Juni 3rd, 2019

FAT WRECK RECORDS (#113, 2005)

Posted in interview by Jan

Nanette ist eine der drei Leute, die bei Fat Wreck Chords Deutschland in Berlin arbeiten. Nachdem ich Nanette im Rahmen meines Conservativepunk.com-Artikels um einige Statementes befragt und mir das Label selber in Berlin bei einem netten Kaffeeplausch im Winter 2004 angeschaut habe, interessierte mich neben den Label-bezogenen Neuigkeiten auch der Ansatz, etwas mehr über die Person Nanette selber herauszufinden. Denn schließlich heißt es ja auf der Homepage, daß die Arbeit bei Fat ein absoluter Dream job ist, und da wir ja alle den Traumberuf suchen, ist es vielleicht ja interessant, herauszufinden, was für eine Persönlichkeit man dafür sein muß J. Das ist eine zu umfangreiche Frage für den Anfang, vielleicht erst mal schauen, was man bei Fat denn so macht.

Hi Nanette, schön, daß du dir Zeit für ein Interview mit dem Trust nimmst.
Selber hi! Ich wundere mich ja eher, daß sich jemand für mich bzw. meine Arbeit interessieren soll? Ich bin ja eigentlich niemand besonderes….
Wie wichtig sind für dich bzw. für die Public Relationsarbeit bei Fat eigentlich Fanzines? Es gibt ja in Deutschland nicht mehr so viele „große“ Zines, ich sehe aber in kleineren cutandpaste-Heften immer viel Anzeigen von Fat. Warum macht ihr das – aus ökonomischen Gründen müsste doch eigentlich eine Anzeige in der Spex oder Intro mehr „die Zielgruppe“ erreichen?
Spex???? Intro??? Ich mein, nix gegen die, aber unsere Zielgruppe sehe ich da nicht. Die Fanzines sind für uns natürlich interessant, und auch wenn man damit jetzt nicht tausende von Leuten erreicht. Wir unterstützen damit junge „Macher“, was ich prinzipiell eine gute Sache finde. Selbst wenn die Zines vielleicht nicht so professionell sind, aber sie kommen aus der Szene und von Leuten, die selber was auf die Beine Stellen, statt nur rum zu jammern, daß nix läuft. Außerdem.. SO teuer sind die Anzeigen ja auch meistens nicht, sind auch eine „Investition in die Zukunft“ wenn man mal nur ans GELD denkt. Ich denke schon, daß ein Label wie Fat auch eine Verpflichtung der Szene gegenüber hat, die uns groß gemacht hat. Ohne die Kids, die unsere Platten kaufen und zu den Shows unserer Bands gehen, wären wir doch nix. Das haben wir nicht vergessen.
Schreibst du selber noch für Fanzines – du hast erzählt, daß du beim Plastic Bomb die Plastic Girl Redaktion warst?
Ich war nur 50% der ersten Redaktion, etwa 10 Ausgaben lang (also etwa 2,5 Jahre) Zur Zeit schreib ich nicht sehr viel… ab und an mal ein Review, wenn mich z.B. eine unbekannte Band echt vom Hocker haut!
Wieso hast du da eigentlich aufgehört? Ich fand das ne klasse Rubrik.
Danke! Zeitmangel und daraus resultierender Qualitätsmangel. Wenn ich was mache, dann soll es auch gescheit sein! Das bin ich meinen Lesern und den Machern der Bombe schuldig! Spaß hat es mir aber immer gemacht!
Mochtest du die Musik von Fat so sehr, daß du den Job hier unbedingt haben wolltest oder war das alles eher Zufall?
