Juli 4th, 2019

Gouge Away aus # 195, 2019

Posted in interview by Jan

Über das Rezept für Lieblingsplatten
Interview mit Gouge Away

Wann habt ihr das letzte Mal eine Band für Euch entdeckt? Eine, die Euch umhaut. Ihr hört die Platte rauf und runter. Sie ist Euer Soundtrack, wenn Ihr in der Abenddämmerung durch die Straßen zieht. Sie bringt Euch dazu, in lauen Sommernächten viel zu schnell mit dem Fahrrad nach Hause zu rasen. Oder im Auto den Refrain mitzubrüllen und dabei die Faust zu recken. Die Texte sprechen Euch aus dem Herzen und ihr könnt einfach nicht still sitzen, wenn Ihr sie hört. Die Musik bewegt Euch. Sie trifft einen Nerv – Euren Nerv. Wann ist es Euch das letzte Mal passiert?

Umso älter man wird und je mehr Hardcorejahre man auf dem Buckel hat, desto seltener passiert genau das. Irgendwann, das ist der natürliche Lauf der Dinge, legt man am liebsten die gleichen altbekannten Scheiben auf, die wie gute alte Freunde zum Leben dazugehören. Alles Neue wird in der eigenen Wahrnehmung immer mehr zum Aufguss des schon dagewesenen. Hat man alles schon mal gehört. Und mit der ein oder anderen musikalischen Entwicklung hält man nicht mehr mit. Nichts haut einen mehr um.

Als ich mich Ende Dezember 2018 im Feiertagsblues aus reiner Langeweile durch Best of-2018-Listen von solchen Bekannten durchkämpfte, deren Musikgeschmack ich durchaus vertraue, hatte ich eine Art Offenbarung. Es machte Klick. Der Funke sprang über und das Feuer war entfacht. Ich entdeckte eine Band für mich, die seitdem zu meinem Soundtrack geworden ist. Eine dieser Platten, die ich sicherlich auch noch in zehn Jahren auflegen werde, genauso, wie ich meinen besten Freund in der alten Heimat anrufe. Immer dann, wenn mich die Sehnsucht packt. Die Band heißt Gouge Away und die Platte Burnt Sugar.

Was ist das Rezept für eine Platte, die so etwas auszulösen vermag? Ich weiß es nicht genau, aber an dem Beispiel Burnt Sugar lässt sich eine Theorie entwickeln. Man nehme etwas Altvertrautes. In diesem Fall ist das der Gitarrensound der 90er – etwas Grunge, Post-Hardcore und eine gute Portion Rock. Und dann packe man etwas Eigenes dazu, in dem Fall der bewusst imperfekte halbgesprochen, halbgekreischte Gesang. Dazu kommen Texte, die direkt und ehrlich sind, wie ein Fausthieb.
Ich hatte die Gelegenheit Sängerin Christina Michelle und Drummer Tommy Cantwell für das Trust ein paar Fragen zu stellen. Lest selbst.

Euer aktuelles Album Burnt Sugar hat einen eigenen Sound. Es erinnert an den Sound der 90er. Warum glaubt ihr, ist das so? Geht ihr zu euren Wurzeln zurück als Kinder der 90er?
Christina: In den frühen Phasen des Schreibens von Burnt Sugar begannen wir eine Playlist zu erstellen, wo wir Musikideen miteinander teilen konnten, und es stellte sich heraus, dass wir einige Übereinstimmungen in unserem Geschmack hatten. Besonders Bands wie Unwound, Jesus Lizard und Nirvana. Ich denke, das hat uns wirklich geholfen, die Richtung, in die wir gehen wollten, zu finden.
Tommy: Wir alle lieben 90er-Punk und Hardcore, aber es war nicht unbedingt davon abgeleitet. Wir schöpften auch viel Inspiration von neueren Bands wie Comadre, Paint it Black und Ceremony. Ich denke, Musik zu schreiben mit der Du Dich wohl fühlst und vertraut bist hat einen natürlichen Reiz. Und das haben wir definitiv getan. Aber wir haben auch versucht, unserer Komfortzone zu verlassen und an Riffs und Arrangements zu denken, die für uns neu waren.
Die Songtexte auf Burnt Sugar sind sehr eindringlich. Einige von ihnen sprechen mir aus dem Herzen. Was ist die Geschichte hinter diesen Songs?
Christina: Danke! Die erste Textsammlung, die für Burnt Sugar geschrieben wurde, war für „Dissociation“. Ich hatte eine Episode, in der ich mich vor Tommy wirklich heftig dissoziierte und es jagte uns beiden Angst ein. Es war ein Weckruf, den ich wirklich brauchte um mich mit meiner eigenen psychischen Gesundheit auseinanderzusetzen und das, was mit mir los war nicht mehr zu ignorieren. Der Titel des Songs ist sehr direkt. Es ist genau das, worum es in dem Song geht. Das fing an, zum Leitmotiv zu werden, sich diesen Fragen der psychischen Gesundheit direkt zu stellen und damit offen umzugehen.

