Juni 25th, 2019

Dominik Canalterror (# 191, 2018)

Posted in interview by Jan

von Canalterror über Molotow Soda hin zu F*cking Angry:
Interview mit Dominik S. aka Junk Punk aka Nik Nasty

Es war 1992 und wir waren mit dem Leverkusener Ski- und Surf-Club in Frankreich für zwei Wochen. Ich war 14 Jahre alt und ein Tape lief am Strand fast jeden Tag und besonders abends zum Trinken, der „Festival der Volxmusik“-Sampler. Ami-HC kannte ich schon, aber auch dieser (Fun-) Punk hatte es uns mächtig angetan. Auf dem Sampler befindet sich als Eröffnungsstück der geniale Song „Wasserleichen“ der Bonner Band Molotow Soda, mit dem hingerülpsten Unterbrecher der Messe-Zeremonie.

Kurze Zeit später überspielte mir jemand die zwei Alben von Molotow Soda (MS) und ich verliebte mich sofort in den „Julia“-Song und viele andere mehr in meiner Teenager-Zeit… Parallel entdeckte ich zwar auch (NY-etc.) Hardcore, aber der nächste Schritt war dann die Auscheckung der ersten Band vor MS, wo auch MS-Sänger Tommy Molotow am Start war: Canalterror.

Ihre „Zu spät“-Platte von 1983, ah, was für eine großartige Scheibe! Dort musizierte auch Dominik S. aka Junk Punk aka Nik Nasty mit, der dann in den 90er auch bei MS Bass spielte (die genannten Pseudonyme tauchen teilweise auch auf Veröffentlichungen auf).

Hier mal als Überblick die musikalische Band-Discografie von Dominik: Canal Terror (Gitarre, 1980 bis 1983) , F.F.F (Schlagzeug, 1983 bis 1994), The Puke (Bass, 1995 bis 1999), Molotow Soda (Bass seit 1998), The Gee Strings (Bass, 2002 bis 2009), 1982 (Schlagzeug, Gitarre, Bass, seit 1999) und F*cking Angry (Gitarre, seit 2016).

Dominik lernte ich live kennen, als wir mit unserer Konzertgruppe im Jugendzentrum Bunker in Leverkusen in den 90er THE PUKE aus Bonn (genialer 77er-Punk!) und die mächtigen MS veranstalteten. Seitdem ich 2006 nach Frankfurt gezogen bin, sah ich Dominik auch auf der Bühne des Frankfurter AU-Festes (der jährlichen Feier des in Anfang der 80er besetzten Hauses/Konzertortes). Zum Beispiel, als er dort mit seiner frühe 80er-Deutsch-Punk-Cover-Band 1982 auftrat oder jüngst mit seiner tollen aktuellen Band Fucking Angry. Er wurde natürlich auch für den Punk in Bonn-Film interviewt, den ich fürs Trust rezensierte und da wir auch immer so nett auf dem AU-Fest plaudern, wenn wir uns über den Weg laufen und ich einfach großer Fan von Dominiks kreativen Schaffens bin, gibt es nun dieses Interview (in dem auch andere (alte) Bands von ihm zur Sprache kommen).

Er war auch schon Mal im Trust, in den 80er mit F.F.F., die von Dolf in Trust # 14 von 1988 interviewt wurden. Es gibt das PDF dieser Trust auch online auf unserer Homepage online, es ist ja schon geil, genau 30 Jahre später wieder mal im Heft, das ist einfach faszinierend für mich als jüngerer Mensch. Ich erzählte einem Trust-Mitarbeiter vor vielen Jahren, dass ich ein MS-Interview fürs Trust überlege, er meinte, wenn das echt kommt, dann würde er sofort aussteigen. Deutsch-Punk ist einfach für viele ein Schimpfwort, wir werden darüber reden.

