März 11th, 2007

FIFTEEN (#79, 12-1999)

Posted in interview by andreas

Noch ein Interview, das es fast in die Drogen-Ausgabe geschafft hätte – auch wenn es gar nicht so geplant war. Jeff Ott, Sänger und Gitarrist von Fifteen, ist einer der offensten Menschen, die ich je bei einem Interview erlebt habe. Ob es um seine Drogensucht (er ist seit Jahren clean), den Selbstmord eines engen Freundes oder um politische Themen geht, der Amerikaner antwortet auf alles.

Insofern wäre es viel zu kurz gewesen, hätte man das Interview auf das Thema „Drogen“ beschränkt. Also kommt das Interview jetzt, gut fünf Monate, nachdem es während der „Take Action“-Tour am Telefon stattfand. übrigens ist das auch eine Idee, die hier viel zu selten in die Tat umgesetzt wird: Bis zu Fünf Bands für höchstens zehn Dollar auftreten zu lassen, ein Teil der Einnahmen zu spenden und politischen Organisationen eine Plattform zu bieten. Aber das ist ein anderes Thema. Die politischen Themen konnten natürlich nur angerissen werden. Wer mehr wissen will, sollte sich das Booklet zur Fifteen-CD „Lucky“ anschauen oder auf die Webseite www.monitor.net/~bari gehen.

***

Ihr seid gerade auf einer Tour, bei der verschiedene linke Aktionsbündnisse vorgestellt werden. Erzähl mir mal mehr davon.

Jeff: Also grundsätzlich ist das natürlich eine Tour, mit der das Label Sub City gestartet werden soll. Es war auch deren Idee, sie zu machen. Ein Teil des Geldes, das wir an der Kasse machen, geht an drei verschiedene Organisationen.

Wie sehr interessieren sich die Besucher denn für solche Dinge?

Jeff: Ich glaube, dass sich heute eine Menge Leute dafür interessieren. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass vor zehn Jahren die Leute, die ein politisches Bewusstsein hatten, mehr damit beschäftigt waren zu trinken oder was auch immer. Jedenfalls waren sie nicht aktiv. Insofern war es immer eine Minderheit, die politisch aktiv war.

Der Eintrittspreis bei der Tour ist ziemlich niedrig.

Jeff: Fünf bis zehn Dollar bei vier oder fünf Bands.

Wie macht ihr das?

Jeff: Die Bands kriegen auf jeden Fall weniger Geld, als wenn sie normal auf Tour wären und mit einer lokalen Band spielen würden. Und gespendet wird nur ein relativ kleiner Teil der Einnahmen. Genau genommen sind das fünf Prozent pro Abend. Bei 1000 Dollar Einnahmen wären das nur 50 Dollar. Normalerweise haben wir ungefähr 3000 bis 5000 Dollar Einnahmen, was immer noch keine grosse Summe ausmacht.

Wie wichtig ist es für Euch als Band, bei so einer Tour mitzumachen?

Jeff: Ich bin ein sehr politischer Mensch, insofern entspricht diese Tour viel mehr dem, was ich machen möchte, als jede andere zuvor. Normalerweise haben wir vollkommen unpolitische Bands mit auf Tour. Und so sind auch die Konzerte. Diesmal sind politische Organisationen mit dabei, und die Leute können sich an Büchertischen informieren. Mir wäre es auch lieber, wenn die Musik nicht so sehr im Vordergrund stünde und die Konzerte eher so etwas wie „Workshops“ wären. Aber ich schätze, das ist nur so eine Vision…

Von den Einnahmen jeder Platte auf eurem Label Sub City geht ein Teil an eine Organisation? Wer sucht die Organisation aus?

Jeff: Die Band macht das.

Dann erzähl mir was über das Redwood Summer Justice Project und über Judi Bari.

