August 13th, 2018

FRANK TURNER (#176, 16)

Posted in interview by Jan

Wenn das Jemanden nicht gefällt, sagt er eben: Frank Turner ist scheiße“!

Okay, warum ausgerechnet Frank Turner? Es gibt bestimmt Hunderte von Gründen, die Musik des Engländers belanglos, langweilig oder sogar hassenswert zu finden. Auch darüber habe ich mit Turner gesprochen.

Es ist die Aufrichtigkeit, in seinen Texten, seiner Musik und auch im Interview, die den Sänger zu etwas Besonderen machen. Das ist vielleicht nicht viel, aber viel mehr, als mancher anderer anzubieten hat. In einer Rock n Roll Welt, in der Machogehabe, cool sein und Spaß im Vordergrund stehen. Irgendwann, im Laufe der Jahre, ist die Aufrichtigkeit, speziell im Alternativ- und Punkrock Kontext verloren gegangen, der Kontakt zum Publikum und Hörer abgebrochen. Frank Turner gab mir mit seiner Abrechnung an Punk Rock (Love Ire & Song), der Suche nach einem anderen Leben (Poetry of the Deed), dem traurigen Trennungsalbum (Tape Deck Heart) und dem positiven, neuen Album (Positive Songs for Negative People) den Glauben und den Spaß an Musik zurück.

2015 war bislang ein ereignisreiches Jahr für Turner. Zum Jahreswechsel erschien die dritte Zusammenstellung „The Third Three Years“, welche B-Seiten, Live Tracks und Outtakes der letzten drei Jahre enthält. Es folgte im April das Buch „The Road Beneath My Feet“. Der Titel entstammt einer Liedzeile aus dem Song „The Road“ und beschreibt die beschwerlichen, frühen Jahren auf Tour. Es handelt sich keineswegs um Memoiren, sondern um Tourerinnerungen, wie Turner immer wieder betonte. Es folgte schließlich im August das neue und aktuelle Album „Positive Songs For Negative People“.

Es gäbe also eine Menge zu besprechen, leider gibt das Management lediglich einen Termin von 15 Minuten, vor dem Auftritt auf der kleinen Promotour durch Deutschland, auf der MS Hedi, in Hamburg, einer Barkasse mit einem Fassungsvermögen von nur hundert Gästen. Nach einer kurzen Vorstellung geht es gleich ans Eingemachte. Zwischen Fritz Kola Kisten und einem Kühlschrank, im Vorratsraum des kleinen Schiffes, bei laufendem Motor, ist Frank Turner gut gelaunt und gibt bereitwillig Auskunft, über das neue Album, wie das vorherige Werk „Tape Deck Heart“ die neuen Lieder beeinflusst hat und wird dabei erstaunlich persönlich, wenn er über die Zeit vor „Tape Deck Heart“, seine Ex-Freundin, der britischen Presse und seine Musik spricht.

Bist Du glücklich? Oder lass mich die Frage andersrum stellen, warst Du unglücklich?

Oh, haha. Wir fangen sofort mit tiefgründigen Fragen an. Hmm… . Ich glaube, ich war nicht wirklich glücklich, als wir „Tape Deck Heart“ aufnahmen. Ich will da keine große und vor allem nicht selbstmitleidige Sache draus machen. Auf „Tape Deck Heart“ ging es um die unglücklichste Zeit meines Lebens. Das Album war der Preis, den ich zahlen musste, um da durchzukommen. Das Verrückte ist, es gibt so eine Art zeitliche Lücke in der Musikindustrie, ich schrieb einige Lieder, die nun auf „Positive Songs For Negative People“ drauf sind, bevor „Tape Deck Heart“ veröffentlicht wurde. Ich war nicht besonders glücklich zur „Tape Deck Heart“ Zeit, wie Du schon festgestellt hast. Heute würde ich sagen, ich musste das Album machen. Auch wenn es nicht die beste Zeit meines Lebens war.

Meinst Du damit die ganze Zeit bis jetzt?

