Mai 28th, 2019

HEARTFIRST RECORDS (#123, 2007 )

Posted in interview by Jan

Flo ist schon seit Jahren aktiv im Bereich Hardcore Punk, hat ab 1985 bis 1989 beim Bonzen Fanzine mit gemacht, einen Plattenvertrieb namens Distributje Bonzki 1985 bis 1989, spielte 1986 bis 1989 Bass bei SQUANDERED MESSAGE, spielte bei den KRISHNA SURFERS und war immer wieder unterwegs mit Bands, so zum Beispiel als Tourmanager für SNUFF und ALICE DONUT. Label Erfahrungen sammelte Flo, als sein Mitbewohner Bonzen Records, eine Umsetzung der Ideen des Bonzen Fanzines, startete. Im Gegensatz zu Bonzen Records sollte HeartFirst Records nur 7 Inches veröffentlichen, da Flo dies auch immer noch als ideales Format für Hardcore Punk sieht.

Zu HeartFirst gibt es nun seit kurzem auch das neue Label Norwegian Leather, auf dem nach und nach einige gute alte Bands aus Norwegen mit Liebe wieder veröffentlicht werden. Eine SO MUCH HATE LP ist in den Startlöchern und eine BANNYLIST LP sowie wohl etwas von SVART FRAMTID werden in Zukunft folgen.

Wer schon einmal Interviews gelesen hat, in denen Flo Helmchen befragt wurde, der wird vielleicht festgestellt haben, dass Flo quasi gar keine derzeit aktiven deutschen Fanzines mag. Als ehemaliger Fanzine Macher hat er da seine Vorstellungen, die heute nicht mehr erfüllt werden. So ist es natürlich schwer, ohne Kritik davon zu kommen, haha.

Du bist schon eine Weile dabei – also Stichwort Geschichte des TRUSTs. Was fällt Dir denn zur Geschichte des TRUSTs ein, das Du loswerden möchtest?
Die vier Ur-TRUST-Macher (oder muss ich Anne und Mitch dazurechnen? Sorry Anne und Mitch) gehörten damals zur Speerspitze der deutschen Hardcore Punk-Szene, die neue Akzente setzte und sich dafür von vielen als „Stirnbandwixer„ beschimpfen lassen musste. Sie brachten mit vielen anderen zusammen frischen Wind in die Sache, sorgten dafür, dass auch in der Provinz richtig was ging, und hatten eine enge Vernetzung mit den Europäischen Städten, wo was los war, z.B. Holland oder Norditalien. Fast alle spielten auch in guten Bands. Das ganze fand ich sehr sympathisch, aber ich und meine Kumpels in Berlin wollten gerne Unity-mäßig Nietenkaiser und Stirnbandwixer gleichzeitig sein, also „Stirnbandnieten„ sozusagen.

Da war die Trennung nicht so vorhanden Damals fanden wir das biedere Layout und das regelmäßige Erscheinen vom TRUST doof, weil das nicht kreativitätsfördernd war. Wir hatten unser eigenes Fanzine, welches ein wildes Layout hatte und absolut unzuverlässig und unregelmäßig erschien; und dann gar nicht mehr. Als Forum war das TRUST sehr wichtig am Anfang. Beim TRUST-Zine beeindruckt mich total, mit welchem Durchhaltewillen das Heft seit so langer Zeit regelmäßig erscheint, da kann ich nur den Hut ziehen. Leider hat das aktuelle TRUST nicht mehr viel mit den Idealen von früher gemein, es ist so ein beliebiger Gemischtwarenladen, betrieben von einigen alten Säcken (das ist nicht negativ gemeint, bin selber einer) und einigen aufstrebenden Schülerzeitungsschreiberlingen. Bis vor ein paar Monaten hätte ich gesagt, dass man mit Heft 8 hätte aufhören können.

