Mai 11th, 2020

FOODSHARING aus # 189, 2018

Posted in artikel by Jan

Wer kennt es nicht, dieser Moment vor dem Kühlschrank oder dem Obstteller, mit der Erkenntnis, schon wieder schlecht gewordene oder abgelaufene Lebensmittel wegwerfen zu müssen. Mein eigenes Bewusstsein hat sich in den letzten Jahren diesbezüglich sensibilisiert. Ich versuche möglichst kleine Portionen zu kaufen, stets nur so viel, wie ich wirklich benötige und falls es doch mal für ein Gericht zu viel ist, die einmal angebrochenen Produkte für ein anderes Gericht am nächsten Tag zu verwenden. Es gelingt mir zugegebenermaßen nicht immer. Für mich ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Es gibt allerdings (natürlich) Menschen, die längst weiter denken. Manche davon sogar in meiner unmittelbaren Nachbarschaft.

Von Mariekes Engagement erfuhr ich eher zufällig auf Facebook. Zunächst begann sie Fotos, von ihrem ausgiebig gedeckten Frühstückstisch zu posten. Verbunden mit Hinweisen, wo die guten Sachen eigentlich herkamen. Es folgten kritische Artikel zu Nestle und anderen Nahrungsmittelkonzernen und interessante Empfehlungen zu Dokumentationen darüber, wie Lebensmittel zu Produkten mit Profit gemacht werden.

Nun ist es einfach, eine politische oder gesellschaftskritische Meinung auf Facebook oder Twitter zu äußern und noch einfacher ist es, dieser Meinung zu folgen. Ein Klick genügt, um Zustimmung oder Ablehnung auszudrücken. Allerdings hat ein #hashtag noch nie die Welt verändert (und wird es auch nicht tun). Etwas anderes ist es hingegen aktiv zu werden.

Beim Foodsharing ist Marieke mittlerweile, neben den Abholungen bei teilnehmenden Märkten, als Botschafterin für ihren Stadtteil aktiv, das heißt, sie kümmert sich um Neulinge und Betriebe gleichermaßen. Was das genau bedeutet, erklärt Marieke ausführlich im Verlaufe dieses Textes.
Darüber hinaus ist Marieke auf Veranstaltungen, Festivals, Messen und Events in Bremen anzutreffen. Dazu gehören sowohl Abholungen von Übriggebliebenen, als auch die Betreuung von Infoständen und halten von Vorträgen bei diesen Veranstaltungen. Auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise, kochte Marieke beispielsweise mit geretteten Lebensmitteln, mit und für Fluchtsuchende, landestypische Speisen ihrer Herkunftsländer.

Meistens bedarf es einen Impuls, um aus bloßen Gedankenspielen, Handlung zu formen. Marieke wurde buchstäblich von einer Bekannten an die Hand genommen. „Bei einem Urlaub in Göteborg nahm mich meine Couchsurfing-Gastgeberin spontan mit zum Containern. Die Massen an einwandfreien Lebensmitteln, die dort in der Tonne lagen, haben bei mir Eindruck hinterlassen. Klar ist einem theoretisch bewusst, dass da recht viel wegkommt, aber das Ausmaß ist mir erst da klar geworden“, berichtet Marieke und fügt im selben Moment hinzu, dass es noch dauerte, bis sie sich aufraffte, um etwas Ähnliches zu tun.

„Trotzdem konnte ich mich nicht überwinden in Bremen loszuziehen und in die Tonnen zu steigen – mal ganz abgesehen davon, dass es illegal ist und ich gar nicht wüsste, wo ich damit anfangen sollte. In Schweden soll es sogar Supermärkte geben, die Waschpulver oder Rattengift in die Container streuen… .Ein paar Monate später habe ich das Buch ‚Glücklich ohne Geld‘ von Raphael Fellmer gelesen, darin wird auch foodsharing erwähnt – eine Initiative, die in Kooperation mit Lebensmittelbetrieben und Veranstaltern, nicht mehr verkäufliche, aber noch genießbare Lebensmittel rettet, bevor sie überhaupt in der Tonne landen.“

Der Gesetzgeber bewertete es als Straftat, wenn Lebensmitteln aus dem Müll von Supermärkten „geklaut“ wird. Oftmals kommt nicht nur der Diebstahl, sondern zusätzlich ein damit verbundener Hausfriedensbruch zur Anzeige. Andere Länder in Europa sind in dieser Hinsicht weiter: „In Frankreich sind die Supermärkte verpflichtet, noch genießbare Lebensmittel zu spenden oder für Tiernahrung und Dünger zu verwenden. In Deutschland gibt es derzeit keine entsprechende Regelung.