Ungefähr. Ich persönlich finde das Wort „Glücklich“ hirnlos. „Hey, everything is fine“. So war ich nie. In meiner Definition bin ich jetzt viel besser drauf als damals. Das ist schon alles.

Ist das neue Album eine Art Antwort auf „Tape Deck Heart“?

Zum großen Teil ja. Ich würde nicht behaupten es ist 100%ig so. Lyrisch ist es eher eine Fortsetzung. Aber aus der Sicht des Songwritings, der Aufnahmen, der Musik und der Produktion, haben wir fast alles anderes gemacht, als zu den vorherigen Aufnahmen. Bei „Tape Deck Heart“ verbrachten wir viel Zeit im Studio. Ich brütete lange über den Texten. So wollte ich es nicht noch mal haben. Das neue Album haben wir in neun Tagen aufgenommen. Insofern ist „Positive Songs for Negative People“ schon eine Reaktion auf „Tape Deck Heart“. Aber eben nicht nur.

Es fühlt sich so an, als ob sich nun alles zusammenfügt. Vom alten Konzertabschlusssong „Somebody to Love“ (Queen – „Can Anybody find me, Somebody to Love“), über „Tape Deck Heart“ (dem Trennungsalbum) bis zum neuen Album (Neuanfang). Würdest Du dem zustimmen?

(lacht) Ja, ich glaube schon. Vor allem spiele ich „Somebody to Love“ wieder als Set Closer in der letzten Zeit. So schließt sich der Kreis. Ich will auch nicht zu viel von meinem Privatleben preisgeben, ich bin noch immer Single. Aber ich war letztens mit der Person, von der „Tape Deck Heart“ handelt, essen. Es war sehr nett, wir sprachen normal miteinander (ich zahlte), alles war gut (lacht).

Aber kein Neuanfang?

Es heißt ja, du brauchst die Hälfte der Zeit, die du mit jemandem zusammen warst, um über die Person wegzukommen. Wir waren vier Jahre zusammen und ich brauchte volle zwei Jahre, um wieder anzukommen. Es ist ein Anfang und es fühlt sich gut an.

Wir hören hier besser auf und sprechen lieber über das erste Lied auf „PSFNP“ – „Angle Islington“. Ich hatte Dir schon mal in einem Interview gesagt, dass ich das Gefühl habe, Du seist der „Fisher King“ (Lied auf „Tape Deck Heart“). Bestätigt hast Du das damals aber nicht. Jetzt singst Du allerdings über ein „Kingdom of Mistake“ und „Fuck the fishing“, beziehst Dich also auf wesentliche Elemente des Textes. Hatte ich am Ende doch recht?

Ich glaube schon. „Angle Islington“ war der letzte Song, den ich für das Album geschrieben habe und es war als Einführung in das Album gedacht, als eine Art Intro, aber auch als Übergang von dem einem Album zum anderen, um eine Verbindung herzustellen. Die letzte Zeile auf „Tape Deck Heart“ ist: „A Sinner amongs safe men on the banks of the moddy Thames“. Für mich ist das die stärkste Zeile auf dem Album und darum geht es auf der Platte. Nun ist die erste Zeile: “Sitting by the Thames resolve to start again”. Es geht da weiter, wo die Geschichte aufhörte. Es ist wie bei den TV Serien mit den: “Was bisher geschah” Vorspann. Also glaube ich, dass du recht hattest. Gleichzeitig ist das Lied auch als eine Art Ansage gedacht! Was will ich mit dem neuen Album erreichen, die Krone abnehmen, aufstehen und vom Fluss weggehen, weiter machen!

Ist dann in diesem Zusammenhang „Get Better“ der Epilog zu „Recovery“? In diesem Lied hieß es „Broken People can get better, if they really want to“. Und nun singst Du: „I am trying to get better, cause I haven’t been my best yet”.

