Juli 11th, 2018

JASON HONEA (# 177, 2016)

Posted in interview by Jan

Vorgeschichte: Es war eine längere Prozedur, bis dieses Interview endlich stattfand. Denn in meiner Leichtgläubigkeit, dachte ich mir etwas zu vorschnell, das der aus San Franzisko stammende Jason Honea, der schon seit über zehn Jahren in Berlin lebt, die deutsche Sprache so gut beherrschen würde, das ich dementsprechend das Interview mit ihm auch auf deutsch führen könnte. Das war aber nicht ganz so der Fall bzw. konnte Jason zwar meine deutschen Fragen beantworten, aber dafür konnte ich seine ausführlichen, englischen Antworten, nicht ins deutsche übersetzen.
Nachdem sich im Freundeskreis auch niemand finden ließ, der zum übersetzen wirklich Zeit und Lust hatte und weil ich darüber hinaus vorhabe, noch mehrere Interviews mit englischsprachigen Bands zu führen, schaltete ich in einer meiner Trust-Kolumnen eine „Such-Anzeige“ nach einem Übersetzer. Woraufhin sich aus der Schweiz, Marco Bechtiger meldete und mir innerhalb ein paar weniger Wochen, das Interview übersetzt hatte. Anbei erstmal ein dickes, fettes Lob und Dankeschön an Marco. Denn ohne ihn, hätte sich das Interview noch viel länger hingezogen oder wäre im schlimmsten Falle überhaupt nicht zu Stande gekommen.

Bei Jason Honea dürfte es sich wohl um einer dieser Personen handeln, die beim Großteil der jüngeren Leser erstmal ein Achselzucken auslöst. Wohingegen bei manch einem älteren Szenegestein, der Name wohl ein breites Lächeln über das Gesicht ziehen wird oder es die ein oder andere Anekdote aus vergangenen Tagen zu erzählen gibt. Denn als ehemaliger Sänger von SOCIAL UNREST, veröffentlichte Jason eine Reihe an herausragenden Hardcore-Alben, die damals ihrer Zeit weit voraus waren und statt dem ewig bewährten Geknüppel, auf einen intelligenten und melancholischen Sound setzten. Zudem kamen SOCIAL UNREST auch nie in die nähere Versuchung, wie viele andere Bands zu jener Zeit, den Hardcore mit Metal zu kreuzigen. Vielmehr fand eine Entwicklung innerhalb des Hardcore-Kontextes statt, der sich nicht nur in der Musik, sondern auch in den kryptischen Texten von Honea bemerkbar machte. Mir persönlich gefiel ihr finales Werk „Now and Forever“ am besten, weil es für mich wie kaum ein anderes Punk/Hardcore-Album, so perfekt und intensiv Wut mit Melancholie vereint.

Witzig das Jason Honea, aber gerade dieses Album als das schwächste empfindet. Übrigens spielte der SU-Gitarrist James Brogan, später bei SAMIAM. Ebenso verschwand aber auch Jason Honea, nach dem Ende von SU nie von der Bildoberfläche und zog als Freigeist, unbeirrt weiter sein eigenes Ding durch und fand Gefallen am Noise, Avantgarde und anderen Geräuschkulissen. Fernab von jeglichen Erwartungshaltungen oder Konventionen erfand er sich damit ausserhalb des Punkbusiness immer wieder Neu. Umso überraschender ist es, das er mit seiner aktuellen Band DYSNEA BOYS wieder mehr zu seinen Ursprüngen zurückkehrt und einen klassischen 80´s Westcoast-Punk zum Besten gibt. Der rein kritisch und qualitativ betrachtet zwar nicht ganz an SU heranreicht, aber dennoch wird bei den DYSNEA BOYS eben doch Alles Richtig gemacht.

Nach zwei Singles, hat die Band nun auch die Aufnahmen zu ihrer Debüt-LP im Kasten. Es fehlt nur noch das geeignete Label, also meldet euch, ihr ambitionierten Labelmacher da draußen! Alles in allem, ist das genug Stoff, für eine Menge Fragen bzw. für eine kleine Zeitreise von den Anfängen in San Franzisko bis in die Gegenwart, wenn sich mit den DYSNEA BOYS der Kreis wieder zu schließen scheint. Und gerade weil Jason Honea so eine Person ist, die weit über den Tellerrand schaut und nicht nur alles in einem kleinen, engen Punk-Horizont wahrnimmt, zählte das Interview für mich persönlich, zu den bis dato besten bzw. interessantesten, die ich jemals geführt habe.

