März 16th, 2020

Hot Water Music USA-Tourbericht aus #86, 2001

Posted in artikel by Jan

where do you want to go today fragt mich hier und da ein microsoft plakat und das war mir nicht immer klar, aber manchmal muß man eben etwas weiter gehen, und da lag die ostküstentour von hot water music viel näher als die verschissenen liveclubs meiner oder deiner – na gut, hauptsächlich meiner – stadt denn was nützt mir der ganze kopierte dreck wenn ich anderwo frei aufschlagen darf und so waren wir drei der axel am thekenrand, torsten feiermeier auf der bühne und ich papst jever mittendrin…

Natürlich hat die wachsende Popularität der Band die Sache nicht vereinfacht; so wird auf der Diskussionseite der Homepage der Band seitens der Fans erörtert, ob es sich im Amerika des neuen Jahrtausends noch ziemt, als sexuelle Phantasie anzugeben, daß man sich gerne vom Drummer der Band auf dem Küchentisch nehmen, hobeln, hacken lassen möchte. Oder es fragen sich jugendliche HIGHSCORE Fans, wie es die Band eigentlich mit den Werkzeugen Satans – also Bier und Kippen – halten würde. Nun ja.

Aber das sind ja nicht die mich jetzt im Moment bewegenden Fragen, sondern eher: Wann zerschellt eigentlich dieses blöde Flugzeug, in dem ich gerade sitze? Warum habe ich seit 3 Tagen ne Grippe, wo ich doch jetzt erst hinfliege? Wieso sitzen die anderen beiden in einem anderen Flugzeug? Warum läuft auf dem Kopfhörer hier Kiss von Prince?

Ach ja, der ein oder andere fragt sich sicherlich, woher die Knete kommt, mit der wir hier rüberfliegen können. Naja, Epitaph als das neue Label für HWM hat die Hälfte der Tickets bezahlt, die ander Hälfte konnte – nörgelnd wie immer – Dolf latzen, da er als letzter Herausgeber eines regelmäßig erscheinenden Fanzines ohne CD natürlich ordentlich an Ausgaben spart – zack die Anzeigenpreise hoch, anstelle wie unlängst schon X-Mist anzufangen, der eigenen Bedeutungslosigkeit durch das Brennen von Cheapo-CD zu entfliehen, steuerlich absetzbar oder auch nicht.

Geld wollten wir auch ohne nähere Erklärung zu geben von Fat Wreck, die sich aber querstellten und Good Riddance auf dem Cover forderten, nur über meine Leiche. Unsere Super-Freunde von Virgin kamen dann noch ins Spiel, wo sie doch durch unsere Artikel auf At the drive in aufmerksam wurden und schickten einen Karton Stoli Wodka als Wegzehrung an mich – Keith Richards als Vorbild zwischen den Pupillen.

‘a little on the metal edge, but still genuine rock’ – unbekannter Konzerteinlasser
Ankunft in New York, was soll ich sagen, die Nerven vom Flug völlig lädiert schleppe ich mich zum Hotel… von D-land aus gebucht, damit es irgend bezahlbar bleibt, mit 160 Mark die Nacht das Billigste mit Einzelzimmer, weil ich auf die Spitzenidee kam, daß man zumindest die erste Nacht anständig schlafen sollte, Kräfte sammeln und so weiter. Dazu später mehr, aber das Murray Hill Inn erweist sich nur unwesentlich unkomfortabler als eine Ausnüchterungszelle in der gleichen Stadt. Dafür aber gut Geld gespart, was… spätnachmittags laufe ich die 30 Blocks zu den anderen.

Wir beschliessen, unverzüglich mit der Abendgestaltung anzufangen und durchlaufen die üblichen Periodika, um den Hammergig überhaupt ausfindig zu machen, was wie üblich mislingt. Erst mal eine große Schüssel Bier drauf, es ist ja noch Happy hour und nachdem wir den Pitcher Brooklyn irgendwas special monster lager ausgetrunken haben geht’s besser. Scheiß auf den Rock and roll eine Bartour ist sowieso viel besser und so weiter. Besonderes Interesse möchte ich an dieser Stelle auf die preisliche Gestaltung legen: Bei 5 bis 6 Dollar für ein größeres Bier vom Faß stellen wir schnell fest, daß wir es uns nicht leisten können und trinken fortan ständig und immer schneller, damit wir über diesen Umstand zumindest nicht nachdenken.