Aber als ich neulich nach alten Interviews in Sachen SO MUCH HATE gesucht habe, musste ich feststellen, dass es noch bis knapp über Nummer 20 für mich interessante Sachen im Heft gab. Besonders das Einsteigen auf die Grunge-Nummer in den 90ern fand ich bedenklich damals. Außerdem gab es glaube ich auch mal Anzeigen von Majors im Heft. In den letzten 15 Jahren habe ich niemanden getroffen, der zugibt, das TRUST zu kaufen, ich kenne deutlich mehr Leute, die dafür schreiben. TRUST-Schreiber zu sein, ist wohl nicht leicht. Von den Punks wird man ausgelacht, weil es in den 1990ern so ein Indie-Heft wurde, von den INTRO-Lesern wird man ignoriert, weil in der INTRO mehr über das ursympathische GRAND HOTEL VAN CLEEF-Label drinsteht, das Blatt bunt ist und ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis. Sonst fällt mir (auch für alle TRUST-Mitarbeiter) als Geschichtsstunde und Wissensauffrischung das Zündfunk-Interview von Dolf ausm Bayrischen Rundfunk ein. Das ist ca. von 1987 und sehr lehrreich.
Dann zu HeartFirst Records, Deinem Label. Vor gar nicht allzu langer Zeit war ich auf der HeartFirst Homepage und mir ist da zum ersten mal aufgefallen, dass dort „16 jahre sind eigentlich genug„ steht. 16 Jahre – hat HeartFirst Dein Leben stark verändert bzw. noch immer einen starken Einfluss auf Dein Leben und ist der Zeitaufwand nicht riesig?
Im Juni 2007 sind es dann 17 Jahre. Das Label hat mein Leben einerseits nicht so stark verändert, denn ich würde viele Sachen auch ohne das Label machen, denn ich habe seit den mittleren 1980ern Zines, Plattenvertrieb, Bands und Touren gemacht. Andererseits habe ich sehr viele Leute durch das Label dann erst kennen gelernt, mit denen ich auch heute noch viel mache. Manchmal ist es extrem viel Arbeit – vor allem, wenn Dinge unter Zeitdruck passieren müssen, z.B. wenn eine Band auf Tour geht und die Platte bis dahin fertig werden muss. Da HeartFirst ein kleines Label ist und von Anfang an nicht darauf angelegt war, zu wachsen, im Sinn von LP-Veröffentlichungen oder dem Anspruch, auch Geld aus dem Ding zu ziehen, ist es aber trotzdem eine Sache, die recht übersichtlich geblieben ist. Nachdem eine Platte fertig produziert ist und somit der kreative Part vorbei ist, fängt die Vertriebsarbeit an. Ich schulde es den Bands, dass ich ihren Kram auch weltweit effizient DIY-style unter die Leute bringe, auch wenn dieser Teil der Labelarbeit nicht so spannend ist. Pakete packen und auf der Post anstehen sind nicht die Highlights im Leben eines Labelmenschen. Wenn es irgendwann insgesamt mal keinen Spaß mehr macht, würde ich sehr schnell damit aufhören.
Das ist verständlich. Ich würde gerne wissen, warum Du den Namen „Deutschland In Decline„ für den letzten Sampler gewählt hast? Hat das einen aktuellen politischen Bezug?
Der Name ist eine plumpe Adaption von anderen Samplern, „Japan in Decline„ und „South America in Decline„. Ich wollte einen Namen, der auch im Ausland funktioniert und ein bisschen mit den Sprachen spielt. Der Sampler enthält bei Gestaltung und Inhalt einige Zitate aus der 1980er-Punk-Geschichte. Einige alte Säcke erkennen die vielleicht. Aktueller politischer Bezug: Dass unser „Vaterland„ tatsächlich auf dem absteigenden Ast ist, ist ja offensichtlich, wirtschaftlich geht es gerade für einige Menschen wieder bergauf, aber es gibt auch immer mehr, die total resigniert haben. Im Niedergang ist definitiv auch die verbliebene Restintelligenz hierzulande und die Verblödung und Ignoranz der Massen erreicht immer neue Rekordwerte.
So ist es wohl, ja. Für mich passt der Name des Samplers ganz gut zu dem ganzen Du bist Deutschland etc. Gefühl, was besonders bei der WM echt nervte. Ich habe ein wenig nach diesen Six Weeks Samplern gesucht und festgestellt, eine „Europe in Decline„ 12″ gibt es auch, nett. Von den darauf enthaltenen Bands kenne ich keine einzige. Ist die Platte zu empfehlen?
Naja, es ist ja schon länger so, dass die Marke „Deutschland„ bei uns wieder als hip installiert wird, schon seit ein paar Jahren und nicht erst der bekloppten „Du bist Deutschland„-Kampagne. Der Höhepunkt war dann die WM 2006, und durch den Sönke-Wortmann-Film wurde dann die Sau nochmal durchs Dorf getrieben. Dasselbe Phänomen gab es dann nochmal in klein bei der Handball-WM (ich habe früher selber acht Jahre lang Handball gespielt). Die schwarzweißgoldenen Fähnchenschwenker und Gesichtsanmaler während der Fussball-WM waren wahrscheinlich genauso wenig richtige Nationalisten wie sie echte Fussballfans waren.

