November 15th, 2019

FAMILY MAN aus #151, 2011

Posted in interview by Jan

BORIS
Say Cheezu!

Boris, wie der Song vom „Bullhead“-Album der Melvins, genau. Soviel ist bekannt. Die drei Japaner, die sich diesen Namen geborgt haben – Gitarristin Wata, Leadsänger und Bassist Takeshi sowie Drummer Atsuo – haben hingegen schon etwas Mythisches an sich. Sie stehen als Superfuzz-Ikonen im Farbenwirbel, plätten einen mit ihren Sechzehntonnern zu Flundern und hüllen sich ansonsten gern in Schweigen. Ist ja auch nicht verkehrt: die Musik für sich sprechen lassen und so. Trotzdem freue ich mir ein Loch ins Knie, als die Plattenfirma nicht nur die gesamte Band zum Interview ankündigt, sondern mir auch noch einen Übersetzer zur Seite stellt… nur damit Wata und Takeshi – wie üblich – Atsuo vorschicken, als denjenigen, der vorgeblich einigermaßen Englisch kann, um dann doch keins zu können – oder zumindest nur sehr selektiv, bei Themen, die ihn interessieren.
„Transformers.“
Bitte wie?
„Ah…“ Atsuo sucht nach Worten: „Transformers. Wie in Code Geass!“
Ach so, sage ich. Code Geass kenn‘ ich. Ist nicht sooo meins. Magst du Ergo Proxy?
„Erugo purakushi?“ Atsuo legt den Kopf schief. Dann nickt er kräftig und bestätigt nochmal mit einem sehr japanisch hingegrunzten “ha.”

Das Verrückte ist, daß er erst jetzt, da wir versehentlich in den Bereich Manga & Anime gerutscht sind, also nach einer geschlagenen Stunde differenzierten Parlierens über Boris, nach dem ganzen komplizierten Hin und Her über Diskurse und Begrifflichkeiten, das erste Mal seine enorme, lila Popstarbrille abnimmt. „Ich bin otaku“, verkündet er dabei feierlich. Er sagt das mit dem selben heiligen Ernst, mit dem Menschen sonst sagen, „Luke, ich bin dein Vater“, oder „Du, ich habe Schwimmhäute zwischen den Zehen.“ Jedenfalls ist klar, was er meint und warum er dazu die Brille abziehen muß, und ich nicke entsprechend verständnisvoll bis beseelt.

Was das mit Boris zu tun hat? Eigentlich alles. Denn otaku – den japanischen Ausdruck für extrem nerdige Manga- und Anime-Fans – kann man auf alles übertragen, was die Band anfaßt, allein schon in punkto Akribie: Sie horten historische Verstärker, sitzen auf Bergen obsoleter Technik, spielen Songs, die keine Dimension außer sich selbst kennen, und erschaffen wiederum selber otakus: Menschen, denen nichts anderes übrig bleibt, als vor spezialisierten Plattenläden zu übernachten, nur um sich gelbe Vinylsingles in Miniauflage oder CDs mit schwerem, japanischen Kunstdruck als Gatefold zu sichern.
Und so kommt es unter anderem, daß Aquarius Records in San Francisco, einer der renommiertesten Mailorders der USA, die neue Single „Statement“ in seinem Katalog ankündigt wie folgt: „Neue Boris-Platte. Eigentlich wollten wir nichts weiter schreiben als das. Drei einfache Worte. Sollten ausreichen, um für frenetisches Klicken des Kaufen-Buttons zu sorgen. NEUE BORIS-PLATTE!!! Limitiert. Versteht sich.“

Versteht sich. Zumindest unter otakus.

Bitte lächeln!

Nun also: Smile. Dem Album eine Ziffer im Boris-Katalog zuzuordnen, ist fast unmöglich, es sei denn, man hat Lust, sich durch Seiten rätselhafter Diskographien zu fransen. Es könnte gut ihr siebzehntes seit 1992 sein, zieht man die Kollaborationen mit Sunn0))), Merzbow, Michio Kurihara und die Japan-Editionen mit ihren unterschiedlichen Versionen und Tracklists einmal ab. Ist aber letztlich nicht wichtig. Ebenso unwichtig ist, findet Atsuo, wie man den Krempel nennt, der sich auf diesen Veröffentlichungen befindet: „Wir haben das Gefühl“, sagt er, „daß alle diese Worte, die wir in unserem Diskurs über Musik benutzen, Track, Song, Album, Band, ja sogar Musik selbst sehr einschränkend sind. Sie limitieren deinen Spielraum, deine ganze Kreativität. Wir versuchen seit langem, diese Definitionen einzureißen und zu untergraben. Ich glaube, es ist das erste Mal, daß uns das auf einer Platte wirklich gelungen ist.“

