September 7th, 2014

FOOD NOT BOMBS (#63, 04-1997)

Posted in interview by Jan

An einem klaren, windigen Tag stehen einige Leute von Food Not Bombs-San Francisco vor dem Rathaus von San Francisco und verteilen kostenloses Essen an Obdachlose. Plötzlich werden sie von Polizisten eingekreist und festgenommen.

Diese Szene ist typisch für die Freiwilligen von Food Not Bombs, die als eine Hauptaktivität freies, selbstgekochtes und vegetarisches Essen an obdachlose Menschen ausgegeben. Beachtenswerte über 100 Gruppen existieren von Food Not Bombs bereits in den USA und Kanada, wo sie aber die Verpflegung von hungrigen Menschen auch mit den Bereichen Hausbesetzung, Piratenradios, Flüchtlingsunterstützung, Knastarbeit, … verknüpfen.

Wir sprachen mit dem Mitbegründer von Food Not Bombs, Keith McHenry aus San Francisco, im Rahmen seiner Europatournee im letzen Herbst in Berlin.

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Besonders in San Francisco sind viele Freiwillige von Food Not Bombs wegen der Ausgabe von kostenlosen vegetarischem Essen an Obdachlose verhaftet worden. Das ist doch unglaublich, ist das wirklich wahr?

Keith: Ja, es stimmt wirklich. Weil sie kosten-loses Essen an Obdachlose verteilten, wurden insgesamt 1000 Leute in San Francisco festgenommen,. Die letzten 700 Festgenommenen sind beschuldigt worden, irgendeine erfundene Verschwörung zu organisieren und damit, Gerichtsanweisungen gebrochen zu haben.

Besagte Gerichtsanweisung basiert auf einen Richterspruch vom Juli 1989, der damals Food Not Bombs untersagte kostenloses Essen ohne Erlaubnis auszugeben. Direkt danach erklärte die Regierung das gesamte juristische Erlaubnisverfahren für ungesetzlich, verbot es und somit konnten und können wir keine legale Erlaubnis mehr für die Nahrungsausgabe erhalten. Bisher wurde für die Ausgabe von Essen sogar eine Gefängnisstrafe ausgespro-chen.

Es traf Robert Kahn, der für die Hand-reichung von Brötchen und Teller mit Suppe an Obdachlose Frauen zu 60 Tagen Knast verurteilt wurde. Am 17. Juni ’96 trat er seine Verurteilung an, wurde dann aber nach 28 Tagen entlassen, wohl weil wir jeden Tag einen sehr aktiven Protest vor den Gefängnismauern veranstalteten.

Wie ist Food Not Bombs organisiert, wie entstehen neue Gruppen? Existiert ein Hauptquartier?

Keith: Jeder und jede kann eigenverantwortlich eine autonome Gruppe von Food Not Bombs gründen. Es existiert kein Hauptquartier. Jede Food Not Bombs-Gruppe fällt ihre Entschei-dungen autonom, viele entscheiden sogar nach dem Konsensprinzip. Alle Entscheidungen in der Gruppe werden in Übereinstimmung mit allen entwickelt, Abstimmungen werden nicht durchgeführt.

Alle unterstützen die Entscheidungen. Ist dies nicht der Fall wird neu darüber geredet und die Einwände so lange in der Diskussion abgewogen, bis sich alle in den Entscheidungen wiederfinden können. Alle arbeiten freiwillig, sie werden nicht bezahlt.

In einigen Regionen sind Netzwerke von Food Not Bombs-Gruppen geknüpft worden, so daß alle aus der Region sich zu besonderen Aktionen treffen können, wie z.B. bei einer Demonstration gegen Atomkraftwerke wo alle demonstrieren, kochen, Essen verteilen und danach wieder in ihre lokale Stadtgruppe zurückgehen.