Axel wirft die alte Theorie des 1:1 Umtauschkurses auf und wir beschließen fortan, daß wir in D-Mark bezahlen. Kneipentour ist so ein wenig wie notgeiler Mann in der Videokabine: Immer schneller zappen, eigentlich schon vor der Bestellung in die nächste wollen, zwischendrin laufen wir per Zufall am CBGBs vorbei, in dem ich mit Al und etwa 4 Millionen anderen Menschen per Zufall Mitte der Siebziger beim ersten Ramones Gig anwesend war, die Frage nach der Stilrichtung des Abends beantwortet der Einlasser mit ‘genuine Rock’ und ich frage wie genuine und er meint ‘oh on the metal edge but still no real metal – genuine rock’ und weiter geht’s.

Eine Kneipe wartet immerhin mit der amtierenden Miss New York City als Bedienung auf, hups, aber so sind dann auch die Gäste und die Musik – glaube ich mich zu erinnern. Es wird später, die Jalousien schließen sich, die anderen beiden gehen in ihr Luxuszimmer und ich finde auf dem Heimweg noch den ein oder anderen Drink wie auch die Notwendigkeiten, um aus dem Virgin-gesponserten Wodka Drinks herzustellen. Im Hotelzimmer angekommen bereite ich eben einen solchen, trinke einen Schluck und schlafe ein. Alles gut.

Zwei oder drei Stunden später wache ich auf und stelle fest, daß irgendwas überhaupt nicht stimmt. Ich bin zu betrunken, um wach zu sein, völlig gerädert und der einzige Gedanke bleibt ‚hier stimm’s nicht‘. Licht an – fällt mir auf, daß aufgrund des extrem starken Regens draußen Wasser an der Decke meine Zimmers entlang eindrang, um ziemlich genau oberhalb von mir als weißgraues Putz-Wasser-Gemisch auf mich einzutropfen.

Das tat es wohl reichlich lange, denn die obere Hälfte meines Körpers ist klatschnaß und besudelt. Betrunken und völlig gerädert die Treppe hinuntergstolpert, ein wenig rumgebrüllt, einen neuen Zimmerschlüssel erhalten, in dem ein Doppelstockbett steht, ins unteren Bett gelegt weil zu fertig, ins obere krabbeln zu wollen, wieder weggesackt, einige Stunden später aufgewacht, aufgerichtet, Kopf angeschlagen, rückwärts wieder umgefallen: Warum immer mir?

No beer in Jersey – leave immediately (Daniel)
We lost our Wollard (Chuck)
bevor wir hier richtig in den freitag einsteigen noch ein paar worte des KOMMANDOS FRIESISCHE WIESE, in new york repräsentiert durch den werten herrn FEIERMEYER, ABUSIMBEL und DEN KLEINEN SACK, zum donnerstäglichen rundum-spaß. nachdem wir den papst auf den heimweg in sein rottiges hotelzimmer geschickt hatten, stoch es insbesondere unseren herrn feiermeyer, der den verlauf des abends so noch nicht in einklang mit seinem hart erarbeiteten namen bringen konnte.

es verlangte also ganz schwer nach einer ehrenrunde, welche axel und mich zu allererst in einen gar gräßlichen 80´s disco bar schuppen beförderte. hatte ich wohl fälschlicherweise für eine schmockige, nach spiddsen cocktails riechende, yuppie-bar gehalten. schöne scheiße auf jedenfall. saßen wir da also wie die idioten auf ekligem plastik mobilar, schlürften unsere völlig überteuerten schlechten cocktails, und waren in gedanken schon wieder bei miss america, die dann auch nicht mehr lange auf unseren zweiten besuch warten mußte. schwuppdiwupp die lokalität gewechselt, und sofort ´nen chef platz an der bar abgegriffen. die herren waren in ihrem element.