Huhuhu. Als seien Boris-Klassiker wie Absolutego (1996, ein einziger, 65-minütiger Track, bei dem die Gletscher kalben), Amplifier Worship (1998) oder das monumentale Pink (2005) je adrett gescheitelte Songkollektionen gewesen… Egal, Smile ist schön, und am schönsten ist es, wenn es am Stück gehört wird, als langer, unruhiger Fluß. Mal mehr Doom, dann wieder Schweinerock, Psychedelic Noise, Sludge, Ambient, Stoner Rock oder rumorender Drone Metal, sind die Japaner auf nichts festzunageln, außer vielleicht ihre Liebe zum Gekruschpel. Irgendwas kruschpelt bei Boris immer: ein verschmorter Verstärker – ein alter Kassettenrekorder – ein Effektpedal (eins? Tausende!) – ein Mikro, das da steckt, wo die Sonne nicht scheint.

Smile bildet da keine Ausnahme. Bräsig und breitarschig ist es geworden, aber auch poppig. Man kann sogar mitsummen, den experimentellen Tendenzen und Samples zum Trotz. Der Aufmacher „Hana, Taiyou, Ame“ (Flower, Sun, Rain) ist ein Cover der ersten japanischen Supergroup der 70er, Pyg, und schwiemelt hippiemäßig. Dann werfen Boris die Tore auf, und es folgen Kinderjauchzen, Feedbackorgien, psychedelischer Acidrock samt E-Bows, einsam dröhnende Gitarren und mittenmang – wie weiland bei Fleetwood Mac – eine Runde selbstvergessenes Geplinker. Softeis mit Rasierklingen, ein Wechselbad aus fett, melodisch und jaunernd, wham, bam, thank you, ma’am. Und noch viel toller: in Smile ist drin, was draufsteht. Die CD entläßt einen tatsächlich… glücklich.

„Ahh. Hm.“ Atsuo denkt nach – so lange, daß Übersetzer Alan Cummings (er schreibt sonst fürs englische The Wire über japanische Musik) schon leicht ungeduldig wird. Dann reibt Atsuo die filigranen Finger aneinander, beginnt sich zu wiegen und zu nicken. „Also, wenn sich das tatsächlich so vermittelt haben sollte, würde mich das sehr freuen! Unser Englisch ist ziemlich dürftig, und obwohl wir in den letzten Jahren viel außerhalb Japans waren, ist die sicherste Form der Kommunikation für uns immer noch Musik. Und wenn Smile dir ein Lächeln abringt? Dann ist das großartig. Für uns war Smile eine direkte Reaktion auf alles, was Pink an Lawinen losgetreten hat. Die Tourneen waren auslaugend, wir wußten oft nicht mehr, wo uns der Kopf stand, und wir haben seit 2005 eigentlich konstant gearbeitet. Smile ist die manifeste Hoffnung, daß wir am Ende eines Tages noch lächeln können, selbst wenn wir komplett kaputt sind.“

„Samurai Champloo“; oder,

ein Eintopf aus disparaten Zutaten, genau wie der Anime gleichen Namens: Boris sind vor allem eine Synthesemaschine im Champloo’schen Sinne, ein japanischer Durchlauferhitzer, der sich von allem das Beste ins Mäulchen stopft, um es als eklektische Brühe wieder auszurülpsen – legendäre Momente der Rockgeschichte, traditionell energiegeladene Gesten, mythisches Equipment… der ganze postmoderne Zitatenkatalog. Dazu kommt dann, was sie beim Durchkehren ihres Studios auf dem Boden finden: Der Song „Statement“ zum Beispiel stammt noch aus den Sessions zu Pink, „Kare Hate Ta Saki“ greift Elemente des früheren „No Ones Grieve“ auf, das 2006 auf The Thing Which Solomon Overlooked 2 auftauchte (einem auf 1000 Stück limitierten Album für das belgische Conspiracy-Label) und Teile von „You Put Up Your Umbrella“ gehen auf das ebenso schnell vergriffene Vein-Album zurück.