Hallo Jason, gehen wir doch mal ganz zurück zu den Anfängen. Social Unrest gründeten sich 1979, noch mit dem Sänger Bobby Weaver. Gibt es aus jener Zeit eigentlich noch Aufnahmen und in welche Richtung tendierten, die ganz frühen Social Unrest?

Es gibt einige Aufnahmen, auf denen Weaver singt, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht. Ich müsste dem aber mal nachgehen. Ich weiss sicher, dass Lenny Kaye die frühen Social Unrest, irgendwo auf einem ¼” Tape live aufgenommen hat, ich glaube es war im “The Mabuhay Gardens” in San Francisco. Danach sagte er aber, dass die Musik oder die Band ODER beides das schlimmste war, was er jemals gesehen und gehört hatte. Später, nachdem Creetin dazu sties, haben sie einige der Songs aufgenommen, an denen Weaver mitgearbeitet hatte. Die Aufnahmen fanden so zu sagen in unserem Wohnzimmer statt. Für eine gewisse Zeit kursierte sogar eine Kassette davon, auf der Songs wie “Special Olympics” und “Peace and Flowers are Dead”, und vielleicht auch “Mardis Gras”, waren. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Ich glaube, jemand versuchte einige Tapes davon, offiziell zu veröffentlichen, um etwas von dem verlorenen Geld wieder rein zu holen, das ist aber Jahre her.

Danach übernahm Cretin K-so den Gesang, auf der „Making Room for Youth“ 7“ und der „Rat in a maze“ EP. Jedoch verließ Cretin K-os darauf die Band, um andere Formen der Musik zu entdecken. In welchen Bands spielte Creetin K-os nach Social Unrest?

Creetin K-os spielte danach noch in einigen Bands, ich kann mich aber weder an Namen noch an deren Stil erinnern. Nach seinem Ausstieg aus Social Unrest zog er für eine Weile nach Hawaii und hatte dort auch eine Band. Aber während er noch bei Social Unrest war, spielte er auf einer US-Tour von UK DECAY am Bass. In erster Linie ist er ein Bassist, und so sieht er sich auch selbst. Um ehrlich zu sein, hat er mir das Bassspielen beigebracht. Er kommt aus einer musikalischen Familie, seine Eltern waren beide Jazzmusiker und auch seine Schwester spielte in einigen Bands.

Daraufhin hast du den Gesang übernommen, wie ist der Kontakt zwischen dir und der Band zu Stande gekommen?

Ich habe früher bei GRIM REALITY gesungen. Wir haben zwei Konzerte gespielt, und an beiden Abenden waren Mark und Jimmy und haben mich spielen gesehen. Das eine war mit “Sleeping Dogs” in Hayward und das andere im Agnew State Hospital, nicht weit von der Innenstadt von San Jose entfernt. Ich kann mich noch genau erinnern, wie sie dort vor der Bühne standen und sich das Konzert angesehen haben. Plötzlich ging dann das Gerücht um, dass Creetin die Band verlässt. Einige Tage später sah ich im On Broadway in San Francisco einen Bandanounce, dass Social Unrest einen neuen Sänger suchen. Etwa eine Woche später rief mich Jimmy an und fragte ob ich Interesse hätte, mal bei einer Probe mitzumachen.

Anfangs habe ich es noch abgelehnt, da Grim Reality zu dieser Zeit mehr Konzertangebote bekam und ich endlich ein Line-Up auf die Beine gestellt hatte, dass etwas taugte. Einige Monate zogen ins Land und Social Unrest hatten immer noch keinen Sänger gefunden, haben aber die Zeit gut genutzt und viel neues Material mit Ray Vegas am Bass geschrieben. Auch wurden mehr von Jimmys Ideen übernommen. Als sich Grim Reality dann plötzlich auflösten habe ich sofort Social Unrest angerufen. Sie haben gesagt, ich solle vorbeikommen und wir haben dann auch gleich einen Termin zum Probe singen ausgemacht. Ich war sehr nervös, aber Jimmy und Mark waren sehr glücklich, dass ich vorbeikam und haben mich das auch spüren lassen. Sie haben einige Leute getestet, sowohl Jungs als auch Mädchen, sogar welche, die in anderen Bands erfolgreich waren, aber sie haben sich am Ende für mich entschieden.

In welchen Bands hast du zuvor gesungen und war es für dich schwer in die Fußstapfen von Creetin K-os zu steigen? Hattet ihr ein gutes Verhältnis untereinander?