innerlich mittlerweile stark mit BLOODY MARY und WHITE RUSSIAN befeuchtet, wurden, wer hätte es vom TRUST anders erwartet, große weltpolitische dinge erörtert. sprich, die optischen reize der vor uns shakenden miss SCHEISSEVERDAMMTSEHICHGUTAUS america. mit höchst wissenschaftlichem ansatz bestätigte sich dann auch die theorie der getränkekonsumförderung durch unverschämt gutaussehendes barpersonal, denn die probanden feiermeyer und schulz sahen neben ihren liquiden mitteln ebenfalls ihre motorischen fähigkeiten massiv schwinden. da der wissenschaft nun aber zur genüge gedient war, zog man sich verdienterweise in das gegenüber der bar gelegene hotel zurück, um nicht total gelähmt in den freitäglichen morgen zu gehen.

ein morgen welcher natürlich wieder einmal schneller kommen sollte, als es trunkenbolden lieb sein kann. den papst hatte nach seinem nächtlichen zimmer-desaster wohl recht früh der morgendliche tatendrang gepackt, stand er doch schon gegen 10.00 klopfend vor unser zimmer tür. so mußten also auch wir uns wohl oder übel über unsere körperlichen zerstörungen hinwegsetzen, um einen ausgedehnten zug durch den big apple anzutreten. details über anzahl und qualität angesteuerter shopping paradise erspare ich euch an dieser stelle.

Nur vielleicht soviel, baggy pants und der ganze andere scheißdreck sind nicht gerade eine deutsche erfindung, wie der verseuchungsgrad der örtlichen outlets deutlich bestätigte. natürlich waren wir hier und da, und ganz anderswo natürlich auch. macht ja jeder tourie depp in dieser stadt. aber seid ihr schon mal mit der staten island ferry, die erstaunlicherweise zur abwechslung mal nichts kostet, zu selbigem island rüber geschippert? habt euch zudem dabei gefragt, wieso leute 20 dollar bezahlen, um mit dem boot dreimal um die freiheitsstatur zu rudern, wenn sie das ganze auch vollkommen gratis haben können? egal, wollen ja nicht schon wieder so dick auftragen und wild rumtönen was für helden wir sind. daß wir sowieso die besten und tollsten und SCHÖNSTEN sind wißt ihr ja eh J.

leider konnte dieser tatsache dokumentarisch nur unzureichend genüge getan werden, da amerikaner mitunter grobes ungeschick bei der bedienung japanischer fototechnik walten lassen. jaja, the revenge of pearl harbor just never ends. egal, wieder an land noch dieses und jenes erledigt bis es schließlich zeit war, den mietwagen abzuholen. kurzes tam tam hier, schnelles blah da, und wir befanden uns auch schon mittendrin im new yorker straßenkrieg, zielstrebig unseren weg nach new jersey zwischen einer armada taxis und trucks freischießend. entgegen seinen schützearsch kollegen feiermeyer und schulz, schien ADMIRAL PAPST JEVER wesentlich mehr gefallen am militaristischen new yorker straßenverkehr zu haben. die hauptangriffstechnik H U P E N zumindest wurde kurzerhand zur neuen nachmittäglichen lieblingsbeschäftigung erklärt.

so kam es denn wie es kommen mußte: schlechte musik, manische fahrkünste und ein sicherer riecher für den einzigartigen ROCK N ROLL führten uns in kürzester zeit auf den parkplatz des WAYNE FIREHOUSE in WAYNE NJ. wir waren also da, genau wie die band. und die große begrüßungswelle nahm schnell ihren fatalen lauf. anders als depperte europäische gäste wissen einheimische bands nämlich um die katastrophale alkoholversorgung bei all ages shows. daher mieten sie immer gleich noch einen zweiten van zum biertransport, aus dem deutsche aushilfpäpste, einmal hineingelassen, natürlich nicht vor ende des abends wieder herauszubekommen sind.

naja, ganz so ist/war es natürlich nicht, aber was soll ich sagen. chuck, chris, george und jason waren bestens mit sprit bestückt, und zweifelsohne ausdauernd in der disziplin, diesen mit uns teilen zu wollen, was zumindest partiell einfach nicht abgeschlagen werden konnte. wäre auch alles gar kein problem gewesen, hätte die band nicht auch diesen liebenswürdigen dope-bauern LUKE aus Tennessee im schlepptau gehabt, dessen truck mit sicherheit den größten GRAS TRANSPORTER außerhalb amsterdams darstellte. ein papst ist papst ja schon nicht ohne grund, doch wie dieser abend zeigen sollte, muß auch er ganz offensichtlich hin und wieder noch vom leben in seine kompetenz-schranken gewiesen werden.

