gut für ihn. Jeder andere, der seine Fragen stellte, klang letztendlich wie ein verdammter Idiot. Lee´s Antworten auf die meisten „ernsten“ Fragen waren ziemlich einsilbig, bis ich zu einer von Ralphs Fragen kam: „Ist es wahr, dass Fear heimlich „The Decline of Western Civilization II: The Metal Years“ finanziert hat, das war eine Art kluger Kommentar zur Popularität der Band und was damals als eine beschissene Fortsetzung eines zukunftsträchtigen Films über Punk galt.

Seine Antwort war so etwas wie „Nein, aber wir haben ein Schlachtschiff für die US Navy finanziert“ oder so ähnlich. Als ich nach einem Lied über Josef Mengele fragte (das später unter dem Namen „Surgery“ auf ihrem „American Beer“-Album veröffentlicht wurde), schien er völlig desinteressiert zu sein, weitere Fragen zu beantworten und ich fragte mich, ob das alles einen Sinn hätte und das war es dann auch. Es ist das schlechteste Interview, das ich je gemacht habe.
Ist der Eindruck korrekt, dass die meisten eurer Schreiber älter sind? Denkst du, ihr habt den jüngeren Leuten auch was zu sagen, sind gedruckte Zines überhaupt wichtig für die „Digital Natives“?
Eigentlich ist Razorcake’s Personal ziemlich vielfältig und umfasst altersmäßig mehrere Generationen von Punkrock – ich denke, der jüngste Mitarbeiter ist noch ein Teenager und wir haben eine Reihe von Mitarbeitern, die weit in das „Rentenalter“ hineinreichen – und auch verschiedene Geschlechter und ethnische Grenzen. Ich persönlich konzentriere mich nicht so sehr darauf, dem „jüngeren“ Publikum etwas zu sagen zu haben, als vielmehr darauf, etwas zum größeren Dialog über Punkrock und Underground-Kultur als Ganzes beizutragen. In jeder Ausgabe gibt es viele Themen, von denen einige auf die Geschichte und die Wurzeln der Kultur zurückblicken, aber der größte Teil ihres Inhalts ist fest in dem verwurzelt, was JETZT geschieht, halt so wie es sein sollte.

Wir sprechen von einer lebendigen Kultur mit vielen verschiedenen Ecken und Winkeln, die es zu erforschen gilt, und nicht von dem bald sterbenden Museumsstück, wie es der Mainstream und die Akademiker so gerne sehen würden. Was das Format betrifft, so haben wir sowohl eine Print- als auch eine Online-Präsenz mit jeweils eigenen Inhalten, so dass ich denke, dass alle Bereiche so abgedeckt sind, dass sowohl die Print-Fans als auch die digitale Masse zufrieden sind. Ich selber bin eher Print-Fan, weil ich gerne ein physisches haptisches Stück „Kunst“ zu schätzen weiß, aber ich liebe es auch, durch die Webseite zu stöbern, um etwas zu erfahren, was ich noch nicht weiß, auch mal zufällig einen Podcast zu hören und dann eine neue Band zu finden, in die ich mich verlieben kann.
Ich mag Razorcake´s Aufruf, dass das Magazin weibliche Mitwirkende sucht, es ist in der Punkrock-Presse ja auch immer das Gleiche, dass Männer über Bands schreiben, in denen meist Männer sind, diese Bands sehen dann die Fanziner live auf Konzerten, die auch meistens von Männern veranstaltet werden und die Bands sind auf Labels, die… Warum ist das so? In Deutschland ist es „natürlich“ leider ja genauso.
Männer sind größtenteils Rüpel – laute, unausstehliche Tölpel, die gerne von oben herab alles herunterschreien, was sie über ihre Lieblingsthemen wissen (oder glauben zu wissen). Ich bin natürlich nicht anders, außer, dass ich mir meiner Widerwärtigkeit schmerzlich bewusst bin und ich versuche, das abzuschwächen, wenn ich mich dabei erwische – das ist für jemanden, der sozial so unbeholfen ist wie ich, keine leichte Aufgabe. Das heißt, es ist wahrscheinlich besser für dich, eine Frau aus dieser Zeit zu befragen, warum so viele von ihnen abgesprungen sind, denn das Beste, was ich dazu sagen kann, sind reine Vermutungen über Machos und die Gewalt, mit der sie so verliebt sind.

