September 23rd, 2019

GABRIEL KUHN aus #163, 2013

Posted in interview by Jan

„Ich habe halt keinen Szenenamen, spielte also in keiner bekannten Band mit, deshalb wussten die Leute nicht, wer ich bin und waren erst mal skeptisch…
Der Klassiker: was will der Outsider-Soziologe hier!
Ja, so „Wer ist denn der Gabriel Kuhn, kenne ich nicht, sicher so ein Sozialwissenschaftler, das finden wir direkt scheiße“. Ich kenne solche Reflexe ja auch von mir selber, und klar: ich war nie in Youth of Today, Manliftingbanner oder Gorilla Biscuits. Aber besonders cool ist so ein Aburteilen dann auch nicht unbedingt. Ich bin seit 25 Jahren Straight Edge, ich war auf Straight Edge-Konzerten, als einige dieser Leute noch nicht mal geboren waren, ich war auf Straight Edge-Konzerten in Ländern wie Australien und Israel, wo sich diese Leute in der Szene auch nicht unbedingt auskennen.

Dass ich nur ausschließlich eine akademische Perspektive habe, ist schon eher beleidigend. Aber manche Rezensionen schienen glasklar davon auszugehen. Und das kann mich dann auch ärgern. Die sind in New York aufgewachsen, da gibt oder gab es eine starke Straight Edge-HC-Szene und dann tun die so, als ob sonst niemand eine Ahnung hat. Manchmal denk ich mir dann echt „Sei DU doch mal wirklich hart, und werde Straight Edge in einem Tausend-Einwohner Alpen-Dorf in Tirol!“, also echt, wenn du wirklich so hart sein willst.
Wunderbar, sehr schön!!!
CBGB war halt nicht meine Jugend, sondern Bierzelte. Da lernt man auch bestimmte Sachen.“

Ein Interview mit Anarchismus- und Straight Edge-Autor Gabriel Kuhn,  13 Zigaretten nebst 5 Bier

Sicher, es existieren nette Straight Edger. Es gibt auch nette Südsee-Weltreisende. Zudem nette SST-Fans, nette Attwenger- und Slayer-Fans und auch nette Anarchisten und nette Buchautoren. Und es wurde uns mal davon erzählt, dass es auch nette Fussball-Fans geben soll. Und natürlich gibt es auch Leute, die einige der genannten Aspekte in ihrer Persönlichkeit vereinen. Aber hey: wie viele sympathische Straight Edger, Südsee-Welt-Reisende, anarchistische SST-, Slayer- und Attwenger-Fans, die aus Tirol kommen, in Schweden wohnen und Lesungen in Europa und USA halten, Bücher veröffentlichen und Fussball-Fans sind, kennst du so?

Es wäre von daher natürlich purer Unsinn, den Anarchismus-, Piraten- und SE-Forscher Gabriel Kuhn nur auf seine (gleichwohl selbstverständlich vorhandene) SE-Expertise zu reduzieren. Aber dieses Sujet war der Grund, Kuhns Lesung bei der linken Gegenbuchmasse in Frankfurt vor einigen Jahren zu besuchen. Er hielt dort einen Vortrag zu seinem Buch „Straight Edge. Geschichte und Politik einer Bewegung“ (sein komplettes Publikationsverzeichnis findet ihr am Ende dieses Interviews). Ich wollte Gabriel ein Exemplar unserer Trust-Dischord-Ausgabe überreichen, war aber dann zur eigentlichen Lesung zu spät und bekam nur noch die anschließende Diskussion mit.

Sofort fand ich ihn sympathisch, es ist einfach was ganz besonders schönes, Thesen über Straight Edge vorgetragen in diesem wunderschönen Tiroler Zungenschlag zu lauschen. Man plauderte dann ein wenig und ich fing an, mich näher mit dem Werk von ihm zu beschäftigen und stellte Erstaunliches fest. Davon möchte ich berichten.

Zunächst aber noch einige Infos. Kuhn ist in Innsbruck geboren. Nach einem Philosophiestudium bereiste er zehn Jahre lang die Welt, war u.a. im Nahen Osten, Afrika, USA, und lebte in der südpazifischen Inselwelt. Anfang der 1990er Jahre war er für einige Jahre im TATblatt-Kollektiv Innsbruck tätig und veröffentlichte im anarchistischen Wiener Verlag Monte Verita.

Viel zu bereden gab es und im Sinne der Dokumentation von Leuten, die nicht in einer bekannten Band sind oder ein bekanntes Label machen, könnt ihr hier also das Protokoll meines Interviews mit Gabriel lesen. Es wurde geführt am Rande der Anarchistischen Buchmesse in Mannheim Mitte 2013 an einem kalten Nachmittag.

Wir kreisten zuerst um u.a. die Themen METAL, PUNK, STRAIGHT EDGE, durchquerten im Anschluss die SÜDSEE, den FOUCAULT und ANARCHISMUS und kamen im weiteren Verlauf durchaus an den Themen KOMMUNISMUS, AUTORITÄT, DIY-PUNK, PIRATEN und ATTWENGER vorbei, um schlussendlich im Heimathafen SST RECORDS und AC/DC anzulegen. Im Prinzip ist dieses Interview also einerseits wie immer. Andererseits hatte ich noch nie so viel Vergnügen mit einem interessanten Gesprächspartner. Ihm möchte ich für seine Zeit danken. Der Kontakt zu Gabriel ist über alpineanarchist.org möglich.

Für Einleitung, Fußnoten und Interview verantwortlich zeichnend: `Jan Röhlk.

Hi Gabriel, du hast in Mannheim das Buch „Der Anarchismus und seine Ideale“ vorgestellt, wie ist es gelaufen?
Das ist gut über die Bühne gegangen. Der Vortrag war ja um zehn Uhr morgens, da ist es immer unklar, wie viele Besucher kommen, aber es waren doch einige da. Es war auch meine erste Vorstellung zu diesem Buch, ich brauche immer so drei bis vier Anläufe, um die richtige Form zu finden, und dafür war es auch sehr okay. Was ebenfalls gut war: direkt nach Ende des Vortrags gab es eine angeregte Diskussion.
Was hat dich dazu gebracht, das Buch zu übersetzen?
Der Unrast Verlag schaut regelmäßig nach neuen Büchern, die in anderen Ländern erschienen sind, ob das für ihren Verlag von Interesse sein könnte. Da ich zu Anarchismus in den USA viel geschrieben habe, haben die mich kontaktiert und nach meiner Einschätzung zu dem Buch gefragt und ob ich nicht Lust habe, das zu übersetzen. Es ist ja in den USA mit der Buch-Promotion viel stärker, du hast da auf dem Backcover immer so fette lobende Quotes…
So empfehlende Zitate?
Ja, „Blurbs“ heißen die, so Motto „Dieses Buch wird dein Leben verändern, wenn du es liest“. Ich hatte zu der englischen Ausgabe auch so einen freundschaftlichen Blurb beigesteuert, deshalb war es etwas „schwierig“, dem Unrast Verlag zu sagen, dass ich das Buch nicht gut finde, aber: es gefällt mir ja. Es ist ein kleines Büchlein, zeitmäßig nix Tragisches, d.h. also: Unrast fragte mich, ob ich es für den deutschsprachigen Raum übersetzen möchte und ich hab es dann auch gemacht.
Du bist ja eh weltweit unterwegs bzw. präsent: als Autor, Reisender, Straight Edge-Experte, Übersetzer. Du bist ja in Innsbruck geboren und kommst aber ursprünglich aus Tirol?
Genau, ich komme aus Tirol. Wobei Innsbruck und Tirol kein Widerspruch ist. Österreich hat neun Bundesländer, eines davon ist Tirol und die Hauptstadt ist halt Innsbruck.
Äh, ja. Das soll ja ne hübsche Stadt sein?
Die Stadt ist wirklich hübsch und vor allem toll gelegen. Die Bergkulisse ist für manche bedrohlich und beengend, das ist für mich aber nicht so, sondern schön und vielleicht auch irgendwie beschützend. Ich bin dort aufgewachsen, aber meine Kindheit und Jugend habe ich auf dem Tiroler Land in einem ganz kleinen Tausend-Seelen-Dorf verbracht. Das liegt an der deutschen Grenze zum nördlichen Alpenrand, an der Grenze zu Oberaudorf. Das ist möglicherweise für Fußball-Fans interessant, weil Bastian Schweinsteiger da her kommt.
Kempten und Allgäu liegen wo ganz anders oder?
Ja, mein Heimatdorf liegt grob gesagt im Dreieck von Innsbruck, Salzburg und München. Nah dran an Rosenheim, so zwanzig Kilometer davon weg. Rosenheim war für uns eine wichtige Stadt zum Ausgehen, München noch viel wichtiger, da es die nächste echte Großstadt war. München liegt für uns sogar näher als Innsbruck oder Salzburg. Wir sind dann immer dorthin gefahren, für Konzerte, zum Plattenkaufen und Fußballschauen.
Straight-Edge (SE) war dann für dich dieser Klassiker, die Rebellion gegen die (bierselige Punk-) Rebellion auf dem Land?
Nein, nicht wirklich. Ich war SE, bevor ich wusste, dass es so was wie SE gab. Mit SE meine ich „Keine Drogen, Alk und Zigaretten“, also nicht in Verbindung mit Veganismus, das kam ja auch später. Nach dieser Grunddefinition war ich so mit 15 Jahren SE. Das war auch keine Gegenreaktion auf Punk, es hatte mehr mit dieser Alkohol-Sauf-gewalttätiger Dorfkultur zu tun, die ich genauso erlebt habe, wie man sich das klischeemäßig so vorstellt. Mit 15 oder 16 Jahren, was willst du auf dem Dorf groß machen, da gibt es im Winter die Disco und im Sommer Bierzelte von der Feuerwehr oder dem Sportverein und dann Geprügel mit den Jungs vom Nachbardorf.

