Mai 12th, 2019

JETSEX (#109, 2004)

Posted in interview by Jan

Während meinem Praktikum bei dem französischen Label The Age of Venus Records konnte ich glücklicherweise die Marketing-Kampagne zur ersten Platte der Pariser HC-Punk-Band Jetsex begleiten. Die Band hat mich mit ihrer erste Scheibe „Paris by night“ echt überrascht, richtig guter alter Hardcore mit Punk-Attitüde. Im August 2004 schickte ich dem Sänger Miko Bilbao ein paar Fragen per Email von Leverkusen nach Paris. Diesbezüglich anzumerken ist vielleicht, dass ich die Frage nach der Szene in Paris, d.h. ob da alle ihr eigenes Süppchen kochen, auch genau so gestellt habe, „Is it easy to play concerts in Paris or is everyone cooking their own soup?”; ähem, Professionalität ist eben alles.

Hi Miko, wie ist das Wetter in Paris?
Hi Jan, danke übrigens für deine Fragen, ach hör auf, „the weather in Paris just sucks!“
Auf jeden Fall cool, dass du dir Zeit nimmst für das Trust Interview – kennst du das Trust eigentlich? Liest du Fanzines?
Also das Trust kenne ich jetzt nicht (Anm: Na dann, schade das mit dem Interview :)) und mit dem Fanzine-lesen ist das so eine Sache: früher habe ich alles von Maximum Rock´n´Roll, Flipside verschlungen und ab und an noch ein Heft namens “Guillotine” gelesen. Kürzlich las ich noch ein gutes Heftchen aus Italien, aber ich komme jetzt nicht auf den Namen. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich allerdings mehr mit einer anderen Art von Publikationen, z.B. lese ich jetzt gerne Fachmagazine über Filme, “les cahiers du cinéma”, “paris turf”, that kind of stuff…
Als ich mein Praktikum bei Age of Venus Records gemacht hatte, ist mir bei der Vorbereitung zu dem „Fury Fest“ im Juli 2004, ein doch sehr metal-dominiertes Festival, aufgefallen, dass ihr da auch am Start seid. Wie war denn euer Auftritt? Ist es nicht schwierig, als einzige Punkband neben den ganzen Metalbands akzeptiert zu werden?
Ehrlich gesagt war uns das völlig egal, wir haben noch nie in so einer großen Halle gespielt und dafür hatten wir eigentlich einen ganz okayen Publikumszuspruch, zumindest, so wie wir das einschätzen konnten. Na ja, und dann die ganzen Annehmlichkeiten waren auch cool, schlafen im Hotel (!), den ganzen Tag frei essen und trinken und was völlig außergewöhnlich für uns war: wir wurden wahrscheinlich zum aller ersten Male in unserer “Karriere” für einen Auftritt bezahlt. Normalerweise sind wir sonst häufig schlecht bezahlt wurden bzw. halt oft auch nix bekommen haben an spritgeld etc.“
Ich habe es in der Einleitung ein wenig angekündigt; ich finde, eure Platte ist richtig guter alter HC, so ein wenig wie frühe 7 Seconds und Uniform Choice plus netter Punktouch. Und schönes Angry Samoans Cover, eigentlich doch heutzutage im Punk-Mainstream eher ein Muss für Garagenbands und keine typische Coverversion für “echte” HC Bands oder?
Ach, ich weiß nicht, ob das mit dem Cover soo ein Widerspruch ist, für mich sind Angry Samoans jetzt ebenfalls ne HC Gruppe, ich meine, die sind ja früher auch hauptsächlich mit den HC-Legenden wie Minor Threat und JFA aufgetreten. Auf jeden Fall danke für den Vergleich mit 7 Seconds und UC, ja, das sind großartige Sachen, die wir als Band sehr gerne hören.
Was hörst du sonst denn so für einen Kram?
Eigentlich sehr verschiedene Stilrichtungen. Ich denke, meine absoluten Favoriten sind die Bad Brains; ansonsten viel Murphy’s Law, Dag Nasty, The Clash, The Real Kids, Radio Birdman, Leeway, Suicidal Tendencies und Queen (Anm: Jawohl, Queen, in Frankreich haben sie halt noch Geschmack, liebe Andrea und lieber Al, Daniel und Sebastian:)). In der letzten Zeit habe ich ehrlich gesagt kaum Punkrock gehört, ich bin mehr auf dem Trip Claude Debussy, Eric Satie, Don Ho, Mikel Laboa, Rita Pavone. Die erste Punkband, die ich live gesehen habe, waren die Dickies, das muss natürlich auch mal erwähnt werden
Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir hier in Deutschland fast jede ami-Band und deren Vorläuferprojekte kennen, aber doch recht wenig über gute französische Independent-Bands. Äh, ok, vielleicht ist es auch nur bei mir so, ausser Serge Gainsbourogh, Ludwig van 88, Beurier Noir und natürlich Plastic Bertrand kenne ich eigentlich nix. Gibt’s denn ein paar Gruppen, mit denen ihr befreundet seid oder ein paar gute Tipps?
