März 14th, 2007

FRANK KOZIK (#71, 08-1998)

Posted in interview by andreas

Frank Kozik brauche ich wohl nicht vorzustellen. Seine Arbeit springt einem im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge, denn er macht schrille und grossartige Poster für Bands, die wir alle lieben.

Im Rahmen seiner Galerientournee durch Deutschland gab es die Möglichkeit, Kozik am 01.04.98 in der Galerie Walpodenstrasse in Mainz zu treffen. Das Interview ist jedoch alles andere als ein Aprilscherz, denn der Mann hatte sehr viel zu erzählen… 

Ein grosses Dankeschön geht an Joachim „Get Happy“ Gärtner, der mir in der Kürze meiner Mittagspause eine ganze Menge Anregungen zu Fragen bzw. Informationen über Kozik und vor allem dessen Label Man’s Ruin Records gab.

***

Wie suchst du die Bands für dein Label Man’s Ruin aus oder gibst du dem Label nur dein grafisches Input?

Frank: Nein, ich suche alle Bands aus. Die eine Frau (Jami), die für mich arbeitet, kennt sich wirklich gut in den neueren Punksachen aus, also vertraue ich ihrem ersten Urteil, aber ich mache die Auswahl. Grundsätzlich ist es so, dass ich die Band entweder kenne bzw. mag, und dann an sie herantrete. Bei den meisten Veröffentlichungen treten die Bands jedoch mit uns in Kontakt, senden uns ihre Platten oder Demotapes. Wenn es uns gefällt, bringen wir es prinzipiell raus. Die Auswahl basiert auf unserem persönlichen Geschmack.

Ein Freund von mir hat Man’s Ruin Platten bis ungefähr Release Nr. 50 gesammelt und meinte, dass die Musik immer mehr in eine Black Sabbath-Richtung ginge…

Frank: Ja, ich mag diese Art der Musik, diese „Heavy Doomrock“-Sachen. Aber in diesem Sommer bringen wir ungefähr 12 Punkscheiben raus, das Programm ist also sehr abwechslungsreich.

Ich habe gehört, dass die Cover der Man’s Ruin Veröffentlichungen nicht mehr länger von dir gemacht werden…

Frank: Ich mache sie alle. Ich bin lediglich dazu übergegangen, mit Fotografien zu arbeiten, d. h. fotografische Cover zu machen. Das ist das, was mich im Moment gerade interessiert. Ich habe die Illustrationen ziemlich lange gemacht und weil vieles von der Musik, die wir im Moment gerade herausbringen, heftiger und krasser ist, denke ich nicht, dass glückliche und knuddelige Tiere richtig gut dazu passen. Also arbeite ich viel mit Fotografie und anderen Sachen. Aber ich mache immer noch alle Cover selbst.

Eine Menge Bands auf deinem Label sind schon sehr bekannt, wie z. B. Melvins, Kyuss, X-Cops, Nomads, Monomen, 7 Year Bitch, Unsane. Wie ist das Gleichgewicht zwischen bzw. die Wertigkeit von bekannten und unbekannten Bands?

Frank: Darüber denke ich wirklich nicht so sehr nach. Es ist nett, eine bekannte Band jeden Monat zu haben, denn von denen lassen sich mehr Schallplatten verkaufen, wovon ich die Veröffentlichungen unbekannter Bands bezahlen kann. Aber im Grunde gibt es da keinerlei Bevorzugung. Die eher berühmten Bands kannte ich schon, bevor sie berühmt waren. Von Zeit zu Zeit wollen die eine Verschnaufpause von ihren normalen Projekten, und dann machen sie ein durchgeknalltes Ding mit uns. Für mich haben die Bands alle den gleichen Stellenwert.

Ich habe im deutschen Rolling Stone gelesen, dass Major-Label-Bands Schallplatten bei Man’s Ruin rausbringen, mit Stücken, die nicht auf ihre regulären Alben passen und die Major-Labels diese Auflage bezahlen…

Frank: Nein, nein, wir bezahlen alle Platten selbst. Normalerweise sind die Bands, die bei einem Major-Label unter Vertrag sind, ziemlich frustriert, und ich gebe ihnen die Gelegenheit, etwas anderes, das, was sie wirklich möchten, zu tun. Wir sind komplett unabhängig. Niemand gibt uns Geld, damit wir seine Schallplatten rausbringen.

