Februar 23rd, 2007

FUGAZI (#54, 10-1995)

Posted in interview by andreas

Nach langer – fast dreijähriger – Tour-Abstinenz von Europa waren FUGAZI aus Washington D.C. heuer im Frühling und Sommer endlich wieder live zu erleben, im Gepäck das phantastische neue Album „Red Medicine“. Live wie auf „Red Medicine“ präsentieren sich Brendan Canty, Joe Lally, Ian MacKaye und Guy Picciotto als vitale musikalische Einheit, die nichts von ihrer schon sprichwörtlichen Energie verloren hat.

Ein FUGAZI-Gig ist auch 1995 adrenalintreibende und gleichzeitig denkwürdige Inspirationsquelle, unterstreicht nachdrücklich die unbestrittene Qualität einer Band, die nicht den bequemen, sondern immer ganz (selbst-)bestimmt ihren eigenen Weg geht.

Die Vorfreude und Spannung war gross. „Red Medicine“ wurde viel und gern gehört, die üblichen Spekulationen, wieviele Leute zum Konzert kommen würden, gern aufgegriffener Kneipengesprächsstoff. Immerhin, es hat sich einiges verändert seit FUGAZI zuletzt in Europa und österreich waren. Die sicheren „Banken“ von früher gilt es neu zu überprüfen. Eine vermeint inhaltlich geeinte „Community“ existiert (nicht?) mehr oder nur mehr in Bruchstücken, subkulturelle Identität und Versuche eine selbstbestimmte Individualität zu leben, äussern und finden sich längst (wie wahrscheinlich eh und je) abseits und völlig ausserhalb der „Hardcore- und die Folgen“-„Szene“, die zudem einen grossen Fuss im Mainstream hat (und umgekehrt) – somit als Austragungsort von Selbstfindungen und -Inszenierungen nicht mehr ganz so lustig ist.

Die „Kids“ – und wer will es ihnen verübeln? – orientieren sich am Fun-Faktor und den bekommen sie bei diversen MTV-Bands in „kommerziellen“ Veranstaltungsorten astrein besorgt, sonst würden sie dort ihr Geld nicht hintragen. Entwicklungen, von denen mir „Red Medicine“ (auch) zu sprechen scheint, wie mir das Album insgesamt nach einer neuerlichen, unzynischen, unverbitterten und sehr behutsamen Standortbestimmung/Findung klingt, musikalisch und textlich. FUGAZI sind eine der letzten, breiter wahrgenommenen, tatsächlich gehörten Bands aus Punk- und Underground-Zusammenhängen, die nicht bei einem Major sind und nie bei einem Major sein werden.

Was (mich) freut, nicht, weil ich bei Majors das Wurzel aller übel dieser Welt orte, sondern weil FUGAZI ein Beweis sind, dass die reale Alternative – zumindest in Einzelfällen – machbar und verwaltbar ist: Unversehrte künstlerische Integrität und „Ruhm“/kommerzieller Erfolg, den FUGAZI ja ohne Zweifel haben.

Das FUGAZI, ihre Beispielhaftigkeit, oder gar „Idol“-Funktion oft auf diese, letztendlich wirtschaftlich bedingte und gehandhabte Autonomie reduziert wird, ist traurig, weil ihr zugrunde noch viel wesentlichere Freiheiten – oder besser das Ringen um diese – liegen, die sie auch immer wieder thematisieren. Nämlich die des sehr wohl und notwendigerweise caring und aware menschlichen Wesens und seines Ausdrucks, bei ihnen Band und Musik, deren erreichte Grade korrespondieren und sich aneinander reiben. Was nichts „schöner“ beweist, als der (selbst-)mörderische Zustand der amerikanischen Gesellschaft, die eine eben nicht caring und aware, sondern un-soziale Individualität ihren Motor nennt.

