Mai 4th, 2020

Die Fußballeuropameisterschaft 2004 aus #107, 2004

Posted in artikel by Jan

Die Fußballeuropameisterschaft 2004: Totti spukt, ganz Italien schämt sich, Völler dankt ab, deutsche Fans trauern und Engländer randalieren – das ganz normale nationalistische Spektakel eben…
Wenn Nationalmannschaften Fußball spielen ist das alles andere als ein unschuldiges Sportereignis. Der Sport bezieht dann seinen Maßstab aus dem Bedürfnis des Nationalismus, sich in ihm unwiderstehlich erfolgreich darzustellen. Er ist für alle Beteiligten eine Frage der nationalen Ehre geworden, für die sich nicht nur die Mannschaften ins Zeug legen. Das Interesse am unbedingten Fortkommen „unserer Jungs“ offenbart neben einigen fußballerisch unterhaltsamen Stunden – manch wortgewaltige Stilblüten á la Netzer & Delling noch gar nicht mit eingerechnet – einiges an sachdienlichen Hinweisen über den Geisteszustand der fußballverrückten Massen.

Und der ist alles andere als ‚unschuldig sportbegeistert’, wie die Tagespresse anschaulich tagein, tagaus während der EM dokumentiert: „Eine Mannschaft, ein Land – ein Sieg“; „Kritik an Advocaat wird Proteststurm“; „Festnahmen »eine Schande«“; „Völler packt Spieler bei der Ehre“; „Heinz bewahrt Tschechien vor Blamage“.

a) Nationen, die sich der „schönsten Nebensache der Welt“ annehmen, um auf diesem Feld ihre Konkurrenz auszutragen, machen ihren Untertanen das Angebot, sich ganz frei und privat für ihre Obrigkeit zu begeistern. In der Sphäre des Sports bieten sie ihnen eine Gelegenheit, ihre Staatsangehörigkeit gemeinschaftlich zu betätigen. Wo dieses Angebot angenommen wird ist die Sportbegeisterung damit identifiziert, dass sich die Leute distanzlos dem Erfolgsstandpunkt ihrer Nation verschreiben, ihn gefühlsmäßig leben und mit ihrem Gemeinwesen mitfiebern.

Unbedingt erfolgreich muss die „eigene“ Elf dann sein, denn nicht ihr Einsatz, sondern erst ihr Erfolg stellt die Fangemeinde zufrieden. Schließlich will man keine fruchtlosen Anstrengungen, sondern Konkurrenzerfolge der Nation genießen. Das ist die Geburtsstunde des leicht wahnwitzig anmutenden Standpunktes eines Rechts auf Erfolg. Der Sieg über eine gegnerische Nationalmannschaft gilt dann als Ausweis dafür, dass der eigene Nationalcharakter – Rasse darf man dazu ja heutzutage nicht mehr sagen – das Prädikat „erstklassig“ verdient. „Unsere Jungs“ haben also zu siegen – als ob das in einer sportlichen Konkurrenz nicht auch ein wenig davon abhängt, ob der Gegner das zulässt – und genauso wird dann in diversen Fernseh-Studios mit diversen Experten jedes Spiel akribisch vor- und nachbereitet. Mit lauter kritischen Fragen, z.B. ob der Einsatz der Spieler, die Stimmung im Lager, das Schuhwerk etc. „stimmen“, wird der Anspruch erhoben und artikuliert, dass der Gegner keine Rolle spielen darf. Wo er sich doch einmal spielbestimmend in Szene setzt – das steht für jeden (auch selbsternannten) Fußball-Sachverständigen der Nation fest – müssen „Fehler“ passiert sein oder Ungerechtigkeiten; oder gleich beides.

Beispiel Euro 2004: Nach dem Ausscheiden Italiens durch ein 2:2 zwischen Schweden und Dänemark waren Betrugsvorwürfe, aber auch Selbstbezichtigungen italienischer Spieler, die Folge. Als Höhepunkt beklagt die Gazetto dello Sport gleich den „Bankrott Italiens“.

Umgekehrt umgekehrt: Nach einem Sieg der eigenen Truppe ist „ganz Portugal im Freudentaumel“. „Eine Mannschaft, ein Land – ein Sieg“, titelte prompt die Lissabonner Fachzeitung A Bola und führt aus, wie man diesen Sieg korrekt nationalistisch interpretiert: „Portugal ist ein kleines Land, für das große Siege direkt eine historische Dimension [!?] haben. Portugal ist heute ein Land, das sich mit sich selbst viel besser fühlt.“ (Einige Ausführungen zum Gefühlshaushalt von Fans unter Punkt c).)