Glaubst du nicht, dass eine Menge Leute die Schallplatten nur wegen des Covers kaufen?

Frank: Nein, die Plattenverkäufe basieren strikt auf dem Gefallen an der Musik. Ich meine, es gibt einen kleinen Prozentsatz von Leuten, die die Platten kaufen, weil ich das Artwork gemacht habe. Aber im grossen und ganzen sind die Plattenverkäufe direkt mit den Bands verbunden, denn unsere bestverkauftesten Platten haben die untypischsten Kozik-Cover.

Die Preise für die Singles sind mit $ 5 für amerikanische Verhältnisse relativ hoch. Warum?

Frank: Die kosten mich $ 2.50 in der Produktion und wir müssen irgendwie unseren Schnitt machen. Heutzutage ist es ziemlich teuer, in Amerika Vinyl herzustellen, denn es gibt nur noch zwei oder drei Presswerke für Schallplatten. Also unsere Preise sind eigentlich so billig wie wir sie machen können.

Warum ist die Nummerierung der Releases nicht durchgehend?

Frank: Weil die Bands manchmal sagen, dass sie gerne eine Schallplatte mit uns machen würden, ich gebe ihnen meine Telefonnummer und dann senden sie mir ihre Schallplatte ein Jahr lang nicht zu. Aber in der Zwischenzeit bekommen wir von drei anderen Bands rechtzeitig deren Schallplatte. Wir vergeben die Nummern, sobald wir den Deal mit den Bands gemacht haben und manchmal ist die Veröffentlichung der Platten eben später oder früher.

Alle Nummern sind also besetzt, nur nicht in einer strikten chronologischen Reihenfolge erschienen, weil wir – wie ich schon sagte – z.B. eine Swinging Utters Single machen und es 1 1/2 Jahre gedauert hat, bis ich die Schallplatte bekam. Also hat sie eine niedrige Nummer, aber die Platte kommt erst nächstes Jahr raus. Das ist sehr oft so. Die Serie wird jedoch noch komplett.

Ich muss noch mal auf die Sache mit den Major-Labels zurückkommen. Die kaufen euch also nicht die limitierten Auflagen von den Stücken ihrer Bands ab?

Frank: Nein. Wir vertreiben über Mordam, die sind sehr Punk, ein Kollektiv, und durch unseren Deal mit ihnen ist uns das nicht gestattet. Wir können zwar Major-Label-Bands veröffentlichen, aber wir dürfen mit ihnen keinerlei anderen Deals abschliessen. Ich bekomme keinerlei Geld von Major-Labels, um Schallplatten zu machen.

Hier nun ein Einschnitt und die Fragen zur Kunst: Erzähl‘ mir etwas über den „Smokin Bunny“. Unterstützt du etwa in irgendeiner Weise das Rauchen…?….Und das in Kalifornien….??!!….

Frank: Ich denke wirklich, dass die Anti-Raucher-Gesetze in den Vereinigten Staaten langsam schwachsinnig werden.

Ist es wahr, dass in Kalifornien seit dem 01.01.98 nicht mehr in Bars oder Clubs geraucht werden darf?

Frank: Es ist illegal, in einer Bar zu rauchen. Du kannst verhaftet werden, wenn du in einer Bar rauchst. Die Sache ist die, dass Zigaretten in der Tat ungesund sind, Krebs verursachen, dich zugrunde richten. Aber es ist doch so, dass es in der eigenen Verantwortung liegt.

