Juni 25th, 2019

EXPLOSION (#87, 2001)

Posted in interview by Thorsten

Vor eineinhalb Jahren besuchte ich mit meiner Freundin, die seinerzeit in Boston lebte, ein laut Flyer äußerst unterhaltsamen Spätnachmittag versprechenden All Ages Sieben oder so Bands Event. Dieser fand glücklicherweise in einem viel zu kleinen, alten Lagerraum statt, der keine Belüftung besaß, was zusammen mit der ächzenden Hochsommerhitze zu eher unangenehmen Umständen führte, die durch einen gigantischen Sonnenbrand, dem vielleicht schlimmsten meines Lebens, weiter nach unten gezogen wurden. Unter den Bands befanden sich auch die Explosion, die dem derzeitigen Chic gemäß mit einem Rattenschwanz von schlechten Tattoos und Endsiebzigerkleindungslook wie auch einem ordentlichen Schlag des englischen Punkrocks der damaligen Jahre bewaffnet die Ecke des Raumes, wir wollen´s mal die Bühne nennen, in Gewahrsam nahmen.

Eineinhalb Jahre und zwei phantastische LPs später stehen wir diesmal in Würzburg, wo über tausend Leute auf SOIA warten, und währenddessen ihre Härte entweder am Tresen zu beweisen versuchen oder die Tatsache ihres (amerikanischen) Soldatentums hinter einer Masse von Unity etc. T-Shirts verbergen. Was allerdings überhaupt nichts daran ändert, daß Explosion auf die Bühne kamen und siegten. Der Sound war – wie auf Großveranstaltungen eher üblich als bei uns im Kleinen – ziemlich gut und die Jungs haben dann eben alles weggepustet, was es zu pusten gab. Hin und weg ist das Zauberwort! Vorher und nachher dann ein paar Worte gewechselt, ihr wißt schon. Nee, die sind nicht die neuen Crass, aber die will ich auch nicht und brauche sie auch nicht und immerhin können die hier mit dem alten herrlichen Motto ´Gas geben` noch was anfangen.
Unterwegs in brrrrrr Bayern war Daniel, Knipserei von Anja

* Hey wo hast du denn das trust gekauft?

E: In der Schweiz
* Unglaublich, was es bei denen alles zu kaufen gibt. Wir haben es zu tun mit….

david guitar
matt sing
andrew drums
sammy guitar
damion bass

* Also wir haben euch mal in Boston gesehen, zusammen mit Showcase Showdown in so `ner Halle, bis dann die Bullen kamen.
David: Was, dort seid ihr gewesen? Wow.

* Boston hat schon immer eine Menge guter Bands gehabt, wieso, irgendein historischer Grund?
David: Ich glaube, daß an der amerikanischen Ostküste jede Stadt eine ähnliche Geschichte hat, wenn es um ihre Punk und Hardcore Historie geht. Klar, New York am meisten.

* Da wohnen aber auch 10 Millionen Leute…
A: Boston eher, weil es eine Collegestadt ist und eine Menge Kids dorthin kommen, um zur Schule zu gehen. Und die bringen ihre Drums und Gitarren mit, und genauso auch ihre musikalischen Ideen.
S: Das hat in Boston Tradition, ob man da jetzt die Modern Lovers anspricht oder meinetwegen Gang Green, von Slapshot oder DMZ, das waren eben einfach ein paar Kids…

* Seid ihr dort aufgewachsen?
David: Halb und Halb würde ich sagen…, ich komme aus einem Vorort, aber Andrew kommt aus Washington DC, Sammy woanders her.. (nicht verstanden)

* Geht ihr dort alle ins College?
Damion: Nur ich, alle anderen gehen nicht aufs College.

* Wenn aber der Grund für all diese Bands in Boston ist, daß die Leute in die dort sehr teuren Colleges gehen, führt das ja dazu, daß dort nur obere Mittelklasse Kids in Bands sind, eh?
Sammy: Ich glaube es ist eher so, daß die vielen jungen Leute auf Konzerte gehen und daher die Musikszene größer oder besser wird.
Damion: Außerdem hat Hardcore ja überall einen klaren Mittelklasse Touch gehabt, ob das in DC oder in Kalifornien war…

* Boston ist aber richtig teuer, wie geht das?
David: Also Du MUSST eben arbeiten und kommst nicht drumherum. Jeder in der Band muß viel arbeiten

* Einer von Euch mit einem witzigen Job?
David: Matt arbeitet bei FAO Schwarz (?), dem Spielzeugladen?

* Also kennst du dich gut mit Spielzeugrobotern aus?
Matt: Eigentlich habe ich von gar nix ne Ahnung. Ich spiele nicht wirklich mit dem Kram, ich gehe da nur arbeiten.

* Wie seid ihr auf Jade Tree gekommen?
Matt: Dave, der als Drum Techniker für SOIA arbeitet – damals war ich Roadie für Kid Dynamite – gab den Leute von Jade Tree unser Demo.
David: Und dann kamen sie vorbei, als wir mit Showcase Showdown mal im Middle East gespielt haben, und hörten sich uns an.
Sammy: Sie kamen und erzählten uns, daß sie nur wegen uns da wären und wir waren schon ziemlich geplättet davon.