Ergo könnte man Boris (außer als Eintopf aus Feedback und Fuzzbox) als Strickliesel, Filzhut und Fettecke bezeichnen – bei ihnen kommt nichts weg, jeder Faden wird aufgegriffen, und irgendwann ergibt es ein Ganzes: „Manchmal sind wir zwischen Terminen und Touren einfach zum Improvisieren ins Studio gegangen“, erinnert sich Atsuo. „Aus diesen Tapes haben wir kleine Versatzstücke genommen, aus denen Hooks, Gewebe, und so wieder Songs geworden sind. Eine andere Technik, die wir seit langem verwenden, ist, von einem einzelnen Riff oder Motiv auszugehen und den Song gezielt drum herum zu bauen, anstatt zu jammen. Auf Smile haben wir verschiedene Formen ausprobiert; es ist ein Mix aus neu und alt.“

Im Studio herrscht dafür mehr alt als neu: Neben ihren berüchtigten Orange-Verstärkertürmen (zum Niederknien gemacht – Amplifier Worship eben) setzen Boris in erster Linie auf Vintage-Kram. „Unser Basis-Aufnahmeprozeß ist sowas von simpel“, schmunzelt Atsuo, „simpler geht nicht: auf Kassettenrekorder. Mit alten Musikkassetten. Wenn es kein Medium ist, das jeder benutzen kann, das jedem offen steht, dann sehe ich den Sinn nicht. Klar kann sich heute jeder auch Protools besorgen, aber wir stehen halt auf Kassettenrekorder. Trotzdem, wir nehmen nicht ausschließlich analog auf; die Frage ist eher, was uns gerade interessiert. Was sich anbietet, um einen bestimmten Sound zu erzielen, auf den wir Lust haben. So einfach.“

Lost in Translation: Mein Nachbar Satan

Daß Boris den Westen derart aufgerollt haben, wie seit Pink geschehen – sie, die vorher zehn Jahre lang weitgehend unbeobachtet im japanischen Untergrund herumgewurstelt haben, ohne daß hiesige Sammler deshalb gleich hyperventilieren mußten – verdanken sie im Grunde Stephen O’Malley und Greg Anderson von Southern Lord. Die Doom-Brüder von Sunn0))) haben die Japaner zu Wieder- und Neuveröffentlichungen auf dem Southern-Label bewegt und sie für eine erschütternd schöne Kollaboration auf Altar (2006) gewonnen. Atsuo hat das als nachhaltiges Erlebnis empfunden:

„Zuvor hatten wir kein Englisch gelernt, und das war merkwürdigerweise etwas sehr Gutes: Als wir uns mit Sunn0))) verständigen mußten, haben wir weniger auf unsere jeweiligen Worte geachtet – achten können! – als auf die Musik. Oder den Klang. Indem wir nicht 1:1 mit einander reden konnten, haben wir völlig anders, aber nicht weniger intensiv kommuniziert. Wir haben einander verstanden, ohne einander zu verstehen, und die Ergebnisse waren außerordentlich. Bei der Gelegenheit ist mir aufgefallen, wie stark das Internet das Kommunikationsverhalten verändert hat; jeder will jederzeit informiert sein, Fakten umgehend abfragen können… Wohingegen etwas fühlen, intuitiv ergründen und auf dieser Grundlage handeln was ganz, ganz anderes ist. In den Staaten und in Europa, an Orten, wo dieser ständige Informationsfluß vorausgesetzt wird, hat sich für uns gezeigt, daß echte Kommunikation aber erst dort beginnt, wo man sich eben nicht versteht, sondern auf andere Mittel ausweichen muß: auf nicht-mediale, nicht-verbale. Da mußt du dir etwas einfallen lassen.“

Gesungen wird auf japanisch, was uns meist doofen Mitteleuropäern natürlich exotisch und rätselhaft vorkommt – aber selbst wenn man die Sprache beherrscht, ist anzunehmen, daß Boris-Texte kryptisch bleiben. Bei einer so lustvoll im Trüben fischenden Band nach wiederkehrenden Themen zu fragen, ist albern, oder? Atsuo wiegt bedenklich das Haupt. Immer wieder rutscht er diese langen Pausen ab, grübelt, eine Hand vorm Gesicht. „Ich weiß nicht mal, ob ich es ‚Texte‘ nennen würde“, antwortet er schließlich via Übersetzer.