Sicherlich kooperieren einige Unternehmen bereits mit der Tafel, jedoch können die allein gar nicht alles stemmen, was es abzuholen gäbe. Ganz abgesehen davon, dass sie in den meisten Fällen an bestimmte Standards gebunden sind, sodass nicht alle Lebensmittel gerettet werden können.“ Gleichzeitig macht Marieke auf einen weiteren Missstand aufmerksam, „Betriebe sind haftbar für eventuelle gesundheitliche Folgen, wenn sie die Lebensmittel an Privatpersonen verschenken.“

Diese Regelung birgt für Unternehmen ein hohes Risiko. Nicht unähnlich dem Bereitstellen vom W-Lan in öffentlichen Räumen oder Hotels. War derjenige, der die Internetverbindung bereitstellte, lange Zeit dafür verantwortlich, was über diese Leitung passierte und für eventuelle Schäden haftbar zu halten. Dies hat Gesetzgeber mittlerweile geändert. Eine ähnliche Initiative müsste es für Lebensmittel ebenfalls geben, ohne dabei den gesundheitlichen Mindeststandard zu umgehen. „Containern ist in Deutschland weiterhin illegal –nachdem die Lebensmittel in die Tonne wandern, gelten sie weiterhin als Besitz des Wegwerfenden bzw. des Unternehmens, dass die Container leert.

Biomüll hat einen relativ guten Energiebrennwert, sodass die Abfuhrunternehmen damit noch Geld machen und häufig feste Verträge mit Supermärkten haben, in denen sogar die Mengen festgelegt sind“, weiß Marieke zu berichten.

Umso wichtiger ist es auf verschiedene Dinge zu achten und Marieke gibt Einblicke in die Gedanken-, Moral- und Arbeitswelt der Retter: „Foodsharing versteht sich als Ergänzung zu den Tafeln – wir arbeiten nicht in erster Linie wohltätig, sondern haben das Ziel, so viele Lebensmittel wie möglich vor der Tonne zu retten und auf den Teller zu bringen. Die Tafeln haben daher Vorrang, wir springen dann ein, wenn die Tafeln nicht abholen können. Sehr wichtig ist für uns eine zuverlässige Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern. Wir garantieren, dass alle noch genießbaren Lebensmittel mitgenommen und regelmäßig und pünktlich abgeholt werden. Die Lebensmittel werden anschließend im privaten Rahmen oder über die Foodsharing-Plattform, teils auch über entsprechende Facebook-Gruppen weiter fairteilt oder selbst verwendet.“

Sogar die Haftungsfrage lässt sich auf einer sehr einfachen Art und Weise lösen: „Natürlich stellt sich die Frage der Lebensmittelsicherheit. Durch eine Rechtsvereinbarung werden die Kooperationspartner von der Haftung befreit. Als Foodsharer bin ich selbst für die Bewertung der Genießbarkeit und rechtzeitige Verwertung der geretteten Lebensmittel verantwortlich. Bei mir hat das bewirkt, dass ich mich selbst mehr damit auseinandergesetzt habe, worauf es bei verschiedenen Lebensmitteln zu achten gilt – wann kann man unschöne Stellen einfach abschneiden, wann sollte es weggeworfen werden, wie können die Sachen am besten gelagert werden. In der Regel kann man sich dabei gut auf seine Sinne verlassen.“

Jeder Einzelne kann allerdings seinen Beitrag leisten, mahnt Marieke und überrascht mit einer Zahl: „61% des Lebensmittelabfalls entsteht in Privathaushalten und nur 5% im Einzelhandel. Es sollte also unbedingt auch bei jedem von uns zu Hause losgehen. Eigentlich sind es Dinge, die man schon zig-mal gehört hat: Einkaufslisten schreiben (und einhalten!), Mahlzeiten planen, Reste verwerten und eben die Lagerung. Der konventionelle Handel macht einem das nicht gerade leicht, auch wenn ich nur 2 Möhrchen brauche, muss ich gleich ein Kilo nehmen.

Hinzu kommt, dass vieles unnötig in Plastik verpackt und oft von weit her herangeschifft wird. Beim Einkaufen achte ich inzwischen darauf, auf dem Wochenmarkt oder im Bioladen lose und möglichst verpackungsfreie Lebensmittel zu kaufen. Ich koche mehr, und benutze dabei weniger Fertigprodukte. Foodsharing hat dabei einen großen Beitrag zu meinen vorher eher rudimentären Kochkünsten geleistet – man muss kreativ werden, wenn man kistenweise Obst und Gemüse zu verarbeiten hat. Foodsharing ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz inzwischen recht gut verbreitet, es werden aber immer noch mehr Leute gebraucht, damit wiederum neue Kooperationen angegangen werden können – je mehr Leute wir haben, desto mehr können wir retten!