Ich liebe es, wie sich die Dinge in letzter Zeit, zumindest in einigen Bereichen der Szene, größtenteils entwickelt haben, immer mehr Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtern, Ethnien und unterschiedlichen Neigungen engagieren sich wieder in größerer Zahl. Ich habe Punk schon immer in all seinen Farben geliebt, deshalb ist es schön zu hören, dass Punk immer noch von neuen Generationen entdeckt wird und sich dann die unzähligen Arten, wie er Einfluss hat, manifestieren. Vielfältigere Stimmen, Ideen, Interpretationen und Beteiligungen sind eine gute Sache.
Manchmal schien es in der Vergangenheit so zu sein, als gäbe es zwischen dem Maximum RocknRoll und Razorcake einen Disput, heutzutage sind die Kritiken von euch gegenseitig in den beiden Publikationen fairer, gut so! Warum war oder ist da eine Art Spannung, ist das die alte „Wir in LA machen mehr Spaß“- versus „Wir in der Bay Area sind ernster“-Mentalitätsstil-Differenz im Allgemeinen?
Kann ich nicht wirklich sagen, ehrlich. Soweit ich weiß – zumindest von den Razorcake-Leuten, mit denen ich regelmäßig zu tun habe – gibt es keine Spannungen oder „beef“ auf unserer Seite. Jedes Magazin hat seine Individuen, die den Inhalt ausmachen. Was einer Person vielleicht nicht gefällt, das gefällt aber dann der anderen, deshalb sind die Rezensionen in jedem Zine mal gut und manchmal schlecht, manchmal lobend, manchmal überkritisch oder abweisend. Kann ich persönliche Kritik an MRR üben? Natürlich könnte ich das, und das habe ich auch.

Ich bin ein „Kritiker“. Ich habe das MRR seit 1983 gelesen, aber jede solche Kritik am Heft würde nur meine ganz persönliche sein, weil ich eben jahrzehntelang ein Leser war, aber das wäre eben nicht Razorcake’s offizielle Haltung. Ich bin mir auch der unschätzbaren Bedeutung von MRR als starke Stimme bewusst, und das Zine ist ein Vermittler für eine Reihe anderer Stimmen innerhalb des größeren Punk-Dialogs. Ich wäre ernsthaft deprimiert, wenn es morgen den Betrieb einstellen würde, und ich bin sicher, dass ich nicht der Einzige in dem Razorcake-Team bin, der das so sagen würde.
Ich habe online folgende Beschreibung zu deiner Person gefunden: „Jimmy Alvarado: Musiker, Filmer, Schreiber und Sammler von Punkgeschichten“. Du erwähntest ja deine Freundschaft zu Circle One am Anfang dieses Gesprächs, sind diese nicht auch ein bissen Teil des Problems der Gang-Gewalt in der alten L.A.-Punkszene gewesen?
Es gab eine gewisse Gang-Zugehörigkeit, ja, aber es war auch eine Band, die aus einer Reihe verschiedener Leute bestand, von denen einige vielleicht persönlich mit einer Gang verbunden waren oder auch nicht. Eine Reihe von Bands/Teenagern in L.A. kam damals mit der ein oder anderen Gang in Kontakt, einige mehr als andere, also war es nicht „nur“ speziell bei Circle One so. Nebenbei bemerkt finde ich es schon länger ganz interessant, dass sie und andere Bands, die ein bisschen „ethnisch“ aussahen, mit dem „Gang“-Stigma behaftet sind, während andere gefeierte Bands mit Gang-Zugehörigkeit eben nicht als „Gang“-Bands bezeichnet wurden.
Interessant! Könntest du einige dieser Bands nennen, also die in Gangs waren, aber nicht als Gangband, betrachtet wurden, weil sie Weiße waren? Und hey, danke für die Rezension über das neue Buch über LA-Gangs in den 80ern, „Safety in Numbers: My Journey with L.A. Punk Rock Gangs“, das war großartig, werde es mir besorgen!
Um ehrlich zu sein, ich ziehe es vor, es nicht zu tun. Während ich weiß, dass in den letzten Jahren das Interesse an dieser Sub-Subkultur innerhalb der Punk-Subkultur geweckt wurde, möchte ich nicht wirklich einer von denen sein, der sich vermehrt daran beteiligt, indem er aktuelle oder längst verstorbene „Crews“ mit irgendeiner Art von Presse-Aufmerksamkeit befeuert. Auch wenn meine eigene Geschichte innerhalb dieser Sub-Subkultur kompliziert ist, sehe ich das Phänomen als anomales Nebenprodukt (zumindest hier in L.A.) schon sehr früh in der Geschichte der Szene, das sich zu einem echten Problem entwickelte, als Hardcore zum dominierenden Stil wurde.