FUGAZI machen nicht nur in ihr ein wichtiges – wie gross auch immer – Fenster auf, sondern auch und gerade in Jugend- und Subkultur, wenn mensch davon abgeht, ihre Haltungen und Handlungen – etwa Drogen- und Alkoholverzicht – als Dogmen zu missverstehen, sondern sie als das genommen werden, was sie sind – Beispiele und Möglichkeiten mit Hand und Fuss, mit Geschichte/Grund und Gegenwart/Praxis, anwendbar und erklärbar in allererster Linie für und aus sich selbst.

Der Alte Schlachthof in Wels war dann tatsächlich sehr – aber nicht bumm- voll und das Publikum eine sehr, sehr bunte Mischung. Von unbekümmerten FUGAZI-DebütantInnen bis zu erwartungsfrohen „Althasen“, die sich zum zigten Mal die dynamischen Vier aus übersee gönnten, war (fast) Alles vertreten. Während KURORT spielten und vor einem Konzert, das sehr schön, lang und voll mit Songs aus/von allen Phasen und Veröffentlichungen der Band und dabei – Zitat meines Bruders – sehr sympathisch war, setzte sich Ian MacKaye im Schlachthof-Büro meinen Fragen.

***

Wie gehts Dir?

Ian: Jetzt gerade bin ich müde. Wir sind seit sieben oder acht Wochen auf Tour. Wir waren bisher in England, Schottland, Irland, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, der Schweiz, Portugal, Slowenien, österreich und dann kommen noch Deutschland, Dänemark, Norwegen und Finnland, drei weitere Wochen, 6 Gigs pro Woche.

Warum hat mensch hier in Europa solange nichts von Euch gehört?

Ian: Es ist nicht so, dass wir untätig waren. 92 waren wir hier, 93 haben wir fast 7 Monate getourt, 3 Us-Touren, Australien und Neuseeland, Japan und Singapure. Du darfst auch nicht vergessen, dass wir im 92 an „In On The Killtaker“ gearbeitet haben, wir nahmen mit Steve Albini auf, haben das nicht verwendet, nochmal aufgenommen … Als wir 94 heimkamen, musste Brendan eine zeitlang weg aus D.C., das reduzierte unser Jahr von 12 auf 6 Monate, er war ein Monat in der Stadt, ein Monat weg.

Wir schrieben viel, nahmen eine Menge Demos auf unserer 8-Spur-Maschine auf, verwarfen die Versionen wieder, schrieben mehr. Wir spielten 8 Shows in Brasilien. Im Herbst erarbeiteten wir die endgültigen Versionen der Songs (von „Red Medicine“), im Januar begannen wir aufzunehmen und jetzt sind wir wieder auf Tour. Es ist auch nicht so, dass wir „Europa auslassen“, aber die Welt besteht aus mehr (…). Wir stammen aus den Vereinigten Staaten und dort haben wir mehr Routine.

Fiel es euch früher leichter Songs zu schreiben?

Ian: Das kann ich nicht sagen. Heute ist nicht Gestern. Ob es leichter oder schwerer ist – es ist anders. Bei den ersten beiden Platten waren die meisten Songs von mir, es ging schneller. Jetzt schreiben wir alle vier die Musik. Wenn du sieben oder acht Jahre in einer Band bist, möchtest du dich weiterhin selber fordern, du willst zufrieden sein mit dem was du tust. We could rip off Songs, wenn wir wollten, aber wir wollen nicht.

Wir haben keine grosse Eile etwas zu veröffentlichen. (…) Wir sind sehr zufrieden mit dieser Platte. Wir kamen früh in dieses Restaurant, diesen Club und sie spielten sie und it didn`t sound embarrasing. Bei allen anderen ist es uns immer so gegangen – they sound too weird, bislang klingt diese nicht so für uns. Es ist komisch, normalerweise bringst Du eine Platte raus und hasst sie. Nicht hassen, aber … Wenn du die Songs live spielst und dann so hörst …

Brendan lebt jetzt wieder in D.C.?