Stimmt. Aber ich wusste natürlich nicht, dass ich “Get Better” schreiben würde, als ich “Recovery” schrieb. Da war kein Plan hinter. Ich muss gestehen, ich hatte der Zeile (in „Recovery“) nie viel Bedeutung beigemessen, bis ich „Get Better“ geschrieben hatte. Ich habe oft Lieder auf meinen Alben, die bereits ankündigen, wie das nächste Album klingen könnte. Auf „England Keep My Bones“ gab es „Redemption“. Ich dachte immer, das Lied müsste eigentlich auf „Tape Deck Heart“ sein.

Verstehe. Ich dachte immer „Redemption“ wäre der zweite Teil zu Isabell (vom Vorgängeralbum „Poetry of the Deed“).

Genau.

Und dann habe ich Dein Buch, über das wir gleich noch sprechen werden, gelesen und festgestellt, dass das nicht sein kann.

Ja und nein. Lass uns darüber später reden. Auf jeden Fall deutete das Lied bereits die Richtung an und genauso war es mit „Recovery“. Streng genommen ist das auch ein sehr positiver Song. Ich meine, es ist zwar aus der Sicht des am Bodenliegenden geschrieben, aber er blickt nach oben, es wird wieder besser. So ist der Rest von „Tape Deck Heart“ nicht. Ich weiß aber nicht welches Lied auf „PSFNP“ das nächste Album beeinflussen wird, falls Du das jetzt fragen willst. Ich mag den Gedanken an eine Art Saat, welche von einer Platte zur nächsten gestreut wird und weiter wächst.

Du benutzt oft eine sehr cineastische und bildreiche Sprache. Beispiele wären „Mittens“, „Redemption“, oder auch „Undevelop Film“, in denen Du eine Landschaft beschreibst oder eine Szenerie bzw. Situation. Kann ich diese Lieder als wahre Geschichten ansehen?

Yeah. Als ich angefangen habe meine ersten Solostücke zu schreiben, war immer alles 100% echt. Aus Gründen, die ich jetzt nicht mehr nachvollziehen kann, konnte ich mich mit Ausgedachtem nicht anfreunden. Ich wollte alles so echt und wahr wie möglich haben. Heutzutage erlaube ich mir einen größeren kreativen Spielraum. Trotzdem ist die Musik immer noch ziemlich direkt. Es gibt diesen Laden in Brooklyn, in dem ich die Postkarten gekauft und nach Hause geschickt habe. (vgl. Mittens: “Wandering lonely through the snow streets of New York, I stumbled on a thrift store that sold postcards by the yard”). Das war tatsächlich so, wie ich es in dem Lied beschreibe.

Wie viele Postkarten waren das, wenn Du die nach Hause schicken musstest?

Keine Ahnung, ein paar Tausend. Die konnte ich nicht einfach mit mir rumschleppen. Wenn Du einen Song schreiben willst, muss die Geschichte persönlich, aber trotzdem allgemein gehalten sein. Wenn Du zu detailliert bist, verbindet der Zuhörer damit nichts. Dann ist das Dein Lied, andere identifizieren sich nicht damit. Das ist etwas, was John K Samson von den „Weakerthans“ sehr gut versteht, Liedern eine Allgemeingültigkeit zu geben, sodass sich jeder angesprochen fühlt. Es gibt einen Trick, der dafür sorgt, dass ein Lied für jeden etwas sehr persönliches darstellt. Das ist der Heilige Gral, den es zu erreichen gilt. Das meiste, was ich schreibe, ist allerdings wirklich autobiografisch.

Und wenn in diesen Geschichten echte Personen, die Du kennst, vorkommen. Denkst Du da auch an deren Gefühle, wenn sie das Lied hören?

Ja, tue ich.

Auch wenn es ein Lied wie „Redemption“ ist, indem Du beschreibst, wie Du Dich von Deiner Freundin trennst?