Ich war damals bei SOLILOQUY OF FEAR, was wohl einer der überdrehtesten Bandnamen aller Zeiten ist. Ich nehme das auf meine Kappe. Wir hatten auch THE BIG DUMMYS, THE STABBINGS und wie gesagt GRIM REALITY. Für mich persönlich war es nicht besonders schwer den Gesang bei Social Unrest zu übernehmen. Jedoch sahen das manche Leute anders. Bei unserem ersten Konzert, das gleichzeitig das Abschiedskonzert von CRUCIFIX war, traf es die Zuschauer völlig unvorbereitet und dementsprechend schockiert waren sie dann auch. Die darauf folgenden Konzerte waren aber noch schlimmer, als einige Arschlöcher Flaschen und Dosen nach mir warfen, wovon ich heute noch eine große Narbe unter meiner Augenbraue habe. Einige Leute hegen immer noch einen Groll gegen mich. Aber wie ich bereits erwähnte, hat Social Unrest einige Sänger ausprobiert und sich schliesslich für mich entschieden. Aber es gab dennoch genügend Leute, die mich hassten. Aber davon habe ich mich nie beeinflussen lassen.

Ich war jetzt der Sänger und es lag auch an mir, dass das Ganze funktioniert. Ich habe viel Wert auf die Texte gelegt und ständig an meiner Stimme gearbeitet und diese auch immer wieder verändert. Wir wuchsen als Band physisch immer weiter zusammen und auch auf der Bühne wurden wir immer stärker. Social Unrest war immer eine starke Liveband, aber sowohl mit Weaver als auch mit Creetin gab es da nicht viel Bewegung auf der Bühne. Das hat sich aber mit Social Unrest 2000, von Anfang an, stark verändert. Wir haben jahrelang dreimal die Woche geprobt, und haben uns im Songwriting stetig verbessert. Ich bin überrascht wie viel wir hingekriegt haben, wenn man unser Alter und all die anderen Verpflichtungen miteinbezieht. Ich sah Creetin nie wieder, mit Ausnahme eines zufälligen Aufeindandertreffens an einer Weihnachtsfeier und viel, viel später bei einer Aufnahmesession, als er einige Back-Up Vocals sang. Er ging nach seinem Ausstieg nie zu Social Unrest Konzerten. Aber einige Jahre später haben wir uns dann viel besser kennengelernt.

Ob Cretin K-os oder du, ihr hattet beide kritische und melancholische Texte. Inwieweit siehst du dich selbst, als einen melancholischen Menschen?

Damals hatte ich sicher eine solche Phase. Aber gleichzeitig war ich auch nervös, aufgeregt und scharfsinnig, scharf/geil/spitz, um nur einige weitere Eigenschaften zu nennen. Meine textlichen Bemühungen waren damals Sinnbild für die Verarbeitung meiner Apathie und Resignation. Es scheint als seien meine Texte autobiographisch, was sie zu einem gewissen Punkt auch sind, so sehe ich sie eher als existentialistische Texte. Meine Suche nach einer neuen Sichtweise oder einem neuen Ort, an dem ich mir selbst helfen konnte, führte dazu, dass ich einigen Ballast abgeworfen hatte und ein neues Leben anfangen konnte. Die Texte halfen mir, dem Bann des Bewusstseins zu entkommen.

Im Laufe der Zeit wurden deine Texte immer poetischer und kryptischer und zudem hatten deine Texte des öfteren auch geschichtliche Hintergründe wie z.B. bei „A god Dragon in the Kremlin“, „Golgotha“ oder „The Beatificationandthe Enigma of Katharina Witt“. Was beeinflusste dich zu solchen Texten und was macht für dich einen guten Text aus?

Ich habe ziemlich früh das Interesse an den meisten Punklyrics verloren. Auch bin ich mit Leuten rumgehangen, die mir alle möglichen Musikstille gezeigt haben. Gleichzeitig habe ich damals Bücher richtiggehend verschlungen. Ich hatte oftmals das Gefühl, dass mich ein Satz gleich beeinflussen kann wie ein Song. Mir ging es nicht darum, was ich gerade las, sondern wie der Autor schrieb und wie er die Wörter verwendete. Ich begann mit Wörtern und Sätzen zu spielen, sie zu meinen Marionetten zu machen. Die Texte waren für mich ein Zauber, mit dem ich Mut, Suche, Herz/Liebe, meine eigene Würde und den Weg zu meinen Herzen beschwören/aufrufen und die Apathie hinter mir lassen konnte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir dessen damals im Klaren war, aber mittlerweile bin ich mir dessen bewusst. Ich weiß, was es ist und wie es meine Handlungen beeinflusst. Das macht auch einen guten Text für mich aus und darauf springe ich auch am ehesten an …wenn ich Texte von anderen Bands höre….

