März 12th, 2007

ISIS (#95, 08-2002)

Posted in interview by andreas

Dass ich mit dieser band mal ein interview machen würde, hätte ich mir vor ein paar jahren sicher auch nicht träumen lassen. Ich kann mich nämlich noch gut daran erinnern, wie mir seinerzeit Florian Fairplay mal einen vinyl release in die hand drückte, der vor allem durch seine liebevolle optische gestaltung auffiel. Muss irgendein krudes zwischenformat gewesen sein. 8″ oder 9″, keine ahnung.

Es hatte auf jedenfall diese ICH BIN INTERESSANT UND WILL MIT ZU DIR NACH HAUSE aura. Doch just zu hause angekommen, fing das ding auf dem plattenteller auch schon an, die ersten zicken zu machen. War das nun eine 33er oder 45er scheibe? Ehrlich gesagt, ich wusste es nicht, und war auch nach mehrmaligem hin und her schalten noch unschlüssig. Sowohl als auch klang es einfach nur scheisse.

Mehr oder weniger entrüstet habe ich meistah Fairplay dat dingens dann wieder zurückgegeben. Im nachhinein eine dieser klassisch dummen entscheidungen, die auch die grösste reuhmütigkeit nicht mehr gerade rücken kann. Selbstredend handelt es sich hierbei um ein heute gesuchtes, längst vergriffenes sammlerstück. Schlagartig bewusst wurde mir diese sünde neulich noch einmal im new yorker CBGB`s, wo neben einer reihe belangloser krachkapellen auch besagte ISIS zum tanze spielen sollten.

Und was sich meinen augen und ohren dort auf der bühne bot, hatte nun bei leibe nichts mehr mit dem undifferenzierten, schwammigen bulldozer krach bereits erwähnten vinyls zu tun. Kaum zu glauben, dass es sich hier um ein und die selbe band zu handeln schien. Erst wollte ich es ja auf die 4 fünf dollar biere schieben, dass sich die ISIS`sche performance schwer rockend bis psychedelisch auf höchstem endzeit-core-niveau präsentierte. Unglaublich intensiv bohrten sich die treibenden rhythmen in einem ausgewogenen laut/leise wechselbad vom kopf durch den ganzen körper bis ins tanzbein.

Doch die dann umgehend beschafften tonträger bestätigten noch einmal, ganz ohne alkoholische irritationen, die vermutung der live show. AUS DIESER BAND IST MITTLERWEILE EIN ECHTER KRACHER GEWORDEN. In meiner euphorie ein paar erkundigungen über ISIS einholend, stellte sich zu dem noch heraus, dass sänger und gittarist Aaron Turner auch chef des amerikanischen Hydra Head labels ist. Gute gründe also mit dem mann einmal ein interview zu machen. für Markus Haas

***

Ist es nicht irgendwie seltsam, dass ISIS nahezu eine halbe ewigkeit gebraucht haben, um endlich mal eine platte bei deinem eigenen label HYDRA HEAD zu veröffentlichen? Was war überhaupt der ursprüngliche grund für die ständigen labelwechsel (neurot, escape artist, second nature etc.)?

Aaron: Nun ja, eigentlich haben wir ja in den USA immer noch keinen offiziellen release bei Hydra Head herausgebracht. Aber stimmt schon, Celestial war auf Hydra Head Europe die erste veröffentlichung, die wir durch die HH kanäle released haben. Irgendwie wollte ich persönlich nie die ISIS platten selbst herausbringen.

Es war meine eigene band, und ich wollte sicher gehen, hier keinen interessenkonflikt zu provozieren. Ich wollte nicht, dass die anderen Hydra Head bands eventuell denken, dass ISIS nun automatisch eine höhere Priorität geniesst als sie. Auf der anderen seite wollte ich auch vermeiden, dass es zu misstönen innerhalb der band kommt, falls man mit der Hydra Head arbeitsweise nicht zu frieden sein sollte.