Neue Gruppen können über unsere Flugblätter und Bücher helfende Tips empfangen. Fundament einer Neugründung ist oftmals das Gründungstreffen in einem Café oder in privaten Räumen, wohin mittels Flugblättern, persönlicher Ansprache oder Anzeige in Zeitungen geladen wird. Auf diesen Gründungstreffen werden dann häufig schon Aufgaben verteilt.

Einige Freiwillige gehen in Naturkostläden, Bäckereien, etc. und fragen die dort arbeitenden Menschen nach überschüssiger, für den Müll bestimmte Nahrung. Andere Freiwillige bereiten die Nahrung zu und kochen. Anfangs starten viele Gruppen im wöchentlichen Turnus mit der Essensausgabe.

In den Staaten fällt dieser Tag nicht selten auf einen Sonntag, weil die Kirchen Obdachlose Sonntags nicht mit Nahrung versorgen- sie sollen an diesem Tag beten gehen. Die Essenstische werden von den Gruppen bevorzugt in der Innenstadt, in einem Park oder an einem Platz aufgebaut. Ergänzend liegen auf den Tischen Flugblätter und Literatur aus.

Ihr kocht ausschließlich vegetarisch, stecken bestimmte Ziele dahinter?

Keith: Ein Motiv von Food Not Bombs ist die Gewaltfreiheit. Tiere zu töten ist Anwendung von Gewalt und wenn du Fleisch isst, dann bedeutet es dir selbst Gewalt anzutun, es ist wie Selbsthaß. Wichtig ist zusätzlich die Tatsache, daß genügend Ressourcen auf der Erde vorkommen um alle Menschen zu ernähren, wenn nur Obst, Gemüse, etc. angebaut würde und die Energie des Bodens nicht für Futter zur Zucht von Schlachtvieh verwendet wird.

Außerdem kann vegetarische Nahrung leichter verteilt werden, Menschen können davon nicht krank werden, sie ist hygienischer. Der Vegetarismus von Food Not Bombs ist durch eine Kombination von all diesen Argumenten begründet. Gewaltfreiheit wird von den einzelnen Gruppen aber unterschiedlich definiert. Beispielsweise vertreten einige Leute die Durchtrennung von Zäunen in der Nähe von Atomkraftwerken, um dort Parolen und Graffities zu sprühen.

Andere wiederum denken, daß das Gewalt gegen Eigentum ist. Menschen zu schlagen, Schußwaffen zu gebrauchen, sind aber Punkte bei denen alle übereinstimmen, niemand würde es machen. Wenn Nazis geschlagen werden, wie es in Toronto passierte, sagen die Leute, daß sie das Recht besitzen zu verhindern von Nazis geschlagen zu werden, weil die Gewalt ansonsten ansteigt wenn alle tatenlos zusehen was die Nazis verbrechen, die Nazis werden dich dann noch mehr angreifen.

Food Not Bombs ist in vielen Bereichen aktiv, ihr verteilt nicht nur Essen an Obdachlose sondern konntet auch eine Organisation zur Besetzung von Häusern gründen. Wie ist es dazu gekommen?

Keith: Food Not Bombs ist mit anderen Organi-sationen, Gruppen verbunden und arbeitet mit ihnen auch zusammen, teilweise konnten wir ihnen bei der Gründung sogar helfen. Eine dieser Gruppen ist ‚Home Not Jails‘. Die Hauptidee von ‚Home not Jails‘ ist die, daß insbesondere zur Zeit die Lösung der Obdach-losigkeit für die Regierung der Vereinigten Staaten so aussieht, daß sie die Obdachlosen in Gefängnisse stecken.

Unsere Linie ist völlig klar, indem wir fordern das die Obdachlosen Häuser, Wohnungen benötigen und nicht in Gefängnisse gesperrt werden dürfen. Es werden neue Gebäude gebaut die leerstehen, weil sie als Abschreibungsobjekte dienen, womit die Unternehmen Geld sparen, welches sie nicht zurückzahlen brauchen und sie noch mehr Profite anhäufen. Diese Politik wird in den USA als ‚Bondage of Houses‘ bezeichnet.