* Ich würde euch nicht auf so einem Label erwarten, sondern eher auf einem punkrockigeren… ich meine, mit ruhigem, weichen Kram habt ihr jetzt nicht so viel am Hut.
David: Das sind eben ihre Roots.
Andrew: Die beiden sind ein gutes Beispiel für Leute, die aus dem Hardcore kommen und sich da aber musikalisch nicht mehr durch festlegen wollen. Deshalb bringen sie eben unterschiedlichere Sachen heraus.
Damion: Und als Teenager haben die ja ne Turning Point 7″ rausgebracht, eine der besten Bands überhaupt, und dann die Lifetime und Kid Dynamite Platten… aber ich glaube in der Zukunft wollen sie mehr solche Sachen machen (was ja durch das signing von strike anywhere gut klappen könnte Anm.)
Damion: Es ist für uns ja auch nicht das schlechteste, wenn wir eine Show mit Jets to Brazil spielen und die Zuschauer sich fragen ‚who the fuck are these guys?‘. Warum Shows spielen, wo alle gleich klingen?

* Das haben ATDI ja auch gesagt, als sie auf Fearless waren, und dann mußte jeder Mailorder mehrfach schreiben, daß sie nicht so klingen wie alle anderen auf dem Label.
David: Und jetzt sind sie auf dem Cover vom NME. So there…
Damian: Letztlich interessiert es doch nicht wirklich, auf welchem Label ihr seid

* Aber jetzt mit der Platte auf Revelation…
Damian: Das war eine vertraglich ihnen noch zustehende Platte. Als wir bei Jade Tree unterschrieben haben hatte ich noch einen Vertrag mit meiner alten Band auf Revelation, In my eyes. Ich war ihr ‚exclusive recording artist‘, was eben Bullshit ist.

* Wie haben sie das durchgesetzt, kamen die per Anwalt auf euch zu?
Damian: Damit haben sie gedroht, diese quasi sofort einzuschalten.
* Wieviele In my eyes Platten werden sie denn verkaufen?
Damian: Oh, schon ne ganze Menge. Als wir 97 oder so auf Revelation gingen, hatten sie eine ganze Menge Bands gesigned, allerdings waren wir eine der wenigen, die es tatsächlich auch länger gab und die viele Platten verkauft haben. Explosion, so dachte ich, würden damit nicht interferieren, denn beides waren damals auch keine Vollzeitbands, sondern unterschiedliche Freunde, mit denen ich Musik gemacht habe. Am Schluß mußten wir eben diese Platte machen.
David: Und deshalb heißt sie auch ’steal this‘, weil du die ruhig klauen darfst.

* In einem Lied auf der zweiten LP geht’s um ‚there’s no revolution anymore‘
Sammy: Das kam mir, als ich eines Tages von der Schule nach Hause gelaufen bin, daß es so viele Punkbands gibt, die man sieht, und wie die gleichen Messages immer wieder und wieder durchgerührt werden. Das sind immer so… sichere Sachen, die da gesagt werden, Unity, tu dies, tu jenes, irgendwann klingt alles gleich. Es ist eben eine Herausforderung, wer will hier noch etwas aufrühren. Wer wird seinen eigenen Weg gehen und eben sein Ding so machen, wie das auch einmal Bands, die wir uns anhören, gemacht haben. Ob Sex Pistols oder Minor Threat.

* Es interessiert ja schon immer ein wenig, was eine Band so zu sagen hat, in ihren Songs, ob es da eine Message gibt – egal, ob man das gut findet, prinzipiell ist es immer interessant. Nur was kann man noch sagen. wenn… z.B. Biafra Anfang der Achtziger – ergo vor 20 Jahren – versuchte, Bürgermeister zu werden. War das ‚wichtig‘? Und wenn ja, was könnte heute noch passieren, wenn es damals unter den Umständen schon nicht klappte.
Sammy: Man kann den Leuten sagen daß sie denken sollen. Man kann ihnen alles Mögliche erzählen, aber das, was letztlich die Leute an dir interessiert, ist, daß du in einer Band bist – Musik machst – nichts anderes. Ich glaube nicht, daß ich es mir rausnehmen kann, anderen Leute zu sagen, was sie tun sollen. Man kann sicherlich die Leute aufklären, über Dinge informieren–
David: –so etwas ist nicht unser Ding. Wir haben keine Ahnung, wie man Politik auf einer parlamentarischen Ebene durchführt, wie können eben nur Politik auf einer persönlichen Ebene betreiben. Wir schreiben über unsere unmittelbare Umgebung… und auch wenn man den Songs oder andere auch auf einer politischen Ebene interpretieren kann, so sind sie dennoch eher auf einem persönlichen Level gehalten.
Sammy: In dem Lied heißt es ja auch ‚let’s light a match to these dynamite dreams‘ und das ist eben die Sache, wir kennen viele Leute, die eben anfangen, ihre eigenen Dinge aufzustellen, ob das ein Label ist oder sonst etwas. Oder irgendetwas, das real existiert und von dem sie möchten, daß es andere Leute sehen wollen. Wir wissen nicht alles, keiner tut dies…