Es ging um den krawallmäßigen Wunsch, mal wieder Party zu machen, ohne zum Ballermann fliegen zu müssen. Gepaart damit, dass man sich nicht immer schuldig fühlen musste, dass Opa die jüdischen Nachbarn verraten hat, um an das wertvolle Porzellan in deren Wohnung zu kommen. Während der WM mit einem wackligen, in China gefertigten Deutschland-Wimpel mit komisch aussehendem Bundesadler am Auto rumzufahren, finde ich nicht besonders nationalistisch. Mehr beeindruckt wäre ich, wenn jemand mit einem Deutschland-Shirt in eine Hafenarbeiterkneipe in Rotterdam reingeht. Wie auch immer, ich mache bei deren Deutschland nicht mit. Auch die golden angestrichene und parfümierte Scheiße bleibt eben was sie ist… Das Denken in Kategorien von „Land„ oder gar „Volk„ ist nichts für mich.  Zum Sampler: Die meisten 6 WEEKS-Sampler sind nicht besonders gut. Da ist viel Schrott drauf, die Qualität schwankt stark. Auf dem „Europe in Decline„-Sampler sind aber ein paar gute Bands z.B. Mrtva Budoucnost aus Tschechien und Jobbykrust aus Nordirland. An einzelne Lieder kann ich mich jetzt aber auch nicht erinnern.
Gut, danke. Ich werde mal meine Fühler ausstrecken, um zu sehen, ob ich noch den einen oder anderen der Sampler bekommen kann. Du hast vergessen, dass wir ja Papst und mittlerweile auch Oscar (wie Frau Merkel das, glaube ich, stolz fest stellte) sind! Ach, wo der Wimpel produziert wurde interessiert wohl die wenigsten der Käufer, also ist das für die bestimmt schon nationalistisch – außerdem macht das ja jeder und sie denken sich: warum nicht auch ich? Hier in Trier haben einige Deutsche die Italiener aus der Eisdiele durch die Fußgängerzone gehetzt. Es gab Festnahmen etc. aber natürlich hat niemand angefangen.
Jaja, wir sind schon sehr viel mittlerweile. So kann sich auch das kleine Nichts in der vollgepissten Jogginghose im Plattenbau was drauf einbilden, zufällig hier geboren worden zu sein. Ich finde schon, dass bei den Wimpel deutsche Wertarbeit wichtig ist und Billigprodukten aus Fernost vorgezogen werden sollten, hihi. Das erinnert mich nebenbei auch an den Fabrikanten ausm Osten, der US-Flaggen zum Verbrennen herstellte für die arabische Welt. Ein zukunftssicherer Markt das. Fussball-WM ist nur alle vier Jahre. Das mit den Italienern in der Fussgängerzone geht natürlich gar nicht. Haben die Leute keinen Respekt mehr für die ehemaligen Achsenmächten?
Haha, ok. Nochmal zu „Deutschland in decline„ zurück. Vielleicht mache ich mich damit nun lächerlich aber ich komme nicht dahinter, was mit „gegen deutschland – bleibt fahren„ gemeint ist. Kannst Du mir das erklären?
Auch dies ist ein Zitat aus der Punk-Vergangenheit, das war so Punk-Sprech. Das Stichwort ist PANDEMONIUM.
Was ist denn Sprech-Punk? Also, ich kanns mir denken, habe den Ausdruck allerdings noch nie gehört. Pandemonium Records – das Label?
Kenne ich nicht. Nein, die holländische Hardcore-Punk-Band aus den 1980ern. Die hatten Platten/Lieder á la „Wir fahren gegen Nazis„, „Wir fahren gegen Dreck„ Außerdem gab es zu derselben Zeit aus dem besetzten Haus in Hengelo den Sampler „Babylon: Bleibt fahren„. Damals wurde also recht viel gefahren, haha.
Das Spielen mit Zitaten und der Hardcore/Punk Vergangenheit gefällt mir ganz gut – aber das ist doch etwas schwierig für diejenigen, die nicht schon seit mindestens 15 Jahren oder länger die Musik hören.
Tja, haste Recht, aber ist mir scheißegal. Bei den Simpsons verstehen ja die Achtjährigen vorm Fernseher auch nicht die zig Anspielungen auf alte Filme und haben trotzdem Spaß. Ist ein netter Bonus, aber nicht wirklich unentbehrlich wichtig.
Gut, etwas anderes: Du hast ganz neu ein zweites Label namens Norwegian Leather, auf dem Du alte norwegische Hardcore-Punk Platten wieder veröffentlichen möchtest. Ich habe schnell in Google nach der Homepage gesucht und bin gleich auf eine Firma gestoßen, die Hundetaschen namens Norwegian Leather mit dem kleinen Zusatz „Dog Career„ produziert – aber das nur so. Als erster Re-Release ist die auf Norwegian Leather die klasse So Much Hate „How We Feel„ (1987) LP geplant. Ist die schon draußen und warum das Label?