Ian: Ja.

Arbeitest Du noch für Dischord?

Ian: Ja, ich arbeite immer noch dafür. Es funktioniert ohne mich, Amy (Pickering), Amanda und mein Bruder machen die Arbeit, aber wenn ich Zeit habe …

Zum Text von „Target“ …

Ian: Es ist Guy`s Text, darum kann ich dir nicht wirklich etwas dazu sagen.

„Fell, Destroyed?“

Ian: Guy hat ihn geschrieben.

Ihr haltet eure Lyrics immer sehr offen, frei für Interpretationen, diskutiert ihr intern die Texte?

Ian: Nicht wirklich. Nein. Schau, einer der ersten Songs, den Guy jemals sang war „Give me The Cure“. Der erste war „Break In“. Wir spielten in New York, Guy hatte zuvor noch nie gesungen, wir hatten die Musik zu „Give Me The Cure“, aber keine Wörter dazu. Guy hing beim Proben rum und sagte, dass ihm vielleicht etwas dazu einfällt.

In New York dann, bei diesem Aids-Benefiz hat er vorher gesagt, er will ihn heute singen. Ich hatte keine Ahnung, was er singt und wovon der Song handelt. du musst Vertrauen haben.

Ich hatte den Eindruck, dass Ihr früher manche Eurer Songs unterwegs verändert habt, ist das heute auch noch so?

Ian: Jetzt entstehen unsere Songs nicht mehr unterwegs. Am Anfang ja, weil wir mussten. Ich weiss nicht ob du dich erinnerst, das erste Mal in Europa hatten wir diesen Rock-Song (singt) zudem Guy den Text von Provisional sang, als wir in London aufnahem sang Guy dann (singt das markante Break des Songs) die Wörter darauf. Heute ist es anders. Wir können nicht schreiben, wenn wir touren, und nicht touren, wenn wir schreiben.

Das sind zwei verschiedene, getrennte Welten. ähnlich wie Live-Spielen und Aufnehmen? Du kannst nicht beides gleichzeitig machen. Wenn wir proben, proben wir drei mal die Woche, spielen aber niemals unsere Songs, nur neues Material. Bevor wir auf Tour gehen spielen wir drei Tage lang alle unsere Songs einmal durch, es braucht nicht viel, dass wir uns daran erinnern, wir haben sie in den Fingerspitzen.

Wie du weisst haben wir keine Set-Lists. (…) Wir vergessen nur manchmal, dass wir bestimmte Songs haben, „Burning Too“ haben wir heute beim Soundcheck gespielt, zum ersten Mal seit Monaten, es war kind of sloppy, vielleicht spielen wir ihn heute.

Hat „Red Medicine“ bei Euch eine Bedeutung, die nicht Native-Speakers entgehen könnte?

Ian: Wahrscheinlich. Das hat aber nichts mit dem Namen des Albums zu tun. Wenn du ein Kind bist und krank, bekommst du diese Medizin, cherry flavoured von der deine Mutter als die „Red Medicine“ spricht. Obwohl Du weisst sie schmeckt wie Scheisse, nimmst du sie, sie ist zuerst süss und obwohl sie schlecht ist, glaubst du, dass sie dir gut tut.

Aber wir haben den Titel nicht deswegen genommen …, der Prozess einer Sammlung von Songs einen Namen zu geben ist so verdammt bizarr. Am Anfang nahmen wir einen Song-Titel und nannten das Album so, aber das gab diesem Song zuviel Bedeutung. Wir dachten „Red Medicine“ ist eine nette Phrase, darum verwendeten wir sie.

Ein Text auf Red Medicine, der mich sofort angesprochen hat war „Bed For The Scraping“ und im besonderen die Zeile I don`t want to be defeated, die ich auf mein Umfeld und mich umgelegt habe – immer mehr Leute tauchen weg, ziehen ihr Selbstverständnis nicht mehr aus ihrem subkulturellen Umfeld, selbst versucht man sich treu zu bleiben und in diesem Umfeld seinen eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Siehst du da Parallelen?

