Mai 15th, 2019

FIEND FORCE RECORDS (#112, 2005)

Posted in interview by Jan

Fiend Force Records

Thorsten betreibt seit Ende 2003 das Label für Horrorpunk, Fiend Force Records und ist neben seinem Engagement als Sänger in zwei Bands, der „erfolgreichsten Misfits-Coverband Europas“ namens The Ghouls und bei der Horrorpunkband „The Other“, in einem sehr interessanten Job zugange… Dazu später mehr, erstmal wollte ich von ihm wissen, was es denn mit dem Begriff „Horrorpunk“ auf sich hat. Dazu schickte ich Thorsten, den ich schon im Mai 2003 im Rahmen des conservativepunk.com Artikels interviewt hatte, ein paar Fragen per Email im Februar 2005.

Hi Thorsten, du hast ja mal im Plastic Bomb Fanzine einen Artikel über Horrorpunk geschrieben – also ein Subgenre von Punkmusik, wo die Haupteinflüsse nicht Sex Pistols, Anarchie und Dosenbier, sondern Misfits, Friedhof und ….Rotwein lauten. Oder was trinken die Horrorpunks?
Ha, Rotwein…Das wäre ja Klischee pur! Ich hab in den seltensten Fällen Weinflaschen auf Konzerten gesehen und selber fröne ich dem leckeren Kölsch. Das finden allerdings auch viele sehr gruselig.
Was genau ist denn Horrorpunk? Gibt’s Parallen zu der Gothicszene?
Klar gibt’s Parallelen… Horrorpunk liegt irgendwo zwischen Punk-Rock und Death-Rock. Also schön viel schwarz, Grusel-Stimmung, Make-Up, Halloween, aber eben auch schnell, laut und subversiv. Horrorpunk ist zwar manchmal theatralisch aber eben viel mehr Leder statt Samt!
Wenn ich dir drei Klischee- Statements zu Horrorpunks vorhalte, was würdest du darauf spontan sagen?
Klischee-Spruch Nummer eins: “Horrorpunk ist was für maskierte Leute, die keinen Bock auf Politik haben und sich lieber in diffuse Phantasie-Lyrcis flüchten, anstatt sich konkret mit der realen Welt auseinandersetzten?”
Horrorpunk ist kein eskapistisches Genre. Die Leute fliehen ja nicht in eine Welt, in der Gut und Böse problemlos zu differenzieren sind. Auch findet hier, im Gegensatz zum Fantasy-Genre, eine Entwicklung statt. Es gibt Handys und Computer und Genforschung. Die heile Welt ist im Horror selten vorhanden. Horror ist eher ein Genre, dass den Menschen die Ängste vor Augen führt, die sie verdrängen, also die Auseinandersetzung mit problematischen Themen sucht. Themen übrigens, die auch oft politisch sind, wie man speziell in der American Gothic Literatur feststellt. Da werden oft unterschwellig soziale und gesellschaftliche Probleme aufgegriffen, wie der Vietnam-Krieg, die Konflikte zwischen Schwarz und Weiß, der Genozid an den Indianern, etc. Stephen King beherrscht das gut, Poe, Hawthorne oder Brown ebenfalls. Und auch Horrorpunk widmet sich oft solchen Themen. Das Fremde als Außenseiter, die Gefahren der modernen Wissenschaft, die Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen…
Klischee-Spruch Nummer zwei: “Sich auf Misfits zu beziehen, ist ja schön und gut, aber doch wenn, dann nur die alten mit Glenn – und nicht die Muskel- und Mogelpackung von heute!”