Zur Einstimmung noch kurz ein Zitat aus dem Ox #127 (2017) von Canalterror-und-MS-Sänger Tommy Molotow auf die alles entscheidende Frage: „Warum ist ein Bauch vom Saufen besser als ein Buckel vom Arbeiten? (die Band hatte das Lied „Saufbauch“ mit dem Refrain „Ich will lieber ’nen Bauch vom Saufen als ’nen Buckel vom Arbeiten“)? Tommy replizierte: „Die Antwort liegt doch auf der Hand: Wer einen Bauch vom vielen Saufen hat, hat bestimmt jede Menge Spaß gehabt, sich die Plauze durch Biergenuss heranzuzüchten. Wer hingegen einen Buckel vom Arbeiten hat, hat wahrscheinlich vor lauter Job überhaupt keine Zeit mehr zum Feiern und führt ein trauriges Leben. Davon abgesehen ist eine stattliche Wampe zwar nicht unbedingt hübsch, lässt sich aber in jedem Fall durch geschickte Bekleidung viel besser kaschieren als so ein fieser Hexenbuckel“.

Hi Dominik, als ich Ende der 90er ein Molotow Soda-Konzert in Leverkusen mitveranstaltet habe, gab es euch ja gerade wieder oder immer noch… wie sieht es aktuell im Hause Soda aus?
Ende der 90er war ich da gerade frisch als Bassist eingestiegen. Wir haben uns bis heute nie offiziell aufgelöst, aber als wir vor circa drei Jahren an einer neuen Platte arbeiteten, wurde klar, dass die Motivation und die Bereitschaft, zu touren und auch sonst Zeit und Energie in die Band zu investieren, bei allen sehr unterschiedlich war. Für mich ist und war es immer das wichtigste, vollen Einsatz zu bringen, um das Bestmögliche rauszuholen, und wenn ich meine, die Voraussetzungen dafür sind nicht da, dann eben lieber nicht. Ich habe keinen Bock auf halbe Sachen. Konzerte sind für mich sowieso das wichtigste beim Musik machen, das war schon immer so. Ohne zu spielen braucht man auch keine Platte aufzunehmen. Wir sehen uns trotzdem gelegentlich, und es ist auch immer wieder lustig, weil wir einfach so viel zusammen erlebt haben. Zwei neue Songs haben wir dann noch auf dem dritten Bonn-Sampler (LP) und auf Youtube veröffentlicht.
Tommy ist nach Hamburg gezogen, was genau macht der da eigentlich, St. Pauli?
Ja, er arbeitet seit Ewigkeiten schon bei St. Pauli, aber was er da zurzeit macht, kann ich dir gar nicht genau sagen. St. Pauli ist sein Ding. Ich selbst stehe nicht besonders auf Fußball.
Wieso waren für Molotow Soda die Konzerte im AJZ Bahndamm Wermelskirchen immer etwas Besonderes?
Die Mollis waren die allererste Band, die jemals im Bahndamm gespielt hat und danach waren wir (auch vor meiner Zeit schon) bestimmt alle ein bis zwei Jahre da. Für einige der Leute, die da teilweise heute noch aktiv sind, waren wir wohl die erste Punkband, die sie überhaupt gesehen haben bzw. durch die sie zum Punk gekommen sind. Einige haben später selbst erfolgreiche Bands gegründet. Es war auf jeden Fall immer extrem lustig da und das ist es auch heute immer noch. Ich habe dort viele nette Leute und Freunde kennengelernt.
Du bist schon ganz lange Punkrocker, war damals die Initialzündung Ende der 70er mit dem britischen Punk?
Da gab‘s verschiedene parallele Sachen. Irgendwann habe ich mal die Sex Pistols im britischen Radiosender BFBS gehört und dachte „Was ist das denn?“. Das muss 1977/78 gewesen sein, ich war so um die zwölf Jahre alt. In der Moderation war dann auch von „Punk“ die Rede. Da ich zuvor in Jamaica auf einer englischen Schule gewesen war (mein Vater war Entwicklungshelfer), konnte ich auch die Texte verstehen und fand das absolut krass. Endlich mal nicht nur „Lalala, I love you“ und so: Songs mit Furz am Ende und Texte, in denen Abtreibungen vorkamen und die Queen als Schwachsinnige beschimpft wurde.