Ian: Ich versuche mich zu erinnern, was mich veranlasst hat den Text zu schreiben, ob es eine ähnliche Situation war … Kind Of … Ich werde mein Schweigen über meine Texte für einen Moment brechen. Als ich das Lied schrieb war meine Idee – die Band und die Umstände im Zusammenhang mit ihr, der ganze Lärm, der Rauch, all das um die Band herum, die Menschen, hängen uns soviele Sachen an, die Band ist bigger than life, in einer Band zu sein vereinnahmt mein Leben völlig, hat Kontrolle über mein Leben, like being infected.

Like A Disease.

Ian: I`m sick of this. Wir sehen unsere Band so – wir haben eine ganz klare Vorstellung, davon wie die Band laufen soll und sind ständig mit Situationen – manche Möglichkeiten manche führen zu Konflikten – konfrontiert, in denen wir über Dinge nachdenken müssen, mit denen wir vorher nie zu tun hatten. Weil die Band grösser und grösser wird und es soviele Leute gibt, die etwas von uns wollen.

Und wir müssen den Prozess durchmachen herauszufinden, was ist was, was ist gut, was ist schlecht. Die Idee des Lieds war – ich werde von der Band so sehr eingenommen, die verdammte Politik, die Gefühle, it defeats den simplen Grund warum wir eine Band sind, es gibt soviel Bullshit um die Band, dabei sind wir eine Band um Musik zu machen, darum. The simple Truth. Wir machen Musik, wir wollen Musik spielen.

Alles was wir tun und getan haben, folgt dem – unsere Politik, unsere Position zu Dingen, unsere Prinzipien – Musik zu spielen, wann, wo und wie wir spielen wollen, ohne das Gefühl zu haben uns zu verleugnen oder das uns jemand erzählt, was wir tun sollen. Wir haben beschlossen es auf diese Art zu machen und wenn du das tust, musst du mit einer Menge Scheisse umgehen. Es gibt Leute, die sagen wir seien sell-out-motherfuckers und es gibt Leute, die halten uns für Genies. When your hand`s on, your hand`s on.

?

Ian: Wenn du die Arbeit machst, dann fühlst du die Arbeit. Mein Punkt war, es soll klar sein, dass die Musik der Grund ist, warum ich das tue. Eine Menge Leute, vor allem politisch motivierte, rümpfen dazu ihre Nase, als wäre das nicht genug. Fuck that. Es ist genug, mehr als genug. Music is deadly important, eine wichtige Form der Kommunikation, seit dem Beginn des menschlichen Lebens und sie hat ihren Platz. It doesn`t need to be qualified, to be magnified or rationalitzed even. Musik hat ihren Platz. Sie ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Wir sehen uns in einer langen, langen Linie von Menschen, die durch Musik kommunizieren. Wir müssen uns nicht legitimieren.

Kommunizieren – ziehst du für dich als Mensch genug aus dem, was Du mit FUGAZI machst?

Ian: Ich sitze hier. (…) Manche sagen es ist verrückt, was wir machen. Wir waren gestern 10 Stunden in Ljubiljana. In 10 Stunden in eine Stadt kommen, spielen, wieder fahren – verrückt? Es ist nicht verrückt. Ich habe Freunde in Ljubiljana, wenn ich nicht in dieser Band spielen würde, wäre ich nie dort gewesen und selbst wenn ich nur in einem fucking dressing room bin. Wir können mit dieser Band fast überall hingehen und ich mag es zu arbeiten, wenn ich unterwegs bin, weil die Welt anders aussieht, wenn du etwas zu tun hast.

***

Text/Interview: Rainer Krispel
Photos: Udo Danielczyk

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

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