Davon aber mal ganz abgesehen, wollte ich natürlich auch sehen, wie gross das interesse anderer labels an der band ist. Was die ständigen labelwechsel angeht, so kann ich sagen, dass wir zu keinem zeitpunkt eine längerfristige bindung an nichts und niemanden hatten, und dies auch immer noch nicht haben. Uns gefällt der gedanke in der lage zu sein, viele verschiedene optionen auszuprobieren, um so mit den unterschiedlichsten leuten arbeiten zu können.

Neben dem aspekt, dass wir auf diese weise mit leuten arbeiten können, die wir schätzen und mögen, erreichen wir durch die distribution wechselnder kanäle auch immer mal wieder ein neues publikum. Bisher war das ein guter weg für uns, und ich glaube, dass wir auch weiterhin auf die eine oder andere art und weise mit den meisten labels und leuten in kontakt stehen werden, mit denen wir bisher zusammen gearbeitet haben.

ISIS wird ja gerne mal als BAND VOM HYDRA HEAD BOss angekündigt und `vermarktet`. Ist das für dich eher ein ärgerlicher nebeneffekt, den du lieber abstellen würdest? Oder nimmst du diesen fakt dankend in kauf, unterstützt ihn hier und da vielleicht sogar? Dürfte sich ja schliesslich in harten $$$ bezahlt machen. Oh, und mal ganz nebenbei gefragt, wie sehen dass eigentlich die anderen band mitglieder, dass der überwiegende teil des öffentlichen interesses auf dich ausgerichtet ist? Ist denen das egal?

Aaron: Nun, so oder so habe ich ja nicht wirklich eine wahl. Die leute werden immer nach einer möglichkeit suchen, eine band in eine schublade zu stecken. Egal ob sich dies auf die art der musik oder den ex-member faktor oder was auch immer bezieht. Nun ja, Hydra Head war eben schon längere zeit aktiv als ISIS die szene bühne betraten. Ist ja nicht weiter verwunderlich, dass uns viele leute dann diesen stempel aufgedrückt haben.

Das nervt natürlich schon irgendwie, denn es überschattet die persönlichkeit und den charakter der band. Ausserdem entzieht es den anderen band mitgliedern die verdiente aufmerksamkeit. schliesslich bringen die sich ja genau so sehr in den band sound ein wie ich. Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass es ISIS mit Hydra Head im rücken sicher sehr viel leichter fiel, dort zu landen, wo wir nun stehen. Tja, alles hat 2 seiten nehme ich mal an.

Vergessen wir mal diese ganze öFFENTLICHE AUFMERKSAMKEITS geschichte für einen moment. Wie sieht das eigentlich mit dem kreativen zentrum der band aus? Kann man ISIS in dieser hinsicht als kollektiv von künstlern bezeichnen, in dem jedes mitglied das gleiche potential besitzt, den künstlerischen ausdruck eines songs zu dominieren? Oder wird der grundlegende basispfad mehr oder weniger von einer einzelperson, eventuell dir, bestimmt? Ein pfad, dem die anderen dann vielleicht nur noch folgen müssen, indem sie das vorgegebene grundgerüst, ergänzt um kleine zusatzstoffe, zu einem soliden, schlagkräftigen song konfigurieren?

Aaron: Nun, dass läuft natürlich immer unterschiedlich ab. Wenn ich mich da aber festlegen soll, würde ich eher zum kollektiv tendieren. Ich habe sehr viele riffs der band geschrieben, aber andere leute haben sich da natürlich auch von zeit zu zeit eingebracht. Darüber hinaus arbeiten wir natürlich auch alle gemeinsam an arrangements, und jeder hat da das gleiche recht, deutlich zu machen, was teil des songs sein sollte und was nicht. wie gesagt, am overall sound sind wir alle beteiligt, und jeder bringt, basierend auf den kernelementen eines songs, seine eigenen parts ein.

Wie lange braucht ihr in der regel, um einen song von anfang bis ende fertig zu schreiben? Ich meine, der typische ISIS song ist in seiner songstruktur ja recht komplex. Klingt irgendwie, als würde gejamme einen grossen teil des songwriting prozesses ausmachen. Ist das eine korrekte interpretation, dass viele euer songs eher ausgiebigen jamsessions denn klassischem songwriting entspringen?