Das hatte ich ein, zwei Jahre als Teenager mitgemacht und fand das super fad. Diese Alk-Geschichte war dann einfach da drangekoppelt. Ich mochte diese Bierzelte und Schlägereien nicht und muss auch sagen, ich habe so früh aufgehört, Alkohol zu trinken, dass ich keinen Geschmack dafür entwickelt habe. Eine Flasche Bier runterzukriegen, das würd ich gar nicht schaffen, das fände ich viel zu grausig. Von daher ist mir das dann sehr leicht gefallen damals.
Du hast damals dann Punk gehört?
Naa, Metal. Das war für viele aus dem Dorf ein großer Widerspruch: ich hatte lange Haare, sah aus wie ein „richtiger“ Metaller und hab aber kein Bier getrunken.
Yeah, Celtic Frost!
Mehr diesen frühen 80er klassischen Metal, Judas Priest, Maiden, NWOBHM.
Und dann Bay Area Thrash Metal, Metallica, Slayer oi?
Ja klar, Anthrax und vor allen Testament fand ich total klasse, Slayer auch und das ganze Klassiker-Zeug wie AC/DC. Ironischerweise bin ich über Metal dann zum Punk gekommen. Die Musik-Szene auf dem Dorf war total klein, es gab nur zwei Gruppen: die einen haben den Radio-Kram wie Madonna und Culture Club und all so was gehört und dann gab es noch die Metaller. Mit denen bin ich dann oft nach München gefahren und einige hatten auch total obskure Sachen: Punkplatten! Exploited, aber vor allem Dead Kennedys, da gab es dann schon Überlappungen.

