Juni 26th, 2017

FREIBURG (#163, 12-2013)

Posted in interview by Jan

!Freiburg, Herzebrock-Clarholz – Punk, weil da alles Scheiße ist!

Herzebrock-Clarholz ist ein verschlafenes Nest. Gut zehntausend Menschen leben hier, es gibt ein Jugendzentrum (Klein Bonum), einen mäßigen Fußballverein (Victoria Clarholz), ein Hallenbad (mit langer Wasserrutsche), die Junge Union (in den 90ern einzige Parteijugend), Landwirtschaft und der Waschmaschinen-Produzent Miele hat hier dereinst angefangen, während Fleisch-Mongul Tönnies vor einigen Jahren nach Rheda-Wiedenbrück weitergezogen ist. Seit den 1990er Jahren gibt es hin und wieder gute Konzerte und um 2006 gab es mit dem Muck und Kneipier Wastl eine Zeit, in der monatlich ein, zwei geile Bands dort gespielt haben (u.a. Pascow, Bambix, Argies, …). Punkrockkonzerte sind allerdings typische, dörfliche Happenings, auf denen auch viele Auftauchen, die nach meinem Verständnis von Punk/Hardcore nichts am Hut haben, die aber zum Saufen gerne schnelle, vielleicht sogar harte Musik hören.

Groß anders sah es auf den ersten Blick auch nicht bei den Jungs von Freiburg aus. Das erste Mal, dass ich die Jungs gesehen habe, ist schon einige Jahre her. Es war irgendwo im tiefsten Westfalen und sie spielten Indie-Punk, der stark von Tocotronic beeinflusst war. Doch mit dem Herauswachsen aus den Teenager-Jahren wurden das musikalische Können und der Horizont erweitert. Duesenjaeger, Turbostaat und Oma Hans Alben wurden angehäuft. Mit Bands wie Lost Girls oder Willy Fog, alle in einem ähnlichen Alter, wurden die Bühnen im Umkreis geteilt. Texte veränderten sich, gingen über in Erzählungen von Geschichten. Eine Entwicklung, die sich von den Demo-CDs über die erste Platte bis zum aktuellen Album „Aufbruch“ durchzieht.

Klar muss ich einräumen, dass die Jungs anfänglich den Bonus hatten, aus dem gleichen Heimatkaff zu kommen. Zwar gab es immer wieder ganz okaye Bands aus dem Dorf, aber keine auch nur ansatzweise so gute. Dass Freunde von mir die erste Platte „High Five Zukunft“ veröffentlichten und ich für ein halbes Jahr mit Schlagzeuger Lars in Köln zusammen wohnte, macht die Vetternwirtschaft schon komplett. Aber seien wir ehrlich, so ist das auf dem Dorf und so ist es auch in Hamburg-Altona, Berlin-Neukölln oder Köln-Kalk. Dennoch ist das Interview keine Gefälligkeit, um die „eigenen Homies“ zu unterstützen, sondern einfach die Gelegenheit eine gute, junge Band einem breiteren Publikum vorzustellen.

Das Ganze war eine Mischung aus Facebook-Fragen, Küchentisch-Diskussionen und Gesprächen auf Konzerten, was es schwer macht, nun in eine sinnvolle Chronologie zu stellen. Rede und Antwort standen hauptsächlich Jonas (Bass und Gesang) und Lars (Schlagzeug).

Als Warm-Up: Stellt euch mal kurz vor, wer seid ihr, was macht ihr und warum fängt man in Herzebrock-Clarholz im Jahr 2007 noch eine Punkband an?

Jonas: Also Freiburg sind Tom, Nils, Tom und ich. Warum man gerade da anfängt mit einer Punkband? Also erstens, weil da alles Scheiße ist. Wenn du keinen Bock auf Schützenfest, Arschlöcher in Fußballvereinen etc. hast, dann brauchst du eine Nische. Zweitens, wir haben uns ja gar nicht als Punkband gegründet. Das kam erst später. Wir haben angefangen als typische Indie-Hamburger-Schule-Band. Die Umschulung, sag ich jetzt mal, kam beim Schreiben von „High Five Zukunft“. Das hat sich zwar schon bei dem zweiten Demo angedeutet, aber ab „High Five Zukunft“ war klar, nur noch Punkrock.

Lars: Is‘so! Aber neben dem einen Tom, Nils und Jonas … ist es nicht ein zweiter Tom, sondern bin auch ich dabei! Glaub ich.

Jonas: Ups, Tippfehler meinerseits.

Nils: Der zweite Tom ist ein Drumcomputer, der Lars bald ersetzt. Ansonsten stimme ich Jonas zu.

Lars: Schonmal nen drumcomputer gesehen der nicht im Takt ist oder sich mal verspielt?