Aaron: Wie ich schon sagte. Das ist von mal zu mal unterschiedlich. Einige songs benötigen nur ein oder zwei wochen, wohingegen andere monat um monat verschlingen, um dann immer noch nicht fertig zu klingen. Was das jammen angeht, so entspringen einige songs sicher diesem prozess. Aber meistens basieren die songs doch auf klassischem riffwriting. Wir spielen die riffs dann gemeinsam durch, um zu sehen wie was ab hier zusammen passen könnte. Improvisationen spielen also sicher eine gewisse rolle bei unserem kompositions prozess. Generell entspringen aber die meisten songs immer einem grundkonzept.

Es gibt da ja zweifelsohne sehr viele psychedelische elemente in eurer musik zu entdecken. Wenn man sich so sehr in diese musikalische richtung bewegt, stellt sich zwangsläufig natürlich auch immer die frage, ob nicht vielleicht drogen den ein oder anderen einfluss auf das songwriting hatten. Wie is`n das in eurem fall? Haut ihr euch immer schön geisteserweiternde substanzen rein?

Aaron: Ich würde schon sagen, dass ein guter teil des ISIS materials unter einfluss von drogen/alkohol komponiert und gespielt wurde. Aber wie sehr dass jetzt zum sound im allgemeinen beigetragen hat, kann ich wirklich nicht sagen. Viele der band mitglieder rauchen halt pot, trinken alkohol und nehmen bei gelegentlich auch ein paar andere sachen. Aber wie gesagt, in wie weit das einfluss auf die musik hatte, ist schwer zu sagen.

Drogen haben ja von je her eine integrale rolle bei der erschaffung von musik im allgemeinen, und des rocks im speziellen gespielt. Insofern scheint diese verbindung ja offensichtlich. Ich habe uns aber nie als „drogenband“ verstanden. Wenn denn leuten unsere musik besser gefällt, wenn sie high sind, so wie wir oftmals, dann ist das grossartig. Aber ich würde nicht sagen, dass das einen notwendigen teil darstellt.

In der vergangenheit haben einige bands, die ebenfalls dem psychedelischen extrem core verschrieben waren, ihren musikalischen output ganz gerne in verbindung zu einer wie auch immer gearteten spirituellen suche gesetzt. Nun, warum die dinge nicht beim namen nennen. Ich spreche hier natürlich von neurosis/tribes of neurot. Ist das auch ein aspekt von ISIS, diese spirituelle suche durch intensive musik?

Aaron: Ich denke, dass die meisten leute, die wirklich passioniert mit musik involviert sind, einen gewissen, bewussten oder unbewussten, `spirituellen` aspekt aus ihrem tun ziehen. Wenn musik in dir ein starkes gefühl auslöst, wenn es dich geistig auf eine ebene führt, zu der du normalerweise keinen zugang hättest, dann kommt das für mich schon einer gewissen `spirituellen erleuchtung` gleich.

Ich halte unsere musik in gewisser art und weise schon für meditativ. Und so, wie wir sie spielen, ist sie wohl auch durchaus rituell. Das ist natürlich schon beides charakteristisch für eine suche nach spiritualität. Auch wenn ich dies nicht als das ultimative ziel oder den ursprünglichen grundgedanken von ISIS bezeichnen würde, so ist es doch sicherlich ein aspekt unserer musik, den viele von uns ernst nehmen.

Neben der musik gibt es bei ISIS ja auch noch ein ausgeprägtes visuelles element. Ich spreche hier natürlich vom auffälligen cover art work. Da ich natürlich weiss, dass all dies art work von dir stammt, muss ich selbstverständlich fragen, ob du weitergehende ambitionen auf diesem künstlerischen gebiet hast? Immerhin sehen deine arbeiten ziemlich gut und vor allem professionell aus. Schlägst du eigentlich finanzielles kapital aus dieser begabung? Uh, und noch was. In vielen deiner arbeiten wimmelt es von insekten. Erkenne ich da etwa eine kleine obsession?