Das mit den Hundetaschen ist ja super – das kannte ich noch nicht. Die Domain heartfirst.com gehörte früher einem baptistischen Herzhospital in Amiland. Den Labelnamen und die Domain www.norwegianleather.com besitze ich seit ca. 6 Jahren. Also auch schon lange vor „Scandinavian Leather„ von TURBONEGRO. Die Idee hinter dem Label ist, ein paar alte Klassiker aus Norwegen wieder rauszubringen, weil die norwegischen Punkbands relativ unbekannt sind im Vergleich zu den Schweden und Finnen. Viele der ex-Bandmitglieder sind meine Freunde und so ist es wirklich mal an der Zeit, die Sachen offiziell wieder rauszubringen. Die SO MUCH HATE – „How We Feel„ LP ist jetzt endlich erscheinen. Neulich habe ich den ersten Teil der Platten persönlich nach Oslo gebracht, um den Ex-Bandmitgliedern und ein paar Vertrieben welche zu geben. Leider konnte ich nicht so viele tragen, ich hätte locker 100 Stück an einem Wochenende an Leute und Wiederverkäufer loswerden können. Die Erstpressung von 700 ist bei Erscheinen schon ausverkauft. Allerdings ist das nicht so beeindruckend, wenn man bedenkt, dass ich ja schon sehr lange Vorbestellungen gesammelt habe und schon ewig die einschlägigen Norwegen-Spezialisten in der ganzen Welt kenne.
Das ist aber auch ein netter Homepage Name für ein baptistisches Herzhospital, super. Wenn die Anzahl Turbojugenden weiter so ansteigt, musst Du Dir dank Deiner www.norwegianleather.com-Adresse eventuell keine Sorge mehr um Deine Rente machen, haha. Naja, ich freue mich jedenfalls auf die So Much Hate LP.
Ich glaube, die Turbojugenden haben heute fast nur noch Karteileichen drin. Da scheint sich nicht mehr so viel zu tun. Und besser isses auch. Nichts war für frühe Fans der Band so schlimm, wie zu sehen was für Honks mit der Zeit in der Fankluft rumliefen. Aber einige Leute haben sich daran finanziell gesundgestoßen, das tote Pferd wurde mehrmals lukrativ zu Tode geritten. Ich bin allerdings am Pushen der Leather-Jugend, oder gleich Lederjugend. Leute in Lederhosen und mit Norwegerpullovern. Könnt Ihr demnächst alles auf meiner Website bestellen.
Also in Trier kommt mir das derzeit ganz anders vor. Hier gibt es eine TJ Party nach der anderen und überall laufen die Kutten rum. Gut, hier kommen Trends ja gerne mal etwas später an. Super, das mit deiner Norwegen-Kollektion. Ich könnte ja Modeln, wenn Du noch Bilder dafür brauchst, haha. Wie kommt eigentlich Deine starke Fixierung auf Norwegen? Ist es ganz einfach so, dass Deiner Meinung nach von den skandinavischen Ländern hauptsächlich Norwegen guten und vielleicht auch zu sehr unterschätzten Hardcore Punk machen oder hat das andere Gründe, wie zum Beispiel, dass Du eben mit der Zeit dort sehr viele Freunde aus alten Bands gewonnen hast?
Cool, dass in Trier was geht. Vielleicht entdecken Leute demnächst sogar AC/DC oder die NEW YORK DOLLS. Es kommen viele Gründe zusammen für meine Norwegen-Faszination über die Jahre. Es stimmt, dass norwegische Bands im Vergleich zu Finnen und vor allem Schweden nicht so bekannt sind. Aber es gibt einen ganz charakteristischen Sound dort. Mit dem ersten Riff kann ich eine typische Norwegen-Punkband erkennen. Hauptgrund für meine Norwegen-Begeisterung in den 1980ern war, dass Oslo für mich damals die ideale Punkszene hatte. Die Leute waren politisch und wussten trotzdem ordentlich Spass zu haben. Die Musik war nicht wirklich direkt von UK- oder Ami-Punk beeinflusst, sondern eine eigene Mischung. Und die Leute wollten vor allem die eigenen Bands hören . Der Frauenanteil unter den Aktivisten dort war sehr hoch (was eine Folge davon ist, wenn eine Szene viel Substanz und Intelligenz hat).