Danach gehen die Unternehmen zu den größeren Banken, zeigen auf ihre leerstehenden Gebäude, erzählen ihnen ‚Seht wir sind die Besitzer, leiht uns Geld‘. Die Banken verleihen und die Unternehmen stecken ihr Geld in Einkaufszentren. Wir sehen uns die einzelnen leerstehenden Häuser an, besuchen dann das Rathaus und finden mit den Computern heraus, welche Gebäude nach dieser Politik gebaut wurden.

Danach gehen wir zu den Häusern, öffnen die Schlösser und bauen neue ein. Anschließend geben wir den Leuten von Food Not Bombs Bescheid, die die Obdachlosen informieren, ihnen die freien Häuser zeigen und die Schlüssel übergeben. Die Leute oder Familien gehen dann los und ziehen in die Häuser ein. Um die Häuser letztendlich bewohnbar zu machen starten wir z.B. Freitagmorgen um 9 Uhr mit unserer Arbeit.

Mit Schutzhelm und Werkzeugtasche erscheinen wir an der Haustür, die Nachbarn denken einfach, daß wir von der Baufirma sind. Niemand weiß wirklich, daß wir für die Leute im Haus das Wasser freigeben und die Elektrizität installieren. In San Francisco existieren viele besetze Häusern dieser Art.

Die Ursache von Obdachlosigkeit ist in dem Fehlen, Mangel von bezahlbaren Wohnraum zu finden und wird nicht durch die politische Arbeit von Food Not Bombs begründet. Unsere Gesellschaft und die Regierung geben Geld für Bomben und Rüstung aus und nicht dafür, Menschen zu ernähren die hungrig sind.

Ist es Alltag in den USA, daß dort Leute in besetzen Häusern leben?

Keith: In jeder großen Stadt leben Menschen in besetzten Häusern, die meisten vielleicht in Philadelphia. Häufig kannst du Leute in einer Wohnung besuchen und wirst niemals erfahren, daß die Wohnung in Wirklichkeit besetzt ist. Sehr oft sind es stille Besetzungen. Es gibt auch einige öffentliche Besetzungen, welche oftmals große Gebäudekomplexe umfassen, vielleicht um die 7 Stockwerke hoch, wie z.B. der 13th Street Squat in Lower East Side/ New York.

Sie sind sehr runtergekommen und es ist offensichtlich, daß sie nicht repariert werden sollen – die Leute leben darin und wissen es auch. Dagegen sind viele Squats in San Francisco Holzhäuser mit 3 Stockwerken, die zumeist still besetzt sind.

Protestbesetzungen werden von uns auch durchgeführt, weil die Eigentümer die Installationen in den Häusern zerstören sowie die Rohrleitungen aus den Wänden reißen, so daß die Häuser nicht mehr bewohnbar sind, es würde Millionen von Dollars kosten sie zu renovieren. Diese Protestform wurde von uns ausgewählt um aufzuzeigen, daß all diese Häuser frei und zu vergeben sind.

Falls die Regierung Obdachlosigkeit wirklich beenden möchte, wäre es einfach für sie die Häuser Obdachlosen zu geben. Aber es ist klar: Das Hauptziel der Regierung ist die Unterstützung des Kapitalismus, sie wollen nicht die Obdach-losigkeit bekämpfen.

Eine weitere Protestform von uns funktioniert folgendermaßen: Bevor wir in San Francisco eine Demonstration veranstalten, ziehen wir in der Nacht davor mit Essen, Flugblättern und Transparenten in ein leerstehendes Haus. Wenn sich am nächsten Tag die Demo dem Haus nähert öffnen die Leute innen die Fenster, hängen Transparente raus und öffnen die Tür. Wir gehen mit vielen Leuten in das Haus und die Polizei versucht meist uns aufzuhalten, aber das nützt nichts, weil schon innerhalb des Hauses Leute von uns sind.