Du kommst ursprünglich aus San Franzisco, wie würdest du die frühe Punk/Hardcoreszene der Bay Area beschreiben. In welcher Weiße unterschied sich die Szene von San Franzisko zu anderen Städten wie z.B. der aus L.A.? Und hatten die Dead Kennedys und das Maximum Rock´n´Roll-Fanzine wirklich einen solch großen Einfluss ausgeübt?

Die Szene in San Francisco war sehr von den Kunststudenten und der Kultur seit dem 2.Weltkrieg beeinflusst. Wir können es auch aus diesem Blickwinkel betrachten: Flipper kamen aus San Francisco – hatte L.A. eine Band wie Flipper? Nein, dort gab es Bands wie Circle One, Sin34 oder Bad Religion. Ich habe nie im Süden Kaliforniens gelebt, aber die frühen Punkbands in San Francisco und L.A. waren sich sehr ähnlich. Ich spreche hier von Bands wie Germs, Negative Trend, Flipper, Screamers, Avengers, Weirdos, Mutants. Sie waren alle aus dem selben Holz geschnitzt. Die zweite Generation von S.F. Bands, war viel stärker von englischen Bands der frühen 80er beeinflusst, während L.A. eher von Posh Boy, SST Records und dem Hermosa Beach inspiriert waren. Aber auch in S.F. gab es diese Hermosa Beach-Thrasher-Bands, wie wir alle nur zu gut wissen. Darum ging es auch in “Nazi Punks Fuck Off” von den Dead Kennedys. Sie sangen über die Gewalt, welche bei den Konzerten Überhand nahm.

Ein Freund meinte, dass die Szene in S.F. politischer war und sich mehr um soziale Aspekte kümmerte. Vergiss nicht, Gangs waren omnipresent im Süden. Das könnte aber auch kompletter Mist sein, also passe ich mal lieber auf, was ich sage :). Sicher ist aber, dass die Szene in S.F. viel kleiner und überschaubarer war. Eine Situation wie im Olypmic Auditorium hätte es hier in S.F, niemals gegeben. Als ich bei einer Social Distortion und Descendents Show in San Jose anwesend war (zu der Szene in San Jose hatten wir immer einen engen Bezug), waren dort vielleicht 300 Leute. Für uns war das damals viel. Wenn du das jedoch mit den 7000 Zuschauern im Olympic vergleichst, so hattest du bei uns viel mehr Raum für Aktivitäten, im guten wie im schlechten Sinne. Es gab in S.F. sicher genauso viel Gewalt wie in L.A.. Für einen kurzen Augenblick, als Peace Punk populär wurde, schien die Gewalt zu verschwinden, aber als dann verschiedene Skinhead-Gruppen auftauchten, blieb alles beim alten. Viele meiner damaligen Freunde verließen daraufhin die Szene, weil ihnen die Gewalt einfach zu viel wurde.

Die Dead Kennedys waren seit dem ersten Tag da und hatten immer einen massiven Einfluss. Sie hatten große Undergroundhits und Fast Records wollte sogar ihre Sachen veröffentlichen. Fast Records operierte weltweit, also wurde auch die Band weltweit bekannt. Sie würden berühmt! Ihre ersten Singels beeinflussten jeden von uns. Warum und wie, das ist die Frage! Sie waren keine Kunststudenten, sie gingen nicht auf die Uni oder aufs College, waren aber auch keine Streetpunks. Sie waren auch keine Machos. Sie waren nicht homosexuell. Live waren sie absoluter Wahnsinn. Während ihren Konzerten passierte so viel. John, der ehemalige SU Bassist, sagte sie seien eine Kreation des Mad Magazines. Sie hatten einen viel breiteren musikalischen Hintergrund, als die meisten von uns. Sie sahen sich sogar Pink Floyd mit Syd Barret an, was mich persönlich beeindruckte.

Zum Thema: Maximum-Rock’n’Roll-Fanzine, hatte Tim Yohannan großes für den Hardcore weltweit geleistet. Er hat alle möglichen Kommunikationswege kreiert und erleichtert. Und er hat mich als neuen SU Sänger unterstützt, was sehr wichtig war und wofür ich ihm auch sehr dankbar bin. Aber, es scheint als hätte es eine Szene vor dem MRR gegeben und eine die danach entstand. Ich gehöre zu der Szene davor. In dieser Szene gab es eine Menge wilder und verrückter Ideen. Ideen, vor denen sich Tim fürchtete. Er dachte, er müsste die Szene vor diesen Ideen beschützen. Nach dem MRR schien alles steifer und starrer zu werden. Tim Tonooka (Schreiber und Fotograf des Ripper-Fanzines :Anmk. Red.) behauptete, dass Tim Yo das Gefühl hatte, er müsse die Jugend mit den Informationen versorgen, von denen er dachte, dass sie sie brauchen. Für mich hört sich das nach Zensur an.