„Only Friend“ bezieht sich auf Paranoia. Es geht um meine Beziehung zur Angst und wie sie manchmal da ist um mich zu schützen. Aber wenn ich mich dann auf sie verlasse und ihr zu viel Raum gebe, hindert sie mich daran, ein normales und gesundes Leben zu führen. Während des gesamten Schreibens von Burnt Sugar begann meine Mutter, gesundheitliche Komplikationen zu haben. Sie hatte ein Problem mit ihrem Herzen, wurde aber ständig falsch diagnostiziert und nach Hause geschickt. Es gab eine Zeit, in der wir 3 Mal in 2 Tagen in die Notaufnahme mussten und niemand sie ernst nahm. Es stellte sich heraus, dass ihr Herz undicht war und sie operiert werden musste.

Es war ein sehr langwieriger Prozess, und es war wirklich schwer meine Mutter in diesem Zustand zu sehen. In meinen Augen ist sie jung und es ist wirklich schwer, sich Gedanken darüber machen zum müssen, sich auf einmal um seine Eltern kümmern zu müssen. Sie war immer die Person, die sich um mich gekümmert hat, nicht umgekehrt.

„Fed Up“ wurde an einem der Tage geschrieben, an denen ich das Krankenhaus verließ. Es wurde zur Routine für mich zurück zu ihrem Haus zu fahren und in meinem geparkten Auto vor ihrem Briefkasten zu heulen. Wenn ich an die Platte denke, denke ich an diese Songs, die die Richtung meines Schreibens geprägt haben. Alles führte dazu, sich selbst mehr über Dinge wie Hoffnungslosigkeit und Depressionen bewusst zu werden. Die Songs handeln mehr von meinem spezifischen mentalen Zustand in diesen Zeiten als von den Auslösern, die mich dorthin gebracht hat.
Lieder über negative Erfahrungen zu schreiben, hilft Dir das persönlich? Wie ist es, sie dann live zu spielen?
Christina: Es hilft mir definitiv, darüber zu schreiben. Ich weiß nicht wirklich, was ich sonst noch tun würde, weil ich zu feige bin, professionelle Hilfe zu bekommen. Diese Songs live zu spielen ist immer ein einzigartiges Erlebnis. Manchmal bringen sie mich zurück zu den Momenten, die mich veranlasst haben, sie zu schreiben. Und manchmal kann ich sie mit neuen Dingen in Verbindung bringen. Nachdem ich „Slow Drown“ ein paar Mal live gespielt habe, hat sich die Bedeutung des Songs für mich geändert. Als ich den Song schrieb, war ich müde, die ganze Zeit für Menschen da zu sein, die nie für mich da waren, wenn ich Hilfe brauchte. Aber nachdem das ein paar Monate lang geschmort hatte, fühlte ich mich, als sollte es weniger darum gehen, erschöpft zu sein, weil ich eine Hand leihe, als vielmehr darum, etwas von dieser Energie, die ich so leichtfertig hergebe, in mich selbst zu investieren.
Was war Eure Erfahrung nach der Veröffentlichung des letzten Albums? Was war die Resonanz und wie fühlte es sich an?
Tommy: Wir haben viele wirklich großartige Rückmeldungen erhalten, seit die Platte veröffentlicht wurde. Es ist schön, all die freundlichen Worte von Freunden und unbekannten Leuten zu hören. Es ist so schwer, nachdem man monatelang jeden Tag die Songs gespielt und gehört hat, weil man dann manchmal irgendwie nicht mehr weiß, ob sie gut sind oder nicht.