Mitte bzw. Ende der 80er Jahre war die Gangsache hier so weit verbreitet, dass es schien, als ob fast jeder auf die eine oder andere Weise davon angezogen worden wäre, um nicht alleine zu sein. Auf die Gefahr hin, hier zu stark zu vereinfachen, aber so wachsen eben Gangs – eine Gruppe schließt sich zusammen, um ein Gebiet zu „dominieren“ und andere schließen sich zusammen, um sich zu schützen, um dann zu versuchen, es dann selbst zu dominieren…. wie ein Mikrokosmos von Regierungen, wenn man mal genauer drüber nachdenkt. Außer, dass man in einem von der Regierung genehmigten Krieg eine Medaille für Gewalt bekommt und in einem Straßenkrieg eine Gefängniszelle. Aber ich schweife ab.
Das Punk-Gang-Ding war schon damals seltsam: du hattest die wohlhabenden überwiegend kaukasischen Kids aus „guten“ Gegenden, die eine seltsame Gangster-Fantasieversion der Hölle spielten, die diejenigen von uns, die nicht zu dieser demographischen Schicht passten, jeden Tag lebten.

Einige von uns sind bei Punk eingestiegen, um von all dem wegzukommen, aber hier waren es dann die höflichen Kids, die nie verstehen oder erfahren würden, wie es wäre, wenn man NICHT einfach von all dem Zeug weglaufen könnte, wenn es zu intensiv werden würde. Das ist eines der wichtigsten Dinge, die ich an Adam Wilsons Buch „Safety in Numbers“ schätzte (Jimmy Review gibts online, sehr lang, lohnt, JR). Er erzählt diese Ära und schildert dieses Phänomen mit so viel Ehrlichkeit und da kommt nichts von diesen „Bullshit-Bravados“ vor (ich schätze, das abfeiern, JR), dass in anderen kleineren Bücher drinsteht, die dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommen haben. Er stellt ganz klar fest, dass alles „aufmerksamkeitssuchend“ war (Original „attention-seeking and mirroring“, JR), bis es halt zu real wurde. Ich empfehle dieses Buch sehr, wenn man einen Bericht aus erster Hand lesen will.