Heute mag das normal sein, damals war das neu und für den Normalbürger extrem schockierend. Dann gab’s im „Stern“, den meine Eltern lasen, so einen total reißerischen Fotoartikel über Punks in London nach dem Motto „der Abschaum der Gesellschaft, die hamse nicht mehr alle“. Das hat mich natürlich direkt fasziniert. Das geilste war aber dann im Fernsehen Plastic Bertrand: In der Sendung Disco 1977 oder 1978 (?) hat er plötzlich während seines Playback Auftrittes (der Song war „Ca plane pour moi“) wahllos Leute aus dem Publikum am Kragen gepackt, durchgeschüttelt und aus den Sesseln gerissen. Also dieselben Leute, die zuvor noch bei Marianne Rosenberg, Jürgen Marcus oder Bata Illic brav lächelnd mitgeklatscht hatten. Plastic Bertrand hatte eine Sicherheitsnadel durch die Backe gesteckt, war mit Kajal geschminkt und trug zerrissene, bemalte Klamotten.

Die ganze Attitüde und Aktion war für die damalige Zeit einfach absolut undenkbar, und im Endeffekt ist es, wenn ich heute darüber nachdenke, auch immer noch das, was für mich eine richtige Punkband ausmacht, oder sagen wir mal das, was ich sehen will: Es muss irgendwie noch Gefahr da sein, ein Mindestmaß an Aggression und das Gefühl, dass jeden Moment irgendetwas unerwartetes passieren könnte. Die „Nevermind the Bollocks“ hat mir dann ein Klassenkamerad aus England auf Kassette mitgebracht. Wir haben daraufhin eine Band gegründet, bei der ich der Sänger war.

Dann lernte ich so 1979 beim Skaten einen drei Jahre älteren Typen kennen, der die Ramones, X Ray Spex, Damned etc. hörte und mich schließlich auch zu Punkkonzerten mitschleppte. Wir schnitten uns gegenseitig die Haare ab, färbten sie mangels Haarfarbe mit nasser Kreide bunt und bemalten und zerrissen unsere Klamotten. Mein erstes Punk Konzert war Spizz Energi und Modettes im Februar 1980. Im selben Jahr spielten noch Killing Joke, Bauhaus, DAF, The Damned, Dead Kennedys und so weiter. In Bonn gab es 1980 bis 83 luxuriöserweise zwei Locations, in denen Punkkonzerte stattfinden durften, und ich bin immer überall hin, auch wenn ich Hausarrest hatte oder Schule am nächsten Tag.
Wann habt ihr mit Canalterror angefangen?
In genau der Zeit, Ende 1980. Wir waren Schüler zwischen 14 und 17 Jahre alt. Die anderen hatten aber auch schon vorher in Bands Musik gemacht. Tommy und Volker hatten eine Band namens Cosh und wollten was Neues starten. Sie fragten mich, ob ich als Gitarrist einsteigen wolle, obwohl ich zu dem Zeitpunkt eigentlich nicht viel spielen konnte. Ich hatte aber ein paar Freunde, die mir Sachen gezeigt haben. Ansonsten habe ich die Ramones aufgelegt und mit der Gitarre dazu gespielt.
Ihr habt ´ne spitzen LP gemacht, warum habt ihr euch aufgelöst?
Damals musste man ja noch zur Bundeswehr, nach Berlin abhauen oder eben verweigern, was mit extrem viel Stress, Gerichtsverhandlung und oft auch einem Bruch mit den Eltern verbunden war. Und dann noch zu Spitzenzeiten 24 Monate Zwangsdienst. Unser Bassist hat totalverweigert, ist einfach nicht hingegangen und kam dann erst mal ein paar Monate in den Knast. Andere sind tatsächlich zum Bund gegangen und waren plötzlich einfach weg und für Proben und Konzerte nicht mehr verfügbar. Das hat viel kaputt gemacht. Am Ende gab es diverse Besetzungswechsel, aber es machte einfach keinen Spaß mehr, und wir haben uns dauernd nur gestritten.