Christina: Wir haben die Songs zu diesem Zeitpunkt millionenfach gehört, so dass alles anfing, wie Brei zu klingen. Ich habe eine Weile wirklich mit mir gerungen zu checken, ob das alles gut war. Die Songs live zu spielen ist eine andere Erfahrung als die Platte zu hören. Und nachdem ich mir eine lange Pause von ihr gegönnt habe, konnte ich sie kürzlich mal wieder hören und sie tatsächlich als das sehen, was sie ist. Ich hatte die Chance, da zu sitzen und einfach zuzuhören, anstatt sie auseinander zu nehmen und nach Unvollkommenheiten zu suchen. Ich bin jetzt zufrieden damit. Ich sah sie immer als einen notwendigen Schritt zum nächsten Projekt, das wir am Ende schreiben, und ich betrachte es sogar als unsere erste Platte dieser Band. Ich denke, das ist der Ausgangspunkt, den wir uns gewünscht haben und der unseren kollektiven und individuellen Geschmack repräsentiert.
Wie viel Zeit verbringt ihr mit der Band? Verdient ihr damit euren Lebensunterhalt, oder wenn nicht, was macht ihr um eure Rechnungen zu bezahlen?
Christina: Ich verbringe ungesund viel Zeit mit der Band. Es gibt so viel Arbeit hinter den Kulissen, was die Leute wahrscheinlich nicht merken. Alles, was wir tun, vom Shirtdesign bis hin zur Tour, vom Flyer bis zum Song, beginnt mit einer Idee. Leider leben wir nicht davon. Eigentlich habe ich nach der letzten Tour gemerkt, dass das, was ich in 15 Tagen auf Tour gemacht habe, das ist, was ich in 2 oder 3 Schichten in meinem aktuellen Job mache. Ich habe Glück, dass ich einen Restaurantjob habe, zu dem ich immer zurück kann. Aber es war nicht immer so easy. Früher war ich in diesem Kreislauf gefangen von auf Tour gehen, einen neuen Job suchen, auf Tour gehen, einen neuen Job suchen, und so weiter. Jeder von uns arbeitet entweder in der Lebensmittelindustrie oder kommt nach Hause und sucht sich wieder einen neuen Job. Es ist nur schwer, denn heutzutage sind wir nur noch für ein bis zwei Wochen zu Hause. Ich verkaufe meine Kleidung oder so ziemlich alles, was geht, wenn ich Rechnungen bezahlen muss. Mir gehen aber langsam die Sachen aus.
Was ist Eure Erfahrung damit, eine irgendwie berühmte Hardcore-Band zu werden? Habt ihr dadurch positive oder auch negative Veränderungen erlebt?
Christina: Ich glaube nicht, dass wir uns für irgendwie berühmt halten würden, aber es war wirklich cool zu erleben, wie die Dinge so geworden sind, wie sie jetzt sind! Als wir diese Band gegründet haben, sollte es nur etwas nebenbei sein um so einen Juckreiz zu bekämpfen, den ich hatte. Ich wollte ein Demo aufnehmen und eine Show spielen. Und das war ehrlich gesagt alles, was ich da überhaupt gesehen habe. Es ist einfach unglaublich. Wir können Dinge tun, die mein jüngeres Selbst sich nicht vorstellen könnte. Wir konnten mit Bands spielen, die ich seit meiner Kindheit verehre.

