Oktober 27th, 2017

J MASCIS (#98, 01-2003)

Posted in interview by Jan

J Mascis – Ohne Nebel

Mein alter Kumpel machte schon seine Witze, als ich ihm sagte, ich werde in der Stadt sein, um J Mascis zu sehen und zu sprechen. In Zukunft träfe ich mich wohl jedes Jahr mit Mascis auf ein Schwätzchen, witzelte Horst. So richtig plauschen ist mit dem Mann allerdings bisweilen schwierig (und damit meine ich selbstverständlich nicht meinen alten Kumpel Horst). Der Anlass hieß „Free So Free“, und in Zeiten wie diesen klingt das etwas seltsam, wo allerorten die Freiheit der westlichen Welt mit Gewalt verteidigt wird. Freiheit in meiner Sprache heißt: „Lieber Tee…“, wie es einst Milva sang.

Die Fährten waren indes falsch gelegt. Weder die vom Label kolportierte Geschichte, dass Mascis nunmehr wie Jürgen „Wiesengrund“ Möllemann unter die Fallschirmspringer gegangen sei, stimmte, noch wies die überraschend oft auftauchende Vokabel der Freiheit auf eine politische Neuorientierung hin, bedeutete der vordergründig etwas leichtere Ton des neuen Albums eine wesentliche Wesensänderung des Mannes, der – ich weiß, ich schrieb das schon einmal – einst meine Lieblingsplatte aufnahm.

If That’s How It’s Gotta Be

Er war müde. Sehr müde. Am Vorabend nach seinem Auftritt im Roten Salon war er angeblich noch gekidnappt worden, um in irgendeinem Musikvideo mitzuspielen. Und das ist für einen, der obendrein vom Jetlag geplagt und ganz überhaupt nicht gerade ein Ausbund an Temperament, schnell genug. Da wäre selbst die vergleichsweise Gesprächigkeit unseres letzten Zusammentreffens zuviel verlangt gewesen.

Leider ist auf dem Band, das unser „Gespräch“ dokumentieren sollte, von seinem schläfrigen Gemurmel auch nicht viel zu verstehen. Mit der Band zu touren, sei sehr desillusionierend gewesen, er habe viel Geld dabei verloren, ungefähr 30.000 Dollar allein auf der Europa-Tour nach der ersten The-Fog-Platte, weshalb es auch zunächst keine Pläne gebe, wieder mit Band zu touren. „Vielleicht nächstes Jahr, wenn die Platte gut läuft.“

Freedom

Freiheit… Mascis: „Yeah, ähm… äh… Ich denke es ist eine Art letztes Ziel, frei zu sein. Zu kommen, wohin immer man geht. Die Welt scheint ziemlich verrückt zu sein. Weißt du… Und… Als wenn bald alles vorbei ist… Offensichtlich kann es nicht so weitergehen, immer mehr Menschen, mehr Müll, es gibt kein Benzin mehr, was wird passieren? Freiheit ist alles, was du hast. Dich selbst zu verbessern. Du kannst nichts dagegen machen, dass Bush Präsident ist. Die einzige Möglichkeit ist, aus dir einen besseren Menschen zu machen.“

Ein neuer Standpunkt?

„Ich konzentriere mich einfach stärker auf … ähm … …“

Keeblin‘ (schon wieder vergessen, ihn zu fragen, was das bitteschön sein soll …)

Was machst du, außer Rockmusik zu spielen. Produzierst du noch?

„Nö. Das gefällt mir nicht. Es ist ein ziemlich nebulöser Job. Was ist es eigentlich? Niemand weiß es wirklich. Ich gerate dabei immer in schlechte Stimmung.“

Mir schien, du arbeitest gern an Sounds, wenn ich mir deine Platten anhörte. Wie das Schlagzeug klingt, die Gitarren…

„Ja, das interessiert mich. Die Persönlichkeit … Ich bin kein Ton-Ingenieur. Wenn ich es so machen könnte, wäre es vielleicht besser. Aber ich habe nicht diese Art zu denken oder die Geduld. Toningenieur zu sein ist sowas wie Monteur zu sein. Ich habe nicht die Geduld, das zu lernen.“

Dann schon lieber die Sache mit den Stooges. Da müsse er nicht singen. Das mag er also auch nicht?

„Nur wenn ich muss. Es macht mehr Spaß, einfach nur Gitarre zu spielen. Es ist weniger Verantwortung.“

Andererseits ist er allein auf Tour, nur mit seiner Gitarre.

„Das ist das Gegenteil. Es ist schwer, aber alles andere daran ist einfacher. Reisen. Aber das eigentliche Spielen ist schwerer. Mittlerweile ist es aber okay.“

Interviews mag er bekanntlich auch nicht allzu gern …

„Nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung … Ein Typ hat mich gefragt, warum ich dann hier sei, wenn ich keine Interviews möge… Er meinte, ich könnte es doch machen wie die Residents oder so. Hm. Ich könnte auch keine Platten machen. Sie in meinem Kopf behalten.“

Das wäre schade.

Nachspiel in Hamburg

I’ll leave the house when i’m less scared/

Don’t make me go i’m not prepared

Anstatt im November kam er wegen eines Krankenhausaufenthalts erst im Dezember, was mir gut in den Kram passte. Fünf Tage nach der letzten Prüfung meines Germanistikstudiums feierte ich so das Ende eines anstrengenden Jahres. Es war anrührend. Lieder anspielen, mittendrin aufhören oder zum nächsten wechseln, das bekannt herrliche Solieren über die eigene, geloopte Gitarre, das Riff von „TV Eye“ auf den Zuruf „Stooges“ und seine Version von Lynyrd Skynyrds „Every Mother’s Son. Ich stand da, ließ mich langsam volllaufen und hätte an ein bis drei Stellen fast geheult. Nach dem Konzert ging es weiter mit dem Bier, und nachdem ich morgens um acht dem AEG-Monteur öffnen musste, der meiner Gastgeberin Geschirrspüler reparieren sollte, derweil sie sich ihrem neuen Liebsten widmete, legte ich mich nochmal für ein paar Stunden hin.

Ganz Norddeutschland war unter Eisregen begraben, in Niedersachsen hatte es schon drei Menschen getötet. Wirklich kein Abend, um auszugehen…

(stone)

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