März 17th, 2020

INTERNETPLATTENSAMMELN aus #81, 2000

Posted in artikel by Jan

Plattensammeln im Internet – Erfahrungen und Frustrationen

Mit dem Aufkommen des ach so tollen neuen Mediums Web und der damit einhergehenden, nimmermüden Propaganda der Serverhersteller, wieviel Zaster in extrem kurzer Zeit übers Netz im sogenannten ‚E-business‘ machbar sei, war es natürlich auch nur eine Frage der Zeit, bis der Tonträgerbereich mit all seinen Facetten ins Netz gewechselt ist. Von Anfang an hatte ich relativ große Erwartungen, die aber, um es vorweg zu nehmen, nicht wirklich erfüllt worden sind. Mit dem üblichen Sendungsbewußtsein des Fanzinemachers ausgestattet lasse ich Euch im ff. mal an meinem Wissen teilhaben: vielleicht erspart ihr euch den ein oder anderen Frust bei der Sache. Und wie üblich werde ich natürlich genau deine Lieblingsadresse vergessen haben – obwohl…

Zu unterscheiden gibt es ganz allgemein:

– Plattenläden First Hand
– Labels mit Direktverkauf
– Vertriebe First Hand mit individueller Bestellbasis (der Endhändler fällt weg & der Vertrieb streicht noch mehr Zaster ein)
– Plattenläden Second Hand
– Auktionen per e-mail
– Auktionen per e-bay und ähnlicher Anbieter
…wobei für den geneigten Vinylkundigen Junkie gerade die letzten drei Punkte von Relevanz sein dürften. Nichts desto trotz ein Round-up, wobei allerdings eines feststeht:

*** wer wenig Platten kauft sollte dies nicht im Web tun, da dann die Enttäuschungen vorprogrammiert sind. Support you local store oder Kiste-auf-Konzert-Verkäufer mit Anhörmöglichkeit und oder Beratung ***

Das ist so einfach wie es klingt. Wenn du wenig Geld hast, ist der Mailorder sowieso problematisch, da die Mindestbestellmenge, bei der die Portokosten seitens der Verkäufer getragen werden, im dreistelleigen Bereich liegt. Desweiteren muß ich noch den Laden kennenlernen, dessen Beschreibung der feilgebotenen Waren einer echten Kritik beikommt – anders gesagt ist es kein Wunder, daß Versände ihre Produkte durch die Band weg gut finden. Aber dafür kannst du ja unsere Reviews lesen, oder die im Ox, und wenn du dann alle 40-60 Tonträger, die dort alle 3 Monate für kaufenswert befunden werden — lassen wir das.

Bezahlungsproblematik: Wo es Geld gibt, wird auch gerne geklaut. Dummerweise läßt sich das nur schwer unterbinden— daher ist eine Betsellung in die USA immer mit Problemen verbunden, da man letztlich, auch bei Einschreiben, Money Orders, Moneygrams etc. pp. keine Handhabe hat, falls jemand nichts zurückschickt. Das war auch früher nicht anders, als man äh auch ich eben Platten dirket von dort bestellt hat — inbes. bei Privtapersonen.

Und noch etwas: Hier stehen nicht all zu viele Händler, aber die sind wenigstens anschauenswert. Ich hätte sicherlich Seiten füllen können mit dem ganzen Dreck.

Die Plattenhändler im First Hand Bereich, die in Deutschland im Netz sind und vernünftige Bedingungen wie auch akzeptablen Service bieten, sind wenige. Hier sieht man auch recht deutlich, wer wieviel Geld in die Bestelloptionen gepackt hat; dann nämlich ist eine komplette Online-Bestellung mit vorgefertigtem Formular (‚Warenkorb‘ genannt) und Bankeinzug der Homer Simpson unter den Plattenkaufmöglichkeiten: Man muss nicht mal mehr aufstehen.

Die beiden führenden Mailorder im Punk und H/C Sektor, die im Netz präsent sind, sind
Flight 13 unter : www.flight13.de Die haben sich ne ordentliche Seite erstellen lassen mit allem Komfort. Downloadzeiten sind o.k., und die Liste wird tatsächlich ein- bis zweimal die Woche ergänzt. Leider steht unter den News nicht, seit wann etwas drin ist, was wiederholte Besuche zu längeren Lesezeiten nötigt: Ansonsten habe ich persönlich gute Erfahrungen mit dem Laden gemacht und bezüglich der Onlinevariante gibt’s eigentlich nur Marginalien auszusetzen.