Wir sind auf Deathwish, meinem Traumlabel. Ich hätte nie gedacht, dass ich einen Fuß in ein anderes Land setzen würde, und definitiv hätte ich nie gedacht, dass es mit dieser Band dazu kommt. Und es fühlt sich an, als ob wir an diesem Punkt das, was wir erreichen wollen, auch erreichen können.
Das einzige Negative, das damit einhergeht, ist, so oft von zu Hause weg zu sein. Es wird immer schwieriger, im Leben meiner Freunde und Familie eine große Rolle zu spielen, aber ich versuche mein Bestes, um Ihnen zu zeigen, dass ich mich um sie sorge, auch wenn ich weit weg bin.
Wie ist es für dich persönlich, Christina, eine Frau in einer Band zu sein, die in letzter Zeit vermehrt Aufmerksamkeit für die Musik bekommen hat, die ihr macht? Hast Du eine Veränderung aufgrund des wachsenden Interesses bemerkt?
Christina: Es gibt definitiv mehr Creeps in meinem Posteingang! Aber abgesehen davon ist es schön, in einer Zeit zu leben, in der es zur Norm wird, ein Nicht-Mann in einer tourenden Band zu sein, wenn es nicht schon die Norm ist. Als ich anfing, zu Shows zu gehen bis zu dem Zeitpunkt, als ich diese Band anfing, fühlte ich mich dabei sehr allein. Viele Nichtmänner haben sehr hart dafür gearbeitet, den Weg zu dem zu ebnen, was wir heute haben, und ich fühle mich so glücklich, Teil davon zu sein. Ich dachte sogar vor kurzem darüber nach, wie auf YouTube, wenn jemand einen ignoranten Kommentar hinterlässt, es wahrscheinlicher, ist dass die Leute das abstellen, zu im Gegensatz zu vor ein paar Jahren, als es viel häufiger war, dass die Leute Scheißverhalten eher mitgemacht haben. Es macht mich sehr glücklich, überall Frauen zu treffen, die in Bands sind, Bands gründen oder eine Band gründen wollen. Es ist so ein warmes und vollwertiges Gefühl, Menschen zu haben, mit denen ich mich identifizieren kann.
Die Leute sind sehr daran interessiert zu erfahren, ob ihr bald auf Tour gehen werdet und ob ihr nach Deutschland kommt. Ist ein Album für 2019 in Arbeit?
Tommy: Wir kommen im Juli nach Deutschland! Wir arbeiten derzeit nicht an einer neuen Veröffentlichung, da wir so viel auf Tour waren, aber wir haben neue Songideen für das, was als nächstes kommt, entwickelt.
Welche sind Eure Lieblingsbands? Habt Ihr eine All time-favorite-Lieblingsplatte? Was hört Ihr im Moment?
Tommy: Im Moment sind einige meiner Favoriten Fugazi, Radiohead, Good Riddance, Land of Talk und SZA. Ich habe auch viel Funk und Jazz gehört, wie Curtis Mayfield, Marvin Gaye und John Coltrane, und wir haben gerade Japanese Breakfast gesehen und die sind unglaublich. Meine Lieblingsplatte? Das ändert sich immer, aber ich mag Drivel by Prema (Equal Vision) sehr gerne. Das war die erste Platte, die mich wirklich erkennen lassen hat, dass es keine Regeln beim Musik machen gibt.
Christina: Seit kurzem bin ich total in Choir Boy, Japanese Breakfast und Culture Abuse.
Könntest du mir einen Gefallen tun und den folgenden Satz vervollständigen und dann erklären: Musik ist mein…..
Christina: Musik ist mein Mittel der Wahl um mich auszudrücken. Es ist das, was ich brauche, um meine Stimmung zu heben oder mich zum Training zu motivieren. Es macht Spaß, dazu zu tanzen, was auch meine Stimmung hebt. Ich singe immer, auch wenn es für mich allein beim Putzen ist.
Vielen Dank für diese Gelegenheit!

Interview: Claude Müller
Kontakt: https://www.gougeaway.com/
Fotos:

You can leave a comment, or trackback from your own site. RSS 2.0

Leave a comment

You must be logged in to post a comment.