Vor „Tape Deck Heart“ und „Redemption“ war ich immer vorsichtig in meinen Texten und habe versucht, die Menschen so zu beschreiben, dass sie nicht sofort identifiziert werden konnten, um deren Privatsphäre zu schützen. Auf „Tape Deck Heart“, als eine Art Konzeptalbum, funktionierte das nicht mehr. Ich weiß nicht, wie viele Menschen meine Ex kennen. Ich hoffe nicht so viele. Das ist aber ein Album, welches offensichtlich über sie ist, meiner Beziehung mit ihr und das, was zwischen uns passiert ist. Das ist natürlich sehr persönlich. Ich verbrachte eine ganze Zeit damit darüber nachzudenken, ob ich überhaupt das Recht habe, so etwas zu schreiben und zu veröffentlichen. Manchmal denke ich immer noch darüber nach und bin noch nicht zu einer endgültigen Entscheidung gekommen.

Es sind Deine Gefühle.

Das sind sie, ja.

Andererseits berührt es auch die Gefühle anderer.

Eben. Und in diesem speziellen Fall, einer Person. Es ist etwas anderes ein komplettes Album über jemanden zu schreiben, statt jemanden einmal in einem Lied zu erwähnt. „Mittens“ ist beispielsweise auf eine Art und Weise geschrieben, dass mehr als eine Person denken könnte, es handelt über sie. Das finde ich gut. Trotzdem muss man vorsichtig mit solchen Dingen sein.

Da stimme ich Dir zu. Ist es manchmal schwer für Dich so persönliche Texte zu schreiben und auch zu singen? Du machst Dich damit auch leicht angreifbar. Das stelle ich mir sehr hart vor.

Es kann hart sein. Darum versuche ich, beim Schreiben nicht an die Meinung anderer Leute zu denken. Das einzige ehrliche Publikum für kreative Arbeit ist Deine eigene Einschätzung. Meine Theorie über Bands, die scheiße werden, sobald sie berühmt sind ist, dass sie Musikkritiker werden, statt Musiker zu bleiben. Was werden die Leute hierüber denken oder was darüber, blablabla. Daran denkst Du nicht, wenn Du alleine in Deinem Schlafzimmer Lieder schreibst. Darum sind die frühen Sachen immer reiner und direkter. Wenn ich jetzt schreibe, versuche ich immer noch, nicht daran zu denken, was die Meinung der Masse dazu sein könnte. Später kommt das dann trotzdem hoch. Das ist auch das Problem daran ein Solokünstler zu sein. Wenn Du bei Metallica wärst und jemand würde Metallica kritisieren, könntest Du immer noch weggehen und James Hetfield die Schuld in die Schuhe schieben. Auf den Alben steht nun mal mein Name, und wenn das jemanden nicht gefällt, sagt der eben: Frank Turner ist scheiße. Das ist natürlich nicht schön. Besonders dann nicht, wenn Du Dein Herzblut in die Sache gesteckt hast und jemand anderes nimmt das gnadenlos in einer Kritik oder Review auseinander und geht Dich vielleicht auch noch persönlich an. Trotzdem kann ich mich nicht darüber beschweren. Ich habe mich dafür entschieden.

Dennoch habe die Leute nicht das Recht sich wie ein Arsch aufzuführen und Dich persönlich anzugehen. Du bietest ja nur etwas an und wenn es jemanden nicht gefällt, hör einfach nicht hin.

Das stimmt. Wenn jemand immerfort nur fuck this guy, fuck this guy, fuck this guy hervorbringt, dann habe ich auch das Recht Fuck You zu sagen.

Ja, aber dann bist Du das Arschloch.

Regel Nummer 1: Reagiere nie auf eine schlechte Albumkritik. Du stehst immer wie ein Idiot da. Ich habe das noch nie gemacht. Aber ja, ich glaube, Du bekommst mit der Zeit einfach eine dickere Haut. Ich bin mittlerweile wirklich gut darin, einfach darauf zu scheißen, was die Leute von mir denken. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich älter geworden bin und mich damit abfinde, dass ich der bin, der ich bin.

Ich habe das Gefühl, in England wirst Du härter angegangen.