Ein bißchen von beidem. Ich kannte und mochte die Musik natürlich auch vorher schon. Aber das mit dem Job hier konkret war hauptsächlich Zufall. Ich hatte in meiner Heimatstadt schon ab und an bei Konzerten und in einer Punk/ Underground Disco gejobbt. Nach meinem Umzug hatte ich auch alle möglichen Jobs u.a. auch mal bei Vielklang / Pork Pie. Aber das mit Fat war einfach Glück. Jacho, der das vor mir gemacht hat, brauchte ganz dringend Hilfe, und ich hab ihn zufällig abends am Kiosk (wir waren damals quasi Nachbarn) getroffen und meinte: “He, du arbeitest doch bei Destiny, wenn ihr mal nen Job habt, gib doch Bescheid“ und er antwortete etwa so: „Klar, kannst du morgen anfangen?“ Das war Anfang 1996… damals war natürlich alles noch ganz anders…. aber ich konnte halt sehr gut Englisch, kannte die Musik, spreche außerdem auch Französisch und ein kleines bißchen Dänisch und kannte mich auch schon mit Computern ziemlich gut aus, was damals noch nicht so selbstverständlich war wie heute. Alles durchaus wichtige Voraussetzungen auch heute noch. Insbesondere die Englischkenntnisse.. ohne die geht heute fast nichts mehr. Eine 2. Fremdsprache eigentlich auch!
Ich habe vor meinem absoluten Traum – ein Praktikum bei einem größeren Punklabel in Los Angeles – immer gedacht, daß so ein Job bei einem Label wirklich das größte sein müßte.
Hmm die Illusion hatte ich nie.. ich kannte die Arbeit an sich ja schon…
Nach dem ich dann bei Revelation Records in Huntington Beach praktikumierte, stellte ich allerdings recht schnell fest, daß ich mit sehr kindlichen Vorstellungen an die Arbeit im Label herangegangen bin: um Geld geht´s ja nun auch immer, so die Crew of friends war da auch nicht unbedingt; insgesamt war es trotzdem sehr schön da, und für mich war das trotz völlig falscher Vorstellungen extrem wichtig, zu sehen, wie es in echt halt läuft.
Also, als ich hier angefangen habe, war es schon zu 95% noch „Crew of friends“ wie du es nennst.. die Leute, die hier gearbeitet haben waren alles auch privat Freunde… Und alle kamen 100% aus der Szene, spielten in eigenen Bands, waren Hausbesetzer oder sonstwie verwurzelt im schönen Kreuzberg. Wie gesagt, das ist aber auch fast 10 Jahre her. Mittlerweile ist der Laden hüben wie drüben natürlich ordentlich gewachsen. Trotzdem sind die meisten Leute „aus der Szene“ Aber mittlerweile müssen vermutlich alle Labels, Konzertveranstalter etc. deutlich professioneller arbeiten als früher. Der „§$%&/()*** Kapitalismus und seine Zwänge haben leider vor dem Punkrock nicht ganz halt gemacht.
Seit wie lange arbeitest du eigentlich hier? Was machst du für Aufgaben und wie viele Leute arbeiten denn noch in eurem wirklich netten Großraumbüro, wo noch die Terrorgruppe und Destiny sitzen?
Ich mach alles mögliche von Buchhaltung über Webseite betreuen bis zur Promo. Hier sitzen 2 Leute bei Destiny Label, 3 bei Destiny Tourbooking, der Buchhalter, der sich um uns alle kümmert und 3 bei Fat Wreck. Dazu halt dier Terrorgrüppler die ab und an mal reinschauen bzw. Jacho macht ja Destiny Label und Terrorgruppe.
Fat Deutschland signt keine Bands? Oder ist das geplant?
Leider Nein! Um das auf die Reihe zu bekommen müßten wir massiv expandieren.. das wollen & können wir aber nicht! Ein Fat Wreck Europa äquivalent zu Epitaph Europe wird es nicht geben.
Bist du oft beruflich in den USA?
Früher regelmäßig einmal pro Jahr. Seit Bushs Sicherheitsparanoiagesetzen bin ich nicht mehr rüber. Boykottiere quasi die USA. San Francisco ist aber eine sehr geile Stadt und die Freunde da würde ich schon gerne öfters sehen.