Wegen jedem Scheiß, sogar darum, wer sich jetzt als erster verspielt hat, welche Songs überhaupt gespielt werden und um ähnlichen Schwachsinn. Es gab quasi zwei Fronten in der Band, die ständig aneinandergerieten, auch musikalisch, und dann auch noch einige kriminelle Machenschaften, die ich megascheiße fand und nicht mehr dulden konnte. Da bin ich ausgestiegen. Das war Ende 1983. Die „Zu Spät“ war zu dem Zeitpunkt noch kein Jahr draußen. Tommy hatte schon kurz nach der Veröffentlichung die Band verlassen. Es gab 1984 noch ein paar Konzerte, wo der Schlagzeuger sang, Stefan von Toxoplasma Schlagzeug spielte, mit noch ein paar Leuten aus Neuwied, da war aber dann schon kein Gründungsmitglied mehr dabei. Es gibt ein paar relativ grausame Aufnahmen davon.
Es gab ja sogar in Bonn in den 90er die Canal Terror-Revival-Band, hast du nicht auch mal für getrommelt?
Nein, sie haben mich aber quasi als musikalischen Berater geholt, weil ein paar Sachen nicht so einfach rauszuhören waren bzw. sie nicht wussten, wie sie das spielen können. Das waren damals ganz junge Punx aus Bonn, so klassisch mit Kassettenrecorder und Bier am Kaiserplatz. Zu der Zeit konnte man nicht mal eben Gitarren-Tabs googeln. Mal abgesehen davon sind die Canal Terror-Tabs im Netz oft totaler Müll, keine Ahnung, wer sowas ins Internet stellt. Später haben zwei Leute von der Canal-Terror-Revival-Band die Combo „1982“ gegründet, eine Band, die die ganzen alten Deutschen Punk Hits zwischen ‘79 und ‘83 quasi auf Zuruf spielt.

Da bin ich inzwischen auch schon seit 18 Jahren dabei, erst als Schlagzeuger, neuerdings als Gitarrist bzw. Bassist. Wir spielen nur auf Anfrage, häufig auf irgendwelchen Konzerten zu Geburtstagen von besetzten Häusern, Autonomen Zentren und ähnlichem. Das ist ein reines Spaßprojekt für alle und halt extrem partytauglich. Inzwischen gibt es viele, die sowas ähnliches machen, aber meiner Meinung nach nicht so liebevoll und konsequent vom Repertoire her, eigentlich ist es quasi eine Art Geschichtsunterricht.
Alle alten Bands tun sich heute wieder zusammen, aber Canal Terror wird es nicht mehr wieder geben oder?
Das ist schwer vorstellbar. Der originale Bassist ist schon lange tot, ebenso unser letzter Schlagzeuger. Im Endeffekt kann man nicht mehr so sein wie damals. Ich finde es ehrlich gesagt viel cooler, das einfach nicht zu machen. Guck dir die Bands doch an, die meisten machen sich ihren eigenen Kult kaputt, klingen wie ihre eigene schlechte Coverband. Es gibt natürlich Ausnahmen. Dass die Bands jetzt ihre Instrumente meist besser beherrschen und meinen, das zeigen zu müssen, macht es meistens nur noch schlechter. Wenn das originale Feeling nicht rüberkommt und man sich nicht plötzlich wieder in die Zeit versetzt fühlt, als man das zum ersten Mal gehört bzw. abgefeiert hat, ist das für mich nur enttäuschend und das schaffen die wenigsten.