In Amerika gibt es so viele wirkliche Probleme und diese ganzen Gruppen konzentrieren sich auf Sachen, auf die es sich leicht einschiessen lässt, aber so bekommen sie eine Menge Aufmerksamkeit und das ganze Geld, die ganzen Bemühungen, um das Rauchen aus der öffentlichkeit zu verbannen. Was gut ist, denn Rauchen ist für jeden schlecht. Aber zur gleichen Zeit ist es doch so, wenn jemand rauchen will, lass‘ ihn rauchen! Es ist die Wahl jedes einzelnen. Es ist absurd. Und der Hase ist nur… ich weiss, er ist süss… was soll ich sagen, ich mag ihn…

Ihr verkauft ihn auf Zippos, auf Aschenbecher…

Frank: Ja, er raucht…

Das ist sicherlich ein sehr schlechter Einfluss….

Frank: Ja, das hoffe ich. Kids können ein paar schlechte Einflüsse gut gebrauchen, denke ich, sonst würden sie alle so werden wie die Schweden oder so, zumindest sehr langweilig.

Deine Illustrationen sind sehr Pop-Artig. Welche Richtungen aus dem Kunstbereich haben dich beeinflusst?

Frank: Werbung, Punkrock-Bilder, Propaganda, Porno, der ganze Müll. Ich mag die Garbage-Sachen, denn ich bin kein besonders guter Künstler. Ich kann keine richtige Kunst machen, aber gewissermassen müllige Kunst. Ich sammel‘ sowas, aber so richtig beeinflusst mich die Werbung, manipulierende Sachen. Für mich geht es nicht um emotionale Wirkung, sondern den Transfer von bestimmten Messages. Agitation, Propaganda, Werbung, das gefällt mir.

Es kann jeden erreichen, und jeder kann eine unterschiedliche Meinung dazu haben, jeder kann es unterschiedlich auffassen. Ich habe auch meine Freude an richtiger Kunst, aber du musst Hintergrundwissen haben, um sie richtig zu verstehen. Und eine Menge Leute, mit denen ich zu tun habe, haben diese Art von Bildung nicht. So muss ich Sachen machen, mit denen sie etwas anfangen können. Ich mache keine Kunst, sondern etwas anderes.

Viele Leute halten es für Kunst…

Frank: Ja, aber das ist es nicht, nicht im traditionellen Sinn. Das soll es nicht sein. Ich versuche eigentlich nur Poster für Bands zu machen. Es ist kein Artwork.

Die Poster sind sehr grell und offensiv, kannst du dir vorstellen, mal etwas völlig anderes zu machen?

Frank: Das tue ich. Ich mache eine Menge seltsamer Dinge. Ich mache designte, sehr cleane Sachen, wenn ich in Japan arbeite. Ich schreibe seltsame Sachen. Ich fertige eine Menge andere Arbeiten an, die sich sehr von den Postern unterscheiden oder die fotografischen Arbeiten für das Label. Es wird langweilig, immer dasselbe zu machen.

Ist es wahr, dass du ein Workaholic bist?

Frank: Ich habe früher Zuhause gearbeitet, aber das ist zu erdrückend. Also mache ich nun folgendes: Ich habe einen strikten Arbeitsplan, mache eine Art Job daraus. Es gibt ein separates Atelier und Zuhause habe ich zum Beispiel keine meiner Artworks, nur mein privates Zeug, mein normales Leben. Und wenn ich jeden morgen um 6 Uhr aufstehe, tue ich so, als ob ich auf die Arbeit ginge.

Ich frühstücke, gehe ins Büro, arbeite neun Stunden, sechs Tage in der Woche. Das klingt sehr nach Workaholic, aber ich arbeite auch nicht die ganze Zeit. Es ist nur so, wenn ich auf die Arbeit gehe, gehe ich zur Arbeit, verstehst du? Ich gehe dahin, konzentriere mich auf etwas, arbeite den ganzen Tag und gehe dann wieder nach Hause. Also ist es sehr strukturiert. Und auf diese Weise kann ich eine ganze Menge Sachen machen.

Du vermischt oft Bilder, z. B. unschuldig spielende Kinder mit einem Sensemann (Smashing Pumpkins Poster). Magst du die Kontraste oder was ist deine Absicht?