Auf eurer Homepage ist ja nen nettes Bild von Fat Deutschland bei dem Punkrock Tournament in Las Vegas – habt ihr Epitaph plattgemacht J ?
Keine Chance… die sind echte Profis.. wir landen immer so am unteren Rand des mittleren Drittels.. aber bei meinem 1. Auftritt da hatte ich einen kurzen Anflug von Genialität und hab das 2. beste Ergebnis des ganzen Turniers ( bei den Damen) geholt. Nur geschlagen von meiner Chefin Erin!
Könntest du dir vorstellen, in den USA für längere Zeit zu leben und zu arbeiten?
Auf GAR KEINEN FALL! Für ein paar Wochen Urlaub ist das wunderbar, aber dort leben käme für mich überhaupt nicht in Frage!
Wie ist Fat Mike denn so drauf? Kommt der auch persönlich mal in Berlin vorbei, um nach dem rechtem zu schauen?
Fat Mike ist ein super Typ! Total locker, keine Chef oder Starallüren. Er war glaub ich 1997 mal auch zur Popkomm da, aber eigentlich läßt er uns hier im Rahmen des „Masterplans“ machen, was wir für richtig halten. Dave von Destiny und er sind ja uralte Kumpels, da besteht genug Vertrauen.
Gibt´s bestimmte Fat Veröffentlichungen, die dir sehr am Herzen liegen oder hörst du privat ganz andere Musik? Ist es nicht so, daß man den ganzen Tag auf der Arbeit von Musik umringt ist, und abends privat keine richtige Lust mehr auf Musik hat?
Ja, da ist schon was dran.. ich höre privat längst nicht mehr so viel Musik wie früher! Aber die Musikrichtung an sich mag ich natürlich immer noch, aber eher die „oldschooligeren“ Sachen wie die Swingin‘ Utters oder Snuff. Hardcore liegt mir weniger.. ich wurde halt von englischem 77er und deutschem 82er Punk geprägt 😉
Könnte man das sagen, daß sich Fat von der Größe ähnlich wie Touch and Go ist? Wieviel Headquarters weltweit gibt’s denn neben Deutschland und San Francisco noch? Weißt du, wie viele insgesamt für Fat arbeiten? Ich tipp ma…30 ?
Ich muß gestehen, keine Ahnung wie groß Touch and Go sind. Es gibt eigentlich nur Fat US. Unsere Berliner „Außenstelle“ ist die größte danach. In Kanada sitzt noch eine Frau, die sich ausschließlich um Fat kümmert, und in Japan und Australien gibt es ein paar Leute, die sich u.a. auch um Fat kümmern.. das war‘s schon. Weltweit sind das nicht mehr als 20. Jedenfalls täuschen sich Leute gewaltig, die uns mit Epitaph auf eine Stufe stellen.
Wie lange siehst du dich noch bei Fat?
Keine Ahnung… ich glaub zwar nicht, daß ich irgendwann doch noch auf den Trip komme: Kinder, Familie, Haus auf dem Lande, aber wer weiß, wie ich das in 10 Jahren sähe ??? Mit 50 aber vermutlich eher nicht mehr… J naja.. ein bißchen Zeit hab ich da ja noch …
Gibt´s bestimme persönliche Ziele, die du dir noch unbedingt erfüllen willst, die vielleicht nicht mit dem Label zusammenhängen?
Kinder, Familie, Haus auf dem Land ? 😉 Mit einer eigenen Band reich und berühmt werden? Bei „Wer wird Millionär“ groß absahnen? Außer fixen Ideen nichts konkretes fürchte ich. Den Gedanken „Karriere“ zu machen habe ich aufgegeben, als ich mein Studium geschmissen und meine Ente mit meinen Habseligkeiten beladen habe und auf gut Glück nach Berlin gezogen bin.
Was für Neuigkeiten sind in nächster Zeit von Fat zu erwarten?
21.03. Smoke Or Fire Above The City
