Februar 21st, 2018

DRUNK (#114, 10-2005 )

Posted in interview by Jan

Es ist nicht leicht, sich an einem Sonntag abend, der ein umfassendes Wochenendprogramm abschliesst – und dies meist mit einem Tatort – aufzuraffen und ein Konzert zu besuchen, zumal die Au in Frankfurt nicht notwendigerweise leicht erreichbar ist, so man nicht in ihr wohnt. Auf der anderen Seite lag einige Wochen zuvor Drunks erste Full Length Scheibe ‚The company tie‘ im Briefkasten und selbige machte den abendlichen Ausflug äußerst notwendig, da ich unbedingt die Band sehen wollte, die es im grauen Einheitsbrei (ist dieser nicht eher gelb? Welche Farbe hat ein Einheitsbrei?) des schnellen Punkrock mit melodieorientierten Songs – Gott, das klingt wie die Beschreibung des Vorhofs der Hölle, oder? – schaffte, ein absolutes Kleinod zu veröffentlichen. In den lärmenderen Momenten erinnern sie mich von der Gitarrenlinie an die Spermbirds, bei den Breaks und dem einflechten von kurzen, komplexen Parts an die All/Descendents-Schule des Punks für Fortgeschrittene, um dann in zweistimmigen Gitarrenpop der emotionalen Sorte zu enden: Kurzweiligkeit!

Das Konzert war außergewöhnlich, weil mir nicht viele Bands einfallen, die sich tatsächlich freuen und denen man das auch ansieht, ihre Songs vortragen zu dürfen. Die grinsten sich die Backen wund und das spärlich vorhandene Publikum von vielleicht dreißig Bekannten schien sich zum Großteil in ähnlicher Gemütslage zu befinden.

Und all das – vor allem ihr Sound – hat sehr wenig damit zu tun, daß es sich um das Hybrid der beiden wichtigsten norwegischen Bands der ‚Hardcorejahre‘ handelt, ergo Life but how to live it und So much hate. Aufgrund der Altersstruktur unserer Leserschaft muß ich jetzt wahrscheinlich nicht mehr sagen, da die Touren vorgenannter Bands bei der blossen Erwähnung ihrer Namen zu sofortigen Gefühlsausbrüchen der damals Anwesenden führen. Einen Ausschnitt der damaligen Tumulte liefert Alex Köpf in seinem Tourbericht von LBHTLI im Trust Nummer 39 – lesenwert, findet Daniel.

Wer die alten Scheiben suchen will, dem ist allerdings erst einmal viel Glück zu wünschen. Die Life… Platten kamen vor vielleicht 10 Jahren mal über Indigo als Cds raus, der Erstling ist bei Ebullition wieder veröffentlicht worden und bei X-Mist erhältlich. Bei So much hate gibt’s glaube ich gar keine Reissues… Ebay ist hier der wohl beste Freund.

Alterstriefender Kommentar zum Schluss: Man ist das ein Spaß gewesen, endlich (?) mal wieder ein Interview per Telephon zu machen… aber dank der Handykultur konnte ich auch einen Tag später als ursprünglich verabredet bei Roger anrufen und dank der Vorwahl-Nummer-Kultur hat das Interview nur 3 Euro 50 gekostet….

R Ich muß erst mal ins Haus gehen. Hier draußen ist so laut. Hier rennen überall Kinder herum.

Was für Kinder?

R Tja in der Band sind wir alle inzwischen etwas – wie soll ich sagen – alt geworden. (lacht) In der Band haben wir zusammen etwa neun Kinder

Wieviele davon sind Deine? Wie alt sind die?

R Zwei. Unsere Tochter ist elf und unser Sohn vier Jahre alt.

Was sagt deine Tochter dazu, daß du in einer Band spielst, die Drunk heißt?

R Sie ist ‚used to the fact‘, vermute ich. Sie weiß auch, daß wir schon ewig Musik machen und der Bandname ist auch nicht so ernst zu sehen.

Klar – aber erzählt sie ihren Freundinnen, daß ihr Papi in der Band „Besoffen“ spielt?

R Ja – wir haben unlängst mal ein Musikvideo gedreht und viele Ihrer Freundinnen waren da und haben Konzertbesucher gespielt, also wissen sie alles, alles, alles

Das ist das Split Second Video?