Frank: Ich habe einen düsteren Geschmack. Ich mag Sachen, die auf den ersten Blick normal wirken, aber wenn du näher hinschaust, entdeckst du auf persönlichem Level irgendwas seltsames, einen zweideutigen Bildsinn. Das ist es, was ich versuche, zu erreichen. Auf diese Weise können unterschiedliche Menschen unterschiedliche Dinge in den Bildern sehen und sich ihre eigene kleine Geschichte dazu denken. Ich habe einen schwarzen Humor, bin eine morbide Person. Es sind diese Art von Gedanken….

Dass du eine morbide Person bist, kann ich an den Farben sehen, die du verwendest, die sind sehr düster….

Frank: Das sind sie auf eine seltsame Art, wenn du drüber nachdenkst. Aber eigentlich setze ich die Farben sehr funktional ein. Wenn du schon einmal in Amerika warst, weisst du, dass die Leute viel mit ihren Autos herumfahren. Daher musste ich etwas machen, was sehr laut und aggressiv ist, weil du, wenn du mit deinem Auto die Strasse entlang fährst, in der Lage sein solltest, die Poster sehen zu können.

Es ist in den Staaten nicht so wie hier, wo du überall hinläufst. Alle Leute fahren mit dem Auto, deswegen mussten es grosse Worte, helle Farben sein, sonst hätte niemand die Sachen wahrgenommen. Die Farbgebung ist also weniger künstlerisch, sondern eher funktional. Ausserdem ist es manchmal ganz nett, dass es wirklich grell ist.

Gibt es eine Art kreativen Prozess, der zur Verwendung von bestimmten Motiven führt?

Frank: Ja, das, was ich bei den Postern versuche zu machen, ist, keinen direkten Bezug zur Band herzustellen, aber für mich irgendwie etwas wiedergibt, was ich in der Musik höre. Daher ist es manchmal also eine Art ironischer Kontrast oder manchmal etwas, von dem ich denke, dass es sich auf gleichem Level bewegt, wie z. B. wenn es sich um eine Cosmic Band oder düstere Band handelt.

Ich versuche von einer wortwörtlichen übersetzung dessen, was die Band darstellt, wegzubleiben, denn das ist langweilig. Deswegen mag ich es nicht, Bandfotos zu benutzen. Wichtig ist nur, welche Gedanken die Band in mir auslöst. Manchmal ergibt es einen Sinn, manchmal nicht. Ich versuche wirklich nicht, gross drüber nachzudenken, sondern impulsiv zu arbeiten. Ich bin auch nicht sehr geduldig.

Bekommst du Probleme mit einigen Motiven, z. B. auf dem Green Day Poster sind nackte Titten zu sehen…..

Frank: Dieses Poster mochte übrigens jeder und es endet damit, dass die Frau, die darauf abgebildet ist – sie war ein berühmtes Porno-Modell in den 50er Jahren – Kontakt zu mir aufnahm. Sie rief mich an, meinte, dass das Poster cool wäre und ich ihr ein paar davon zuschicken sollte.

Ich habe nie richtig ernsthafte Probleme mit den Motiven gehabt, ausserdem sind die Poster kleine Fische. Ein Grossteil der Leute sehen meine Arbeiten nicht, sie sind nicht so populär. Deswegen komme ich mit einer Menge Sachen davon, weil sich niemand so richtig darum schert. Normale Menschen sehen die Poster nicht, also kümmert es sie nicht.

Am Anfang hast du eher Poster für Grunge-Bands gemacht. Jetzt wo die Grunge-Welle abgeebbt ist…

Frank: Oh ja, völlig, aber eigentlich habe ich 1981/82 angefangen mit Punksachen…

Für welche Bands?

Frank: Eine Menge texanischer Punkbands oder britischer Bands, die in die Staaten kamen… Und Mitte der 80er, gewissermassen vor Grunge, gab es so eine Art psychedelische Phase mit Sonic Youth, den Butthole Surfers. Ich habe eine Menge für sie gemacht. Es lief so ab, dass ich dazu neigte, Poster für bestimmte Arten von kleinen Clubs zu machen. Wenn du dir die Poster über einen gewissen Zeitraum anschaust, kannst du erkennen, dass sie das wiedergeben, was damals zu der Zeit in den kleinen Clubs abgegangen ist.