Actions fall Short sind großartig, check out.
Witzig, dass ihr Jason Sears auf euer CD-Dankesliste grüßt, ich hab ihn dieses Jahr in Santa Barbara getroffen und interviewt, woher kennt ihr denn den?
Da war nix Großes dabei, ich habe mich ein paar Male mit Jason unterhalten; ich meine, hey, RKL sind auch ein großer Einfluss auf unsere Musik, scab on my brain!
In euerer Diskographie war eine Split-Seven Inch mit Murphys Law aufgeführt, war das eure erste Platte für Age of Venus oder wie kam es dazu? Läuft es eigentlich gut bei euch, nachdem euer Debüt draußen ist?
Also zu der Split; das war noch bevor Murphys Law bei Age of Venus unterschrieben haben (und natürlich bevor wir da unterschrieben haben, klar :)) – wir sind große Fans der Band und ich habe einfach bei denen angerufen, sie gefragt, ob sie Lust haben auf so etwas, sie sagten Yes und das war es. Wir sind so insgesamt seit fünf Jahren richtig am Konzerte spielen und mit dem neuen Label kriegen wir natürlich mehr Aufmerksamkeit von den Fanzines, Radio Stationen, Promotern, Drogen Dealern usw.
Wie viel Auftritte habt ihr denn so am Start und wie sieht’s mit ein paar Konzerten in Deutschland aus?
Wir haben sehr oft in Frankreich mit den Queers, Murphy’s Law, Kill your Idols, hard-ons, stretch arm strong, oder the real mc kenzies zusammen etwas gemacht. In den nächsten Wochen gehen wir mit 25 ta life auf Tour, es wird durch ganz Europa gehen. Wir haben einige Konzerte in Deutschland, in Torgau und Ulm glaube ich. Und weitere Veröffentlichungspläne gibt es immer, unsere erste Platte ist ja jetzt draußen und wir arbeiten auch gerade an der zweiten.
Wie ist die Szene so in Paris deiner Meinung nach; ist es einfach, Konzerte zu spielen, gibt es eine Szene, die zusammenhält oder kocht da jeder, Skins, Punks, Grindcorler, sein eigenes Süppchen?
Das kann ich dir schwer beantworten, ich glaube, ich weiß es gar nicht so richtig; also, ich würde sagen, hier in Paris existiert eine Szene, aber eine kleine, wobei man sagen muss, dass es hier jetzt eindeutig mehr Bands gibt als vor sechs oder sieben Jahren. Das hängt wahrscheinlich mit der guten Arbeit von bestimmten Konzertveranstaltern zusammen, ich denke da an Monsieur ID, Bad Bear crew, STS, Monsieur Wagner; die haben sich stark für mehr Konzerte eingesetzt.
Ich habe Paris diesen Juni besucht und war irgendwie überrascht, dass die Stadt ziemlich dreckig und kaputt ist, war mir vorher gar nicht so sehr aufgefallen, aber vielleicht war ich da nur in den absoluten Touristenecken. Was tust du so in Paris und wo kann man gut ausgehen für Punksachen?
Das sind ja interessante Paris-Eindrücke, also, ich bin “a poet and a painter” und arbeite noch in der Film- und Schauspiel-Ecke. Leben und wohnen tue ich in Gaite Village (das ist in der Montparnasse Gegend), da haben auch die ganzen Prominenten wie Hemingway, Henry Miller und sogar Kurt Cobain rumgehangen. Für die Frage nach dem Weggehen…gibt doch schon so einige Läden hier, ich selber gehe sehr gerne in “le petit garage”, Le moulin rouge, chez Michou, le brazza, le to be, smoke bar, l’hypodromme de Vincennes. (Anm: auf ihrer CD heißt es über Paris ja auch recht nett : “What you´re about to hear was written in Paris : home of romantic love, pret-a-porter fashion, senseless violence, pimped youth, intense backroom gambling, abusive red wine drinking”).
Ok, letzte Frage ; sag mal, wegen eurem Namen Jetsex, ich habe im Juli noch in Frankreich einen wirklich furchtbaren (aber kommerziell wohl sehr erfolgreichen) Film gesehen, namens Jetset, ist euer Name da irgendwie eine Anspielung drauf oder einfach eine Beschreibung für eure Hauptaktivität im Alltagsleben :)?
Ich habe den Film gar nicht gesehen, er war wahrscheinlich mies, wie die meisten französischen Filme halt sind. Der Bandname steht auf jeden Fall nicht für den Jetset oder so etwas, er ist eher eine Metapher und meint einfach “fast sex” weil: so sind unsere Songs, schnell und kurz. Und letztendlich haben wir uns für den Namen entschieden, weil er sich irgendwie gut anhört.
Stimmt.

**

La Fin: Die Band hat einfach auch ein gutes Motto, was schön groß das CD-Booklet schmückt: „other bands play, Jetsex drinks.“ Prost.

Interview: Jan Röhlk

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