R Ja

Ok, laß uns erst ein wenig über die alten Bands sprechen, aus denen ihr hervorgegangen seid, um dann zur aktuellen Band zu kommen – die ja auch schon viele Jahre existiert – und der neuen Platte.

R Meinst Du, daß sich die Leute an unsere alten Bands noch erinnern?

Auf jeden Fall. Zum einen versucht ein Freund von mir gerade, die erste SMH für 50 (?) Euro zu verkaufen, es gibt also zumindest einen Sammlermarkt-

R sie wird aber rereleased-Was den Sammler kaum interessieren dürfte… kein Vinyl, keine Erstauflage…. aber viele unserer Leser werden sich gerne erinnern. Was sind die ersten Dinge, die dir in den Sinn kommen, wenn du dich an die Jahre mit LBHTLI erinnerst und die Touren? R Das erste was mir in den Sinn kommt… es war ein Way of Life. Wir haben nichts anderes außer der Band gemacht – wir nahmen es sehr ernst und haben so sehr, sehr viele Freunde überall in Europa kennengelernt, mit denen wir oft heute noch Kontakt haben. Dann fällt mir unsere Reunion Show ein, die wir vor einigen Jahren gegeben haben. Das war schön, weil es uns vermittelte, daß die Musik vielen Leuten noch immer etwas bedeutet.

Noch heute bedienen sich viele Reviewer des Vergleichs mit euerer Band, aber dies ist fast ausschließlich bezogen auf Katjas Stimme. Du hast aber doch alle Texte und Songs geschrieben, wenn ich mich nicht täusche –

R Nicht bei den Lyrics, Katja hat mehr und mehr geschrieben, vor allem in den späteren Jahren. Beim letzten Album etwa die Hälfte.

Ist das nicht blöde? Die Leute erinnern sich hauptsächlich an die Sängerin, aber du hast alle Songs geschrieben?

R (zögernd) nun ja, das ist doch natürlich. Sie war eine sehr charismatische Bühnenperson und die Vocals sind nun mit sehr wichtig als vorderster Teil der Band – wie gesagt, das ist doch natürlich.

Klar ist das so, wäre doch aber nett, wenn die Leute dich als denjenigen, der für die Musik verantwortlich ist, im Kopf behalten?

R (lacht) so sehe ich das aber nicht. Für mich ist es wichtig, daß ich die Musik geschrieben habe. Auch wenn wir das zusammen taten, kamen die meisten Ideen von mir und auf diesem Wege Musik geschaffen zu haben, die einigen wenigen Leuten auch heute noch eine Menge bedeutet, auch jungen Leuten, die nie die Chance hatten, die Band live zu sehen, das alles ist für mich wichtig und eine große Belohnung – das ist auf jeden Fall genug für mich.

Was meinst du ist für die ‚jungen Leute‘, von denen du sprichst, heute anders, wenn sie die Musik hören? Wenn sie Konzerte besuchen?

R Gewisserweise glaube ich, daß sich da gar nicht so viel geändert hat – wenn ich die Drunk-Tour, die wir unlängst machten, mit den alten Touren vergleiche, sehe ich da nicht viele Unterschiede – die Zuhörer sind jünger als wir, aber sonst? Das ist ja eine gute Sache… auf der anderen Seite gibt es eine Menge Unterschiede. Das Konzept ‚Punkrock‘ hat sich verändert, es ist einfach nur eine weitere Spielart von Popmusik. Nach all den Jahren mit all den amerikanischen Poppunkbands sind die Leute das so gewöhnt, diese College Punkrock Musik… mir fehlen da gerade die Worte.

Der Poppunk in den Charts kam ja mit Green Day, einer Band, die 91 in der Gilman Street anfing und durchaus Bezug zu unserer Welt hat(te?).

R: Klar waren die Anfang der Neunziger schon da, aber ihre Platten haben sie nicht auf MTV beworben. Und Millionen von Platten haben sie damals auch noch nicht verkauft, wenn ich mich richtig entsinne… aber letztlich… by all means… laß die Kids ihren Spaß haben. Sie werden sowieso nicht die Dinge tun, die wir Ihnen sagen was natürlich gut ist! Und von Zeit zu Zeit werden sie mit irgendeiner ansprechenden Form von Popmusik auftauchen… der Term ‚Punkrock’ bedeutet heute etwas anderes als vor 20 Jahren, (lachend) aber für uns alte Säcke wird ‚Punkrock’ eben ‚Punkrock’ bleiben. Machne Leute nennen Drunk eine Poppunk-Band. Da haben sie recht, weil wir natürlich Anleihen bei Popmusik gemacht haben – erinnert sich noch jemand an die Buzzcocks? – aber ich denke, daß wir unseren Pop eben mit einer gewissen Punkrock Attitüde spielen, eher auf energie-basierend als einfach nur ohne Schub trällernd.