Unterstützt ihr auch kulturelle Inhalte, veranstaltet ihr z.B. Konzerte oder Ausstellungen?

Keith: Food Not Bombs hat von Anfang an Musik und Kunst als Teil seiner Motivation verstanden. Beispielsweise bauen wir in einem Park jeweils mittags um 13 Uhr einen Tisch mit Essen, Postern und Literatur auf – untermalt mit Trommeltönen und Congalauten.

Ab und an machen Leute Straßentheater, Puppenspiel oder Performance zur gleichen Zeit wie die Nahrungsverteilung läuft oder wir installieren einen Projektor und projizieren verschiedene bunte Lichter und Bilder an Mauern. So erreichen Touristen und Leute einen Zugang zu dem Thema, welches vielleicht über den Krieg in El Salvador handelt, Fotografien von getöteten Menschen in El Salvador zeigt, Poster der FMLN dokumentiert oder eventuell Informationen über Atomwaffen mit Bildern von Hiroshima illustriert.

Unterstützen euch auch Harcorebands aus San Francisco?

Keith: Ja, z.B. spielen MDC viele Solikonzerte für Food Not Bombs. Einige andere Bands kochen sogar einen Tag in der Woche für uns. Für eine Protestaktion machten wir einen Truck startklar, befestigten an den Seiten Transparente und eine Musikband trat dann auf der Ladefläche auf. Bands veröffentlichten in den Staaten etwa 20 Benefittapes für uns.

Die Leute die Salt Lake City-Food Not Bombs organisieren spielen ebenfalls in einer Band die sich NRC nennen, viele Freiwillige von Food Not Bombs sind Musiker oder veranstalten Konzerte. Hardcorebands, vegetarische Gruppen und Food Not Bombs, sie all zusammen ergeben eine wirklich starke Bewegung.

Du hast gestern erzählt, daß in den letzten 10 Jahren in den Staaten keine neuen Universitäten gebaut wurden, dafür aber viele neue Knäste. Wie verhält es sich damit?

Keith: Es wurden keine neuen Universitäten gebaut, statt dessen 30 weitere Gefängnisse alleine in Kalifornien eröffnet. Das Geld welches für die Gefängnisindustrie ausgegeben wird wäre wesentlich sinnvoller in die Gesellschaft zu investieren, damit Schulen, Krankenhäuser und sonstiges finanziert werden kann.

Zur Zeit sind über 2 Millionen Menschen in den Gefängnissen der USA inhaftiert. In unsere Nachbarschaft in San Francisco ist eine Bücherei die jetzt nur noch einige wenige Male in der Woche geöffnet ist, es fehlt an Geld um neue Bücher in die Regale zu stellen. Der Zugang in die Hospitale ist nicht für alle Menschen frei, weil nicht alle die Ärzte bezahlen können.

An der Grenze zu Mexiko stehen einige Flüchtlingsknäste, die auch ‚Concentration Camps‘ genannt werden. Ist das richtig?

Keith: Ja, es existieren große sogenannte ‚Haftcenter‘ an der Grenze zu Mexico und viele Menschen nennen sie auch ‚Concentration Camps‘. Gewöhnlich sind die Lager durch zwei große, parallele Zäune umschlossen, die etwa 6 Meter hoch sind, mit Stacheldraht bestückt werden und in einem 6 Meter tiefen Betonbett liegen.

Bei Brownsville / Texas sitzen 10.000 Menschen, Frauen und Männer, draußen in der Wüste in solch einem Lager. Helikopter überfliegen das Lager und werfen Kisten mit Nahrungsmitteln von oben in die Menschenmenge ab. An diesem Lager organisiert eine Gruppe von Nonnen den Protest, Nonnen von dem Orden die damals in El Salvador ermordet wurden.