Nils: Isch libbe disch unormal und Disco!!

Sich nach einem Tocotronic-Song zu benennen ist ja – wenn man aus der westfälischen Pampa kommt – ungewöhnlich. Wart ihr überhaupt mal im Breisgau? Und wenn nein, was erwartet ihr? Welche Rolle spielte Tocotronic für euch in der Anfangsphase der Band?

Lars: Ja! Tom und ich waren im Breisgau … mit Ruf-Jugendreisen und haben dort nen Halt gemacht auf dem Weg nach Lloret de Mar.

Oh Gott, das muss ich ja direkt editieren – und auf dem Weg ins Mallorca für Teenies habt ihr Tocotronic gehört? Und eine Band gegründet?

Lars: Nein, nein. So war das ja nicht! Ich habe damit nur deine Frage beantworten und mitteilen wollen, dass wir immerhin schon einmal da waren. Wäre eigentlich toll, wenn wir einfach sagen, dass wir NIEMALS dort spielen möchten!

Jonas: Also ich war noch nie da. Niemals da spielen?! Fänd ich richtig gut. Ob Tocotronic für uns wichtig waren? Soweit ich das beurteilen kann, auf jeden Fall. Ich bin zwar als letzter dazu gestoßen und kannte bis dato nur Deutschpunk, aber es hat schon uns zusammengeschweißt, dass, wenn man beim Proben nicht weiter wusste, Tocotronic-Songs runter geschrebbelt hat.

In besagtem Tocotronic-Song heißt es mehrfach, „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse“ … was hasst ihr am meisten?

Lars: Rechtsrock

Jonas: Generell den ganzen Rotz. Wenn du bei dir zu Hause ein Fenster hast, dann guck mal raus. Wenn dich da nichts oder niemand stört, dann zieh ich zu dir.

Erinnere ich mich da richtig, aber die Aufnahmen zu eurem ersten Album „High Five Zukunft“ hattet ihr gewonnen, oder? Wie kam es dann, dass Eure Freunde für euch ein Label gestartet haben? Zufall oder geplant?

Lars: Nein! Die ersten Aufnahmen für die „in einer zeit – EP“ hatten wir gewonnen. Im Jahr drauf auch die Aufnahmen und CD’s für die „Pi mal Daumen – EP“ und für unser Album Erstes Album „High Five Zukunft“ haben wir lediglich das gleiche Studio bzw. den gleichen super Typen aufgesucht, den wir zuvor bei der ersten EP kennen und lieben lernen durften. Die Aufnahmen für das Album haben wir selber aufgewendet!

Jonas: Ja, das ist komplett richtig. Ehrlich gesagt, ist das auch echt peinlich, diese EPs quasi gewonnen zu haben. Aber es gab nun mal keinerlei Möglichkeit für uns irgendwo zu spielen, daher hat man irgendwann auf die ominösen Contests zurück gegriffen. Zu der Frage mit dem Label: Ich weiß ehrlich nicht inwiefern das geplant war. Nicos (This Will Be On Your Favourite Mixtape Records) Traum war es, glaub ich, schon immer mal ein Label zu haben. Er hatte uns mal nach einem Konzert angesprochen, dass er gerne mal ne Vinyl mit uns machen würde. Wir haben das nicht für voll genommen. Ich für meinen Teil kannte ihn da auch noch gar nicht, fand es also noch merkwürdiger. Dann haben wir grad die 2. EP rausgebracht und er war am meckern aufm nächsten Konzert, wieso wir nichts gesagt hätten. Also mal hin gesetzt und gemerkt, dass er das ernst meint. 4 Songs von „High Five“ waren da auch schon geschrieben. So war alles abgemacht.

Lars: Das war auf dem HERZEROCKT 2009. Ein Freund, Kiffi, sprach mich an: „Ey Lars, komm mal mit! Ich stell dir den Typ vor, von dem ich erzählt habe, der wohl zu viel Geld übrig hat und von euch gern ne Vinyl rausbringen möchte.“ Dieser mysteriöse „Nico“.

Jonas: Es war großartig, auch wenn es im ersten Moment sehr befremdlich war.

Was waren die Rückmeldungen zu dem Album?

Jonas: Rückmeldungen? Im Allgemein? Also auch gerade in Bezug darauf, wie die Leute drauf angesprungen sind?

Yep!

Jonas: Also meine persönlichen Erinnerungen daran waren positiv. Mal abgesehen von Fanzines etc., ich glaub die häufigste Phrase dabei war: „Erwachsenes Debüt“. Dabei muss man aber halt auch sehen, dass wir ca. drei Jahre gebraucht haben, um eine musikalische Nische zu finden in der wir uns allesamt restlos zu Hause fühlen. Wobei von den Fanzines und Zeitschriften mit Ausnahme von der „Roten Raupe“ und „Plastic Bomb“ auch verhältnismäßig viel Honig um das Freiburg‘sche Maul geschmiert wurde.