Ach ja, und die Ramones waren nur im Original-Line-Up der ersten drei Alben gut. Wer weiß denn aber, dass die Misfits auch zu Glenns Zeit ohne Ende Besetzungswechsel hatten. Fester Drummer? Pustkuchen… Und auch an der Gitarre gab es zahlreiche Wechsel. Dass die Misfits sich nach einem zehnjährigen Rechtsstreit wieder zusammen gerauft haben und mit „American Psycho“ ein geniales Album veröffentlicht haben, ist doch super. Mal abgesehen davon, dass die Unterschiede zwischen den Misfits 1996 und den Misfits 1981 auch nicht so gravierend sind. Viele Horrorpunkbands sind außerdem nicht nur von alten oder neuen Misfits beeinflusst, sondern auch von Samhain, Danzig, The Damned, TSOL, 45 Grave, etc.
Klischee-Spruch Nummer drei: “Die Musik von den aktuellen Horrorpunkbands ist doch nur die immer gleiche Version des immer gleichen Misfits Backcataloges, so daß man sagen kann, daß Horrorpunk ähnlich sub- oder unsubversiv ist wie die ganzen Poppunkbands, die auch nur Ramones, Queers und Screeching Weasel nachspielen?”
Die Queers und Screeching Weasel sind ja selbst nur Ramones-Kopien. Außerdem ist das ein Klischee, dass nur von Leuten benutzt wird, die sich NIE mit Horrorpunk auseinander gesetzt haben. Denn dann würden sie merken, dass eine Band wie Crimson Ghosts ganz anders klingt, als eine Band wie Nim Vind. Oder dass The Other völlig anders klingt als Shadow Reichenstein. Man erkennt ähnliche Einflüsse, aber das Ergebnis ist komplett unterschiedlich. Das zeigen ja auch die beiden Teile der „This is Horrorpunk“ – Compilation!
Wie kamst du auf die Idee, dein Label zu machen? Wie viel Leute seid ihr? Ihr zieht das ja ziemlich professionell auf, wenn man mal eure tolle Homepage anschaut….
Wir waren mit The Other im Studio und ich war sehr angetan von dem Ergebnis. Da ich schon immer ein eigenes Label starten wollte, war das der Auslöser. Und die Idee gefiel mir eben, ein Horrorpunk-Label zu gründen. Sowas gab’s einfach noch nicht. Fiendforce besteht aus zwei Leuten, Paddy Scum und mir. Aber wir haben natürlich viele Helfer, die uns bei Grafik, Street-Promotion, etc. unterstützen. Professionell versuchen wir schon zu sein, denn wir veröffentlichen weltweit unsere Alben, sorgen für Promo, Touren, Anzeigen, etc. Da kann man nicht mit einer „komm ich heut nicht, komm ich morgen“ – Einstellung ran gehen. Man hat ja Verantwortung für die Bands!
Wie kommt ihr an die ganzen Bands? Habt ihr die selber angeschrieben? Sagen wir mal, einer der Leser dieses Interviews spielt in einer Horrorpunkband und sucht nen Label – was für Kriterien habt ihr für eure Bands?
Wir kriegen einiges an Demos zugeschickt. Fast ausschließlich aus den USA, England und Skandinavien übrigens. In Deutschland scheint es kaum Horrorbands zu geben, und wenn, dann war das bisher nicht das Gelbe vom Ei. Wahrscheinlich weil das Genre hierzulande so jung ist, dass sich jetzt erst langsam Bands gründen. Bisher gibt es wirklich nur The Spook, The Other, The Crimson Ghosts und The Fright, die mir bekannt sind. Und natürlich Horror-Punkabilly Bands wie Mad Sin oder Thee Flanders. Wenn es neue Bands irgendwo da draußen gibt, bitte melden. Für uns sind erst mal einfach gute Songs wichtig, die irgendwo in die Schnittmenge Misfits, Samhain, The Damned, Demented Are Go, The Cramps, etc. passen.
Eure erste Veröffentlichung war ja der Sampler zu Horrorpunk – gibt es schon Releases, die ihr im Nachhinein bedauert? Und wann kommt denn die neue Misfits bei euch raus, haha ?