Und Punk war für mich geil, weil es auch hart und schnell war, aber speziell Dead Kennedys, das war auch noch politisch, das fand ich klasse. In dem Kontext kam ich dann auch zu Black Flag, die Rollins Band gab es ja auch schon und mit circa 18 habe ich dann zum ersten Mal Minor Threat gehört. Und so entdeckte ich erst den Begriff SE. Hier ist vielleicht auch wichtig zu sagen, wie das bei mir war: ich war trotz Alk-Verzicht nie ein totaler Außenseiter oder so, ich war immer sehr gut im Sport, im Fußball, das hatte da, wo ich herkomme, einen sehr hohen Stellenwert, d.h. ich war jetzt kein Mobbing-Opfer, es gab keinen „Peer Pressure“.
Du konntest dich durch den Sport beweisen?
Ja, so irgendwie, das gab dann voll die „Credits“.
Bist ja auch tätowiert!
Richtig. Ich komme zwar aus einem liberalen Elternhaus, was auch nicht so richtig passte, aber über den Sport hatte ich dann ein „Standing“. Gleichzeitig gab es schon auch eine gewisse Isoliertheit, alle anderen saufen und ich nicht, hmh. Also, man fühlte sich dann doch etwas einsam. Deshalb war das eine total irre Entdeckung für mich, als ich Minor Threat hörte! Die wollen kein Mainstream sein, waren kritisch, trinken aber auch nix.
Wie alt bist du eigentlich?
40.
Echt lustig, dass du aus dem Metal kommst.
Absolut, erst Metal, dann Punk und dann erst SE. Für mich waren, ehrlich gesagt, auch die Epitaph-Sachen sehr wichtig. Bad Religion vor allem, also rein musikalisch bin ich eher so Pop-Punker, muss ich gestehen.
Die gute alte „Suffer“-Platte, was?
Ja klar!
Wobei, bis inklusive der „Generator“ fand ich alles geil.
Ja, aber es wurde dann doch zu poppig, aber dieses Musik-Erlebnis mit der „Suffer“, ich weiß das noch, wie ich die zu Hause das erste Mal auflegt habe. Ein Kumpel hat mir die geliehen. Das war irre: nach zehn Sekunden war ich sofort ergriffen…dass es so eine Musik überhaupt gab. Dann mit diesen an die Wand gemalten Texten…
Yeah, „How much is enough?“ und so.
Das war catchy, das war schnell, verströmte auch eine gewisse Aggressivität, aber im Unterschied zum Metal eben nicht nur, sondern machte auch noch Spaß, das war schon sehr gut.
Ok, wir haben den Kultur-Aspekt erst mal geklärt. Dann kam dein Philosophiestudium. Daher dein Interesse an Politik?
Nein, für Politik habe ich mich schon vorher interessiert, auch auf dem Gymnasium und vor SE.
Ich verspreche, es kommen noch interessantere Fragen, aber…
Nein nein, das passt schon. Also, mit 15 oder 16 war ich fast nur an Sport interessiert, dann kam die Musik bzw. später auch das vermehrte Interesse an Punk und so wurde der Sport nach hinten gedrängt. Da hat Bad Religion super reingepasst, die hatten explizit politische Texte. Ja, ich hab dann Philosophie studiert. Ach ja, es hat mich halt interessiert.
Du warst an der Uni Innsbruck und an einer Uni in Amiland, wo denn da?
In Tempe, Arizona, in der Nähe von Phoenix.
Meat Puppets, Alter!
Ja, und die Supersuckers sind auch aus Arizona, Giant Sand auch, Calexico, aber, na ja, damals gab es die ja noch nicht. Da fällt mir eine Anekdote ein, ein typisches Arizona-Konzert: Supersuckers und DOA spielten in Mesa, es gab eh nur wenige Konzerte in Phoenix. Die Städte Tempe, Mesa und Scottsdale waren eher so klassische Konzertorte, da wohnten viele Studis. Bei den Supersuckers war es zuerst total voll, und bei DOA waren dann nur noch zehn Leute da. Ein klassisches Heimspiel, aber irgendwie ein cooler Abend.
Du hast ja dann nach der Uni quasi zehn Jahre die Welt bereist. Mich würden mal deine Aufenthalte in der südpazifischen Inselwelt interessieren, wo warst du?
Ich war da insgesamt drei Jahre, von 1997 bis 2000.
Wow, auch auf Tahiti?
Ja, einige Wochen, länger gelebt habe ich aber auf Neu-Kaledonien, Fidschi und Papua-Neuguinea. Dazwischen war ich dann auch auf Samoa und Tonga und ein paar anderen Inseln.
Und stimmt das mit der Südsee, das Paradies auf Erden und so?
Ja, ich verstand schon, wo das Bild herkommt. Das war auch von allen Reisen bei mir die einzige Region, wo ich wirklich überlegt habe, länger hinzuziehen, in der ich mir eine konkrete Zukunft vorstellen konnte. Ich hab es aber dann nicht gemacht. Ich war knapp unter 30 und wollte noch weiter reisen, nach Afrika, dann war ich auch wieder viel in den USA, und am Ende bin ich doch wieder in Europa gelandet.
Alter, verrückt! Und ist es da wirklich so schön wie in dem Film „Meuterei auf der Bounty“?
Ja, kann man wohl so sagen.
Fick dich, das darf ja wohl nicht wahr sein, ich bin neidisch (siehe Anmerkungen 1., 2. und 3. ganz am Ende des Interviews)!
Wie gesagt, so von wegen Südsee und Paradies, das konnte ich vor Ort verstehen, woher das kommt. Dass es schön ist, ist ja nicht das Einzige. Im Gegensatz zu anderen tropischen Regionen gibt es auf den meisten Inseln keine Malaria oder gefährliche Tropenkrankheiten und klimatisch ist es einfach der Hammer. Früchte, Kokosnüsse, Maniok usw. wachsen ja überall, du musst nicht viel arbeiten, um versorgt zu ein. Es war auch einigermaßen mild, also jetzt nicht so super heiß. Aber halt auch nie wirklich kalt. Auf Samoa haben die Häuser deswegen auch gar keine Mauern, es gibt nur ein Dach als Regenschutz. Aber das größte Problem mit diesen abgelegenen Inseln, das kommt vielleicht von meiner europäischen Sozialisation: es wird dann irgendwann doch langweilig.
Echt?
Ja, irgendwann wurde mir langweilig und ich wollte wieder woanders hin.
Nach Stockholm hat es dich dann der Liebe wegen hin verschlagen?
2000 bin ich weg aus dem Südpazifik und pendelte zwischen Afrika und USA. Und wie es dann so kommt, habe ich mich in eine Schwedin verliebt, das war dann erst eine Fernbeziehung und dann war ich auch etwas reisemüde und bin nach Stockholm gezogen. Wir schauten, wie es klappt, und jetzt bin ich immer noch dort.
Du warst auch im Nahen Osten für längere Zeit. Hattest du vor Ort den Konflikt zwischen Palästina und Israel „besser“ verstanden?
Schwer zu sagen, hmm, vielleicht gibt‘s an solchen Konflikten auch gar nicht so viel zu verstehen. Aber ein näheres Bild hab ich natürlich gewonnen, so gesehen hat es auf jeden Fall etwas gebracht, den Konflikt vor Ort zu sehen. Was waren meine Eindrücke? Also, ich konnte ja viele Gebiete als „neutraler Österreicher“ bereisen und auch private Beziehungen aufbauen, zu allen an dem Konflikt beteiligten Gruppen. Und da lernt man schon viel, aber gleichzeitig gibt‘s auch immer diese etwas tragische Dimension, also ich hatte mich sowohl mit Israelis als auch Palästinensern klasse verstanden, wusste aber, dass die nicht immer einfach so miteinander abhängen konnten.
Verstehe.
Deshalb bin ich unsicher bei diesem „Verstehen des Konfliktes“, das kann ich nicht genau sagen, aber ich habe halt meine Erfahrungen gemacht. Manche reden ja sehr abstrakt über das Thema, da bin ich um meine persönlichen Erfahrungen schon froh. Ich war dreimal in der Region.
Themawechsel: Wie schätzt du die heutige Straight Edge Szene ein, ist die an dir interessiert, so wie du an der interessiert bist? Du hast da ja u.a. das klasse Buch „Sober Living For the Revolution: Hardcore Punk, Straight Edge, and Radical Politics“ zum Thema verfasst?
Da war ich eher der Herausgeber und habe die verschiedenen Interviews und Artikel gesammelt bzw. koordiniert. Es gab auf das Buch viele positive Reaktionen, mehr als ich dachte, sowohl Verkaufszahlen-mäßig als auch von Leser-Meldungen, ich bin sehr zufrieden und freue mich. Die SE-Szene, na ja, das war a bisserl…Ich habe halt feststellen müssen, wie sehr manche Leute – speziell aus den USA und Europa – eben „Szene-orientiert“ sind und so urteilen.
Du meinst so Kritiken Richtung „Da waren entscheidende Fehler in deiner Revelation Records Diskografie“?
Auch so was, zum Beispiel, ob Hardline jetzt 1989 oder doch erst 1991 groß wurde, solche Sachen. Ich habe halt keinen Szenenamen, spielte also in keiner bekannten Band mit, deshalb wussten die Leute nicht, wer ich bin und waren erst mal skeptisch…
Der Klassiker: was will der Outsider-Soziologe hier!
Ja, so „Wer ist denn der Gabriel Kuhn, kenne ich nicht, sicher so ein Sozialwissenschaftler, das finden wir direkt scheiße“. Ich kenne solche Reflexe ja auch von mir selber, und klar: ich war nie in Youth of Today, Manliftingbanner oder Gorilla Biscuits. Aber besonders cool ist so ein Aburteilen dann auch nicht unbedingt. Ich bin seit 25 Jahren Straight Edge, ich war auf Straight Edge-Konzerten, als einige dieser Leute noch nicht mal geboren waren, ich war auf Straight Edge-Konzerten in Ländern wie Australien und Israel, wo sich diese Leute in der Szene auch nicht unbedingt auskennen. Dass ich nur ausschließlich eine akademische Perspektive habe, ist schon eher beleidigend.

Aber manche Rezensionen schienen glasklar davon auszugehen. Und das kann mich dann auch ärgern. Die sind in New York aufgewachsen, da gibt oder gab es eine starke Straight Edge-HC-Szene und dann tun die so, als ob sonst niemand eine Ahnung hat. Manchmal denk ich mir dann echt „Sei DU doch mal wirklich hart, und werde Straight Edge in einem Tausend-Einwohner Alpen-Dorf in Tirol!“, also echt, wenn du wirklich so hart sein willst.
Wunderbar, sehr schön!!!
CBGB war halt nicht meine Jugend, sondern Bierzelte. Da lernt man auch bestimmte Sachen.
Geil. Sag mal, du hast kürzlich das Vorwort zu dem Buch über das anarchistische Crimthinc.-Kollektiv geschrieben; was gefällt dir an denen?
Ich finde die ganzen Crimethinc.-Publikationen generell erst einmal ästhetisch gelungen. Der Schreibstil ist manchmal stark von romantischen und poetischen Elementen geprägt, gut, da könnte man jetzt auch „naiv“ dazu sagen. Mir gefallen die Aufmachungen der Publikationen sehr, die haben sehr früh schon mit den neuen Computertechnologien bzw. sozialen Medien gearbeitet und machten schicke Zines und Bücher. Also, das war schon für mich eine sehr zugängliche Rhetorik und ein geschickter Einsatz von ästhetischen Mitteln.

Ich denke, so wurden auch viele angesprochen, um sich überhaupt erst einmal mit Politik und Anarchismus auseinanderzusetzen, das muss Crimethinc. auf jeden Fall angerechnet werden, auch wenn ich inhaltliche Kritik an ihnen habe. Auf ihrer Buchtour kürzlich organisierte ich die Lesung in Stockholm, da haben wir im Anschluss inhaltlich viel diskutiert, es gab teilweise sehr unterschiedliche Auffassungen, aber das finde ich gut, ich bin ja kein Sektierer.
Das finden wir ja alle so gut bei dir.
Also, die blieben dann ein paar Tage in Stockholm, das war nett, ich würde jederzeit wieder ein Vorwort schreiben.
Du bist ja auch aktiv bei der Zeitschrift Graswurzelrevolution, veröffentlichst im Unrast Verlag in Münster und in den USA bei PM Press, habe ich noch Stationen vergessen?
Für die Graswurzelrevolution schreibe ich hin und wieder, aber auch für andere Zeitungen. Unrast und PM Press sind die zwei Verlage, mit denen ich hauptsächlich zusammenarbeite.
Wie kamst du zu deinem amerikanischen Verlag?
Also, der Gründer von PM Press ist Ramsey, er gründete AK Press und war ja auch der frühere Political Asylum-Sänger. Auf meinen Reisen lernte ich Ramsey in den USA kennen. Das hatte vor allem mit meinen Zines zu tun. Aufgrund der ganzen Reisen war es schwierig, kontinuierlich in politischen Projekten zu arbeiten. Aber vor allem, als es immer mehr Computer und das Internet gab, konnte ich wenigstens regelmäßig Zines machen. Ich gründete dann 1999 Alpine Anarchist Productions und veröffentlichte meine Zines unter diesem Namen.