Oft denke ich, die hätten sich ihre eigene Musik vielleicht vorher nochmal richtig anhören sollen, aber es sind noch viele andere Faktoren. Daher schaue ich mir bewusst manche Bands, gerade die, die mir viel bedeuten, erst gar nicht an, weil mir das sonst alles kaputt macht und ich mir danach, wenn es scheiße war, die Platten gar nicht mehr anhören kann.
Das Trust hat sich u.a. um die Band Inferno aus Augsburg herumgebildet, Sänger Howie schreibt für uns, Dolf war der damalige Manager… kanntet ihr Inferno, hattet ihr zu bestimmten Bands ´nen Draht, zum Beispiel Toxoplasma, die kamen ja auch aus eurer Gegend?
Ja, Canal Terror hat ‘83 mit Inferno in Günzburg (Bayern) gespielt. An viel kann ich mich allerdings nicht erinnern, außer, dass ich dort das erste Mal Iropunx mit Schnäuzer sah, das war ein echter Kulturschock. Wir sind da mit ‘nem Kumpel im Käfer hingefahren. Das war sowieso unser Hauptproblem bei Canal Terror, keiner hatte ‘nen Führerschein, weil wir entweder zu jung waren oder kein Geld dafür hatten. Es sind etliche Konzerte daran gescheitert, dass wir niemanden auftreiben konnten, der eine Karre hatte und uns fahren wollte. Außer Gitarren und Becken hatten wir nie was dabei, erst in der Endphase. Mit Toxo hatten wir so eine Art Bandfreundschaft, haben viele Konzerte zusammen gespielt und uns gegenseitig besucht.
Habt ihr die legendären Cotzbrocken live gesehen damals?
Ja, die haben auch mal Bonn im Nam Nam gespielt (Teile vom Konzert sind auch in der WDR Doku „Randale und Liebe“ von 1981). Wir kannten die auch, weil die öfters in Bonn auf Konzerten rumhingen. Die waren musikalisch legendär scheiße und auch sonst total anders ‘drauf als wir.
Wie kam es zu Gründung von FFF, das steht für Fressen, Ficken, Fernsehen oder?
Nein, das stand für viele verschiedene Sachen, es hieß eigentlich auch F.F.F. mit Punkten dazwischen, damit es im geschriebenen Text immer auffällt. Ich lernte ein paar coole Leute kennen, mit denen ich Musik und politische bzw. Spaßaktionen machen wollte, im Herbst 1983, als Canal Terror quasi am Ende war. Wir nannten uns „Partei für Frieden, Feiern und Ficken“. Das kam daher, dass zu dem Zeitpunkt alle Parteien irgendwie Frieden in ihren Slogans drin hatten, das war ja die Zeit des kalten Krieges und der Friedensbewegung. Selbst die CDU warb mit „Frieden schaffen mit immer weniger Waffen“ – natürlich der blanke Hohn, Deutschland war voll mit US-Soldaten und Atomraketen und die jeweilige Regierung (Kanzler Kohl) war immer der kleine Stiefellecker des jeweiligen US-Präsidenten. Zu der Zeit war es Ronald Reagan.
Da hatte doch auch Dolf mal ein Konzert mit euch gemacht oder?
Ja, wir haben ‘87 oder ‘88 im Dscheina in Tapfheim gespielt, ich meine, er hätte das Konzert gemacht oder war das in Donauwörth? Auf jeden Fall gab es „Geißn Maß“, ebenfalls ein echter Kulturschock.