Um auf deine ursprüngliche Frage zurückzukommen, einige „große“ Bands hatten Verbindungen und oder Flirts mit Gangs. Einige haben nie versucht, es zu verbergen, und die Informationen können von den Interessierten gefunden werden, ohne zu viel suchen zu müssen, aber trotzdem werden sie selten auf die gleiche Weise als „Gang“ bezeichnet. Und doch sind die Bands, die oft mit dem „Gang“-Ding markiert werden, ob richtig oder falsch, eben die, die die größtenteils aus diversen Ethnien und verarmten Verhältnissen stammen. Für mich ist es nur ein weiterer interessanter Blick in die Psyche der von den Weißen beherrschten amerikanischen Gesellschaft, die auch in einer ihrer radikalsten Subkulturen auftaucht.
Das Internet sagt mir, dass East-L.A. zwischen Boyle Heights, City Terrace, Monterey Park, Montebello und Commerce liegt und 97 Prozent der Einwohner Lations sind, es gibt dort sogar den „Latino Walk of Fame”, yeah! Ok, warum ist East Los Angeles also der geilste Stadtteil?
Ich kann nicht sagen, dass ELA der „beste“ Teil von L.A. ist, aber was ich sagen kann ist, dass es mein persönlicher Favorit ist. Es ist für mich mein „Zuhause“, ich habe mein ganzes Leben lang im Osten der Stadt gelebt. Wir haben immer noch eine kleine, aber sehr engagierte Punk-Szene, die fast ausschließlich underground ist. Vorerst ist es immer noch ein Viertel der Arbeiterklasse, das dem bereits erwähnten „blonden, plastischen Menschen in Bikinis“-Mythos von Los Angeles entgegenwirkt, der in den globalen Medien immer noch so präsent ist. In East-L.A. wurden die „unerwünschten“ Menschen ursprünglich „ausgesetzt“ und sie schufen eine einzigartige Kultur aus vielen anderen Kulturen und es gibt eine viel tiefere Geschichte in dem Teil der Stadt, ungeachtet dessen, was die gegenwärtige Demographie sein mag – man kann immer noch die russischen, asiatischen, jüdischen, italienischen, afroamerikanischen und lateinamerikanischen Einflüsse völlig problemlos auf den ersten Blick erkennen.
Mir gefallen die La Tuya-Songs „Toothache in My Heart” und „Bow To The Cheeto King”, um was geht es da in den Texten?
Der Song „Toothache“ ist einer von Scotts Liedern, in denen er sagt: „Im Grunde geht es um mentale Instabilität und urbanes Überleben in einem unwetterfreien Los Angeles und es ist ein ewiger shitstorm“. „Bow to the Cheeto King“ handelt von der aktuellen Möchtegern-Faschisten-Persönlichkeit im Weißen Haus. Ich weiß nicht, ob du das bei euch drüben kennst, Cheetos (Erdnussflips, Anmerkung JR) ist ein Snack auf Maisbasis, bedeckt mit leuchtend orangefarbenem „Käse“-Pulver, das der Farbe seiner künstlich gebräunten Haut ähnelt. Es ist ein offener Spott über ihn, seine rassistischen und sexistischen Neigungen, seine absichtliche Ignoranz und seine diktatorischen Bestrebungen.
Du hast in einer Razorcake-Rezension einer Mad Parade-Platte geschrieben, dass du sie vor 35 Jahren in einem „Hollywood Hellhole“ live gesehen hast, das war ja im legendären Cathay de Grande-Konzertladen. Wow, ich bin wirklich eifersüchtig, Sir! Ich schätze, du hast dann alle später legendären Punk-Bands von Los Angeles in ihren frühen formativen Jahren Anfang der 80er gesehen? Vielleicht war manches es nur in der Retrospektive geil? Wie erinnerst du dich an diesen Gig bzw. diese frühen Tage? Du hast mir auch erzählt, dass an der alten Cathay de Grande-Adresse heute eine schicke Cocktail-Bar ist, also ist es immer noch ein Drecksladen, haha.
Ja, echt nur eine andere Art von „Höllenloch“! Diese Show, die eine „Dollar Night“-Show war, war eigentlich 1983, also vor 35 Jahren in 2018 – das waren wir, Mad Parade, The Steps, Membranes (die Hollywood-Band, nicht die britische Band mit dem gleichen Namen) und The Factor. Ja, ich bin verdammt alt. Ich habe viele L.A.-Bands in ihren „besten Jahren“ gesehen, das stimmt, aber ich habe auch viele andere aus ganz verschiedenen Gründen verpasst – irgendwie habe ich es geschafft, Wasted Youth, Detox, China White, the Weirdos und so viele andere Bands zu sehen, aber Nervous Gender, Black Flag und Descendents habe ich damals verpasst, was keinen Sinn ergibt, denn die zuletzt genannten sind einige meiner Lieblingsbands.