Das hängt teilweise mit der britischen Presse zusammen. Das ist gerade sehr interessant. Bislang hatte ich in England immer sehr gute Kritiken. Dieses Mal sind sie alle lausig. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass ich in England mittlerweile zum Mainstream gehöre. Ich bin nicht mehr der kleine Geheimtip, für wenige Eingeweihte. Jetzt hauen sie auf mich ein. Das ist schon frustrierend. Es gab sogar Reviews zum neuen Album, die sich überhaupt nicht mit der Musik beschäftigten. Es war eine Review meines Charakters und meiner Sozialisation.

Das ist witzig. Ich habe ja zur Vorbereitung des Interviews, ein paar Kritiken zum Album gelesen und in Deutschland bekommst Du in den Punk und Alternativ orientierten Magazinen noch immer gute Reviews. Aber in den größeren Rockmagazinen, beispielsweise Rolling Stone, eher durchschnittliche. Du sagst, Du bist jetzt Mainstream. Aber zumindest hier bist Du immer noch eher Underground.

Das macht mich glücklich, muss ich gestehen. In UK hat die Punkpresse schon lange entschieden, dass ich ein Arsch bin. Nicht alle von ihnen, aber einige.

Hast Du manchmal das Gefühl, dass die Leute mehr an Dich als Person interessiert sind, als an Deiner Musik?

Das ist eine wirklich gute Frage. Manchmal. Ich bin ein Singer / Songwriter und versuche immer höflich und erreichbar für Leute zu sein. Meine Musik wird sehr oft mit mir und meiner Persönlichkeit verbunden. Bei David Bowie ist das nicht der Fall oder bei Tom Waits. Der zieht eine deutliche Linie zwischen seinen Werken und sich als Person, sodass es für jeden klar ist, es handelt sich um ausgedachte Charaktere. Deswegen habe ich überhaupt keine Vorstellung davon, wer Tom Waits in Wirklichkeit überhaupt ist. Ich glaube manchmal das Menschen mehr an meiner Person interessiert sind und nicht an mir als Musiker. Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll. Manchmal steht in der Zeitung, dass ich ein kontroverser Typ bin. Das empfinde ich nicht so. Ich bin nur ich! Ich bin einfach nur ein Typ, okay mit einem Job, der es mit sich bringt teilweise in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich mache einfach nur Musik. Aber ich glaube Du hast Recht. Ich würde mir wünschen das Interesse an der Musik wäre größer, aber das kann ich nicht beeinflussen.

Tape Deck Heart“ klang ja sehr poppig. Aber die Texte dazu waren traurig. Warum hast Du diesen Gegensatz gewählt?

Ich glaube nicht das es eine Sache war, die ich geplant hatte. Es passierte einfach. Die Musik, die ich für das Album geschrieben habe ging in die eine Richtung, während die Texte zu dieser Zeit in eine andere Richtung gingen. Ich mag den Gegensatz allerdings.

Würdest Du sagen Deine Texte haben jetzt eine größere Allgemeingültigkeit?

Vielleicht. Ich denke da beim Schreiben nicht drüber nach. „PSFNP“ ist mehr ein allgemeines Album, das noch vorne blickt. „Tape Deck Heart“ handelte hauptsächlich von mir. „Positive Songs“ kann von jedem handeln.

Dein Buch!

Ja

Du hast immer darauf bestanden, dass es keine Biographie, sondern Tour Erinnerungen sind. Trotzdem erfährt der Leser eine Menge aus Deiner Vergangenheit. Musstest Du das Buch schreiben, um ein Kapitel in Deinem Leben abzuschließen? Und wäre das neue Album auch so geworden, wenn Du das Buch nicht geschrieben hättest?