„Texte entstehen zumindest nie zuerst, sie entstehen aus dem Klang, der schon da ist. Wenn jetzt zum Beispiel Takeshi mit einer Grundmelodie ankommt, die wir zusammen hören, dann werfen wir Schlagwörter in den Topf, die für uns ausdrücken, wohin der Song geht, was für Assoziationen er auslöst, und aus denen entstehen Texte. Es ist ein kollaborativer Prozeß, irgendwo zwischen dem Bewußten und dem Unbewußten. Zwischen uns und einer Welt, aus der Wörter auftauchen – wie Blasen in einem Teich. Seit wir bemerkt haben, daß nun doch viele Leute auf die Texte achten, bemühen wir uns, Übersetzungen beizulegen – in der Hoffnung, daß ihnen das eine weitere Dimension eröffnet“.

Spiel, Spaß und Spannung muß auch im Southern Lord-Büro bei der Übersetzung von Boris-Titeln geherrscht haben: Bei Smile wurde aus der japanischen Lautschrift von „Next Saturn“ ein Stück namens „My Neighbor Satan“, aus „Message“ wird „Statement“, „Hanate!“ (das mein japanischer Bekannter unter vielem haaa und hmmm immerhin korrekt als „Shoot!“ und weniger korrekt, aber dafür inhaltlich interessant als „Liberation“ übersetzte) befindet sich auf der US-Ausgabe als „Laser Beam“. So bleibt es für den otaku spannend – zumal die Songs nicht nur anders heißen, sondern auch in anderen Mixen vorliegen. Der feuchte Traum eines jeden Nerds.

Äther, leicht gewellt

Am Abend zuvor haben sie im ‚Cargo‘ im Londoner Eastend gespielt, ein einzelner Showcase vor ausverkauftem Haus, zu dem Gitarristin Wata im wallenden Chiffonleibchen hereingeschwebt ist, Takeshi mit in den Nacken gelegten Kopf die Rocksau gemimt und Atsuo mehrfach das Bad in der Menge gesucht hat – nicht zuletzt, um mangelnde Repertoirekenntnis im Publikum auszugleichen: Nachdem die meisten Songs vom da noch unveröffentlichten Smile stammten, war die Wirksamkeit des Kommunikationsmodells „Rockkonzert“ (wir spielen, was ihr eh schon kennt, und ihr schwingt brav im Takt nach vorn) doch eher beschränkt. Obwohl Boris dem eigentlich überlegen sind, bzw. es nicht brauchen: der geneigte Hörer nimmt einfach den Gang raus und läßt sich sacken – schon baut sich hinter dem Stirnbein ein Druck auf, der ihm sacht, ganz sacht das Hirn zur Nase schiebt. Anders als Sunn0))), die ihr Heil noch in stehenden Wellen suchen, gehen Boris derzeit mehr in Richtung Spacenight meets Stooges meets Kyuss, lösen den Soundwall live aber gern in flockiges Perlen auf, bis – ja, bis Atsuo über’s Drumset krabbelt und sich zum Gegniedel von Gastgitarrist Michio Kurihara wieder zwischen die Leiber schmeißt.

Zum Interview sitzt Atsuo dann elegant gefaltet im weißen Zwirn da. Alles an ihm wirkt verhalten und verfeinert, sogar ein bißchen manieriert, von den veganen, weißen Slippern bis zum Fall seines Scheitels. Spätestens jetzt wird klar, daß die Rockgesten vom Vorabend (die Teufelshörner, das Anfeuern, das Stagediving) ironische Zutaten sind. Fragt sich, ob es überhaupt noch möglich ist, solche Posen unironisch zu benutzen, zumal, wenn man ein so breites Musikverständnis hat wie Boris. „Diese Gesten sind derart kommerzialisiert, daß sie keine Bedeutung mehr haben“, gibt Atsuo über Alan zu bedenken.

„Sie sind vollkommen inhaltsfrei geworden, es geht nur noch um die Form selbst. Es sind reine Oberflächen. Und in dem Sinne finde ich zum Beispiel die Hörner ungeheuer effektiv: Sobald ich dieses Zeichen mache, steigt die Energie im Raum wie eine Flutwelle, sie explodiert förmlich! Mit Satanismus oder Inhalten hat sie nichts mehr zu tun; da ist das Zeichensystem bereits die gesamte Botschaft. Wenn ich auf der Bühne stehe, empfinde ich mich nicht in erster Linie als ‚Musiker‘ oder separates Wesen, dann bin ich vielmehr Teil des Bühnenbilds, und alles, was benutzt werden kann, um eine Verständigung zwischen den Leuten vor und denen auf der Bühne zu bewerkstelligen, ist gut – ist Werkzeug.“