Nostalgie bedeutet ja, dass man dazu neigt, Dinge mit einem Pinsel zu bemalen, der die Vergangenheit „schöner“ erscheinen lässt, als wie sie tatsächlich war. Einige großartige Bands und tolle Musik kamen aus dieser Zeit, aber auch viele beschissene Bands und beschissene Musik plus eine Menge idiotischer willkürlicher Gewalt, erbärmliche Clubs in rauen Gegenden. Nachdem ich jetzt hier fast 40 Jahre lang in irgendeiner Weise aktiv geblieben bin, fühle ich mich echt gut, nun zu sagen, dass gerade jetzt kein Mangel an großartigen aufregenden Dingen ist, so dass das Schwelgen in Nostalgie nach der „guten alten Zeit“ nicht nötigt ist. Ich würde viel lieber einen Haufen kreativer Leute sehen, die ihre Gedanken wirklich in das stecken, was sie jetzt tun, als einem Haufen von alten Kerlen zuzusehen, die einfach nur die Lieder spielen, die sie vor 40 Jahren geschrieben haben, nur um etwas Weihnachtsgeld dazu zu verdienen.

Das ist jetzt keine Respektlosigkeit gegenüber unserer kollektiven Vergangenheit, aber Punk war schon immer im JETZT und deshalb ziehe ich es vor, die Aufmerksamkeit auf jene Bands und Künstler zu konzentrieren, die im Jetzt leben und es gibt ja sogar „alte“ Bands, die immer noch sehr aktiv und kreativ sind wie eben zum Beispiel Mad Parade, Adolescents, Buzzcocks, TSOL und viele andere, die entwickeln sich weiter und leben in der Gegenwart und das ist doch super.
Anfang der 80er, das war auch ungefähr zur gleichen Zeit, als du deine erste Band gegründet hast, Butt Acne, richtig?
Nun, zum Zeitpunkt des Cathay-Gigs war die Band schon seit ein paar Jahren dabei, aber wir hatten einen anderen Namen, Six Gun Justice. Wir lernten immer noch, wie man überhaupt spielt. Butt Acne (und verschiedene Namen, bevor ich mich 1984 auf diesen Namen einließ) war meine erste Band, die mein jüngerer Bruder und ich 1981 gründeten. Wie viele andere haben erst wir eine Band gegründet und DANN lernten wir im Laufe der Zeit, wie man spielt. Bei der Cathay-Show 1983, das auch das erste Mal war, dass ich auf einer Bühne auftrat, da hatten wir eine Schulfreundin, Stella Yap, angeworben, um Schlagzeug zu spielen, während ich auf meine Gitarre einschlug und mein Bruder die gemeinsten und anstößigsten Texte schrie, die ich mir damals vorstellen konnte.

Diese Texte müssen besonders schön geklungen haben, weil sie aus dem Mund eines damals 13-Jährigen kamen… Er hatte sich an diesem Abend auch eine Bassgitarre von einer anderen Band geliehen, ein Instrument, das er vor dieser Show noch nie gespielt hatte, und er gab eine „falsche“ Entschuldigung dafür ab, dass unser (nicht existierender) Bassist an diesem Morgen von einem Eiswagen getötet wurde. Das Lineup hielt nur zwei Shows, für den Cathay-Gig und eine Pyjama-Party für einige Mittelstufenkinder, für die wir jeweils eine Portion Spaghetti bekamen. Stella hat dann gekündigt und wir haben für die nächsten Jahre verschiedene Namen und Mitglieder durchlaufen.

Scott kam 1985 als Bassist und Leadsänger dazu (mein Bruder hatte vorher das Schlagzeug übernommen) und das war seitdem unser Lineup. Obwohl wir uns technisch nie getrennt haben, war dass das letzte Mal, dass wir live spielten, 1994 und die letzte Aufnahme, die wir machten, war ein unveröffentlichtes 22-Song-Album im Jahr 1998. Butt Acne’s einziges offiziell veröffentlichtes Material war ein Split-Tape mit einer Band namens Voice of Authority und einige Compilation-Tracks, die alle von Patrick Houdek auf seinem P&S Productions Cassetten-Label veröffentlicht wurden.