Waren die Mitt- und Endachtziger vielleicht einfach politisiertere Zeiten, so daß auch der musikalische Ausdruck diesbezüglich entwickelter war?

R Nicht unbedingt – dem kann ich so nicht zustimmen. Für einige Leute sicherlich. Es ist schwer zu sagen, zumal wir ja in anderen Städten meist mit nicht repräsentativen Leuten reden, die wir entweder von früher her kennen, oder die die Show gebucht haben.

Klar, wenn ihr in der Au in Frankfurt spielt sind natürlich viele Leute da, die den Laden damals besetzt und aufgebaut haben.

R Genau! In Oslo, meine Heimatstadt, kann ich das schon besser beurteilen. Die Szene dort ist im Moment sehr gut, viele Leute, auch viel politische Aktivität – besser als in den letzten zehn Jahren, das auf jeden Fall. Und unser besetztes Haus im Stadtzentrum, das Blitz, haben wir immer noch und dort geht alles viel besser als in den letzten zehn Jahren, keine Frage. Viele junge Leute, viel Enerie, viel gute Einstellungen gegenüber Musik und Gesellschaft. Das mag von Stadt zu Stadt verschieden sein, wir können dazu nicht viel sagen, da wir immer nur einen Tag in einer Stadt sind und die Zeit alte Freunde treffen.

Was passiert im Blitz so genau?

Da geht’s ständig zur Sache! Das Haus funktioniert besser denn je. Es gibt immer noch das vegetarische Cafe, dazu einen Buchladen, die politischen Aktivitäten sind im Moment der Hammer! Die Konzertgruppe arbeitet auch super, es gibt jede Woche mindestens ein hochqualitatives Konzert und es gibt immer noch wirklich billige Proberäume für Bands.

Also kein Gejammer ob der großen Schlachten dunnemals?

R: Nein… das sagen zwar viele Leute – ‚die Szene ist so schlecht geworden bla bla bla’ ich sehe ehrlich kaum Unterschiede im Vergleich. DIY existiert, Leute erschaffen sich ihren Freiraum, genauso wie damals. Zusätzlich gibt es diese ganzen Mainstream- und Business- assoziierten Bands, wie damals auch. Der große Unterschied ist, daß die letzteren und ihre Zuhörer den Skater / Punker Dreßcode komplett übernommen haben. Weißt Du noch, wie Anfang der Neunziger auf einmal neun von zehn Bands anfingen, harcdore-metal-crossover zu spielen? Das war doch richtig fürchterlich und die Bands hatten sogar Erfolg damit und gingen auf große Labels, da ziehe ich jeglichen Poppunk als Musik deutlich vor… aber man muß diese Bands eben auf ihre Musik reduziert betrachten und darf von ihnen nicht mehr erwarten.

Noch einmal zurück noch zu Life… – in Erinnerungen bleiben ja die positiven Teile sehr wach, was wären die negativen Seiten dieser Jahre, an die du ungern zurückblickst?

R Das schlimmste war auf jeden Fall die Situation am Ende, als wir uns aufgelöst haben. Unsere Sängerin Katja war über die Jahre unserer Tourens krank geworden, die litt an einer Eßstörung und hat keine Nahrung mehr zu sich genommen. Wir wußten davon so lange nichts, bis es dann schon viel viel zu spät war. Das war sicherlich das schlimmste. Morgens aufwachen und jemanden sehen, der nur noch die Hälfte von dem wiegt, was er eigentlich sollte, dann ist der Bogen deutlich überspannt.

Was machen die Leute von damals jetzt? Ich habe gehört, dass Dyret in Nicaragua lebt–

R Er lebt da die Hälfte des Jahres, hat sich ein Haus und ein Stückchen Dschungel gekauft und plant, irgendwann komplett dorthin zu gehen. Er spielt auch in einer neuen Band, 2/20 (two twenty), eine Punkrockband mit dem Sänger von Captain Not Responsible und drei … etwas jüngeren … Punkrockern. Soll ich sie ‚etwas jünger‘ nennen?