”flieg nicht zu hoch mein kleiner freund” war man versucht PAPST JEVER auf der startbahn hinterher zu rufen, aber der grasbomber hatte bereits abgehoben und steuerte bedenklich auf die sonne, respektive den absturz zu. tja, somit war dann einer der helden im rennen um die freitägliche spaßkönigkrone ausgeschieden, zog er doch weit oben über den wolken, wo die freiheit so grenzenlos ist, seine kreise. verfolgen ließ sich das bunte treiben am boden aus solch schwindel erregender höhe natürlich keinen meter mehr. auf der anderen seite gab es zu verfolgen/verpassen jetzt auch nicht so viel. denn so der wirkliche killer ist es nicht, wenn man einen abend mit 800 13 jähren verbringt.

wir sprechen hier wohl gemerkt nicht von 20 jährigen, die von unserer altersarrogganz gerne als jungvolk deklariert werden. nein, was wir hier hatten waren ernsthaft 13-15 jährige, die, so will es das klischee, natürlich von ihren eltern gebracht und abgeholt wurden. ok, das ganze hat nicht nur nachteile, denn man sieht ganz gut auf solchen konzerten, keiner versperrt einem die sicht. aber SPAß definiert sich doch irgendwie anders. keine frage, die bands haben gerockt, alle drei. dankend haben sie die fachkundige arbeit des soundmannes, welcher früher mal bei BORN AGAINST hardcore historie schreiben durfte, mit fulminaten sets belohnt.

die kids waren auch wie wild dabei, nur ist eben atmosphäre wohl auch sehr subjektiv definiert, und somit an diesem abend vergeblich zu suchen gewesen. erschwerend dazu kommen dürfte noch die erkenntnis über die tatsächliche existenz viel beschworener straight edge gangs. warum solche hirnamputate ihre darseinskrise gerade bei hot water music konzerten ausleben müssen, ist wohl nicht nur mir ein rätsel. bietet ihnen die band dazu doch nicht den geringsten anlaß, weder ideologisch noch musikalisch. von daher wurde die vergabe der spaßkönigkrone für diesen abend kurzerhand ausgesetzt und auf samstag verschoben.

all die irritationen mal ausser acht gelassen, schnellte die faust natürlich schon das ein oder andere mal gehörig in die höhe, und feierte trotz wiedriger umstände eine kochende band, die unbeirrt arsch trat wie es derzeit eben nur eine kann, HOT WATER MUSIC. Trotzdem, seltsame veranstaltung. Ein taghell erleuchteter raum mit 800 menschen, die gesetzlich alle noch nicht ficken dürfen, wohingegen die bühne, auf wessen weisung auch immer, mit 3 armseligen spar-funzeln versehen wurde. Man mag mich korrigieren, aber in der regel läuft dieses beleuchtungsspielchen im rock n roll geschäft sonst genau anders herum, oder?

Hm, seltsam ding halt. auch noch zur erheiterung beigetragen hat das erscheinen von piercing-chef-monster rick ta life, den wir eigentlich immer für eine nicht wirklich existente person legendär amüsanter new york hardcore videos gehalten haben. Aber da war er, maschierte direkt vor unserer nase in den saal, und uns dorf idioten fiel die kinnlade runter. DEN GIBT´S JA WIRKLICH. Zudem rauschte er mit 900 plattenkisten an, deren sortierung selbst gut bestückten plattenläden den schweiß auf die stirn treiben würde. Burkard, glaub es mir, so etwas schaffst nicht mal du J. direkt nach der show, wir hatten es fast vergessen, befand sich auch papst jever wieder in einem sinkflug und bereitete seine möglichst sanfte landung vor. doch dazu sollte es nicht kommen, denn sämtliche alkoholika schienen sich während seines höhenfluges in diverseste hälse durstiger schluckspechte ergossen zu haben. und so sprach der papst nach holprigem touchdown zu seiner gemeinde, die durch schreiendes gelächter begleiteten worte NO BEER IN JERSEY – LEAVE IMMEDIATLY.