Wir kannten Patrick von der Schule, und einige der ersten Fanzine-Texte, die ich je gemacht habe, waren für seinen Thrasher’s Digest Zine in den Jahren 1983 bis 84 oder so, das war, bevor er nach Illinois zog. Interessanterweise steuert er jetzt regelmäßig geile Fotos von der Chicagoer Punkszene zum Razorcake bei. Ich schlug echt das Heft auf, sah seinen Namen und habe Todd angerufen, um ihm zu sagen: „Scheiße, der Kerl ist ein alter Kumpel von mir!“. Kleine, kleine Welt. Aber ich schweife ab.
Kennst du das Stadtentwicklungssoziologie-Buch „City of Quartz: Die Zukunft in Los Angeles ausgraben“ von Mike Davis? Seine Hauptthese ist, dass Los Angeles sowohl „Utopie als auch Dystopie“ ist und das ergibt für mich total Sinn. Es gibt keine Stadt wie L.A., zumindest in der westlichen Welt nicht, es ist ein ständig wachsendes Asphalt-Monster, eine Stadt mit einer Art Zentrum, aber dann wiederum nicht, einfach ein wachsendes Ding ohne echte Stadtgrenzen und endlose Verkehrsprobleme. Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch eine so große spannende Geschichte und Gegenwart der Musik-(Sub-)Kultur, manchmal denke ich wirklich, dass dort zuerst Sachen passieren, die dann in ein paar Jahren nach Europa kommen. Ich habe gehört, dass es nicht mehr erlaubt ist, an den Stränden zu rauchen und DAS wird definitiv an die Meeresküsten Europas kommen, haha. Aber, ja, ist es wahr, dass L.A. irgendwie ambivalent ist, natürlich einerseits die Sonnenseite, aber andererseits eben auch die dunkle Seite? Ich meine, Kalifornien im Allgemeinen ist eine Art Sehnsuchtsfantasie für viele Leute, aber während San Francisco mehr wie eine europäische Stadt zu sein scheint, ist Los Angeles einfach massiv…. anders.
Die Sache mit Los Angeles, die meiner Meinung nach immer etwas verloren geht, ist die, dass es mehr als eine „Stadt“ ist. Es ist eine riesige Gegend, die aus verschiedenen Städten, Bezirken, Gemeinden und Stadtvierteln mit vielen „Zentren“ besteht. Wie überall ist die Stadt einerseits alt, mit einer reichen Geschichte, die lange vor dem Ankommen der Europäer auf den Kontinent beginnt… und die Stadt ist auch „neu“. Leider ist sie auch mit einer Art Minderwertigkeitskomplex verflucht, der weitgehend auf diesem „Not New York“-Stigma basiert, das von der Ostküste und den Mutanten kommt, die hierher ziehen, um ein „neues“ Leben zu führen, aber ihren „alten“ Komfort und den guten alten amerikanischen Rassismus wollen.

So erfindet sich die Stadt immer wieder neu, zerstört oder versteckt Spuren ihrer eigenen Geschichte und manifestiert ihren Mythos, dass es sich um eine jugendliche Utopie voller junger, schöner, überwiegend weißer Barbie-Lookalikes an schönen Stränden handelt. In Wirklichkeit kann man hier so ziemlich alles vorfinden, was man irgendwo auf dem Planeten finden kann, wenn man sich die Zeit nimmt, zu schauen; die Strände sind verschmutzt (das Wasser am Strand von Venice ist sogar verdammt ekelhaft anzusehen, geschweige denn, das man darin schwimmen kann), die Bevölkerung besteht größtenteils aus Menschen mit verschiedenen Brauntönen, und die meisten von uns sind zu beschäftigt damit, wie Packtiere zu arbeiten, um zu versuchen, sich die obszönen Mieten zu leisten, die als Nebenprodukt von so vielen Idioten entstehen, die hierher kommen, um den oben erwähnten Mythos zu verfolgen.