War die Mitte der 80er aufkommende HC-Bewegung wichtig für dich oder stand man da als alter Punk eher etwas abseits? Die HC-Leute sagten ja damals, dass gerade die Deutsch-Punk-Bands für eine apathische, völlig zugedrogte kommerzielle Richtung von Punk standen…
Also, Mitte der 80er war ich 19/20, so alt ja auch nicht. Ja, das war superwichtig für mich musikalisch. Mit Canal Terror spielten wir ‘83 Konzerte mit Bad Brains und Black Flag und danach war alles anders. Ich wollte nur noch schneller, härter und komplizierter. Daraufhin habe ich ja F.F.F. gemacht, wo wir uns am US HC orientierten, nur halt mit deutschen Texten und später auch Violine. Die Bad Brains, Dead Kennedys, Black Flag und Angry Samoans waren für uns das Optimum.
Es gab ja dann die wunderbaren Molotow Soda, verrat uns doch nochmal das Soda-Geheimrezept, wir haben das natürlich auch mal selber gebraut.
Ja, die gab es ab ca. 1987, aber ich kam ja erst viel später dazu. Das Rezept war nie geheim, es stand ja in der ersten LP im Textheft: jeweils eine Pulle Rum, Blue Curacao, Bitter Lemon und Eierlikör in einen Kanister und schütteln. Wenn die Pullen nicht vorher gekühlt sind, flockt es oder kann eklig werden, aber Eure Leser werden das wahrscheinlich eh nicht ausprobieren, obwohl es wider Erwarten echt lecker ist und gar keine Kopfschmerzen macht!
Ich stehe ja total auf den Song „Julia“, wo es darum geht, dass sie von einem Arsch besoffen gemacht und dann mit Aids infiziert wird, ist das eine wahre Geschichte gewesen?
Nee, aber trotzdem traurig.
Mit dem Song „Wasserleichen“ wart ihr auch auf dem Volxmusik-Sampler, gab es da fette Tantiemen?
Das war auch vor meiner Zeit, ich fand das auch damals nicht gut, sowas zu machen. Das Ganze war ja von RTL und Bravo initiiert und wurde wohl vom damaligen Label Dayglo in die Wege geleitet. Eigentlich ist die ganze Platte kacke bis auf den Molotow Song. Für mich war das Sellout, aber ich war ja zu dem Zeitpunkt bei F.F.F. und voll auf dem HC-Trip. Molotow Soda habe ich erst später schätzen gelernt, obwohl ich auch schon vorher mit den Leuten teilweise befreundet war. Glaub nicht, dass da überhaupt Kohle geflossen ist, ich weiß auch nicht inwiefern die Band überhaupt gefragt wurde bzw. genau wusste, was da abging.
Der Volxmusik-Sampler war ja mehr Fun-Punk, jetzt hatte Molotow Soda auch hedonistische Songs in petto, aber eben auch ernste gesellschaftskritische Texte… eigentlich passte das ja nix oder wie sahst du die aufkommende Fun-Punk-Bewegung?
Mit Bands wie Hannen Alks, Lustfinger oder ähnlichen konnte ich überhaupt nichts anfangen. Molotow Soda war ja überhaupt kein Fun-Punk, sondern immer eine politische Band. Die Themen wurden aber teilweise humorvoll verpackt und es gab ein paar wenige reine „Spaßsongs“ hauptsächlich vor meiner Zeit. Warum soll eine Band immer entweder politisch ODER fun sein müssen? Im Grunde drückt man sich doch aus, und das sollte authentisch sein und nicht aufgesetzt oder weil man einer bestimmten Zielgruppe gefallen will.