Wo Siege der Beweis nationaler Erstklassigkeit sind (Portugal), werden Niederlagen zum Debakel der Nation (Italien). Das erklärt auch die heftigen Stimmungsschwankungen von Fans und Öffentlichkeit nach Niederlagen mit anschließenden Erfolgen. Nicht das die Mannschaft unbedingt besser spielt und somit schönere Spielzüge zu bewundern wären – nein, das nicht unbedingt, aber: „3:0-Sieg [!] gegen Lettland und deutsche Niederlage lassen »Oranje« jubeln“. Schließlich ist „man“ nun doch im Viertelfinale und nicht wie befürchtet, bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Nachdem der Trainer „Schwanz Anwalt“ (BILD-Zeitung) nach mäßigen Spielen seiner Mannschaft aufs heftigste im eigenen Land kritisiert wurde, verwandelten sich die harschen Töne spätestens mit dem Einzug ins Halbfinale in wahrhafte Lobeshymnen. So viel zum nationalen Sportsgeist!

b) Mit der nationalen Erwartungshaltung stehen die Mannschaften und Trainer ungeheuer unter Druck. Und zwar durch ein nationales Rechtsbewusstsein, dass auf allen Sendern und in allen Blättern enorm angestachelt wird. Denn damit die nationalistische Begeisterung die Massen mitreißt und sie zu Anhängern des Fußballsports macht, wird das Wir-Gefühl, das die Fans erfassen soll, ausgiebig gepflegt.

Mit Direktschaltungen in die Kneipen dieser Welt, in denen griechische Fans einen Sieg ihrer Mannschaft noch gar nicht fassen können und besoffen vor Freude „Griechenland, Griechenland“ skandieren, soll man an den Emotionen von Leuten teilnehmen, die ihre nationale Zugehörigkeit unmittelbar, als Gefühl, leben – also in ihrem Nationalismus aufgehen – und es sympathisch finden, wenn sie ihre Gesichter in den bunten Farben ihrer Landesfahne schmücken.

Dass eben diese sympathischen Völkchen gelegentlich zu „Entgleisungen“ neigen, wissen diejenigen, die es zu seinen erwünschten nationalistischen Exzessen aufhetzen, sehr genau. Sie rechnen mit Randale, behandeln das Fanwesen, das sie produzieren, als speziell zu betreuendes Gewaltpotential und halten bei der Durchführung der einschlägigen Veranstaltungen ein Massen-Aufgebot an Ordnungskräften für unbedingt nötig.

Denn wenn „Fußballfans“, die ihren Nationalismus ausleben wollen, die Verpflichtung auf den Anstand, den sie dabei beweisen sollen, enorm ätzend finden und das Recht ihrer Nation sich gegenüber anderen durchzusetzen in die eigenen Hände nehmen und gegen Ausländer zuschlagen, dann ist das für die Sportnation unentschuldbar – aber auch irgendwo wieder verständlich. Unentschuldbar, weil sie den Ruf der Nation schädigen. Die Ehre der Nation, an der sich alles im Sport, also auch das Urteil über das Benehmen der Fans bemisst, ist verletzt – ironischerweise durch überzeugte Nationalisten, die nur eine etwas andere Vorstellung davon haben, wie man dem eigenen Gemeinwesen im Ausland Respekt verschafft.
Verständlich wird Fangewalt immer dann, wenn ihre Erklärung einen Freispruch für das nationale Ansehen bedeutet: wo für die unerwünschten Zöglinge des angestachelten Nationalismus die Menschennatur verantwortlich gemacht werden kann, ist der „gesunde“ Nationalismus eines demokratischen Gemeinwesens nicht betroffen. Psychologisch einzuordnen ist das dann so: der Mensch (ganz allgemein und überhaupt) – nicht der, dem von der Demokratie und ihrer Öffentlichkeit das Recht auf Fanatismus eingeimpft wird – neigt, wie man wissen lässt, gelegentlich zur Aggressivität; zumal dann, wenn er in größeren Gruppen auftritt und möglicherweise obendrein noch Alkohol zu sich genommen hat. Und wenn ihm dann noch der Sieg der eigenen Mannschaft durch einen „verkehrten“ Schiedsspruch vorenthalten wird, braucht sich niemand zu wundern, wenn das Tier im Menschen erwacht. (1)

So erklären sich auch die ständigen moralischen Aufrufe der Veranstalter zur Sportlichkeit und Fairness an ihre aufgehetzten Massen. Und gerade weil es keine Selbstverständlichkeit ist, kann eine sportliche Niederlage in einen – immerhin – moralischen Sieg für die Nation umgewandelt werden, der „uns“ von den Vertretern unterscheidet, also sogleich wieder Bestandteil nationalistischer Propaganda ist. Mit betont gelassenen Kommentaren, dass alles doch bloß Sport ist, kann man aller Welt zeigen, dass man verlieren kann. Eine Nation wie Deutschland tritt dann als eine Nation auf, die sich vor Siegen in der internationalen Konkurrenz kaum retten kann, so dass einem der deswegen bedeutungslose Ausrutscher ganz gelegen kommt, sich einmal vorteilhaft auf einem anderen Feld, dem der Tugend, von der Konkurrenz abzusetzen. Der gratuliert man dann herzlich zu der zweifelhaften Ehre, sich in ihrer neumodischen, von Geldgier besessenen Fußballwelt durchgesetzt zu haben, in der der wahre Sportsgeist nichts mehr zählt. Das aber auch für die deutsche Nation Fußball nicht „bloß Sport“ ist, beweist die anschließend viel diskutierte Krise des deutschen Fußball und die manische Suche nach einem erfolgversprechenden Bundestrainer. (2)