Oh Stuttgart always rocked like hell (Walter Schreifels)
Would you like a screwdriver or a bloody mary with your omelette (namenlose Bedienung)
Jihuz, what a fucking disaster denke ich mir, als ich von latenter Kreislaufschwäche genervt aufwache und aus der eigentlich recht empfehlenswerten Herberge falle. Der Cornerstore serviert irgendein Eierquatsch Sandwich und ein Spaziergang durch die Nordwestecke des Central Parks passt auch ganz gut. Frische kalte Luft und dann doch wieder in die Subway dank Axels Dauerkarte eine gute Idee. Halbtod öffnen die beiden die Pforten zu ihrer Behausung, schnell den Wagen weggebracht, sie waren tatsächlich nach dem Konzert noch in der Bar gegenüber, aber Miss New York City war nicht bei der Arbeit…

Der Plan ist klar, ein wenig Ton- und Bildträgereinkaufen, was letztlich aufgrund des Wechselkurses nur zu einem längeren Spaziergang ausartet, ok, ab und an ein Trustaufkleber hier und da gegengesetzt, huch wie jung sind wir geblieben… dann kurze Verschnaufpause und es geht zum ersten Open Air Konzert im Thomkins Square Park seit Nausea & Reagan Youth 1989 (!!) – damals war der Park von Obdachlosen & Punkern quasi annektiert, es gab eine Tent City, und irgendwann kam die Polizei… well… und seitdem gab’s da eben keinen Gig mehr. Es finden sich bei schneidender Kälte doch ein paar Hundert Personen ein, verdrögte Punkerinnen versuchen, mit den zahlreichen Uniformierten zu flirten, Hunde, Fahrradkuriere, in der hohlen Hand geschmauchte Joints, und verdammich viele Bands… phantastisch.

Der Versuch eines Stadtviertels, all das, was nur 5 Blocks weiter westlich passiert, zu verleugnen, als ob die Zeit stehengeblieben sei. Wir sind zum Teil davon angesteckt und gehen in die nächste Bar, kaltes Bier gegen kaltes Wetter, Torsten bestellt ein Omelett und bekommt tatsächlich die oben stehende Frage gestellt…. die Stimmung steigt. Zurück zum Konzert kommt DER Auftritt des Abends: Two Man Advantage, eine Horde asozialer, versoffener NYHC Veteranen, die stumpfen Metal spielen, während drei bis 4 Sänger vor der Bühne stehen und sich mit den anderen Anwesenden mehr oder minder prügeln. Und dann kommt der eigentliche Sänger, klein, fett, oben ohne, Haare wie’n Aff (sagt man bei uns in Frankfurt so), darunter schlechte Knast Tattoos, Eishockeymaske auf, passenden Schläger dazu in der Hand, wild rotierend schleudert er diesen um sich, während er in die Menge reinhüpft…. ich bin zu Baff, um zu lachen.

Unglaublich. Etwas später sind wir völlig durchgefroren und liegen im Hotelzimmer, Drinks gegen die Müdigkeit, Vorfreude. Dann endlich ab in die Knitting Factory, richtig, diesen Kunstkackerladen, der sich allerdings mit einem überzeugenden Barkonzept präsentiert: Mehere Bars und keine Wartezeiten an den solchen, was allerdings auch ein bezeichnendes Licht auf die HWM Fangemeinde wirft. Wie üblich schmeckt Bier, welches es umsonst gibt, besser, Luke ist auch wieder da und stinkt 10 Meter gegen den Wind nach Gras, es ist mir völlig unerklärlich, wie ein Mensch so nach Drogen riechen kann (und das in Zero Tolerance New York)… anyway, die Bands geben Gas, das Bier läuft in Strömen, per Zufall ist der Sänger von den Trans Megetti anwesend, noch mehr Umarmungen, an diesem Abend sind sogar Alkaline Trio nicht so langweilig, wie ich sie an den anderen Abenden fand, und bei HWM knallt’s dann nur noch. Ein Slambrutalo (huar huar) versucht den Chef zu machen, bis ich unbemerkt einen Freistoß gegen sein Knie schießen darf und er beschließt, ein wenig runterzukühlen…