Es gab diverse Squats und natürlich auch das legendäre BLITZ, das es ja immer noch gibt. In dem Haus gab es zu seiner Blütezeit Vokü, Konzerte, einen Infoladen und eine Radiostation, die nur von Frauen gemacht wurde. Vor allem aber ist die Mentalität und der Humor vieler Leute in Norwegen total super, da habe ich mich in ganz viele Leute verliebt. Mit meinen Freunden war ich auf super Konzerten von deren Bands, wir hatten gute Partys, haben uns mit Nazis gekloppt, und heute spiele ich mit deren Kindern (wobei die teilweise auch schon fast 20 sind).

Heute bei den jungen Aktivisten ist das aber wieder etwas anders, obwohl es wieder viele aktive Punks aus der neuen Generation gibt. Seit den 1980ern wandelte sich Norwegen von einem Land der Bauern und Fischer am Rande Europas aufgrund der Ölvorkommen zu einem Land mit vielen reichen Schnöseln. Und Geld verdirbt ja bekanntlich den Charakter. Da gibt es heute viele angesagte Bands, die so modernen Sound auf hohem Niveau spielen, die langweilen mich kolossal, weil sie nichts Spezielles und Originelles an sich haben, die könnten auch aus Amiland sein. Bands wie AMULET, RIFU, GLUECIFER, JR EWING, THE SPECTACLE, DEATH IS NOT GLAMOUROUS und die ganzen Straightedege-Witzbands wie SPORTSWEAR. Die sind schön und gut, aber für mich total gesichtslos vom Stil her – und meist auch von den Personen her. Was diese Bands aber sympathisch macht, ist dass die die alten Norweger-Bands meist kennen und abkulten.

In Deutschland würde wohl eine aktuelle Screamo-Band kaum HOSTAGES OF AYATOLLAH oder S.O.S. super finden (oder überhaupt kennen). Im Moment fehlt in Norwegen aber eine Hammerband, die coole Leute sind und den alten Sound in moderner Version spielen. KOLOKOL könnten das vielleicht sein, die stellen sich aber mit ihren Platten und der Wahl der Labels nicht so clever an. Bin mal gespannt, wie es weitergeht. Im Moment geht jedenfalls wieder einiges, z.B. in Oslo und Bands wie 2:20, HEVN etc. sind wieder auf dem richtigen Weg für meinen Geschmack. Achso, und nicht zu vergessen: Norwegen hat die schönste Natur in Europa.
Verstehe. Viele Gründe, Zeit in Norwegen zu verbringen. Amulet usw. gehen natürlich gar nicht. Aber das mit der Szene dort oben in den 80ern klingt sehr spannend. Nostalgisch wird es ja dann, wenn wir wieder zu Deinen anderen Label zurück kommen. Du bist mit Scandinavian Leather momentan sicherlich ordentlich beschäftigt. Erzähl mal von dem Fanzine, dass bei der So Much Hate LP (Scandinavian Leather) dabei sein wird. Wie kam die Idee, was wird das genau und wie wird das aussehen? Wird das so eine Art Biografie mit Texten verschiedener Kenner und Weggefährten zu So Much Hate?
Mich kotzen viele lieblose Wiederveröffentlichungen und vor allem Bootlegs total an. Denen sieht man an, dass nicht wirklich ein Fan der Band sie gemacht hat, sondern dass eher risikolose Refinanzierung im Vordergrund stand, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die Bedeutung, die SO MUCH HATE gerade am Anfang für Punk in Europa durch ständiges Touren hatten, kann man Leuten heute kaum noch vermitteln, es haben sich damals jahrzehntelange Freundschaften mit Leuten in Hamburg, Karlsruhe und Berlin entwickelt. Mit dem Fanzine will ich das dennoch ein bisschen versuchen.