Rein praktisch lief das so, dass ich alles per Hand schrieb, dann fünf Tage, was weiß ich, in Melbourne war, in die öffentliche Bibliothek ging, mir Computerzeit mietete und ein Zine zusammenbastelte. Einige Alpine Anarchist Zines wurden dann von AK Press vertrieben, so lernte ich Ramsey kennen. Ich bin dann etwa einmal im Jahr in der Bay Area vorbeigekommen, konnte dort neue Exemplare der Zines billig kopieren und im Lager von AK Press abliefern. 2007 verließ Ramsey dann aber AK.
Weißt du den Grund?
Er kann das selber sicher am besten erklären, ich will mich da nicht wirklich einmischen, aber mein Eindruck war, dass er bestimmte Vorstellungen von Verlagsarbeit hatte, die sich im AK-Kollektiv nicht durchsetzen ließen. Es ging da einerseits ums Programm, aber auch um so Fragen wie ebooks, also mehr so technische Sachen. Als immer klarer wurde, dass das, was er vorhat, bei AK Press nicht mehr ging, hat er PM Press gegründet. Einige von AK Press haben dann mit ihm gewechselt, u.a. Craig O´Hara, der Autor von dem „Philosophy of Punk“-Buch. Ramsey schrieb mir dann von seinen Ideen und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, bei ihm etwas zu machen. Jetzt arbeite ich seit sechs Jahren mit denen und habe fünf oder sechs Bücher dort veröffentlicht, und für mich ist das alles sehr gut gelaufen.
Yeah.
Ja, ich kann über die Zusammenarbeit nicht klagen.
Kommen dir gegenüber auch viel die Kritiken von wegen „Ach, der Kuhn, reiches Mittelklasse-Söhnchen, mit der monetären Ausstattung würde ich das auch alles machen“? Es ist ja bei Punk einfach so, dass 95 % der Leute daher kommen. Moi aussi.
Ja, so was kommt wohl, aber das stimmt bei mir ja auch. Ich bin zwar auf dem Land aufgewachsen, aber mein Vater ist Musiker, Dirigent für klassische Musik. Jetzt ist es einerseits so, dass meine Eltern nicht meine Reisen bezahlt haben, das habe ich schon selber gemacht, auch mit klassischem Tellerwaschen und so. Aber andererseits geht es ja einfach viel um diese soziale Sicherheit im Kopf: also ich weiß, dass es im Notfall immer ein Netz gibt, das mich auffängt. Bei meinen Reisen wusste ich immer, dass ich nicht irgendwann in Ouagadougou sitzen werde, ohne Möglichkeit, nachhause zu kommen, oder dass Krankenhausrechnungen bezahlt würden oder was weiß ich.

Glücklicherweise musste ich das nie in Anspruch nehmen, aber das Wissen ist da und das ist es, was zählt. Und jetzt ist es auch nicht anders. Ich bin 40, habe kein regelmäßiges Einkommen, kein Auto usw., aber ich weiß, dass ich nie auf der Straße landen würde. So lässt es sich auch „prekär“ leicht leben – bei vielen anderen ist das nicht so. Also: es wäre absurd zu sagen, dass das, was ich gemacht habe und mache, nichts mit meinem Hintergrund zu tun hat. Aber den Hintergrund wirst du ja nie los. Wenn ich jetzt in die Fabrik arbeiten ginge, würden einige Leute auch sagen, dass ich das proletarische Leben romantisiere, weil ich jederzeit etwas Anderes machen könnte.
Stimmt.
Und die Leute haben auch recht. Wie gesagt, deinen Hintergrund wirst du nie los. Die Frage, die sich stellt, ist, wie du mit dem umgehst. Versuchst du, deine Privilegien zu verteidigen und weiter auszubauen, oder versuchst du, irgendwie einen Beitrag dazu zu leisten, dass Privilegien in der Welt nicht so extrem ungleich verteilt sind? Und versuchst du, dir ein gutes Leben zu schaffen, dabei aber auch denken zu können: wenn Privilegien und Reichtum gleich verteilt wären, dann könnten eigentlich alle so leben. Das ist in etwa der Maßstab, dem ich zu folgen versuche. Was Besseres ist mir noch nicht eingefallen…
Sag mal, auf Wikipedia steht, dass deine Hauptbeschäftigungsfelder der Anarchismus und Poststrukturalismus sind. Letzteres finde ich selten in deinen Büchern wieder, damit sind ja diese französischen Postmoderne-Theoretiker um Foucault, Derrida, Deleuze und Guattari und ihrem Buch „1000 Plateaus“ gemeint.
Der Eintrag ist veraltet und bezieht sich auf das Buch „Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden. Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus“, das 2005 erschien. Ganz lustig, manche Leute unterstellen mir, dass ich den Eintrag selber geschrieben hätte, das habe ich aber nicht – sonst hätte ich ihn auch schon längst aktualisiert, haha. In jedem Fall ist das Buch eine überarbeitete Version meiner Diplomarbeit, die Anfang der 90er Jahre erschien. Damals studierte ich also Philosophie und bin ganz diesem Hype um die „coolen französischen Poststrukturalisten“ verfallen.

Das hatte sicher damit zu tun, dass die UdSSR zusammenbrach und man sich bei den Linken jetzt von den sogenannten „großen Erzählungen“ verabschiedete, blabla. Stattdessen wandte man sich „differenzierten“ und „vielfältigen“ Philosophien zu. Als Einführung geht mein Buch immer noch okay, denke ich, aber 90 Prozent von dem, was heute unter „postmoderner“ oder „poststrukturalistischer“ Theorie läuft, ist einfach nur peinlich. Ein Wiederkäuen von komplizierter, mit angeberischen Fremdwörtern gespickter Rhetorik, wo‘s nur noch um den Beweis geht, wie weit man selber in dem „Diskurs“ fortgeschritten ist.

Die Original-Texte von Foucault etc., die finde ich weiterhin spannend, aber die grade beschriebene Szene interessiert mich gar nicht. Gut, gewisse Entwicklungen verfolge ich, etwa diesen „Postanarchismus“, eine Kombination von Poststrukturalismus und Anarchismus, zumal ich wegen dem Poststrukturalismus-Buch auch hin und wieder zu Kommentaren diesbezüglichen gefragt werde. Das Label des „Postanarchismus“ finde ich aber nicht sehr spannend, wobei Leute in Deutschland, wie Jürgen Mümken, da auch gute Arbeit drunter machen.
Die Post-Theorien wurde ja auch in den 80er bekannt, Spex und Diederichsen. (siehe Anmerkung 4.)
Ja, Diederichsen hat mit dieser Post-Rhetorik ja auch so ein paar Peinlichkeiten fabriziert, die er dann allerdings auch selber zugegeben hat, das fand ich sympathisch.
Bist du eigentlich großer Fan von dem Öko-Anarchismus?
Na ja, „Grüner Anarchismus“ klingt ja nett, man betont die ökologische Frage, ist ja nix Falsches dran. Aber so als eigene Identität, zu der das dann manchmal wurde, hat mich das nie besonders gereizt. Das ökologische Bewusstsein ist ja weit über die Anarchismus-Kreise hinaus in den letzten 30 bis 40 Jahren stark gewachsen, ich finde nicht, man muss sich da extra labeln. Wobei dem Anarchismus in dieser Entwicklung schon auch eine gewisse Vorreiterrolle zukommt, das ist ja erfreulich.
Es gibt ja die berühmte Marx-Kritik an den Anarchisten von wegen, dass Kommunisten und Anarchisten die gleiche Ziele, aber konträre Wege verfolgen.
Recht haben ja irgendwie beide, sowohl die Anarchisten mit kritischen Einschätzungen zum Kommunismus und auch Marx im Hinblick auf anarchistische Positionen. Die klassischen frühen anarchistischen Denker wie Bakunin oder Kropotkin hatten ja die Zentralkritik am Kommunismus, dass sich dieser in Richtung einer bürokratischer Diktatur entwickeln würde. Und da haben sie ja recht gehabt. Die Idee einer Übergangsregierung, also der Diktatur des Proletariats, die die kommende kommunistische Gesellschaft vorbereiten soll…es wurde ja schon sehr genau vorhergesagt, wie dann Menschen funktionieren werden, wie der Umgang mit Macht aussehen würde. Dann wiederum muss man auch klar sagen, dass Marx mit seiner Kritik an den Anarchisten oft recht hatte, speziell im Hinblick auf die Frage, wie oder ob man eine Revolution machen kann, ohne autoritäre Maßnahmen zu ergreifen, aber auch die Frage der Organisation.