04.04. Snuff Six Of One, Half A Dozen Of The Other 1986-2002 (not in UK!!!)
16.05. The Epoxies Stop The Future
plus…in 2005…No Use For A Name, The Soviettes, Propagandhi, No Use For A Name DVD, Against Me!, The Real McKenzies,…
Wie gefällt dir Berlin?
Spitze! Berlin ist die tollste Stadt der Welt! Am besten finde ich, daß es hier NOCH viele Freiräume gibt, eine funktionierende Subkultur, aktive Leute wohin man guckt und ein riesen Angebot an Aktivitäten, bei denen sich noch nicht alles nur um die fette Kohle dreht. Außerdem wird man hier nicht schräg angeguckt, wenn man mit über 30 noch bunte Haare oder nen Iro trägt und sich weigert ein Spießerleben zu führen.
Wo muß man in Berlin hingehen, um nette Punkmusik und Konzerte zu hören?
Die Auswahl ist einfach zu groß! Dem vernetzten Leser empfehle ich einen Blick auf die Webseite des Streßfaktors http://www.stressfaktor.squat.net. Der unvernetzte sollte in irgendein bunt bemaltes Haus gehen und sich die gedruckte Ausgabe des „Stressis“ schnappen. Da wimmelt es vor Terminen.  Das Tommy Haus in Kreuzberg ist auf jeden Fall immer noch eine gute Adresse um mit der Berlinerkundung anzufangen.
Du rauchst und trinkst nicht – wie paßt das zu der Arbeit bei einem partyfreudigen Label?
Ich nehm‘ auch sonst keine Drogen zu mir außer Koffein. So bei der „alltäglichen“ Arbeit bin ich da in guter Gesellschaft. Steven und Wiebke rauchen auch nicht, was sehr angenehm ist. Eigentlich fällt das ja nur auf, wenn gerade eine Band in der Stadt ist, oder ich mit auf Tour bin.
Seltsame Frage vielleicht, aber man stellt sich die Labelleute bei Fat (wahrscheinlich geprägt durch die teilweise recht trinkfreudigen NOFX Texte) ja immer als die Partyleute vor….
Aber SO wild treiben es eigentlich die wenigsten, vor allem jüngere Bands sind noch so richtig „partyfreudig“. Eigentlich sind die meisten Leute, die man über die Arbeit trifft, eher beeindruckt, daß man trotz „Abstinenz“ kein blöder Langweiler ist. Scheiß Vorurteil übrigens. Zugegebener Weise werden viele Parties wirklich langweilig, wenn die Leute total besoffen sind. Die denken dann zwar in ihrem Rausch, daß sie wahnsinnig originell und komisch sind.. mit nüchternem Kopf betrachtet sind sie das aber natürlich null. Ich empfehle jedem, sich das wenigstens ein mal zu geben. Eine Party nüchtern zu besuchen und nüchtern zu bleiben.. heheh.. sorgt dafür, daß man mehr Schlaf bekommt.
Am Ende noch zwei Vorurteile gegen Fat, die man manchmal so liest – was würdest du in einem kurzen Kommentar entgegnen? „Fat Wreck machen seit Jahren immer die selben Veröffentlichungen und bedienen eine völlig markendurchkommerzialiserte Szene.“
Sicher doch.. Sick Of It All, Mad Caddies oder Against Me!.. alles die selbe Soße, wann hast du denn eigentlich zum letzten mal eine Fat Platte gehört? Und wenn du Worte wie „markendurchkommerzialiserte Szene.“ diskutieren willst, dann geh doch zu deinen Soziologiekommilitonen !“
„Die neuen Sachen der alten Zugpferde wie Lag Wagon und No Use für a Name sind alle schlechter als die alten Sachen.“
Geschmacksache! Darüber kann man bekanntlich schlecht streiten.

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Fotos und Homepage: www.fatwreck.com

Interview: Jan Röhlk

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