c) Sieg oder Niederlage – das sind die Alternativen, an denen sich das Gefühlsleben echter Fans seine Stimmungen und Verstimmungen abholt. An sich nicht weiter überraschend bei Leuten, die sich entschlossen haben, privat Anhänger einer Nationalmannschaft (oder Bundesligavereins) zu sein. Die Mannschaft wird zu ihrem Verein, sie werden zu seinen Fans. Sie haben sich entschieden, alle Notwendigkeiten, die ihr Leben sonst bestimmen, als sowieso unveränderliche Lebensumstände hinzunehmen und sich wenigsten und um so mehr die Freiheit zu gönnen, alles, was mit ihrer Mannschaft zu tun hat, für viel, viel wichtiger zu nehmen.

Viel Freiwilligkeit bleibt allerdings nicht übrig, wenn einer so richtig Fan geworden ist. Dann erklärt er sich nicht bloß zum Teilhaber, sondern fühlt und benimmt sich glatt als Teil eines großen Ganzen, sei es Werder Bremen oder die deutsche Nationalmannschaft. Ein solcher Fan weiß sich gefragt wie sonst nie, wenn seine Elf gegen den Ball tritt. Auswärts oder daheim – dabei sein will er immer, mit Mützen, Schals Fahnen und Gesängen das Kollektiv repräsentieren, in das er sich ohne Zwang und Not geistig eingemeindet.

Ein kollektiv, das die Schönheit an sich hat, von allen leidigen Beziehungen der materiellen Art zu abstrahieren und durch die frei gewählte Abhängigkeit vom Schlachtenglück der „eigenen“ elf eine Gemeinsamkeit zu fingieren, die sich dementsprechend abstrakt verwirklicht: im tatkräftigen, nämlich vor allem lautstarken Dazu-Halten. Und wenn schon die Befindlichkeit von ziemlich vielen Leuten vom Torverhältnis der Mannschaften abhängt, zu denen sie halten, dann verschaffen große Siege den jeweiligen Anhängern Höhepunkte ihrer entsprechend verfassten guten Laune: Einzug ins Finale der EM 2004 – und schon verfallen ansehnliche Bevölkerungsteile ganzer Nationen für Tage einer besoffenen Euphorie. (3)

Insassen einer Nation (oder Region), die zwar absolut keine Grund haben, mit sich, ihrer Lage und allem, was sie von „ihrer“ Nation (bzw. Region) so haben, zufrieden zu sein, brauchen deswegen aber um so mehr einen Gesichtspunkt, unter dem sie sich als Insassen einer Nation (oder Region) wohlfühlen können. Das Einfühlen in das Kollektiv der Bolzer bietet sich da als Weg an, sich für den Verlust am Sinn des Lebens zu entschädigen und das Leben wieder lebenswert zu finden. Den Fehler, den einer aus Überzeugung macht, sein praktisches Dasein, seine Rolle als abhängig Beschäftigter (möglicherweise ohne Beschäftigung) für unwichtig, dafür aber einen eingebildeten „Lebensinhalt“, den ihm keiner nehmen kann, für ungleich wichtiger zu nehmen, wird nicht nur von Sportmoderatoren wie Kerner und Co. Recht gegeben. Auf höchster politischer Ebene tritt man gegen den Ball und ist sturzzufrieden mit der Funktion, die der Fußball und seine Fankultur verrichten.

Und solange dieses falsche Bewusstsein der fußballbegeisterten Massen als das bewährte „Rezept“ feststeht, das Elendsfiguren frohe Laune verschafft, wird sich daran auch nichts ändern.iv

Text: Michèl

Fussnoten:

1. Mehr zum Thema Fußballgewalt und deren politische Bewältigung in GEGENSTANDPUNKT 3-98, Fußball-Weltmeisterschaft: Unschuldiges Sportereignis durch Gewalttätigkeiten überschattet?, S. 40-45

2. Was die Nation alles in das Amt des Bundestrainer hineinlegt, um ihre Maßstäbe dann als Eigenschaft der ehrbaren oder unzulänglichen Person abzurufen ist ausführlich nachzulesen in GEGENSTANDPUNKT 4-2000, Eine Frage die das Land erschüttert: Kokst Daum? S. 71-75

3. Umgekehrt umgekehrt.

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