Die hardcorelastigere Konkurrenz zum Gitarrenbreitwandangebot von F13 sind natürlich Green Hell:
www.greenhell.de. Die sind in Bezug auf die Bestellfunktionen nicht ganz so fit, da schickt man letztlich eine e-mail zur Bestellung hin: Der Online Katalog besitzt keinen Vorteil gegenüber der Druckausgabe. Auch mit diesem Laden hatte ich bis dato keine Probleme.

Bis dato konnten alteingesessene Händler wie X-Mist keine Präsenz im Web zeigen… we bite hingegen ist unter www.webite.de im Rennen und liefert eine hübsche Page mit Einkaufskorb-Funktion; allerdings ist die Seite unübersichtlich, da die Platten nicht in einer engen Tabelle aufgelistet sind, sondern man allein für die News zigmal neu laden muß. Nebenbei bemerkt kann ich einen Versand, der Spätphase Black Flag Platten als ‚kalifornischen Popcore‘ anpreist, ohne Erbsenzähler sein zu wollen, nicht wirklich empfehlen.

Auch das schwäbische Traditionshaus Ingognito ist unter www.incognitorecords.de am Start, wobei es keine Kaufmöglichkeit vor Ort im Netz gibt. Dafür aber eine Newsliste, die jetzt & heute zu 95% Veröffentlichungen des Jahre ’99 enthält – neu? Naja, alleine für die Qualität der Verpackungen gebührt diesem Versand ein Ehrenplatz. Ein kleines Angebot mit Crustigem und sonstwie härterer Gangart bietet www.yellowdog.de, wobei die dünne Auswahl durch Einheitspreise nach Format ausgegelichen wird – coole Sache.

Vertriebe First Hand mit individueller Bestellbasis
Aus dem Bauch heraus eine unangenehme Angelegenheit, da dies natürlich eine interessante Profitmaximierung für den Vertrieb darstellt, der es sich natürlich nicht leisten kann, seine Produkte billiger als der Händler, an den er ausliefert, anzubieten. Da aber inzwischen sowieso fats jeder im Netz vertretene Plattenladen auch Vertriebstätigkeiten nachgeht, kommt es wohl letztlich aufs Gleich raus.
www.cargo-records.de: Extrem unübersichtlich bei den Neuheiten, der Warenkorb funktioniert noch nicht, das Preisliche hält sich wie beim Händler um die Ecke – wie ihr seht hat mich da nicht überzeugen können, auf der anderen Seite habe ich noch nie dort bestellt, kann also keine wirklichen Erfahrungen mitgesammelt haben. Aber wenn man schon zum Vertrieb geht, dann würde ich www.lumberjack-online.com vorschlagen, die sitzen zwar in den USA und der Dollar saugt ja gerade Scheiße, aber eine per Warenkorb aufgegebene Order (Bezahlung allerdings nur per Kreditkarte) war 4 Tage später in Frankfurt, Germany – und so etwas habe ich noch nicht erlebt.

Plattenläden Second Hand
Eine düstere Angelegenheit – zumindest im Netz. Übrigens: über Preise bei Second Hand Händlern zu meckern ist absolut notwendig & macht Spaß! Aber ich sage hierzu ausnahmsweise mal nix.
Eine sehr professionelle Seite & dazu nicht gute Auswahl haben www.rockers.de, genau die aus Hannover und weiß der Geier wo noch. Bestellungen Online gehen & punks with credit cards können hier auch voll ableiern.

Vor einigen Jahren hatte ich mal so eine Liste mit allen möglichen Second Hand Händlern und habe Stunden vorm Rechner gesessen – meist war das Angebot einfach fürchterlich schwach & aufgrund der Portokosten schreckt man ja auch vor dem Kauf nur einer, billigen LP ab. Eine nette Seite haben auch www.sickwreckords.de, auch wenn sie keine Anzeigen bei un mehr schalten 😉 – hübsch aufgemacht und läuft recht schnell. Anchecken kann man auch mal www.get-happy.de. Unter www.talknet.de/~konrakk startet Ingo Eitelbach seine Verkaufsversuche – verdammt wo ist meine platine Kreditkarte geblieben ? Obwohl, wer mal RICHTIG viel Geld ausgeben will, der kann das unter www.insekten-records.de gerne versuchen. Ob’s klappt?