das übliche, was man auch hierzulande bei Shows dieser Band erleben darf, ein alles mitgröhlender Schweißknäuel, ab und an sieht man auch jemanden von der Band singenderweise, zwischendrin darf irgendein Drogenwrack ein Liedchen singen, der Mann ist völlig panne, sitzt später auf ner Couch neben mir, wo er noch zerschlissener als zuvor wirkt: Ein wahrer Sympath und siehe da es ist Herr Schreifels himself, der – seitens irgendjemand sonst – darauf hingewiesen, daß ich aus Deutschland stammen würde, sofort zum Besten gibt, daß Stuttgart der Nabel des deutschen R’n’r sei bzw. er dort die größten Parties mit seinen Bands gefeiert hätte.

Spätestens an diesem Zeitpunkt beschließe ich, daß er genauso Panne ist wie er aussieht und trolle mich von dannen, da Chuck was von ‘Hey Daniel, I got Jameson, it’s a blend, but a good one’ brabbelt und beginne Schnaps zu trinken, bis Luke vorbeikommt und ich mich mal wieder nicht wehren kann, aber nur einmal an seinem Joint ziehe, was nichts desto trotz katastrophale Folgen für meine Heimfahrt hat: Erstens dauerte die mehrere Stunden (!!!) mit u.a. einer einstündigen Pause an einer Subwaystation, wo ich umsteigen wollte, zweitens saust der letztlich eintreffende Expresszug mit wenigen Stops sehr sehr weit, was Fehler beim Aussteigen empfindlich gefährlich gestaltet: 125te Straße aussteigen oder in der Bronx gucken, was noch geht: Tolle Aussicht. Um die Notwendigkeit des Wachbleibens wissend schlafe ich schon nach ner Minute im Zug ein und komme zu mir, als draußen an der Wand 1-2-5 steht … whoah, gerade noch so raus… immerhin noch 2 Stunden Zeit, bis Torsten und Axel mich abholen, um nach Boston zu fahren super.

Hell yeah! Sure I’d like a Wodka-O (George der Drummer)
Und genau so war es dann auch – zwei Stunden später, ich schlepp mich zum Auto falle rein und wache kurz vor Boston wieder auf. Hometurf! Ab ins Other Side Cafe (Newbury Ecke Mass Ave, aber eben auf der Seite zum Highway hin) – bester Laden. Danach beginnt meine Odysse nach Jamaica Plain, um 15 Minuten lang meiner LAG (=Lebensabschnittsgefährtin yeah!!) zu versichern, daß ich mich jämmerlich fühle, um dann beim Weg zuruück zu den anderen jeden Stau des Planeten mitzunehmen, egal, die beiden daher schlecht gelaunt – und ich erst – ab zum Konzert, das passenderweise um 15 Uhr anfängt.

So langsam gehen mir solche All Ages Sachen richtig auf den Senkel, wer ist denn bitte nachmittags in der Stimmung, bei einem Konzert Spaß haben zu wollen, richtig, Luke, er steht da und stinkt nach Gras wie Jerry Garcia (nicht , daß ich wüßte, ob Jerry Garcia gerochen hat und wonach, aber die Vermutung liegt doch nahe, oder?) und brabbelt in feinstem Tennesse Hügelfred-Dialekt das alles gut sei. Beachten sie bitte das Photo. Anyway, der wahre Kracher an diesem Konzert in der Mensa der Brandeis Universität ist das Wachpersonal mit Metalldetektor. Bei jedem Betreten des Raumes pfeift das Ding ohne Ende, was ja sicherlich mit dem Tragen einer Kamera in Verbindung zu bringen ist, aber meine Frage ob ich jetzt die Kamera weglegen soll wird auch nur verneint. Hä?

