November 18th, 2015

Hip-Hop in Österreich (#53, 08-1995)

Posted in artikel by Jan

Zugegeben: Es ist kein leichtes Unterfangen, die österreichische HipHop-Geschichte aufzuarbeiten. Dies liegt nicht etwa an ihrer Dauer – die ersten relevanten Ansätze sind erst Anfang der 90er zu datieren – sondern an der noch fehlenden Übersichtlichkeit. So läßt sich die „Szene“ (ich hasse dieses Wort) im Wesentlichen auf zwei Zentren aufteilen, nämlich Linz und Wien, welche die einzigen Städte sind, in denen regelmäßig Jams und Konzerte stattfinden.

Insgesamt herrscht in Österreich eine große Vielfalt an musikalischen und reimtechnischen Stilen, gerappt wird immer öfter auf Deutsch, obwohl auch englischsprachiger Rap weiterhin von vielen Gruppen praktiziert wird. Interessant ist jedoch die Tatsache, daß in Österreich im Gegensatz zur BRD ruhigere und mehr an US-Gruppen angelehnte Sounds favorisiert werden, so ist uns keine einzige österreichische Britcore-orientierte Crew bekannt. Ein Grund dafür könnte daran liegen, daß einerseits englische Acts wie Gunshot, Hijack, Silver Bullet oder Blade, etc. um Österreich immer einen weiten Bogen machten, während sie in Deutschland auf Jams gefeiert wurden, andererseits erhielten diese Crews auch auf der einzigen österreichischen HipHop-Radiosendung Tribe Vibes von Werner Geier (früher auf Ö3, jetzt auf FM4) wenig bis kein Airplay. Oder ist daran die uns immer wieder zugeschriebene Gemütlichkeit schuld?

Egal, denn im Großen und Ganzen stimmt die musikalische Qualität und die Akteure sind um Eigenständigkeit bemüht.

Wie sieht es mit HipHop-Veröffentlichungen aus?

Die erste Ö-HipHop-Platte, die 1989 das Licht der Welt erblickte, haben wir den Urvätern der Szene zu verdanken: Sugar Bee, DJ DSL, Mickey Kodak, PM 2 the K und anderen, die „the Moreaus“ bildeten. War diese Lp zwar ein Verkaufsflop, so ließen sie sich davon nicht entmutigen, sondern sind glücklicherweise weiterhin egal ob im Radio – Sugar Bee im Swound Park Radio, DSL auf Tribe Vibes als immer noch bester DJ Österreichs (Europas?) und Mickey Kodak mit seinem Rebel Radio (Raggamuffin)- oder als Musiker- PM 2 the K ist Teil der Acid-HipHop-Crew Kruder und Dorfmeister- aktiv. Die nächste wichtige Station war der „Austrian Flavors“-Sampler im Jahr 1991 mit Titeln von Total Chaos aus Inns-bruck/Tirol, Compact Phunction aus Gmun-den/OÖ und Strong Force aus Wien. Dieser Platte ging ein von Tribe Vibes initiierter Wettbewerb voraus, bei dem damals immerhin Pete Rock und Cl Smooth der Jury angehörten. Erscheinen die Nummern, die alle englisch gerappt sind, heutzutage zwar etwas lahm und amateurhaft, so war „Austrian Flavors“ sicherlich ein wichtiger Schritt, die über ganz Österreich verteilten Gruppen zu sondieren und ein Exempel zu statuieren, daß HipHop auch in unseren Breiten existiert.

Nachdem die nächsten zwei Jahre eher durch Entwicklungslosigkeit gekennzeichnet waren, so stellte dann 1993/94 eine entscheidende Wende für die österreichische Szene dar: Die Gründung der in Wien ansässigen HipHop-Labels Uptight und Duck Squad Platten. Das von Werner Geier und Rodney Hunter Uptight-Label repräsentiert hierbei sicherlich die internationalere Variante der beiden, so machten sie sich einen Namen mit Remixes für Gravediggaz, Doug E. Fresh, Willie OneBlood und dem kleinen Hit „Boundaries“ von HipHopFinger/Leena Conquest.