Dieses total verkrampfte, immer mehr reglementierte Spaßfeindliche, was sich in der heutigen „Punkszene“ immer mehr durchsetzt, kann ich nicht nachvollziehen. Ich will auch Spaß haben können, ohne dabei „Angst“ haben zu müssen, dass mir irgendein Oberkorrekter erzählt, was ich zu sagen oder denken habe. Natürlich bin ich meilenweit davon entfernt, unpolitisch, ficken-oi oder sowas zu sein. Aber in sogenannten Freiräumen alles voll Verbotsschilder zu pflastern oder zum Beispiel Pogoverbot und ähnliches in manchen AZs halte ich für daneben.
Muss ja eigentlich geil gewesen sein, einen Song über „den Entsorgungsleiter der Firma Bayer“ live in Leverkusen gespielt zu haben, haha?
Gar nie drüber nachgedacht. Bei Molotow Soda war ich im Gegensatz zu Canal Terror, F.F.F. oder Gee Strings so gut wie gar nicht ins Songwriting involviert, da beschränkte sich meine Rolle hauptsächlich auf meine Bassparts, Konzerte und die Organisation.
Als alter Toten Hosen-Fan will ich natürlich wissen, ob ihr mal mit den Hosen live gespielt habt? Seid ihr neidisch auf deren Erfolg?
Nö, nicht, dass ich wüsste. Nein, überhaupt nicht, wenn man das so machen will, okay. Ich würde nicht in so einer Band spielen wollen, weil je größer du wirst, desto mehr Idioten zu deinen Konzerten kommen. Da müsste man ja ohne Ende Drogen nehmen, um das ertragen zu können, und dann muss man ja auch immer noch nett sein zu den Fans, die nächste Woche vielleicht auf dem Onkelz-Konzert sind. Deren Publikum will ich nicht geschenkt haben, es mag natürlich auch Ausnahmen geben.
Deutsch-Punk wird heutzutage von vielen kritisch gesehen, als Schimpfwort, das war in den 80ern schon so, wie siehst du das? Ich meinte mal zu einem anderem Trustler, dass ich überlege, Molotow Soda zu interviewen, er meinte, wenn das Interview im Trust erscheint, dann ist er raus, haha, also, Vorbehalte scheint es zu geben von der HC-Szene..
Ich sehe mich gar nicht als Deutschpunker, ich habe immer Punkrock und HC gemacht. Ich finde auch 95 Prozent des sogenannten Deutschpunk kacke. Da ist einfach insbesondere in den 90ern eine Unmenge an Schrott rausgekommen, weil irgendwelche Labeldeppen, die keine Ahnung hatten, dachten, damit könne man Kohle verdienen. Wenn man zum Beispiel die frühen Sachen von Razzia, Neurotic Arseholes, Middle Class Fantasies, Abwärts etc. aus den 80ern damit vergleicht, sind da textlich wie musikalisch einfach Welten dazwischen, auch wenn es teilweise natürlich wesentlich schrottiger klingt und nicht so sauber gespielt ist. Punk hat für mich absolut nichts mit sauber gespielt bzw. am Computer zurechtgerückt zu tun, es geht immer um die Energie, den Moment, Attitüde und Spirit.
Du bist ja leider nicht mehr bei den Gee Strings am Start, warum eigentlich nicht mehr? Ich hörte, du bist jetzt bei Fucking Angry?
Ich will hier keine schmutzige Wäsche waschen, daher ganz kurz: ich habe in meinen sieben Jahren da extrem viel Energie reingesteckt und auch einen Großteil der Songs geschrieben, selbst auf der letzten Platte sind noch drei Songs von mir drauf, ohne dass ich überhaupt gefragt oder erwähnt wurde. Das ist ziemlich enttäuschend. Da gab es eine unausgesprochene Hierarchie, die ich immer wieder in Frage gestellt habe. Das ging dann nicht mehr und tat ziemlich weh, auch weil wir viel im Ausland, u.a. in Brasilien, unterwegs waren.

