März 14th, 2007

JELLO BIAFRA TEIL 1 (#64, 06-1997)

Posted in interview by andreas

It never rains in sunny California – Jello Biafra erzählt

Tut es doch, regnen. Und an einem dieser Regen-tage habe ich mich mit Jello Biafra in San Francisco getroffen. Wir zogen uns in den Backstageraum der MONOMEN zurück (waren aber nicht so blöd, deren Konzert zu verpassen) und schwafelten dermassen lange, dass das Interview zwei ganze TRUST-Ausgaben füllen könnte. Obwohl Jello sehr viel über die Geschichte und Gegenwart des Punk, die Politik der USA (na klar, wer hätte etwas anderes erwartet?

Seine Lebensgefährtin sass derweil nebendran und verrollte die Augen – wahrscheinlich hört sie diverse FBI-Verschwö-rungstheorien jeden Tag), den bösen Mainstream und das nöch bösere MTV erzählt hat, werde ich Euch einen Grossteil seiner Ausführungen, die sicher eine neue Spoken Word-Platte hätten füllen können, vorenthalten. Das hat ganz persönliche, fiese kommerzielle Gründe (ja, stellt mich an die Wand: Was GREEN DAY im Musikbusiness, bin ich innerhalb der schreibenden Zunft, här här), denn für das ungekürzte Interview hat bereits der ‚Burda‘-Verlag… nein, Quatsch:

Noch dieses Jahr soll ein neues Buch von mir erscheinen und in dem werdet Ihr den kompletten Text plus Reisebericht finden. (Eigenwerbung? Das macht man doch heute so, zumindest in Talkshows, oder?). Anlass meiner Reise war ja eigentlich die neue LARD-Veröffentlichung, „Pure Chewing Satis-faction“, das erste Lebenszeichen dieser Formation nach sieben Jahren.

Mitsamt allen Rätseln, auf die ich während meinen Recherchen stiess: Warum nimmt Biafra, einer der erbittertsten Gegner von MTV und Majorlabels, mit den ‚Warner‘-Stars MINISTRY weiterhin Platten auf? Warum äussert er sich zu diesen Fragen nicht, sondern weicht – was sonst gar nicht seine Art ist – aus? Warum wollen MINISTRY sich zu LARD nicht äussern?

Andere Frage: Interessiert eine solche Gerüchte-küche die TRUST-Leser überhaupt? Vielleicht in dem Masse, in dem sich der doch ansonsten eher makellos ‚korrekte‘ Jello Biafra auch in Widersprü-chen verstrickt. So etwas kommt in den besten Haushalten vor. Es gibt Wichtigeres zu berichten als hier eine Promotion der neuen LARD anzuleiern. Nachdem sich Biafra als glänzender Erzähler entpuppte, möchte ich ihn in O-Tönen sprechen lassen, ohne meinen Quark dazuzugeben. Deshalb hier kein Interview, sondern eine Art Lexikon.

***

Jello Biafra zu…

ALTERNATIVE TENTACLES

„Die Labelarbeit ist mir wesentlich wichtiger als eigene Musik zu machen. Meine eigene Musik ist ja mehr eine Plattform, um Infor-mation weiterzugeben. Eine Sache, die ich eigentlich auch mit meinen Spoken Word-Alben weiterverfolgen könnte.

Doch ich habe mit dem Label insofern Probleme, als A.T. in Europa kaum mehr etwas von unseren Veröffentlichungen ins Programm aufnimmt. Sie verhindern, dass unsere Platten in Europa gekauft werden können. Na, ich möchte jetzt keine Gerüchte streuen, aber ich denke, dass diese Liaison bald zu einem Ende kommen wird.“

HALF JAPANESE

„Endlich hat ‚Alternative Tentacles‘ eine Platte von ihnen rausgebracht. Ich laufe ihnen schon seit 1981 hinterher. Tausend tragische Umstände haben es seither mit sich gebracht, dass wir nie zusammenkamen. Sie hatten uns bereits zwei Platten angeboten, doch wir hatten zum jeweiligen Zeitpunkt nicht das Geld, um sie zu veröffentlichen. 1981 spielten die DEAD KENNEDYS zusammen mit HALF JAPANESE in Washington DC, das war sozusagen meine erste persönliche Begeg-nung…

Klaus und ich waren so grosse Fans von ihnen, dass wir uns nicht einmal trauten, mit diesen Jungs zu reden! Okay, das mag albern sein, weil sie ja selbst so schüchtern sind, aber das ist es ja gerade! Ihre Texte sind so nackt, ihre Musik ist so nackt – es ist so unamerikanisch, so gegen jegliche blöde, coole Verkaufsstrategie gerichtet, dass es eine Grösse besitzt, die diesem Land und seiner Musik völlig abgeht. Henry Rollins versucht, so nackt wie sie zu sein, aber er kann es nur, indem er die Klamotten von sich wirft.