Sie formieren den Widerstand unter der Parole „Keine weiteren Konzentrationslager in den USA“. Ein weiteres bekanntes Lager steht in Miami/ Florida, wird als ‚Chrome Detain Center‘ bezeichnet und nimmt den fragwürdigen Spitzenplatz des größten Flüchtlings-gefängnisses in den USA ein, wahrscheinlich werden dort 20.000 eventuell sogar bis zu 50.000 Menschen eingeknastet.

Sitzen mehr Weiße, Schwarze oder hispanische Menschen in den Knästen der USA?

Keith: Wie bereits gesagt sind über 2 Millionen Menschen in den Knästen der USA gefangen, in Kalifornien schätzungsweise 130.000 Menschen. Etwa 46% der Menschen in den Knästen sind farbig, viele sind hispanisch und allein 11% aller schwarzfarbigen Männer in den USA sitzen in Gefängnissen. In den Staaten sind 12% aller EinwohnerInnen Schwarz.

Eine Vergleichszahl wird in den New York Times von 1995 erwähnt, sie berichten das 7% aller schwarzen Menschen in den USA in Knästen eingesperrt sind. Ich denke, beinahe 30% der Leute in den Knästen sind hispanisch und fast alle Menschen in den Knästen sind arm. Dagegen leben die Cops welche Rodney King mißhandelten ein sehr angenehmes Knastleben [Rodney King wurde von 4 weißen Polizisten am 3.März’91 schwer geschlagen. Der Freispruch der angeklagten Polizisten führte Ende April ’92 zu den Riots von Los Angeles bei denen 53 Menschen getötet wurden. Danach wurden die weißen Polizisten zu 21/2 Jahren Knast verurteilt]. Diese Cops spielen Golf und Tennis im Knast, erhalten freies und besonders gut gekochtes Essen. Viele Menschen sind wegen Drogen verurteilt worden. Ich denke, daß in den Staaten etwa 100.000 Menschen wegen Marihuana in den Knästen einsitzen.

Kannst du dafür in den Knast geworfen werden?

Keith: Für das Rauchen oder den Besitz von Marihuana wirst du in beinahe allen Bundesstaaten in den Knast gesteckt. Viele Leute sind wegen Marihuana im Knast, teilweise wurden sie für den Verkauf von Marihuana zu 20 Jahren Knast verurteilt. In den Staaten hat sich gegenwärtig eine Bewegung gegründet die sich „Free Out Prisoners of War“ nennt, sie wollen den Krieg gegen den Drogenkonsum thematisieren.

In einigen Teilen der USA, so z.B. in Nord-Kalifornien, hat der Staat Anti-Drogen-Einsatzlager installiert. Dort werden Helikopter eingesetzt, Armeegerät benutzt und Armeewagen fahren durch die Stadtviertel um Drogenbenutzer zu jagen. Viele, viele Leute sind für das Rauchen von Marihuana in den Knast gesteckt worden, oftmals wurde ihnen 2 bis 5 Jahre dafür aufgebrummt. Leute die bei der Herstellung von LSD oder Speed gefaßt werden, müssen meistens für 17 bis 25 Jahre hinter Gitter.

Gibt es auch Widerstand in den Knästen?

Keith: In den Knästen besteht eine sehr große Widerstandsbewegung und eine breite Solidarität zwischen den weißen und farbigen Gefangenen. Im Grunde genommen sind die meisten Inhaftierten ökonomische Gefangene.

Fast alle der 2 Millionen Gefangen sind aber in einem bestimmten Sinn politische Gefangene, weil sie von Menschen angeklagt wurden welche die Macht besitzen und die Macht dafür einsetzen, daß sich die Gesellschaft nach ihren Bedingungen und Vorstellungen formt und ausrichtet.

In diesem Zusammenhang ist die Knastarbeit ein anderes großes politisches Thema. Im letzten Jahr haben die Firmen millardenschwere Profite durch die Arbeit in US-Knästen abgesaugt. Die Leute in den Knästen fabrizieren Kleider, Stifte und ähnliche Sachen.