Alles kam von ihm alleine und nicht von einer größeren Gruppe. Er hat Leute entlassen oder sie zumindest nicht mehr am MRR mitarbeiten lassen, falls er mit ihren Meinungen und Ideen nicht einverstanden war. Er hatte sicherlich viele Unterstützer, hat aber auch viele große und wichtige Menschen verloren. Leute, die etwas anderes im Punk sahen und andere, neue Ideen hatten, waren sehr wichtig für mich. Ich hatte aber nicht so viel mit ihm zu tun wie Danny oder John von SU. Wir haben des öfteren über das Thema gesprochen, aber ich war nur einmal im MRR Haus. Er erschien mir immer etwas komisch. Er war immer freundlich zu mir, aber er erschien mir immer etwas in Sorge zu sein, was vermutlich an einem Brief lag, den ich ihn früher mal geschrieben habe.

Eine Frage die mich persönlich sehr interessiert. Hattest du Kontakt zu den ebenfalls aus San Franzisco stammenden CODE OF HONOR? Welche Rolle/Status nahm die Band in der Szene ein?

Ich persönlich hatte keinen Kontakt zu ihnen. Ich kann mich auch nicht mehr daran erinnern, mit ihnen zusammen gespielt zu haben, was aber nicht heissen soll, dass wir nie mit ihnen gespielt hätten. Sie waren eine gute Live-Band, haben mich aber musikalisch nie wirklich interessiert. Persönlich habe ich eher Tales of Terror gehört. Leider habe ich erfahren, dass Jonathin Christ vor einiger Zeit gestorben ist. (Er verstarb 2009, an den Folgen eines Gehirntumors. :Anmk. Red.)

Wie war es für euch, als ihr durch Europa getourt seid?

Zwei Dinge haben mich am meisten beeindruckt, zum einen die Squats. Denn wir hatten in den Staaten damals, nicht so viele besetzte Häuser wie in Europa. Und zum anderen Cheetah Chrome Motherfuckers aus Italien, die für mich eine fantastische Band waren. In Europa kam ich auch das erste Mal in Kontakt mit Menschen, die wie ich tickten, die mit Contact Mics und Modular Psynth Gear spielten und mit Field Recordings experimentierten, alles Dingen, die mich später enorm beeinflussen sollten. Ich habe auch einige Leute getroffen, die amerikanische Autoren lasen, die ich bis dahin noch nicht kannte.

Ich persönlich empfand „SU2000“ und „Before the Fall“ melancholischer, vertrackter und in sich gekehrter als euer finales Album „Now and Forever“, das zumindest musikalisch ziemlich eingängig und fast schon poppig ausfiel. Was war deiner Meinung nach der Grund für diese Entwicklung? Und was war persönlich für dich, das beste und schwächste Social Unrest-Album?

„Now and Forever“ ist für mich unser schwächstes Album. Es machte Spass an den Songs zu schreiben und sie aufzunehmen, aber die Produktion hörte sich für mich komisch an und auch die Reihenfolge der Songs ist nicht stimmig. Ich hatte auch das Gefühl, dass diese ganze Art von Musik vorbei und erledigt war. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es noch irgendjemanden interessiert. Vielleicht habe ich es einfach mit anderen Stilen verglichen, die ich damals hörte und das gab mir dann ein neues Selbstvertrauen. Als wir damals angefangen haben, die Songs zu schreiben, war Metal auf seinem Höhepunkt und es war allen klar, dass es eine grosse Rolle in der lokalen Szene spielen würde. Ich war daran aber überhaupt nicht interessiert und soweit ich mich erinnern kann, waren es Danny und Jimmy auch nicht.

Ray und Mark hingegen sahen sich aber von dieser neuen Metal-Strömung inspiriert. Als wir von unserer Europatour 1987 zurückkehrten, haben wir einen Grossteil des Albums geschrieben. Einige Songs kamen aber auch schon während des Soundchecks auf Tour zu Stande. Soweit ich mich erinnern kann, hatte Ray nicht viel zum Album beigetragen. Jimmy und Danny, die viele der Songs geschrieben haben, haben viel zu dem Sound von „Now and Forever“ beigetragen. Wenn ich mir anhöre, was Jimmy zu „Now and Forever“ beisteuerte, kann ich darin die aufkeimenden Samiam hören. Zu diesem Zeitpunkt war ich von schneller Musik völlig gelangweilt und habe mich in eine völlig andere Richtung entwickelt. Ich hörte viel von den Zombies und den Beach Boys und begann, anders über meine Stimme zu denken. Irgendwann begann ich, „Now and Forever“ als unsere Reaktion auf den Metal zu sehen. Nach diesem Album war ich nicht sicher, wohin das alles führen wird. Jeder von uns ging danach seine eigenen Wege.