Nein, wir bedauern nichts. Das liegt daran, dass wir uns lange mit einer Band beschäftigen und das Material zig mal hören, bevor wir uns entscheiden etwas raus zu bringen. Natürlich gibt es Bands, die besser, und welche, die schlechter verkaufen, aber das macht in der Gesamtheit nichts. Fiendforce und seine Bands sind eine kleine, gruselige Familie und wir verstoßen niemanden, mit dem wir gut zurecht kommen. Die Misfits zu veröffentlichen, wäre natürlich ein (total unrealistischer) Traum. Mir würde es aber schon reichen, die neue Band von Doyle raus zu bringen, aber wie es aussieht, erscheint die Scheibe auf Glenn Danzig’s Label. Schade.
Du standest ja direkt nach eurer Labelgründung in der internationalen Presse, als diese Conservativepunk.com- Sache bekannt wurde und du sogar von der New York Times interviewt wurdest. Wie kamen die denn auf dich?
Na ja, bei den Voll-Vollspackos von Conservativpunk sind nun mal Michale Graves (ex-Misfits) und Sin von Antidote Recorsd (Label, dass viel Horror-Bands veröffentlich hat) dabei. Und Bobby Steele (ex-Misfits) ist ebenfalls Supporter. Also hat wohl jemand gedacht: „fragen wir mal, was diese Horror-Szene sonst so treibt“ und so sind sie schnell auf fiendclub.de gelandet. Das ist DIE Horrorpunk/Misfits-Fanseite überhaupt und wird ganz zufällig auch von uns gemacht. Und gerade zu dem Zeitpunkt hatten wir ein Bild von Michale Graves zusammen mit Bush mit Nazi-Armbinde auf der Seite und noch ein paar polemische Worte über Conservativepunk. Gefundenes Fressen für die Presse J. Übrigens möchte ich hier noch mal verdeutlichen, dass Volldeppen wie Michale Graves und Bobby Steele absolute Einzeltäter sind und damit allenfalls im mittleren Süden der USA ansatzweise Zuspruch erhalten.
Stehst du eigentlich mit den aktuellen Misfits in Kontakt? Ich habe letztes Jahr das Haus von Glenn Danzig in Los Angeles besucht, zumindest hatte ich die Adresse und vor dem recht düsterem Haus stand nen ziemlich schicker Porsche, denke mal, das stimmte schon. Du hattest denn doch auch mal für eine Musikzeitschrift interviewt oder? Muss doch cool gewesen sein…
Mit Dr. Chud maile ich mir immer mal wieder, mit Bobby Steele war ich bis zu seinem Outing in Kontakt, mit John „Tank“ Grimm (dem jahrelangen Roadie der Band) maile ich mir und Jerry treffe ich halt häufig durch gemeinsame Gigs oder eben Interview, die ich mache. Glenn hab ich zweimal bei Interview getroffen, die beide großartig waren. Er hat meine alten LPs signiert und war gut drauf. Er ist schon eine Person mit sehr viel Ausstrahlung. Und für mich war es eine Riesen-Ehre. Hab ihm natürlich den Horrorpunk-Sampler überreicht J. Bei Telefon- Interviews dagegen ist Glenn ein Riesen-Arsch und beim letzten Mal hab ich mich richtig mit ihm angelegt. Man soll auch seine Helden mal angreifen dürfen…
Sehr interessieren tut mich ja deine hauptberufliche Tätigkeit: du hast das Sexikon – Erotikwissen von A bis Z herausgeben, an dem Reiseführer Weekend Lovers mitgeschrieben, der wirklich in jeder Buchhandlung an der Kasse ausliegt und arbeitest doch noch als Journalist – äh, es geht doch da um Filmrezensionen aus dem “Spielfilmbereich” oder, haha ?
Schon richtig, es gab da so einige Projekte in letzter Zeit. Ich schreib ja auch noch für Zillo, Virus und gelegentlich für OX, Plastic Bomb und discover.de. Schreiben ist eben mein Ding und je mehr Variation, desto besser. Das schließt meinen Hauptjob mit ein, wo ich für www.rtl.de die Erotik-Seiten mit Content befülle. Da krieg ich natürlich auch mal „Sportfilme“ auf den Tisch, über die ich Artikel schreibe. Wenn Jenna Jameson einen neuen Film hat, ist das immer eine Meldung wert