Jeff: Judi Bari war involviert in „Earth First“ und kümmerte sich um den Erhalt der Redwood-Region im nördlichen Kalifornien. Sie war sehr erfolgreich in ihrem Kampf gegen Firmen, die dort den Wald abholzen wollten. Die Firmen und das FBI haben daraufhin zusammen gearbeitet und eine Bombe unter ihrem Sitz platziert. Die Bombe ging hoch und Judi wurde schwer verletzt. Das FBI war kurz nach der Explosion bereits am Tatort und behauptete, es sei ihre eigene Bombe gewesen und sie habe gewusst, dass die Bombe da gewesen sei.

Dabei hatte die Bombe einen Bewegungsauslöser. Das heisst Judi musste die Bremse treten, um die Bombe zu zünden. Es konnte also nicht ihre Bombe sein. Es gibt offensichtliche Beweise dafür, und das FBI weiss das auch. Man versucht so, „Earth First“ in der öffentlichkeit zu diskreditieren. Ausserdem gibt es Hinweise, dass das FBI involviert war in die Geschichte. Das Redwood Summer Justice Projekt kämpft vor Gericht gegen das FBI, und ich sehe eine grosse Chance, dass man das FBI mal dran kriegt. Wir geben Geld, um den Anwalt zu zahlen.

Bist Du denn optimistisch, dass die Wahrheit am Ende ans Licht kommt?

Jeff: Ich hoffe es. Aber es geht nicht nur um Judis Fall. Es gibt verschiedene Fälle, wo Bomben explodiert sind und das FBI dies „Earth First“ in die Schuhe schieben wollte. Das geht soweit, dass Leute kaltblütig ermordet wurden.

Wenn ich mir den Text in Eurer CD anschaue, dann kann Judi Bari nicht für die Bombe verantwortlich gewesen sein. Aber wie wollt ihr beweisen, dass es das FBI war?

Jeff: Ich fürchte, dass wir den Beweis nicht bringen können. Was sehr interessant ist, dass das FBI genau diesen Typ von Bombe eine Woche vorher auf dem Gelände von Timberland – der Firma, die dort den Wald abholzen will – ausprobiert hat. Das ist genauestens dokumentiert.

Als die Bombe hoch ging, dauerte es genau zwei Minuten, bis die FBI-Agenten am Tatort war. Sie behaupteten, dass sie genau wüssten, dass die Bombe auf dem Rücksitz lag. Dabei ist das Loch von der Explosion direkt unter dem Fahrersitz, wie Fotos beweisen. An der Bombe waren Nägel befestigt.

Das FBI behauptet, das wären die gleichen wie die, die man im Kofferraum fand. Das Labor bewies hinterher, dass es definitiv andere waren. Zumindest wusste das FBI, dass sich im Auto eine Bombe befand, und sie hatten einen Plan, wie sie Earth First damit diskreditieren wollten. Das lässt sich beweisen. Wer genau die Bombe im Wagen platziert hat, lässt sich wohl nur schwer beweisen.

Wenn Du solche Sachen siehst, wie sehr glaubst Du überhaupt noch an Demokratie?

Jeff: Ich glaube da ohnehin nicht dran. Letztlich ist das alles Blödsinn. Ich denke, dass es darum geht, das Bewusstsein der Menschen zu manipulieren. In der Demokratie werden Menschen nicht mit Gewalt zu etwas gezwungen. Aber letztlich ist es das Gleiche. Man wählt nur einen anderen Weg.

Wie kann man das Deiner Meinung nach ändern?

Jeff: Man kann eine Menge tun, wenn man sich aktiv betätigt. Wir als Band können nur versuchen, junge Leute dazu zu bringen, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen.

Ist die Band dann für Dich ein Vehikel, um Ideen zu transportieren?

Jeff: Auf jeden Fall.

Ist das der Hauptgrund für Fifteen?

Jeff: Für mich schon.

Und was ist, wenn jemand nur eure Musik hört?

Jeff: Vor ein paar Jahren hätte mich das noch gestört. Heute wäre das okay, auch wenn ich wünschte, dass es anders wäre.

Wie alt sind denn die Leute, die zu euren Shows kommen? Ihr seid ja auch keine ganz so neue Band.

Jeff: Die meisten sind ausgesprochen jung.

Wie viele von denen kommen, weil sie Green Day oder Offspring kennen und nun ein bisschen tiefer graben?