Na gut, wieder so eine Show ohne Beleuchtungsprobleme, einfach taghell und dementsprechend mitreißend. Strike Anywhere zeigen sich in guter Verfassung und bomben ihr vielleicht bestes Set hin, bei Alkaline Trio liegt es für mich nahe, im ICHBINWICHTIG-Bereich ein paar Drinks zu mixen, damit es einfach irgendwo weiter geht. ’so your reach for the bottle to steady yoursef, to take the edge off. And there’s lots of edges to take off‘ schrieben PopDefect einmal. Dort trifft auch Al Quint vom Surburban Voice Fanzine ein und erläutert mir breitwillig, wieviele Exemplare er durch das Beilegen von CDs mehr verkauft. Ansonsten sieht er genau so aus, wie man es von einem echten Fanzine Nerd erwartet:

Mamis Liebling eben, und hmm lecker die Schoko-sahne-torte. Dann auf zum allabendlichen Finger in die Luft – ‚Go!‘ – Mitgröhlcontest, den die schlaftrunkene Band mit erstaunlicher Bravour ableistet. Kurzes Set, runter von der Bühne, rauf auf die Bühne, Turnstile, Stagedive (und kein schlechter….), Aus. Plötzliche Mitfahrgelegenheit nach Boston rein für mich, ich also zack und raus, war dann mit den Leuten noch in einer Bar, wo das Bier nur die Hälfte der in New York zu berappenden Preise kostet… und dann weg….

tscha, in der tat war der abflug des papstes an diesem ´abend´ recht überstürzt. die ziege, die er da als lift zurück nach boston aufgetan hatte war nicht nur vegetarische anti-alkerin, nein, sie war zudem auch noch eine stresserin vor dem herrn. so zerrte und zupfte sie also bereits mit dem schlußakkord an unserer heiligkeit, unmißverständlich deutlich machend, daß sie nicht gedenke auch nur eine weitere minute auf RAKETE RÖHNERT zu warten. heißa, was waren axel und ich froh nicht um die gunst dieser amazone buhlen zu müssen, hatten wir doch glücklicherweise unser eigenes sportmobil, welches uns später sicher nach new york zurück befördern sollte.

aber soweit waren wir ja noch lange nicht. zuvor durfte noch prima einigen unfreiwillig komischen szenen beigewohnt werden. da hätten wir zum einen das PA team, welches dank ausgeprägter profilneurose auch gerne mal ersatz-rambo-bouncer spielte sobald nur einer aus dem unwürdigen publikum wagte bühne, boxen oder gar das mikro zu berühren. naja, und was soll ich sagen? ihr wißt selbst wie es bei hot water music konzerten so zugeht. die alten hippie-rocker-säcke hatten also richtig grund am rad zu drehen. das ganze gipfelte dann schließlich in einer feinen fastschlägerei zwischen WOLLARD und dem SOUNDMÄNNCHEN, welches den rock n roll fachverstand ganz offensichtlich nicht gerade gepachtet hatte.

wild gestikulierend sah der typ nach dem konzert seine halbe PA in schutt und asche liegen, was klar auf einen baldigen augenarzttermin hindeutete, denn WALTHAM war jetzt mit sicherheit keine außergewöhnlich wilde show. entgegen der päpstlichen einschätzung empfand das kommando friesische wiese diese all ages veranstaltung dann aber durchaus als würdigen abschluß einer von beginn an hirnverbrannten 3-KONZERTE-BLITZREISE, welche uns zum abschluß eben einen etwas ruhigeren nachmittag bescherte. chill out eben, genau das richtige für angehende alte säcke wie uns.

die bands haben fein gerockt, aso slammer hat man weitestgehend vergeblich gesucht, und trotz der sicherheitsarmee am einlaß, hinterließ das ganze einen durchweg guten eindruck. natürlich war das konzert wieder einmal schneller zu ende als weit gereisten lieb sein konnte, aber grund zur beschwerde gab´s eigentlich nicht. ALACHUA, TURNSTYLE, FREE RADIO GAINESVILLE wurden samt allen anderen hits trotz körperlicher blessuren wieder einmal mit einer intensivität herausgeschmettert, die nur einen sich im kreise drehenden gedanken zuließ: SCHEISSE VERDAMMT WIR SIND HIER, WIE GEIL! ja, wie gesagt, nachdem der papst also vorzeitig die biege machen mußte, und auch der allgemeine abbaustress nicht lange auf sich warten ließ, kämpften wir uns tapfer durch das traditionelle verabschiedungs buhu buhu, um 4 stunden später, es mag wohl so gegen 23.30 uhr gewesen sein, wieder unseren stammplatz am tresen besagter new yorker spiddsenbar einzunehmen.