Auktionen per e-mail
Die Sache ist recht einfach: Sammler A ist pleite, macht seine Liste und schickt sie herum. Irgendwann landet sie dann bei einem selbst und auf geht der Spass. Man schickt sein Gebot ab (es sei denn, es handelt sich um eine ‘set sale’ Veranstaltung, bei der nämlich die zu Festpreisen angebotenen Goodies meist schon weg sind, bis man selber das erste Mal da war.

Einige Zeit lang war mein Hauptdaseinsaspekt die Sammlungsuaflösung eines MRR Mitarbeiters, bei der ich ca. 25 äh ‘Objekte’ und deren Preisentwicklung verfolgte. Und wie üblich den Standardfehler machte, nämlich selber schon frühzeitig mal ein wenig Geld bot. Letztlich war es dann so, daß in der ca. einen Stunde vor Schluß der Auktion jeder bis dato gebotene Preis noch einmal verdoppelt wurde. Und hier liegt eben auf der einen Seite der Reiz bei einer Auktion – inbes. bei ‘richtigen’ d.h. im Auktionshaus – aber auch die Crux der Anbieter: Da man per e-mail sein Gebot einreicht, gibt es keinen Überblick über die Preisentwicklung d.h. man sitzt dann schön blöde da & kann eben auch nicht mehr reagieren. Unvergeßlich hier eine Rocket from the crypt Scheibe mit Pushead Cover, die es wohl nur dreieinhalbmal gibt und die dann fuer wenn ich mich richtig entsinne 500 $ ging.

Wie kommt man an die Auktionen? Schwer zu sagen, da die Verbreitungswege eben die Verteilerlisten von Privatpersonen sind, aber DER Ort, den man immer anwählen kann, ist www.revhq.com, die Homepage von Revelation Records. Dort gibt es HUNDERTE (!!!) von Leuten, die gegen eine geringe Veranstaltungsgebühr ihre Listen zum Tausch oder zur Auktion anbieten, wobei ich bei ersterem zu nervös wäre… außerdem ist die SxE-Lastigkeit des Angebots, einhergehend mit solch spannenden Fragen wie ob welche Revelation Platte in der 17. Auflage doch viermal in grüngeschecktem Vinyl hergestellt wurde etwas lächerlich, sitzen die ganzen Sammler doch drei Jahre später in einer Bank und verchecken Kredite. Nichts desto trotz habe ich dort an einigen Auktionen wie auch Set Sales teilgenommen & es lief eigentlich immer vernünftig. Viele der Anbieter, die den Service von Revelation nutzen, sind auch bei e-bay, dem nächsten ‘Kapitel’, präsent…

Auktionen per E-bay (www.ebay.de und /oder www.ebay.com)
Der nasse Traum des Collector Arschs. E-bay ist das weltgrößte Auktionshaus im Netz, was eigentlich ja egal ist. Kurz das Konzept: Leute bieten Objekte aller Art zum Verkauf an, benennen vorher ein Mindestgebot. Online-registrierte Benutzer können nun bieten. Das aktuelle Höchstgebot wird angezeigt. Liegt dieses z.B: bei 12 $ und du willst bis 20 $ bieten, gibst du letztere als Dein Maximum an. Das heißt aber NICHT, daß das aktuelle Höchstgebot auf 20 $ schnellt, sondern e-bay setzt dann von 12$ auf 12 $ 50, sofern die 12$ tatsächlich das Höchstgebot des anderen Bieters waren. Kurzum: Du zahlst immer ein Inkrement (zwischen 25c, 1 $, 5$ je nach Gesamtvolumen) mehr als der am nächsthöchsten Bietende.