Er wird nie eine solche Persönlichkeit, eine sol-che Wärme entwickeln. Darin sind HALF JAPANESE einzigartig… na ja, vielleicht hatte Jonathan Richman noch so eine Begabung, sich ganz bloss, ganz menschlich ohne Allüren vor das Publikum zu stellen. Das haben ja sogar die SEX PISTOLS erkannt!“

HIP HOP

„Es gab da mal einen Downer, der mich wieder auf den Boden der Realität gebracht hat und mir zeigte, wie gering eigentlich der Einfluss der DEAD KENNEDYS auf das ganze System Pop und Jugendkultur in Wirklichkeit gewesen ist. Wie marginal, wie beschränkt auf eine kleine Szene, die sich oft und gerne überschätzt. Das war, als man mich zu einer Anti-Zensur-Kampagne eingeladen hatte, eine öffentliche Veranstaltung, auf der neben mir auch PARIS, der Rapper, sprach.

Nach unserem Auftritt sprach keiner der Jugendlichen mit mir, kein einziger, alle scharten sich um PARIS, hofierten ihn. Und die Gruppe, mit der ich da konfrontiert war, ist eine sehr realistische Repräsentation amerikanischer Jugend gewesen, realistischer als das, was wir wahrnehmen, wenn wir auf ein MONOMEN-Konzert gehen, eine Band, wie wiederum nur dem eigenen kleinen Kosmos angehört. Die Gruppe dort allerdings bestand eben nicht aus Mittelklasse-Jungen, die es sich leisten können, EXPLOITED auf ihre Jacke zu kritzeln, weil es ja doch sozial ohne Folgen bleibt. Nein, die Gruppe bestand aus vielen Lations, Asiaten, Afroamerikanern.

So gesehen ist Punk als rebellische Bewegung nie repräsentativ gewesen, war immer ein Ding der Privi-legierten. Es ist zum Beispiel eine Schande, dass ‚Maximum Rock’n’Roll‘, die Helden der masslosen überbewertung des Punk, niemals mit Rappern gesprochen haben. Unter anderem mit der bescheuerten Begründung, dass Rap irrelevant sei, weil die Platten auf Majors rauskommen. Na toll! Man sieht dort einfach nicht den Unterschied, weshalb es für ICE T sehr wohl Sinn macht, auf einem Major zu veröffentlichen, weil er etwas ganz anderes erreichen will als irgendwelche PEARL JAM-Schrammler.

Es war ein grosses Versäumnis, dass die Punkszene hierzulande den Rap einfach ignoriert hat. Greg, ein Freund von mir, interviewte ICE T und konfrontierte ihn mit Fragen nach Sexismus und Homophobie, Dinge, die sich ja tatsächlich aus seinen Texten herauslesen lassen. Es wäre eine Chance gewesen, Punk mit seinen politischen Werten einerseits und Rap, der das Privilegierte von Punk hätte in Frage stellen können andererseits, aufeinanderprallen zu lassen. Aber niemand hat diese Chance genutzt!

Die gängigen Rap-Magazine kümmern sich nicht um Homophobie und Antisemitismus, sondern debattieren eine Scheisse wie jüngst diesen Eastcoast/Westcoast-Konflikt, höchstwahrscheinlich aufgestachelt vom FBI, der ja bereits in den 60ern die ‚Black Panthers‘ untereinander entzweite.“

INCREDIBLE STRANGE MUSIC

„Die für mich künstlerisch einflussreichsten Platten sind eigentlich gar keine Punk-Alben gewesen, sondern oft ganz alte Sachen, die ich für einen Heller in Antiquitätenläden kaufe. Einige der besten DEAD KENNEDYS-Songs sind von solchen alten Platten, die fälschlicherweise als ‚Easy listening‘ abgestuft werden. Zumindest beim Songschreiben höre ich mir keinen Punk an, da mich das nicht inspirieren würde. Ich lasse Zeug laufen, das von Rock weit entfernt ist. Insofern waren die DEAD KENNEDYS immer eine Brutalisierung von Cocktail Musik. –