So war das nicht geplant. Lustigerweise habe ich mir im Vorfeld keine Gedanken darüber gemacht, was das Schreiben mit mir macht. Das war vielleicht blöd von mir. (lacht) Sich hinzusetzen und zehn Jahre meines Lebens zu rekapitulieren, brachte einige Erinnerungen wieder hoch. Die Aufgabe war ja einen Zusammenhang über fast 300 Seiten herzustellen. Entstanden ist die Idee für das Buch vor den Aufnahmen zum Album, aber ich habe es erst fertiggestellt, als das Album schon fertig war. Bevor in England ein Buch veröffentlicht wird, bekommt der Autor ein fertiges Exemplar und hat die Chance noch mal alles durchzugehen und ein letztes Mal Änderungen vorzunehmen. Ich saß an meinem Küchentisch, ging Seite für Seite durch und fragte mich, ob ich das wirklich veröffentlichen will, denn es sind einige heftige Passagen darin. Ich weiß nicht, ob viele meiner Fans wussten, dass ich zu einer bestimmten Zeit sehr viele Drogen genommen habe. Aber C’mon – “Sleep is for the week” – handelt nur davon.

Ich habe das Album allerdings auch nie aus diesem Blickwinkel betrachtet.

Okay. Es geht ja auch nicht um das konsumieren, sondern um das, was dadurch mit Dir passiert. Die Gefühle, die Drogen auslösen. Und für mich war das keine gute Zeit. Aber das liegt in der Vergangenheit.

Gestern habe ich mir noch mal „Nashville, Tenneesee“ angehört. Wenn ich das Lied jetzt höre und Deine Karriere betrachte, hört sich der Text wie eine Art Masterplan an. Besonders die Zeile: “And yes I’m in four-four-time, and yes I use cheap cheap rhymes, But I try to make a sound my own. I know I don’t break new ground, many have travelled this sound, But I try to make it sound like home”. Das fasst so ziemlich alles zusammen, was Deine Musik ausmacht.

(lacht) Als ich das Lied geschrieben habe, hatte ich überhaupt keinen Plan von irgendwas. Alle meine Freunde dachten damals, ich sei verrückt geworden. Heute sagen sie auch, ich muss schon immer einen Plan gehabt haben. Den hatte ich wirklich nicht. Es gab nie eine Garantie für irgendwas. Es hätte alles schief gehen können. Und ich bin glücklich, dass es nicht so gekommen ist.

Ich habe Dein Buch gelesen und ich kenne die meisten Deiner Lieder. Wie gut kenne ich Dich jetzt?

Das ist eine verdammt gute Frage. Ziemlich gut, würde ich sagen, aber nicht 100%. Es gibt auf jeden Fall einen Teil von mir…. Puh, das ist wirklich eine gute Frage. Es gibt einen Teil, den ich privat halte. Sachen, über die ich nur mit Menschen spreche, die mir wirklich nahe sind. Es ist schon so, dass Du mich nicht zu 100% kennst. Aber Du kennst die Kerndaten und kannst mich als Person einschätzen. Glaube ich. Immer noch eine gute Frage. Ich muss da erst mal drüber nachdenken. Ich sag Dir was. Lass uns im Januar, wenn wir wieder auf Tour sind, noch mal darüber sprechen. Dann habe ich eine Antwort für Dich.

***
Wir unterhalten uns mittlerweile über dreißig Minuten. Frank Turner spricht schnell, sehr schnell. Manchmal komme ich gar nicht mehr mit. Der Motor der Barkasse tuckert und erschwert das Gespräch zusätzlich. Tourmanagerin Tre kam schon zweimal rein, um die Uhrzeit durchzugeben, wurde aber beide Male wieder weggeschickt. Zwar hatte ich noch ein paar Fragen mehr vorbereitet, doch die Stagetime rückt nun wirklich näher. Ich verabschiede mich von Turner, gehe direkt zur Bar, um ein Bier zu holen und noch bevor ich es in der Hand halte, steht er schon mit seiner Akustischen auf der improvisierten Bühne und beginnt das Konzert.
„If I had been born, 200 years ago“, na klar, „Sailor Boots”.

Text & Interview: Claas Reiners

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