Deswegen gibt es einige Jahre lang so etwas wie das Grunge-Ding, denn das waren die Bands, die im Rahmen ihrer Tournee dort aufgetreten sind. Normalerweise geben die Poster das wieder, was in den kleineren Auftrittsorten abgeht. Wenn die Bands grösser und bekannter werden, mache ich noch ein paar Poster für sie, dann wieder für andere. Im Moment gerade mache ich sehr viel Sachen für Siege und Nashville Pussy. Die sind zur Zeit gerade auf dem Level, wo sie vor 300-400 Leuten spielen. Ich mag es lieber, Sachen für kleinere bis mittlere Shows zu machen. Wenn die Bands erst einmal gross sind, mache ich nicht mehr gerne Poster für sie mit einigen wenigen Ausnahmen.

Gab es schon Anfragen von Firmen, die mit Musik überhaupt nichts zu tun haben, wie z. B. Kelloggs?

Frank: Sowas mache ich dauernd….

Für wen?

Frank: Ich habe Sachen für Nike gemacht, für Gatorade und diese ganz grossen Firmen. Die haben mir dafür eine gigantische Menge Geld bezahlt, mit der ich wiederum 20 Punksingles rausbringen kann. So mache ich das. Mit den Postern verdiene ich zum Beispiel gar nichts, die bringen eher Verluste, weil es sehr teuer ist, sie herzustellen. Aber ich bekomme diese fetten Jobs, mit denen ich mein Leben bestreite, nehme das Geld davon, um neues Equipment zu kaufen und um mehr Schallplatten zu machen. Das klappt sehr gut.

Ich habe nie eine Anzeige von dir gesehen….

Frank: Vor vier Jahren habe ich für Nike eine ganze Werbekampagne für Europa gemacht. Es ist immer das gleiche Spiel: Die Firmen sagen mir, dass sie meine abgedrehten Sachen haben wollen und dann machen sie etwas total langweiliges daraus. Also mache ich lediglich nur das, was sie wollen, nehme ihr Geld und stelle die Poster damit her. Die Sachen, die ich ablehne, sind Anfragen von Bands, die ich nicht mag. Eine Menge grosser und dummer Bands treten an mich heran. Das ist dann so ungefähr wie „wir möchten gerne, dass du etwas für Mariah Carey produzierst“.

Wenn es also um die musikalische Seite geht, bin ich zwar super wählerisch, aber wenn es um die Arbeit in der Werbung geht, mache ich alles, denn es gibt massenhaft Geld dafür. Geld, mit dem ich z. B. die Drooler-Single rausgebracht habe, die niemand gekauft hat… Ich habe ungefähr 6000 Dollar Verlust gemacht mit dieser Single, aber ich mag sie!

Ist es wahr, dass du in Amerika alle Singles für 1 Dollar an die Vertriebe verkauft hast…

Frank: Das, was abging, ist folgendes: Es gab zuviel Vinyl. Ich hatte diese ganzen Vinylsingles gemacht, die sich nicht besonders gut verkauft haben und nur auf den Regalen verstaubten. Daher wollte ich, dass sie in die Geschäfte kommen, damit die Leute drankommen konnten. Deswegen gab es diesen Singles-Ausverkauf für 1 Dollar. Jetzt mache ich noch zwei Singles und danach keine mehr. Die Leute kaufen 10 Inches, aber keine Singles mehr. Und es ist sehr teuer, sie herzustellen. Mit all den Singles habe ich eine Menge Geld verloren. Aber diese Aktion war auch dazu da, die Singles in Umlauf zu bringen.

Wie ist das mit CDs…

Frank: Ich hasse diese beschissenen CDs, aber so, wie das Geschäft heutzutage läuft, heisst es, wenn du keine CDs machst, kauft es niemand. Deswegen kündige ich eine Vinyl-Version an, die die Leute bestellen können, lasse dann exakt diese Stückzahl herstellen, verkaufe sie und mache das Album auf CD zugänglich für alle Kids, die keinen Schallplattenspieler mehr besitzen. Wenn es nach mir persönlich ginge, gäbe es gar keine CDs und jeder wäre gezwungen, Schallplatten zu kaufen, denn die sind viel cooler.