Transformers

Wie gesagt: im Wust der eigenen Veröffentlichungen machen Boris selbst wenig Unterschiede. Was, mit wem, in welchem Format, quer durch welche Genres – diese Fragen haben herzlich wenig Bedeutung für sie, werden aber für otakus relevant, wenn verschiedene Welten aufeinander prallen. Wie im Fall von Noise-Elektroniker Merzbow alias Masami Akita, mit dem sie gerade an einer sechsten Zusammenarbeit sitzen; bei Aufnahmen mit der japanischen Folk-Minimalistin Ai Aso, mit J-Rock-Urgestein Keiji Haino, mit Sunn0))) oder eben Michio Kurihara, der auch auf der kommenden Tour dabei sein wird. (Urrumpel Kurihara spielt Leadgitarre von hinten durch die Brust ins Auge: Er steht am dunklen Bühnenrand und dreht am liebsten den Rücken zum Publikum.)

Für Boris sind das, so könnte man vermuten, Fuchsfenster. Fuchsfenster macht man sich in Japan mit den Händen, wenn man sich in einer Erfahrung zu verlieren droht. Yoko Tawada beschreibt sie in ihrem Buch „Talisman“: „Wenn man allein im tiefen Gebirge unterwegs war, bekam man manchmal das Gefühl, als würde man unversehens eine seelische Grenze überschreiten und somit nie wieder als zivilisierter, vernünftiger Mensch in die Stadt zurückkehren können. In dem Fall sollte man schnell mit beiden Händen einen Kreis bilden und durch diese Öffnung die Naturlandschaft noch einmal betrachten.“ Durch die Vermittlung ändert und klärt sich vor allem der eigene Blick, erklärt Atsuo:

„Die Zusammenarbeiten geben uns eine Ahnung davon, wie andere unseren Sound erleben. Ich glaube, das ist fast das spannendste, auch bei Interviews. Zu erleben, wie andere dich wahrnehmen, ist etwas wertvolles und einzigartiges, weil du Einblick in Sphären erhältst, die dir zuvor verborgen waren“
Übrigens, das ganze Gewese, das um BORIS, Boris oder boris gemacht wird? Ist ihnen eigentlich Wurst. Zwar haben Boris irgendwann selber damit angefangen, um anzudeuten, in welche Richtung ein Release geht – BORIS für Doom Metal und Songstrukturen, boris für experimentellen Sound und Physikalität – aber das System ist in Auflösung begriffen.

„Am Ende ist die Schreibweise irrelevant. Es war mal eine Hilfestellung für Hörer, die eindeutige Präferenzen in ihren Hörgewohnheiten haben“, räumt der Drummer ein. „Manche hassen Experimentelles, andere hassen Gitarren und Feedback, und das diente dann als kleiner Hinweis. Aber die Aufteilung hat sich verändert; die Kleinbuchstaben sind in die Großbuchstaben eingedrungen. Die Kapitalen sind längst kein straighter, simpler Rock mehr, sondern von der Körperhaftigkeit der ‚kleinen Buchstaben‘ durchdrungen, und damit eine Art ’neuer Rock‘ geworden, ein Mix aus beidem. Wobei die Unterscheidung in unseren Köpfen nie eine Rolle gespielt hat“

Wer so eine Durchdringung von BORIS und boris, groß und klein, Stonerschweinerock, Noise-Orgie, Kreischfeedback, losem Wabern, Explosionen hinter den Augäpfeln, Anime-Soundtracks, etc. pp. – diese ganze fraktale, architektonische, postmoderne, unglaubliche Osmose von Innen und Außen, mein Gott – also, wer so was exemplarisch vorgeführt haben möchte, schnappt sich am besten Smile und rollt danach ein Weile glücklich auf dem Teppichboden rum. Oder aber man guckt bei einem der einschlägigen Internetportale das „Ibitsu“-Video: Das ist zwar von 2003, erinnert mit seiner Lust an der Mutation aber vor allem an… „Ha. Transformers.“ – Womit wir wieder am Anfang wären. Den Zettel mit Atsuos Manga-Neuempfehlungen hab‘ ich seit Februar in der Tasche: Jetzt muß ihn mir nur noch jemand übersetzen.

www.inoxia-rec.com/boris/

Text/Interview: Melanie Aschenbrenner

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