Wer nach Ablauf von einer Woche oder so das höchste Gebot hat, kauft. E-Bay selber verdienen durch 3% des Gewinns (also KEIN Aufschlag von x% wie bei regulären Auktionen) des Verkäufers, die abgebucht werden. Desweitere gibt es diverse Garantien etc., u.a. bewertet man jede Transaktion, an der man teilgenommen hat, in Bezug auf die Schnelligkeit des Käufers respektive Verkäufers.

Naja, ich fasse mich kurz: Ebay USA (.com) ist der geilste Plattenladen auf dem Planeten. Egal mit welchen Laden du anstänkern willst, kein Abripp-collector-store hat solch ein Angebot. Und da liegt dann wohl auch der Hund begraben, denn jeder andere fanatische Sammler glotzt auch rein, was dazu führt, daß ziemlich witzige Preise bezahlt werden: Es gibt kaum eine LP, die unter 3$ geht, aber wenn du Jawbreakers Chesterfield King 12” für 60 $, eine lila Earth AD für 160$, die Early Day von den Necros für 72$ oder einen silkscreened Misfits Fiend Club Umschlag (!!!) für 255$ kaufen willst, bist du hier an der richtigen Adresse.

Und das alles OHNE Porto, wo das größte Problem liegt: Das macht nochmal 6-10$ EXTRA und von daher gibt es kein Schnäppchen bei E-bay, da man erst mal 20 Mark für nix hinblättern muß. Aus diesem Grund solltest du dich da nur hinwagen, wenn dir wenige Items fehlen & du diese vor allem auch zu Maximalpreisen bezahlen kannst. Ich will damit sicherlich niemanden abschrecken, um das Feld quasi alleine abzugrasen, aber ich mußte mich das ein oder andere Mal schon gewaltig bremsen — never ever solltest du e-bay unter Drogen anwählen!! Es macht sowieso krankhaft süchtiger als alles andere im Web. Bei ebay.de geht die Lage noch, da es nicht so viele Benutzer zu geben scheint: die meisten Platten finden hier keinen einzigen Bieter bis zum Ende des Angebots. Sicherlich auch eine Folge der Portokosten von 7.- pro LP etc., evtl. Überweisunggebühren usw..

Was halt völlig fehlt ist eben das geile Gefühl, mit einer mit einem Dumpingpreis versehenen Rarität zitternd zum Tresen zu stapfen ‘hallo ähh die hätte ich gerne’ – man kann jetzt darüber diskutieren, wo der Reiz des Sammelns genau liegt, aber dieser Teilaspekt wird nicht gewürdigt. Wie bei allen anderen Auktionen empfiehlt es sich, erst kurz vor Schluß sein Gebot abzugeben: alles andere treibt den Preis nur frühzeitig nach oben…. zumal es auch völlig schwachsinnige Optionen gibt, so zB die ‘reserve’. Das heißt, obwohl das Mindestgebot bei x Dollar liegt kriegst niemand die Platte für den Preis, sondern jemand muss mit seinem Gebot das geheimgehaltene Mindestverkaufsgebot des Verkäufers erreichen. Was soll das – ich weiß es nicht.

Es gibt seitdem noch zahlreiche weitere Online-auktionshäuser, aber keines von denen kommt nur ansatzweise an die Auswahlmöglichkeiten von e-bay.com. Innerhalb der letzten 2 Monate wurden dort effektiv 50% meiner All-time-want-liste angeboten, u.a. meine meistgesuchte Platte (sonic youth – flower 7” (NICHT 12”)– für den, den’s interessiert) habe ich dort erstehen können, die hatte ich vor 12 Jahren einmal gesehen und danach nie wieder. Usw. usf. E-Bay Deutschland (.de) ist nicht ansatzweise so gut, genauso wie ALLE ANDEREN von mir ausgecheckten Auktionshäuser. Wenn du mal die Peinlichkeit solcher Unterfangen betrachten willst: www.rockauktion.de zum Beispiel. Oder www.7inch.com. Oder unter der Fireball Suchmaschine (www.fireball.de) links ‘Auktionen’ und dort dann am heutigen Tage 128 ‘Independent’ Schallplatten im Angebot, wobei auf keine EINZIGE bis dato ein Gebot eingegangen war…gähn…

In diesem Sinne: Geht zu Flohmärkten! Gruss daniel.

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