Jeff: Genau das passiert gerade. Meine Tochter ist etwas über 13. Sie hat bislang nur die Musik gehört, die auf MTV lief. Aber durch Green Day begann sie sich dafür zu interessieren, was andere, lokale Bands machen. Ich denke, dass eine Menge Kids durch Mainstream-Medien aufmerksam geworden sind.

Wie ist es denn, wenn man vor Kids spielt, die das Alter Deiner Tochter haben?

Jeff: Das ist komisch. Vor vier Monaten kam meine Tochter erstmals zu einer von unseren Shows. Da ist mir bewusst geworden, dass ich alt bin. Ich schaute sie an und bemerkte, dass sie das gleiche Alter wie die anderen Zuschauer hat. Das ist schon seltsam.

Ich bemerke auch immer wieder, dass ich mittlerweile zehn Jahre älter bin als der Durchschnitt der anderen Konzertbesucher. Man fragt sich dann immer, warum man das noch macht.

Jeff: Ich spiele immer noch in einer Band, weil jetzt ganz andere Zuschauer kommen. Und da der politische Teil der Band für mich so wichtig ist, gibt es einen Grund weiterzumachen. Mit 27/28 Jahren sind Leute nicht mehr politisch, dann kümmern sie sich darum, ihr Haus abzuzahlen. Politisch aktiv ist man mit 15 bis 25, anschliessend wird man ziemlich nutzlos.

Das klingt sehr zynisch.

Jeff: Ich will ja nicht sagen, dass alle so werden. Aber 80 Prozent bestimmt. Das ist okay. Wenn man Kinder hat, will man auch eine gewisse Sicherheit für die Familie haben. Das ist schon nachvollziehbar.

Du arbeitest sicherlich neben der Band.

Jeff: Ja klar, ich muss. Ich bin Sozialarbeiter und beschäftige mich mit obdachlosen Kindern und Prostituierten. Ich hatte vorher versucht, in einem normalen Job zu arbeiten. Aber das klappte nicht.

Erzähl mal was über den Song „Lucky“. Lucky ist der Mensch auf dem Cover, oder?

Jeff: Ja, er war früher Bassist in der Band. Er hat sich erschossen. Das war nicht das erste Mal, das ich so etwas erlebt habe. Ich habe früher sehr viele Drogen genommen. Ich bin knapp fünf Jahre clean, und in dieser Zeit haben sich neun Freunde entweder eine überdosis gesetzt oder sich umgebracht wegen ihres Drogenkonsums. Die ersten zwei oder drei Mal war es sehr dramatisch für mich.

Mittlerweile ist es nicht mehr der grosse Schock. Irgendwie war ich immer derjenige, der anderen in dieser Situation helfen musste. Das ist ziemlich hart. Aber du kannst einem drogenabhängigen nicht helfen. Jedenfalls nicht solange, bis er selbst kommt und darum bittet.

Glaubst Du, dass Du Deine Fans von Drogen abhalten kannst?

Jeff: Ich kriege jedenfalls sehr viele Briefe von jüngeren Leuten, die vor solchen Situationen stehen. Das liegt wohl daran, dass ich selber sehr offen bin, was meine Drogensucht angeht.

Wie ist das denn für Deine Tochter? Sie kommt ja jetzt in das Alter…

Jeff: Stimmt. Aber sie macht schon seit Jahren Kampfsport und ist sehr mit ihrer Gesundheit beschäftigt. Und das gilt auch für ihre Freunde. Als ich 13 war hing ich mit Leuten ab, die Drogen nahmen… Ich mache mir also keine Sorgen. Ausserdem weiss sie, was Drogen bewirken. Unsere Beziehung war über Jahre hinweg total schlecht, weil ich mehr mit Drogen als mit ihr beschäftigt war.

Sie sah Dich bewusst unter Drogen?

Jeff: Ich habe versucht wegzubleiben, wenn ich unter Drogen stand. Also sah sie mich nicht in diesem Zustand. Andererseits wusste sie natürlich ganz genau, was es bedeutet, wenn ich nicht nach Hause kam.

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Interview: Dietmar Stork

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

 

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