Von SO MUCH HATE gab es in fast allen relevanten Fanzines gute Interviews, die Band hat sich den Arsch abgespielt in ganz Europa und die haben mit so vielen Bands zusammen gespielt und diese sehr beeindruckt, neben zig Hardcore Punk Bands auch Bands wie NOTWIST, FUGAZI und ich habe sie mit GREEN DAY als Vorband in Hamburg im Störtebeker gesehen. Leider hat ja die Amitour 1988 nicht geklappt, weil Gunnar der Sänger nicht einreisen durfte. Vor allem in ihrer Frühphase kam die Band meiner Idealvorstellung von Hardcore Punk sehr nahe. Viele meiner alten FreundInnen sehen das ähnlich. Die Platten bringen die Power der Band aber leider nicht wirklich rüber. Das Fanzine soll die Frühphase der Band dokumentieren und alte Interviews und Hintergrundinfos zur Platte zusammenfassen.

Das ist aber nicht richtig dick (nur 8 Seiten) und ich werds auch nur den ersten paar hundert beilegen und die Infos danach online stellen. Ich hätte noch viel mehr Leute fragen können, was zu schreiben, aber leider haben es einige Leute nicht so mit Schreiben allgemein. Andere, die häufig gute Sachen schreiben, haben meist keine Zeit. Und das Ding musste jetzt endlich mal rauskommen. Irgendwann wird es ein gutes Buch zum Thema (aus Norwegen) geben, wie es ja z.B. die Italiener vor einiger Zeit gemacht haben mit diversen Büchern.
Tja, das mit SO MUCH HATE in den 80ern war natürlich vor meiner Zeit. Gerätst Du gerne mal etwas ins Schwärmen, wenn Du daran zurück denkst? Ich würde das sicherlich, hätte ich das miterlebt. Ach, warum durfte Gunnar eigentlich nicht in die USA einreisen?
Er hatte eine unbedeutende Vorstrafe. Schon damals waren die Behörden gut vernetzt und haben ihn am Flughafen von Toronto bei der Einreise rausgefischt. Die Einreise nach Amiland war auf dem Landweg geplant. Das es direkt in die USA nix werden konnte, war schon vorher klar. Er konnte dann grade für ein paar Stunden in die Innenstadt von Toronto fahren und musste dann in den nächsten Flieger in die Heimat. Sowas hat dann auch immer ein langjähriges Einreiseverbot zur Folge glaube ich.
Kannst Du eigentlich norsk?
Ein bisschen, lesen kann ich gut, verstehen geht einigermaßen, sprechen könnte besser sein. In Norwegen hat jedes Dorf einen eigenen Akzent und einige nuscheln stark. Am besten kann ich Nordnorwegischen Akzent verstehen. Außerdem gibt es genaugenommen in Norwegen zwei Sprachen, Bokmål und Nynorsk.
In einem Interview hast Du mal gesagt, dass Metal eine „bis auf wenige Ausnahmen nicht ernst zu nehmende Musikform„ ist. Den Rest vom Zitat spare ich mir. Welche Ausnahmen hättest Du denn anzubieten?
Ich will hier jetzt keine Metalbands empfehlen. In meiner Top-500 wäre wahrscheinlich nur eine Metalplatte. Ich besitze gar nicht wenige Metalplatten, aber eher würde ich über 499 tolle Punkbands sprechen.
Ich auch, deshalb zu anderen Fragen: Du machst ja gerne die erste(n) Scheibe(n) von Bands und das nun seit einigen Jahren. Ist das nicht schwer, weiterhin gute Bands für dein Label zu finden – auch deshalb, da Demoeinsendungen ausdrücklich unerwünscht sind – oder ist das ganz einfach so, dass in den Bands immer wieder Leute mitspielen, die Du schon kennst?
Wenn eine Band über das Demostadium hinaus ist, dann ist die erste 7″ häufig der beste Output, weil eine Hardcore Punk Band dann am meisten Energie und Enthusiasmus hat. Darum sind die besten Platten aus den 1980ern 7″ EPs. Das mit den Debüt-EPs ist nicht leicht durchzuhalten als Konzept, aber in letzter Zeit mache ich auch häufiger die letzte Platte von Bands – z.B. von BOXED IN oder TOAMOL, die sich schnell nach meiner EP aufgelöst haben. Die BURIAL-EP war ja auch die dritte Platte von denen. Ich gehe schon lange auf Konzerte und habe bei Zines wie THE BONZEN, PLOT etc. mitgemacht, daher kenne ich schon einige Leute in Bands und da ergibt sich immer mal wieder was Neues. Und wenn nicht, dann macht das Label halt mal eine Pause. Die Bands können sich ja aussuchen, wo sie Platten machen wollen. Ich will mich nicht aufdrängen. Es gibt schon genug mittelgroße Labels, die das in Vollzeit machen und den heißen Bands weltweit hinterher hecheln. Der Strom von Veröffentlichungen darf da nicht versiegen, um denen den Umsatz zu sichern. Bei dem Rennen mache ich aber nicht mit. Es ist schon witzig mitzukriegen, wie vor allem bestimmte größere US-Labels den Bands Angebote unterbreiten.
Aber so ein Angebot größerer US-Labels stelle ich mir jetzt gar nicht besonders reizvoll vor, denn wirklich Geld verdienen oder gar davon Leben dürfte doch ohnehin keine einzige der auf Deinem Label erschienenen Bands und da nützt auch das Label nicht viel. Oder sehe ich das falsch?