Wenn deine Zuschauer deine Kinder sein könnten, dann darfst du das – denke ich

R Das ist großartig – das zeigt, daß die Musik, die du spielst und die Werte, die für dich wichtig sind, Generationen überdauern und mit ihnen fortleben können. Wenn du in einer Band spielst ist es auch einfacher, mit jüngeren Leuten in Kontakt zu kommen, da es einen gemeinsamen Fixpunkt gibt, bei dem ein Gespräch beginnen kann – eben die Musik. Für viele Leute meines Alters ist es bei Konzerten frustrierend, daß sie weniger und weniger der Anwesenden kennen. Wir haben sehr viele Freunde in den ’neuen‘ Osloer Hardcore Community. Viele Leute erinnern sich, wie alles einmal war und wollen dies behalten, verschließen sich aber einem gewissen Wandel. Ich halte es für wichtig, die positiven Seiten dieses Wandels zu fokussieren.

Was macht Katja dieser Tage so?

Sie arbeitet bei einer Radiostation und hat eigentlich mit Musik (machen) nichts mehr zu tun. Allerdings hat sie bei der Reunion Show gesungen, als ob sie nie damit aufgehört hätte!

Kommen wir mal zu etwas anderem. Inwieweit haben Bands wie Turbonegro auf die Osloer Musikwelt einen Einfluß? Was hat sich dadurch gewandelt? All diese Bands, die angeblich da draußen sind, um den Rock and roll zu retten.

R Genau das! Das ist Rock and Roll und kein Punkrock, wenn du mich fragst.

Aber es passiert doch um dich herum – gerade?

R Ja und nein. Die ganzen neuen Rockbands, Turbonegro Gluecifer und die anderen, die hängen in anderen Läden herum wie wir, damit haben wir nichts zu tun. Ich kenne sie flüchtig und sehe sie kaum. Dafür gab es schon immer viele Hörer, und eine Band wie Turbonegro zieht ihrer Hörer aus vielen unterschiedlichen Lagern an, wobei auch einige aus dem Punkrock kommen dürften. Junge Leute, die sich verkleiden wollen und ihren Eltern ein Zeichen setzen wollen.

Aber all diese Bands lassen ihre Gitarren in Per-Arnes Geschäft reparieren?!

R (lacht) … die Verstärker, nicht die Gitarren. Er kümmert sich um die technische Seite der alten Verstärker… aber da kommen alle möglichen Musiker hin, nicht nur von den eben genannten Bands. Viel zu viel Arbeit, er kommt überhaupt nicht nach. Alle etwas bekannteren norwegischen Bands, Motorpsycho und so, geben ihm ihr Equipment.

Kommen wir mal zur Band Drunk. Ihr müßtet so 1996 oder 1997 angefangen haben?

R SO um den Dreh, das weiß ich gar nicht mehr so genau.

Dann habt ihr ein paar 7″, eine 7″ Comp und eine Split LP aufgenommen und zwischen 2000 und 2005 gab es gar nichts, warum?

R Kinder. Kinder. Aber darüber sprachen wie ja schon… da kamen einige Dinge zusammen, aber hauptsächlich Tonnen kleiner Kinder, die überall herumkrabbeln und jede Minute freier Zeit beanspruchen. Das ist schon ganz ok so, wir sind darüber ja alle sehr froh. Es erweitert dein Leben, es gibt nicht nur eine Seite, die du am Leben magst – sagen wir ‚in einer Band spielen und Bier trinken‘ –

Und die neue Platte gibt es jetzt, weil die Kinder nicht mehr herumkrabbeln, sondern in den Kindergarten gehen können?

R Mehr oder weniger – ja. Wir haben ja die ganze Zeit trotz allem geprobt und auch ein paar Konzert in Norwegen gespielt. Wir hatten uns schon gefragt, ob man das alles unter einen Hut bekommen kann, ohne, dass es die einzelnen Abläufe stört, einen Weg, bei dem eben auch die Band noch reinpasst und wir mit ihr Spaß haben können.

Wie lang war diese Tour dann jetzt? Geht ihr alle als mehrfache Väter jetzt verantwortungsvoller mit so einer Tour und ihren … Getränken um?