Und doch habt ihr euch nach dem großartigen Album „Now and Forever“ aufgelöst. Wie kam es zu der Trennung?

Wir waren ausgebrannt und gelangweilt mit der Richtung, in der sich das alles entwickelte und frustriert von unserer persönlichen Situation und wir hatten unterschiedliche Interessen.

Welche bleibenden Erinnerungen hast du an SOCIAL UNREST?

Wir haben das gemacht, was wir machen mussten. Wir wussten, dass wir Teil von etwas größerem waren und in dem Moment wo du bei etwas wie einer Band oder einen Fanzine mitgewirkt hast, hast du dich auch lebendig gefühlt. Du musstest etwas sagen und mitmachen, um dich lebendig zu fühlen! Damals hatte ich das Gefühl zu ersticken und im Leben nichts zu erreichen, wenn ich keine neuen Songs aufnahm oder schrieb. College und Arbeit waren keine Zukunft für mich. Ich war mir nicht immer sicher, wohin das alles führen würde, aber das war auch gut so. Die Erfahrungen, die ich in all den Jahren sammelte, waren einer der härtesten und prägendsten, die ich in meinem Leben gemacht hatte. Ich habe so viel Blut und Schweiß in diese Band investiert. Ich würde nicht sagen, dass es die beste Band war, in der ich jemals mitwirkte. Aber dort habe ich alle Grundlagen gelernt und wie man in jeder Situation klar kommen kann. Ich werde mich immer an Marks Schlagzeugspiel erinnern. Er ist der beste Hardcore-Schlagzeuger, mit dem ich jemals spielte. Er wird kaum in unseren Songcredits erwähnt, aber seine Fähigkeit und Hingabe waren sehr wichtig für unseren Sound. Jedoch weiß ich nicht genau, was er nach der Band machte.

Nach dem Split von S.U. bist du nach Deutschland gezogen und hast den Gesang bei Happy Ever After übernommen, (einer Band dessen Mitglieder Armin X-Mist und Andy, zuvor bei den SKEEZICKS spielten). Wieso hast du die USA verlassen, was hat dich an Deutschland besonders fasziniert und was waren für dich die gravierendsten/größten Unterschiede zwischen den USA und Deutschland?

Einerseits habe ich ihn während der Tour kennengelernt und andererseits habe ich in Deutschland verschiedenen Szenen entdeckt, in deren Nähe ich sein wollte. Ich habe in Tübingen angefangen zu studieren. Als ich dort ankam, wurde ich gleich mit der HC-Szene bekannt gemacht. Armin Hofmann habe ich bei einem Konzert getroffen, dass er veranstaltete. Es dauerte ziemlich lange, bis wir uns getroffen und geprobt haben, aber ab dann ging alles ganz schnell. Wir haben diese zwei 7” in Reutlingen aufgenommen. Danach zog ich zurück nach Kalifornien und kam Weihnachten herum, für eine Mini-Tour, bestehend aus 5 Konzerten, zurück. Das war das kurze Leben von HAPPY EVER AFTER. Der größte Unterschied? Zu viele, als dass ich hier alle aufzählen könnte. Was mich am stärksten beeindruckte war die große Vielfalt an Bands und die jeweils unterschiedlichen Musik-Stile. Das gab es in den USA einfach nicht. Auch war die Punk-Szene politisch aktiver.

1991 hast du zusammen mit Nick Garrat (UK SUBS) die Band TEN BRIGHT SPIKES gegründet. Wie kam es zu dieser Konstellation und der musikalischen Neuorientierung zu sanfteren Tönen?

Jimmy Brogan, der Gitarrist von Social Unrest, war mit SAMIAM in Los Angeles beschäftigt. Aus irgendeinem Grund hat er dort „Now And Forever“ Nickey vorgespielt, was Nickey veranlasste, mich in San Francisco anzurufen. Er schickte mir einige Kassetten, die ich mir anhören sollte. Auf den Kassetten waren Ideen für Songs, die er schon aufgenommen hatte. Ich stellte eine Band zusammen und als er dann nach San Francisco kam, haben wir unsere erste 10“ aufgenommen. So ging es für einige Monate weiter, mit ständigen Besetzungswechseln. Nickey zog 1991 oder 92 nach San Francisco und wir sind dann auch zusammengezogen. Ich versuchte, so viel unterschiedliche Musik wie nur möglich zu hören, und Nickey hat mich dabei stark beeinflusst und mein Wissen erweitert. Mir gefiel das, was wir machten, aber am Ende hatte ich das Gefühl, das wir die Aufnahmen anders hätten gestalten sollen. Meine Erfahrungen mit Ten Bright Spikes führten dazu, dass ich die Dinge anders angehen wollte. Kurz darauf begann ich mit Schlafzimmeraufnahmen mit den Tascams. Ich war dann völlig fasziniert davon, und habe u.a. auch mit Field Recordings gearbeitet.