Aber CDs sind die bittere Realität. Ich könnte eine fantastische Single rausbringen, würde jedoch nicht mal 800 Stück davon verkaufen, denn niemand kauft mehr Singles. Wenn ich das gleiche hingegen auf CD rausbringen würde, könnte ich das drei- bis vierfache davon verkaufen. Je mehr Leute sich die Musik anhören, desto besser ist es für die Band und auch für unser Label. Es ist ein notwendiges übel, beschissene CDs rauszubringen, ich verdammt noch mal hasse CDs. Sie sind steril, langweilig und zum Kotzen, aber was willst du machen.

Es ist fast wie mit Computern: Wenn du jetzt nicht lernst, mit ihnen umzugehen, bist du in 10 Jahren total aufgeschmissen. Deswegen musst du dich mit Computern beschäftigen, ob du willst oder nicht, weil das die bittere Realität ist. Aber bei allem, was wir machen, ist eine 10″ Vinyl Version dabei. Die wird limitiert sein auf all die Leute, die sie bestellt haben.

Ein Freund hat mir erzählt, dass du auf einer Single mit deiner eigenen Band spielst, was fastniemand weiss…

Frank: Vor 5 oder 6 Jahren haben ich und Sonic Boom – das ist der Typ von Spacemen 3 und ausserdem ein Freund von mir – zwei Stücke von Charles Manson auf einer Single für Sympathy aufgenommen. Und wir haben tatsächlich ungefähr 7000 Singles davon verkauft. Das ist wirklich übel, wir haben es nur als Witz gemacht…

Welche Stücke waren das?

Frank: Zwei akustische Versionen von „Mechanical Man“: Die eine ist eine Art Country & Western, die andere eine schlimme Goth-Version. Ich mache wahrscheinlich in Kürze wieder eine Schallplatte zusammen mit den Typen von den Dwarves. Wir werden so eine durchgeknallte, elektronische Sache machen. Die andere Single haben wir wirklich nur als totalen Witz gemacht, denn ich habe keinerlei musikalisches Talent. Gar keins….

Es lässt sich drüber streiten, ob musikalisches Talent nötig ist, um gute Musik zu machen…

Frank: Du musst wenigstens das Instrument ein klein wenig spielen können, irgendwie ein bisschen Gefühl für Rhythmus haben…

Hast du eine bestimmte Art von Publikum, wer sind deine Sammler, wer sind deine Feinde?

Frank: Na ja, ich weiss nicht, es ist irgendwie seltsam…. Der durchschnittliche, fanatische Sammler ist ein Mann Anfang 30, der sich vor langer Zeit üblicherweise in der Szene bewegte, sich weiterentwickelt hat, etwas Geld übrig hat und nun versucht, seine Vergangenheit heraufzubeschwören. Ich habe 20 Typen an der Hand, die jeden Geldbetrag zahlen würden für das Obskurste, was ich jemals gemacht habe. Das bezieht sich auf das Artwork. Beim Label weiss ich es wirklich nicht, da gibt es nicht so viele Schallplatten auf einem Sammlerniveau.

Ich versuche, Sachen für Frauen zu machen… Zum Beispiel habe ich registriert, dass sich die Sachen mit dem rau-chenden Hasen meistens an Frauen verkaufen. Frauen lieben den rauchenden Hasen! Zum Beispiel die Aschenbecher verkaufe ich über Mailorder und 59 % der Smokin Bunny Sachen, von denen ich es weiss, sind an Frauen gegangen. Vergleichbar ist das mit den Comic-Sammlern. Ich würde sagen, die durchschnittliche Person, die meine Sachen kauft, ist männlich, 22 – 35 Jahre, war auf der Universität und hat mit der Szene zu tun, d. h. geht zu Shows oder interessiert sich für obskure Filme oder irgendwas anderes seltsames.