Mit dem Gitarristen und dem damaligen Drummer Steve bin ich aber noch gut befreundet. Wir haben damals (so um 2011) zusammen die Band verlassen. Ja, ich bin seit Sommer 2016 bei F*cking Angry und das kickt mich gerade richtig. Alle haben Zeit und Bock, die Musik ist supergeil und wir können gar nicht so viele Konzerte spielen, wie es Nachfrage gibt. Außerdem spiele ich das erste Mal seit Canal Terror wieder bandmäßig Gitarre und es macht Spaß, wieder so viel unterwegs zu sein und richtig rein zu dreschen. Ich hatte ziemlich lang richtig Probleme mit meinem Ellenbogen und musste mit dem Schlagzeugspielen leider ganz aufhören.
Ihr habt mit THE PUKE ´ne geniale Single im 77er Stil gemacht, warum gibt es dieses Projekt eigentlich nicht mehr?
Snotty, der Sänger, bekam Zwillinge und musste Kohle ranschaffen, außerdem hatte er noch sein eigenes Projekt „Oddballs Band“. Er kam so gut wie nicht mehr zu den Proben und irgendwann haben wir dann noch ‘ne Zeitlang eine ‘77- Punkrock-Karaoke-Band ‘draus gemacht, so um ‘98. Heute machen das viele, damals waren wir meines Wissens die ersten, die so was gemacht haben, quasi aus der Not heraus geboren.
Du bist so lange schon in der Szene dabei, kommst du einfach nicht vom Punk los?
Warum sollte ich auch? Punk mit allem, was dazu gehört, ist das Beste, was mir je passieren konnte, hat mein ganzes Leben geprägt und macht mich immer wieder glücklich. Ich habe so viele coole Leute und Orte kennen gelernt. Ohne Punk kann ich mir ein Leben gar nicht vorstellen und das zieht sich durch jeden Bereich meines Lebens und Denkens. Versuchst Du etwa, davon los zu kommen?
Ist es nicht komisch, bei manchen Konzerten der Älteste zu sein? Oder hält das jung?
Teilweise ist das schon seltsam, mit 52 noch in Jugendzentren rumzuhängen, ich fühle mich aber nicht älter als vor 20 Jahren auch, habe halt etwas mehr Erfahrung. Viele meiner Freunde sind deutlich jünger, ich arbeite auch mit Kids.
Viele Alt-Punks reden nur von früher, das machst du nicht, das find ich super, wie bleibst du frisch? Wieder die jungen Leute?
Och, wie du siehst, kann ich auch über früher reden und mache das auch gerne, wenn ich danach gefragt werde. Bei mir passiert halt auch heute noch einiges, da brauch ich nicht nur in Erinnerungen zu schwelgen. Im Gegensatz zu anderen hatte ich nie eine Familienpause oder bin ins Normalo-Leben abgetaucht. Es muss eben immer weiter gehen, sonst wird mir langweilig. Zwei Bands gleichzeitig ist aber jetzt die Obergrenze.
Es gab in Bonn in den 90er eine blühende Fanzine-Szene, das „Suburbia“, das „Out of Step“ und das „Anti-Punk“ um mal einige wenige zu nennen. Keines der Hefte gibt es mehr, warum ist das so?
Keine Ahnung, es gibt doch sowieso nur noch ganz wenige klassische Zines. Teilweise trifft man die Leute noch, mit dem Krüger vom Anti-Punk bzw. Müll-Fanzine spiele ich ja bei 1982, aber es schreibt meines Wissens keiner mehr von denen.
Es gab den tollen Film über die Bonner Punk-Szene, wie findest du die Doku?
Ich finde den Film echt gut, insbesondere die erste Hälfte. Das war eine mega Fleißarbeit für den Moritz, der den Film gemacht hat und der sich ja aufgrund seines Alters die ganze Materie mühevoll erarbeiten und anlesen musste. Ein sehr schönes Zeitdokument, auch wenn der Film ein paar Längen hat. Auf jeden Fall extrem sehenswert, da bis auf die Interviews alles private Aufnahmen der Punx und Bands aus drei Jahrzehnten sind (der Film heißt: „Punk in Bonn“).
Du hast seit 30 Jahren live-Bühnen Erfahrung, was war der geilste oder scheissigste Gig, den du je gespielt hast in all den Jahrzehnten und warum?
Schwer zu sagen, eines der besten Konzerte war auf jeden Fall mit 1982 auf dem Au-Fest in Frankfurt zum 30-jährigen Bestehen des besetzten Hauses dort, wo gefühlt 1000 Leute wie wild pogten und mitsangen. Und das Molotow Soda-Konzert bei der Rheinkultur 2001, das war gigantisch. Das beschissenste Erlebnis war ein „Konzert“, zu dem wir ca. 300 Kilometer hingefahren sind und es dann hieß. „Hä? Hat der Soundso euch etwa nicht abgesagt? Der ist in Urlaub, das Konzert findet nicht statt.“ Und ein paar Erlebnisse in der Zuckerfabrik in Wegeleben, auf die ich hier lieber nicht eingehe.
Am Ende noch einige kurze Fragen. Sex Pistols oder Clash?
Beides, aber Sex Pistols doppelt so viel, mein größter Einfluss neben den Bad Brains.
Rage against the machine oder Public Enemy?
Rage against the machine.
Die Mimmi´s oder Lassie Singers?
Beides Schrott, obwohl ich es eigentlich nicht beurteilen kann, interessiert mich nicht.
Johnny Thunders oder Dead Boys?
Beide natürlich, Dead Boys waren auch ziemlich wichtig für mich.
Stiff little Fingers oder Lurkers?
Auf jeden Fall SLF von der Musik her, habe aber ungute Sachen über ihre menschliche Seite gehört.
Minor Threat oder Fugazi?
Fugazi.
Ich danke dir für das Interview, hast du noch einen Gruß an unsere Leser?
Geht lieber auf Konzerte statt am Rechner zu kleben. Morgen ist es vielleicht schon vorbei.

Interview: Jan Röhlk
Kontakt: http://fucking-angry.blogspot.de, facebook.com/f.cking.angry

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