Naja, größere Labels habe ich hier vielleicht nicht genug definiert. Ich meine Labels größer als HeartFirst – also eigentlich fast alle –, die dann auch LPs (oder CDs) machen und nen organisierten Vertrieb haben, um den sie sich nicht unbedingt selber kümmern. Labels wie PRANK, HAVOC, HARDCORE HOLOCAUST (dieser Name!) oder DERANGED sind ordentlich am Bandshoppen rund um den Globus, da spielt Freundschaft und persönliche Beziehung manchmal keine so große Rolle. Die Labels müssen pro Jahr eine bestimmte Anzahl von LPs machen, damit der Laden einigermaßen läuft. Wirklich Geld machen die aber alle nicht, einige können einigermaßen überleben, wenn sie wenig Geld zum täglichen Leben brauchen. Für ne Band ist es evtl. schon reizvoll, in Amiland was rauszubringen. Geld kommt dabei nicht rum, aber einige Bands träumen davon, da mal auf Tour zu gehen, was im Moment für Eurobands relativ leicht ist.
Springt bei den Verkäufen der HeartFirst Platten eigentlich in der Regel genug raus, um damit jeweils die nächste Platte zu machen, wird das so Null auf Null plus viel Arbeit oder legst Du sogar öfter mal drauf?
Grade bei ordentlich produzierten 7″ EPs liegt die Gewinnschwelle bei um 1000 verkauften. Du schaffst heute i.d.R. nicht mal 500, wenn die Band nach Erscheinen der Platte nicht viel live spielt, auch im Ausland. Eine Platte ist meist eher ein Verlustgeschäft, bei einigen Platten geht aber über ca. 3-5 Jahre noch was, dadurch kann schonmal ein kleines Plus erreicht werden. Die meisten Bands in Deutschland legen auch drauf, wenn sie live spielen, – zumindest, wenn Du die Kosten für Equipment auch mitrechnest. Warum sollte es dem Label anders ergehen. Die meisten größeren Labels, die echtes Geld verdienen, langweilen mich zu Tode vom Programm her. Wenn Du Dir Liveaufnahmen von alten Hardcore-Punk-Klassikerbands aus den frühen 80ern ansiehst, siehst Du meist deutlich weniger als 100 Leute im Publikum. Die Bands konnten sich am Anfang nicht vorstellen, dass jemals 500 Leute ihre Singles kaufen würden. Da wäre es doch komisch, wenn das heute in DIY-Punk anders wäre. Wobei ich eigentlich die alten Klassiker mit den neuen Bands nicht wirklich vergleichen will.
Ist das Interesse an Bands dort derzeit so groß oder was denkst Du, warum das momentan relativ leicht machbar ist? Würde Gunnar von SO MUCH HATE heute wohl einreisen dürfen?
Das ist eine gute Frage und ich bin mir nicht sicher. Es gibt einige Labelmacher in USA, die das Euro-Zeug seit Jahren pushen und was von weiter weg ist, hat immer eine besondere Faszination für die Menschen. Während in Deutschland dieselben Mechanismen, die USA-Mainstreamprodukte pushen, auch für Ami-Hardcore aktiv sind, haben viele junge Leute in USA eine idealisierende Vorstellung von Euro-HC aus den 80ern, dass der undergroundiger, politischer, besser und ehrlicher war. Das ist auch eine Reaktion auf die Popper-Scheiße, die in USA ja seit vielen Jahren dominiert, vor allem im Straighedge- Metal- oder Melodiecore-Bereich, wo es vor allem um buntes Vinyl und T-Shirts geht.
Ich glaube, dass Gunnar immer noch nicht einfach einreisen dürfte in die USA. Er würde wohl kein Visum kriegen. Kennst Du die Einreiseformulare mit Fragen a la „Waren Sie jemals Mitglied in einer kommunistischen Partei„, „sind sie HIV-positiv„ etc.? Aber wer weiß. SO MUCH HATE werden auf alle Fälle kaum in USA auf Tour gehen.
Gestern hörte ich in den Nachrichten von der Räumung des besetzten Hauses in Kopenhagen, Dänemark, welches schon seit Anfang der 80er Jahre besetzt war. Du hast sicherlich davon gehört. Dabei ist mir noch einmal bewusst geworden, dass ich so etwas – also besetzte Häuser – auf Grund meines Alters nie miterlebt habe. Hälst Du besetzte Häuser heute noch für einen wichtigen Bestandteil der „Szene“ (wenn das so gefragt werden kann)?
Na klar, in solchen Läden bin ich aufgewachsen und unterstütze sie auch heute noch wo es geht. Im Ungdomshuset habe ich 1987 auch schon gespielt und die Räumung ist sehr traurig. Immerhin haben die Leute deutlich gezeigt, was sie davon halten. Zum Ungdomshuset könnte ich jetzt sehr viel schreiben und Kopenhagen ist ein ganz spezielles Kapitel. In solchen Läden ist nicht alles super, aber sie sind ein unverzichtbarere Bestandteil von Punk wie ich ihn kennengelernt habe und wie er sein soll. Erst wenn diese Orte weg sind (und es werden immer weniger), dann wird einigen Leuten evtl. ein Licht aufgehen.