* Wenn ich den Song höre, kommt er mir so vor wie ‚ok wir haben alles gesehen alles ist passiert und es hat alles nichts gebracht‘ – was in gewisser Weise mit meiner Meinung zusammenfällt.
Sammy: Das ist schon nah dran, aber wir sehen es nicht so zynisch. Es ist eher eine Frage oder eine Aufforderung. Aber wenn du es anders siehst, ist es sehr cool, weil das auch in der Band so ist, daß niemand genau die gleiche Meinung über ein Lied haben kann – es zeigt wenigstens, daß wir einen Anstoß vermitteln konnten.
(Pause, die Band geht spielen. Und zwar so, als ob sie ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht hätten.)

* Wieso spielt ihr eigentlich hier mit SOIA?
David: Das ist die gleiche Geschichte, warum wir auf Jade Tree sind. Irgendjemand aus dem Lager von SOIA hat unsere CD gehört und fand sie wohl ganz gut. Craig, der Bassist von SOIA, meinte auch, daß seine Freundin uns als Band sehr mag und so ging es dann weiter und dann rief deren Manager bei Jade Tree an und fragte uns, ob wir nicht mit nach Europa wollen.

* Viele Firmen würden dafür zahlen, ihre Bands als Vorband hier ins Rennen zu schicken.
David: Hmm das mag sein, aber so war es nicht, Jade Tree könnten das gar nicht, selbst wenn sie wollten – nehme ich mal an.

* Uns wie ist es so?
David: Oh, nicht schlecht, wir hatten ja keine konkreten Vorstellungen von dem, wie es hier werden würde – wir sind eine sehr junge Band und daher ist es wie auch auf unserer ersten US Tour aufregend. Uns kannten bei der ja auch nur ein paar Leute an der Ostküste, und dann im mittleren Westen zu spielen …. Leute, die mit ihren Bands hier in Europa auf Tour waren, sagten uns, daß man generell besser behandelt wird und die Leute Vorbands eher ein Ohr schenken, die Kids hier auf den Shows sind zumindest… keine Snobs.

* Ich würde eher das Gegenteil sagen.
Sammy: In Spanien war es ein wenig zurückhaltend, aber jetzt in der Schweiz und hier haben die Leute getanzt, was will man mehr?

* Sind das hier im Schnitt andere Leute – wegen SOIA – als die, vor denen ihr in den Staaten spielt?
Sammy: Die Leute, die zu SOIA gehen sind aus diversen Lagern, da hast du Punker, Hardcoreler, Metal Kids… das ist viel breiter als bei unserer Band zuhause.
Andrew: Was mir auffällt ist, daß wir noch keine einzige Schlägerei gesehen haben. Die Ordner scheinen auch im Gegensatz zu den USA sehr cool zu sein. Sie nehmen die Leute nicht sofort in den Schwitzkasten, wenn sie ein wenig tanzen wollen. Das gibt es in den USA recht häufig.

* Hier sind aber – weil hier noch viele Soldaten stationiert sind – auch relativ viele GIs anwesend, oder Kinder von GIs, eine ziemliche Macho-Meute. Dennoch wird es wahrscheinlich keine Schlägerei geben. Warum dann in den USA, wenn ein paar schmalbrüstige Kids zu einer Hardcoreshow gehen? Weil es immer schon so war?
David: In Boston schon. Boston hat einen Ruf, daß es ab und zu völlig zerbricht, die Hardcore Szene wächst und auf einmal implodiert sie dann in Schlägereien. Dann wird deswegen ein Club geschlossen… und dann gibt es wie jetzt keinen einzigen All ages Club in Boston.
Sammy: Du übertreibst ein wenig…
David: Wieso? Auf den meisten All ages shows, auf denen ich in meinem Leben war, gab’s ne Schlägerei. Das Ding, bei dem ihr uns schon einmal gesehen habt, war unser kleiner Versuch, das zu ändern, und nun ja… bekanntermaßen kam die Polizei.

* Meine kleine Standardfrage, wen würdest du in welcher Band mal gerne für einen Sommer ersetzen?
D: Hüsker Du touring the US, als Bob Mould. (ehrlich gesagt mit die coolste Antwort vorstellbar. D.)

* Und die Drogen
D: Vielleicht. Ich wäre dann viermal so schwer wie jetzt.
S: Pete Townshend. Oder eher John Entwistle, damit ich mir besser anschauen kann, was Keith Moon macht!
M: Aus reinen Rock-Klischee Gründen, auch wenn es fürchterlich klingen mag, aber für Guns’n’Roses singen. Hauptsächlich wegen den Partys nach der Show!

* Du kommst in einen Raum und alle machen ‚uuuuuu‘
M: Na für einen Sommer wäre es nicht so schlecht. Ich finde die auch sonst nicht so schlecht
(allgemeine Zustimmung)

*Scheiße, irgend etwas ist falsch gegangen. Irgend etwas in der Vergangenheit ist passsiert, was nicht hätte passieren sollen.
M: Shit dude, I am 20 years old.

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