Aaron: Oh, ehrlich gesagt verdiene ich durch graphic design im wesentlichen meinen lebensunterhalt. Das zählt auch zu meinen hauptaufgaben bei Hydra Head Records. Darüber hinaus bin ich aber auch immer mal wieder als freelancer tätig, um mein einkommen ein wenig aufzubessern. Seit meiner frühen kindheit bin ich bereits an visual arts interessiert. Das fängt mit kleinen zeichnungen an und setzt sich dann halt fort.

Das dürfte auch ein interesse sein, welches mit wachsendem alter nicht nachlässt. Und was ISIS angeht, so haben wir von beginn an wert darauf gelegt, dass alle aspekte der band, egal ob musikalisch, konzeptuell oder visuell best möglich angegangen werden. Natürlich waren wir dabei auch ein gewisses mass an konsistenz bemüht, wobei wir uns hoffentlich im laufe der zeit zum besseren hin entwickelt haben. Das insekten thema ist eigentlich nur ein ISIS spezifisches ding, und das hat auch über die letzten platten hinweg abgenommen. Aber der moskito ist auf unserer ersten cd irgendwie zu unserem logo geworden und infolgedessen als thema natürlich immer präsent.

Nun gut, auf coalesce`s led zepplin cover album waren zwar auch insekten. Aber lassen wir das. Kommen wir lieber nochmal auf die musikalische seite der band zu sprechen. ISIS hat eine unglaubliche entwicklung durchmacht seit ich das erste mal mit der band in berührung kam. Vor jahren steckte mir mal jemand eine 8″ oder 9″ von euch zu, bei der ich nicht wusste, ob ich sie auf 33 oder 45 abspielen sollte. Klang irgendwie beides `falsch`. Heutzutage aber stellt sich der ISIS sound als sehr detailliert dar. Alle elemente scheinen im laufe der zeit blitzsauber aus dem vormals undifferenziert brummenden soundwall geschnitzt worden zu sein. Nur die zarten melody lines sind weiterhin gut hinter einer front aus noise, noise und nochmals noise versteckt. Aber als ich euch neulich im new yorker cbgb`s live sah, hatte ich den eindruck, dass auch die melodien dieser tage eine immer bedeutendere rolle zu spielen scheinen. Sie scheinen tatsächlich ihren weg aus dem dunklen keller mief heraus ins grelle licht gefunden zu haben. Vermischt mit prägnanten psychedelischen elementen ergibt dies einen höllischen sound. Nun, vielleicht war ich ja auch einfach nur zu besoffen, um es korrekt wahrzunehmen, aber war dies schon ein andeuten der richtung, in die sich ISIS über kurz oder lang bewegen werden? Mehr melodien, mehr psychedelische elemente, weniger brumm-brumm krach, resultierend in einer kraftvollen soundexplosion sondergleichen?

Aaron: Ich denke, du hast da schon den richtigen eindruck. Seit wir damals losgelegt haben ist unsere musik in der tat im laufe der zeit immer differenzierter und klarer im sound geworden. Am anfang waren wir mehr damit beschäftigt, unsere musik extrem und heavy im sinne von lautstärke und dichte klingen zu lassen. Aber als sich die dinge entwickelten, erschien der aspekt des immer währenden lauten krachs irgendwie langweilig.

Nun sind wir jetzt sicher alles andere als eine pop band geworden, aber die heavyness ist mittlerweile doch sehr viel besser mit dem psychedelisch-melodischen element im gleichgewicht. Und wie du schon richtig sagst, ist das daraus resultierende ergebnis um so durchschlagskräftiger. Nach dem wir all die jahre zusammen gespielt haben, wurde es irgendwie leichter für uns alle, in den songs genügend persönlichen freiraum zum atmen zu finden. Genauso, wie wir auch ein gespür dafür entwickelten, immer die persönlichkeit der anderen mitglieder durchscheinen zu lassen. i think we’ve just learned the values of control and dynamics which has made our music more diverse and effective.

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Kommando Friesische Wiese
photos: www.neurotrecordings.com
ein paar der fragen stammen von markus haas.

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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