Davis hatte Recht, es ist beides – die Utopie als die Lüge, die Dystopie ist die Ernüchterung über die Realität, die diejenigen, die die Lüge kaufen, letztlich fühlen. Diejenigen von uns, die schon ihr ganzes Leben lang hier gelebt haben, finden Schönheit in der Realität, sie sehen die Überreste ihrer Geschichte, schwelgen in der Tiefe ihrer Kultur und schütteln den Kopf über die völlige Dummheit derer, die darauf bestehen, hierher zu ziehen, nur um sich nach dem zu sehnen, was sie verlassen haben, anstatt einfach dort zu bleiben, wo sie scheinbar glücklich waren.
Der beste Song über die Stadt ist „Los Angeles” von X?
Wie ich schon sagte, ich denke, das hängt davon ab, wer da zuhört. Ich mag diese Melodie und X im Allgemeinen, aber ich denke auch an „One Time, One Night“ von Los Lobos, „Summer“ oder „All Day Music“ von War und viele andere, die genauso gut die Realität des Lebens in Los Angeles besingen.
“Yes L.A.”-Sampler oder “No New York”-Sampler?
Ich mag eigentlich beides. „Yes L.A.“ ist ein schöner Ausschnitt aus der Punk-Szene Hollywoods während der ersten Welle und vol lmit dem Humor, der den Output der Bands zu der Zeit oft begleitete. „No New York“ ist ein großartiges Beispiel dafür, wie sich die Punk-Szene in New York mit viel Spannungen und Ängsten entwickelt hat.
Sag nochmal kurz, warum singt Randy Newman in „I love LA” davon, auf dem Imperial Highway zu cruisen, ich dachte immer, die wichtigste Strasse der Stadt wäre der Sunset Boulevard?
Imperial Highway war, wie bereits erwähnt, einer der vielen „schlechten“ Stadtteile…
Was ist deine Lieblings-Platte und Lieblingssong von Inferno?
„Tod & Wahnsinn“ ist definitiv mein Lieblingsalbum von ihnen und „Steinkopf“ ist wahrscheinlich mein Lieblingssong darauf. Du hast echt nicht gelebt, bis du einen Haufen White Power-Skinheads gesehen hast, die den Chor von „SKINHEADS! SKINHEADS!“ mitsingen, ohne genug Deutsch zu können, um zu wissen, worum es in dem Song geht!
Die Musik von Epitaph Records, besonders Bad Religion, The Offspring und NOFX: war dieser Sound von Los Angeles auch was für dich damals oder zu sehr „Kiddie-Punk“?
Ich mochte die erste Bad Religion-EP und das erste Album „How Could Hell Be Any Worse“, aber obwohl ich ihre anhaltende Kreativität schätze, habe ich mich nicht allzu sehr für ihren späteren Output interessiert, abgesehen von mal einem Song hier und da. The Offspring waren wirklich coole Jungs; meine Bands haben mit ihnen Gigs zusammengespielt, das war gut, aber musikalisch sind sie nicht wirklich meine Tasse Tee.

Und ich war nie ein großer Fan von NOFX, sowohl nicht, als sie noch eine Hardcore-Band waren, und auch nicht dann, als sie zu Pop-Punk-Band wurden, die sie seitdem geblieben sind. Seltsamerweise muss ich eine echte Vorliebe für Me First & the Gimme Gimmes gestehen, was lustig ist, wenn man bedenkt, wie konstruiert sie sind. Ich bin ein „scrappy kid-geezer“ aus einer rauflustigen Nachbarschaft und ich tendiere dazu, Musik dieser Richtung zu bevorzugen, egal welches Genre. Fick die Dinge mit einem „Glanz“, gib mir etwas Rohes, was mit Leidenschaft und Aufrichtigkeit abgeliefert wird.
Tja, besser kann man es wohl nicht sagen, vielen Dank für deine Zeit!

Interview: Jan Röhlk
Kontakt: razorcake.org, facebook.com/razorcake, facebook.com/latuyaeastlos, facebook.com/FlipsideFanzineMemorial

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