In Deutschland gibt es auch immer weniger solche Freiräume, wo Leute unkommerziell Sachen machen können, wo Musik, Politik und andere Infrastruktursachen wie Volksküchen, gemacht werden können. Wenn ich Touren heute mache, dann eigenlich nur in solchen Läden. Was mich ankotzt, ist dass viele Leute im Publikum, oder manchmal auch in Bands, solche Läden als selbstverständlich ansehen bzw. rummäkeln, wenn die Klos nicht sauber genug sind oder das Bier zu warm. Diese Orte existieren, weil sich Menschen den Arsch dafür aufgerissen haben in den letzten drei Jahrzehnten, sich engagiert haben und von den Bullen dafür auch mal ordentlich aufs Maul gekriegt haben bzw. ihr Besitz bei einer Durchsuchung oder Räumung zerstört wurde. Wenn ein Bulle mit nem Tonfa auf Deinen Plattenspieler eindrischt, dann geht er kaputt.
Gut, das wars dann wohl – außer Du hast noch etwas zu sagen?
Ich frage mich, wie wieder mehr junge Leute für DIY-Punk in Deutschland begeistert werden können. Es ist meist eine überalterte Veranstaltung (die aber trotzdem häufig cool ist). In anderen Ländern geht es ja auch, in Australien, Dänemark, Griechenland, Norwegen, Amiland geht z.B. wieder einiges ab in manchen Gegenden. Bei uns isses in einigen Orten zum Glück auch noch gut. Allgemein halte ich in Deutschland aber vieles, was sich Punk oder gar Hardcore nennt für einen totalen Witz. Die Zines sind meist lasch und arschkriecherisch etc. Viele Leute sind am klugscheißen auf Message Boards anstatt draußen was zu bewegen, Punkmusik wird von vielen nur als abstrakte MP3-Datei wahrgenommen oder als Retro-Ware, die auf Ebay gehandelt wird. Es muss alles wieder offensiver, kreativer und wilder werden. Let’s Get The Party Started!
Danke für das nette Interiew, Flo!

Interview: Andreas Lehnertz

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