Sie benutzen die Gefangen zur Eingabe von Daten in Computern oder zur Überprüfung von Kreditkarten. Gefangene in Kalifornien erhalten nur 8 cents in der Stunde, der Mindestlohn in Kalifornien beträgt dagegen aber 4,75$. Dadurch scheffeln die Firmen große Geldbeträge.

In jeder großen Stadt wurden und werden Demonstrationen deswegen organisiert, im letzen Sommer kam es in 75 US-Knästen zu Aufständen und es werden Streiks in Knästen organisiert, wo die Gefangenen nicht mehr zur Arbeit gehen.

Gestern wurde eine Diskussion über das sogenannte ‚Three Strike Law‘ geführt. Was hat es mit diesem Gesetz auf sich?

Keith: Ich war wahrscheinlich der erste Politische Gefangene, der unter dem ‚Three Strike‘-Gesetz in den USA angeklagt wurde. Bei der ersten Verurteilung erhälst du einen ’strike‘ [Treffer], bist vielleicht zehn Jahre im Knast und die darauf eventuell folgende zweite Verurteilung, wegen Betrug, Drogenhandel oder ähnlichem, ist dann der zweite ’strike‘.

Jemanden zu schlagen oder etwas zu stehlen kann auch der zweite ’strike‘ bedeuten. Wenn der Gesetzesparagraph für deine Tat normalerweise zehn Jahre vorsieht, es aber dein zweiter ’strike‘ ist, wirst du dann jedoch für zwanzig Jahre in den Knast geworfen. Und danach, wenn du mit deinem dritten ’strike‘ konfrontiert bist, verschärft es sich erneut.

Es liegen Berichte vor, daß Menschen die ein Stück Pizza genommen haben oder eine Dose Bier aus einem Laden entwendeteten, die ein Fahrrad stahlen oder eine Autobatterie sich angeeignet haben, dafür lebenslänglich in den Knast mußten, weil es eben ihr dritter ’strike‘ war. Es gibt keine Einspruchsmöglichkeit, höchstens eine sogenannte reduzierte ‚three-strike‘-Strafe von 25 Jahren bis lebenslänglich, bedeutet: Du kommst frühestens nach 25 Jahren wieder in die Freiheit.

Einige Konzerne, Mc Donald’s zum Beispiel, sollen Gift in ihre Mülltonnen stecken bzw. die Mülltonnen verschließen. Ist das wirklich war?

Keith: Es stimmt tatsächlich. Die großen Konzerne wie Mc Donald, Burger King, Ken-tucky Fried Chicken werfen Gift, oftmals Rattengift, über die Essenreste in den Müllcontainern und verschließen diese dann. Niemand kann so an das Essen in den Müllcontainern gelangen; falls er oder sie es doch schafft werden sie davon krank, sie werden es niemals wieder anrühren.

Die Konzerne und Restaurants wollen die Leute dazu zwingen, daß sie ihre Nahrungsmittel kaufen und nichts für umsonst erhalten. Ich denke, daß diese Idee, dieses Ziel, dahinter steckt.

Es ist quasi ein Krieg gegen arme und obdachlose Menschen?

Keith: Die ganze Gesellschaft ist so strukturiert, daß Obdachlose und Arme ausgegrenzt werden. Das zeigt sich selbst in der Art und Weise wie die Städte strukturiert sind. Oftmals werden in den Städten lineare Freeways gebaut, die sternförmig in die Zentren der Städte führen, selbst aber nur von wenigen Straßen gekreuzt werden.

Diese Kreuzungen werden als Schlüsselpunkte der Überwachung benutzt. Wenn die Polizei an diesen Punkten beobachtet wie ein Obdachloser oder Armer die Straße überquert, gehen sie zu ihm hin und sagen „Nein, geh zurück auf deine Seite des Freeways, bleib in deinem Viertel“ oder sie nehmen ihn fest.