Ich finde, man muss sich mit beiden Seiten auseinandersetzen. Eine interessante anarchistische Antwort auf das Revolutionsproblem gibt es übrigens bei Gustav Landauer, der meint, Revolution sei kein Moment, in dem alles niedergerissen wird, sondern ein Prozess, in dem man etwas Neues aufbaut. Aber vielleicht ist das auch einfach naiv.
Gutes Stichwort: Deine Übersetzungstätigkeit betrifft auch Gustav Landauer und Erich Mühsam. Gibt es bei Letzterem wegen dem neuen Slime-Album mehr Nachfrage?
Also für Mühsam gibt es im deutschen Raum deshalb wohl mehr Nachfrage, das stimmt. Aber ich habe Mühsam ja ins Englische übersetzt. Ramsey kennt zwar Slime, aber sonst kennen die im englischsprachigen Ausland nicht so viele. Halt eher der kleine „Expertenkreis“. Große Verkaufszahlen ergeben sich bei Mühsam daraus nicht. Mit Landauer sieht‘s schon anders aus, bei dem wurde recht viel nachgefragt. Das hängt sicher damit zusammen, dass es in den 70ern so einen leichten Landauer-Hype gab, es kamen damals drei Bücher zu Landauer auf Englisch heraus. Also, sein Name ist bekannt und es gab Bedarf nach mehr englischen Landauer-Texten. Mühsam ist eher ein unbekannter, aber ich bereue es nicht, die Arbeit gemacht zu haben. Da geht es ja vor allem um so einen historischen Beitrag und das hat wohl auch längerfristigen Wert.
Der zentrale Begriff im Anarchismus kreist um die „Ablehnung von Autorität“. Wie es uns schon CRASS sagten, gibt es keine Autorität außer du selber. Aber ganz so einfach ist der Begriff der Autorität ja nun doch wieder nicht, Autorität ist ja nicht immer schlecht, zum Beispiel: Auch in einer freien Gesellschaft wird es ja funktionale Autoritäten geben müssen, im OP-Saal der Chefarzt, im Flieger der Flugzeug-Kapitän etc.? Da wird man ja dann auch nicht per Wahl abstimmen und der, der die Mehrheit bekommt, darf dann ran ohne überhaupt nen Plan zu haben.
Da hast du natürlich recht. Dieses kompromisslos Anti-Autoritäre als politische Botschaft funktioniert nicht immer. Dass man gegen institutionelle Autoritäten wie Polizei, Lehrer, Eltern, Familie ist, das ist die eine Sache. Aber so im Alltag ist das schwieriger. Man muss da schon genauer sein, deine Beispiel zeigen ja, dass man in bestimmten Situationen einer anderen Person mehr Entscheidungsgewalt zugestehen muss als sich selbst. Klassische Beispiele wie das Transportwesen oder die Medizin hast du ja genannt.

Aber so was gibt es ja auch beim Lernen: Du kannst etwas nicht und fragst jemand anderen „Kläre mich doch bitte auf, du weißt mehr dazu!“ Autorität ist nicht immer gleich Autorität. Hier würde ich tatsächlich einen Promi zitieren. Also Noam Chomsky sagt ja immer, dass Anarchismus nicht prinzipiell gegen Autorität ist, dass er aber bei jeder Autorität nachfragt, ob sich die wirklich rechtfertigen lässt. Als Orientierungspunkt finde ich das schon sehr hilfreich.
Ich denke da gerade auch an (Punk-) Konzerte veranstalten, da hast du ja auch trotz einer Konzert“gruppe“ auch immer einen oder mehrere fachliche Autoritäten.
Ja genau, da kennt jemand den Konzertort schon lange, er kennt sich mit der Technik aus, kann den Sound machen, jemand kennt die Band sehr gut, checkt deshalb die besten Schlafplätze für die usw. In solchen Fällen ist das logisch, dass man ohne weiteres auch gewisse Autoritäten akzeptiert. Es kann aber auch ganz anders laufen: nimm die Rolle einer Security.