Wo wir da schon bei dem Thema sind, warum sind deutsche Pornos eigentlich immer so brutal arm und amerikanische immer so kunstvoll gemacht?
Das kann man nicht verallgemeinern. Es gibt auch deutsche Produktionen, die mit etwas mehr Aufwand hergestellt werden. Allerdings haben die Amis scheinbar einfach mehr Geld. Firmen wie Digital Playground oder Vivid drehen ja richtige Spielfilme und zwar oft auf Film, nicht mit Digital-Kameras. Da gibt’s Storys, F/Xs, vernünftige Beleuchtung, innovative Kamera-Einstellungen, und sogar die Darsteller scheinen wirklich schauspielerische Fähigkeiten abseits der Horizontalen zu haben. Und das wichtigste ist: Es scheint Geld für Maskenbildner zu geben, die dafür sorgen, dass Pickel, Haare, Narben, etc. nicht so auffallen. Außerdem verdienen die da viel mehr drüben, so dass auch gutaussehende Darsteller finanziert werden können. Jemand wie Jenna Jameson verdient Millionen.
Du hattest früher bei den Leverkusener Bands “Example” und “Forced to Decay” Gitarre gespielt – mit Forced to Decay war ihr ja auch ziemlich lange unterwegs….Was für (andere) Band-Erfahrungen macht man denn als Sänger einer Misfitscoverband im Vergleich zu Gigs mit deiner Doom-HC-Band?
Oh Gott, das ist nicht vergleichbar. Selbst mit The Other unser richtigen Band neben den Ghouls ziehen wir zehn Mal so viele Leute wie mit Forced to Decay. Das war eben sehr spezielle und sehr anstrengende Musik, die nur einem kleinen Kreis von Leuten gefallen hat. Und wir waren einfach zu früh am Start. 1994 gab es eben Bands wie Dillinger Escape Plan, Botch, Heaven Shall Burn, etc. nicht und die Leute wussten wohl nichts mit uns anzufangen. Heute sind die Läden gut gefüllt, wir spielen vor echten Fans, die die Songtexte mitgröhlen (sogar The Other – Texte) und die richtig Stimmung machen. So sehr mir Forced to Decay gefallen hat, Ghouls und The Other ist einfach göttlich dagegen. Schließlich will man ja vor Leuten spielen, denen gefällt was man macht. Sonst kann man direkt im Proberaum bleiben.
Gibt es eigentlich irgendwie Literatur zu Horrorpunk, mit der man sich beschäftigen kann, wenn einen das Thema näher interessiert?
Zu Horrorpunk an sich nein. Zu Horror allerdings ohne Ende und zu Punk auch. Das Genre Horrorpunk ist viel zu jung. Ein Artikel war mal im Plastic Bomb, und einer im Zillo, der Horrorpunk erklärt. Den findet man auch noch online, z.B. hier: http://www.southspace.com/pages/article.php?view=2682
Am Ende noch kurze Fragen mit der Bitte um kurze Antworten…. Stephen King oder Dean Koontz?
Stephen King.
Bester Horrorroman ever?
The Shining.
Das beste Misfits Lied? (Wenn hier nicht “Spinal remains” steht, dann…haha)
Puuuuhhh…. Hybrid Moments.
Wie bekommst du eigentlich deine Danzing-Jim Morrsion Stimme so gut hin?
Quälerei.
Was hast du noch für Träume, die du noch verwirklichen willst?
Hauptberuflich Labelchef und Punk-Rocker.
Noch´n Gruß an die Trust Leser?
Gruseligen Gruß an euch. Danke für’s Zuhören!

Interview: Jan Röhlk

Kontakt:
www.the-other.de
www.ghouls.de
www.fiendforce.de

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