Und die Frauen kaufen den „Smokin Bunny“ wahrscheinlich als Geschenk für ihre Freunde…

Frank: Nein, tatsächlich bekomme ich oft mit, dass Frauen die niedlichen, bösen Sachen mögen. Ausserdem verkaufe ich eine Menge der sexy Sachen an Frauen. In Amerika wollen eine Menge Mädchen irgendwie so sein wie Betty Page, wie auch immer, also kaufen sie solche Sachen. Sammeln ist eine männliche Sache, ich denke, es ist eine Art Power-Trip.

Waren die frühen Flyer, die du für deine befreundeten Bands, die in den kleinen Clubs auftraten, schon in Richtung deines bekannten Stils oder sahen sie aus wie die typischen amerikanischen Hardcore-Flyer Anfang der 80er Jahre?

Frank: Ich habe nie besonders gross drüber nachgedacht, sondern habe sie gerade mal so für meine Freunde gemacht. Ich habe schon viel gehört, wie zum Beispiel, dass ich die Flyerkultur wiederbelebt hätte. Ich denke, es ist wie in jeder anderen Szene, dass sich alles aus sich selbst unkontrolliert entwickelt hat. Grundsätzlich lebte ich auch in einer Stadt, in der viele wirklich coole Bands gegründet wurden, und das waren meine Freunde, als sie anfingen. Ich war beim ersten Butthole Surfers Gig dabei, habe die erste Scratch Acid Show mitbekommen.

Ich war nur präsent. Ungefähr 100 Leute hatten mit diesen Shows in den winzigen Clubs zu tun und es wurde irgendwie eine grosse Bewegung daraus. Mit den Flyern, das passierte einfach so, es entwickelte sich sehr organisch und war überhaupt nicht durchgeplant. Das Label ist geplant, aber die Sache mit den Postern entwickelte sich von selbst. Ich habe Poster oder Flyer für lokale Shows gemacht.

Wenn Bands auf ihren Tourneen in unserer Stadt vorbeikamen, habe ich auch Poster für diese Auftritte gemacht. Die Bands mochten meine Arbeit und fragten an, ob ich nicht noch ein Poster für ihren Auftritt in einer anderen Stadt machen könnte. So ist die Sache organisch gewachsen.

Und jetzt lebst du in San Francisco?

Frank: Ich bin ungefähr vor 5 Jahren dorthin gezogen. In erster Linie, weil mein Haus in Texas abgerissen wurde, um dort ein Apartmentgebäude zu errichten. Deswegen wollte ich dort auch nicht mehr leben. Auch habe ich einige Freunde in San Francisco.

War das nicht so etwas wie ein Kulturschock?

Frank: Ja, aber San Francisco ist nicht besonders cool. Es ist wirklich teuer dort und die Leute sind ziemlich zugeknöpft.

Ich dachte, in Texas gäbe es nur Rednecks und San Francisco wäre cool…

Frank: Rednecks sind die verfuckt coolsten Leute auf der ganzen Welt. Texas ist viel liberaler, zurückgelehnter, relaxter und freundlicher, wohingegen in San Francisco die Leute verdammt reserviert und seltsam sind. Jeder lebt wie auf seiner eigenen Insel, in seiner kleinen Wohnung und kämpft gegen seine Umwelt. Die Leute sind wirklich nicht nett. Es ist ziemlich langweilig dort.

Touristen bekommen da einen anderen Eindruck vermittelt…

Frank: Ja, aber wenn du da lebst… Das normale Leben ist ganz ok, die Stadt ist schön, das Essen ist gut, aber was das Kulturelle betrifft, ist San Francisco ein Alptraum. Texas war weitaus interessanter, weitaus unverfälschter, die Leute waren tatsächlich richtig durchgeknallt. In San Francisco läuft es so ab wie „ich will durchgeknallt sein, ok, wie kann ich das erreichen, also werde ich zu einem ‚lesbian vampire'“.

Wohingegen die Leute in Texas einfach nur verdammt durchgeknallt sind und daher war es weitaus interessanter dort. Rednecks sind die Grössten, ich mag sie wirklich, denn sie sind verdammt durchgeknallt. Die sind mehr Punkrock als Punkrock selbst.