Ich beneide Euch in Deutschland dafür, dass ihr eine Unmenge an solch obskuren Platten habt. Ich bekomme hier ja nur die Spitze des Eisbergs mit und weiss nicht, was bei euch noch so auf Floh-märkten zu finden ist. Ich habe mir zum Beispiel ‚Schulmädchen Report‘ und ‚Vampyros Lesbos‘ von ‚Crippled Dick Hot Wax‘ zugelegt – grossartig! Aber natürlich gibt es die Gefahr, gewisse Dinge blind zu verkulten, die eigentlich be-schissene affirmative Musik sind – so wie es in den USA mit Frank Sinatra passiert ist. Das ist der Punkt, wo ‚Incredible Strange‘ umkippt in den angepassten Lebensstil der Upper class.“

MTV

„Natürlich gibt es dort eine Zensur – und die ist nicht einmal inofiziell intern, die ist amtlich! Das beste Beispiel dafür, wie MTV Darstellung von Realität verhindert, war ihre Weigerung, das BODY COUNT-Video „For The Winners And Loosers“ zu senden. Ein kraftvolles Video, eines der vier oder fünf Videos unter allen mir bekannten, das ich würde gelten lassen – der ganze Rest ist Müll, sowieso. Es war ein starkes Anti-Drogen-Statement, doch es war MTV, jenem Sender, der seinerseits verlogen penetrant diese ‚Stop the Madness‘-Kampagne bringt und zugleich von der Zigarettenindustrie gesponsort wird, zu realistisch.

Und zwar wegen einer Milisekunde, in der ein Cop dabei gezeigt wird, wie er die Drogen schluckt, die er gerade von den Kids konfisziert hat. Dabei weiss jeder: Das stimmt. Das kommt in den USA täglich vor. Und nicht nur in den USA. ‚You are a drug addict? – join the police!‘ MTV zensiert ja inhaltlich und musikalisch. Majorlabel wissen, dass sie ihre Bands nur auf diesen Sender bekommen, wenn das Video stumpf genug ist. Nachdem zum Beispiel NIRVANA gross wurden, haben Majors und MTV all die Bands bewusst depolitisiert, die im NIRVANA-Fahrwasser geschwommen sind, so dass man auf dem Bildschirm nur noch verwässerte Versionen von NIRVANA sehen konnte, das Zugnis einer politisch interesselosen, smarten langhaarigen Jugend.

Das ist dann schnell zur Kniefall-Lyrik ausgeartet, zu dieser Art von: ‚Ich bin so traurig, meine Freundin hat mich verlassen. Ich lebe im reichsten Land der Welt, ich bin weiss, ich bin Mittelklasse, aber meine Freundin hat mich verlassen und also habe ich bei Geffen für eine Million Dollar unter-schrieben, verzeiht mir, aber das Leben ist so hart.'“

POLITICAL CORRECTNESS

„Ich habe den Begriff zum ersten Mal in Amsterdam aufgeschnappt, da war das in den USA noch kein Thema. Die strikten Vorgaben, wie sich jemand im sogenannten Under-ground gefälligst zu verhalten hat, kamen ja von CRASS und der holländischen Hausbesetzer-Szene. Aber natürlich bin auch ich eine politische Person, die sich damit auseinandersetzen muss, wie ich meine Texte mit meinem Leben in Einklang bringe. Ich versuche dies, ohne Dogmen zu verfallen, nach denen kein Mensch leben könnte.

Gerade das habe ich von CRASS gelernt: Ich bewundere sie auf der einen Seite, auf der anderen war es immer mein Anliegen, die CRASS-Botschaft ohne all die festen Regeln und diesen Ernst rüberzubringen. Ein Teil des CRSSs-Denkens ist nämlich auch ein ‚One Way Ticket To Misery‘. Es gibt gewisse linke Dogmen, die dich dazu bringen, nur noch an der Welt zu verzweifeln, indem sie dir allen Spass am Leben rauben.