R Dreieinhalb Wochen…. zum zweiten Teil: Nein, auf keinen Fall …. eher umgekehrt. Weil wir normale Jobs haben und Kinder aufziehen, scheinen wir über Superkräfte zu verfügen! Wir mußten allerdings eine Show in Amsterdam absagen, weil unserer anderer Gitarrist, Per Arne, beim Doktor ein Antibiotikum bekam, nach dessen Einnahme er völlig zusammengebrochen ist, weil es zu einem allergischen Schock kam. Er wurde dann sofort ins Krankenhaus gebracht. Danach meinten dann schon einige, daß wir zu alt wären und daher auf Arztbesuche verzichten sollten und lieber gleich ein paar Bier trinken. Nach einem halben Tag war er dann schon wieder auf den Beinen. Ich denke, wir sind ganz gut durchgekommen. Er ist blau angelaufen, sein Kopf schwoll auf doppelte Größe an und er konnte auch nicht mehr reden oder sonstwie kommunizieren. Ziemlich beängstigend.

The Company Tie. Hältst du das Cover (Geschäftsmann im Anzug mit Galgenstrick anstelle einer Krawatte) nicht für sehr .. einfach und stumpf? Sind wir nicht alle (inzwischen?) sehr sehr angepasst an dieses Leben und haben unsere Nische gefunden, ob wir jetzt eine Krawatte anhaben oder nicht?

R(lachend) Exakt. Das ist genau der Punkt.

Scheiße. Dann sind meine ganzen Fragen jetzt überflüssig.

R Wir haben alle unsere Jobs. Wir alle wissen genug über die Firmenkrawatte. Wenn du eine Familie hast, laufen Dinge eben unter anderen Zwängen ab. Würde ich in einer Band spielen, die so viel Geld abwirft, dass man davon eine Wohnung mieten und Essen für eine Familie kaufen kann, dann müsste ich entweder eine ganz andere Art von Musik spielen oder Dinge in einer Art und Weise tun, wie wir das nicht wollen. Die andere Option ist eben der ‚Dayjob‘ – es ist in Ordnung so.

Dayjob klingt so ‚punkrock’, was wäre denn mit einem ‚Career Job’ – mit oder ohne Krawatte?

R: Also wir haben ganz normale Jobs – eben resultierend aus dem Zwang, unsere Kinder ernähren zu müssen und so weiter, dafür braucht man schon ein regelmäßiges Einkommen. Physisch trägt keiner von uns Krawatten, ich sehe daß eher wie ein ‚angekettet’ sein, also tie auch als ‚verbunden’: Jeden Tag den gleichen Scheiß machen müssen, ob man mag oder nicht, viel wertvolle Zeit vergeuden, um sinnlosen Kram zu erledigen, damit der Gehaltsscheck eintrudelt.

Was ist dein Job?

R: Ich arbeite als Programmierer… ein Hobby wurde zum Job. Wenn du in DIY Bands spielst, kannst du damit kein Geld verdienen und das mit der Familie geht eben nicht, da mußte ich Prioritäten setzen. Zuerst Kinder und Familie, dann Musik. Zumal die Band als Teilzeitprojekt einen Vorteil genießt: Wir müssen uns nicht anpassen und können näher an der Musik und den Ideen sein, für die wir stehen. Es ist egal, ob uns die Leute mögen oder nicht, da können wir uns also mehr Ellenbogen-platz verschaffen. Nicht, daß ich was gegen Leute hätte, die unsere Musik mögen, aber die Musik machen wir erst einmal für uns selber und somit müssen wir nicht abwägen, ob etwas Hit-Potential hat oder nicht.

Wenn man sich die Texte der neuen Platte durchliest, fallen sie eher ‚offen‘ – gegenüber ‚explizit‘ – auf. Man kann da vieles herauslesen und somit eben hineininterpretieren. Stimmt dieser Eindruck und ist das auch so gewollt?

R So wie ich die Frage verstehe ‚ja‘. Wenn sich jemand die Zeit macht und die Texte liest oder genau hört, hat er hoffentlich viele Möglichkeiten, eigene Bilder und Assoziationen mit in den Song einzubringen, ihn quasi zu personalisieren. Leute haben mich da schon mit sehr verblüffenden Interpretationen überrascht! Ich finde das gut, wenn die Leute so ihren ‚eigenen‘ Song erhalten. Viele der Songs sind auch zusammengesetzt – eine Strophe beschreibt etwas Bestimmtes aus meinem Leben, die nächste dann etwas völlig anderes. Der Hörer kann sich dann alles aussuchen. So kann ich mich auch eher entfalten, so fallen mir mehr Sachen ein, die man in einen Song stecken kann.