Manchmal mag das ja Sinn machen, wenn die Leute helfen, ein großes Konzert stressfrei über die Bühne zu bringen – was weiß ich, die geben dem Publikum Wasser, bevor wer zusammenbricht, oder verhindern auch einmal, dass sich irgendwelche Leute gegenseitig die Schädel einschlagen. Aber oft genug kommt die Security auf ihren eigenen Powertrip, ist aggro und stresst selber. Und da muss man dann sagen „Hey, so aber nicht“. Es ist immer eine Gratwanderung, zu checken, wann ist Autorität okay und wann nicht.
Du hast mal in einem Interview auf die Frage, was die größten Erfolge von Anarchismus wären, auf das internationale DIY-Hardcore-Punk-Netzwerk verwiesen. Fand ich gut. Aber ist nicht gerade in „unserer“ Szene der Anarchismus oft mit einer eher konservativen anti-modernistischen Notation verbunden? Earth First waren vor Jahren total beliebt in der Punkszene und die wollten ja echt mit Speeren die bösen Wald-zerstörenden Bagger angreifen. Oder der in Punk-Kreisen beliebte Film „Koyaanisqatsi“, der ja im Prinzip sagt, dass „der moderne Mensch“ schlecht ist. Der technische Fortschritt ist doch eigentlich prima, da geht es doch gar nicht um das „Ob“, sondern um das „Wie“. Ich denke mir manchmal, solche Leute wollen wieder zurück in die Steinzeit, aber dann schon mit W-Lan.
Stimmt schon, auch wenn jetzt nicht alle bei z.B. Earth First so drauf sind. Aber das war auch einer der Gründe, warum ich das Label „Grüner Anarchismus“ nie so attraktiv fand, das hat eben genau damit zu tun, dass besonders im amerikanischen Kontext die anarchistische Kritik oft diese primitivistischen und anti-zivilisatorischen Züge hat. Damit geht auch eine Romantisierung von Jäger- und Sammler-Gesellschaften einher, so von wegen, dass diese die einzig echten Anarchisten waren. Das ist natürlich Quatsch. Was vor tausend Jahren war, das ist für uns heute nicht relevant, das kann nicht die Lösung für heutige Probleme sein.
Gut gesagt.
Die Technik erleichtert ja das Leben auch. Es geht wohl mehr um die Verhandlung, unter was für Bedingungen wir leben möchten, was für Lösungsoptionen wir haben. Die Technologie abzuschaffen ist Quatsch. Vor allem, weil das auch gar nicht geht. In bestimmten Kontexten kann so eine plakative und provozierende Botschaft gut sein, so werden manche Leute hellhörig, das ist auch fein so. Aber als Ideologie, dass man wirklich zurück zum paläontologischen Zeitalter möchte, kann das ja niemand ernst nehmen. Das ist ja dann eher ein Scherz.
Ist eigentlich nur in Deutschland diese Trennung von „Polit-Linken“ und „Subkultur-Linken“ so stark ausgeprägt? Einerseits existieren diese ganzen alten radikalen linken Zeitschriften, aber wenn ich da etwas von Kultur lese, dann scheint es so, dass das letzte Geile für die – total platt gesagt – halt Ton Steine Scherben und Jimi Hendrix waren. Nichts gegen die Scherben und Jimi, aber…als ob seit Ende der 60er (sub)kulturell nichts mehr passiert wäre.
Ich finde schon, dass diese Trennung in Deutschland sehr stark ist. Vielleicht auch stärker als anderswo. Ich glaube, zum größten Teil ist das eine Widerspiegelung davon, dass es einen ungelösten Konflikt gibt zwischen dem, was als „richtiger“ oder „harter“ politischer Arbeit und „weicher“ kultureller Arbeit gesehen wird. Im Anarchismus ist dann das „Harte“ so was wie der Klassenkampf und das „Weiche“ z.B. persönliche „Lifestyle“-Geschichten. Die Haltung ist dann in etwa so: Musik ist cool, klar – aber politisch ist es unwichtig, ob man Punk, Folk oder Goth hört, und es ist auch irrelevant, ob du Bier, Cola oder Apfelsaft trinkst, ob du Haustiere hast oder nicht. Es geht in erster Linie um die ökonomischen Themen und die politischen Organisationsfragen. Da werden also oft zwei Ebenen aufgemacht. Ich finde aber beide wichtig.
Ich habe mich bei einigen linken Polit-Veranstaltungen mit einem kulturellem Abendprogramm oft gewundert, dass nach all den langen erbitterten Diskussionen von wegen scheiß Kapitalismus, Militanz-Debatten etc. pp. dann abends doch sehr normale und seichte Musik läuft, die keineswegs in ihrer Gewöhnlichkeit die Radikalität der tagsüber besprochenen Themen wiedergibt. Bisschen „Bela ciao“ und sonst Scherben, Hendrix und hey, Rio-Solo-Songs!
Ja, so kann es mir auch gehen. Aber in meiner Sozialisation waren kulturelle Zusammenhänge eben immer wichtig. Deshalb mag ich diese „Das ist ja nur Lifestyle“-Kritik nicht. Aber auch die „Politik ist langweilig“-Kritik finde ich nicht so toll. Das eine schließt das andere ja nicht aus.
Ja klar, auf jeden Fall, nur Musik konsumieren und hören und unterstützen, das ist ja auch nie der coole Anspruch gewesen, es ist ja schon dieses „mehr als Musik“ im Sinne von der Verknüpfung des eigenen kulturellen Geschmacks und der „zwangsläufig“ daraus zu ziehenden ethischen Konsequenzen im Hinblick auf eigenes Konsumverhalten, Positionen zu Umweltschutz, Menschenrechten, Anti-Sexismus, Anti-Rassismus etc. Aber so ganz dann wieder nur Politik ist ja auch, äh, zu wenig.
Die politischen Themen können spannend sein, und die subkulturellen halt ebenfalls. Das kann beides gut zusammengehen. Aber die von dir angesprochene Trennung zieht sich ja auch stark durch die linke Verlagsszene. Du siehst ja, wer Politik- und wer Kultur-Publikationen macht, das sind schon recht stark getrennte Szenen. (siehe Anmerkung 5.)
Dieses Buch von dir kenne ich nicht: „Prison Round Trip by Klaus Viehhman, translated and introduced by Gabriel Kuhn“. Kannst du uns etwas zum Inhalt sagen?
Das ist eine kleine Broschüre. Klaus Viehmann war als Mitglied der Bewegung 2. Juni 15 Jahre im Gefängnis. Ich hab hier einen Text von ihm über Erfahrungen im Knast ins Englische übersetzt.
Von ihm ist ja auch der „Drei zu eins“-Text?
Genau. Der Text, den ich hier übersetzt habe, wurde ursprünglich in der Zeitschrift Arranca gedruckt, glaube ich. Er beschreibt, wie man sich im Knast behaupten und auch Widerstand leisten kann. Im Knast wird ja deine gesamte Persönlichkeit angegriffen. Der Text handelt von Strategien, wie man trotzdem lebendig und aktiv bleiben kann. Ein langjähriger politischer Gefangener aus den USA, Bill Dunne, hat dann noch ein Vorwort dazu verfasst.
Bei Viehmann ist es ja dann auch ein „bisschen“ die Frage von wegen Anarchismus und Gewaltlosigkeit.
Na ja, Klaus kommt nicht unbedingt aus einer gewaltfreien Bewegung. Aber das ist ja eine alte Diskussion. Manche Anarchisten verstehen sich als gewaltfrei, andere nicht, und alle diskutieren dauernd, was Gewalt überhaupt ist. Wie dem auch sei, ich fand die Auseinandersetzung mit der Geschichte des bewaffneten Kampfes immer wichtig.
Du bist an Sport interessiert, das sieht man auch an deinen Veröffentlichungen, wie zum Beispiel dem „Anarchist Football (Soccer) Manual“ oder Texten im Fanzine „Give ’em the Lumber“, ein Punk-Eishockey-Zine aus San Francisco.
Das Eishockey-Zine gibt es leider nicht mehr. Nun ja, Fußball. Das Thema Sport war wie bereits gesagt ein zentrales in meiner Jugend. Sport hat mich immer interessiert, sowohl aktiv als auch als Zuschauer. Und an Texten arbeite ich halt leidenschaftlich gerne, ob es sich nun um Zines, Zeitschriften oder Bücher handelt. Diese zusammenzustellen, macht mir immer sehr viel Spaß. Na ja, und dann gibt es eben eine Reihe von Themen, die mich interessieren, also Sport, Fußball, Anarchismus, Straight Edge oder auch die Geschichte der Piraten, und wenn sich die Gelegenheit bietet, versuche ich eben diese Interessen mit Publikationsprojekten zu verbinden.
Ja, ganz klasse Piratenbuch von dir („Unter dem Jolly Roger. Piraten im Goldenen Zeitalter“, Assoziation A, Berlin 2011).
Danke.
Es ist ja immer die Frage, ob man bei den Piraten wirklich eine Art von Proto-Anarchismus erkennen könnte. Denkst du, dass die Popularität der „Fluch der Karibik“-Kinofilme oder der Fernsehserie „Sons of Anarchy“ irgendwie eine Art Aktualität des Anarchismus bewirkt haben?
Ich weiß es nicht. Von „Sons of Anarchy“ habe ich nie eine ganze Sendung gesehen. Geht‘s dort nicht eher um Anarchie als Chaos, Aggressivität, Zerstörung, Zusammenbruch der Ordnung und so? Oder auch um so ein gewisses trotziges widerständiges Lebensgefühl, eine Art nihilistische „Ich scheiß auf alles“-Haltung? Na ja, wie gesagt, ich kenn mich bei der Serie nicht aus, aber das macht vielleicht auch nichts. Es gibt Anarchisten, die können sich sehr über einen „Missbrauch“ des Anarchismus-Begriffes aufregen. Versteh ich zwar, aber mir selber ist das ziemlich egal. Ob die Leute Anarchismus gut oder schlecht finden, hängt nicht von einer Fernsehserie ab.
Und bei „Fluch der Karibik“, schimmern da für dich als Piraten-Forscher gewisse utopische anarchistische „Vibes“ durch?
Also das ausgeschmückte und letztendlich sehr positive Piratenbild hat ja was, aber es handelt sich hier natürlich um eine kommerzielle Romantisierung des „Goldenen Zeitalters der Piraterie in der Karibik“. Mit der Piratenforschung ist es generell schwierig, es gibt kaum schriftliche Piraten-Dokumente wie Briefe oder Tagebücher. Deshalb eignen sich Piraten immer gut als Projektionsfläche: einerseits die blutrünstige Bestien, andererseits kann man sie auch prima revolutionär aufladen. Diese unterschiedlichen und konträren Interpretationen machen das Ganze aber auch spannend.

