August 12th, 2019

ISOLATION YEARS (#100, 2003)

Posted in interview by Thorsten

Alter Schwede!

„Reiche Kids in Schweden haben viel Zeit, um Musik zu machen und in Bands zu spielen“, meint Mats Hammarström, bei Isolation Years zuständig für Orgeln und was immer gerade frei ist, lachend. Schön für sie. Und manchmal auch für uns, wenn dabei Platten wie „It’s Golden“ herauskommen. Das zweite Album von Isolation Years ist tatsächlich noch besser als das erste, „Inland Traveller“. Kein Aufguss von Melodicore oder skandinavischer Rock-Explosion, sondern ehrliche, handgemachte Rockmusik. Wir scherzen.
Im Ernst: Dass fünf Schweden in ihren Zwanzigern eine so dermaßen ausgeschlafene Ansammlung von Geschichten erzählen können, macht uns ganz fertig. Das Herz geht einem wie uns auf, wenn Jakob Nyström singt: „Open those eyes now, let’s realize now, we’re never going nowhere.“ Diese Mischung aus Aufbruch und Abgeklärtheit in einem einzigen Refrain. Oder „Say Oh Say“, nur eine Gitarre und diese Stimme. Warm, aber nie schnulzig. Melancholisch, aber nicht hoffnungslos. Eingängig, aber nicht banal.

Lieder schreiben übers Lieder schreiben

Eigentlich unspektakulär. Aber dann kommen Zeilen wie: „I pity all you songwriters / keep singing about love / and about tears / always taking the easy way / into young people’s hearts“, und dann heißt der Song auch noch „Preacher/Songwriter“. Beinahe, als wär’s ein Stück von Brecht und Weill, tritt Nyström da aus seiner Rolle und betrachtet sein eigenes Tun mit kritischer Distanz. Auch in „Let’s Step Aside“ (!) und „Three-Minute Convert“ kommt es zu solchen Brüchen. Die hintergründige Kritik am eigenen Tun? Oder sind es wieder die anderen, die alles falsch machen?
„Das ist kein Statement oder so. Eher eine Reaktion auf die Situation, in der ich mich wiederfand. Du fängst aus Spaß eine Band an, und auf einmal reist du durch Europa und spielst und denkst darüber nach, was es bedeutet“, sagt Jakob Nyström.
Gibt es Aspekte daran, die du nicht magst?
„Ich mag es, aber ich fand es anfangs ziemlich verrückt, auf der Bühne zu stehen in dieser Rolle, mit einem Modell, wie man sich verhält und wie das Publikum reagiert. Manchmal fand ich es verrückt oder ziemlich lustig. Aber das ist, was wir tun, deswegen wehre ich mich nicht dagegen. Ich will nicht predigen. Ich denke nicht darüber nach, bis mich jemand wie du fragt. Es gibt keinen Plan.“
Also nix mit Brecht, von wegen Verfremdung und so. Auch die Musik folgt keinem Masterplan. Gitarrist Jakob Moström und Sänger Nyström (klingt fast nach Pat und Patachon, oder?) schreiben einfach Songs und die Band hüllt sie dann in ein kunstvoll gewebtes Gewand. Folk-Rock mit Pop-Allüren, ohne die Mainstream-Glätte, die Pop gelegentlich zu einer so unappetitlichen Sache macht.

Back To The Roots

Noch eine falsche Fährte: Isolation Years scheinen die gleichen Altersleiden zu plagen, deren Äußerungen wir in den letzten Jahren von in die Jahre gekommenen Herren wie Mike Ness (Social Distortion), Kristofer Åstrom (Fireside), J Mascis (Dinosaur jr.), Bob Mould (Hüsker Dü), Martin Hederos (Soundtrack Of Our Lives) mit Matthias Hellberg (Tourgitarrist der Hellacopters) und anderen gehört haben, die alle auf die eine oder andere Weise die akustische Gitarre entstaubt und ihre Liebe für traditionelle Folk-Spielarten entdeckt haben. Aber für alte Männer auf dem Besinnungstrip sind Isolation Years schlichtweg zu jung. Ja, sie scheinen beinahe zu jung für ihre eigene Musik zu sein. Nicht zuletzt Nyströms Stimme klingt nach einem Weltschmerz, für den man entweder höchstens 16 oder mindestens 36 sein muss.
„Das haben wir schön häufiger gehört. Ich kann das verstehen. Als ich jung war, hab ich viel Hardrock und so gehört. Ich glaube, die Leute erwarten, dass du harte Musik spielst, wenn du jünger bist.“
Heute ist es eher andersherum. Deep Purple müssten nach hiesiger Zeitrechnung allesamt schon über 50 sein. Hat jedenfalls bestimmt mit Jakobs Stimme zu tun – Nyström ist zarte 26 Jahre alt…
„Ja, und außerdem habe ich mich rasiert…“, lacht er leise seinem verschwundenen Bart hinterher. Überhaupt: „Nur zwei von uns haben früher mal in Hardcore-Bands gespielt. Wir sind keine Teenager mehr und haben alles zwischen schwedischsprachiger Popmusik und Punk gemacht“, sagt Nyström. „Die Frage solltest du besser Kristofer Åstrom stellen.“
Aus denen ist aber auch nichts rauszukriegen. Versuchen wir es mal mit der Heimat: Isolation Years kommen aus Umeå – mit dem Auto acht Stunden von Stockholm entfernt, die größte Stadt in Nordschweden mit zwar nur 120.000 Einwohnern, aber dennoch überschwemmen Bands von dort mit ihren Platten förmlich den Markt. Gibt es ein Gesetz in Umeå, das es jedem Bürger vorschreibt, in mindestens zwei Bands zu spielen?
„In erster Linie ist das wohl ein Medienhype. Wir hören seit Jahren all diese Bands, und seit ein, zwei Jahren spricht auf einmal jeder darüber. Es gibt zur Zeit keine sehr gute Szene dort, aber es entstehen immer mal wieder gute Bands. Vor fünf Jahren gab es dort Plattenlabels und es passierte ziemlich viel, jetzt ist alles etwas verstreuter.“

Text: stone & christoph/fotos: christoph

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