Was waren die Gründe, weshalb es Mitte der 90er zu einer Wiedervereinigung von SOCIAL UNREST kam?

Nickey, wollte den gesamten Social Unrest Katalog auf New Red Archives veröffentlichen. Danny und ich wohnten damals zusammen und hatten auch noch Kontakt zu anderen ehemaligen Social Unrest Mitgliedern. Daher dachten wir, es wäre super, ein neues Social Unrest Album aufzunehmen. Dazu hatten wir auch ein Killer Line-Up: Danny, Creetin, Mark und ich. Nickey war bereit, das Album auch noch zu veröffentlichen. Wir haben wieder angefangen, Konzerte zu spielen, um das neue Album und die Collection zu bewerben.

Erzähl doch mal kurz und bündig, bei welchen Bands du nach dem endgültigen Ende von Social Unrest gespielt oder gesungen hast.

Meine Lieblingsband waren KNIT SEPERATES, die erste Band, die ich auf meinem Label 3 Acre Floor veröffentlichte. Danach spielte ich in vielen unterschiedlichen Bands wie THE CHILD READERS, TEENAGE PANZERKORPS, THE SHITTY LISTENERS, THE DAY MOON, THE FLES DEACONS, WALKING KORPSES und momentan singe ich bei den DYSNEA BOYS.

Größtenteils waren das aber eher schräge und avantgardistische Bands, was hat dich an der Avantgarde-Musik und dem Noise begeistert?

Dazu gab es verschiedene Gründe. Ich konnte damals kein Instrument spielen und hatte genug von der “Band”-Dynamik. Ich war aber auch kein Spoken-Word Künstler und brauchte dringend ein Medium bzw. eine Band, mit der ich meine Worte ausdrücken konnte. Ich habe mich nur auf die Texte konzentriert, aber ich hatte kein Interesse an der Poesie oder wie ein Dichter angesehen wurde. Ich habe einfach angefangen, die Grundlagen meiner Texte zu nutzen und an rohen Sounds herum gebastelt. So habe ich Noise und darüber hinaus verschiedene Aufnahmearten entdeckt. Ich wurde sicher zu einem gewissen Punkt von Crass beeinflusst.

Aber wie schon erwähnt, ging es nur um die Texte. Ich war immer der Meinung, dass Punk ein Produkt aus Einbildung und Attitüde war, und auf dieser Feststellung, habe ich mich auch gestützt und beeinflussen lassen. Ich wollte einen Weg finden, meine Texte in Bewegung zu bringen. Dazu habe ich Instrumente benutzt, um Geräusche oder Schatten von Songs zu erstellen. Loren Chasse, ein Freund von mir, meinte dass meine Stimme, mein Instrument sei und dass es am ursprünglichsten wäre, wenn ich nur meine Stimme benutzen würde. Er hatte Recht! Eigentlich begann alles damit, dass ich meine eigene Musik erfunden habe, so dass ich zu etwas singen konnte, also meine Stimme als Instrument und die Entdeckung, dass Geräusche Musik sein können.

Was waren von all den vielen Bands in denn du mitgewirkt hast, für dich persönlich, die interessanteste?

THE KNIT SEPERATES! Die erste Band, in der ich die Instrumente spielte, die Songs geschrieben und gesungen habe und einen Teil der Aufnahmen vollzog. Ich machte in dieser Band, mit der Hilfe von Glenn Donaldson, so ziemlich alles selbst. Die perfekte Einkapselung all meiner Obsessionen und Interessen. Die Band hörte sich so an und sah zu 100% so aus, wie ich es wollte. TEENAGE PANZERKORPS und CHILD READERS kommen gleich nach Knit Separates.

Und wie kam es dazu, das du nun mit den DYSNEA BOYS wieder in einer typischen Hardcorepunkband singst?