Deshalb ist das Piratenbild in den Johnny Depp-Filmen nicht völlig falsch oder in meinem Buch total richtig. Ja, ich würde schon für mich in Anspruch nehmen, dass in meinem Buch ein differenzierteres und damit auch genaueres Bild der Epoche präsentiert wird als in den Filmen. Aber ein Hollywoodfilm ist ja auch nicht in erster Linie eine historische Aufarbeitung, da geht‘s ja um andere Sachen. Aber auch hier würde ich sagen, dass es für mich nicht so wichtig ist, ob die Darstellungen meinen Auffassungen entsprechen. Es können ja alle ihre Perspektiven anbieten, das macht es ja auch spannend.
Ich finde es lustig, dass du als SE- und Anarchismus-Forscher dich für Piraten interessierst.
Du meinst, weil die auch mal Alkohol und ich nicht…?
Leider ja, ich weiß, total stumpf.
Nein, ist ja so. Aber ich glaube, ich habe mich immer für Themen interessiert, die für andere nicht astrein zusammenpassten. Im Gymnasium, das weiß ich noch genau, wurde mir einmal erklärt, dass das doch wirklich seltsam sei, das mit dem Metal, den langen Haaren, dem Fußball, dem Philosophiebüchern und dem fehlenden Bier. Aber so war‘s halt.
„Der“ ist anders wie „wir“.
Ja, ein bisschen zwischen den Stühlen vielleicht. Kann manchmal unangenehm sein, aber man kann es sich dort auch ganz gut einrichten. Zumal du ja auch selber diese vermeintlichen Widersprüche nicht als Widersprüche erlebst. Also nehmen wir das mit den Piraten, dem Alkohol und SE: SE ist ein Teil meiner persönlichen Geschichte, ja. Aber das heißt ja nun nicht, das ich mich nicht für Geschichten interessieren darf, wo Leute auch mal besoffen ins Meer fliegen. Ich kann das nicht besser erklären.
Ist angekommen. Hey, willst nen Bier, du siehst doch nicht aus wie…Äh ja.
Haha.
Verfolgst du eigentlich die offizielle Popkultur-Literatur, gerade halt zum Beispiel den Hype um „Retromania“ von Simon Reynolds?
Das habe ich nicht gelesen und ich war auch mehr in 90ern an solchen Themen interessiert. Damals habe ich die Spex monatlich gelesen, Diederichsens Texte waren wichtig für mich, aber irgendwie habe ich mich später für anderen Themen mehr interessiert. Diese popkulturellen Gebiete, die fand ich irgendwann ein bisschen langweilig und oft auch eher aufgesetzt. Nicht jede Chartspop-Band erlaubt dir, den Zustand unserer Gesellschaft von A bis Z zu durchleuchten.

Gerade die schon erwähnten postmodernen Theorien eignen sich ja dazu sehr, damit kannst du jeden Firlefanz ganz toll begrifflich aufblasen, dann knallst du noch ein paar Referenzen dazu – Filme, Kunst und so – und ein paar Zitate von den Franzosen, aber eigentlich sind alle Assoziationen völlig willkürlich und für Menschen außerhalb des eigenen Zirkels komplett irrelevant. Dieses Gefühl habe ich in dem Bereich oft. Es gibt natürlich auch tolle theoretische Popkultur-Texte, ganz klar.
Du hättest dein Interesse und Kritik ja eigentlich auch in einer akademische Karriere Richtung Promotion vertiefen können, hast das aber nicht gemacht, oder?
Promoviert hab ich schon: Doktor der Philosophie.
Ach, komm!
Ja, ich war früh fertig. Danach wollte ich aber nicht mehr an der Uni bleiben. Aber das Philosophie-Studium war damals eigentlich recht cool, du bekamst alle deine Scheine mit Hausarbeiten und geschrieben hab ich ja immer gerne. Die Uni selber ging mir allerdings auf die Nerven. Deshalb auch lieber noch einmal zurück zu etwas anderem, nämlich dem mit dem DIY-HC-Netzwerk als Beispiel für einen „Erfolg des Anarchismus“. Ich führe das auch gerne als Beispiel an, weil viele Polit-Leute nicht verstehen, wie groß doch die Selbstverwaltung und Selbstorganisation im HC-Punk ist, auch das Prinzip der gegenseitigen Hilfe. Ohne jetzt das alles idealisieren zu wollen, aber diese Punk-Community ist schon sehr einzigartig. Über den Spanischen Bürgerkrieg z.B. reden eh alle.
Ich kenne es genau andersherum: die Anarchisten reden fast nur vom tollen HC-Punk als Beweis für anarchistische Realitäten, aber sprechen null von dem Spanischen Bürgerkrieg.
Gut, es kommt wohl auf die Kreise an. Wie gesagt, es gibt ja da recht starke Trennlinien. In Stockholm z.B. verstehen sich auch viele, die zu HC-Punk-Konzerten kommen, als Anarchisten, aber die sprechen wohl auch nicht vom Spanischen Bürgerkrieg. Deshalb schleppe ich dann immer wieder meinen Polit-Büchertisch mit. Zwar kauft da praktisch niemand was, aber einige sehen sich die Sachen wenigstens an – ist ja auch was wert. Etwas pathetisch gesagt versuche ich halt, Brücken zu bauen zwischen den Kultur- und Politik-Kreisen.
Hey, gutes Bild, passt.
Kann ja auch ganz lustig sein, wenn du in Polit-Kreisen sagst „Schaut euch doch HC mal an“ und auf den HC-Punk-Konzerten meinst „Willst du nicht mal Landauer lesen?“.
Kommen wir zum Abschluss: Kurze Fragen zu einigen willkürlich von mir ausgewählten Bands mit der Bitte um kurze Antworten, also, was dir spontan zu den Bands einfällt. Fangen wir an: Daily Terror?
Zu denen kann ich nicht viel sagen, die haben mich nie besonders interessiert. Aber guter Name.
Hast du in den 80er dann eher so Bands wie die Böslinge gehört?
Nein, das war noch zu früh für mich. Bei Seven Sioux war ich dann schon dabei, die fand ich ganz groß.
Heiter bis Wolkig?
Also…
Einerseits „Hey rote Zora“ und Splitsingle mit Slime Anfang der 90er, aber dann auch die Vergewaltigungsdebatte?
Ich hatte die Band erst aufgrund der Debatte wirklich auf dem Radar und da ging das Musikalische dann stark unter. Hatte die vorher nie wirklich gehört, kann deshalb auch dazu nicht viel sagen.
Concrete Sox?
Das hier läuft irgendwie nicht gut. Crass, Conflict, ja, aber das war‘s dann auch schon fast mit dem britischen Anarcho-Punk der 80er. Wie gesagt, ich bin eher bei SST oder Epitaph zuhause.
Wie steht es mit Attwenger?
Gut, das ist ein Volltreffer, die fand ich immer super! Attwenger waren ja wirkliche Pioniere, heute ist das ja etwas üblicher, Folk und Punk zu mischen, aber vieles ist da auch ziemlich seicht. Attwenger haben das klasse gemacht, aber vielleicht kommt jetzt auch nur mein österreichischer Regionalismus durch und dass die im Dialekt singen und so.
Haha.
Aber ich finde Attwenger auch in ihrer Entwicklung recht spannend. Und ganz klar: in meiner Jugend war Volksmusik bieder und reaktionär und dann haben Attwenger das in einen ganz anderen Kontext gestellt.
Du bist großer SST-Fan, was sind deine Lieblingsveröffentlichungen und was geht gar nicht?
Lieblingsbands sind auf jeden Fall The Last und Flesh Eaters, dann aber auch Screaming Trees und die verschiedenen Projekte von Greg Ginn.
Yeah, interessante Auswahl.
Henry Kaiser auch, wobei The Last und Flesh Eaters wirklich in einer ganz eigenen Kategorie sind. Das war für mich auch ein bisschen wie Attwenger: das waren Bands auf einem Punklabel, aber deren Musik schien nicht auf ein Punklabel zu passen, aber genau deshalb passte es dann wieder perfekt. Ich fand aber auch die ersten Meat Puppets-Sachen gut, und ich bin ein großer Dinosaur Jr.-Fan, wobei mir die post-SST beinahe besser gefallen.
„Where have you been“?
Das fand ich schon sehr cool. Sonst, was gar nicht geht auf SST? Da fällt mir echt keine Band ein. Wobei, viele der bekanntesten Bands waren nicht so mein Ding, etwa Descendents, Minutemen oder Hüsker Dü. Dann schon eher All. Generell finde ich bei SST das Faszinierende, wie zahlreiche musikalische Genres, die sonst getrennt sind, friedlich nebeneinander existieren können. Es gibt im HC ja doch oft sehr generische HC-Label-Sounds, den typischen Victory-, den klassischen New Age Records-Sound usw.
Wishing Well Records.
Ja, das fällt wohl auch da rein. Aber bei SST, alleine diese Gitarren von Greg Ginn und dann der experimentelle Sound von Negativland und Sonic Youth anfangs. Ich hatte meine Mixtapes immer schon sehr „eklektisch“ gemacht, deshalb hatte mich SST sofort angesprochen. Es entwickelten sich dann auch so richtige Nerd-Tendenzen. Ich musste dann irgendwann alles von SST hören. Was auch sehr wichtig war, als ich Anfang der 90er Jahre das Label mehr und mehr für mich entdeckte: auch wenn gerade bei Black Flag die erste Assoziation die „Schwarze Flagge“ und Anarchie war – obwohl‘s darum bei denen eigentlich gar nicht geht – und ich die Musik okay fand, zog mich, wie es halt so ist, das ganze Package an, also auch die Ästhetik.