KINGS HEAD TAVERN schimpft sich diese übrigens, und sie sollte vorzugsweise donnerstags aufgesucht werden, denn wie sich zu unserem mißfallen auch an diesem abend wieder bestätigen sollte, scheint miss new york city nur an auserwählten tagen ihren saftschlepperischen tätigkeiten nachzugehen. der bitteren wahrheit tapfer die stirn bietend, wurde somit bei ein paar mixgetränken dem unvermeindlichen schlußakt unserer spaß-terroristischen-reise noch einmal ein gebührender abschluß verliehen. in der gewißheit, die letzten 4 tage am obersten spaß- und untersten schlaflimit gelebt zu haben, konnte das new yorker nachtleben nach kurzer verneigung also guten gewissens wieder seinen angestammten veteranen überlassen werden….

MONTAG 16.irgendwas uhr
sitze in einer leblosen halle des JFK und investiere mein letztes bares in vegetarisches flughafen sushi zweifelhafter qualität. mein kopf ein einziges wirrwar. wie der ring um den saturn kreist alles darin um die erlebnisse der vergangenen 4 tage. verdammt, wir haben es wirklich getan. wir waren drüben, nicht nur dabei sondern mittendrin. came without a warning, einfach so, völlig verrückt. einhergehend mit meiner inneren konfusion geht mir eine 7 SECONDS textzeile einfach nicht aus dem kopf -I´m gonna stay young until I die-. ist das wirklich so? werden wir auch in 3 – 30 – 300 jahren noch so idiotische, vom peripheren nervensystem beschlossene, organisierte und gesteuerte trips durchziehen?

oder waren die letzten tage nur ein weiterer verzweifelter versuch alternder möchtegernjugendlicher am elan vergangener jahre festzuhalten? ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, und es ist auch egal. denn alles was zählt ist der nicht wiederholbare augenblick. das gefühl immer noch zu leben, zu erleben, nicht blos eine alltagsroutine abspielende maschine zu sein, ferngesteuert, automatisiert, langweilig. wenig später, ein platz am notausgang, beinfreiheit und der steward serviert eine bloody marry. das leben…

Irgendwie fand ich noch ein Glas Weißwein auf dem Weg zum Bett. Das Haus war weiträumig und bis auf eine Katze und einen Hund, der die Beschreibung kläffender Köter vollends verdiente, war ich allein. Ich lag im Zimmer und lauschte der Stille, während sich mein Kreislauf langsam von mir verabschiedete. Parallel dazu blätterte ich in einem Buch über den französischen Architekten Le Corbusier und stellte zum wiederholten Male fest, auch wenn das letzte Mal davor Jahre zurückliegt, daß es ein Wunder war, daß ihn niemand erschossen hat. Aber das wurden sowieso deutlich zu wenige der Heilsbringer der Menschheit.

Wir wird’s weitergehen? Alle musikbasierenden Subkulturen der letzten 20 Jahre sterben aus, und auch wenn mich vermeintliche Hundertschaften auf Konzerten manchmal ablenken, so bin ich in angetrunkeneren Momenten wie diesem in der Bostoner Flughafenbar sicher, daß es doch nur eine bereits verblichene Phase unserer Leben ist, selbst wenn sie schon so lange dauert. Gestern las ich in einem Second Hand Buchladen in einem Buch über Drogenkonsum in Amerika, daß –aufgefächert nach Alter- die Generation, die im Schnitt die meisten Drogen probiert hat und auch immer noch konsumiert, die zwischen 30 und 45 ist. Der Konsum harter wie auch weicher Drogen unter amerikanischen Teenagern ist stark rückläufig, und irgendwie würde ich gerne dafür mal wahlweise Bill Clinton und Ray Cappo ins Gesicht spucken aber die können ja eigentlich auch nix dafür, daß fällt mir nur gerade so ein.

Daniel / Torsten

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