***

An dieser Stelle hakte sich der Kollege vom Südwestfunk ein, der ebenfalls am Interviewtisch sass, und es ging um Kunst, die aus den Museen auf die Strasse gebracht wurde. Kozik nannte Robert Williams in der Galerie La Luce De Jesus in LA als den in erster Linie dafür Verantwortlichen. Er machte noch einmal klar, dass er nicht in Kunstbegriffen denkt und sich nicht für einen Künstler hält.

Er fing lediglich an, Poster zu machen und das entwickelte sich zu seiner Spezialität. Zwar habe er auch davon gehört, dass er die Posterkunst wiederbelebt haben solle, denkt aber nicht, dass er der einzige war. Nur das Anfertigen grosser Silkscreens, wie er sie in den 90ern gemacht hat, hat er wohl ein wenig initiiert. Dies leitete gewissermassen die nächste Interviewrunde vom Trust ein, die ich jedoch nur gekürzt als Zusatzinformationen zu Frank Kozik wiedergeben will: Kozik ist auf keine Kunstschule gegangen, sondern hat tatsächlich die Schule schon mit 16 Jahren abgebrochen.

Er ist Autodidakt und kopiert viel oder paust durch. Auch arbeitet er mit Computern und allen anderen industriellen Techniken, er bevorzugt keine bestimmte, da er in erster Linie am Endprodukt interessiert ist. Am Anfang seiner Arbeiten steht eine handgezeichnete Illustration. Manchmal fotografiert er, stiehlt Fotos oder bezahlt Leute, dass sie Fotos für ihn aufnehmen. Die Typographie hat er früher mit Letraset gemacht, benutzt jetzt dafür den Computer. Im konventionellen grafischen Sinn macht Kozik seiner Meinung nach alles falsch, aber es funktioniert irgendwie.

Den Arbeitsprozess an sich mag er nicht, findet ihn langweilig und will, dass die Arbeit nur getan wird. Deswegen benutzt er alles, was am schnellsten zum Endergebnis führt. Sein Traum ist ein Apparat mit Vorrichtungen, die er in sein Gehirn stöpselt, wodurch seine Vorstellungen gleich auf dem Papier umgesetzt werden könnten. Die Coverdesigner aus den vergangenen 15 Jahren, die er mag, sind Tom Hazelmeyer, der AmpRep macht, Art Shantry, 4 AD, Raveflyer, die Corporate Identity von Subpop, Research Bücher waren eine grosse Sache für ihn Anfang 80, zu der Zeit wurde er auch stark beeinflusst vom Raw Magazin.

Da er in Spanien aufwuchs, las er französische Comics, Moebius, und den Spanier Ibanez. Kozik hat bei zwei grossen Musikvideos Regie geführt (Soundgarden: „Pretty Noose“ und Midcondition, eine Soulband). Sie zu machen, wäre „super cool“, in technischer Hinsicht faszinierend gewesen. Und er wäre noch für weitere Videodrehs engagiert worden, die er jedoch abgelehnt hatte, weil ihn der Umgang mit den Plattenfirmen angekotzte. Kozik fand alle Leute, die mit dem Videodreh zu tun hatten, cool, aber der geschäftliche Teil mit den Plattenfirmen sei ein Alptraum gewesen. Das hätte die Arbeit insgesamt zu einer unangenehmen Angelegenheit gemacht und für ihn sei es der Spass nicht wert gewesen.

Kozik sagte wortwörtlich, dass dies das Korrupteste war, was er je getan habe und erzählte zum Abschluss noch eine kleine Anekdote über seine Regietätigkeit bei den Videoclips: Als er während eines Drehs nach einem Werkzeugkasten fragte, weil er einen Hammer brauchte, fragte ein Typ von der Plattenfirma doch tatsächlich, ob es möglich sei, einen zu leihen… Koziks Label hat in Deutschland übrigens keinen Vertrieb, wer also Kontakt aufnehmen will:
Mordam Records, Attn. Tommy Strange, P. O. Box 420988, San Francisco, CA 94142-0988, Tel.: 001-415/642-6822, Fax: 001-415/642-6820.

Interview: Andrea Stork & Al Schulha

Links (2015):
Wikipedia
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Discogs

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