Lars: Aber hallo. Und halt die üblichen oberflächlichen Phrasen …Turbostaat-Abklatsch etc.. Naja mal realistisch gesehen: Es wird wohl weniger klappen können, dass wir „prüden Ostwestfalen“ jemals auch nur annähernd den Nord-Sound bringen und leben könnten. Geschweige denn überhaupt möchten. Ohne Zweifel, gnadenlose Vorbilder, aber wenn wir wie sie sein wollten, könnten wir besser einfach Coversongs spielen! Machen wir nicht, deswegen FREIBURG und nicht Turbostaat 2.0 oder Möchtegern-TURBOSTAAT. Jeder der ein sowieso überflüssiges Review schreibt, sollte mal näher hinhören und sich nicht nur über oberflächliches Gelaber den Kopf zerbrechen, sondern zwischen den Zeilen lesen und auch dem hässlichen Entlein ein Ohr schenken und sich beim Schreiben eines solchen „Bewertungs-Textes“ auch mal Mühe geben. Dafür ist ja, wie ich hoffe, ein Review da. Damit sich Menschen, die diese Band/ Musik noch nicht gehört haben, ein Bild davon machen können und offen an kleine Kapellen heran treten und eine Chance geben. Oder?

Deutschsprachiger Punk war ja eine Zeitlang ziemlich tot. Nun kommen neue Bands hervor, die ähnlich erfrischend klingen wie auch ihr: Disco Oslo, Notgemeinschaft Peter Pan. Wenn ich mir allerdings die Bands ansehe, mit denen ihr live spielt, sind das oft eher mit Emo-/Screamo-Core Bands. Seht ihr das als Distanzierung zu dem Genre, oder ist das Zufall?

Jonas: Also es wäre absolut falsch von Distanzierung zu sprechen. In erster Linie haben sich die Konzerte halt so ergeben. Auch wenn wir 2010 mit „High Five Zukunft“ auch meist mit Bands wie Matula oder Mikrokosmos23 gespielt haben, kamen die Konzertanfragen eher in diese von dir angesprochenen Richtungen. Find ich aber selbst nicht tragisch. Ich steh selbst total auf Hardcore, Screamo und Mid90s-Emo, daher ist das zumindest für mich immer ne coole Sache gewesen. Witzig ist allerdings, dass wir nie mit einer der von dir aufgelisteten Bands gespielt haben, obwohl mit Notgemeinschaft Peter Pan mal was in Planung war, terminlich jedoch voll in die Hose gegangen sind.

Das neue Album ist 2013 auf This Charming Man erschienen. Hat sich damit für Euch etwas verändert? TCM hat einen größeren Bekanntheitsgrad und durch die Vernetzung mit Green Hell sicherlich noch mal andere Möglichkeiten, Shows zu kriegen und Platten zu verticken. Was waren für euch Beweggründe, zu TCM zu wechseln?

Jonas: Also ob es uns wirklich was gebracht hat, sehen wir glaub ich erst später. Beweggründe? Ich würde mal behaupten, dass es einfach gepasst hat. Wir waren am Schreiben, einige Songs standen schon. Ob jetzt wieder bei Mixtape Records oder irgendwen anders anhauen, an dem Punkt waren wir noch gar nicht. Und dann fingen die Gespräche mit Chris an. War alles viel versprechend. Und Chris ist einer der nettesten Menschen, die wir in unseren fast sechs Jahren kennen gelernt haben. Es stimmte einfach. Denn wenn ich was nicht leiden kann, dann wäre das bei so einem Projekt wie Album rausbringen, die Leute gar nicht zu kennen. Nur Email, nur Telefon … Chris haben wir halt kennen gelernt und das war uns in erster Linie dann noch mehr recht.

Was würdet ihr sagen, hat sich textlich geändert? Die persönlichen Texte, die kleinen Geschichten wirken ja zum Teil „glaubwürdiger“, wenn man mit Mitte 20 von Kneipenbegegnungen singt, als mit Anfang 20, oder was sagt Jürgen dazu?

Jonas: Pfff. Also textlich hat sich einiges geändert auf der neuen Platte. Aber Jürgen beruht auch gar nicht auf so einem Erlebnis, sondern auf einer Anekdote vom Niklas, der auch bei den Aufnahmen zu „High Five Zukunft“ dabei war. Dabei ist der der Ausruf „Jürgen, halb 11 an der Bar“ so inflationär benutzt worden, dass es sein „Auf Wiedersehen“ oder „Tschüss“ abgelöst hat. Als er die Geschichte rausgehauen hat kamen halt die Ideen.