Ich war wohl ein bisschen zu lange in der Harsh Noise Szene unterwegs. Ich habe einem Freund beiläufig erzählt, dass es Spaß machen würde, mal wieder in einer Thrash Band zu spielen. Auf einer Party am Prenzlauer Berg, traf ich CC und wir kamen ins Gespräch. Ich weiss nicht mehr genau, was danach geschah, aber wir brauchten Monate, bis wir uns zum Proben treffen konnten. Danach ging es aber sehr schnell. DYSNEA BOYS sind nicht wirklich eine Thrash Band, aber ich bin zufrieden, wie es mit der Band läuft.

Was sind es heute für Themen, die du in deinen Texten verarbeitest?

Wiedergutmchung, Entstehung, die Atmosphäre, psychische Kriegsführung.

Sind die DYSNEA BOYS eher ein spontanes Projekt oder eine feste Band? Und können wir nach der „Mind Water“-Single, noch mit weiteren Tonträgern von euch rechnen?

Es ist eine feste Band. Die Single ist schon veröffentlicht und wir haben so eben eine Split 7” mit der kanadischen Band JIFFY MARKER veröffentlicht. Unsere LP ist schon fertig aufgenommen, wir brauchen nur noch ein Label, das sie veröffentlicht. Wir wollen auch viele Konzerte spielen und sind hochmotiviert, also ruft uns an!

SOCIAL UNREST haben sich mit Cretin K-os wiedervereint und zwischen 2009-2010 zwei Singles veröffentlicht, was denkst du über das Revival und ist diese Formation noch aktiv, gibt es neue Songs etc.?

Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht viel darüber. Ich habe viele Fotos gesehen und einiges gehört, aber ich bin nicht wirklich über den Stand der Dinge informiert. Danny hab ich vor einiger Zeit in Santa Cruz getroffen, wir haben ein wenig über SU geredet, aber nicht viel. Ich weiß, dass Pat Tovez bei ihnen Bass spielt, aber wenn wir uns treffen reden wir nur über Teenage Panzerkorps.

Neben der Musik interessierst du dich auch sehr für die Kunst, Geschichte und Kultur. Woher denkst du, kommt diese ausgeprägte Interesse dafür? Und welche Künstler und Schriftsteller haben es dir besonders angetan?

Ich habe das Interesse von meiner Mutter und meiner Schwester. Wer wäre ich ohne meine Schwester? Ich war früher ein zwanghafter Zeichner, was mich in der Schule auch schon mal in Schwierigkeiten gebracht hatte. Aber da ich auf eine katholische Schule ging, versuchten sie diese Gabe zu fördern. Ich konnte daher auch mal statt den Unterricht zu besuchen, Bilder für die Messe malen. Ich musste immer Heilige und Szenen aus der Bibel mit Blut, Leiden und Schmerz malen. Punk erlaubte es mir dann später, andere Sachen zu machen, wie Flyers, Album Covers, T-Shirts, Jacken. Ich bin schon seit längerem ein großer Fan von Frank Stanford, Rockwell Kent und Robinson Jeffers.

Nun lebst du schon seit über zehn Jahren in Berlin, hast du nochmal vor in die USA zu ziehen oder denkst du dass du dein Lebensabend in Berlin verbringen wirst?

Ich habe hier zwei Kinder, mein Leben spielt sich also in Berlin ab. Ich vermisse Kalifornien, freunde mich aber immer mehr mit Berlin an. Ich bin Nahe an allen möglichen Dingen, die mich interessieren. Wenn ich aber träume, bin ich immer in Kalifornien und nie in Berlin oder Deutschland.

Was sind deine fünf Lieblingsplatten/Bands?

Harte Frage. Ich stehe mehr auf Songs als Alben. Drei Alben, die mich aber wohl am meisten beeinflussten, sind Germs „GI“, Beach Boys „Today!“ und von Fall „States“.

Aus regionalbedingter Sicht, noch die Frage. Kannst du dich noch an das Social Unrest-Konzert in Leutkirch, im Jugendhaus „Click or Crash“ erinnern, wo ihr am 16. Oktober 1986 gespielt habt?

Ja. So weit ich mich erinnere, fand es an einem Nachmittag statt. War das Jugendhaus nicht neben einer Kirche? Ich erinnere mich an einen riesigen Friedhof hinter dem Konzertlokal. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, mit wem wir dort zusammen gespielt hatten. Mark hat einige großartige Fotos von diesem Konzert. Es war aber 1987, nicht 1986!

Und zum Schluss noch ein abschließendes Wort, ein Lebensmotto oder dergleichen.

Life is a torch to burn in with pride. – Das Leben ist eine Fackel, die man mit Stolz ausbrennen lassen soll.

Einleitung, Fragen, Überarbeitung: Bela

Übersetzt von: Marco Bechtiger

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