Es gibt da zwei Welten in der Faust-Existenz des Mr. Biafra – die politische seite, die ich sehr ernst nehme und die wilde Rock’n’Roll-Seite, die ich als dekadent und unernst betrachte. Es ist hart, beides in Einklang zu bringen, es führt zu Widersprüchen, aber gerade diese Widersprüche machen das Leben reizvoll.“

PUNK 1997

„Vieles ist entweder stumpf oder dogmatisch geworden. Wenn Leute keine stilistische Offenheit zulassen und nicht miteinander sprechen können, sind sie dogmatisch – ‚Wir sind Punk – Ihr seid es nicht!‘, das ist ja in etwa die „Maximum Rock’n’Roll“-Front. Die Fraktion, die nur über ihre Freundin singt, ist stumpf, Tralala-Shit, aber nicht unbedingt dogmatisch. Mit denen kannst du nett ein Bier trinken und für diese zehn Minuten vergessen, was für naive Deppen sie doch eigentlich sind.

Die andere Fraktion, die nur davon brüllt, wie sehr sie die Welt hasst, bekannt von New York bis Amsterdam, ist dogmatisch – mit denen kannst du kein Bier trinken, nicht einmal das. Aber ob du einen RAMONES-Aufguss meinst oder einen DISCHARGE-Aufguss: In beiden Fällen hat es damit zu tun, dass Leute an einer Szene partizipieren wollen und deswegen bewusst unoriginell klingen – aus eigens geschaffenen Sachzwängen.

Doch das ist Punk in den Neunziger: Die Leute wollen einfach nur noch dazugehören, sie wollen keine Regeln mehr brechen. Ich hasse zum Beispiel den Begriff ‚old school‘. Als wir mit den DEAD KENNEDYS begannen, wollten wir gerade nicht Teil ir-gendeiner fucking school sein, sondern wir wollten es den fucking teachers zeigen und die ganzen gottverdammten Schulen in die Luft sprengen, die einem damals die Luft zum Atmen raubten.“

TECHNO

„Ich würde mich nie als Technohasser be-zeichnen. Doch diese Pauschalisierung, dass Rock tot sei, ist ein rein kommerziell orientier-tes Programm, das übel nach Majorlabel-Bullshit riecht. Verkaufe den Leuten etwas Neues und wenn sie es müde werden, verkau-fe ihnen wieder Rockmusik – ein altes, ödes Prinzip. Der Techno-Boom in Europa irritiert mich ein bisschen, ängstigt mich auch. Spätes-tens ab dem Tag begann er mich zu ängstigen, an dem NOMEANSNO mir erzählten, dass sie auf einem grossen Festival in der Schweiz die einzige Live-band innerhalb der ganzen drei Tage gewesen sind.

Alle anderen haben nur an Knöpfen gedreht. Es wird allerdings immer Menschen geben, die Musik von heftigen Saiteninstrumenten hören wollen. Es gibt eine gewisse unausrottbare Sehnsucht nach Wider-stand, nach Aufbegehren, die bislang noch kein Sampler einlösen kann, da solche hefti-gen Emotionen auch etwas mit direkter Kom-munikation zu tun haben. Wenn einer cool vor dir steht, ab und zu an einem Knopf dreht und ansonsten die Arme verschränkt hält, kann noch so ein grosser Lärm aus den Boxen kommen – der entscheidende kommunikative Kick bleibt aus. Vieles – wenn auch nicht alles – an der Technoszene erinnert mich an das ‚Saturday Night Fever‘-Selling in den Siebzi-gern – einziger Unterschied, dass es heute mit Piercings und Tattoos daherkommt.

Es ist wieder dieselbe herablassende Art, mit der einige besonders gefintelte Geistesblitze unter den Popkritikern und Majorlabel-Strategen Rockmusik für tot erklären, eine Kopie jener billigen Argumentation, mit denen sie bereits in den 70ern ihre Discoscheisse durchgedrückt haben… habe Spass, lebe frei und easy, aber konsumiere dabei bitte bis du vor lauter Verausgabung in Ohnmacht fällst. Punk passierte ja gerade als Angriff auf diesen Mist.

Unser grösster Feind waren ja nicht Hippies wie die GRATEFUL DEAD, sondern der Einfluss stumpfer Disco-Machos auf das System namens ‚Pop Culture‘. Ein Unterschied zu damals, das muss ich zugeben, ist der, dass Techno heute nicht mehr nur von oben kommt, sondern auch aus dem Underground heraus entsteht. Einen solchen Techno-Under-ground respektiere ich, selbst wenn ich die Musik häufig nicht mag.“

Text/Interview: Martin Büsser

Links (2015):
Wikipedia
Alternative Tentacles Records
Discogs

 

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