Was würdest du sagen, hat sich geändert?

Jonas: Ich singe nicht mehr über meine eigenen Probleme, bzw. ich nutze die auch nicht mehr als Grundlage. Bei Aufbruch hab ich mehr das Fiktive genutzt, um Probleme, Missstände oder was mich sonst gerade angekotzt hat darzustellen. Außerdem ist es textlich wesentlich schauriger geworden.

Schreibst du alle Texte? Welche Einflüsse gerade auf dem neuen Album hast du / habt ihr gehabt?

Jonas: „Wie du so lebst“ hat Tom geschrieben und bei der ersten Strophe von „Er und die Meute“ hat Lars mir geholfen. Einfluss ist schwer zu sagen. Ich hab mir fast den kompletten Sommer über, also der Zeitraum in dem fast alle Texte entstanden sind, nur Oma Hans und Dackelblut angehört. Ich finde aber nicht, dass das eine wesentliche Beeinflussung war. Ich wollte in erster Linie das Schreiben ausbauen, weil vier Songs schon vor über nem Jahr geschrieben wurden und ich mich dabei wesentlich wohler gefühlt habe. Also hab ich versucht diesen Stil durchgängig zu halten bei dem Rest. Auch thematisch ist da ein roter Faden.

Durch die Songs von Tom entsteht eine größere Abwechslung, da die Songs von ihm ja noch stärker geschrien und gefühlt schneller und aggressiver sind. Welche Rolle spielen die Songs für Euch?

Jonas: Also live sind die echt wichtig, damit ich mal ne Pause zum Verschnaufen hab, hahaha. Ansonsten bei den Aufnahmen find ich es persönlich auch klasse, weil man mehr Abwechslung rein bringt. Ich bin ein absoluter Fan davon, wie Tom keift. Was ne Stimme!

So langsam kommt ihr ja auch aus dem Dorf raus und spielt kleinere und größere Läden. Festivals eher selten oder nur kleinere, lokale. Ist das gewollt? Welche Läden mögt ihr am liebsten und warum?

Lars: Ja, das stimmt so ein paar Läden sind schon dabei, die uns sehr gefallen. Spontan fällt mir das JZ Oerlinghausen ein. Da haben wir ja auch schon ein paar Mal gespielt und das war bis jetzt eigentlich immer ganz toll. Ganz besonders beliebt sind bei uns, und da glaube ich, kann ich für uns alle sprechen, die selbstverwalteten Läden. Riesen Gebäude mit tausenden von kleinen Ecken, in denen immer wieder neue, tolle Sachen zu entdecken sind. Also echt Hut ab an alle, die bei diesen selbstverwalteten, Autonomen-, Arbeiter-, Jugend-Zentren mitwirken. Da wird richtig was bewegt und wie unglaublich gut organisiert alles ist, verrückt! Also frei nach dem Motto „auf die Größe kommt es nicht an“ finden wir, dass es wesentlich mehr Spaß macht in einem kleinen vollen Laden zu spielen, als in einem Großen mit ein paar Leutchen. „Die Hütte muss brennen!“

Zu Festivals, können wir so viel gar nicht sagen, so viele waren es bis jetzt ja noch nicht. Aber ich denke spätestens nach dem letzten Krach am Bach Festival in Beelen können wir sagen, dass wenn der Rahmen passt (das bedeutet ein kleiner Bereich abgesteckt mit Bauzäunen), ist es auch eine verdammt gute Atmosphäre. Danke nochmal an dieser Stelle dafür, Danke Klaus. Jonas: Ja, das stimmt absolut. Die selbstverwalteten Räumlichkeiten sind einfach am angenehmsten. Allein durch das herrschende Selbstverständnis und die Liebe zum Detail.

Wie ist es für die anderen mit zwei so unterschiedlichen Brüder wie Nils und Lars in einer Band zu sein? Und wie ist es für Brüder, sich auch noch über Musik streiten zu müssen?

Lars: Oh, also ich glaube die anderen Beiden mussten schon ganz schön unter uns leiden. Brüder eben. Das schöne ist nur, dass man sich auch mal so richtig streiten kann und sich aber Ruck Zuck wieder versteht… das kennt man von früher. Da wird sich um ein Spielzeug geprügelt und am Ende sitzt Nils mit seinen Knien auf meinen Oberarmen reitend auf mir und drückt mir einen Kuss auf. Puh, und über Musik Streiten ist nicht bei uns. Nils hat die Ahnung, das Gehör und den nötigen Horizont, um über Musik zu reden. Ich kann nur meinen Hut ziehen und mein Maul halten.

Jonas: Wir haben wir schon Dank den Beiden einiges erlebt. Aber ein Problem war es nie. Weshalb auch?

 

www.freiburg-band.de

Mika Reckinnen

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