Durch diese Stadtplanung und Überwachungspolitik sind die Städte in verschiedene Rassen aufgespaltet, in schwarze Nachbarschaften und hispanische Nachbarschaften sowie in Vierteln mit weißer Mittelschicht, die häufig auch in einer gesünderen Umgebung wohnen. Jede Stadt in den USA ist in Klassen und Rassen aufgeteilt.

Du hast mir erzählt, daß Widerstand gegen die Olympischen Spiele in Atlanta stattgefunden hat. Hier in der Bundesrepublik konnten wir darüber nichts erfahren, was ist dort passiert?

Keith: Der Widerstand in Atlanta war wirklich nicht groß, etwa ein paar hundert Leute, aber daß ist viel für Atlanta weil es im Süden liegt und es dort sehr heiß ist. Im Vorfeld der Olympischen Spiele tauchte außerdem die Bedrohung der Polizeirepression auf, somit fürchteten sich viele Menschen nach Atlanta zu fahren. Trotzdem, jeden Tag organisierten wir einen großen Protest in Atlanta.

Die erste Demonstration veranstalteten wir außerhalb von Atlanta an einem Bundesgefängnis, wo wir ein großes Transparent mit der Parole ‚Freiheit für alle politischen Gefangenen in den USA‘ entrollten. In den Vereinigten Staaten herrscht der Glaube vor, daß dort keine politischen Gefangen existieren, weil es das „freieste Land der Welt“ sei. Innerhalb des Gefängnisses von Atlanta sitzen Unabhängigkeitskämpfer aus Puerto Rico eine Strafe von 30 Jahren ab.

Sie sind nicht verurteilt wegen Bombenattentaten oder ähnlichem, diese Menschen sind nur angeklagt worden, weil sie Mitglieder der Unabhängigkeitsbewegung von Puerto Rico sind. Außerdem sitzen dort noch zwei weitere spezielle Gefangene ein, einer davon ist Roy Bourgeois. Er hat als Priester gegen die ‚School of America‘ in Forth Valley/ Georgia protestiert.

Diese Einrichtung wird von Kritikern auch als die ‚Schule der Attentäter‘ genannt, weil die Täter welche Erzbischof Romero in El Salvador töten, in dieser ‚School of America‘ von US-Miltärausbildern trainiert wurden. Die restlichen Protestaktionen fanden dann in der downtown von Atlanta statt. So sind wir z.B. am Coca Cola Plaza aufgetaucht, wo wir große Food Not Bombs Transparente mit uns führten als auch Transparente die wie Coca Cola Werbung aussahen, aber nicht das Coca Cola Emblem wurde abgebildet sondern der Schriftzug ‚Genieße kapitalistische Gier‘ war zu erkennen.

In der downtown von Atlanta herrschte während der gesamten Olympischen Spiele ein Platzverbot für Obdachlose, welches von der Polizei strikt durchgesetzt wurde. Ergänzend verteilten wir noch Essen in der Stadt, weil alle Suppenküchen in Atlanta während der Olympischen Spiele geschlossen waren.

Wir konnten die ganze Stadtumgebung mit Essen versorgen und alle hungrigen Menschen fanden den Weg zu uns sowie ein kostenloses Mahl, die meisten waren afroamerikanischer oder hispanischer Herkunft. Leider errangen wir nur die Aufmerksamkeit von sehr wenigen Medien, keine mainstream-Presse erwähnte uns, deswegen konntet ihr in der Bundesrepublik auch nichts über uns erfahren.

Vielen Dank für das Gespräch Keith.

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Food Not Bombs sind kontaktierbar unter folgender Anschrift:

Food Not Bombs
3145 Geary Blvd. #12
San Francisco
CA 94118
U$A

Interview: Stephan Siedler

Nachtrag 2014:

Food Not Bombs sind auch über 15 Jahre nach dem Interview noch weltweit aktiv und heute natürlich auch digital vertreten:
http://www.foodnotbombs.net
http://www.food-not-bombs.de

Hier noch ein neuerer, ausführlicher Vortrag von Keith McHenry aus dem Jahre 2011.

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