Neben Foodsharing gibt es außerdem inzwischen immer mehr Initiativen, die sich mit dem Thema Lebensmittelverschwendung auseinandersetzen, die man auch privat gut nutzen kann. Einerseits gehören dazu Unverpackt-Läden aber auch Apps wie ‚too good to go‘, über die man übriges Essen bei Restaurants günstig bestellen kann, mundraub.de – eine Website auf der man sich öffentlich zugängliche Obstbäume anzeigen lassen kann oder Gemüseboxen von Etepetete, die aus unförmigem und für den Handel nicht verwertbaren Lebensmitteln bestehen.“

All dies sind gute und richtige Ansätze. Trotz allem sollte an erster Stelle der eigene Konsum hinterfragt werden. Richtige Portionen, mit möglichst wenig (Verpackungs-)Müll muss das Ideal bleiben. Wenn doch mal zu viel gekauft wurde, haben wir nun erfahren, welche Möglichkeiten der Teilung es gibt. Aber wie können den Menschen Berührungsängste genommen werden und die Akzeptanz von foodsharing gesteigert werden? „Das Mindesthaltbarkeitsdatum sollte dringend überarbeitet werden. „Mindestens haltbar bis“ heißt nun mal nicht „mit Sicherheit tödlich ab“, doch die Deklaration ist dahin gehend leider missverständlich. Hier ist immerhin schon Bewegung in der Sache und Vorschläge werden auch auf Bundesebene diskutiert. Ein zweites Verbrauchsdatum („zu verbrauchen bis:“) wie es beim Fleisch bereits besteht oder andere, deutlichere Deklaration würde sowohl bei Herstellern und Supermärkten zu weniger Ausschuss führen als auch den Verbrauchern helfen die tatsächliche Haltbarkeit besser einzuschätzen. Bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig als uns auf unsere Sinne zu verlassen – was noch gut aussieht, riecht und schmeckt ist in der Regel auch noch gut.

Viele tun sich anfangs auch schwer gerettete Lebensmittel anzunehmen, weil sie ja nicht bedürftig sind. Aber darum geht es bei Foodsharing nicht. Klar spart man auch eine Menge Geld, und wenn man es darauf anlegt, kann man sich auch komplett von Foodsharing ernähren. Aber ich bin froh, wenn ich Leute habe, die mir was abnehmen, wenn ich mehr gerettet habe, als ich selbst verbrauchen kann – und da hat man eher selten die Muße, erst nach jemandem zu suchen, der bedürftig ist und auch noch Interesse an den Sachen hat. Manchmal bekommt man auch Bedenken zu hören, das sei doch alles Müll – aber die Reaktion ist selten und lässt sich bei einem Blick auf ein paar Bilder von Rettungsaktionen leicht entkräften.“

Bleibt abschließend nur die Frage, aus welchen Gründen Marieke das Thema wichtig ist. „Ernährung betrifft uns alle und dennoch beschäftigen wir uns viel zu wenig damit. Nicht nur, dass Menschen hungern, während wir im Überfluss leben, die Wertschätzung für die Arbeit und Energie, die in die Herstellung der Lebensmittel geflossen ist, geht verloren. Die Wenigsten denken beim Kauf einer Packung Hackfleisch daran, dass dafür nicht nur ein Tier gestorben ist, sondern noch viel mehr daran hängt: der Transport, die Verpackung, die Verarbeitung, die Haltung und Aufzucht, der Methanausstoß, der Wasserverbrauch, der Anbau und Transport der Futtermittel… Wenn man die Packung am Ende in die Tonne schmeißt, verschwendet man nicht nur 500 Gramm Fleisch sondern z.B. auch 7750 Liter Wasser (bei Rindfleisch). In geringerem Maße gilt das natürlich auch für Gemüse, Obst und Co., aber bei Fleischprodukten ist die Statistik besonders erschütternd. Angesichts des Klimawandels, der wachsenden Überbevölkerung weltweit und dem stetigen Rückgang an „echter“ nicht bewirtschafteter Natur ist für mich ein bewussterer Konsum und die Nutzung vorhandener Ressourcen die einzig logische Konsequenz.“

Ein mächtiges Schlusswort, dem nichts mehr hinzuzufügen ist, außer vielleicht der link www.foodsharing.de für weitere Infos.

Text & Interview: Claas Reiners

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