Wie wäre das mit ‚Promises‘, dem Hit-song auf der neuen Platte, so man mich fragt…

R Der ist nicht so einfach… da gibt es kein bestimmtes Thema oder Geschehnis, von dem er handelt. Der entstand anders… aber ich kann mich gerade weder an die Lyrics (johlend…) noch an das Verfassen der selbigen erinnern.

Was bedeute ‚Taking the tram to far for the second time now‘ im Song Killing Time? Also keine Ahnung wie oft ich die Straßenbahn bis zur Endhaltestelle genommen habe..

R Absichtlich?

Nein, eher schlafend.

R Wenn du darüber nachdenkst, ob du sie absichtlich oder unabsichtlich genommen hast, kann der Text sehr unterschiedlich verstanden werden. Für mich geht es da eher um die Drogenprobleme, die wir in den letzten zehn Jahren in Oslo hatten, die mich zum Teil mitbetroffen haben. Wie soll man mit den Leuten umgehen, die diese Probleme haben und vielleicht einmal deine Freunde waren und wie können sie mit dir noch umgehen? Also in diesem Fall ist der Song recht klar definiert, darum geht es in ihm.

Ich war unlängst das erste Mal in Norwegen und habe mir in zwei Wochen auch zweimal ein richtiges Bier gekauft. Sonst nur das Leichtbier aus dem Supermarkt. Das ist ja schon eher teuer für uns; ist das auch Grund genug für Euch, demnächst mal wieder auf Tour zu gehen?

R Wir mögen ein gutes Bier. Es spricht also nichts gegen Biertest-Urlaubsfahrten nach Deutschland. Auf der anderen Seite ist das sicher nicht der einzige Grund, warum wir auf Tour gehen

Warum ist das eigentlich so teuer?

R Alles hier ist sehr sehr teuer. Man hat sich hier an die teilweise sehr extremen Preise gewöhnt, wir trinken daher einfach nicht so viel, was ja auch gut ist. Die Regierung belegt Alkohol mit einer extremen Steuer, um so den Konsum niedrig zu halten. Das klappt meiner Meinung nach nicht, da so diese Mafia existiert, die Alkohol billig schmuggeln.

Aber auch ganz normales Essen ist sehr teuer. Ergo müsst ihr auch mehr Geld verdienen, um einfach so durchzukommen

R Das stimmt, alles ist teuer. Wenn ich mich nicht täusche sind die Löhne hier auch deutlich höher als in Deutschland. Aber ich glaube nicht, daß sie die hohen Preise kompensieren. Wir sind daran gewöhnt, aber wir mögen es nicht.

Noch ein Schlußwort zum Thema und Dingen, die ihr gerne noch mit der Band erreichen würdet?

R In der nahen Zukunft kommt auf Twisted Chords eine LP-Version der ‚Company Tie‘ heraus, im frühen Herbst. Vielleicht werden wir dazu dann für ein verlängertes Wochenende nach Deutschland kommen, um eine Release Party zu machen. Im Oktober spielen wir Riebes B-day Party in Hamburg… wir schreiben neue Songs im Moment, feilen an den herum. Wenn wir dabei auch weiterhin Spaß haben und Möglichkeiten besitzen, herumzufahren und unsere Musik anderen vorzuspielen, das ist schon eine ganze Menge. So lange uns also Leute buchen und auch Zuschauer kommen… hoffentlich sagen es uns die Leute, wenn wir wirklich schlechte Musik machen.

Oder sie kommen einfach nicht zum Konzert

R Wenn eine ganze Tour keiner zu den Gigs käme, wäre das sicher ein klares Zeichen. In diesem Zusammenhang: Das Konzert in der Au, bei dem du warst, war das schlechteste Konzert der ganzen Tour…

…und habt trotzdem das ganze Konzert gelacht…

Wir freuen uns immer, wenn wir zusammen Musik machen… In der Au haben wir viele alte Freunde, aber das Konzert war nur bedingt repräsentativ für uns – ich würde es beim nächsten Mal noch einmal versuchen.

Ich werd’s versuchen.

Interview: Daniel

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