Auf anderen Grundsätzen basiert das von Christoph Weiß gegründete Duck Squad Platten-Label. War es zuerst eigentlich als Hauslabel der aus Gainful Gallivants und Illegal Movement entstandenen Schönheitsfeler gedacht, die darauf auch Anfang 94 die vielbeachtete und wirklich ausgezeichnete erste Ep „Broj Jedan“ veröffentlichten, so wurde es mittlerweile zum wichtigsten Eckpfeiler österreichischer HipHop-Kultur. So erschienen in selbigem Jahr noch „da fifth dimension“ von Illegal Movement, eine empfehlenswerte Produktion mit fetten Beats von DJ Masta Huda und englischen Lyrics von CM Flex, die leider mit dem hohen musikalischen Niveau der Lp nicht mithalten können, und der Untergrund Poeten-Maxi „Umstritten wie noch nie“, die durch dopebeats von XL Rab, einem anderen excellenten Wiener Producer, hervorsticht. 1994 war außerdem gekennzeichnet durch ein stetiges Wachsen der Wiener und auch Linzer HipHop-Community.

Stieg einerseits die Anzahl größerer Jams z.B. im Wiener B.a.c.h. und vor allem in der Linzer  KAPU, wo auch deutsche Gruppen wie Main Concept, MC Rene, Karakan, da Germ, Asiatic Warriors, da Blumentopf und viele mehr sich die Klinke in die Hand gaben, so entstanden andererseits auch viele neue Crews, die die Szene erweiterten. In Wien gehören dazu noch, abgesehen von den vorhergenannten, Luv Lite, einer zwar mehr der Raggamuffin und R`n`B Sparte zurechenbaren Gruppe, Die Anderen, die einzige österreichische Crew mit einer weiblichen Rapperin, den Pirates of Music, den englischrappenden Sons of Doom, die übrigens auf Ariola eine Maxi namens „I`m Chillin`“ veröffentlichten, und dem Dampfenden Ei. Letztere bestehen aus dem Wiener Schönheitsfeler MC Marimba, DJ Cut-Ex und MC Skero, einem Rapper der Linzer Formation Texta, was uns auch schon nach der Stahlstadt bringt.

Linz bietet im Vergleich für seine Größe eine erstaunlich breite Auswahl an Gruppen und B-Boys und könnte unserer Meinung nach Wien als HipHop Hauptstadt bald ablösen. Bekanntester Act sind zweifelslos Texta, bestehend aus vier MC`s und einem DJ, die mit groovigen Sounds und einer verrückten Bühnenshow bereits für viel Beachtung gesorgt haben.

Nicht weniger verrückt, vor allem in ihren Texten, präsentieren sich Waiszbrohd aus Linz Süd, deren Instrumentals aus der Beatküche von Texta MC & Producer Flip stammen sowie weiters die ambitionierten CRB, deren Augenmerk einem eher härteren und düsterem Sound gilt. Linz besitzt außerdem noch eine HipHop-Metal-Crossover-band namens H-Ant Orange, die Vergleiche mit Gruppen ähnlicher Zielrichtung keineswegs scheuen muß.

Interessanterweise haben sich in keinen anderen Städten Österreichs ähnliche Entwicklungen ergeben, andere wichtige Crews sind nur noch die schon länger existenten Total Chaos, die sich mittlererweile dem Deutschen zugewandt haben und die Gmundner Compact Phunktion.

1995 wird wohl das Jahr der bisher meisten österreichischen Veröffentlichungen werden, so wird Duck Squad allein im Halbjahr 95 fünf Platten herausbringen, nämlich eine zweite Schönheitsfeler Ep, die Texta Ep „Geschmeidig“ (eine der längsten Ep`s mit 42 min Spielzeit), die Total Chaos Ep „Überregional“, die Dampfendes Ei Lp „Naturwaach“, und ein Duck Squad Sampler namens „Das Gelbe vom Ei“, der als einzige Ausnahme in CD-Format erhältlich sein wird, so better watch out!

Wie sich die einzelnen Gruppen in Zukunft durchsetzen werden, wird sich zeigen. Öster-reich besitzt jedenfalls ein großes Potential an MC´s, DJ´s und Produzenten, wobei zu hoffen ist, daß die Entwicklung in Österreich nicht stagnieren wird, sondern dem bisherigen Trend folgt.

Es ist viel drin, alles ist möglich.

Text:  Harald „Huckey“ Renner & Philipp Kroll

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