Das war ja alles etwas anders als bei vielen HC-Punk-Bands. Du kamst ohne Mohawks und Nieten aus, und das war nie so meine Sache. Ich hatte aus meiner Metal-Zeit die langen Haare und war mit Turnschuhen, Jeans und T-Shirt sehr zufrieden, und die meisten SST-Musiker trugen das ja auch. Und dann gab es da wohl auch diese Identifikationsfläche mit vorwiegend weißen Kids aus der Mittelklasse, die das bürgerliche Leben scheiße fanden und es sich leisten konnten, etwas anderes zu probieren. So nach dem Motto „Wir machen jetzt einfach mal, ohne an die Karriere zu denken“ und mit diesem Gefühl „Wir schlagen uns da schon durch“. Das zu verleugnen wäre Quatsch – aber da waren wir ja schon. (siehe Anmerkung 6.)
Ich kannte als Teenager Bilder von der Exploited „Punks not dead“-LP und all so was, da waren ja auch immer Fotos von den Leuten dabei – und dann sah ich in einem Foto-Buch die ersten Bilder der Dead Kennedys, das war echt ein total geiler und verwirrender Schock-Moment…„Häh, die sehen ja aus wie mein Erdkunde-Lehrer!“.
Ja, bei mir waren es auch Bad Religion, bei denen ich dachte „Aha, man kann auch so aussehen und Punk sein?“.
Der Klassiker zum Abschluss: AC/DC oder KISS?
AC/DC!
Hast du noch einen Gruß an unsere Leser?
Wer wirklich das Interview bis hierher durchgelesen hat: Vielen Dank!

***
Bücher und Broschüren (Deutsch und Englisch)

1994
Leben unter dem Totenkopf. Anarchismus und Piraterie (Wien: Monte Verita)
1997
Women Pirates and the Politics of the Jolly Roger (mit Ulrike Klausmann und Marion Meinzerin, Montreal: Black Rose)
1999 – 2004
Verschiedene Zines, vor allem bei Alpine Anarchist (www.alpineanarchist.org)
2005
Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden. Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus (Münster: Unrast)
Gustav Landauer: Anarchism in Germany and Other Essays (Übersetzer mit Stephen Bender, San Francisco: Barbary Coast)
2007
Jenseits von Staat und Individuum. Individualität und autonome Politik (Münster: Unrast)
2008
„Neuer Anarchismus“ in den USA. Seattle und die Folgen (Münster: Unrast)
2009
Vielfalt – Bewegung – Widerstand. Texte zum Anarchismus (Münster: Unrast)
Gregory Jackson: Tötet den Bullen in eurem Kopf! Zur US-amerikanischen Linken, White Supremacy und Black Autonomy (Übersetzer, Münster: Unrast)
Mit geballter Faust in der Tasche: Klassenkonflikte in der Linken – Debatten aus Schweden (Moers: Syndikat-A)
Klaus Viehmann: Prison Round Trip (Übersetzer, Oakland/Montreal: PM Press/Kersplebedeb)
2010
Von Jakarta bis Johannesburg. Anarchismus weltweit (mit Sebastian Kalicha, Münster: Unrast)
Straight Edge. Geschichte und Politik einer Bewegung (Münster: Unrast)
Life Under the Jolly Roger: Reflections on Golden Age Piracy (Oakland: PM Press)
Sober Living for the Revolution: Hardcore Punk, Straight Edge, and Radical Politics (Oakland: PM Press)
Gustav Landauer: Revolution and Other Writings: A Political Reader (Übersetzer, Oakland: PM Press)
Clenched Fists, Empty Pockets: True Life Experiences of Working-Class Acitivists in the Middle-Class Left (Montreal: Kersplebedeb)
2011
Unter dem Jolly Roger. Piraten im Goldenen Zeitalter (Berlin/Hamburg: Assoziation A)
Soccer vs. the State: Tackling Football and Radical Politics (Oakland: PM Press)
Erich Mühsam: Liberating Society from the State and Other Writings: A Political Reader (Übersetzer, Oakland: PM Press)
2012
All Power to the Councils! A Documentary History of the German Revolution of 1918-1919 (Übersetzer, Oakland: PM Press)
Geronimo: Fire and Flames: A History of the German Autonomist Movement (Übersetzer, Oakland: PM Press)
2013
Cindy Milstein: Anarchism and Its Aspirations (Übersetzer, Münster: Unrast)

***
Anmerkungen:

1. Typ, get over it, ja, es ist offensichtlich sehr schön da. Mahnend: Die Redaktion.

2. Gegendarstellung Jan: Wenn man in Bermuda-Shorts draußen in Mannheim sitzt und es dann um die Südsee geht, dann kann man ja wohl mal nachfragen! Es waren auch Biere im Spiel. Ich musste doch für zwei ran!?

3. Nicht auf den Alk schieben, Jan! Und lieber Kollege im Außenbüro Frankfurt: Bermuda-Shorts und Südsee, denk da mal länger drüber nach. Augenzwinkernd: Die Redaktion.

4. Zu diesem ganzen Komplex (Kritik der) Postmoderne gibt es auch ein gutes Buch von Jan Rehmann: Postmoderner Links-Nietzscheanismus. Deleuze und Foucault. Eine Dekonstruktion, Argument Verlag, Hamburg 2004.

5. Von daher auch wenig überraschend, dass unser Versuch, die Polit-Linken mit dem Trust zu vernetzen, nicht fruchtete und sich nur wenige unsere Rundmail Ende 2011 an viele linke Buch- und Zeitschriften-Verlage überhaupt zurück meldeten. Der Betreff jener Mail war „Subkultur trifft Politik / Trust Fanzine“ und der Inhalt:

„Hi liebe Verlage und Polit-Zeitschriften, wir würden gerne als „Subkultur“- Fanzine mehr mit den „Polit“-Zeitschriften / Verlagen zusammenkommen. Uns erscheint das doch zu unrecht sehr separiert. Dabei könnte man doch viel voneinander lernen. Wenn ihr uns schon kennt, super, wenn nicht, vielleicht interessiert euch ja eine Kooperation? Wir fänden es toll, und sinnvoll, wenn die „Sub-Kultur“-Ebene sich mehr wieder mit der „Politik“-Ebene begegnen könnte, dieses Schreiben ist nur ein Anfang. Im Prinzip ist das doch alles total albern: ihr habt größtenteils die Jugend- und Kulturzentren in den 70er gestartet bzw. dafür gesorgt, dass es besetzte Häuser gibt, – und wir haben dann in den 80er und bis heute dort diese Strukturen für unsere Hc-Punk-Szene verwendet, da schließt sich doch der Kreis.“

Vielleicht hat ja jetzt jemand Lust, sich zu melden zwecks gemeinsamer Kooperationen?

6. Eine Ergänzung zu den Themen SST und Postmoderne: Joe Carducci, früherer SST-Mitarbeiter und Punk-Autor, wurde kürzlich interviewt, hier ein entsprechender Auszug (Vgl. thequietus.com/articles/12184-joe-carducci-interview):

Question: I was also intrigued by your description of the Black Flag/ SST having more to do with the radical lineage of the Black Panthers, Weathermen, SLA rather than a purely musical one. It certainly makes sense to me given that your descriptions of life in LA at that time and at the label as something akin to a combat zone with an added siege mentality thrown into the mix for good measure. How did you manage to not just survive but also thrive in such an extreme environment?

Joe Carducci: It was more that we didn’t have this pseudo ironic detachment of the indie world hipsters you see triumphant today. I tried to get at that in my description of the immigrant and working class threads in our mostly suburban lives to that point. SST bands played and practised hard and were hard on each other and didn’t quit so easily. We weren’t post modern maybe in the way that the UK scene became very quickly after 82.“

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